Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 109: cakratīrthamāhātmyavarṇanam Die Größe des Cakra-Tīrtha (Dakṣas Opfer, Verlust und Wiedererlangung von Viṣṇus Diskus)

Als Dakṣa bei seinem großen Opfer Śiva nicht einlädt und ihn schmäht, verbrennt sich seine Tochter Dākṣāyaṇī (Satī) aus Zorn und Scham selbst durch Yoga-Kraft; Śiva sendet daraufhin Vīrabhadra und Bhadrakālī, die das Opfer verwüsten und mehreren Göttern (Pūṣan, Indra, Bhaga, Sūrya) Gewalt antun. Als ein Gaṇa Śivas sogar Viṣṇus zur Rettung geschleuderten Diskus (Cakra) verschlingt und dabei unverwundbar wird, muss Dakṣa selbst Śiva mit einer ausführlichen Hymne besänftigen, woraufhin dieser das Opfer vollendet. Eine zweite, ähnliche Episode (Ursprung des Cakra-Tīrtha selbst) folgt bei einem späteren Götter-Daitya-Krieg: Viṣṇu, um seinen (offenbar wieder oder erneut) verlorenen Diskus zu erlangen, verehrt Śiva an der Gautamī mit täglich tausend goldenen Lotosblüten; als einmal eine Blüte fehlt, opfert er kurzerhand sein eigenes Auge als Ersatz, woraufhin Śiva und Pārvatī gerührt erscheinen, Viṣṇu umarmen und ihm sowohl den Diskus als auch sein Auge zurückgeben. [Anm.: Die Erzählung verbindet zwei ursprünglich unterschiedliche Traditionsstränge (Dakṣa-Yajña-Zerstörung und Cakra-Verlust-Episode) lose miteinander; eine Werszahl (V.45) fehlt in der Quelle (Nummerierungslücke). Zwei aufeinanderfolgende vierpādige Hymnenverse (V.41-42) in besonderem Versmaß; mehrere dreizeilige Verse (V.27, V.29, V.50, V.56).] Ursprung des Cakra-Tīrtha.

{brahmovāca:} cakratīrtham iti khyātaṃ brahmahatyādināśanam / yatra cakreśvaro devaś cakram āpa yato hariḥ //

{Brahmā sprach:} Als 'Cakratīrtha' bekannt, das Brahmanenmord und andere [Sünden] vernichtet – dort, wo der Gott Cakreśvara [wieder] seinen Diskus erlangte, [nämlich] Hari.

Wort für Wort
cakratīrtham iti khyātaṃ
als 'Cakratīrtha' bekannt
brahmahatyādināśanam
das Brahmanenmord und andere [Sünden] vernichtet
yatra cakreśvaro devaś
wo der Gott Cakreśvara
cakram āpa yato hariḥ
seinen Diskus erlangte, [nämlich] Hari

yatra viṣṇuḥ svayaṃ sthitvā cakrārthaṃ śaṃkaraṃ prabhuḥ / pūjayām āsa tat tīrthaṃ cakratīrtham udāhṛtam //

Wo Viṣṇu selbst weilte und, um den Diskus [zu erlangen], den Gebieter Śaṃkara verehrte – jenes Tīrtha wird 'Cakratīrtha' genannt.

Wort für Wort
yatra viṣṇuḥ svayaṃ sthitvā
wo Viṣṇu selbst weilte
cakrārthaṃ śaṃkaraṃ prabhuḥ
um des Diskus willen den Gebieter Śaṃkara
pūjayām āsa tat tīrthaṃ
verehrte, jenes Tīrtha
cakratīrtham udāhṛtam
wird 'Cakratīrtha' genannt

yasya śravaṇamātreṇa sarvapāpaiḥ pramucyate / dakṣakratau pravṛtte tu devānāṃ ca samāgame //

Durch dessen bloßes Anhören wird man von allen Sünden befreit – als Dakṣas Opfer im Gange war und die Götter versammelt waren,

Wort für Wort
yasya śravaṇamātreṇa
durch dessen bloßes Anhören
sarvapāpaiḥ pramucyate
wird man von allen Sünden befreit
dakṣakratau pravṛtte tu
als Dakṣas Opfer im Gange war
devānāṃ ca samāgame
und bei der Versammlung der Götter

dakṣeṇa dūṣite deve śive śarve maheśvare / anāhvāne sureśasya dakṣacitte malīmase //

als der Gott Śiva, Śarva, der große Gott, von Dakṣa geschmäht wurde, [nämlich] durch die Nicht-Einladung des Götterherrn, [entstanden] durch Dakṣas befleckte Gesinnung,

Wort für Wort
dakṣeṇa dūṣite deve
als der Gott von Dakṣa geschmäht wurde
śive śarve maheśvare
Śiva, Śarva, der große Gott
anāhvāne sureśasya
durch die Nicht-Einladung des Götterherrn
dakṣacitte malīmase
durch Dakṣas befleckte Gesinnung

dākṣāyaṇyā śrute vākye anāhvānasya kāraṇe / ahalyāyāṃ coktavatyāṃ kupitābhūt sureśvarī //

als Dākṣāyaṇī [Satī] den Grund der Nicht-Einladung vernommen hatte und [ihn einer Vertrauten namens?] Ahalyā mitgeteilt hatte, wurde die Göttin [der Götter] zornig.

