Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 175: gautamīmāhātmyayugadharmavarṇanam Die Größe der Gautamī und die Lehre vom zeitalter-abhängigen Dharma (Gaṇeśas Auftrag, Gautamas Bitte um die Gaṅgā, Śivas Gewährung)

Auf Nāradas Frage nach der 'dreigöttlichen' Gaṅgā hält Brahmā zunächst eine ausführliche philosophische Lehrrede über den zeitalter- und ortsabhängigen Dharma: von Kṛta- bis Kaliyuga schwindet der Dharma um je ein Viertel, wobei der Ort (im Gegensatz zur Zeit) ihn bewahrt - daher tragen Tīrthas, Götterformen und selbst die Anzahl der an einem Tīrtha gegenwärtigen Gottheiten (drei-, zwei- oder eingöttlich) je nach Weltzeitalter unterschiedlichen Charakter. Es folgt die Erzählung, wie Umā (Pārvatī), eifersüchtig auf Gaṅgās neue Nähe zu Śiva seit deren Aufenthalt in seinem Haarschopf, ihren Sohn Gaṇeśa (Gajavaktra) beauftragt, Śiva von der Gaṅgā zurückzuholen; Gaṇeśa erklärt dies für unmöglich, da der hochseelige Ṛṣi Gautama die Gaṅgā bereits durch Askese von Śiva erlangt habe - eingebettet die Erzählung von Gautamas Bußübung, Śivas Erscheinen mit dem Angebot beliebiger Wünsche, und Gautamas zweimaliger, uneigennütziger Bitte einzig um die Gaṅgā selbst zum Wohl aller drei Welten. Gaṇeśa erklärt sich bereit, künftig nur denjenigen Menschen Hindernisse in den Weg zu legen, die aus Trägheit die Gautamī-Wallfahrt meiden, nicht aber denen, die trotz Hindernissen dorthin gehen. Das Kapitel schließt mit einem langen phalaśruti-Lobpreis: die bloße Nennung des Namens 'Gaṅgā', das Hören oder Lesen eines einzigen Verses, ein Bad zur günstigen Jupiter-Konjunktion, sowie das Weitergeben dieses Purāṇa-Abschnitts an würdige Hörer gewähren Sündentilgung, Genuss und Erlösung.

{nārada uvāca:} tridaivatyāṃ sureśāna gaṅgāṃ brūṣe sureśvara / brāhmaṇenāhṛtāṃ puṇyāṃ jagataḥ pāvanīṃ śubhām // 175.1 //

Nārada sprach: 'Von der dreigöttlichen Gaṅgā sprichst du, o Herr der Götter, o Gebieter der Götter - der heiligen, von einem Brahmanen herbeigeführten, welterreinigenden, verheißungsvollen -'

Wort für Wort
tridaivatyāṃ sureśāna gaṅgāṃ brūṣe sureśvara
'von der dreigöttlichen Gaṅgā sprichst du, o Herr der Götter, o Gebieter der Götter'
brāhmaṇenāhṛtāṃ puṇyāṃ
'der heiligen, von einem Brahmanen herbeigeführten'
jagataḥ pāvanīṃ śubhām
'welterreinigenden, verheißungsvollen'

ādimadhyāvasāne ca ubhayos tīrayor api / yā vyāptā viṣṇuneśena tvayā ca surasattama / punaḥ saṃkṣepato brūhi na me tṛptiḥ prajāyate // 175.2 //

'die an Anfang, Mitte und Ende, auch an beiden Ufern, von Viṣṇu, von Īśa (Śiva) und von dir, bester der Götter, durchdrungen ist - sprich mir wiederum, in Kürze, davon; keine Sättigung stellt sich bei mir ein.'

Wort für Wort
ādimadhyāvasāne ca ubhayos tīrayor api
'an Anfang, Mitte und Ende, auch an beiden Ufern'
yā vyāptā viṣṇuneśena tvayā ca surasattama
'die von Viṣṇu, von Īśa und von dir, bester der Götter, durchdrungen ist'
punaḥ saṃkṣepato brūhi
'sprich mir wiederum, in Kürze, davon'
na me tṛptiḥ prajāyate
'keine Sättigung stellt sich bei mir ein'

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{brahmovāca:} kamaṇḍalusthitā pūrvaṃ tato viṣṇupadānugā / maheśvarajaṭājūṭe sthitā saiva namaskṛtā // 175.3 //

Brahmā sprach: 'Zuerst im Wasserkrug befindlich, dann Viṣṇus Fuß folgend, dann im Haarschopf des großen Gottes weilend - ebendiese wird verehrt.'

Wort für Wort
kamaṇḍalusthitā pūrvaṃ
'zuerst im Wasserkrug befindlich'
tato viṣṇupadānugā
'dann Viṣṇus Fuß folgend'
maheśvarajaṭājūṭe sthitā
'dann im Haarschopf des großen Gottes weilend'
saiva namaskṛtā
'ebendiese wird verehrt'

brahmatejaḥprabhāveṇa śivam ārādhya yatnataḥ / tataḥ prāptā giriṃ puṇyaṃ tataḥ pūrvārṇavaṃ prati // 175.4 //

'Durch die Macht von Brahmās Glanz, nachdem sie Śiva eifrig verehrt hatte, gelangte sie darauf zum heiligen Berg, von dort dem östlichen Ozean entgegen.'

Wort für Wort
brahmatejaḥprabhāveṇa
'durch die Macht von Brahmās Glanz'
śivam ārādhya yatnataḥ
'nachdem sie Śiva eifrig verehrt hatte'
tataḥ prāptā giriṃ puṇyaṃ
'gelangte sie darauf zum heiligen Berg'
tataḥ pūrvārṇavaṃ prati
'von dort dem östlichen Ozean entgegen'

āgatya saṃgatā devī sarvatīrthamayī nṛṇām / īpsitānāṃ tathā dātrī prabhāvo 'syā viśiṣyate // 175.5 //

'Herangekommen, vereinigt, ist die Göttin die Gesamtheit aller Tīrthas für die Menschen, sowie die Geberin des Erwünschten - ihre Macht ist herausragend.'

Wort für Wort
āgatya saṃgatā devī
'herangekommen, vereinigt, ist die Göttin'
sarvatīrthamayī nṛṇām
'die Gesamtheit aller Tīrthas für die Menschen'
īpsitānāṃ tathā dātrī
'sowie die Geberin des Erwünschten'
prabhāvo 'syā viśiṣyate
'ihre Macht ist herausragend'

etasyā nādhikaṃ manye kiṃcit tīrthaṃ jagattraye / asyāś caiva prabhāveṇa bhāvyaṃ yac ca manaḥsthitam // 175.6 //

'Über sie hinaus, meine ich, gibt es kein höheres Tīrtha in den drei Welten; durch ihre Macht wird auch, was im Geist verweilt, zur Wirklichkeit.'

Wort für Wort
etasyā nādhikaṃ manye
'über sie hinaus, meine ich, gibt es kein höheres'
kiṃcit tīrthaṃ jagattraye
'Tīrtha in den drei Welten'
asyāś caiva prabhāveṇa
'durch ihre Macht'
bhāvyaṃ yac ca manaḥsthitam
'wird auch, was im Geist verweilt, zur Wirklichkeit'

adyāpy asyā hi māhātmyaṃ vaktuṃ kaiścin na śakyate / bhaktito vakṣyate nityaṃ yā brahma paramārthataḥ // 175.7 //

'Selbst heute noch vermag niemand ihre Größe zu verkünden; aus Hingabe wird sie stets verkündet - sie, die im höchsten Sinne Brahman selbst ist.'

Wort für Wort
adyāpy asyā hi māhātmyaṃ
'selbst heute noch ihre Größe'
vaktuṃ kaiścin na śakyate
'vermag niemand zu verkünden'
bhaktito vakṣyate nityaṃ
'aus Hingabe wird sie stets verkündet'
yā brahma paramārthataḥ
'sie, die im höchsten Sinne Brahman selbst ist'

tasyāḥ parataraṃ tīrthaṃ na syād iti matir mama / anyatīrthena sādharmyaṃ na yujyeta kathaṃcana // 175.8 //

'Es gebe kein höheres Tīrtha als sie - das ist meine Ansicht; mit keinem anderen Tīrtha könnte sie irgendwie auf gleicher Stufe stehen.'

Wort für Wort
tasyāḥ parataraṃ tīrthaṃ na syād iti matir mama
'es gebe kein höheres Tīrtha als sie - das ist meine Ansicht'
anyatīrthena sādharmyaṃ
'mit einem anderen Tīrtha auf gleicher Stufe'
na yujyeta kathaṃcana
'könnte sie irgendwie nicht stehen'

śrutvā madvākyapīyūṣair gaṅgāyā guṇakīrtanam / sarveṣāṃ na matiḥ kasmāt tatraivoparatiṃ gatā / iti bhāti vicitraṃ me mune khalu jagattraye // 175.9 //

'Nachdem sie das Preisen der Vorzüge der Gaṅgā durch meine Worte, gleich Nektar, gehört haben - warum kommt nicht aller Sinn eben dort zur Ruhe? So erscheint es mir, o Weiser, fürwahr seltsam in den drei Welten.'

