Kapitel 175: gautamīmāhātmyayugadharmavarṇanam
Die Größe der Gautamī und die Lehre vom zeitalter-abhängigen Dharma (Gaṇeśas Auftrag, Gautamas Bitte um die Gaṅgā, Śivas Gewährung)
Auf Nāradas Frage nach der 'dreigöttlichen' Gaṅgā hält Brahmā zunächst eine ausführliche philosophische Lehrrede über den zeitalter- und ortsabhängigen Dharma: von Kṛta- bis Kaliyuga schwindet der Dharma um je ein Viertel, wobei der Ort (im Gegensatz zur Zeit) ihn bewahrt - daher tragen Tīrthas, Götterformen und selbst die Anzahl der an einem Tīrtha gegenwärtigen Gottheiten (drei-, zwei- oder eingöttlich) je nach Weltzeitalter unterschiedlichen Charakter. Es folgt die Erzählung, wie Umā (Pārvatī), eifersüchtig auf Gaṅgās neue Nähe zu Śiva seit deren Aufenthalt in seinem Haarschopf, ihren Sohn Gaṇeśa (Gajavaktra) beauftragt, Śiva von der Gaṅgā zurückzuholen; Gaṇeśa erklärt dies für unmöglich, da der hochseelige Ṛṣi Gautama die Gaṅgā bereits durch Askese von Śiva erlangt habe - eingebettet die Erzählung von Gautamas Bußübung, Śivas Erscheinen mit dem Angebot beliebiger Wünsche, und Gautamas zweimaliger, uneigennütziger Bitte einzig um die Gaṅgā selbst zum Wohl aller drei Welten. Gaṇeśa erklärt sich bereit, künftig nur denjenigen Menschen Hindernisse in den Weg zu legen, die aus Trägheit die Gautamī-Wallfahrt meiden, nicht aber denen, die trotz Hindernissen dorthin gehen. Das Kapitel schließt mit einem langen phalaśruti-Lobpreis: die bloße Nennung des Namens 'Gaṅgā', das Hören oder Lesen eines einzigen Verses, ein Bad zur günstigen Jupiter-Konjunktion, sowie das Weitergeben dieses Purāṇa-Abschnitts an würdige Hörer gewähren Sündentilgung, Genuss und Erlösung.
Nārada sprach: 'Von der dreigöttlichen Gaṅgā sprichst du, o Herr der Götter, o Gebieter der Götter - der heiligen, von einem Brahmanen herbeigeführten, welterreinigenden, verheißungsvollen -'
Wort für Wort
tridaivatyāṃ sureśāna gaṅgāṃ brūṣe sureśvara
'von der dreigöttlichen Gaṅgā sprichst du, o Herr der Götter, o Gebieter der Götter'
brāhmaṇenāhṛtāṃ puṇyāṃ
'der heiligen, von einem Brahmanen herbeigeführten'
ādimadhyāvasāne ca ubhayos tīrayor api /
yā vyāptā viṣṇuneśena tvayā ca surasattama /
punaḥ saṃkṣepato brūhi na me tṛptiḥ prajāyate // 175.2 //
'die an Anfang, Mitte und Ende, auch an beiden Ufern, von Viṣṇu, von Īśa (Śiva) und von dir, bester der Götter, durchdrungen ist - sprich mir wiederum, in Kürze, davon; keine Sättigung stellt sich bei mir ein.'
Wort für Wort
ādimadhyāvasāne ca ubhayos tīrayor api
'an Anfang, Mitte und Ende, auch an beiden Ufern'
yā vyāptā viṣṇuneśena tvayā ca surasattama
'die von Viṣṇu, von Īśa und von dir, bester der Götter, durchdrungen ist'
'Durch die Macht von Brahmās Glanz, nachdem sie Śiva eifrig verehrt hatte, gelangte sie darauf zum heiligen Berg, von dort dem östlichen Ozean entgegen.'
'Herangekommen, vereinigt, ist die Göttin die Gesamtheit aller Tīrthas für die Menschen, sowie die Geberin des Erwünschten - ihre Macht ist herausragend.'
'Nachdem sie das Preisen der Vorzüge der Gaṅgā durch meine Worte, gleich Nektar, gehört haben - warum kommt nicht aller Sinn eben dort zur Ruhe? So erscheint es mir, o Weiser, fürwahr seltsam in den drei Welten.'