Wort für Wort
dākṣāyaṇyā śrute vākye
als Dākṣāyaṇī das Wort vernommen hatte
anāhvānasya kāraṇe
den Grund der Nicht-Einladung
ahalyāyāṃ coktavatyāṃ
[ihn] der Ahalyā mitgeteilt habend [?]
kupitābhūt sureśvarī
wurde die Göttin der Götter zornig

[Anm.: die Erwähnung einer 'Ahalyā' an dieser Stelle bleibt unklar [?] – möglicherweise eine Vertraute der Dākṣāyaṇī, nicht identisch mit der aus Kap.87 bekannten Gautama-Gattin; die Lesart ist unsicher.]

pitaraṃ nāśaye pāpaṃ kṣameyaṃ na kathaṃcana / śṛṇvatī doṣavākyāni pitrā coktāni bhartari //

'Meinen sündigen Vater werde ich vernichten – verzeihen kann ich [ihm] in keiner Weise' – [so sprach sie], nachdem sie die tadelnden Worte gehört hatte, die vom Vater gegen [ihren] Gatten gesprochen worden waren.

Wort für Wort
pitaraṃ nāśaye pāpaṃ
meinen sündigen Vater werde ich vernichten
kṣameyaṃ na kathaṃcana
verzeihen kann ich in keiner Weise
śṛṇvatī doṣavākyāni
die tadelnden Worte gehört habend
pitrā coktāni bhartari
die vom Vater gegen den Gatten gesprochen worden waren

patyuḥ śṛṇvanti yā nindāṃ tāsāṃ pāpāvadhiḥ kutaḥ / yādṛśas tādṛśo vāpi patiḥ strīṇāṃ parā gatiḥ //

'Für jene Frauen, die die Schmähung ihres Gatten mit anhören, wo gäbe es da noch eine Grenze der Sünde? Wie auch immer er beschaffen sei, der Gatte ist für Frauen die höchste Zuflucht.'

Wort für Wort
patyuḥ śṛṇvanti yā nindāṃ
die die Schmähung des Gatten mit anhören
tāsāṃ pāpāvadhiḥ kutaḥ
für jene, wo [gäbe es] eine Grenze der Sünde
yādṛśas tādṛśo vāpi
wie auch immer beschaffen
patiḥ strīṇāṃ parā gatiḥ
ist der Gatte für Frauen die höchste Zuflucht

kiṃ punaḥ sakalādhīśo mahādevo jagadguruḥ / śrutaṃ tannindanaṃ tarhi dhārayāmi na dehakam //

'Wie viel mehr gilt dies, wenn er der Allherrscher, der große Gott, der Weltenlehrer ist! Da nun dessen Schmähung gehört wurde, werde ich diesen Körper nicht länger tragen.'

Wort für Wort
kiṃ punaḥ sakalādhīśo
wie viel mehr, wenn er der Allherrscher
mahādevo jagadguruḥ
der große Gott, der Weltenlehrer [ist]
śrutaṃ tannindanaṃ tarhi
da nun dessen Schmähung gehört wurde
dhārayāmi na dehakam
werde ich den Körper nicht [länger] tragen

tasmāt tyakṣya imaṃ deham ity uktvā sā mahāsatī / kopena mahatāviṣṭā prajajvāla sureśvarī //

'Darum werde ich diesen Körper aufgeben' – so gesprochen habend, entbrannte jene große Getreue [Satī], von gewaltigem Zorn erfüllt, die Göttin, [in Flammen].

Wort für Wort
tasmāt tyakṣya imaṃ deham
darum werde ich diesen Körper aufgeben
ity uktvā sā mahāsatī
so gesprochen habend, jene große Getreue
kopena mahatāviṣṭā
von gewaltigem Zorn erfüllt
prajajvāla sureśvarī
entbrannte die Göttin der Götter

śivaikacetanā dehaṃ balād yogāc ca tatyaje / maheśvaro 'pi sakalaṃ vṛttam ākarṇya nāradāt //

Allein auf Śiva ihren Sinn gerichtet, gab sie den Körper mit Gewalt durch Yoga auf; auch der große Gott, nachdem er das ganze Geschehen von Nārada vernommen hatte,

Wort für Wort
śivaikacetanā dehaṃ
allein auf Śiva den Sinn gerichtet, den Körper
balād yogāc ca tatyaje
gab sie mit Gewalt durch Yoga auf
maheśvaro 'pi sakalaṃ
auch der große Gott, das ganze
vṛttam ākarṇya nāradāt
Geschehen von Nārada vernommen habend

dṛṣṭvā cukopa papraccha jayāṃ ca vijayāṃ tathā / te ūcatur ubhe devaṃ dakṣakratuvināśanam //

erzürnte, als er es sah, und fragte Jayā und ebenso Vijayā; die beiden sprachen zum Gott von der Vernichtung des Opfers Dakṣas.

Wort für Wort
dṛṣṭvā cukopa papraccha
es sehend, erzürnte er und fragte
jayāṃ ca vijayāṃ tathā
Jayā und ebenso Vijayā
te ūcatur ubhe devaṃ
die beiden sprachen zum Gott
dakṣakratuvināśanam
von der Vernichtung des Opfers Dakṣas

dākṣāyaṇyā iti śrutvā makhaṃ prāyān maheśvaraḥ / bhīmair gaṇaiḥ parivṛto bhūtanāthaiḥ samaṃ yayau //

Nachdem er dies über Dākṣāyaṇī gehört hatte, zog der große Gott zum Opfer; von furchtbaren Scharen umgeben, zog er zusammen mit den Herren der [Geister-]Wesen.

