Kapitel 109: cakratīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Cakra-Tīrtha (Dakṣas Opfer, Verlust und Wiedererlangung von Viṣṇus Diskus)
Als Dakṣa bei seinem großen Opfer Śiva nicht einlädt und ihn schmäht, verbrennt sich seine Tochter Dākṣāyaṇī (Satī) aus Zorn und Scham selbst durch Yoga-Kraft; Śiva sendet daraufhin Vīrabhadra und Bhadrakālī, die das Opfer verwüsten und mehreren Göttern (Pūṣan, Indra, Bhaga, Sūrya) Gewalt antun. Als ein Gaṇa Śivas sogar Viṣṇus zur Rettung geschleuderten Diskus (Cakra) verschlingt und dabei unverwundbar wird, muss Dakṣa selbst Śiva mit einer ausführlichen Hymne besänftigen, woraufhin dieser das Opfer vollendet. Eine zweite, ähnliche Episode (Ursprung des Cakra-Tīrtha selbst) folgt bei einem späteren Götter-Daitya-Krieg: Viṣṇu, um seinen (offenbar wieder oder erneut) verlorenen Diskus zu erlangen, verehrt Śiva an der Gautamī mit täglich tausend goldenen Lotosblüten; als einmal eine Blüte fehlt, opfert er kurzerhand sein eigenes Auge als Ersatz, woraufhin Śiva und Pārvatī gerührt erscheinen, Viṣṇu umarmen und ihm sowohl den Diskus als auch sein Auge zurückgeben. [Anm.: Die Erzählung verbindet zwei ursprünglich unterschiedliche Traditionsstränge (Dakṣa-Yajña-Zerstörung und Cakra-Verlust-Episode) lose miteinander; eine Werszahl (V.45) fehlt in der Quelle (Nummerierungslücke). Zwei aufeinanderfolgende vierpādige Hymnenverse (V.41-42) in besonderem Versmaß; mehrere dreizeilige Verse (V.27, V.29, V.50, V.56).] Ursprung des Cakra-Tīrtha.
{Brahmā sprach:} Als 'Cakratīrtha' bekannt, das Brahmanenmord und andere [Sünden] vernichtet – dort, wo der Gott Cakreśvara [wieder] seinen Diskus erlangte, [nämlich] Hari.
als der Gott Śiva, Śarva, der große Gott, von Dakṣa geschmäht wurde, [nämlich] durch die Nicht-Einladung des Götterherrn, [entstanden] durch Dakṣas befleckte Gesinnung,
als Dākṣāyaṇī [Satī] den Grund der Nicht-Einladung vernommen hatte und [ihn einer Vertrauten namens?] Ahalyā mitgeteilt hatte, wurde die Göttin [der Götter] zornig.
Wort für Wort
dākṣāyaṇyā śrute vākye
als Dākṣāyaṇī das Wort vernommen hatte
anāhvānasya kāraṇe
den Grund der Nicht-Einladung
ahalyāyāṃ coktavatyāṃ
[ihn] der Ahalyā mitgeteilt habend [?]
kupitābhūt sureśvarī
wurde die Göttin der Götter zornig
[Anm.: die Erwähnung einer 'Ahalyā' an dieser Stelle bleibt unklar [?] – möglicherweise eine Vertraute der Dākṣāyaṇī, nicht identisch mit der aus Kap.87 bekannten Gautama-Gattin; die Lesart ist unsicher.]
'Meinen sündigen Vater werde ich vernichten – verzeihen kann ich [ihm] in keiner Weise' – [so sprach sie], nachdem sie die tadelnden Worte gehört hatte, die vom Vater gegen [ihren] Gatten gesprochen worden waren.
Wort für Wort
pitaraṃ nāśaye pāpaṃ
meinen sündigen Vater werde ich vernichten
kṣameyaṃ na kathaṃcana
verzeihen kann ich in keiner Weise
śṛṇvatī doṣavākyāni
die tadelnden Worte gehört habend
pitrā coktāni bhartari
die vom Vater gegen den Gatten gesprochen worden waren
'Für jene Frauen, die die Schmähung ihres Gatten mit anhören, wo gäbe es da noch eine Grenze der Sünde? Wie auch immer er beschaffen sei, der Gatte ist für Frauen die höchste Zuflucht.'
'Wie viel mehr gilt dies, wenn er der Allherrscher, der große Gott, der Weltenlehrer ist! Da nun dessen Schmähung gehört wurde, werde ich diesen Körper nicht länger tragen.'
'Darum werde ich diesen Körper aufgeben' – so gesprochen habend, entbrannte jene große Getreue [Satī], von gewaltigem Zorn erfüllt, die Göttin, [in Flammen].