Wort für Wort
śrutvā madvākyapīyūṣair
'nachdem sie durch meine Worte, gleich Nektar, gehört haben'
gaṅgāyā guṇakīrtanam
'das Preisen der Vorzüge der Gaṅgā'
sarveṣāṃ na matiḥ kasmāt tatraivoparatiṃ gatā
'warum kommt nicht aller Sinn eben dort zur Ruhe'
iti bhāti vicitraṃ me mune khalu jagattraye
'so erscheint es mir, o Weiser, fürwahr seltsam in den drei Welten'
Nārada sprach: 'Von Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa bist du der Kenner und Lehrer, ebenso der Veden mit ihren Geheimnissen, sowie der Purāṇas und Smṛtis.'
Wort für Wort
dharmārthakāmamokṣāṇāṃ tvaṃ vettā copadeśakaḥ
'von Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa bist du der Kenner und Lehrer'
devatāmantrasevānām adhikaṃ kiṃ vada prabho /
yad brūṣe bhagavan bhaktyā tathā bhāvyaṃ na cānyathā // 175.12 //
'von der Verehrung der Gottheiten und Mantras - was ist das Höhere, sag, o Herr? Was du, o Erhabener, mit Hingabe sagst, so soll es sein und nicht anders.'
'Diesen meinen Zweifel, o Brahmane, mögest du mit deinem Wort zerschneiden.' Nachdem er das im Geist gehegte Anliegen vernommen hatte, geriet er darüber in Verwunderung.
Wort für Wort
etaṃ me saṃśayaṃ brahman
'diesen meinen Zweifel, o Brahmane'
vākyāt tvaṃ chettum arhasi
'mögest du mit deinem Wort zerschneiden'
iṣṭaṃ manogataṃ śrutvā
nachdem er das im Geist gehegte Anliegen vernommen hatte
tasmād vismayam āgataḥ
geriet er darüber in Verwunderung
[?: Das Subjekt der Verwunderung im zweiten Halbvers bleibt im Original unklar (Nārada über sein eigenes Anliegen, oder Brahmā über Nāradas Frage).]
puruṣārthāś ca catvāro vāṇī cāpi caturvidhā /
guṇā hy api tu catvāraḥ samatveneti nārada // 175.16 //
'Vier sind auch die Lebensziele (Puruṣārthas), und auch die Rede ist vierfach; auch die Grundgüter sind wahrlich in gleicher Weise vier, o Nārada.'
Wort für Wort
puruṣārthāś ca catvāro
'vier sind auch die Lebensziele'
vāṇī cāpi caturvidhā
'und auch die Rede ist vierfach'
guṇā hy api tu catvāraḥ samatveneti nārada
'auch die Grundgüter sind wahrlich in gleicher Weise vier, o Nārada'
[?: Die hier genannten 'vier Guṇas' scheinen im Widerspruch zu den in V.15 genannten 'drei Guṇas' zu stehen; möglicherweise ist ein anderer Begriff von 'guṇa' gemeint.]
sarvatra dharmaḥ sāmānyo yato dharmaḥ sanātanaḥ /
sādhyasādhanabhāvena sa eva bahudhā mataḥ // 175.17 //
'Überall ist Dharma gleich im Wesen, da Dharma ewig ist; als Erreichbares und Mittel zugleich wird eben dieser Dharma auf vielfältige Weise verstanden.'
Wort für Wort
sarvatra dharmaḥ sāmānyo
'überall ist Dharma gleich im Wesen'
yato dharmaḥ sanātanaḥ
'da Dharma ewig ist'
sādhyasādhanabhāvena
'als Erreichbares und Mittel zugleich'
sa eva bahudhā mataḥ
'wird eben dieser auf vielfältige Weise verstanden'
'Entsprechend den Weltzeitaltern schwindet je ein Viertel von ihm - so nimmt der Dharma ab; und, o Hochweiser, in Bezug auf den Ort gilt ebenso beides.'
