Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 195: jarāsaṃdhayuddhāni bhagavallīlānirūpaṇaṃ ca Die Schlachten mit Jarāsaṃdha und die Erklärung des göttlichen Spiels

Jarāsaṃdha, König von Magadha und Vater von Kaṃsas Witwen Asti und Prāpti, belagert Mathurā aus Rache. Rāma und Kṛṣṇa erhalten ihre himmlischen Waffen (Diskus, Bogen Śārṅga, Keule Kaumodakī, Pflug, Keule Sunanda) und besiegen ihn; doch Jarāsaṃdha kehrt insgesamt achtzehnmal zurück und wird jedesmal geschlagen, ohne endgültig vernichtet zu werden. Der Abschnitt schließt mit einer philosophischen Reflexion über Kṛṣṇas Spiel (līlā): Obwohl er als reiner Geist Schöpfung und Auflösung der Welt bewirken könnte, folgt er aus freiem Willen dem Dharma und Verhalten der Menschen, einschließlich der vier politischen Mittel (Versöhnung, Geschenk, Spaltung, Bestrafung).

jarāsaṃdhasute kaṃsa upayeme mahābalaḥ / astiḥ prāptiś ca bho viprās tayor bhartṛhaṇaṃ harim //

Vyāsa sprach: Kaṃsa, der sehr Starke, hatte die beiden Töchter Jarāsaṃdhas, Asti und Prāpti, geheiratet — und, o Brahmanen, [sie berichteten ihrem Vater] von Hari als dem Töter ihres Gatten.

Wort für Wort
jarāsaṃdhasute kaṃsa upayeme mahābalaḥ
Kaṃsa, der sehr Starke, hatte die beiden Töchter Jarāsaṃdhas geheiratet
astiḥ prāptiś ca bho viprāḥ
Asti und Prāpti [waren sie], o Brahmanen
tayor bhartṛhaṇaṃ harim
[und sie berichteten] von Hari, dem Töter ihres Gatten

[Anm.: Der Satz ist elliptisch; gemeint ist, dass Kaṃsas Witwen Asti und Prāpti, Töchter Jarāsaṃdhas, ihrem Vater von Hari als dem Mörder ihres Gatten berichteten, was dessen im Folgenden geschilderten Rachefeldzug auslöst.]

mahābalaparīvāro māgadhādhipatir balī / hantum abhyāyayau kopāj jarāsaṃdhaḥ sayādavam //

Jarāsaṃdha, der starke Herr von Magadha, von einem sehr starken Gefolge umgeben, zog im Zorn aus, um [Kṛṣṇa] samt den Yadus zu töten.

Wort für Wort
mahābalaparīvāro
von einem sehr starken Gefolge umgeben
māgadhādhipatir balī
der starke Herr von Magadha
hantum abhyāyayau kopāj
zog im Zorn aus, um zu töten
jarāsaṃdhaḥ sayādavam
Jarāsaṃdha, [ihn] samt den Yadus

upetya mathurāṃ so 'tha rurodha magadheśvaraḥ / akṣauhiṇībhiḥ sainyasya trayoviṃśatibhir vṛtaḥ //

Nach Mathurā gekommen, belagerte der Herr von Magadha [die Stadt], umgeben von dreiundzwanzig Akṣauhiṇīs an Heer.

Wort für Wort
upetya mathurāṃ so 'tha
nach Mathurā gekommen, dann
rurodha magadheśvaraḥ
belagerte der Herr von Magadha
akṣauhiṇībhiḥ sainyasya
mit Akṣauhiṇīs an Heer
trayoviṃśatibhir vṛtaḥ
von dreiundzwanzig umgeben

niṣkramyālpaparīvārāv ubhau rāmajanārdanau / yuyudhāte samaṃ tasya balinau balisainikaiḥ //

Mit [nur] geringem Gefolge auszogen die beiden, Rāma und Janārdana, die Starken, und kämpften ebenbürtig gegen dessen mächtige Soldaten.

Wort für Wort
niṣkramyālpaparīvārāv
mit [nur] geringem Gefolge auszogen
ubhau rāmajanārdanau
die beiden, Rāma und Janārdana
yuyudhāte samaṃ tasya balinau
die beiden Starken kämpften ebenbürtig gegen dessen
balisainikaiḥ
mächtige Soldaten

tato balaś ca kṛṣṇaś ca matiṃ cakre mahābalaḥ / āyudhānāṃ purāṇānām ādāne munisattamāḥ //

Da fassten Bala und Kṛṣṇa, die sehr Starken, den Entschluss, ihre uralten Waffen zu erlangen, o Beste der Weisen.