Wort für Wort
śrutvā madvākyapīyūṣair
'nachdem sie durch meine Worte, gleich Nektar, gehört haben'
gaṅgāyā guṇakīrtanam
'das Preisen der Vorzüge der Gaṅgā'
sarveṣāṃ na matiḥ kasmāt tatraivoparatiṃ gatā
'warum kommt nicht aller Sinn eben dort zur Ruhe'
iti bhāti vicitraṃ me mune khalu jagattraye
'so erscheint es mir, o Weiser, fürwahr seltsam in den drei Welten'

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{nārada uvāca:} dharmārthakāmamokṣāṇāṃ tvaṃ vettā copadeśakaḥ / chandāṃsi sarahasyāni purāṇasmṛtayo 'pi ca // 175.10 //

Nārada sprach: 'Von Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa bist du der Kenner und Lehrer, ebenso der Veden mit ihren Geheimnissen, sowie der Purāṇas und Smṛtis.'

Wort für Wort
dharmārthakāmamokṣāṇāṃ tvaṃ vettā copadeśakaḥ
'von Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa bist du der Kenner und Lehrer'
chandāṃsi sarahasyāni
'ebenso der Veden mit ihren Geheimnissen'
purāṇasmṛtayo 'pi ca
'sowie der Purāṇas und Smṛtis'

dharmaśāstrāṇi yac cānyat tava vākye pratiṣṭhitam / tīrthānām atha dānānāṃ yajñānāṃ tapasāṃ tathā // 175.11 //

'Die Dharmaśāstras und was sonst an Wissen in deinem Wort gegründet ist - dazu von Tīrthas, Spenden, Opfern und ebenso Askese,'

Wort für Wort
dharmaśāstrāṇi yac cānyat
'die Dharmaśāstras und was sonst'
tava vākye pratiṣṭhitam
'in deinem Wort gegründet ist'
tīrthānām atha dānānāṃ
'von Tīrthas, Spenden'
yajñānāṃ tapasāṃ tathā
'Opfern und ebenso Askese'

devatāmantrasevānām adhikaṃ kiṃ vada prabho / yad brūṣe bhagavan bhaktyā tathā bhāvyaṃ na cānyathā // 175.12 //

'von der Verehrung der Gottheiten und Mantras - was ist das Höhere, sag, o Herr? Was du, o Erhabener, mit Hingabe sagst, so soll es sein und nicht anders.'

Wort für Wort
devatāmantrasevānām
'von der Verehrung der Gottheiten und Mantras'
adhikaṃ kiṃ vada prabho
'was ist das Höhere, sag, o Herr'
yad brūṣe bhagavan bhaktyā
'was du, o Erhabener, mit Hingabe sagst'
tathā bhāvyaṃ na cānyathā
'so soll es sein und nicht anders'

etaṃ me saṃśayaṃ brahman vākyāt tvaṃ chettum arhasi / iṣṭaṃ manogataṃ śrutvā tasmād vismayam āgataḥ // 175.13 //

'Diesen meinen Zweifel, o Brahmane, mögest du mit deinem Wort zerschneiden.' Nachdem er das im Geist gehegte Anliegen vernommen hatte, geriet er darüber in Verwunderung.

Wort für Wort
etaṃ me saṃśayaṃ brahman
'diesen meinen Zweifel, o Brahmane'
vākyāt tvaṃ chettum arhasi
'mögest du mit deinem Wort zerschneiden'
iṣṭaṃ manogataṃ śrutvā
nachdem er das im Geist gehegte Anliegen vernommen hatte
tasmād vismayam āgataḥ
geriet er darüber in Verwunderung

[?: Das Subjekt der Verwunderung im zweiten Halbvers bleibt im Original unklar (Nārada über sein eigenes Anliegen, oder Brahmā über Nāradas Frage).]

{brahmovāca:} śṛṇu nārada vakṣyāmi rahasyaṃ dharmam uttamam / caturvidhāni tīrthāni tāvanty eva yugāni ca // 175.14 //

Brahmā sprach: 'Höre, Nārada, ich will das geheime, höchste Dharma verkünden: Vierfach sind die Tīrthas, ebenso zahlreich die Weltzeitalter.'

Wort für Wort
śṛṇu nārada vakṣyāmi rahasyaṃ dharmam uttamam
'höre, Nārada, ich will das geheime, höchste Dharma verkünden'
caturvidhāni tīrthāni
'vierfach sind die Tīrthas'
tāvanty eva yugāni ca
'ebenso zahlreich die Weltzeitalter'

guṇās trayaś ca puruṣās trayo devāḥ sanātanāḥ / vedāś ca smṛtibhir yuktāś catvāras te prakīrtitāḥ // 175.15 //

'Drei sind die Guṇas, drei die höchsten Puruṣas, die ewigen Götter; die mit den Smṛtis verbundenen Veden werden als vier verkündet.'

Wort für Wort
guṇās trayaś ca puruṣās trayo devāḥ sanātanāḥ
'drei sind die Guṇas, drei die höchsten Puruṣas, die ewigen Götter'
vedāś ca smṛtibhir yuktāś
'die mit den Smṛtis verbundenen Veden'
catvāras te prakīrtitāḥ
'werden als vier verkündet'

puruṣārthāś ca catvāro vāṇī cāpi caturvidhā / guṇā hy api tu catvāraḥ samatveneti nārada // 175.16 //

'Vier sind auch die Lebensziele (Puruṣārthas), und auch die Rede ist vierfach; auch die Grundgüter sind wahrlich in gleicher Weise vier, o Nārada.'

Wort für Wort
puruṣārthāś ca catvāro
'vier sind auch die Lebensziele'
vāṇī cāpi caturvidhā
'und auch die Rede ist vierfach'
guṇā hy api tu catvāraḥ samatveneti nārada
'auch die Grundgüter sind wahrlich in gleicher Weise vier, o Nārada'

[?: Die hier genannten 'vier Guṇas' scheinen im Widerspruch zu den in V.15 genannten 'drei Guṇas' zu stehen; möglicherweise ist ein anderer Begriff von 'guṇa' gemeint.]

sarvatra dharmaḥ sāmānyo yato dharmaḥ sanātanaḥ / sādhyasādhanabhāvena sa eva bahudhā mataḥ // 175.17 //

'Überall ist Dharma gleich im Wesen, da Dharma ewig ist; als Erreichbares und Mittel zugleich wird eben dieser Dharma auf vielfältige Weise verstanden.'

Wort für Wort
sarvatra dharmaḥ sāmānyo
'überall ist Dharma gleich im Wesen'
yato dharmaḥ sanātanaḥ
'da Dharma ewig ist'
sādhyasādhanabhāvena
'als Erreichbares und Mittel zugleich'
sa eva bahudhā mataḥ
'wird eben dieser auf vielfältige Weise verstanden'

tasyāśrayaś ca dvividho deśaḥ kālaś ca sarvadā / kālāśrayaś ca yo dharmo hīyate vardhate sadā // 175.18 //

'Seine Grundlage ist stets zweifach: Ort und Zeit. Der Dharma, der auf der Zeit beruht, nimmt beständig ab und zu.'

Wort für Wort
tasyāśrayaś ca dvividho
'seine Grundlage ist zweifach'
deśaḥ kālaś ca sarvadā
'Ort und Zeit, stets'
kālāśrayaś ca yo dharmo
'der Dharma, der auf der Zeit beruht'
hīyate vardhate sadā
'nimmt beständig ab und zu'

yugānām anurūpeṇa pādaḥ pādo 'sya hīyate / dharmasyeti mahāprājña deśāpekṣā tathobhayam // 175.19 //

'Entsprechend den Weltzeitaltern schwindet je ein Viertel von ihm - so nimmt der Dharma ab; und, o Hochweiser, in Bezug auf den Ort gilt ebenso beides.'

Wort für Wort
yugānām anurūpeṇa
'entsprechend den Weltzeitaltern'
pādaḥ pādo 'sya hīyate dharmasyeti mahāprājña
'schwindet je ein Viertel von ihm - so der Dharma, o Hochweiser'
deśāpekṣā tathobhayam
'in Bezug auf den Ort gilt ebenso beides'

kālena cāśrito dharmo deśe nityaṃ pratiṣṭhitaḥ / yugeṣu kṣīyamāṇeṣu na deśeṣu sa hīyate // 175.20 //

'Der von der Zeit getragene Dharma, an einem Ort beständig verankert, schwindet nicht in den Orten, wenn er in den Weltzeitaltern schwindet.'

Wort für Wort
kālena cāśrito dharmo
'der von der Zeit getragene Dharma'
deśe nityaṃ pratiṣṭhitaḥ
'an einem Ort beständig verankert'
yugeṣu kṣīyamāṇeṣu
'wenn er in den Weltzeitaltern schwindet'
na deśeṣu sa hīyate
'schwindet er nicht in den Orten'

ubhayatra vihīne ca dharmasya syād abhāvatā / tasmād deśāśrito dharmaś catuṣpāt supratiṣṭhitaḥ // 175.21 //

'Wäre er an beidem (Ort und Zeit) vermindert, träte das Nichtvorhandensein des Dharma ein; darum ist der ortsgestützte, vierfüßige Dharma wohlbegründet.'

