Kapitel 52: mahāpralayamārkaṇḍeyavarṇanam
Die große Weltauflösung (Mahāpralaya) und die Zuflucht des Mārkaṇḍeya am kosmischen Banyanbaum
Brahmā erzählt den Munis die Geschichte vom Ende eines Kalpa: die kosmische Zerstörung durch das Saṃvartaka-/Kalpa-Feuer und den Wind, der Untergang aller drei Welten samt Göttern, Dämonen und Menschen. Allein der Weise Mārkaṇḍeya überlebt, verzweifelt und von Furcht getrieben irrt er umher, bis er meditierend den ewigen 'Puruṣeśa' (den kosmischen Banyanbaum, Vaṭarāja) erreicht und dort unversehrt Zuflucht findet.
Es war, oh beste der Munis, [einmal] in einem Kalpa, als die große Zerstörung (Mahākṣaya) im Gange war, als Sonne und Mond vergangen waren, als der Wind vergangen war, als das Unbewegliche und Bewegliche vergangen war.
Wort für Wort
āsīt
es war
kalpe
im Kalpa (Weltzeitalter)
muniśreṣṭhāḥ
oh beste der Munis (Vok. Pl.)
saṃpravṛtte
als eingetreten/im Gange war
mahākṣaye
die große Zerstörung/Auflösung
naṣṭe
vergangen/zerstört
'rkacandre
Sonne und Mond (arka-candre)
pavane
der Wind
naṣṭe
vergangen
sthāvarajaṅgame
das Unbewegliche und Bewegliche (Pflanzen und Tiere)
[Anm.: Fortsetzung von Brahmās Rede (Sprecher-Tag {brahmovāca:} steht vor diesem Vers, am Ende von Kap.51). Beginn der berühmten Erzählung von der großen Weltauflösung (Mahāpralaya) und dem Weisen Mārkaṇḍeya.]
Als die heftige Pralaya-Sonne mit dichtem Donnergrollen aufgegangen war, als durch die Ansammlungen von Blitz-Unheilszeichen Bäume und Berge zerbrochen waren.
Wort für Wort
udite
aufgegangen
pralayāditye
die Auflösungs-Sonne (Pralaya-Āditya)
pracaṇḍe
heftig, wild
ghanagarjite
mit dichtem Donnergrollen
vidyudutpātasaṃghātaiḥ
durch die Ansammlungen von Blitzen und Unheilszeichen
loke ca saṃhṛte sarve mahadulkānibarhaṇe / śuṣkeṣu sarvatoyeṣu saraḥsu ca saritsu ca //
Und als die ganze Welt durch das gewaltige Herabstürzen der Feuerbrände vernichtet war, als alle Gewässer ausgetrocknet waren, in den Teichen und in den Flüssen.
Wort für Wort
loke
die Welt
ca
und
saṃhṛte
vernichtet/zurückgezogen
sarve
ganz, alles
mahadulkānibarhaṇe
durch das gewaltige Herabstürzen der Feuerbrände/Meteore
paścāt sa pṛthivīṃ bhittvā praviśya ca rasātalam / devadānavayakṣāṇāṃ bhayaṃ janayate mahat //
Danach, nachdem es die Erde gespalten hatte und in die Unterwelt (Rasātala) eingedrungen war, erzeugte es große Furcht bei Göttern, Dānavas und Yakṣas.
tato yojanaviṃśānāṃ sahasrāṇi śatāni ca / nirdahaty āśugo vāyuḥ sa ca saṃvartako 'nalaḥ //
Dann verbrennen der schnelleilende Wind und jenes Saṃvartaka-Feuer [einen Umkreis von] Tausenden und Hunderten von Zwanzig-Yojana-Einheiten [?].
