Kapitel 126: tapastīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Tapas-Tīrtha (Der Streit der Elemente um den Vorrang)
Ein philosophischer Disput zwischen Weisen darüber, ob Feuer oder Wasser das 'Höhere' (jyeṣṭha) unter den Elementen sei (V.1-12). Die Weisen tragen die Frage nacheinander Brahma (V.13-17), Vāyu (V.18-19), der Erde (V.20-22) und Viṣṇu, dem auf dem Milchozean Liegenden (V.23-28), vor, ohne eine eindeutige Antwort zu erhalten; eine körperlose göttliche Stimme (Jagaddhātrī) verkündet, dass demjenigen Element der Vorrang gebühre, dessen Verehrung zuerst Frucht trage (V.28-29). Die Weisen ziehen sich zur Askese an die Gautamī (Godāvarī) zurück, wo sich Feuer- und Wasserverehrer trennen, bis die göttliche Stimme, nun als Sarasvatī, die Wasser für vorrangig erklärt, da das Feuer selbst aus dem Wasser entspringt und ohne Wasser keine rituelle Reinheit möglich ist (V.30-36). Ursprung des Tapas- (auch Sattra-, Agni- und Sārasvata-) Tīrtha mit 1400 Nebentīrthas, wo sich die Sarasvatī mit der Gaṅgā vereinigt (V.37-40). V.7-8 führen eine Analogie zwischen Zeugung und Feuerkraft fort; V.27 weist mit sechs statt vier Pādas eine unregelmäßige Metrenform auf, und 'keapi' (V.27c) dürfte eine Sandhi-Verschleifung von 'ke 'pi' widerspiegeln.
Das als Tapas-Tīrtha bekannte, große, die Askese (Tapas) mehrende, alle Wünsche erfüllende, heilige, die Freude der Ahnen mehrende [Tīrtha will ich verkünden].
Wort für Wort
tapastīrtham iti khyātaṃ tapovṛddhikaraṃ mahat
das als Tapas-Tīrtha bekannte, große, Tapas mehrende [Tīrtha]
sarvakāmapradaṃ puṇyaṃ pitṝṇāṃ prītivardhanam
alle Wünsche erfüllend, heilig, die Freude der Ahnen mehrend
tasmiṃs tīrthe tu yad vṛttaṃ śṛṇu pāpapraṇāśanam / apām agneś ca saṃvādam ṛṣīṇāṃ ca parasparam // BrP_126.2 //
Doch was sich an jenem Tīrtha ereignete, höre, das die Sünde Vernichtende: den Wortwechsel von Wasser und Feuer und [den Streit] der Weisen untereinander.
Wort für Wort
tasmiṃs tīrthe tu yad vṛttaṃ śṛṇu pāpapraṇāśanam
was sich an jenem Tīrtha ereignete, höre, das Sünde vernichtend
apām agneś ca saṃvādam ṛṣīṇāṃ ca parasparam
den Wortwechsel von Wasser und Feuer und der Weisen untereinander
Wo könnte ohne Feuer Leben sein, da das Feuer selbst lebendig geworden ist; zum Selbst geworden und zur Opfergabe geworden, entsteht durch das Feuer alles.
Wort für Wort
vināgniṃ jīvanaṃ kva syāj jīvabhūto yato 'nalaḥ
wo könnte ohne Feuer Leben sein, da das Feuer lebendig geworden ist
ātmabhūto havyabhūtaś cāgninā jāyate 'khilam
zum Selbst geworden und zur Opfergabe geworden, entsteht durch das Feuer alles
agninā dhriyate loko hy agnir jyotirmayaṃ jagat / tasmād agneḥ paraṃ nāsti pāvanaṃ daivataṃ mahat // BrP_126.5 //
Durch das Feuer wird die Welt getragen, das Feuer ist die aus Licht bestehende Welt; darum gibt es nichts Höheres als das Feuer, keine reinigendere, große Gottheit.