Allein auf Śiva ihren Sinn gerichtet, gab sie den Körper mit Gewalt durch Yoga auf; auch der große Gott, nachdem er das ganze Geschehen von Nārada vernommen hatte,
Nachdem er dies über Dākṣāyaṇī gehört hatte, zog der große Gott zum Opfer; von furchtbaren Scharen umgeben, zog er zusammen mit den Herren der [Geister-]Wesen.
durch Ṛg-, Yajur- und Sāmaveda sowie die Svāhā-Rufe geschmückt; von Śraddhā (Glaube), Puṣṭi (Gedeihen), Tuṣṭi (Zufriedenheit), Śānti (Frieden), Lajjā (Scham) und Sarasvatī [begleitet],
durch Bhūmi (Erde), Dyauḥ (Himmel), Śarvarī (Nacht), Kṣānti (Geduld), Uṣā (Morgenröte), Āśā (Hoffnung), Jayā (Sieg) und Mati (Verstand) sowie durch diese und andere [Personifikationen] von allen Seiten geschmückt,
auch von dem hochgesinnten Tvaṣṭṛ und von Viśvakarman veranstaltet; [dort waren auch] Surabhi, Nandinī, die Kuh, die Wunscherfüllende, die Wunschmelkende,
'Es werde gegeben, es werde genossen, es werde getan, es werde glücklich verweilt' – mit diesen und ähnlichen Worten wurde von allen Seiten Dakṣas Opfer gepriesen.
Zuerst zog jener Vīrabhadra, zusammen mit Bhadrakālī; danach, von Trauer und Zorn ergriffenen Sinnes, [Śiva selbst,] den Dreizack und den Pināka-Bogen tragend,
{Die Götter sprachen:} 'Rette, rette, o Keulenträger, vor der Furcht, die vom Herrn der Geisterwesen bereitet wurde! Ein gewisser Gaṇa des großen Gottes, ein Anführer der Pramathas, hat durch [seine Tat] das ganze, Viṣṇu geweihte Opfer verbrannt, vor den Augen Haris.'
Wort für Wort
trāhi trāhi gadāpāṇe
rette, rette, o Keulenträger
bhūtanāthakṛtād bhayāt
vor der vom Herrn der Geisterwesen bereiteten Furcht
{brahmovāca:} hariṇā cakram utsṛṣṭaṃ bhūtanāthavadhaṃ prati /
bhūtanātho 'pi tac cakram āpatac ca tadāgrasat //
{Brahmā sprach:} Von Hari wurde der Diskus geschleudert, um den Herrn der Geisterwesen zu töten; doch der Herr der Wesen verschlang jenen heranfliegenden Diskus.
Als Viṣṇus Diskus verschlungen war, flohen die Weltenhüter aus Furcht; als er sie so hilflos dastehen sah, ebenso das Opfer und die Götter, pries Dakṣa, der Prajāpati, mit Hingabe den Gott Śaṃkara:
{Dakṣa sprach:} 'Sei gepriesen, Śaṃkara, Herr des Soma! Sei gepriesen, Allwissender, Śambhu! Sei gepriesen, Glücksbringer, Śambhu! Sei gepriesen, dem Zeit-Wesen, Verehrung!'
namo vedāntavedyāya namas te paramātmane /
yajñarūpa namas te 'stu yajñadhāma namo 'stu te //
'Verehrung dem durch die Vedānta Erkennbaren! Verehrung dir, dem höchsten Selbst! Opfergestaltiger, Verehrung sei dir! Opfer-Wohnstatt, Verehrung sei dir!'
yajñadāna namas te 'stu havyavāha namo 'stu te /
yajñahartre namas te 'stu phaladāya namo 'stu te //
'Opfergabe-Gewährer, Verehrung sei dir! Opfergaben-Träger, Verehrung sei dir! Opfer-Vollzieher, Verehrung sei dir! Frucht-Gewährer, Verehrung sei dir!'
{brahmovāca:} evaṃ tu stuvatas tasya prasanno 'bhūn maheśvaraḥ /
kiṃ dadāmīti taṃ prāha kratuḥ pūrṇo 'stu me prabho //
{Brahmā sprach:} Während er so pries, wurde der große Gott zufrieden; 'Was soll ich geben?' – so sprach er zu ihm. '[Lass] das Opfer vollständig sein, mein Gebieter,' [antwortete Dakṣa].
{Die Götter sprachen:} 'Selbst Śakra [Indra] und die anderen Dreißig-Götter üben Askese, [nur] auf deren [Lakṣmīs] Seitenblick hoffend; und selbst sie, Lakṣmī, ist deinen Füßen ergeben – zu dir, dem zum Brahman Gewordenen, nehme ich Zuflucht.'
Wort für Wort
śakrādayo 'pi tridaśāḥ kaṭākṣam
selbst Śakra und die Dreißig-Götter, den Seitenblick
avekṣya yasyās tapa ācaranti
erhoffend, üben sie Askese
sā cāpi yatpādaratā ca lakṣmīs
und selbst sie, Lakṣmī, deinen Füßen ergeben
taṃ brahmabhūtaṃ śaraṇaṃ prapadye
zu dir, dem zum Brahman Gewordenen, nehme ich Zuflucht
[Anm.: erster von zwei aufeinanderfolgenden vierpādigen Hymnenversen (V.41-42) in besonderem Versmaß.]
yasmāt trilokyāṃ na paraḥ samāno BrP_109.42a
na cādhikas tārkṣyarathān nṛsiṃhāt BrP_109.42b
sa devadevo 'vatu naḥ samastān BrP_109.42c
mahābhayebhyaḥ kṛpayā prapannān BrP_109.42d
'Weil es in den drei Welten keinen gibt, der ihm gleich oder überlegen wäre, dem auf dem Garuḍa-Wagen [reitenden] Mann-Löwen [Nṛsiṃha] – jener Gott der Götter möge uns alle, die wir Zuflucht genommen haben, aus großen Gefahren mit Erbarmen beschützen.'
