Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 79: tryambakavārāhatīrthamāhātmyavarṇanam Die Pilgerstätten Tryambaka und Vārāha

Nārada bittet um die einzelnen Verdienste der Pilgerstätten des Puruṣottama-Kṣetra samt ihren Legenden. Brahmā nennt zunächst Tryambaka, wo Śiva selbst sichtbar zugegen war, dann ausführlicher Vārāha: Als der Rākṣasa Sindhusena das Weltopfer raubt und in die Unterwelt entführt, wodurch die Erde opferlos wird, nimmt Viṣṇu die Ebergestalt (Varāha) an, durchbricht die Erde auf demselben Weg, den einst die Gaṅgā nahm, erschlägt die Dämonen und trägt das Opfer im Maul zurück zur Erde, wo er sich am Ursprung der Gaṅgā das Blut abwäscht (Ursprung des Vārāha-Teichs). Seitdem heißt das Hauptgerät des Opfers, der Opferlöffel (Sruva), nach dieser Episode; die Pilgerstätte Vārāha gilt seither als höchst heilig, Baden und Ahnengedenken dort gewähren höchsten Verdienst.

{nārada uvāca:} na manas tṛptim ādhatte kathāḥ śṛṇvat tvayeritāḥ / pṛthak tīrthaphalaṃ śrotuṃ pravṛttaṃ mama mānasam //

{Nārada sprach:} Mein Geist findet keine Sättigung, obwohl ich die von dir erzählten Geschichten höre; mein Sinn ist darauf gerichtet, den je einzelnen Verdienst der Pilgerstätten zu hören.

Wort für Wort
na manaḥ tṛptim ādhatte
mein Geist findet keine Sättigung
kathāḥ śṛṇvat tvayā īritāḥ
obwohl ich die von dir erzählten Geschichten höre
pṛthak tīrtha-phalam śrotum
den je einzelnen Verdienst der Pilgerstätten zu hören
pravṛttam mama mānasam
ist mein Sinn darauf gerichtet

kramaśo brāhmaṇānītāṃ gaṅgāṃ me prathamaṃ vada / pṛthak tīrthaphalaṃ puṇyaṃ setihāsaṃ yathākramam //

Erzähle mir zunächst der Reihe nach von der durch den Brahmanen herbeigeführten Gaṅgā, [und dann] den je einzelnen heiligen Verdienst der Pilgerstätten samt ihrer Legende, in gehöriger Ordnung.

Wort für Wort
kramaśaḥ brāhmaṇa-ānītām gaṅgām
der Reihe nach von der durch den Brahmanen herbeigeführten Gaṅgā
me prathamam vada
erzähle mir zunächst
pṛthak tīrtha-phalam puṇyam
den je einzelnen heiligen Verdienst der Pilgerstätten
sa-itihāsam yathā-kramam
samt ihrer Legende, in gehöriger Ordnung

[Anm.: Da die Gautamī-Gaṅgā-Erzählung soeben abgeschlossen wurde (Kap.74-78), ist dies wohl als zusammenfassende Übergangsbitte zu verstehen, mit der Nārada nun zum systematischen Tīrtha-Katalog des Puruṣottama-Kṣetra überleitet.]

{brahmovāca:} tīrthānāṃ ca pṛthag bhāvaṃ phalaṃ māhātmyam eva ca / sarvaṃ vaktuṃ na śaknomi na ca tvaṃ śravaṇe kṣamaḥ //

{Brahmā sprach:} Das je eigene Wesen, den Verdienst und auch die Größe der Pilgerstätten alle zu verkünden vermag ich nicht, und auch du wärest nicht imstande, alles zu hören.

Wort für Wort
tīrthānām ca pṛthak bhāvam
das je eigene Wesen der Pilgerstätten
phalam māhātmyam eva ca
den Verdienst und auch die Größe
sarvam vaktum na śaknomi
alles zu verkünden vermag ich nicht
na ca tvam śravaṇe kṣamaḥ
und auch du wärest nicht imstande, es zu hören

tathāpi kiṃcid vakṣyāmi śṛṇu nārada yatnataḥ / yāny uktāni ca tīrthāni śrutivākyāni yāni ca /

Dennoch will ich einiges verkünden; höre aufmerksam, Nārada: die Pilgerstätten, die genannt wurden, und diejenigen, [von denen] die Worte der Schrift [berichten],

Wort für Wort
tathā api kiṃcit vakṣyāmi
dennoch will ich einiges verkünden
śṛṇu nārada yatnataḥ
höre aufmerksam, Nārada
yāni uktāni ca tīrthāni
die Pilgerstätten, die genannt wurden
śruti-vākyāni yāni ca
und diejenigen, [von denen] die Worte der Schrift [berichten]

tāni vakṣyāmi saṃkṣepān namaskṛtvā trilocanam / yatrāsau bhagavān āsīt pratyakṣas tryambako mune //

diese will ich in Kürze verkünden, nachdem ich dem Dreiäugigen Verehrung erwiesen habe; [ich beginne dort,] wo jener erhabene Dreiäugige [Śiva] sichtbar zugegen war, o Weiser.