Wort für Wort
yugānām anurūpeṇa
'entsprechend den Weltzeitaltern'
pādaḥ pādo 'sya hīyate dharmasyeti mahāprājña
'schwindet je ein Viertel von ihm - so der Dharma, o Hochweiser'
'Wäre er an beidem (Ort und Zeit) vermindert, träte das Nichtvorhandensein des Dharma ein; darum ist der ortsgestützte, vierfüßige Dharma wohlbegründet.'
tretāyāṃ pādahīnena sa tu pādaḥ pradeśataḥ /
dvāpare cārdhataḥ kāle dharmo deśe samāsthitaḥ // 175.23 //
'Im Tretāyuga, um ein Viertel vermindert, besteht jenes fehlende Viertel wenigstens noch örtlich; im Dvāparayuga aber, zur Hälfte vermindert, besteht der Dharma noch am Ort.'
'Durch die Wirkkraft der Weltzeitalter bestehen auch die Unterschiede der Geburten (Stände); aus den Guṇas und den Guṇa-Bewirkern ergibt sich die mannigfaltige Ordnung des Dharma.'
Wort für Wort
yugānām anubhāvena
'durch die Wirkkraft der Weltzeitalter'
jātibhedāś ca saṃsthitāḥ
'bestehen auch die Unterschiede der Geburten'
guṇebhyo guṇakartṛbhyo
'aus den Guṇas und den Guṇa-Bewirkern'
vicitrā dharmasaṃsthitiḥ
'ergibt sich die mannigfaltige Ordnung des Dharma'
tādṛgrūpapravṛttyā tu tad eva ca viśiṣyate /
kālo 'bhivyañjakaḥ prokto deśo 'bhivyaṅgya ucyate // 175.27 //
'Durch das Hervortreten in solcher Gestalt aber wird eben dies je ausgezeichnet; die Zeit wird als das Offenbarende bezeichnet, der Ort als das zu Offenbarende.'
yadā yadā abhivyaktiṃ kālo dhatte tadā tadā /
tad eva vyañjanaṃ brahmaṃs tasmān nāsty atra saṃśayaḥ // 175.28 //
'Wann immer die Zeit Offenbarung annimmt, dann eben erfolgt eben jenes Offenbarwerden, o Kenner des Brahman - daher besteht hierüber kein Zweifel.'
Wort für Wort
yadā yadā abhivyaktiṃ kālo dhatte tadā tadā
'wann immer die Zeit Offenbarung annimmt, dann eben'
tad eva vyañjanaṃ brahmaṃs
'erfolgt eben jenes Offenbarwerden, o Kenner des Brahman'
tasmān nāsty atra saṃśayaḥ
'daher besteht hierüber kein Zweifel'
[?: Die Anrede 'brahman' (statt 'nārada') ist ungewöhnlich, da Brahmā hier zu Nārada spricht; möglicherweise ein Rest einer anderen Rahmenerzählung oder ein Beiname Nāradas.]
yugānurūpā mūrtiḥ syād devānāṃ vaidikī tathā /
karmaṇām api tīrthānāṃ jātīnām āśramasya tu // 175.29 //
'Der jeweiligen Weltzeit entsprechend ist die Erscheinungsform der Götter, ebenso die vedische; ebenso auch der Handlungen, der Tīrthas, der Geburten (Stände) und der Lebensstadien.'
Wort für Wort
yugānurūpā mūrtiḥ syād
'der jeweiligen Weltzeit entsprechend ist die Erscheinungsform'
kalau na kiṃcid vijñeyam athānyad api tac chṛṇu /
daivaṃ kṛtayuge tīrthaṃ tretāyām āsuraṃ viduḥ // 175.31 //
'Im Kaliyuga ist nichts davon mehr zu erkennen. Höre nun auch dies andere: Im Kṛtayuga gilt das Tīrtha als göttlich, im Tretāyuga kennt man es als dämonisch (āsura),'
ārṣaṃ ca dvāpare proktaṃ kalau mānuṣam ucyate /
athānyad api vakṣyāmi śṛṇu nārada kāraṇam // 175.32 //
'im Dvāpara wird es als seherisch (ārṣa) bezeichnet, im Kali heißt es menschlich (mānuṣa). Nun will ich noch einen anderen Grund verkünden - höre, Nārada.'