Wort für Wort
dākṣāyaṇyā iti śrutvā
dies über Dākṣāyaṇī gehört habend
makhaṃ prāyān maheśvaraḥ
zog der große Gott zum Opfer
bhīmair gaṇaiḥ parivṛto
von furchtbaren Scharen umgeben
bhūtanāthaiḥ samaṃ yayau
zog er zusammen mit den Herren der Wesen

makhas tair veṣṭitaḥ sarvo devabrahmapuraskṛtaḥ / dakṣeṇa yajamānena śuddhabhāvena rakṣitaḥ //

Das Opfer, ganz von ihnen umgeben, von Göttern und Brahmanen angeführt, von Dakṣa, dem Opferherrn, in reiner Gesinnung beschützt,

Wort für Wort
makhas tair veṣṭitaḥ sarvo
das Opfer, ganz von ihnen umgeben
devabrahmapuraskṛtaḥ
von Göttern und Brahmanen angeführt
dakṣeṇa yajamānena
von Dakṣa, dem Opferherrn
śuddhabhāvena rakṣitaḥ
in reiner Gesinnung beschützt

vasiṣṭhādibhir atyugrair munibhiḥ parivāritaḥ / indrādityādyair vasubhiḥ sarvataḥparipālitaḥ //

von Vasiṣṭha und anderen überaus strengen Munis umringt, von Indra, den Ādityas und den Vasus von allen Seiten behütet,

Wort für Wort
vasiṣṭhādibhir atyugrair
von Vasiṣṭha und anderen überaus strengen
munibhiḥ parivāritaḥ
Munis umringt
indrādityādyair vasubhiḥ
von Indra, den Ādityas und den Vasus
sarvataḥparipālitaḥ
von allen Seiten behütet

ṛgyajuḥsāmavedaiś ca svāhāśabdair alaṃkṛtaḥ / śraddhā puṣṭis tathā tuṣṭiḥ śāntir lajjā sarasvatī //

durch Ṛg-, Yajur- und Sāmaveda sowie die Svāhā-Rufe geschmückt; von Śraddhā (Glaube), Puṣṭi (Gedeihen), Tuṣṭi (Zufriedenheit), Śānti (Frieden), Lajjā (Scham) und Sarasvatī [begleitet],

Wort für Wort
ṛgyajuḥsāmavedaiś ca
durch Ṛg-, Yajur- und Sāmaveda
svāhāśabdair alaṃkṛtaḥ
und die Svāhā-Rufe geschmückt
śraddhā puṣṭis tathā tuṣṭiḥ
Śraddhā, Puṣṭi und Tuṣṭi
śāntir lajjā sarasvatī
Śānti, Lajjā, Sarasvatī

bhūmir dyauḥ śarvarī kṣāntir uṣā āśā jayā matiḥ / etābhiś ca tathānyābhiḥ sarvataḥ samalaṃkṛtaḥ //

durch Bhūmi (Erde), Dyauḥ (Himmel), Śarvarī (Nacht), Kṣānti (Geduld), Uṣā (Morgenröte), Āśā (Hoffnung), Jayā (Sieg) und Mati (Verstand) sowie durch diese und andere [Personifikationen] von allen Seiten geschmückt,

Wort für Wort
bhūmir dyauḥ śarvarī kṣāntir
Bhūmi, Dyauḥ, Śarvarī, Kṣānti
uṣā āśā jayā matiḥ
Uṣā, Āśā, Jayā, Mati
etābhiś ca tathānyābhiḥ
durch diese und andere
sarvataḥ samalaṃkṛtaḥ
von allen Seiten geschmückt

tvaṣṭrā mahātmanā cāpi kārito viśvakarmaṇā / surabhir nandinī dhenuḥ kāmadhuk kāmadohinī //

auch von dem hochgesinnten Tvaṣṭṛ und von Viśvakarman veranstaltet; [dort waren auch] Surabhi, Nandinī, die Kuh, die Wunscherfüllende, die Wunschmelkende,

Wort für Wort
tvaṣṭrā mahātmanā cāpi
auch von dem hochgesinnten Tvaṣṭṛ
kārito viśvakarmaṇā
und von Viśvakarman veranstaltet
surabhir nandinī dhenuḥ
Surabhi, Nandinī, die Kuh
kāmadhuk kāmadohinī
die Wunscherfüllende, die Wunschmelkende

etābhiḥ kāmavarṣābhiḥ sarvakāmasamṛddhimān / kalpavṛkṣaḥ pārijāto latāḥ kalpalatādikāḥ //

durch diese wunscherfüllenden Regenspenderinnen an allen Wünschen reich; der Wunschbaum, der Pārijāta[-Baum], die Wunschranken und dergleichen,

Wort für Wort
etābhiḥ kāmavarṣābhiḥ
durch diese wunscherfüllenden Regenspenderinnen
sarvakāmasamṛddhimān
an allen Wünschen reich
kalpavṛkṣaḥ pārijāto
der Wunschbaum, der Pārijāta
latāḥ kalpalatādikāḥ
die Wunschranken und dergleichen

yad yad iṣṭatamaṃ kiṃcit tatra tasmin makhe sthitam / svayaṃ maghavatā pūṣṇā hariṇā parirakṣitaḥ //

was immer das Liebste war, alles befand sich bei jenem Opfer; von Maghavant [Indra] selbst, von Pūṣan, von Hari beschützt,

Wort für Wort
yad yad iṣṭatamaṃ kiṃcit
was immer das Liebste war
tatra tasmin makhe sthitam
das befand sich bei jenem Opfer
svayaṃ maghavatā pūṣṇā
von Maghavant [Indra] selbst, von Pūṣan
hariṇā parirakṣitaḥ
von Hari beschützt

dīyatāṃ bhujyatāṃ vāpi kriyatāṃ sthīyatāṃ sukham / etaiś ca sarvato vākyair dakṣasya pūjitaṃ makham //

'Es werde gegeben, es werde genossen, es werde getan, es werde glücklich verweilt' – mit diesen und ähnlichen Worten wurde von allen Seiten Dakṣas Opfer gepriesen.