Wort für Wort
ubhayatra vihīne ca
'wäre er an beidem vermindert'
dharmasya syād abhāvatā
'träte das Nichtvorhandensein des Dharma ein'
tasmād deśāśrito dharmaś
'darum der ortsgestützte Dharma'
catuṣpāt supratiṣṭhitaḥ
'vierfüßig, wohlbegründet'

sa cāpi dharmo deśeṣu tīrtharūpeṇa tiṣṭhati / kṛte deśaṃ ca kālaṃ ca dharmo 'vaṣṭabhya tiṣṭhati // 175.22 //

'Und eben dieser Dharma besteht an den Orten in Gestalt der Tīrthas; im Kṛtayuga besteht der Dharma, sich auf Ort und Zeit zugleich stützend.'

Wort für Wort
sa cāpi dharmo deśeṣu
'und eben dieser Dharma an den Orten'
tīrtharūpeṇa tiṣṭhati
'besteht in Gestalt der Tīrthas'
kṛte deśaṃ ca kālaṃ ca
'im Kṛtayuga, auf Ort und Zeit'
dharmo 'vaṣṭabhya tiṣṭhati
'besteht der Dharma, sich zugleich stützend'

tretāyāṃ pādahīnena sa tu pādaḥ pradeśataḥ / dvāpare cārdhataḥ kāle dharmo deśe samāsthitaḥ // 175.23 //

'Im Tretāyuga, um ein Viertel vermindert, besteht jenes fehlende Viertel wenigstens noch örtlich; im Dvāparayuga aber, zur Hälfte vermindert, besteht der Dharma noch am Ort.'

Wort für Wort
tretāyāṃ pādahīnena
'im Tretāyuga, um ein Viertel vermindert'
sa tu pādaḥ pradeśataḥ
'besteht jenes Viertel wenigstens noch örtlich'
dvāpare cārdhataḥ kāle
'im Dvāparayuga, zur Hälfte vermindert'
dharmo deśe samāsthitaḥ
'besteht der Dharma noch am Ort'

kalau pādena caikena dharmaś calati saṃkaṭam / evaṃvidhaṃ tu yo dharmaṃ vetti tasya na hīyate // 175.24 //

'Im Kaliyuga wankt der Dharma, nur noch auf einem einzigen Viertel, bedrängt; wer aber den Dharma solcherart kennt, dessen Dharma schwindet nicht.'

Wort für Wort
kalau pādena caikena
'im Kaliyuga, nur auf einem einzigen Viertel'
dharmaś calati saṃkaṭam
'wankt der Dharma, bedrängt'
evaṃvidhaṃ tu yo dharmaṃ vetti
'wer aber den Dharma solcherart kennt'
tasya na hīyate
'dessen Dharma schwindet nicht'

yugānām anubhāvena jātibhedāś ca saṃsthitāḥ / guṇebhyo guṇakartṛbhyo vicitrā dharmasaṃsthitiḥ // 175.25 //

'Durch die Wirkkraft der Weltzeitalter bestehen auch die Unterschiede der Geburten (Stände); aus den Guṇas und den Guṇa-Bewirkern ergibt sich die mannigfaltige Ordnung des Dharma.'

Wort für Wort
yugānām anubhāvena
'durch die Wirkkraft der Weltzeitalter'
jātibhedāś ca saṃsthitāḥ
'bestehen auch die Unterschiede der Geburten'
guṇebhyo guṇakartṛbhyo
'aus den Guṇas und den Guṇa-Bewirkern'
vicitrā dharmasaṃsthitiḥ
'ergibt sich die mannigfaltige Ordnung des Dharma'

guṇānām anubhāvena udbhavābhibhavau tathā / tīrthānām api varṇānāṃ vedānāṃ svargamokṣayoḥ // 175.26 //

'Durch die Wirkkraft der Guṇas entstehen ebenso Aufstieg und Untergang - der Tīrthas, der Stände, der Veden, sowie von Himmel und Erlösung.'

Wort für Wort
guṇānām anubhāvena
'durch die Wirkkraft der Guṇas'
udbhavābhibhavau tathā
'entstehen ebenso Aufstieg und Untergang'
tīrthānām api varṇānāṃ
'der Tīrthas, der Stände'
vedānāṃ svargamokṣayoḥ
'der Veden, sowie von Himmel und Erlösung'

tādṛgrūpapravṛttyā tu tad eva ca viśiṣyate / kālo 'bhivyañjakaḥ prokto deśo 'bhivyaṅgya ucyate // 175.27 //

'Durch das Hervortreten in solcher Gestalt aber wird eben dies je ausgezeichnet; die Zeit wird als das Offenbarende bezeichnet, der Ort als das zu Offenbarende.'

Wort für Wort
tādṛgrūpapravṛttyā tu
'durch das Hervortreten in solcher Gestalt'
tad eva ca viśiṣyate
'wird eben dies ausgezeichnet'
kālo 'bhivyañjakaḥ prokto
'die Zeit wird als das Offenbarende bezeichnet'
deśo 'bhivyaṅgya ucyate
'der Ort als das zu Offenbarende'

yadā yadā abhivyaktiṃ kālo dhatte tadā tadā / tad eva vyañjanaṃ brahmaṃs tasmān nāsty atra saṃśayaḥ // 175.28 //

'Wann immer die Zeit Offenbarung annimmt, dann eben erfolgt eben jenes Offenbarwerden, o Kenner des Brahman - daher besteht hierüber kein Zweifel.'

Wort für Wort
yadā yadā abhivyaktiṃ kālo dhatte tadā tadā
'wann immer die Zeit Offenbarung annimmt, dann eben'
tad eva vyañjanaṃ brahmaṃs
'erfolgt eben jenes Offenbarwerden, o Kenner des Brahman'
tasmān nāsty atra saṃśayaḥ
'daher besteht hierüber kein Zweifel'

[?: Die Anrede 'brahman' (statt 'nārada') ist ungewöhnlich, da Brahmā hier zu Nārada spricht; möglicherweise ein Rest einer anderen Rahmenerzählung oder ein Beiname Nāradas.]

yugānurūpā mūrtiḥ syād devānāṃ vaidikī tathā / karmaṇām api tīrthānāṃ jātīnām āśramasya tu // 175.29 //

'Der jeweiligen Weltzeit entsprechend ist die Erscheinungsform der Götter, ebenso die vedische; ebenso auch der Handlungen, der Tīrthas, der Geburten (Stände) und der Lebensstadien.'

Wort für Wort
yugānurūpā mūrtiḥ syād
'der jeweiligen Weltzeit entsprechend ist die Erscheinungsform'
devānāṃ vaidikī tathā
'der Götter, ebenso die vedische'
karmaṇām api tīrthānāṃ
'ebenso der Handlungen, der Tīrthas'
jātīnām āśramasya tu
'der Geburten und der Lebensstadien'

tridaivatyaṃ satyayuge tīrthaṃ lokeṣu pūjyate / dvidaivatyaṃ yuge 'nyasmin dvāpare caikadaivikam // 175.30 //

'Im Satyayuga wird das dreigöttliche Tīrtha in den Welten verehrt, im anderen Zeitalter (Tretā) das zweigöttliche, im Dvāpara das eingöttliche.'

Wort für Wort
tridaivatyaṃ satyayuge
'im Satyayuga das dreigöttliche'
tīrthaṃ lokeṣu pūjyate
'Tīrtha wird in den Welten verehrt'
dvidaivatyaṃ yuge 'nyasmin
'im anderen Zeitalter das zweigöttliche'
dvāpare caikadaivikam
'im Dvāpara das eingöttliche'

kalau na kiṃcid vijñeyam athānyad api tac chṛṇu / daivaṃ kṛtayuge tīrthaṃ tretāyām āsuraṃ viduḥ // 175.31 //

'Im Kaliyuga ist nichts davon mehr zu erkennen. Höre nun auch dies andere: Im Kṛtayuga gilt das Tīrtha als göttlich, im Tretāyuga kennt man es als dämonisch (āsura),'

Wort für Wort
kalau na kiṃcid vijñeyam
'im Kaliyuga ist nichts davon zu erkennen'
athānyad api tac chṛṇu
'höre nun auch dies andere'
daivaṃ kṛtayuge tīrthaṃ
'im Kṛtayuga gilt das Tīrtha als göttlich'
tretāyām āsuraṃ viduḥ
'im Tretāyuga kennt man es als dämonisch'

ārṣaṃ ca dvāpare proktaṃ kalau mānuṣam ucyate / athānyad api vakṣyāmi śṛṇu nārada kāraṇam // 175.32 //

'im Dvāpara wird es als seherisch (ārṣa) bezeichnet, im Kali heißt es menschlich (mānuṣa). Nun will ich noch einen anderen Grund verkünden - höre, Nārada.'