Wort für Wort
ārṣaṃ ca dvāpare proktaṃ
'im Dvāpara wird es als seherisch bezeichnet'
kalau mānuṣam ucyate
'im Kali heißt es menschlich'
athānyad api vakṣyāmi
'nun will ich noch einen anderen [Grund] verkünden'
Brahmā sprach: Umā sprach zu ihrem Sohn dies: 'Die im Haarschopf des großen Gottes weilende, dem Herrn wahrhaftig liebe Gaṅgā möge von dir herabgeführt werden.'
tasyā nivartite deve gaṅgāyāḥ sarva eva hi /
nivṛttās te bhaviṣyanti śṛṇu cedaṃ vaco mama /
nivartaya tatas tasyāḥ sarvabhāvena śaṃkaram // 175.41 //
'Wenn der Gott von ihr, der Gaṅgā, zurückgebracht ist, werden auch alle jene zurückgekehrt sein. Höre auch dies mein Wort: Bring darum Śaṃkara mit deinem ganzen Wesen von ihr zurück.'
Wort für Wort
tasyā nivartite deve gaṅgāyāḥ
'wenn der Gott von ihr, der Gaṅgā, zurückgebracht ist'
sarva eva hi nivṛttās te bhaviṣyanti
'werden auch alle jene zurückgekehrt sein'
śṛṇu cedaṃ vaco mama
'höre auch dies mein Wort'
nivartaya tatas tasyāḥ sarvabhāvena śaṃkaram
'bring darum Śaṃkara mit deinem ganzen Wesen von ihr zurück'
Gaṇeśvara sprach: 'Der Gott Śiva kann von mir keinesfalls von ihr zurückgebracht werden; solange Śiva nicht von ihr zurückgebracht ist, können auch die Götter nicht zurückgebracht werden,'
Wort für Wort
naiva śakyaḥ śivo devo
'der Gott Śiva kann keinesfalls'
mayā tasyā nivartitum
'von mir von ihr zurückgebracht werden'
anivṛtte śive tasyā
'solange Śiva nicht von ihr zurückgebracht ist'
devā api nivartitum
'können auch die Götter [nicht] zurückgebracht werden'
'sie können nicht, Mutter der Welten. Und es gibt noch einen weiteren Grund: Die Gaṅgā wurde bereits früher von dem hochseeligen Gautama herabgeführt,'
'von dem in der Welt verehrten Ṛṣi, dem Wohltäter der drei Welten, durch das Mittel der Besänftigung, auf dessen Wort hin, dem durch Brahma-Glanz Verehrungswürdigen,'
Wort für Wort
ṛṣiṇā lokapūjyena
'von dem in der Welt verehrten Ṛṣi'
trailokyahitakāriṇā
'dem Wohltäter der drei Welten'
sāmopāyena tadvākyāt
'durch das Mittel der Besänftigung, auf dessen Wort hin'
'nachdem er den Herrn der Götter, Bhava (Śiva), durch Askese und Lobpreisungen verehrt hatte, wurde jener Gautama darauf vom zufriedenen Śaṃkara Folgendes gesagt:'
Wort für Wort
ārādhayitvā deveśaṃ
'nachdem er den Herrn der Götter verehrt hatte'
tapobhiḥ stutibhir bhavam
'durch Askese und Lobpreisungen, Bhava'
tuṣṭena śaṃkareṇedam ukto 'sau gautamas tadā
'wurde jener Gautama darauf vom zufriedenen Śaṃkara Folgendes gesagt'
{śaṃkara uvāca:}
varān varaya puṇyāṃś ca priyāṃś ca manasepsitān /
yad yad icchasi tat sarvaṃ dātā te 'dya mahāmate // 175.47 //
Śaṃkara sprach: 'Erbitte dir heilvolle und liebe, im Geiste gewünschte Gaben; was immer du wünschst, das alles will ich dir heute geben, o Hochgesinnter.'
{brahmovāca:}
evam uktaḥ śivenāsau gautamo mayi śṛṇvati /
idam eva tadovāca sajaṭāṃ dehi śaṃkara /
gaṅgāṃ me yācate puṇyāṃ kim anyena vareṇa me // 175.48 //
Brahmā sprach: So von Śiva angesprochen, sagte jener Gautama, während ich zuhörte, damals eben dies: 'Gib mir, Śaṃkara, sie samt dem Haarschopf; ich bitte dich um die heilige Gaṅgā - was soll mir eine andere Gabe?'