Wort für Wort
dīyatāṃ bhujyatāṃ vāpi
es werde gegeben, es werde genossen
kriyatāṃ sthīyatāṃ sukham
es werde getan, es werde glücklich verweilt
etaiś ca sarvato vākyair
mit diesen Worten von allen Seiten
dakṣasya pūjitaṃ makham
wurde Dakṣas Opfer gepriesen

ādau tu vīrabhadro 'sau bhadrakālyā yuto yayau / śokakopaparītātmā paścāc chūlapinākadhṛk //

Zuerst zog jener Vīrabhadra, zusammen mit Bhadrakālī; danach, von Trauer und Zorn ergriffenen Sinnes, [Śiva selbst,] den Dreizack und den Pināka-Bogen tragend,

Wort für Wort
ādau tu vīrabhadro 'sau
zuerst jener Vīrabhadra
bhadrakālyā yuto yayau
zusammen mit Bhadrakālī zog er
śokakopaparītātmā
von Trauer und Zorn ergriffenen Sinnes
paścāc chūlapinākadhṛk
danach, Dreizack und Pināka tragend

abhyāyayau mahādevo mahābhūtair alaṃkṛtaḥ / tāni bhūtāni parito makhe veṣṭya maheśvaram //

kam der große Gott heran, von großen [Geister-]Wesen umgeben; jene Wesen umringten das Opfer ringsum, mit dem großen Gott [in ihrer Mitte],

Wort für Wort
abhyāyayau mahādevo
es kam heran der große Gott
mahābhūtair alaṃkṛtaḥ
von großen Wesen umgeben
tāni bhūtāni parito makhe
jene Wesen [umringten] ringsum das Opfer
veṣṭya maheśvaram
mit dem großen Gott [in der Mitte]

kratuṃ vidhvaṃsayām āsus tatra kṣobho mahān abhūt / palāyanta tataḥ kecit kecid gatvā tataḥ śivam //

und zerstörten das Opfer; dort entstand große Verwirrung; manche flohen, manche wandten sich Śiva zu,

Wort für Wort
kratuṃ vidhvaṃsayām āsus
sie zerstörten das Opfer
tatra kṣobho mahān abhūt
dort entstand große Verwirrung
palāyanta tataḥ kecit
manche flohen darauf
kecid gatvā tataḥ śivam
manche wandten sich Śiva zu

kecit stuvanti deveśaṃ kecit kupyanti śaṃkaram / evaṃ vidhvaṃsitaṃ yajñaṃ dṛṣṭvā pūṣā samabhyagāt //

manche priesen den Gott der Götter, manche zürnten Śaṃkara; als er das so zerstörte Opfer sah, näherte sich Pūṣan,

Wort für Wort
kecit stuvanti deveśaṃ
manche priesen den Gott der Götter
kecit kupyanti śaṃkaram
manche zürnten Śaṃkara
evaṃ vidhvaṃsitaṃ yajñaṃ
das so zerstörte Opfer
dṛṣṭvā pūṣā samabhyagāt
sehend, näherte sich Pūṣan

pūṣṇo dantān athotpāṭya indraṃ vyadrāvayat kṣaṇāt / bhagasya cakṣuṣī vipra vīrabhadro vyapāṭayat //

woraufhin man Pūṣans Zähne ausriss; Indra wurde im Nu in die Flucht geschlagen; Bhagas beide Augen, o Brahmane, riss Vīrabhadra heraus,

Wort für Wort
pūṣṇo dantān athotpāṭya
Pūṣans Zähne darauf ausreißend
indraṃ vyadrāvayat kṣaṇāt
wurde Indra im Nu in die Flucht geschlagen
bhagasya cakṣuṣī vipra
Bhagas beide Augen, o Brahmane
vīrabhadro vyapāṭayat
riss Vīrabhadra heraus

divākaraṃ punar dorbhyāṃ paribhrāmya samākṣipat / tataḥ suragaṇāḥ sarve viṣṇuṃ te śaraṇaṃ yayuḥ //

die Sonne wiederum, mit beiden Armen herumgeschwungen, warf man nieder; darauf suchten alle Götterscharen bei Viṣṇu Zuflucht.

Wort für Wort
divākaraṃ punar dorbhyāṃ
die Sonne wiederum, mit beiden Armen
paribhrāmya samākṣipat
herumgeschwungen, warf man nieder
tataḥ suragaṇāḥ sarve
darauf alle Götterscharen
viṣṇuṃ te śaraṇaṃ yayuḥ
suchten bei Viṣṇu Zuflucht

{devā ūcuḥ:} trāhi trāhi gadāpāṇe bhūtanāthakṛtād bhayāt / maheśvaragaṇaḥ kaścit pramathānāṃ tu nāyakaḥ / tena dagdho makhaḥ sarvo vaiṣṇavaḥ paśyato hareḥ //

{Die Götter sprachen:} 'Rette, rette, o Keulenträger, vor der Furcht, die vom Herrn der Geisterwesen bereitet wurde! Ein gewisser Gaṇa des großen Gottes, ein Anführer der Pramathas, hat durch [seine Tat] das ganze, Viṣṇu geweihte Opfer verbrannt, vor den Augen Haris.'

Wort für Wort
trāhi trāhi gadāpāṇe
rette, rette, o Keulenträger
bhūtanāthakṛtād bhayāt
vor der vom Herrn der Geisterwesen bereiteten Furcht
maheśvaragaṇaḥ kaścit
ein gewisser Gaṇa des großen Gottes
pramathānāṃ tu nāyakaḥ
ein Anführer der Pramathas
tena dagdho makhaḥ sarvo
durch ihn wurde das ganze Opfer verbrannt
vaiṣṇavaḥ paśyato hareḥ
das Viṣṇu geweihte, vor den Augen Haris

{brahmovāca:} hariṇā cakram utsṛṣṭaṃ bhūtanāthavadhaṃ prati / bhūtanātho 'pi tac cakram āpatac ca tadāgrasat //

{Brahmā sprach:} Von Hari wurde der Diskus geschleudert, um den Herrn der Geisterwesen zu töten; doch der Herr der Wesen verschlang jenen heranfliegenden Diskus.