Wort für Wort
tāni vakṣyāmi saṃkṣepāt
diese will ich in Kürze verkünden
namaskṛtvā trilocanam
nachdem ich dem Dreiäugigen Verehrung erwiesen habe
yatra asau bhagavān āsīt
wo jener erhabene [Gott]
pratyakṣaḥ tryambakaḥ mune
sichtbar der Dreiäugige zugegen war, o Weiser

tryambakaṃ nāma tat tīrthaṃ bhuktimuktipradāyakam / vārāham aparaṃ tīrthaṃ triṣu lokeṣu viśrutam /

Tryambaka heißt jene Pilgerstätte, Genuss und Erlösung gewährend; eine andere Pilgerstätte ist Vārāha, berühmt in den drei Welten.

Wort für Wort
tryambakam nāma tat tīrtham
Tryambaka heißt jene Pilgerstätte
bhukti-mukti-pradāyakam
Genuss und Erlösung gewährend
vārāham aparam tīrtham
eine andere Pilgerstätte, Vārāha
triṣu lokeṣu viśrutam
berühmt in den drei Welten

tasya rūpaṃ pravakṣyāmi nāma viṣṇor yathābhavat / purā devān parābhūya yajñam ādāya rākṣasaḥ /

Ihre Beschaffenheit will ich verkünden – wie der [zugehörige] Name Viṣṇus entstand: Einst überwältigte ein Rākṣasa die Götter und nahm das Opfer,

Wort für Wort
tasya rūpam pravakṣyāmi
ihre Beschaffenheit will ich verkünden
nāma viṣṇoḥ yathā abhavat
wie der Name Viṣṇus [dazu] entstand
purā devān parābhūya
einst, nachdem er die Götter überwältigt hatte
yajñam ādāya rākṣasaḥ
nahm ein Rākṣasa das Opfer

rasātalam anuprāptaḥ sindhusena iti śrutaḥ / yajñe talam anuprāpte niryajñā hy abhavan mahī //

und gelangte damit zur Unterwelt – bekannt als Sindhusena; als das Opfer die Tiefe erreicht hatte, wurde die Erde opferlos.

Wort für Wort
rasātalam anuprāptaḥ
und gelangte zur Unterwelt
sindhusenaḥ iti śrutaḥ
bekannt als Sindhusena
yajñe talam anuprāpte
als das Opfer die Tiefe erreicht hatte
niryajñā hi abhavan mahī
wurde die Erde opferlos

nāyaṃ loko 'sti na paro yajñe naṣṭa itītvarāḥ / surās tam eva viviśū rasātalam anudviṣam //

'Weder diese Welt besteht noch die andere, da das Opfer verloren ist' – so bestürzt, drangen die Götter, ohne Feindseligkeit, eben in jene Unterwelt ein.

Wort für Wort
na ayam lokaḥ asti na paraḥ
weder diese Welt besteht noch die andere
yajñe naṣṭe iti itvarāḥ
da das Opfer verloren ist, so bestürzt
surāḥ tam eva viviśuḥ
drangen die Götter eben [in jene] ein
rasātalam anudviṣam
in die Unterwelt, ohne Feindseligkeit

[Anm.: 'anudviṣam' ('ohne Feindseligkeit/unerschrocken') bleibt in seinem genauen Bezug unklar – hier auf die Haltung der eindringenden Götter bezogen; eine Deutung als Beiname des Rākṣasa oder der Unterwelt ist ebenso denkbar.]

nāśaknuvaṃs tu taṃ jetuṃ devā indrapurogamāḥ / viṣṇuṃ purāṇapuruṣaṃ gatvā tasmai nyavedayan //

Doch unfähig, ihn zu besiegen, gingen die Götter, mit Indra an der Spitze, zu Viṣṇu, dem uralten Puruṣa, und berichteten ihm