Wort für Wort
ārṣaṃ ca dvāpare proktaṃ
'im Dvāpara wird es als seherisch bezeichnet'
kalau mānuṣam ucyate
'im Kali heißt es menschlich'
athānyad api vakṣyāmi
'nun will ich noch einen anderen [Grund] verkünden'
śṛṇu nārada kāraṇam
'höre, Nārada, den Grund'

gautamyāṃ yat tvayā pṛṣṭaṃ tat te vakṣyāmi vistarāt / yadā ceyaṃ haraśiraḥ prāptā gaṅgā mahāmune // 175.33 //

'Was du über die Gautamī gefragt hast, das will ich dir ausführlich verkünden. Als diese Gaṅgā zum Haupt Haras (Śiva) gelangt war, o großer Weiser,'

Wort für Wort
gautamyāṃ yat tvayā pṛṣṭaṃ
'was du über die Gautamī gefragt hast'
tat te vakṣyāmi vistarāt
'das will ich dir ausführlich verkünden'
yadā ceyaṃ haraśiraḥ prāptā gaṅgā mahāmune
'als diese Gaṅgā zum Haupt Haras gelangt war, o großer Weiser'

tadā prabhṛti sā gaṅgā śaṃbhoḥ priyatarābhavat / tad devasya mataṃ jñātvā gajavaktram uvāca sā // 175.34 //

'von da an wurde diese Gaṅgā Śaṃbhu (Śiva) noch lieber. Als sie die Gesinnung des Gottes erkannte, sprach sie (Umā) zu Gajavaktra (Gaṇeśa):'

Wort für Wort
tadā prabhṛti sā gaṅgā
'von da an wurde diese Gaṅgā'
śaṃbhoḥ priyatarābhavat
'Śaṃbhu noch lieber'
tad devasya mataṃ jñātvā
'als sie die Gesinnung des Gottes erkannte'
gajavaktram uvāca sā
'sprach sie zu Gajavaktra'

umā lokatrayeśānā mātā ca jagato hitā / śāntā śrutir iti khyātā bhuktimuktipradāyinī // 175.35 //

Umā, die Herrin der drei Welten, die Mutter, die Wohltäterin der Welt, die Friedvolle, als Śruti bekannt, die Genuss und Erlösung Gewährende -

Wort für Wort
umā lokatrayeśānā
Umā, die Herrin der drei Welten
mātā ca jagato hitā
die Mutter, die Wohltäterin der Welt
śāntā śrutir iti khyātā
die Friedvolle, als Śruti bekannt
bhuktimuktipradāyinī
die Genuss und Erlösung Gewährende

[Anm.: Vers in der dritten Person über Umā selbst, bevor ihre wörtliche Rede an Gaṇeśa im folgenden Vers berichtet wird.]

{brahmovāca:} tan mātur vacanaṃ śrutvā gajavaktro 'bhyabhāṣata // 175.36 //

Brahmā sprach: Nachdem er das Wort der Mutter gehört hatte, erwiderte Gajavaktra (Gaṇeśa).

Wort für Wort
tan mātur vacanaṃ śrutvā
nachdem er das Wort der Mutter gehört hatte
gajavaktro 'bhyabhāṣata
erwiderte Gajavaktra

[Anm.: Unvollständiger Halbvers (nur eine Zeile) im Original.]

{gajavaktra uvāca:} kiṃ kṛtyaṃ śādhi māṃ mātas tatkartāham asaṃśayam // 175.37 //

Gajavaktra sprach: 'Was ist zu tun? Weise mich an, Mutter - ich werde es zweifellos tun.'

Wort für Wort
kiṃ kṛtyaṃ śādhi māṃ mātas
'was ist zu tun? Weise mich an, Mutter'
tatkartāham asaṃśayam
'ich werde es zweifellos tun'

[Anm.: Unvollständiger Halbvers (nur eine Zeile) im Original.]

{brahmovāca:} umā sutam uvācedaṃ maheśvarajaṭāsthitā / tvayāvatāryatāṃ gaṅgā satyam īśapriyā satī // 175.38 //

Brahmā sprach: Umā sprach zu ihrem Sohn dies: 'Die im Haarschopf des großen Gottes weilende, dem Herrn wahrhaftig liebe Gaṅgā möge von dir herabgeführt werden.'

Wort für Wort
umā sutam uvācedaṃ
Umā sprach zu ihrem Sohn dies
maheśvarajaṭāsthitā
'die im Haarschopf des großen Gottes weilende'
tvayāvatāryatāṃ gaṅgā
'die Gaṅgā möge von dir herabgeführt werden'
satyam īśapriyā satī
'die dem Herrn wahrhaftig liebe'

punaś ceśas tatra citram adhyāste sarvadā suta / śivo yatra surās tatra tatra vedāḥ sanātanāḥ // 175.39 //

'Und wiederum, mein Sohn, weilt der Herr wundersamerweise stets dort bei ihr; wo Śiva ist, dort sind die Götter, dort die ewigen Veden,'

Wort für Wort
punaś ceśas tatra citram
'und wiederum weilt der Herr dort wundersamerweise'
adhyāste sarvadā suta
'stets, mein Sohn'
śivo yatra surās tatra
'wo Śiva ist, dort die Götter'
tatra vedāḥ sanātanāḥ
'dort die ewigen Veden'

tatraiva ṛṣayaḥ sarve manuṣyāḥ pitaras tathā / tasmān nivartayeśānaṃ devadevaṃ maheśvaram // 175.40 //

'eben dort alle Ṛṣis, die Menschen, ebenso die Ahnen. Darum bring den Herrscher, den Gott der Götter, den großen Gott, von ihr zurück.'

Wort für Wort
tatraiva ṛṣayaḥ sarve
'eben dort alle Ṛṣis'
manuṣyāḥ pitaras tathā
'die Menschen, ebenso die Ahnen'
tasmān nivartayeśānaṃ
'darum bring den Herrscher zurück'
devadevaṃ maheśvaram
'den Gott der Götter, den großen Gott'

tasyā nivartite deve gaṅgāyāḥ sarva eva hi / nivṛttās te bhaviṣyanti śṛṇu cedaṃ vaco mama / nivartaya tatas tasyāḥ sarvabhāvena śaṃkaram // 175.41 //

'Wenn der Gott von ihr, der Gaṅgā, zurückgebracht ist, werden auch alle jene zurückgekehrt sein. Höre auch dies mein Wort: Bring darum Śaṃkara mit deinem ganzen Wesen von ihr zurück.'

Wort für Wort
tasyā nivartite deve gaṅgāyāḥ
'wenn der Gott von ihr, der Gaṅgā, zurückgebracht ist'
sarva eva hi nivṛttās te bhaviṣyanti
'werden auch alle jene zurückgekehrt sein'
śṛṇu cedaṃ vaco mama
'höre auch dies mein Wort'
nivartaya tatas tasyāḥ sarvabhāvena śaṃkaram
'bring darum Śaṃkara mit deinem ganzen Wesen von ihr zurück'

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{brahmovāca:} mātus tad vacanaṃ śrutvā punar āha gaṇeśvaraḥ // 175.42 //

Brahmā sprach: Nachdem er dieses Wort der Mutter gehört hatte, sprach Gaṇeśvara (Gaṇeśa) wiederum.

Wort für Wort
mātus tad vacanaṃ śrutvā
nachdem er dieses Wort der Mutter gehört hatte
punar āha gaṇeśvaraḥ
sprach Gaṇeśvara wiederum

[Anm.: Unvollständiger Halbvers (nur eine Zeile) im Original.]

{gaṇeśvara uvāca:} naiva śakyaḥ śivo devo mayā tasyā nivartitum / anivṛtte śive tasyā devā api nivartitum // 175.43 //

Gaṇeśvara sprach: 'Der Gott Śiva kann von mir keinesfalls von ihr zurückgebracht werden; solange Śiva nicht von ihr zurückgebracht ist, können auch die Götter nicht zurückgebracht werden,'

Wort für Wort
naiva śakyaḥ śivo devo
'der Gott Śiva kann keinesfalls'
mayā tasyā nivartitum
'von mir von ihr zurückgebracht werden'
anivṛtte śive tasyā
'solange Śiva nicht von ihr zurückgebracht ist'
devā api nivartitum
'können auch die Götter [nicht] zurückgebracht werden'

na śakyā jagatāṃ mātar athānyac cāpi kāraṇam / gaṅgāvatāritā pūrvaṃ gautamena mahātmanā // 175.44 //

'sie können nicht, Mutter der Welten. Und es gibt noch einen weiteren Grund: Die Gaṅgā wurde bereits früher von dem hochseeligen Gautama herabgeführt,'

Wort für Wort
na śakyā jagatāṃ mātar
'sie können nicht, Mutter der Welten'
athānyac cāpi kāraṇam
'und es gibt noch einen weiteren Grund'
gaṅgāvatāritā pūrvaṃ
'die Gaṅgā wurde bereits früher herabgeführt'
gautamena mahātmanā
'von dem hochseeligen Gautama'

ṛṣiṇā lokapūjyena trailokyahitakāriṇā / sāmopāyena tadvākyāt pūjyena brahmatejasā // 175.45 //