Wort für Wort
tataḥ
dann
yojanaviṃśānām
von Zwanzig-Yojana(-Einheiten)
sahasrāṇi
Tausende
śatāni
Hunderte
ca
und
nirdahati
verbrennt
āśugaḥ vāyuḥ
der schnelleilende Wind
sa ca saṃvartakaḥ analaḥ
und jenes Saṃvartaka-Feuer
[?: Die Zahlkonstruktion 'yojanaviṃśānāṃ sahasrāṇi śatāni' ist unklar; wörtlich 'Tausende und Hunderte von Zwanzig(-Yojana)', vermutlich als sehr große Entfernungsangabe (mehrere hunderttausend Yojana) im Sinne von 'zwanzigtausend mal hundert Yojana' o.ä. gemeint. Nicht eindeutig aufzulösen, daher wörtlich belassen.]
Gleich zehn Millionen Sonnen an Erscheinung, gleichsam mit [seiner] Glut brennend, verbrannte es rasch die dreifache Welt samt Göttern, Asuras und Menschen.
Wort für Wort
sūryakoṭipratīkāśaḥ
gleich zehn Millionen (koṭi) Sonnen an Erscheinung
Bei einer solchen gewaltig-schrecklichen, grausamen großen Auflösung wurde der Seher, dessen Seele höchste Rechtschaffenheit war, ganz der Meditationsdisziplin hingegeben.
Allein bleibt er bestehen, oh Brahmanen, als 'Mārkaṇḍeya' bekannt, gefesselt von den Fesseln der Verblendung, seine Sinne von Hunger und Durst überwältigt.
Wort für Wort
ekaḥ
allein
saṃtiṣṭhate
bleibt bestehen, verharrt
viprāḥ
oh Brahmanen
mārkaṇḍeya iti viśrutaḥ
als 'Mārkaṇḍeya' bekannt
mohapāśaiḥ nibaddhaḥ
von den Fesseln der Verblendung gebunden
asau
jener
kṣuttṛṣṇākulitendriyāḥ
dessen Sinne von Hunger und Durst überwältigt sind
[Anm.: 'kṣuttṛṣṇākulitendriyāḥ' steht im Plural, obwohl es sich grammatisch auf 'asau' (Singular, Mārkaṇḍeya) bezieht – Inkonsistenz im Quelltext, unverändert belassen.]
Er, jenes gewaltige Feuer erblickend, mit ausgetrockneter Kehle, Lippen und Gaumen, von Durst gequält, taumelnd, oh Brahmanen, da war jener von Furcht überwältigt.
Er erlangte jenen göttlichen Ort, die Ursache der großen Auflösung, bekannt als 'Puruṣeśa', den ewigen König der Banyanbäume (Vaṭarāja).
Wort für Wort
prāptavān
er erlangte
tat padaṃ divyam
jenen göttlichen Ort/Zustand
mahāpralayakāraṇam
die Ursache der großen Auflösung
puruṣeśam iti khyātam
als 'Puruṣeśa' bekannt
vaṭarājam
den König der Banyanbäume
sanātanam
den ewigen
[Anm.: Vaṭarāja, 'König des Banyanbaums', bezeichnet hier den kosmischen Banyanbaum, unter dem Mārkaṇḍeya während der Weltauflösung Zuflucht findet – ein bekanntes Motiv der Purāṇa-Literatur.]
na kālāgnibhayaṃ tatra na cāṅgārapravarṣaṇam / na saṃvartāgamas tatra na ca vajrāśanis tathā //
Dort gab es keine Furcht vor dem Zeit-Feuer (Kālāgni), und kein Herabregnen glühender Kohlen; dort gab es kein Eindringen des Saṃvarta[-Feuers], und ebenso keinen Blitzschlag.
Wort für Wort
na kālāgnibhayam
keine Furcht vor dem Zeit-Feuer
tatra
dort
na ca aṅgārapravarṣaṇam
und kein Herabregnen glühender Kohlen
na saṃvartāgamaḥ
kein Eindringen des Saṃvarta(-Feuers)
tatra
dort
na ca vajrāśaniḥ
und kein Blitzschlag
tathā
ebenso
[Anm.: Schließt die Schilderung der wundersamen Sicherheit unter dem kosmischen Banyanbaum inmitten der Weltauflösung ab.]