Wort für Wort
hariṇā cakram utsṛṣṭaṃ
von Hari wurde der Diskus geschleudert
bhūtanāthavadhaṃ prati
um den Herrn der Geisterwesen zu töten
bhūtanātho 'pi tac cakram
doch der Herr der Wesen jenen Diskus
āpatac ca tadāgrasat
den heranfliegenden verschlang er

graste cakre tato viṣṇor lokapālā bhayād yayuḥ / tathā sthitān avekṣyātha dakṣo yajñaṃ surān api / tuṣṭāva śaṃkaraṃ devaṃ dakṣo bhaktyā prajāpatiḥ //

Als Viṣṇus Diskus verschlungen war, flohen die Weltenhüter aus Furcht; als er sie so hilflos dastehen sah, ebenso das Opfer und die Götter, pries Dakṣa, der Prajāpati, mit Hingabe den Gott Śaṃkara:

Wort für Wort
graste cakre tato viṣṇor
als Viṣṇus Diskus verschlungen war
lokapālā bhayād yayuḥ
flohen die Weltenhüter aus Furcht
tathā sthitān avekṣyātha
sie so dastehend erblickend
dakṣo yajñaṃ surān api
Dakṣa, das Opfer, auch die Götter
tuṣṭāva śaṃkaraṃ devaṃ
pries den Gott Śaṃkara
dakṣo bhaktyā prajāpatiḥ
Dakṣa, der Prajāpati, mit Hingabe

{dakṣa uvāca:} jaya śaṃkara someśa jaya sarvajña śaṃbhave / jaya kalyāṇabhṛc chaṃbho jaya kālātmane namaḥ //

{Dakṣa sprach:} 'Sei gepriesen, Śaṃkara, Herr des Soma! Sei gepriesen, Allwissender, Śambhu! Sei gepriesen, Glücksbringer, Śambhu! Sei gepriesen, dem Zeit-Wesen, Verehrung!'

Wort für Wort
jaya śaṃkara someśa
sei gepriesen, Śaṃkara, Herr des Soma
jaya sarvajña śaṃbhave
sei gepriesen, Allwissender, Śambhu
jaya kalyāṇabhṛc chaṃbho
sei gepriesen, Glücksbringer, Śambhu
jaya kālātmane namaḥ
sei gepriesen, dem Zeit-Wesen Verehrung

ādikartar namas te 'stu nīlakaṇṭha namo 'stu te / brahmapriya namas te 'stu brahmarūpa namo 'stu te //

'Urschöpfer, Verehrung sei dir! Blauhalsiger, Verehrung sei dir! Brahman-Lieber, Verehrung sei dir! Brahman-Gestaltiger, Verehrung sei dir!'

Wort für Wort
ādikartar namas te 'stu
Urschöpfer, Verehrung sei dir
nīlakaṇṭha namo 'stu te
Blauhalsiger, Verehrung sei dir
brahmapriya namas te 'stu
Brahman-Lieber, Verehrung sei dir
brahmarūpa namo 'stu te
Brahman-Gestaltiger, Verehrung sei dir

trimūrtaye namo deva tridhāma parameśvara / sarvamūrte namas te 'stu trailokyādhāra kāmada //

'Dem Dreigestaltigen Verehrung, o Gott! Dreifach-Wohnender, höchster Herr! Allgestaltiger, Verehrung sei dir! Stütze der drei Welten, Wunscherfüller!'

Wort für Wort
trimūrtaye namo deva
dem Dreigestaltigen Verehrung, o Gott
tridhāma parameśvara
Dreifach-Wohnender, höchster Herr
sarvamūrte namas te 'stu
Allgestaltiger, Verehrung sei dir
trailokyādhāra kāmada
Stütze der drei Welten, Wunscherfüller

namo vedāntavedyāya namas te paramātmane / yajñarūpa namas te 'stu yajñadhāma namo 'stu te //

'Verehrung dem durch die Vedānta Erkennbaren! Verehrung dir, dem höchsten Selbst! Opfergestaltiger, Verehrung sei dir! Opfer-Wohnstatt, Verehrung sei dir!'

Wort für Wort
namo vedāntavedyāya
Verehrung dem durch die Vedānta Erkennbaren
namas te paramātmane
Verehrung dir, dem höchsten Selbst
yajñarūpa namas te 'stu
Opfergestaltiger, Verehrung sei dir
yajñadhāma namo 'stu te
Opfer-Wohnstatt, Verehrung sei dir

yajñadāna namas te 'stu havyavāha namo 'stu te / yajñahartre namas te 'stu phaladāya namo 'stu te //

'Opfergabe-Gewährer, Verehrung sei dir! Opfergaben-Träger, Verehrung sei dir! Opfer-Vollzieher, Verehrung sei dir! Frucht-Gewährer, Verehrung sei dir!'

Wort für Wort
yajñadāna namas te 'stu
Opfergabe-Gewährer, Verehrung sei dir
havyavāha namo 'stu te
Opfergaben-Träger, Verehrung sei dir
yajñahartre namas te 'stu
Opfer-Vollzieher, Verehrung sei dir
phaladāya namo 'stu te
Frucht-Gewährer, Verehrung sei dir

trāhi trāhi jagannātha śaraṇāgatavatsala / bhaktānām apy abhaktānāṃ tvam eva śaraṇaṃ prabho //

'Rette, rette, Herr der Welt, den Zuflucht-Suchenden Zugetaner! Für Hingegebene wie für Nicht-Hingegebene bist du allein die Zuflucht, o Gebieter!'

