Kapitel 202: narakāsuravadhaḥ pṛthivīstutiś ca
Die Tötung des Narakāsura und der Lobpreis der Erde
Indra klagt Kṛṣṇa das Treiben des Dämons Naraka (Bhauma), Herr von Prāgjyotiṣa, der Göttern, Siddhas und Königen Töchter geraubt, Varuṇas Sonnenschirm, den Bergesgipfel Maṇiparvata und Aditis Nektar-Ohrringe entwendet hat und nun sogar Airāvata begehrt. Kṛṣṇa zieht mit Satyabhāmā auf Garuḍa nach Prāgjyotiṣa, durchbricht die Schutzfallen der Stadt, tötet den Dämon Mura samt seinen siebentausend Söhnen sowie Hayagrīva und Pañcajana, und zerteilt schließlich Naraka selbst mit dem Diskus Sudarśana. Die Göttin Erde (Bhūmi), Narakas Mutter, erscheint mit den Ohrringen und offenbart, dass Naraka aus Viṣṇus Berührung während seines Eber-Avatāras (Varāha) entstand; sie bittet um Gnade für seine Nachkommen und trägt einen ausführlichen philosophischen Lobpreis auf Kṛṣṇa als das All-Eine vor. Kṛṣṇa befreit 16.100 gefangene Mädchen sowie tausende Elefanten und Pferde, bringt sie nach Dvārakā, lädt Varuṇas Sonnenschirm und den Maṇiparvata auf Garuḍa, und zieht weiter zur Götterwelt, um Aditi ihre Ohrringe zurückzugeben.
Vyāsa sprach: Dann kam Śakra, der Herr der drei Welten, o Weise, auf dem Rücken des berauschten [Elefanten] Airāvata reitend, zu dem Sohn Śūras [Kṛṣṇa] in Dvāravatī.
'Kaṃsa, Kuvalayāpīḍa, Pūtanā, die Kindesmörderin, und welche anderen [Wesen auch immer] Plagen der Welt waren — sie alle wurden von dir ins Verderben gebracht.'
devasiddhasurādīnāṃ nṛpāṇāṃ ca janārdana / hatvā tu so 'suraḥ kanyā rurodha nijamandire //
'Und nachdem jener Asura [die Väter] der Götter, Siddhas, Asuras u.a. und der Könige getötet hatte, o Janārdana, sperrte er [ihre] Töchter in seinem eigenen Palast ein.'
Wort für Wort
devasiddhasurādīnāṃ
der Götter, Siddhas, Asuras u.a.
nṛpāṇāṃ ca janārdana
und der Könige, o Janārdana
hatvā tu so 'suraḥ kanyā
und nachdem jener Asura [sie] getötet hatte, [ihre] Töchter
Den durch [bloßen] Gedanken herbeigerufenen Garuḍa, den Himmelswanderer, besteigend, und Satyabhāmā mit aufsteigen lassend, zog er zur Stadt Prāgjyotiṣa.
Nachdem er Mura, Hayagrīva und ebenso [einen weiteren Dämon namens] Pañcajana getötet hatte, o Brahmanen, eilte der Kluge hastig zur Stadt Prāgjyotiṣa heran.
Wort für Wort
hatvā muraṃ hayagrīvaṃ
nachdem er Mura, Hayagrīva
tathā pañcajanaṃ dvijāḥ
und ebenso Pañcajana getötet hatte, o Brahmanen
prāgjyotiṣapuraṃ dhīmāṃs
zur Stadt Prāgjyotiṣa, der Kluge
tvarāvān samupādravat
eilte er hastig heran
[Anm.: Dieser Pañcajana ist offenbar ein anderer Dämon als jener gleichnamige aus Kap.194, dessen Muschel zur Pāñcajanya wurde — eine der für Purāṇa-Kompilationen typischen Namensdoppelungen.]
Jenen Bhauma Naraka, der einen Regen von Waffen und Geschossen entließ, machte der starke Diskusträger, der Vernichter des Daitya-Heeres, den Diskus schleudernd, zweigeteilt.
Wort für Wort
śastrāstravarṣaṃ muñcantaṃ
der einen Regen von Waffen und Geschossen entließ
sa bhaumaṃ narakaṃ balī
jenen Bhauma Naraka, der Starke
kṣiptvā cakraṃ dvidhā cakre
schleuderte den Diskus und machte [ihn] zweigeteilt
cakrī daiteyacakrahā
der Diskusträger, der Vernichter des Daitya-Heeres
Die Erde sprach: 'Als ich, o Herr, von dir in Eberform emporgehoben wurde, wurde da dieser, ein aus deiner Berührung entstandener Sohn, in mir geboren.'