Wort für Wort
yasmāt trilokyāṃ na paraḥ samāno
weil es in den drei Welten keinen Gleichen gibt
na cādhikas tārkṣyarathān nṛsiṃhāt
und keinen Überlegenen, dem Garuḍa-Wagen-Mann-Löwen
sa devadevo 'vatu naḥ samastān
jener Gott der Götter möge uns alle beschützen
mahābhayebhyaḥ kṛpayā prapannān
aus großen Gefahren, mit Erbarmen, die wir Zuflucht genommen haben
{Brahmā sprach:} Darauf, zufrieden, sprach der ehrwürdige, Muschelhorn, Diskus und Keule Tragende, zu ihnen: 'Weshalb seid ihr alle gekommen? Ich werde das tun.'
{devā ūcuḥ:} bhayaṃ ca tīvraṃ daityebhyo devānāṃ madhusūdana /
tatas trāṇāya devānāṃ matiṃ kuru janārdana //
{Die Götter sprachen:} 'Heftige Furcht [herrscht] bei den Göttern vor den Daityas, o Madhusūdana; darum richte deinen Sinn auf die Rettung der Götter, o Janārdana.'
Wort für Wort
bhayaṃ ca tīvraṃ daityebhyo
heftige Furcht vor den Daityas
devānāṃ madhusūdana
bei den Göttern, o Madhusūdana
tatas trāṇāya devānāṃ
darum zur Rettung der Götter
matiṃ kuru janārdana
richte den Sinn, o Janārdana
[Anm.: im Original folgt auf V.44 ohne Zwischenvers unmittelbar V.46 – die Nummer V.45 fehlt in der Quelle (Lücke in der Verszählung).]
{Brahmā sprach:} Zu ihnen, den Gekommenen, sprach Hari: 'Mein Diskus wurde von Hara verschlungen; was soll ich tun, da der Diskus verloren ist, während ihr in Not gekommen seid? Zieht alle fort, ihr Götterscharen – Schutz wird euch von mir gewährt werden.'
{brahmovāca:} tato gateṣu deveṣu viṣṇuś cakrārtham udyataḥ /
godāvarīṃ tato gatvā śaṃbhoḥ pūjāṃ pracakrame //
Nachdem die Götter fortgezogen waren, machte sich Viṣṇu auf, um den Diskus [zurückzuerlangen]; er ging zur Godāvarī [Gautamī] und begann, Śambhu zu verehren.
evaṃ saṃpūjyamāne tu tayos tattvam idaṃ śṛṇu /
kamalānāṃ sahasre tu yadaikaṃ naiva pūryate //
Während er so [Śiva] verehrte, höre diese Wahrheit von den beiden: von den tausend Lotosblüten fehlte einmal genau eine, die Zahl wurde nicht vollständig.
Da riss der Feind der Asuras [Viṣṇu] sein eigenes Auge aus und verwandelte es in eine Ehrengabe; das Ehrengabe-Gefäß, das die tausend Lotosblüten enthielt, in der Hand haltend, an Śambhu denkend, überreichte Hari, der keine andere Zuflucht hatte, die Ehrengabe.
{viṣṇur uvāca:} tvam eva deva jānīṣe bhāvam antargataṃ nṛṇām /
tvam eva śaraṇo 'dhīśo 'tra kā bhaved vicāraṇā //
{Viṣṇu sprach:} 'Du allein, o Gott, kennst die innere Gesinnung der Menschen; du allein bist Zuflucht und Gebieter – welchen Zweifel könnte es hier geben?'
tatra snānaṃ ca dānaṃ ca yaḥ kuryāt pitṛtarpaṇam /
sarvapāpavinirmuktaḥ pitṛbhiḥ svargabhāg bhavet /
tat tu cakrāṅkitaṃ tīrtham adyāpi paridṛśyate //
Wer dort badet, Gaben gibt und die Ahnen-Wasserspende vollzieht, wird von aller Sünde befreit und erlangt zusammen mit den Ahnen Anteil am Himmel; und jenes durch das Diskus-Zeichen gekennzeichnete Tīrtha ist noch heute zu sehen.
Wort für Wort
tatra snānaṃ ca dānaṃ ca
wer dort badet und Gaben gibt
yaḥ kuryāt pitṛtarpaṇam
und die Ahnen-Wasserspende vollzieht
sarvapāpavinirmuktaḥ
wird von aller Sünde befreit
pitṛbhiḥ svargabhāg bhavet
und erlangt mit den Ahnen Anteil am Himmel
tat tu cakrāṅkitaṃ tīrtham
jenes durch das Diskus-Zeichen gekennzeichnete Tīrtha