Wort für Wort
na aśaknuvan tu tam jetum
doch unfähig, ihn zu besiegen
devāḥ indra-purogamāḥ
die Götter, mit Indra an der Spitze
viṣṇum purāṇa-puruṣam gatvā
gingen zu Viṣṇu, dem uralten Puruṣa
tasmai nyavedayan
und berichteten ihm

rākṣasasya tu tat karma yajñabhraṃśam aśeṣataḥ / tataḥ provāca bhagavān vārāhaṃ vapur āsthitaḥ //

die Tat des Rākṣasa, den vollständigen Verlust des Opfers; da sprach der erhabene Herr, die Gestalt des Ebers [Varāha] annehmend:

Wort für Wort
rākṣasasya tu tat karma
die Tat des Rākṣasa
yajña-bhraṃśam aśeṣataḥ
den vollständigen Verlust des Opfers
tataḥ provāca bhagavān
da sprach der erhabene Herr
vārāham vapuḥ āsthitaḥ
die Gestalt des Ebers annehmend

{śrībhagavān uvāca:} śaṅkhacakragadāpāṇir gatvā caiva rasātalam / ānayiṣye makhaṃ puṇyaṃ hatvā rākṣasapuṃgavān //

{Der erhabene Herr sprach:} 'Mit Muschelhorn, Diskus und Keule bewaffnet, zur Unterwelt gegangen, werde ich das heilige Opfer zurückholen, nachdem ich den Ersten der Rākṣasas erschlagen habe.'

Wort für Wort
śaṅkha-cakra-gadā-pāṇiḥ
mit Muschelhorn, Diskus und Keule bewaffnet
gatvā ca eva rasātalam
zur Unterwelt gegangen
ānayiṣye makham puṇyam
werde ich das heilige Opfer zurückholen
hatvā rākṣasa-puṃgavān
nachdem ich den Ersten der Rākṣasas erschlagen habe

svaḥ prayāntu surāḥ sarve vyetu vo mānaso jvaraḥ / yena gaṅgā talaṃ prāptā pathā tenaiva cakradhṛk //

'Alle Götter mögen zum Himmel gehen; euer Seelenfieber vergehe.' Auf demselben Weg, auf dem die Gaṅgā die Tiefe erreicht hatte, [ging] der Diskusträger [Viṣṇu]

Wort für Wort
svaḥ prayāntu surāḥ sarve
alle Götter mögen zum Himmel gehen
vyetu vaḥ mānasaḥ jvaraḥ
euer Seelenfieber vergehe
yena gaṅgā talam prāptā
auf demselben [Weg], auf dem die Gaṅgā die Tiefe erreicht hatte
pathā tena eva cakra-dhṛk
auf ebendiesem Weg der Diskusträger

jagāma tarasā putra bhuvaṃ bhittvā rasātalam / sa varāhavapuḥ śrīmān rasātalanivāsinaḥ /

eilends, mein Sohn, die Erde durchbrechend, zur Unterwelt; jener glanzvolle, in Ebergestalt, [ging] zu den Bewohnern der Unterwelt,

Wort für Wort
jagāma tarasā putra
ging eilends, mein Sohn
bhuvam bhittvā rasātalam
die Erde durchbrechend, zur Unterwelt
sa varāha-vapuḥ śrīmān
jener glanzvolle, in Ebergestalt
rasātala-nivāsinaḥ
zu den Bewohnern der Unterwelt

rākṣasān dānavān hatvā mukhe dhṛtvā mahādhvaram / vārāharūpī bhagavān makham ādāya yajñabhuk //

und nachdem er die Rākṣasas und Dānavas erschlagen und das große Opfer in seinem Maul gehalten hatte, [ging] der erhabene Herr, in Ebergestalt, den Opferverzehrer, das Opfer aufnehmend,

Wort für Wort
rākṣasān dānavān hatvā
nachdem er die Rākṣasas und Dānavas erschlagen hatte
mukhe dhṛtvā mahā-adhvaram
und das große Opfer im Maul gehalten hatte
vārāha-rūpī bhagavān
der erhabene Herr in Ebergestalt
makham ādāya yajña-bhuk
das Opfer aufnehmend, der Opferverzehrer

yena prāpa talaṃ viṣṇuḥ pathā tenaiva śatrujit / mukhe nyasya mahāyajñaṃ niścakrāma rasātalāt //

auf demselben Weg, auf dem Viṣṇu die Tiefe erreicht hatte, der Feindbezwinger, [zurück]; nachdem er das große Opfer in seinem Maul niedergelegt hatte, trat er aus der Unterwelt hervor.