Wort für Wort
trāhi trāhi jagannātha
rette, rette, Herr der Welt
śaraṇāgatavatsala
den Zuflucht-Suchenden Zugetaner
bhaktānām apy abhaktānāṃ
für Hingegebene wie Nicht-Hingegebene
tvam eva śaraṇaṃ prabho
bist du allein die Zuflucht, o Gebieter

{brahmovāca:} evaṃ tu stuvatas tasya prasanno 'bhūn maheśvaraḥ / kiṃ dadāmīti taṃ prāha kratuḥ pūrṇo 'stu me prabho //

{Brahmā sprach:} Während er so pries, wurde der große Gott zufrieden; 'Was soll ich geben?' – so sprach er zu ihm. '[Lass] das Opfer vollständig sein, mein Gebieter,' [antwortete Dakṣa].

Wort für Wort
evaṃ tu stuvatas tasya
während er so pries
prasanno 'bhūn maheśvaraḥ
wurde der große Gott zufrieden
kiṃ dadāmīti taṃ prāha
'was soll ich geben' sprach er zu ihm
kratuḥ pūrṇo 'stu me prabho
das Opfer sei vollständig, mein Gebieter

tathety uvāca bhagavān devadevo maheśvaraḥ / śaṃkaraḥ sarvabhūtātmā karuṇāvaruṇālayaḥ //

'So sei es,' sprach der ehrwürdige Gott der Götter, der große Gott, Śaṃkara, die Seele aller Wesen, das Heiligtum des Mitleids.

Wort für Wort
tathety uvāca bhagavān
'so sei es', sprach der Ehrwürdige
devadevo maheśvaraḥ
der Gott der Götter, der große Gott
śaṃkaraḥ sarvabhūtātmā
Śaṃkara, die Seele aller Wesen
karuṇāvaruṇālayaḥ
das Heiligtum des Mitleids

kratuṃ kṛtvā tataḥ pūrṇaṃ tasya dakṣasya vai mune / evam uktvā sa bhagavān bhūtair antaradhīyata //

Nachdem er dessen, Dakṣas, Opfer vollständig gemacht hatte, o Muni, verschwand jener ehrwürdige Gott, nach diesen Worten, mit den Geisterwesen.

Wort für Wort
kratuṃ kṛtvā tataḥ pūrṇaṃ
das Opfer vollständig gemacht habend
tasya dakṣasya vai mune
dessen, Dakṣas, o Muni
evam uktvā sa bhagavān
so gesprochen habend, jener Ehrwürdige
bhūtair antaradhīyata
verschwand mit den Geisterwesen

yathāgataṃ surā jagmuḥ svam eva sadanaṃ prati / tataḥ kadācid devānāṃ daityānāṃ vigraho mahān //

Die Götter zogen, wie sie gekommen waren, zu ihrer eigenen Wohnstatt; darauf entstand einst ein großer Streit zwischen Göttern und Daityas,

Wort für Wort
yathāgataṃ surā jagmuḥ
die Götter zogen, wie sie gekommen waren
svam eva sadanaṃ prati
zu ihrer eigenen Wohnstatt
tataḥ kadācid devānāṃ
darauf einst der Götter
daityānāṃ vigraho mahān
und der Daityas großer Streit

babhūva tatra daityebhyo bhītā devāḥ śriyaḥ patim / tuṣṭuvuḥ sarvabhāvena vacobhis taṃ janārdanam //

in dem die vor den Daityas erschrockenen Götter mit ganzem Wesen den Gatten der Śrī, jenen Janārdana, mit Worten priesen:

Wort für Wort
babhūva tatra daityebhyo
es entstand [ein Streit], vor den Daityas
bhītā devāḥ śriyaḥ patim
erschrockene Götter, den Gatten der Śrī
tuṣṭuvuḥ sarvabhāvena
priesen sie mit ganzem Wesen
vacobhis taṃ janārdanam
mit Worten jenen Janārdana

{devā ūcuḥ:} śakrādayo 'pi tridaśāḥ kaṭākṣam BrP_109.41a avekṣya yasyās tapa ācaranti BrP_109.41b sā cāpi yatpādaratā ca lakṣmīs BrP_109.41c taṃ brahmabhūtaṃ śaraṇaṃ prapadye BrP_109.41d

{Die Götter sprachen:} 'Selbst Śakra [Indra] und die anderen Dreißig-Götter üben Askese, [nur] auf deren [Lakṣmīs] Seitenblick hoffend; und selbst sie, Lakṣmī, ist deinen Füßen ergeben – zu dir, dem zum Brahman Gewordenen, nehme ich Zuflucht.'

Wort für Wort
śakrādayo 'pi tridaśāḥ kaṭākṣam
selbst Śakra und die Dreißig-Götter, den Seitenblick
avekṣya yasyās tapa ācaranti
erhoffend, üben sie Askese
sā cāpi yatpādaratā ca lakṣmīs
und selbst sie, Lakṣmī, deinen Füßen ergeben
taṃ brahmabhūtaṃ śaraṇaṃ prapadye
zu dir, dem zum Brahman Gewordenen, nehme ich Zuflucht

[Anm.: erster von zwei aufeinanderfolgenden vierpādigen Hymnenversen (V.41-42) in besonderem Versmaß.]

yasmāt trilokyāṃ na paraḥ samāno BrP_109.42a na cādhikas tārkṣyarathān nṛsiṃhāt BrP_109.42b sa devadevo 'vatu naḥ samastān BrP_109.42c mahābhayebhyaḥ kṛpayā prapannān BrP_109.42d

'Weil es in den drei Welten keinen gibt, der ihm gleich oder überlegen wäre, dem auf dem Garuḍa-Wagen [reitenden] Mann-Löwen [Nṛsiṃha] – jener Gott der Götter möge uns alle, die wir Zuflucht genommen haben, aus großen Gefahren mit Erbarmen beschützen.'