Wort für Wort
yadāham uddhṛtā nātha
als ich, o Herr, emporgehoben wurde
tvayā śūkaramūrtinā
von dir, in Eberform
tvatsaṃsparśabhavaḥ putras
ein aus deiner Berührung entstandener Sohn
tadāyaṃ mayy ajāyata
wurde da dieser in mir geboren
[Anm.: Anspielung auf den Varāha-Avatāra, in dem Viṣṇu als Eber die Erde aus dem kosmischen Ozean emporhob; Naraka/Bhauma ('der Erdgeborene') wird hier als Sohn aus dieser Berührung erklärt.]
so 'yaṃ tvayaiva datto me tvayaiva vinipātitaḥ / gṛhāṇa kuṇḍale ceme pālayāsya ca saṃtatim //
'Dieser wurde eben von dir mir gegeben, und eben von dir wurde er [nun auch] zu Fall gebracht; nimm diese Ohrringe, und beschütze seine Nachkommenschaft.'
'Zur Erleichterung eben meiner Bürde ist der Erhabene mit einem Teil [seines Wesens] in diese Welt gekommen, o Herr, [dessen] Antlitz voller Gnade [ist].'
tvaṃ kartā ca vikartā ca saṃhartā prabhavo 'vyayaḥ / jagatsvarūpo yaś ca tvaṃ stūyase 'cyuta kiṃ mayā //
'Du bist der Schöpfer und der Umgestalter, der Zerstörer, der unvergängliche Ursprung, und der, dessen eigene Gestalt die Welt selbst ist — wie [könnte] ich dich, o Unvergänglicher, [angemessen] preisen?'
Wort für Wort
tvaṃ kartā ca vikartā ca
du bist der Schöpfer und der Umgestalter
saṃhartā prabhavo 'vyayaḥ
der Zerstörer, der unvergängliche Ursprung
jagatsvarūpo yaś ca tvaṃ
und der, dessen Gestalt die Welt selbst ist, der du [bist]
stūyase 'cyuta kiṃ mayā
wie sollst du, o Unvergänglicher, von mir gepriesen werden
'Der Durchdringende und der Durchdrungene, die Handlung, der Handelnde und das Werk [bist du], o Erhabener, stets — [du,] dessen Selbst das Selbst aller Wesen geworden ist — wie [könnte] ich dich, o Unvergänglicher, [angemessen] preisen?'
Wort für Wort
vyāpī vyāpyaḥ
der Durchdringende und der Durchdrungene
kriyā kartā kāryaṃ ca
die Handlung, der Handelnde, und das Werk
bhagavān sadā
der Erhabene, stets
sarvabhūtātmabhūtātmā stūyase 'cyuta kiṃ mayā
dessen Selbst das Selbst aller Wesen geworden ist — wie sollst du von mir gepriesen werden
paramātmā tvam ātmā ca bhūtātmā cāvyayo bhavān / yadā tadā stutir nāsti kimarthaṃ te pravartatām //
'Du bist der höchste Ātman und [zugleich der individuelle] Ātman, und der unvergängliche Ātman der Wesen — wenn [dies so ist], gibt es kein [angemessenes] Lob; wozu also sollte [Lob] für dich hervorgebracht werden?'
Wort für Wort
paramātmā tvam ātmā ca
du bist der höchste Ātman und [der individuelle] Ātman
prasīda sarvabhūtātman narakena kṛtaṃ ca yat / tat kṣamyatām adoṣāya matsutaḥ sa nipātitaḥ //
'Sei gnädig, o Selbst aller Wesen; was von Naraka getan wurde, das möge, da mein Sohn [ja bereits] zu Fall gebracht wurde, ohne [weitere] Schuld verziehen werden.'
Vyāsa sprach: 'So sei es', zur Erde gesprochen habend, nahm der Erhabene, der Erzeuger der Wesen, die Juwelen aus Narakas Wohnstatt, o Beste der Weisen.
kanyāpure sa kanyānāṃ ṣoḍaśātulavikramaḥ / śatādhikāni dadṛśe sahasrāṇi dvijottamāḥ //
Im Mädchengemach sah er, der von unvergleichlicher Kraft, sechzehntausendundeinhundert Mädchen, o Beste der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
kanyāpure sa kanyānāṃ
im Mädchengemach, er, der Mädchen
ṣoḍaśātulavikramaḥ
der von unvergleichlicher Kraft, sechzehn[tausend]
śatādhikāni dadṛśe sahasrāṇi
sah er über hundert[fach vermehrte] Tausende
dvijottamāḥ
o Beste der Zweifachgeborenen
[Anm.: Bezug auf die bekannte Tradition der 16.100 von Naraka gefangen gehaltenen Prinzessinnen, die Kṛṣṇa befreit und (in anderen Purāṇa-Fassungen) heiratet.]