Wort für Wort
agninā dhriyate loko hy agnir jyotirmayaṃ jagat
durch das Feuer wird die Welt getragen, das Feuer ist die lichthafte Welt
tasmād agneḥ paraṃ nāsti pāvanaṃ daivataṃ mahat
darum gibt es nichts Höheres als das Feuer, keine reinigendere große Gottheit
antarjyotiḥ sa evoktaḥ paraṃ jyotiḥ sa eva hi / vināgninā kiṃcid asti yasya dhāma jagattrayam // BrP_126.6 //
Es wird als das innere Licht bezeichnet, es selbst ist wahrlich das höchste Licht; gibt es irgendetwas ohne das Feuer, dessen Wohnstatt die drei Welten sind [?]
Wort für Wort
antarjyotiḥ sa evoktaḥ paraṃ jyotiḥ sa eva hi
es wird als das innere Licht bezeichnet, es selbst ist das höchste Licht
vināgninā kiṃcid asti yasya dhāma jagattrayam
gibt es etwas ohne das Feuer, dessen Wohnstatt die drei Welten sind?
tasya dehādikā śaktiḥ kṛśānor eva nānyathā / devānāṃ hi mukhaṃ vahnis tasmān nātaḥ paraṃ viduḥ // BrP_126.8 //
dessen körperbildende Kraft usw. ist allein die des Feuers, nicht anders; denn das Feuer ist der Mund der Götter, darum kennt man nichts Höheres als dieses.
Wort für Wort
tasya dehādikā śaktiḥ kṛśānor eva nānyathā
dessen körperbildende Kraft usw. ist allein die des Feuers, nicht anders
devānāṃ hi mukhaṃ vahnis tasmān nātaḥ paraṃ viduḥ
denn das Feuer ist der Mund der Götter, darum kennt man nichts Höheres als dieses
utpannam amṛtaṃ hy adbhyas tābhyaś cauṣadhisaṃbhavaḥ / agnir jyeṣṭha iti prāhur āpo jyeṣṭhatamāḥ pare // BrP_126.11 //
Aus dem Wasser entstand der Nektar (Amṛta), und aus ihm der Ursprung der Heilkräuter; die einen sagen, das Feuer sei das Höchste, die anderen, das Wasser sei das Höchste.
Wort für Wort
utpannam amṛtaṃ hy adbhyas tābhyaś cauṣadhisaṃbhavaḥ
aus dem Wasser entstand der Nektar, und aus ihm der Ursprung der Heilkräuter
agnir jyeṣṭha iti prāhur āpo jyeṣṭhatamāḥ pare
die einen sagen, das Feuer sei das Höchste, die anderen, das Wasser sei das Höchste
Brahma sprach: Auch ich sprach zu allen angekommenen, gelübdetreuen Weisen: Beide sind in der Welt höchst verehrungswürdig, aus beiden entsteht die Welt.
Wort für Wort
aham apy abravaṃ prāptān ṛṣīn sarvān yatavratān
auch ich sprach zu allen angekommenen, gelübdetreuen Weisen
ubhau pūjyatamau loka ubhābhyāṃ jāyate jagat
beide sind in der Welt höchst verehrungswürdig, aus beiden entsteht die Welt
nānayoś ca viśeṣo 'sti tato jyaiṣṭhyaṃ samaṃ matam / tato madvacanāj jyaiṣṭhyam ubhayor naiva kasyacit // BrP_126.16 //
Zwischen beiden besteht kein Unterschied, daher gilt ihre Vorrangstellung als gleich; nach meinem Wort gebührt die Vorrangstellung daher keinem von beiden allein.
Wort für Wort
nānayoś ca viśeṣo 'sti tato jyaiṣṭhyaṃ samaṃ matam
zwischen beiden besteht kein Unterschied, daher gilt ihre Vorrangstellung als gleich
tato madvacanāj jyaiṣṭhyam ubhayor naiva kasyacit
nach meinem Wort gebührt die Vorrangstellung keinem von beiden allein
Brahma sprach: 'Nein', sagten die Weisen zueinander, und sie gingen zu dem auf dem Milchozean Liegenden; sie priesen mit vielfältigen Lobgesängen den Träger von Muschelhorn, Diskus und Keule.