Wort für Wort
tato balaś ca kṛṣṇaś ca
da Bala und Kṛṣṇa
matiṃ cakre mahābalaḥ
fassten die sehr Starken den Entschluss
āyudhānāṃ purāṇānām ādāne
die uralten Waffen zu erlangen
munisattamāḥ
o Beste der Weisen

anantaraṃ cakraśārṅge tūṇau cāpy akṣayau śaraiḥ / ākāśād āgatau vīrau tadā kaumodakī gadā //

Sogleich kamen der Diskus und der Bogen Śārṅga, sowie die beiden unerschöpflichen Köcher mit Pfeilen, vom Himmel zu den beiden Helden, und dann die Keule Kaumodakī.

Wort für Wort
anantaraṃ cakraśārṅge
sogleich der Diskus und [der Bogen] Śārṅga
tūṇau cāpy akṣayau śaraiḥ
und auch die beiden unerschöpflichen Köcher mit Pfeilen
ākāśād āgatau vīrau
kamen vom Himmel zu den beiden Helden
tadā kaumodakī gadā
und dann [auch] die Keule Kaumodakī

halaṃ ca balabhadrasya gaganād āgamat karam / balasyābhimataṃ viprāḥ sunandaṃ muśalaṃ tathā //

Und Balabhadras Pflug(waffe) kam vom Himmel in seine Hand, o Brahmanen, und ebenso die von Bala geliebte Keule Sunanda.

Wort für Wort
halaṃ ca balabhadrasya
und Balabhadras Pflug(waffe)
gaganād āgamat karam
kam vom Himmel in [seine] Hand
balasyābhimataṃ viprāḥ
die von Bala geliebte, o Brahmanen
sunandaṃ muśalaṃ tathā
[nämlich] die Keule Sunanda, ebenso

tato yuddhe parājitya svasainyaṃ magadhādhipam / purīṃ viviśatur vīrāv ubhau rāmajanārdanau //

Dann, nachdem sie im Kampf den Herrn von Magadha samt seinem Heer besiegt hatten, betraten die beiden Helden, Rāma und Janārdana, die Stadt.

Wort für Wort
tato yuddhe parājitya
dann, im Kampf besiegt habend
svasainyaṃ magadhādhipam
den Herrn von Magadha samt seinem Heer
purīṃ viviśatur vīrāv
betraten die beiden Helden die Stadt
ubhau rāmajanārdanau
beide, Rāma und Janārdana

jite tasmin sudurvṛtte jarāsaṃdhe dvijottamāḥ / jīvamāne gate tatra kṛṣṇo mene na taṃ jitam //

Als jener sehr bösartige Jarāsaṃdha besiegt war, o Beste der Zweifachgeborenen, [aber] lebend von dort weggegangen war, betrachtete Kṛṣṇa ihn nicht als [wirklich] besiegt.

Wort für Wort
jite tasmin sudurvṛtte
als jener sehr bösartige
jarāsaṃdhe dvijottamāḥ
Jarāsaṃdha besiegt war, o Beste der Zweifachgeborenen
jīvamāne gate tatra
[aber] lebend von dort weggegangen war
kṛṣṇo mene na taṃ jitam
betrachtete Kṛṣṇa ihn nicht als besiegt

punar apy ājagāmātha jarāsaṃdho balānvitaḥ / jitaś ca rāmakṛṣṇābhyām apakṛtya dvijottamāḥ //

Wieder kam dann Jarāsaṃdha, von einem Heer begleitet, und wurde von Rāma und Kṛṣṇa besiegt, nachdem er Schaden angerichtet hatte, o Beste der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
punar apy ājagāmātha
wieder kam dann
jarāsaṃdho balānvitaḥ
Jarāsaṃdha, von einem Heer begleitet
jitaś ca rāmakṛṣṇābhyām
und wurde von Rāma und Kṛṣṇa besiegt
apakṛtya dvijottamāḥ
nachdem er Schaden angerichtet hatte, o Beste der Zweifachgeborenen

daśa cāṣṭau ca saṃgrāmān evam atyantadurmadaḥ / yadubhir māgadho rājā cakre kṛṣṇapurogamaiḥ //

Zehn und acht [also achtzehn] Schlachten führte auf diese Weise der äußerst hochmütige König von Magadha gegen die von Kṛṣṇa angeführten Yadus.

Wort für Wort
daśa cāṣṭau ca saṃgrāmān
zehn und acht [d.h. achtzehn] Schlachten
evam atyantadurmadaḥ
so der äußerst hochmütige
yadubhir māgadho rājā cakre
führte der König von Magadha gegen die Yadus
kṛṣṇapurogamaiḥ
die von Kṛṣṇa angeführt wurden

sarveṣv eva ca yuddheṣu yadubhiḥ sa parājitaḥ / apakrānto jarāsaṃdhaḥ svalpasainyair balādhikaḥ //

Und in allen Schlachten wurde er von den Yadus besiegt; Jarāsaṃdha, obwohl an Kraft überlegen, zog sich mit nur sehr wenigen Soldaten zurück.