'von dem in der Welt verehrten Ṛṣi, dem Wohltäter der drei Welten, durch das Mittel der Besänftigung, auf dessen Wort hin, dem durch Brahma-Glanz Verehrungswürdigen,'

Wort für Wort
ṛṣiṇā lokapūjyena
'von dem in der Welt verehrten Ṛṣi'
trailokyahitakāriṇā
'dem Wohltäter der drei Welten'
sāmopāyena tadvākyāt
'durch das Mittel der Besänftigung, auf dessen Wort hin'
pūjyena brahmatejasā
'dem durch Brahma-Glanz Verehrungswürdigen'

ārādhayitvā deveśaṃ tapobhiḥ stutibhir bhavam / tuṣṭena śaṃkareṇedam ukto 'sau gautamas tadā // 175.46 //

'nachdem er den Herrn der Götter, Bhava (Śiva), durch Askese und Lobpreisungen verehrt hatte, wurde jener Gautama darauf vom zufriedenen Śaṃkara Folgendes gesagt:'

Wort für Wort
ārādhayitvā deveśaṃ
'nachdem er den Herrn der Götter verehrt hatte'
tapobhiḥ stutibhir bhavam
'durch Askese und Lobpreisungen, Bhava'
tuṣṭena śaṃkareṇedam ukto 'sau gautamas tadā
'wurde jener Gautama darauf vom zufriedenen Śaṃkara Folgendes gesagt'

{śaṃkara uvāca:} varān varaya puṇyāṃś ca priyāṃś ca manasepsitān / yad yad icchasi tat sarvaṃ dātā te 'dya mahāmate // 175.47 //

Śaṃkara sprach: 'Erbitte dir heilvolle und liebe, im Geiste gewünschte Gaben; was immer du wünschst, das alles will ich dir heute geben, o Hochgesinnter.'

Wort für Wort
varān varaya puṇyāṃś ca
'erbitte dir heilvolle Gaben'
priyāṃś ca manasepsitān
'und liebe, im Geiste gewünschte'
yad yad icchasi tat sarvaṃ
'was immer du wünschst, das alles'
dātā te 'dya mahāmate
'will ich dir heute geben, o Hochgesinnter'

{brahmovāca:} evam uktaḥ śivenāsau gautamo mayi śṛṇvati / idam eva tadovāca sajaṭāṃ dehi śaṃkara / gaṅgāṃ me yācate puṇyāṃ kim anyena vareṇa me // 175.48 //

Brahmā sprach: So von Śiva angesprochen, sagte jener Gautama, während ich zuhörte, damals eben dies: 'Gib mir, Śaṃkara, sie samt dem Haarschopf; ich bitte dich um die heilige Gaṅgā - was soll mir eine andere Gabe?'

Wort für Wort
evam uktaḥ śivenāsau gautamo mayi śṛṇvati
so von Śiva angesprochen, jener Gautama, während ich zuhörte
idam eva tadovāca
sagte damals eben dies
sajaṭāṃ dehi śaṃkara
'gib mir, Śaṃkara, sie samt dem Haarschopf'
gaṅgāṃ me yācate puṇyāṃ kim anyena vareṇa me
'ich bitte dich um die heilige Gaṅgā - was soll mir eine andere Gabe?'

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{brahmovāca:} punaḥ provāca taṃ śaṃbhuḥ sarvalokopakārakaḥ // 175.49 //

Brahmā sprach: Wiederum sprach zu ihm Śaṃbhu, der Wohltäter aller Welten.

Wort für Wort
punaḥ provāca taṃ śaṃbhuḥ
wiederum sprach zu ihm Śaṃbhu
sarvalokopakārakaḥ
der Wohltäter aller Welten

[Anm.: Unvollständiger Halbvers (nur eine Zeile) im Original.]

{śaṃbhur uvāca:} uktaṃ na cātmanaḥ kiṃcit tasmād yācasva duṣkaram // 175.50 //

Śaṃbhu sprach: 'Du hast nichts für dich selbst erbeten - darum erbitte dir etwas Schwerzuerlangendes.'

Wort für Wort
uktaṃ na cātmanaḥ kiṃcit
'du hast nichts für dich selbst erbeten'
tasmād yācasva duṣkaram
'darum erbitte dir etwas Schwerzuerlangendes'

[Anm.: Unvollständiger Halbvers (nur eine Zeile) im Original.]

{brahmovāca:} gautamo 'dīnasattvas taṃ bhavam āha kṛtāñjaliḥ // 175.51 //

Brahmā sprach: Gautama, von unverzagtem Wesen, sprach mit gefalteten Händen zu Bhava (Śiva).

Wort für Wort
gautamo 'dīnasattvas
Gautama, von unverzagtem Wesen
taṃ bhavam āha kṛtāñjaliḥ
sprach mit gefalteten Händen zu Bhava

[Anm.: Unvollständiger Halbvers (nur eine Zeile) im Original.]

{gautama uvāca:} etad eva ca sarveṣāṃ duṣkaraṃ tava darśanam / mayā tad adya saṃprāptaṃ kṛpayā tava śaṃkara // 175.52 //

Gautama sprach: 'Eben dies, dein Anblick, ist für alle das Schwerzuerlangende; und eben dies habe ich heute erlangt, durch deine Gnade, o Śaṃkara.'

Wort für Wort
etad eva ca sarveṣāṃ
'eben dies ist für alle'
duṣkaraṃ tava darśanam
'das Schwerzuerlangende, dein Anblick'
mayā tad adya saṃprāptaṃ
'eben dies habe ich heute erlangt'
kṛpayā tava śaṃkara
'durch deine Gnade, o Śaṃkara'

smaraṇād eva te padbhyāṃ kṛtakṛtyā manīṣiṇaḥ / bhavanti kiṃ punaḥ sākṣāt tvayi dṛṣṭe maheśvare // 175.53 //

'Schon durch die bloße Erinnerung an deine Füße werden die Weisen zu solchen, deren Ziel erreicht ist - wie viel mehr erst, wenn du, der große Gott, unmittelbar geschaut wirst!'

Wort für Wort
smaraṇād eva te padbhyāṃ
'schon durch die bloße Erinnerung an deine Füße'
kṛtakṛtyā manīṣiṇaḥ bhavanti
'werden die Weisen zu solchen, deren Ziel erreicht ist'
kiṃ punaḥ sākṣāt
'wie viel mehr erst unmittelbar'
tvayi dṛṣṭe maheśvare
'wenn du, der große Gott, geschaut wirst'

{brahmovāca:} evam ukte gautamena bhavo harṣasamanvitaḥ / trayāṇām upakārārthaṃ lokānāṃ yācitaṃ tvayā // 175.54 //

Brahmā sprach: Als Gautama so gesprochen hatte, sagte Bhava, von Freude erfüllt: 'Zum Nutzen der drei Welten hast du gebeten,'

Wort für Wort
evam ukte gautamena
als Gautama so gesprochen hatte
bhavo harṣasamanvitaḥ
sagte Bhava, von Freude erfüllt
trayāṇām upakārārthaṃ lokānāṃ
'zum Nutzen der drei Welten'
yācitaṃ tvayā
'hast du gebeten'

na cātmano mahābuddhe yācety āha śivo dvijam / evaṃ proktaḥ punar vipro dhyātvā prāha śivaṃ tathā // 175.55 //

'und nicht für dich selbst, o Hochweiser' - so sprach Śiva zu dem Zweifachgeborenen. So angesprochen, sprach der Brahmane, nachdem er nachgedacht hatte, wiederum ebenso zu Śiva:

Wort für Wort
na cātmano mahābuddhe yācety āha śivo dvijam
'und nicht für dich selbst, o Hochweiser' - so sprach Śiva zu dem Zweifachgeborenen
evaṃ proktaḥ punar vipro
so angesprochen, wiederum der Brahmane
dhyātvā prāha śivaṃ tathā
sprach, nachdem er nachgedacht hatte, ebenso zu Śiva

vinītavad adīnātmā śivabhaktisamanvitaḥ / sarvalokopakārāya punar yācitavān idam / śṛṇvatsu lokapāleṣu jagādedaṃ sa gautamaḥ // 175.56 //

demütig, unverzagten Geistes, von Śiva-Hingabe erfüllt, bat er zum Nutzen aller Welten wiederum um dies - während die Weltenhüter zuhörten, sprach jener Gautama dies:

Wort für Wort
vinītavad adīnātmā
demütig, unverzagten Geistes
śivabhaktisamanvitaḥ
von Śiva-Hingabe erfüllt
sarvalokopakārāya punar yācitavān idam
bat er zum Nutzen aller Welten wiederum um dies
śṛṇvatsu lokapāleṣu jagādedaṃ sa gautamaḥ
während die Weltenhüter zuhörten, sprach jener Gautama dies

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{gautama uvāca:} yāvat sāgaragā devī nisṛṣṭā brahmaṇo gireḥ / sarvatra sarvadā tasyāṃ sthātavyaṃ vṛṣabhadhvaja // 175.57 //

Gautama sprach: 'Solange die zum Ozean fließende Göttin, entsprungen aus dem Berg Brahmās, fließt, sollst du, Stierbanner-Träger (Śiva), überall und immer in ihr weilen.'