Wort für Wort
evam uktaḥ śivenāsau gautamo mayi śṛṇvati
so von Śiva angesprochen, jener Gautama, während ich zuhörte
idam eva tadovāca
sagte damals eben dies
sajaṭāṃ dehi śaṃkara
'gib mir, Śaṃkara, sie samt dem Haarschopf'
gaṅgāṃ me yācate puṇyāṃ kim anyena vareṇa me
'ich bitte dich um die heilige Gaṅgā - was soll mir eine andere Gabe?'
smaraṇād eva te padbhyāṃ kṛtakṛtyā manīṣiṇaḥ /
bhavanti kiṃ punaḥ sākṣāt tvayi dṛṣṭe maheśvare // 175.53 //
'Schon durch die bloße Erinnerung an deine Füße werden die Weisen zu solchen, deren Ziel erreicht ist - wie viel mehr erst, wenn du, der große Gott, unmittelbar geschaut wirst!'
Wort für Wort
smaraṇād eva te padbhyāṃ
'schon durch die bloße Erinnerung an deine Füße'
kṛtakṛtyā manīṣiṇaḥ bhavanti
'werden die Weisen zu solchen, deren Ziel erreicht ist'
'und nicht für dich selbst, o Hochweiser' - so sprach Śiva zu dem Zweifachgeborenen. So angesprochen, sprach der Brahmane, nachdem er nachgedacht hatte, wiederum ebenso zu Śiva:
Wort für Wort
na cātmano mahābuddhe yācety āha śivo dvijam
'und nicht für dich selbst, o Hochweiser' - so sprach Śiva zu dem Zweifachgeborenen
evaṃ proktaḥ punar vipro
so angesprochen, wiederum der Brahmane
dhyātvā prāha śivaṃ tathā
sprach, nachdem er nachgedacht hatte, ebenso zu Śiva
vinītavad adīnātmā śivabhaktisamanvitaḥ /
sarvalokopakārāya punar yācitavān idam /
śṛṇvatsu lokapāleṣu jagādedaṃ sa gautamaḥ // 175.56 //
demütig, unverzagten Geistes, von Śiva-Hingabe erfüllt, bat er zum Nutzen aller Welten wiederum um dies - während die Weltenhüter zuhörten, sprach jener Gautama dies:
Wort für Wort
vinītavad adīnātmā
demütig, unverzagten Geistes
śivabhaktisamanvitaḥ
von Śiva-Hingabe erfüllt
sarvalokopakārāya punar yācitavān idam
bat er zum Nutzen aller Welten wiederum um dies
śṛṇvatsu lokapāleṣu jagādedaṃ sa gautamaḥ
während die Weltenhüter zuhörten, sprach jener Gautama dies
Gautama sprach: 'Solange die zum Ozean fließende Göttin, entsprungen aus dem Berg Brahmās, fließt, sollst du, Stierbanner-Träger (Śiva), überall und immer in ihr weilen.'
phalepsūnāṃ phalaṃ dātā tvam eva jagataḥ prabho /
tīrthāny anyāni deveśa kvāpi kvāpi śubhāni ca // 175.58 //
'Der Geber der Frucht für die nach Frucht Verlangenden bist du allein, o Herr der Welt; andere Tīrthas, o Herr der Götter, sind nur hier und dort verheißungsvoll,'
Wort für Wort
phalepsūnāṃ phalaṃ dātā
'der Geber der Frucht für die nach Frucht Verlangenden'
yatra te saṃnidhir nityaṃ tad eva śubhadaṃ viduḥ /
yatra gaṅgā tvayā dattā jaṭāmukuṭasaṃsthitā /
sarvatra tava sāṃnidhyāt sarvatīrthāni śaṃkara // 175.59 //
'wo aber deine Gegenwart beständig ist, das allein kennt man als heilbringend. Wo die von dir gegebene Gaṅgā, im Haarschopf-Diadem befindlich, fließt - dort sind, durch deine Gegenwart überall, alle Tīrthas vereint, Śaṃkara.'