Wort für Wort
nety uktvānyonyam ṛṣayo jagmuḥ kṣīrodaśāyinam
'nein' sagten die Weisen zueinander, und sie gingen zu dem auf dem Milchozean Liegenden
tuṣṭuvur vividhaiḥ stotraiḥ śaṅkhacakragadādharam
sie priesen mit vielfältigen Lobgesängen den Träger von Muschelhorn, Diskus und Keule
{ṛṣaya ūcuḥ:} yo veda sarvaṃ bhuvanaṃ bhaviṣyad BrP_126.24a / yaj jāyamānaṃ ca guhāniviṣṭam BrP_126.24b / lokatrayaṃ citravicitrarūpam BrP_126.24c / ante samastaṃ ca yam āviveśa BrP_126.24d
Die Weisen sprachen: Der die ganze zukünftige Welt kennt, / die entstehende, in der Höhle [des Herzens] verborgene, / die drei Welten mit ihren mannigfaltig-bunten Formen, / und in den am Ende alles eingeht -
Wort für Wort
yo veda sarvaṃ bhuvanaṃ bhaviṣyad
der die ganze zukünftige Welt kennt
yaj jāyamānaṃ ca guhāniviṣṭam
die entstehende, in der Höhle verborgene
lokatrayaṃ citravicitrarūpam
die drei Welten mit mannigfaltig-bunten Formen
ante samastaṃ ca yam āviveśa
und in den am Ende alles eingeht
[Anm.: Ab hier V.24-27 Hymne der Weisen an Viṣṇu in besonderem, padaweise gezähltem Hymnenmetrum.]
yad akṣaraṃ śāśvatam aprameyaṃ BrP_126.25a / yaṃ vedavedyam ṛṣayo vadanti BrP_126.25b / yam āśritāḥ svepsitam āpnuvanti BrP_126.25c / tad vastu satyaṃ śaraṇaṃ vrajāmaḥ BrP_126.25d
das Unvergängliche, Ewige, Unermessliche, / das durch die Veden Erkennbare, wie die Weisen sagen, / zu dem Zuflucht Nehmende ihr eigenes Verlangen erlangen - / zu diesem wahren Wesen nehmen wir Zuflucht.
Wort für Wort
yad akṣaraṃ śāśvatam aprameyaṃ
das Unvergängliche, Ewige, Unermessliche
yaṃ vedavedyam ṛṣayo vadanti
das durch die Veden Erkennbare, wie die Weisen sagen
yam āśritāḥ svepsitam āpnuvanti
zu dem Zuflucht Nehmende ihr eigenes Verlangen erlangen
Das Seiende, das Erste der aus den großen Elementen bestehenden Welt, / dessen Viṣṇu-Gestalt selbst die Yogin nicht finden - / um dies zu verkünden sind diese Weisen hierher gekommen; / sprich hier die Wahrheit, o Wohnstatt der Welt.
Wort für Wort
bhūtaṃ mahābhūtajagatpradhānaṃ
das Seiende, das Erste der aus großen Elementen bestehenden Welt
na vindate yogino viṣṇurūpam
dessen Viṣṇu-Gestalt selbst die Yogin nicht finden
tad vaktum ete ṛṣayo 'tra yātāḥ
um dies zu verkünden sind diese Weisen hierher gekommen
Du bist die innere Seele aller verkörperten Wesen, / du allein bist alles, in dir ist alles, o Herr; / dennoch erkennt dich, ach, kein Wesen irgendwo wirklich, [nur] kraft [deiner eigenen] Natur-Macht [erkennt man dich], / der du innen und außen überall gegenwärtig bist / und als Weltseele [alles] durchdringend umkreist.
Wort für Wort
tvam antarātmākhiladehabhājāṃ
du bist die innere Seele aller verkörperten Wesen
tvam eva sarvaṃ tvayi sarvam īśa
du allein bist alles, in dir ist alles, o Herr
tathāpi jānanti na keapi kutrāpi
dennoch erkennt dich kein Wesen irgendwo wirklich [?]
aho bhavantaṃ prakṛtiprabhāvāt
ach, dich, kraft [deiner] Natur-Macht
antar bahiḥ sarvata eva santaṃ
der du innen und außen überall gegenwärtig bist
viśvātmanā saṃparivartamānam
und als Weltseele [alles] durchdringend umkreist
[Anm.: Mit sechs statt vier Pādas metrisch unregelmäßig. 'keapi' (c) dürfte eine Sandhi-Verschleifung von 'ke 'pi' (irgendwelche) sein; Übersetzung entsprechend als 'kein[er]' aufgefasst. Übergang V.27c/d syntaktisch unklar, sinngemäß ergänzt.]