Wort für Wort
yāvat sāgaragā devī
'solange die zum Ozean fließende Göttin'
nisṛṣṭā brahmaṇo gireḥ
'entsprungen aus dem Berg Brahmās'
sarvatra sarvadā tasyāṃ sthātavyaṃ
'sollst du überall und immer in ihr weilen'
vṛṣabhadhvaja
'Stierbanner-Träger'

phalepsūnāṃ phalaṃ dātā tvam eva jagataḥ prabho / tīrthāny anyāni deveśa kvāpi kvāpi śubhāni ca // 175.58 //

'Der Geber der Frucht für die nach Frucht Verlangenden bist du allein, o Herr der Welt; andere Tīrthas, o Herr der Götter, sind nur hier und dort verheißungsvoll,'

Wort für Wort
phalepsūnāṃ phalaṃ dātā
'der Geber der Frucht für die nach Frucht Verlangenden'
tvam eva jagataḥ prabho
'bist du allein, o Herr der Welt'
tīrthāny anyāni deveśa
'andere Tīrthas, o Herr der Götter'
kvāpi kvāpi śubhāni ca
'sind nur hier und dort verheißungsvoll'

yatra te saṃnidhir nityaṃ tad eva śubhadaṃ viduḥ / yatra gaṅgā tvayā dattā jaṭāmukuṭasaṃsthitā / sarvatra tava sāṃnidhyāt sarvatīrthāni śaṃkara // 175.59 //

'wo aber deine Gegenwart beständig ist, das allein kennt man als heilbringend. Wo die von dir gegebene Gaṅgā, im Haarschopf-Diadem befindlich, fließt - dort sind, durch deine Gegenwart überall, alle Tīrthas vereint, Śaṃkara.'

Wort für Wort
yatra te saṃnidhir nityaṃ
'wo aber deine Gegenwart beständig ist'
tad eva śubhadaṃ viduḥ
'das allein kennt man als heilbringend'
yatra gaṅgā tvayā dattā jaṭāmukuṭasaṃsthitā
'wo die von dir gegebene Gaṅgā, im Haarschopf-Diadem befindlich, fließt'
sarvatra tava sāṃnidhyāt sarvatīrthāni śaṃkara
'dort sind, durch deine Gegenwart überall, alle Tīrthas vereint, Śaṃkara'

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{brahmovāca:} tad gautamavacaḥ śrutvā punar harṣāc chivo 'bravīt // 175.60 //

Brahmā sprach: Nachdem er dieses Wort Gautamas gehört hatte, sprach Śiva wiederum, aus Freude.

Wort für Wort
tad gautamavacaḥ śrutvā
nachdem er dieses Wort Gautamas gehört hatte
punar harṣāc chivo 'bravīt
sprach Śiva wiederum, aus Freude

[Anm.: Unvollständiger Halbvers (nur eine Zeile) im Original.]

{śiva uvāca:} yatra kvāpi ca yat kiṃcid yo vā bhavati bhaktitaḥ / yātrāṃ snānam atho dānaṃ pitṝṇāṃ vāpi tarpaṇam // 175.61 //

Śiva sprach: 'Wo auch immer und was auch immer, oder wer auch immer aus Hingabe handelt - sei es Pilgerfahrt, Bad, oder Spende, oder auch Ahnen-Wasserspende (Tarpaṇa),'

Wort für Wort
yatra kvāpi ca yat kiṃcid
'wo auch immer und was auch immer'
yo vā bhavati bhaktitaḥ
'oder wer auch immer aus Hingabe handelt'
yātrāṃ snānam atho dānaṃ
'Pilgerfahrt, Bad, oder Spende'
pitṝṇāṃ vāpi tarpaṇam
'oder auch Ahnen-Wasserspende'

śravaṇaṃ paṭhanaṃ vāpi smaraṇaṃ vāpi gautama / yaḥ karoti naro bhaktyā godāvaryā yatavrataḥ // 175.62 //

'oder Hören oder Rezitieren oder auch Erinnern, o Gautama - wer, ein Mensch, dies mit Hingabe tut, seinen Gelübden treu, an der Godāvarī,'

Wort für Wort
śravaṇaṃ paṭhanaṃ vāpi
'oder Hören oder Rezitieren'
smaraṇaṃ vāpi gautama
'oder auch Erinnern, o Gautama'
yaḥ karoti naro bhaktyā
'wer, ein Mensch, dies mit Hingabe tut'
godāvaryā yatavrataḥ
'seinen Gelübden treu, an der Godāvarī'

saptadvīpavatī pṛthvī saśailavanakānanā / saratnā sauṣadhī ramyā sārṇavā dharmabhūṣitā // 175.63 //

'die aus sieben Inseln bestehende Erde, mit ihren Bergen, Wäldern und Dickichten, mit ihren Juwelen, Heilkräutern, lieblich, mit ihren Ozeanen, mit Dharma geschmückt -'

Wort für Wort
saptadvīpavatī pṛthvī
'die aus sieben Inseln bestehende Erde'
saśailavanakānanā
'mit ihren Bergen, Wäldern und Dickichten'
saratnā sauṣadhī ramyā
'mit ihren Juwelen, Heilkräutern, lieblich'
sārṇavā dharmabhūṣitā
'mit ihren Ozeanen, mit Dharma geschmückt'

dattvā bhavati yo dharmaḥ sa bhaved gautamīsmṛteḥ / evaṃvidhā ilā vipra godānād yābhidhīyate // 175.64 //

'der Dharma, der durch ihre Verschenkung entsteht - der wird schon durch bloßes Erinnern an die Gautamī erlangt; solcherart ist auch die Frucht, die durch die Schenkung einer Kuh (bzw. der Erde, Ilā) genannt wird, o Brahmane.'

Wort für Wort
dattvā bhavati yo dharmaḥ
'der Dharma, der durch ihre Verschenkung entsteht'
sa bhaved gautamīsmṛteḥ
'der wird schon durch Erinnern an die Gautamī erlangt'
evaṃvidhā ilā vipra
'solcherart ist auch [die Frucht der] Ilā, o Brahmane'
godānād yābhidhīyate
'die durch die Schenkung einer Kuh genannt wird'

[?: Die genaue Beziehung zwischen 'Ilā' (Erde/Kuh) und der Godāna-Gabe bleibt im Original knapp und nicht restlos eindeutig.]

candrasūryagrahe kāle matsāṃnidhye yatavrataḥ / bhūbhṛte viṣṇave bhaktyā sarvakālaṃ kṛtā sudhīḥ // 175.65 //

'Zur Zeit einer Mond- oder Sonnenfinsternis, in meiner Gegenwart, seinen Gelübden treu, dem Erdträger Viṣṇu mit Hingabe [dargebracht] - allzeit vom Weisen vollzogen [gilt Gleiches].'

Wort für Wort
candrasūryagrahe kāle
'zur Zeit einer Mond- oder Sonnenfinsternis'
matsāṃnidhye yatavrataḥ
'in meiner Gegenwart, seinen Gelübden treu'
bhūbhṛte viṣṇave bhaktyā
'dem Erdträger Viṣṇu mit Hingabe'
sarvakālaṃ kṛtā sudhīḥ
'allzeit vom Weisen vollzogen'

[?: Verdichteter, elliptischer Vers; die genaue syntaktische Verknüpfung der Satzteile bleibt unsicher.]

gāḥ sundarāḥ savatsāś ca saṃgame lokaviśrute / yo dadāti dvijaśreṣṭha tatra yat puṇyam āpnuyāt // 175.66 //

'wer schöne Kühe samt ihren Kälbern an dem in der Welt berühmten Zusammenfluss verschenkt, o bester der Zweifachgeborenen - welches Verdienst er dort erlangt,'

Wort für Wort
gāḥ sundarāḥ savatsāś ca
'schöne Kühe samt ihren Kälbern'
saṃgame lokaviśrute
'an dem in der Welt berühmten Zusammenfluss'
yo dadāti dvijaśreṣṭha
'wer verschenkt, o bester der Zweifachgeborenen'
tatra yat puṇyam āpnuyāt
'welches Verdienst er dort erlangt'

tasmād varaṃ puṇyam eti snānadānādinā naraḥ / gautamyāṃ viśvavandyāyāṃ mahānadyāṃ tu bhaktitaḥ // 175.67 //

'ein größeres Verdienst noch erlangt der Mensch durch Bad, Spende und dergleichen an der von der ganzen Welt verehrten großen Gautamī-Flut, aus Hingabe.'

Wort für Wort
tasmād varaṃ puṇyam eti
'ein größeres Verdienst noch erlangt'
snānadānādinā naraḥ
'der Mensch durch Bad, Spende und dergleichen'
gautamyāṃ viśvavandyāyāṃ mahānadyāṃ tu bhaktitaḥ
'an der von der ganzen Welt verehrten großen Gautamī-Flut, aus Hingabe'

tasmād godāvarī gaṅgā tvayā nītā bhaviṣyati / sarvapāpakṣayakarī sarvābhīṣṭapradāyinī // 175.68 //

'Darum wird die von dir hergeführte Godāvarī-Gaṅgā fortan alle Sünden vernichten und alle Wünsche gewähren.'