Wort für Wort
yatra te saṃnidhir nityaṃ
'wo aber deine Gegenwart beständig ist'
tad eva śubhadaṃ viduḥ
'das allein kennt man als heilbringend'
yatra gaṅgā tvayā dattā jaṭāmukuṭasaṃsthitā
'wo die von dir gegebene Gaṅgā, im Haarschopf-Diadem befindlich, fließt'
sarvatra tava sāṃnidhyāt sarvatīrthāni śaṃkara
'dort sind, durch deine Gegenwart überall, alle Tīrthas vereint, Śaṃkara'
Śiva sprach: 'Wo auch immer und was auch immer, oder wer auch immer aus Hingabe handelt - sei es Pilgerfahrt, Bad, oder Spende, oder auch Ahnen-Wasserspende (Tarpaṇa),'
'die aus sieben Inseln bestehende Erde, mit ihren Bergen, Wäldern und Dickichten, mit ihren Juwelen, Heilkräutern, lieblich, mit ihren Ozeanen, mit Dharma geschmückt -'
dattvā bhavati yo dharmaḥ sa bhaved gautamīsmṛteḥ /
evaṃvidhā ilā vipra godānād yābhidhīyate // 175.64 //
'der Dharma, der durch ihre Verschenkung entsteht - der wird schon durch bloßes Erinnern an die Gautamī erlangt; solcherart ist auch die Frucht, die durch die Schenkung einer Kuh (bzw. der Erde, Ilā) genannt wird, o Brahmane.'
Wort für Wort
dattvā bhavati yo dharmaḥ
'der Dharma, der durch ihre Verschenkung entsteht'
sa bhaved gautamīsmṛteḥ
'der wird schon durch Erinnern an die Gautamī erlangt'
evaṃvidhā ilā vipra
'solcherart ist auch [die Frucht der] Ilā, o Brahmane'
godānād yābhidhīyate
'die durch die Schenkung einer Kuh genannt wird'
[?: Die genaue Beziehung zwischen 'Ilā' (Erde/Kuh) und der Godāna-Gabe bleibt im Original knapp und nicht restlos eindeutig.]
'Zur Zeit einer Mond- oder Sonnenfinsternis, in meiner Gegenwart, seinen Gelübden treu, dem Erdträger Viṣṇu mit Hingabe [dargebracht] - allzeit vom Weisen vollzogen [gilt Gleiches].'
Wort für Wort
candrasūryagrahe kāle
'zur Zeit einer Mond- oder Sonnenfinsternis'
matsāṃnidhye yatavrataḥ
'in meiner Gegenwart, seinen Gelübden treu'
bhūbhṛte viṣṇave bhaktyā
'dem Erdträger Viṣṇu mit Hingabe'
sarvakālaṃ kṛtā sudhīḥ
'allzeit vom Weisen vollzogen'
[?: Verdichteter, elliptischer Vers; die genaue syntaktische Verknüpfung der Satzteile bleibt unsicher.]
gāḥ sundarāḥ savatsāś ca saṃgame lokaviśrute /
yo dadāti dvijaśreṣṭha tatra yat puṇyam āpnuyāt // 175.66 //
'wer schöne Kühe samt ihren Kälbern an dem in der Welt berühmten Zusammenfluss verschenkt, o bester der Zweifachgeborenen - welches Verdienst er dort erlangt,'
tasmād varaṃ puṇyam eti snānadānādinā naraḥ /
gautamyāṃ viśvavandyāyāṃ mahānadyāṃ tu bhaktitaḥ // 175.67 //
'ein größeres Verdienst noch erlangt der Mensch durch Bad, Spende und dergleichen an der von der ganzen Welt verehrten großen Gautamī-Flut, aus Hingabe.'
Wort für Wort
tasmād varaṃ puṇyam eti
'ein größeres Verdienst noch erlangt'
snānadānādinā naraḥ
'der Mensch durch Bad, Spende und dergleichen'
gautamyāṃ viśvavandyāyāṃ mahānadyāṃ tu bhaktitaḥ
'an der von der ganzen Welt verehrten großen Gautamī-Flut, aus Hingabe'
ko nivartayituṃ śaktas tam amba karuṇodadhim /
athāpi mātar etat syān mānuṣā vighnapāśakaiḥ // 175.70 //
'Wer wäre imstande, ihn, den Ozean des Mitleids, zurückzubringen, Mutter? Und dennoch, Mutter, mag es sein, dass Menschen durch Fesseln von Hindernissen'
'So werde ich handeln, Mutter, zu deiner Zufriedenheit: um solche Menschen abzuhalten, sei künftig Mühsal die Folge - verzeih mir dein Wort [dass ich dir zunächst nicht folgen konnte].'
