Kapitel 31: sūryanāmastavavarṇanam
Die Sonne als Wurzel von Zeit und Welt, ihre vierundzwanzig Namen und der 'König der Lobpreisungen'
Brahmā legt dar, dass die Sonne Wurzel und höchste Gottheit der dreifachen Welt ist, aus der alles entsteht und in die alles vergeht, und von der Zeitrechnung, Jahreszeiten, Ackerbau und alle Weltordnung abhängen; ihre je nach Jahreszeit wechselnde Farbe wird beschrieben. Es folgen ihre vierundzwanzig gebräuchlichen Namen (zwölf allgemeine und die zwölf Monats-Ādityas) samt einer detaillierten, teils zahlenmystischen Aufstellung ihrer wechselnden Strahlenzahl im Jahreslauf. Auf die Frage der Weisen nach der Frucht der 'tausend Namen' antwortet Brahmā mit einem kompakten, einundzwanzig Namen umfassenden Lobpreis (dem 'Stavarāja', 'König der Lobpreisungen'), der ebenso wirksam sei und bei täglicher Rezitation an den beiden Dämmerungen von aller Sünde befreie.
{Brahmā sprach:} Die ganze dreifache Welt hat die Sonne zur Wurzel, o ihr Besten der Weisen; aus ihr entsteht die ganze Welt samt Göttern, Asuras und Menschen.
Wort für Wort
āditya-mūlam akhilam trailokyam
die Sonne zur Wurzel habend, die ganze dreifache Welt
Von Rudra, Upendra und Mahendra, von den Brahmanenfürsten und den Himmelsbewohnern, und auch von den hochglänzenden Wesen — er ist der allen Welten gemeinsame Glanz.
sūryāt prasūyate sarvaṃ tatra caiva pralīyate / bhāvābhāvau hi lokānām ādityān niḥsṛtau purā //
Aus der Sonne wird alles hervorgebracht, und dorthin löst es sich auch wieder auf; Entstehen und Vergehen der Welten sind einst aus der Sonne hervorgegangen.
etat tu dhyānināṃ dhyānaṃ mokṣaś cāpy eṣa mokṣiṇām / tatra gacchanti nirvāṇaṃ jāyante 'smāt punaḥ punaḥ //
Dies aber ist die Meditation der Meditierenden, und dies ist auch die Erlösung der nach Erlösung Strebenden; dorthin gehen sie zum Verlöschen, aus ihr werden sie wieder und wieder geboren.
Wort für Wort
etat tu dhyāninām dhyānam
dies aber ist die Meditation der Meditierenden
mokṣaḥ ca api eṣa mokṣiṇām
und dies ist auch die Erlösung der nach Erlösung Strebenden
ṛtūnām avibhāgaś ca tataḥ puṣpaphalaṃ kutaḥ / kuto vai sasyaniṣpattis tṛṇauṣadhigaṇaḥ kutaḥ //
...und keine Unterscheidung der Jahreszeiten; woher käme dann Blüte und Frucht, woher wahrlich das Reifen der Feldfrucht, woher die Fülle der Gräser und Pflanzen?
abhāvo vyavahārāṇāṃ jantūnāṃ divi ceha ca / jagatprabhāvād viśate bhāskarād vāritaskarāt //
[Ohne die Sonne wäre] das Fehlen rechter Ordnung der Geschöpfe, im Himmel und hier auf Erden; durch die Weltmacht der Sonne, die dem Meer sein Wasser 'raubt' [um es als Regen zu spenden], tritt Ordnung ein.
Wort für Wort
abhāvaḥ vyavahārāṇām
Nichtvorhandensein der [rechten] Ordnung
jantūnām divi ca iha ca
der Geschöpfe, im Himmel und hier
jagat-prabhāvāt viśate
durch die Macht der Welt tritt ein
bhāskarāt vāri-taskarāt
von der Sonne, dem Wasser-Räuber
[Anm.: Die Satzkonstruktion von V.10 ist elliptisch und die genaue Logik unsicher; der Sinn scheint zu sein, dass ohne die Sonne (die als 'Wasserdieb' das Meerwasser durch Verdunstung 'raubt', um es als Regen zurückzugeben) alle Ordnung der Wesen zusammenbräche.]