Wort für Wort
tasmād godāvarī gaṅgā
'darum wird die Godāvarī-Gaṅgā'
tvayā nītā bhaviṣyati
'von dir hergeführt, fortan'
sarvapāpakṣayakarī
'alle Sünden vernichten'
sarvābhīṣṭapradāyinī
'und alle Wünsche gewähren'

{gaṇeśvara uvāca:} etac chrutaṃ mayā mātar vadato gautamaṃ śivāt / etasmāt kāraṇāc chaṃbhur gaṅgāyāṃ niyataḥ sthitaḥ // 175.69 //

Gaṇeśvara sprach: 'Dies habe ich gehört, Mutter, wie Śiva zu Gautama sprach; aus diesem Grund weilt Śaṃbhu beständig an der Gaṅgā.'

Wort für Wort
etac chrutaṃ mayā mātar
'dies habe ich gehört, Mutter'
vadato gautamaṃ śivāt
'wie Śiva zu Gautama sprach'
etasmāt kāraṇāc chaṃbhur
'aus diesem Grund weilt Śaṃbhu'
gaṅgāyāṃ niyataḥ sthitaḥ
'beständig an der Gaṅgā'

ko nivartayituṃ śaktas tam amba karuṇodadhim / athāpi mātar etat syān mānuṣā vighnapāśakaiḥ // 175.70 //

'Wer wäre imstande, ihn, den Ozean des Mitleids, zurückzubringen, Mutter? Und dennoch, Mutter, mag es sein, dass Menschen durch Fesseln von Hindernissen'

Wort für Wort
ko nivartayituṃ śaktas
'wer wäre imstande, zurückzubringen'
tam amba karuṇodadhim
'ihn, den Ozean des Mitleids, Mutter'
athāpi mātar etat syān
'und dennoch, Mutter, mag es sein'
mānuṣā vighnapāśakaiḥ
'dass Menschen durch Fesseln von Hindernissen'

vinibaddhā na gacchanti godām apy antikasthitām / na namanti śivaṃ devaṃ na smaranti stuvanti na // 175.71 //

'gebunden nicht einmal zur nahegelegenen Godā(varī) gehen, sich nicht vor dem Gott Śiva verneigen, seiner nicht gedenken, ihn nicht preisen.'

Wort für Wort
vinibaddhā na gacchanti
'gebunden nicht gehen'
godām apy antikasthitām
'zur nahegelegenen Godā(varī)'
na namanti śivaṃ devaṃ
'sich nicht vor dem Gott Śiva verneigen'
na smaranti stuvanti na
'seiner nicht gedenken, ihn nicht preisen'

tathā mātaḥ kariṣyāmi tava saṃtoṣahetave / saṃniroddhum atho kleśas tava vākyaṃ kṣamasva me // 175.72 //

'So werde ich handeln, Mutter, zu deiner Zufriedenheit: um solche Menschen abzuhalten, sei künftig Mühsal die Folge - verzeih mir dein Wort [dass ich dir zunächst nicht folgen konnte].'

Wort für Wort
tathā mātaḥ kariṣyāmi
'so werde ich handeln, Mutter'
tava saṃtoṣahetave
'zu deiner Zufriedenheit'
saṃniroddhum atho kleśas
'um abzuhalten, sei künftig Mühsal [die Folge]'
tava vākyaṃ kṣamasva me
'verzeih mir dein Wort'

[?: Der zweite Halbvers ist elliptisch; die genaue Bedeutung von 'saṃniroddhum' und der Bezug von 'tava vākyaṃ kṣamasva me' bleiben unsicher.]

{brahmovāca:} tataḥ prabhṛti vighneśo mānuṣān prati kiṃcana / vighnam ācarate yas tu tam upāsya pravartate // 175.73 //

Brahmā sprach: Von da an schafft Vighneśa (Gaṇeśa) den Menschen gegenüber ein gewisses Hindernis; wer ihn aber verehrt, dem gelingt es dennoch fortzuschreiten,

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti vighneśo
von da an schafft Vighneśa
mānuṣān prati kiṃcana vighnam ācarate
den Menschen gegenüber ein gewisses Hindernis
yas tu tam upāsya pravartate
wer ihn aber verehrt, dem gelingt es fortzuschreiten

atho vighnam anādṛtya gautamīṃ yāti bhaktitaḥ / sa kṛtārtho bhavel loke na kṛtyam avaśiṣyate // 175.74 //

und wer, das Hindernis missachtend, mit Hingabe zur Gautamī geht, der wird in der Welt zum Ziel gelangt sein - es bleibt für ihn keine weitere Aufgabe übrig.

Wort für Wort
atho vighnam anādṛtya
und wer, das Hindernis missachtend
gautamīṃ yāti bhaktitaḥ
mit Hingabe zur Gautamī geht
sa kṛtārtho bhavel loke
der wird in der Welt zum Ziel gelangt sein
na kṛtyam avaśiṣyate
es bleibt für ihn keine weitere Aufgabe übrig

vighnāny anekāni bhavanti gehān nirgantukāmasya narādhamasya nidhāya tanmūrdhni padaṃ prayāti gaṅgāṃ na kiṃ tena phalaṃ pralabdham // 175.75 //

Viele Hindernisse entstehen dem niedrigsten der Menschen, der aus dem Haus hinausgehen will; doch wer, seinen Fuß auf dessen (des Hindernisses) Haupt setzend, zur Gaṅgā dahingeht - ist nicht durch ihn schon die Frucht erlangt?

Wort für Wort
vighnāny anekāni bhavanti gehān
viele Hindernisse entstehen dem, der aus dem Haus
nirgantukāmasya narādhamasya
hinausgehen will, dem niedrigsten der Menschen
nidhāya tanmūrdhni padaṃ prayāti
doch wer, seinen Fuß auf dessen Haupt setzend, dahingeht
gaṅgāṃ na kiṃ tena phalaṃ pralabdham
zur Gaṅgā - ist nicht durch ihn schon die Frucht erlangt?

[Anm.: Hymnenmetrum, pādaweise gezählt.]

asyāḥ prabhāvaṃ ko brūyād api sākṣāt sadāśivaḥ / saṃkṣepeṇa mayā proktam itihāsapadānugam // 175.76 //

Wer könnte ihre Macht verkünden - selbst der unmittelbar gegenwärtige Sadāśiva könnte es kaum; in Kürze habe ich es, der Überlieferung (Itihāsa) folgend, verkündet.

Wort für Wort
asyāḥ prabhāvaṃ ko brūyād
wer könnte ihre Macht verkünden
api sākṣāt sadāśivaḥ
selbst der unmittelbar gegenwärtige Sadāśiva [könnte es kaum]
saṃkṣepeṇa mayā proktam
in Kürze habe ich es verkündet
itihāsapadānugam
der Überlieferung folgend

dharmārthakāmamokṣāṇāṃ sādhanaṃ yac carācare / tad atra vidyate sarvam itihāse savistare // 175.77 //

Was in der beweglichen und unbeweglichen Schöpfung das Mittel zu Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa ist - all das findet sich hier, in dieser ausführlichen Überlieferung.

Wort für Wort
dharmārthakāmamokṣāṇāṃ sādhanaṃ
das Mittel zu Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa
yac carācare
was in der beweglichen und unbeweglichen Schöpfung [ist]
tad atra vidyate sarvam
all das findet sich hier
itihāse savistare
in dieser ausführlichen Überlieferung

vedoditaṃ śrutisakalarahasyam uktaṃ satkāraṇaṃ samabhidhānam idaṃ sadaiva samyak ca dṛṣṭaṃ jagatāṃ hitāya proktaṃ purāṇaṃ bahudharmayuktam // 175.78 //

Das im Veda Verkündete, das gesamte Geheimnis der Śruti ausgesprochen, die wahre Ursache, diese stets gültige Darlegung, und richtig erkannt, zum Wohl der Welten - so wird dieses Purāṇa verkündet, mit vielem Dharma versehen.

Wort für Wort
vedoditaṃ śrutisakalarahasyam uktaṃ
das im Veda Verkündete, das gesamte Geheimnis der Śruti ausgesprochen
satkāraṇaṃ samabhidhānam idaṃ sadaiva
die wahre Ursache, diese stets gültige Darlegung
samyak ca dṛṣṭaṃ jagatāṃ hitāya
und richtig erkannt, zum Wohl der Welten
proktaṃ purāṇaṃ bahudharmayuktam
wird dieses Purāṇa verkündet, mit vielem Dharma versehen

[Anm.: Hymnenmetrum, pādaweise gezählt.]

asya ślokaṃ padaṃ vāpi bhaktitaḥ śṛṇuyāt paṭhet / gaṅgā gaṅgeti vā vākyaṃ sa tu puṇyam avāpnuyāt // 175.79 //

Wer davon auch nur einen Vers oder ein Wort mit Hingabe hört oder liest, oder auch nur das Wort 'Gaṅgā, Gaṅgā' ausspricht, der erlangt Verdienst.