Wort für Wort
tathā mātaḥ kariṣyāmi
'so werde ich handeln, Mutter'
tava saṃtoṣahetave
'zu deiner Zufriedenheit'
saṃniroddhum atho kleśas
'um abzuhalten, sei künftig Mühsal [die Folge]'
tava vākyaṃ kṣamasva me
'verzeih mir dein Wort'
[?: Der zweite Halbvers ist elliptisch; die genaue Bedeutung von 'saṃniroddhum' und der Bezug von 'tava vākyaṃ kṣamasva me' bleiben unsicher.]
{brahmovāca:}
tataḥ prabhṛti vighneśo mānuṣān prati kiṃcana /
vighnam ācarate yas tu tam upāsya pravartate // 175.73 //
Brahmā sprach: Von da an schafft Vighneśa (Gaṇeśa) den Menschen gegenüber ein gewisses Hindernis; wer ihn aber verehrt, dem gelingt es dennoch fortzuschreiten,
Wort für Wort
tataḥ prabhṛti vighneśo
von da an schafft Vighneśa
mānuṣān prati kiṃcana vighnam ācarate
den Menschen gegenüber ein gewisses Hindernis
yas tu tam upāsya pravartate
wer ihn aber verehrt, dem gelingt es fortzuschreiten
atho vighnam anādṛtya gautamīṃ yāti bhaktitaḥ /
sa kṛtārtho bhavel loke na kṛtyam avaśiṣyate // 175.74 //
und wer, das Hindernis missachtend, mit Hingabe zur Gautamī geht, der wird in der Welt zum Ziel gelangt sein - es bleibt für ihn keine weitere Aufgabe übrig.
vighnāny anekāni bhavanti gehān
nirgantukāmasya narādhamasya
nidhāya tanmūrdhni padaṃ prayāti
gaṅgāṃ na kiṃ tena phalaṃ pralabdham // 175.75 //
Viele Hindernisse entstehen dem niedrigsten der Menschen, der aus dem Haus hinausgehen will; doch wer, seinen Fuß auf dessen (des Hindernisses) Haupt setzend, zur Gaṅgā dahingeht - ist nicht durch ihn schon die Frucht erlangt?
Wort für Wort
vighnāny anekāni bhavanti gehān
viele Hindernisse entstehen dem, der aus dem Haus
nirgantukāmasya narādhamasya
hinausgehen will, dem niedrigsten der Menschen
nidhāya tanmūrdhni padaṃ prayāti
doch wer, seinen Fuß auf dessen Haupt setzend, dahingeht
gaṅgāṃ na kiṃ tena phalaṃ pralabdham
zur Gaṅgā - ist nicht durch ihn schon die Frucht erlangt?
asyāḥ prabhāvaṃ ko brūyād api sākṣāt sadāśivaḥ /
saṃkṣepeṇa mayā proktam itihāsapadānugam // 175.76 //
Wer könnte ihre Macht verkünden - selbst der unmittelbar gegenwärtige Sadāśiva könnte es kaum; in Kürze habe ich es, der Überlieferung (Itihāsa) folgend, verkündet.
Wort für Wort
asyāḥ prabhāvaṃ ko brūyād
wer könnte ihre Macht verkünden
api sākṣāt sadāśivaḥ
selbst der unmittelbar gegenwärtige Sadāśiva [könnte es kaum]
Was in der beweglichen und unbeweglichen Schöpfung das Mittel zu Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa ist - all das findet sich hier, in dieser ausführlichen Überlieferung.
Wort für Wort
dharmārthakāmamokṣāṇāṃ sādhanaṃ
das Mittel zu Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa
yac carācare
was in der beweglichen und unbeweglichen Schöpfung [ist]
Das im Veda Verkündete, das gesamte Geheimnis der Śruti ausgesprochen, die wahre Ursache, diese stets gültige Darlegung, und richtig erkannt, zum Wohl der Welten - so wird dieses Purāṇa verkündet, mit vielem Dharma versehen.