Wort für Wort
yena prāpa talam viṣṇuḥ
auf demselben [Weg], auf dem Viṣṇu die Tiefe erreicht hatte
pathā tena eva śatru-jit
auf ebendiesem Weg, der Feindbezwinger
mukhe nyasya mahā-yajñam
nachdem er das große Opfer im Maul niedergelegt hatte
niścakrāma rasātalāt
trat er aus der Unterwelt hervor

tatra brahmagirau devāḥ pratīkṣāṃ cakrire hareḥ / pathas tasmād viniḥsṛtya gaṅgāsravaṇam abhyagāt //

Dort auf dem Brahmagiri warteten die Götter auf Hari; nachdem er jenem Weg entstiegen war, ging er zur Quellstelle der Gaṅgā,

Wort für Wort
tatra brahma-girau devāḥ
dort auf dem Brahmagiri die Götter
pratīkṣām cakrire hareḥ
warteten sie auf Hari
pathaḥ tasmāt viniḥsṛtya
nachdem er jenem Weg entstiegen war
gaṅgā-sravaṇam abhyagāt
ging er zur Quellstelle der Gaṅgā

prākṣālayac ca svāṅgāni asṛgliptāni nārada / gaṅgāmbhasā tatra kuṇḍaṃ vārāham abhavat tataḥ //

und wusch dort seine mit Blut befleckten Glieder mit dem Wasser der Gaṅgā, o Nārada; ein Teich [namens] Vārāha entstand dort daraufhin.

Wort für Wort
prākṣālayat ca sva-aṅgāni
und wusch seine eigenen Glieder
asṛk-liptāni nārada
die mit Blut befleckten, o Nārada
gaṅgā-ambhasā tatra kuṇḍam
mit dem Wasser der Gaṅgā dort ein Teich
vārāham abhavat tataḥ
[namens] Vārāha entstand daraufhin

mukhe nyastaṃ mahāyajñaṃ devānāṃ purato hariḥ / dattavāṃs tridaśaśreṣṭho mukhād yajño 'bhyajāyata //

Das im Maul niedergelegte große Opfer gab Hari, der Beste der Götter, vor den Göttern zurück; aus dem Maul wurde das Opfer [neu] geboren.

Wort für Wort
mukhe nyastam mahā-yajñam
das im Maul niedergelegte große Opfer
devānām purataḥ hariḥ
vor den Göttern Hari
dattavān tridaśa-śreṣṭhaḥ
gab zurück, der Beste der Götter
mukhāt yajñaḥ abhyajāyata
aus dem Maul wurde das Opfer [neu] geboren

tataḥ prabhṛti yajñāṅgaṃ pradhānaṃ sruva ucyate / vārāharūpam abhavad evaṃ vai kāraṇāntarāt //

Seit damals wird das Hauptglied des Opfers 'Sruva' [Opferlöffel] genannt; er nahm auf diese Weise, aus eben diesem besonderen Grund, die Ebergestalt an.

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti yajña-aṅgam
seit damals das Glied des Opfers
pradhānam sruvaḥ ucyate
das Hauptglied wird 'Sruva' genannt
vārāha-rūpam abhavat
er nahm die Ebergestalt an
evam vai kāraṇa-antarāt
auf diese Weise, aus eben diesem besonderen Grund

[Anm.: Diese ätiologische Bemerkung erklärt offenbar die eberschnauzenartige Form des rituellen Opferlöffels (Sruva) durch diesen Mythos.]

tasmāt puṇyatamaṃ tīrthaṃ vārāhaṃ sarvakāmadam / tatra snānaṃ ca dānaṃ ca sarvakratuphalapradam //

Deshalb ist die Pilgerstätte Vārāha höchst heilig, alle Wünsche gewährend; Baden und Geben dort gewährt die Frucht aller Opfer.

Wort für Wort
tasmāt puṇya-tamam tīrtham
deshalb ist die höchst heilige Pilgerstätte
vārāham sarva-kāma-dam
Vārāha, alle Wünsche gewährend
tatra snānam ca dānam ca
Baden und Geben dort
sarva-kratu-phala-pradam
gewährt die Frucht aller Opfer

tatra sthito 'pi yaḥ kaścit pitṝn smarati puṇyakṛt / vimuktāḥ sarvapāpebhyaḥ pitaraḥ svargam āpnuyuḥ //

Wer auch immer dort weilt und, fromm handelnd, der Ahnen gedenkt – die Ahnen, von aller Sünde befreit, erlangen den Himmel.

Wort für Wort
tatra sthitaḥ api yaḥ kaścit
wer auch immer dort weilt
pitṝn smarati puṇya-kṛt
und, fromm handelnd, der Ahnen gedenkt
vimuktāḥ sarva-pāpebhyaḥ
von aller Sünde befreit
pitaraḥ svargam āpnuyuḥ
erlangen die Ahnen den Himmel

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