Wort für Wort
yasmāt trilokyāṃ na paraḥ samāno
weil es in den drei Welten keinen Gleichen gibt
na cādhikas tārkṣyarathān nṛsiṃhāt
und keinen Überlegenen, dem Garuḍa-Wagen-Mann-Löwen
sa devadevo 'vatu naḥ samastān
jener Gott der Götter möge uns alle beschützen
mahābhayebhyaḥ kṛpayā prapannān
aus großen Gefahren, mit Erbarmen, die wir Zuflucht genommen haben

{brahmovāca:} tataḥ prasanno bhagavāñ śaṅkhacakragadādharaḥ / kimartham āgatāḥ sarve tatkartāsmīty uvāca tān //

{Brahmā sprach:} Darauf, zufrieden, sprach der ehrwürdige, Muschelhorn, Diskus und Keule Tragende, zu ihnen: 'Weshalb seid ihr alle gekommen? Ich werde das tun.'

Wort für Wort
tataḥ prasanno bhagavāñ
darauf, zufrieden, der Ehrwürdige
śaṅkhacakragadādharaḥ
der Muschelhorn, Diskus und Keule Tragende
kimartham āgatāḥ sarve
weshalb seid ihr alle gekommen
tatkartāsmīty uvāca tān
'ich werde das tun', sprach er zu ihnen

{devā ūcuḥ:} bhayaṃ ca tīvraṃ daityebhyo devānāṃ madhusūdana / tatas trāṇāya devānāṃ matiṃ kuru janārdana //

{Die Götter sprachen:} 'Heftige Furcht [herrscht] bei den Göttern vor den Daityas, o Madhusūdana; darum richte deinen Sinn auf die Rettung der Götter, o Janārdana.'

Wort für Wort
bhayaṃ ca tīvraṃ daityebhyo
heftige Furcht vor den Daityas
devānāṃ madhusūdana
bei den Göttern, o Madhusūdana
tatas trāṇāya devānāṃ
darum zur Rettung der Götter
matiṃ kuru janārdana
richte den Sinn, o Janārdana

[Anm.: im Original folgt auf V.44 ohne Zwischenvers unmittelbar V.46 – die Nummer V.45 fehlt in der Quelle (Lücke in der Verszählung).]

{brahmovāca:} tān āgatān hariḥ prāha grastaṃ cakraṃ hareṇa me / kiṃ karomi gataṃ cakraṃ bhavantaś cārtim āgatāḥ / yāntu sarve devagaṇā rakṣā vaḥ kriyate mayā //

{Brahmā sprach:} Zu ihnen, den Gekommenen, sprach Hari: 'Mein Diskus wurde von Hara verschlungen; was soll ich tun, da der Diskus verloren ist, während ihr in Not gekommen seid? Zieht alle fort, ihr Götterscharen – Schutz wird euch von mir gewährt werden.'

Wort für Wort
tān āgatān hariḥ prāha
zu ihnen, den Gekommenen, sprach Hari
grastaṃ cakraṃ hareṇa me
mein Diskus wurde von Hara verschlungen
kiṃ karomi gataṃ cakraṃ
was soll ich tun, der Diskus ist verloren
bhavantaś cārtim āgatāḥ
während ihr in Not gekommen seid
yāntu sarve devagaṇā
zieht alle fort, ihr Götterscharen
rakṣā vaḥ kriyate mayā
Schutz wird euch von mir gewährt

{brahmovāca:} tato gateṣu deveṣu viṣṇuś cakrārtham udyataḥ / godāvarīṃ tato gatvā śaṃbhoḥ pūjāṃ pracakrame //

Nachdem die Götter fortgezogen waren, machte sich Viṣṇu auf, um den Diskus [zurückzuerlangen]; er ging zur Godāvarī [Gautamī] und begann, Śambhu zu verehren.

Wort für Wort
tato gateṣu deveṣu
nachdem die Götter fortgezogen waren
viṣṇuś cakrārtham udyataḥ
machte sich Viṣṇu wegen des Diskus auf
godāvarīṃ tato gatvā
zur Godāvarī gegangen
śaṃbhoḥ pūjāṃ pracakrame
begann er die Verehrung Śambhus

suvarṇakamalair divyaiḥ sugandhair daśabhiḥ śataiḥ / bhaktito nityavat pūjāṃ cakre viṣṇur umāpateḥ //

Mit tausend himmlischen, wohlduftenden goldenen Lotosblüten vollzog Viṣṇu, wie er es täglich tat, mit Hingabe die Verehrung des Gemahls der Umā.

Wort für Wort
suvarṇakamalair divyaiḥ
mit himmlischen goldenen Lotosblüten
sugandhair daśabhiḥ śataiḥ
wohlduftenden, tausend (zehn Hundert)
bhaktito nityavat pūjāṃ
mit Hingabe, wie täglich, die Verehrung
cakre viṣṇur umāpateḥ
vollzog Viṣṇu, des Gemahls der Umā

evaṃ saṃpūjyamāne tu tayos tattvam idaṃ śṛṇu / kamalānāṃ sahasre tu yadaikaṃ naiva pūryate //

Während er so [Śiva] verehrte, höre diese Wahrheit von den beiden: von den tausend Lotosblüten fehlte einmal genau eine, die Zahl wurde nicht vollständig.