Wort für Wort
sarveṣv eva ca yuddheṣu
und in allen Schlachten
yadubhiḥ sa parājitaḥ
wurde er von den Yadus besiegt
apakrānto jarāsaṃdhaḥ
Jarāsaṃdha zog sich zurück
svalpasainyair balādhikaḥ
mit sehr wenigen Soldaten, [obwohl] an Kraft überlegen

tad balaṃ yādavānāṃ vai rakṣitaṃ yad anekaśaḥ / tat tu saṃnidhimāhātmyaṃ viṣṇor aṃśasya cakriṇaḥ //

Dass jenes Heer der Yādavas so vielfach beschützt wurde — das aber [geschah] durch die Erhabenheit der Gegenwart des Diskusträgers, [der] ein Teil (aṃśa) Viṣṇus [ist].

Wort für Wort
tad balaṃ yādavānāṃ vai
jenes Heer der Yādavas fürwahr
rakṣitaṃ yad anekaśaḥ
wurde so vielfach beschützt
tat tu saṃnidhimāhātmyaṃ
das aber [geschah] durch die Erhabenheit der Gegenwart
viṣṇor aṃśasya cakriṇaḥ
des Diskusträgers, [der] ein Teil Viṣṇus [ist]

manuṣyadharmaśīlasya līlā sā jagataḥ pateḥ / astrāṇy anekarūpāṇi yad arātiṣu muñcati //

Dies [ist] das Spiel (līlā) des Herrn der Welt, der die Natur eines Menschen [annimmt] und deshalb vielgestaltige Waffen gegen [seine] Feinde entsendet.

Wort für Wort
manuṣyadharmaśīlasya
der die Natur/Sitte eines Menschen [hat]
līlā sā jagataḥ pateḥ
dies [ist] das Spiel des Herrn der Welt
astrāṇy anekarūpāṇi
vielgestaltige Waffen
yad arātiṣu muñcati
dass er sie gegen [seine] Feinde entsendet

manasaiva jagatsṛṣṭi-saṃhāraṃ tu karoti yaḥ / tasyāripakṣakṣapaṇe kiyān udyamavistaraḥ //

Für den, der allein durch [seinen] Geist die Erschaffung und Auflösung der Welt bewirkt — wie groß [könnte] für ihn die Ausdehnung der Anstrengung bei der Vernichtung der Feindespartei [sein]?

Wort für Wort
manasaiva jagatsṛṣṭi-saṃhāraṃ tu karoti yaḥ
für den, der allein durch [seinen] Geist Erschaffung und Auflösung der Welt bewirkt
tasyāripakṣakṣapaṇe
für ihn, bei der Vernichtung der Feindespartei
kiyān udyamavistaraḥ
wie groß [wäre] die Ausdehnung der Anstrengung

tathāpi ca manuṣyāṇāṃ dharmas tadanuvartanam / kurvan balavatā saṃdhiṃ hīnair yuddhaṃ karoty asau //

Und dennoch [folgt er] dem Dharma der Menschen, indem er sich danach richtet: Mit dem Mächtigen schließt er Bündnis, mit den Schwachen führt er Krieg —

Wort für Wort
tathāpi ca manuṣyāṇāṃ dharmas
und dennoch der Dharma der Menschen
tadanuvartanam
das Sich-danach-Richten
kurvan balavatā saṃdhiṃ
mit dem Mächtigen Bündnis schließend
hīnair yuddhaṃ karoty asau
führt er mit den Schwachen Krieg

sāma copapradānaṃ ca tathā bhedaṃ ca darśayan / karoti daṇḍapātaṃ ca kvacid eva palāyanam //

— Versöhnung und Geschenkgabe zeigend, und ebenso Spaltung, vollzieht er [manchmal] Bestrafung, und manchmal sogar [nur eine scheinbare] Flucht.

Wort für Wort
sāma copapradānaṃ ca
Versöhnung und Geschenkgabe
tathā bhedaṃ ca darśayan
und ebenso Spaltung zeigend
karoti daṇḍapātaṃ ca
vollzieht er Bestrafung
kvacid eva palāyanam
und manchmal sogar Flucht

[Anm.: Anspielung auf die vier klassischen Mittel der Politik (upāya): sāma (Versöhnung), dāna (Geschenk), bheda (Spaltung), daṇḍa (Bestrafung) — hier ergänzt um die List der scheinbaren Flucht.]

manuṣyadehināṃ ceṣṭām ity evam anuvartate / līlā jagatpates tasya cchandataḥ saṃpravartate //

So folgt er dem Verhalten verkörperter Menschen; das Spiel jenes Herrn der Welt entfaltet sich [ganz] nach seinem eigenen Willen.

Wort für Wort
manuṣyadehināṃ ceṣṭām
dem Verhalten verkörperter Menschen
ity evam anuvartate
so folgt er [ihm]
līlā jagatpates tasya
das Spiel jenes Herrn der Welt
cchandataḥ saṃpravartate
entfaltet sich nach [seinem eigenen] Willen

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