Wort für Wort
vedoditaṃ śrutisakalarahasyam uktaṃ
das im Veda Verkündete, das gesamte Geheimnis der Śruti ausgesprochen
satkāraṇaṃ samabhidhānam idaṃ sadaiva
die wahre Ursache, diese stets gültige Darlegung
samyak ca dṛṣṭaṃ jagatāṃ hitāya
und richtig erkannt, zum Wohl der Welten
proktaṃ purāṇaṃ bahudharmayuktam
wird dieses Purāṇa verkündet, mit vielem Dharma versehen
Dies, das fähig ist, den Makel des Kali[yuga] zu vernichten, das allen Erfolg bewirkt, heilbringend, verheißungsvoll, in der Welt verehrungswürdig, die erwünschte Frucht gewährend - so wird dieses Höchste, auf die Gaṅgā Bezügliche, verkündet.
Wort für Wort
kalikalaṅkavināśanadakṣam idaṃ
dies, das fähig ist, den Makel des Kali[yuga] zu vernichten
sakalasiddhikaraṃ śubhadaṃ śivam
das allen Erfolg bewirkt, heilbringend, verheißungsvoll
jagati pūjyam abhīṣṭaphalapradaṃ
in der Welt verehrungswürdig, die erwünschte Frucht gewährend
gāṅgam etad udīritam uttamam
so wird dieses Höchste, auf die Gaṅgā Bezügliche, verkündet
[Anm.: Hymnenmetrum, pādaweise gezählt; letzter Metrum-Vers des Kapitels.]
Dreieinhalb Koṭi Tīrthas gibt es in den drei Welten - sie alle kommen zusammen, um in der Gaṅgā zu baden, wenn Jupiter (Guru) im Löwen-Sternzeichen steht.
Wort für Wort
tisraḥ koṭyo 'rdhakoṭī ca
dreieinhalb Koṭi
tīrthāni bhuvanatraye
Tīrthas gibt es in den drei Welten
tāni snātuṃ samāyānti
sie alle kommen zusammen, um zu baden
gaṅgāyāṃ siṃhage gurau
in der Gaṅgā, wenn Jupiter im Löwen-Sternzeichen steht
Sechzigtausend Jahre lang verdienstvoll ist das Untertauchen in der Bhāgīrathī (Gaṅgā) - ebenso viel gilt ein einziges Bad in der Godāvarī, wenn Bṛhaspati (Jupiter) mit dem Löwen-Sternzeichen verbunden ist.
Wort für Wort
ṣaṣṭir varṣasahasrāṇi
sechzigtausend Jahre lang
bhāgīrathyavagāhanam
verdienstvoll ist das Untertauchen in der Bhāgīrathī
sakṛd godāvarīsnānaṃ
ein einziges Bad in der Godāvarī
siṃhayukte bṛhaspatau
wenn Bṛhaspati mit dem Löwen-Sternzeichen verbunden ist
aśvamedhasahasrāṇi vājapeyaśatāni ca /
kṛtvā yat phalam āpnoti tad asya śravaṇād bhavet // 175.86 //
Die Frucht, die man durch das Vollziehen von tausend Aśvamedha-Opfern und hundert Vājapeya-Opfern erlangt, die entsteht schon durch das Hören dieses Purāṇa-Abschnitts.
Wort für Wort
aśvamedhasahasrāṇi vājapeyaśatāni ca
tausend Aśvamedha-Opfer und hundert Vājapeya-Opfer
kṛtvā yat phalam āpnoti
die Frucht, die man durch deren Vollziehen erlangt
dem soll dies verkündet werden, das Genuss und Erlösung Gewährende, das Sünden-Vernichtende; allein durch das Hören davon wird der Mensch zu einem, dessen Ziel erreicht ist.
Wort für Wort
idaṃ kīrtyaṃ
dem soll dies verkündet werden
bhuktimuktidāyakaṃ pāpanāśakam
das Genuss und Erlösung Gewährende, das Sünden-Vernichtende
etacchravaṇamātreṇa
allein durch das Hören davon
kṛtakṛtyo bhaven naraḥ
wird der Mensch zu einem, dessen Ziel erreicht ist