Nicht durch Regenlosigkeit erhitzt sich die Sonne, nicht durch Regenlosigkeit vertrocknet sie, nicht durch Regenlosigkeit trägt sie einen Sonnenhof — durch Wasser leuchtet die Sonne.
ṛtusvabhāvavarṇaiś ca sūryaḥ kṣemasubhikṣakṛt / athādityasya nāmāni sāmānyāni dvijottamāḥ //
Und mit den den Jahreszeiten eigenen Farben bewirkt die Sonne Sicherheit und gute Ernte. Nun die allgemeinen Namen der Sonne, o ihr Besten der Zweifachgeborenen —
Mit zwölfhundert Strahlen leuchtet Viṣṇu stets, er leuchtet mit tausend Strahlen, und Aryaman mit dreihundert.
Wort für Wort
śataiḥ dvādaśabhiḥ viṣṇuḥ
mit zwölf Hundertschaften Viṣṇu
raśmibhiḥ dīpyate sadā
an Strahlen leuchtet er stets
dīpyate go-sahasreṇa
er leuchtet mit tausend Strahlen
śataiḥ ca tribhiḥ aryamā
und mit drei Hundertschaften Aryaman
[Anm.: Die Zahlenangaben in V.22-25 zu den Strahlenzahlen der einzelnen Ādityas sind teils widersprüchlich formuliert (V.22 scheint für Viṣṇu sowohl '1200' als auch '1000' zu nennen) und folgen offenbar einer komplexen, nicht mehr vollständig rekonstruierbaren Zahlensymbolik; wörtlich ohne Glättung wiedergegeben.]
Beim Beginn der südlichen Sonnenwende nehmen die Sonnenstrahlen wiederum ab; so ist die Tausendzahl der Strahlen eine Gnade, die von der Sonnenwelt ausgeht.
So sind vierundzwanzig Namen [zwölf allgemeine und zwölf der Monatsgottheiten], jeder einzeln genannt; ausführlich aber gibt es tausend Namen, die anderswo verkündet werden.
ye tannāmasahasreṇa stuvanty arkaṃ prajāpate / teṣāṃ bhavati kiṃ puṇyaṃ gatiś ca parameśvara //
{Die Weisen sprachen:} Welche mit jenen tausend Namen die Sonne preisen, o Prajāpati, welches Verdienst entsteht ihnen, und welches Ziel, o höchster Herr?
{Brahmā sprach:} Hört, o ihr Tiger unter den Weisen, das Wesenhafte, Ewige — genug mit den tausend Namen, [ausreichend ist es,] so diesen heilvollen Lobpreis zu rezitieren.
...der Weltzeuge, der Herr der drei Welten, der Schöpfer, der Zerstörer, der Finsternis-Vernichter, der Erhitzende, der Brennende, der Reine, der auf sieben Rossen Fahrende,
Wort für Wort
loka-sākṣī trilokeśaḥ
der Weltzeuge, der Herr der drei Welten
kartā hartā tamisrahā
der Schöpfer, der Zerstörer, der Finsternis-Vernichter
Wer, o ihr Besten der Zweifachgeborenen, mit diesem Lobpreis an den zwei Dämmerungen, bei Untergang und Aufgang, rein geworden, die Sonne preist, wird von aller Sünde befreit.
Wort für Wort
yaḥ etena dvija-śreṣṭhāḥ
wer mit diesem, o Beste der Zweifachgeborenen
dvi-saṃdhye astamana-udaye
an den zwei Dämmerungen, bei Untergang und Aufgang
Geistig, sprachlich oder auch körperlich entstandene, ebenso aus früherer Tat entstandene Sünde — das alles vergeht durch ein einziges Murmelgebet in der Gegenwart der Sonne.
ekajapyaś ca homaś ca saṃdhyopāsanam eva ca / dhūpamantrārghyamantraś ca balimantras tathaiva ca //
Das einmalige Murmelgebet und das Feueropfer und auch die Dämmerungsverehrung, das Räucherwerk-Mantra und das Ehrengaben-Mantra, und ebenso das Opfergaben-Mantra...
...bei der Speisegabe und der Gabe, bei der Niederwerfung, bei der Umwandlung angewandt — dieser große, verehrte Mantra ist heilvoll und vernichtet alle Sünde.