Wort für Wort
evaṃ saṃpūjyamāne tu
während er so verehrt wurde
tayos tattvam idaṃ śṛṇu
höre diese Wahrheit von den beiden
kamalānāṃ sahasre tu
von den tausend Lotosblüten
yadaikaṃ naiva pūryate
wurde einmal eine nicht vollständig [erreicht]

tadāsurāriḥ svaṃ netram utpāṭyārghyam akalpayat / arghyapātraṃ kare gṛhya sahasrakamalānvitam / dhyātvā śaṃbhuṃ dadāv arghyam ananyaśaraṇo hariḥ //

Da riss der Feind der Asuras [Viṣṇu] sein eigenes Auge aus und verwandelte es in eine Ehrengabe; das Ehrengabe-Gefäß, das die tausend Lotosblüten enthielt, in der Hand haltend, an Śambhu denkend, überreichte Hari, der keine andere Zuflucht hatte, die Ehrengabe.

Wort für Wort
tadāsurāriḥ svaṃ netram
da der Feind der Asuras sein eigenes Auge
utpāṭyārghyam akalpayat
ausreißend, verwandelte er es in eine Ehrengabe
arghyapātraṃ kare gṛhya
das Ehrengabe-Gefäß in der Hand haltend
sahasrakamalānvitam
das die tausend Lotosblüten enthielt
dhyātvā śaṃbhuṃ dadāv arghyam
an Śambhu denkend, überreichte er die Ehrengabe
ananyaśaraṇo hariḥ
Hari, der keine andere Zuflucht hatte

{viṣṇur uvāca:} tvam eva deva jānīṣe bhāvam antargataṃ nṛṇām / tvam eva śaraṇo 'dhīśo 'tra kā bhaved vicāraṇā //

{Viṣṇu sprach:} 'Du allein, o Gott, kennst die innere Gesinnung der Menschen; du allein bist Zuflucht und Gebieter – welchen Zweifel könnte es hier geben?'

Wort für Wort
tvam eva deva jānīṣe
du allein, o Gott, kennst
bhāvam antargataṃ nṛṇām
die innere Gesinnung der Menschen
tvam eva śaraṇo 'dhīśo
du allein bist Zuflucht und Gebieter
'tra kā bhaved vicāraṇā
welcher Zweifel könnte hier sein

{brahmovāca:} vadann udaśrunayano nililye 'sāv itīśvare / bhavānīsahitaḥ śaṃbhuḥ purastād abhavat tadā //

{Brahmā sprach:} So sprechend, mit tränenerfüllten Augen, verbarg er sich [ganz] in dem Herrn; darauf erschien Śambhu, mit Bhavānī, vor ihm,

Wort für Wort
vadann udaśrunayano
so sprechend, mit tränenerfüllten Augen
nililye 'sāv itīśvare
verbarg er sich so in dem Herrn
bhavānīsahitaḥ śaṃbhuḥ
Śambhu, mit Bhavānī
purastād abhavat tadā
erschien darauf vor ihm

gāḍham āliṅgya vividhair varair āpūrayad dharim / tad eva cakram abhavan netraṃ cāpi yathā purā //

umarmte ihn fest und erfüllte Hari mit mancherlei Segensgaben; eben jenes [Auge] wurde zum Diskus, und Hari erhielt auch wieder sein Auge, wie zuvor.

Wort für Wort
gāḍham āliṅgya vividhair
fest umarmend, mit mancherlei
varair āpūrayad dharim
Segensgaben erfüllte er Hari
tad eva cakram abhavan
eben jenes wurde zum Diskus
netraṃ cāpi yathā purā
und [er erhielt] auch das Auge wie zuvor

tataḥ suragaṇāḥ sarve tuṣṭuvur hariśaṃkarau / gaṅgāṃ cāpi saricchreṣṭhāṃ devaṃ ca vṛṣabhadhvajam //

Darauf priesen alle Götterscharen Hari und Śaṃkara, und auch die Gaṅgā, die vortrefflichste der Flüsse, und den Gott mit dem Stier-Banner.

Wort für Wort
tataḥ suragaṇāḥ sarve
darauf alle Götterscharen
tuṣṭuvur hariśaṃkarau
priesen Hari und Śaṃkara
gaṅgāṃ cāpi saricchreṣṭhāṃ
und auch die Gaṅgā, die vortrefflichste der Flüsse
devaṃ ca vṛṣabhadhvajam
und den Gott mit dem Stier-Banner

tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ cakratīrtham iti smṛtam / yasyānuśravaṇenaiva mucyate sarvakilbiṣaiḥ //

Seit jener Zeit wird jenes Tīrtha 'Cakratīrtha' genannt; durch dessen bloßes wiederholtes Anhören wird man von allen Sünden befreit.

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ
seit jener Zeit wird jenes Tīrtha
cakratīrtham iti smṛtam
'Cakratīrtha' genannt
yasyānuśravaṇenaiva
durch dessen bloßes wiederholtes Anhören
mucyate sarvakilbiṣaiḥ
wird man von allen Sünden befreit

tatra snānaṃ ca dānaṃ ca yaḥ kuryāt pitṛtarpaṇam / sarvapāpavinirmuktaḥ pitṛbhiḥ svargabhāg bhavet / tat tu cakrāṅkitaṃ tīrtham adyāpi paridṛśyate //

Wer dort badet, Gaben gibt und die Ahnen-Wasserspende vollzieht, wird von aller Sünde befreit und erlangt zusammen mit den Ahnen Anteil am Himmel; und jenes durch das Diskus-Zeichen gekennzeichnete Tīrtha ist noch heute zu sehen.

Wort für Wort
tatra snānaṃ ca dānaṃ ca
wer dort badet und Gaben gibt
yaḥ kuryāt pitṛtarpaṇam
und die Ahnen-Wasserspende vollzieht
sarvapāpavinirmuktaḥ
wird von aller Sünde befreit
pitṛbhiḥ svargabhāg bhavet
und erlangt mit den Ahnen Anteil am Himmel
tat tu cakrāṅkitaṃ tīrtham
jenes durch das Diskus-Zeichen gekennzeichnete Tīrtha
adyāpi paridṛśyate
ist noch heute zu sehen

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