Wort für Wort
asya ślokaṃ padaṃ vāpi
davon auch nur einen Vers oder ein Wort
bhaktitaḥ śṛṇuyāt paṭhet
wer mit Hingabe hört oder liest
gaṅgā gaṅgeti vā vākyaṃ
oder auch nur das Wort 'Gaṅgā, Gaṅgā'
sa tu puṇyam avāpnuyāt
der erlangt Verdienst

kalikalaṅkavināśanadakṣam idaṃ sakalasiddhikaraṃ śubhadaṃ śivam jagati pūjyam abhīṣṭaphalapradaṃ gāṅgam etad udīritam uttamam // 175.80 //

Dies, das fähig ist, den Makel des Kali[yuga] zu vernichten, das allen Erfolg bewirkt, heilbringend, verheißungsvoll, in der Welt verehrungswürdig, die erwünschte Frucht gewährend - so wird dieses Höchste, auf die Gaṅgā Bezügliche, verkündet.

Wort für Wort
kalikalaṅkavināśanadakṣam idaṃ
dies, das fähig ist, den Makel des Kali[yuga] zu vernichten
sakalasiddhikaraṃ śubhadaṃ śivam
das allen Erfolg bewirkt, heilbringend, verheißungsvoll
jagati pūjyam abhīṣṭaphalapradaṃ
in der Welt verehrungswürdig, die erwünschte Frucht gewährend
gāṅgam etad udīritam uttamam
so wird dieses Höchste, auf die Gaṅgā Bezügliche, verkündet

[Anm.: Hymnenmetrum, pādaweise gezählt; letzter Metrum-Vers des Kapitels.]

sādhu gautama bhadraṃ te ko 'nyo 'sti sadṛśas tvayā / ya enāṃ gautamīṃ gaṅgāṃ daṇḍakāraṇyam āpnuyāt // 175.81 //

'Vortrefflich, Gautama, Segen dir! Wer sonst wäre dir gleich, der diese Gautamī-Gaṅgā zum Daṇḍaka-Wald gebracht hätte?'

Wort für Wort
sādhu gautama bhadraṃ te
'vortrefflich, Gautama, Segen dir'
ko 'nyo 'sti sadṛśas tvayā
'wer sonst wäre dir gleich'
ya enāṃ gautamīṃ gaṅgāṃ
'der diese Gautamī-Gaṅgā'
daṇḍakāraṇyam āpnuyāt
'zum Daṇḍaka-Wald gebracht hätte'

gaṅgā gaṅgeti yo brūyād yojanānāṃ śatair api / mucyate sarvapāpebhyo viṣṇulokaṃ sa gacchati // 175.82 //

Wer 'Gaṅgā, Gaṅgā' sagt, selbst aus einer Entfernung von hundert Yojanas, der wird von allen Sünden befreit und gelangt in Viṣṇus Welt.

Wort für Wort
gaṅgā gaṅgeti yo brūyād
wer 'Gaṅgā, Gaṅgā' sagt
yojanānāṃ śatair api
selbst aus einer Entfernung von hundert Yojanas
mucyate sarvapāpebhyo
der wird von allen Sünden befreit
viṣṇulokaṃ sa gacchati
und gelangt in Viṣṇus Welt

tisraḥ koṭyo 'rdhakoṭī ca tīrthāni bhuvanatraye / tāni snātuṃ samāyānti gaṅgāyāṃ siṃhage gurau // 175.83 //

Dreieinhalb Koṭi Tīrthas gibt es in den drei Welten - sie alle kommen zusammen, um in der Gaṅgā zu baden, wenn Jupiter (Guru) im Löwen-Sternzeichen steht.

Wort für Wort
tisraḥ koṭyo 'rdhakoṭī ca
dreieinhalb Koṭi
tīrthāni bhuvanatraye
Tīrthas gibt es in den drei Welten
tāni snātuṃ samāyānti
sie alle kommen zusammen, um zu baden
gaṅgāyāṃ siṃhage gurau
in der Gaṅgā, wenn Jupiter im Löwen-Sternzeichen steht

ṣaṣṭir varṣasahasrāṇi bhāgīrathyavagāhanam / sakṛd godāvarīsnānaṃ siṃhayukte bṛhaspatau // 175.84 //

Sechzigtausend Jahre lang verdienstvoll ist das Untertauchen in der Bhāgīrathī (Gaṅgā) - ebenso viel gilt ein einziges Bad in der Godāvarī, wenn Bṛhaspati (Jupiter) mit dem Löwen-Sternzeichen verbunden ist.

Wort für Wort
ṣaṣṭir varṣasahasrāṇi
sechzigtausend Jahre lang
bhāgīrathyavagāhanam
verdienstvoll ist das Untertauchen in der Bhāgīrathī
sakṛd godāvarīsnānaṃ
ein einziges Bad in der Godāvarī
siṃhayukte bṛhaspatau
wenn Bṛhaspati mit dem Löwen-Sternzeichen verbunden ist

iyaṃ tu gautamī putra yatra kvāpi mamājñayā / sarveṣāṃ sarvadā nṝṇāṃ snānān muktiṃ pradāsyati // 175.85 //

Diese Gautamī aber, mein Sohn, wird, wo auch immer, auf meinen Befehl, allen Menschen zu jeder Zeit durch bloßes Baden Erlösung gewähren.

Wort für Wort
iyaṃ tu gautamī putra
diese Gautamī aber, mein Sohn
yatra kvāpi mamājñayā
wo auch immer, auf meinen Befehl
sarveṣāṃ sarvadā nṝṇāṃ
allen Menschen zu jeder Zeit
snānān muktiṃ pradāsyati
wird durch bloßes Baden Erlösung gewähren

aśvamedhasahasrāṇi vājapeyaśatāni ca / kṛtvā yat phalam āpnoti tad asya śravaṇād bhavet // 175.86 //

Die Frucht, die man durch das Vollziehen von tausend Aśvamedha-Opfern und hundert Vājapeya-Opfern erlangt, die entsteht schon durch das Hören dieses Purāṇa-Abschnitts.

Wort für Wort
aśvamedhasahasrāṇi vājapeyaśatāni ca
tausend Aśvamedha-Opfer und hundert Vājapeya-Opfer
kṛtvā yat phalam āpnoti
die Frucht, die man durch deren Vollziehen erlangt
tad asya śravaṇād bhavet
die entsteht schon durch das Hören davon

yasyaitat tiṣṭhati gṛhe purāṇaṃ brahmaṇoditam / na bhayaṃ vidyate tasya kalikālasya nārada // 175.87 //

In wessen Haus dieses von Brahmā verkündete Purāṇa sich befindet, für den gibt es keine Furcht vor der Kali-Zeit, o Nārada.

Wort für Wort
yasyaitat tiṣṭhati gṛhe
in wessen Haus dieses sich befindet
purāṇaṃ brahmaṇoditam
dieses von Brahmā verkündete Purāṇa
na bhayaṃ vidyate tasya
für den gibt es keine Furcht
kalikālasya nārada
vor der Kali-Zeit, o Nārada

yasya kasyāpi nākhyeyaṃ purāṇam idam uttamam / śraddadhānāya śāntāya vaiṣṇavāya mahātmane // 175.88 //

Nicht jedem beliebigen darf dieses höchste Purāṇa verkündet werden - nur dem Gläubigen, Friedvollen, Viṣṇu-Verehrer, dem Hochseeligen,

Wort für Wort
yasya kasyāpi nākhyeyaṃ
nicht jedem beliebigen darf verkündet werden
purāṇam idam uttamam
dieses höchste Purāṇa
śraddadhānāya śāntāya
dem Gläubigen, Friedvollen
vaiṣṇavāya mahātmane
dem Viṣṇu-Verehrer, dem Hochseeligen

idaṃ kīrtyaṃ bhuktimukti-dāyakaṃ pāpanāśakam / etacchravaṇamātreṇa kṛtakṛtyo bhaven naraḥ // 175.89 //

dem soll dies verkündet werden, das Genuss und Erlösung Gewährende, das Sünden-Vernichtende; allein durch das Hören davon wird der Mensch zu einem, dessen Ziel erreicht ist.

Wort für Wort
idaṃ kīrtyaṃ
dem soll dies verkündet werden
bhuktimuktidāyakaṃ pāpanāśakam
das Genuss und Erlösung Gewährende, das Sünden-Vernichtende
etacchravaṇamātreṇa
allein durch das Hören davon
kṛtakṛtyo bhaven naraḥ
wird der Mensch zu einem, dessen Ziel erreicht ist

likhitvā pustakam idaṃ brāhmaṇāya prayacchati / sarvapāpavinirmuktaḥ punar garbhaṃ na saṃviśet // 175.90 //

Wer dieses Buch abschreibt und einem Brahmanen übergibt, wird von aller Sünde befreit und tritt nicht wieder in einen Mutterleib ein.

Wort für Wort
likhitvā pustakam idaṃ
wer dieses Buch abschreibt
brāhmaṇāya prayacchati
und einem Brahmanen übergibt
sarvapāpavinirmuktaḥ
wird von aller Sünde befreit
punar garbhaṃ na saṃviśet
und tritt nicht wieder in einen Mutterleib ein

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