{daivī vāg uvāca:} ubhāv ārādhya tapasā bhaktyā ca niyamena ca / yasya syāt prathamaṃ siddhis tad bhūtaṃ jyeṣṭham ucyate // BrP_126.29 //
Die göttliche Stimme sprach: Wenn beide durch Askese, Hingabe und Regelbefolgung verehrt werden, wird dasjenige Element, dessen Erfüllung zuerst eintritt, das Höchste genannt.
Wort für Wort
ubhāv ārādhya tapasā bhaktyā ca niyamena ca
wenn beide durch Askese, Hingabe und Regelbefolgung verehrt werden
yasya syāt prathamaṃ siddhis tad bhūtaṃ jyeṣṭham ucyate
dasjenige Element, dessen Erfüllung zuerst eintritt, wird das Höchste genannt
abdaivataṃ tathāgniṃ ca pūjanāyodyatās tadā / agneś ca pūjakā ye ca apāṃ vai pūjane sthitāḥ / tatra vāg abravīd daivī vedamātā sarasvatī // BrP_126.32 //
Sie machten sich damals bereit, sowohl die Wassergottheit als auch das Feuer zu verehren; und die einen waren Verehrer des Feuers, die anderen standen bei der Verehrung des Wassers - da sprach die göttliche Stimme, die Mutter der Veden, Sarasvatī.
Wort für Wort
abdaivataṃ tathāgniṃ ca pūjanāyodyatās tadā
sie machten sich damals bereit, Wassergottheit und Feuer zu verehren
agneś ca pūjakā ye ca apāṃ vai pūjane sthitāḥ
die einen waren Verehrer des Feuers, die anderen standen bei der Verehrung des Wassers
tatra vāg abravīd daivī vedamātā sarasvatī
da sprach die göttliche Stimme, die Mutter der Veden, Sarasvatī
{daivī vāg uvāca:} agner āpas tathā yonir adbhiḥ śaucam avāpyate / agneś ca pūjakā ye ca vinādbhiḥ pūjanaṃ katham // BrP_126.33 //
Die göttliche Stimme sprach: Das Wasser ist der Ursprung des Feuers, durch Wasser wird Reinheit erlangt; wie sollten die Verehrer des Feuers ohne Wasser verehren können?
Wort für Wort
agner āpas tathā yonir adbhiḥ śaucam avāpyate
das Wasser ist der Ursprung des Feuers, durch Wasser wird Reinheit erlangt
agneś ca pūjakā ye ca vinādbhiḥ pūjanaṃ katham
wie sollten die Verehrer des Feuers ohne Wasser verehren können?
Erst wenn Wasser vorhanden ist, wird man überall zum [rituellen] Handeln berechtigt; bis dahin ist der Mensch für das Handeln ungeeignet, unrein und befleckt.
Wort für Wort
apsu jātāsu sarvatra karmaṇy adhikṛto bhavet
erst wenn Wasser vorhanden ist, wird man überall zum Handeln berechtigt
tāvat karmaṇy anarho 'yam aśucir malino naraḥ
bis dahin ist der Mensch für das Handeln ungeeignet, unrein und befleckt
Solange der Vedakundige nicht mit Glauben in das kalte Wasser eingetaucht ist, [gilt er nicht als rein]; darum sind die Wasser die höchsten, da sie als Mütter gelten; darum gehört die Vorrangstellung eigens den Wassern, den Erzeugerinnen, gegenüber dem Feuer.
Wort für Wort
na magnaḥ śraddhayā yāvad apsu śītāsu vedavit
solange der Vedakundige nicht mit Glauben in das kalte Wasser eingetaucht ist
tasmād āpo variṣṭhāḥ syur mātṛbhūtā yataḥ smṛtāḥ
darum sind die Wasser die höchsten, da sie als Mütter gelten
tasmāj jyaiṣṭhyam apām eva jananyo 'gner viśeṣataḥ
darum gehört die Vorrangstellung eigens den Wassern, den Erzeugerinnen, gegenüber dem Feuer
yatra tīrthe vṛttam idam ṛṣisattre ca nārada / tapastīrthaṃ tu tat proktaṃ sattratīrthaṃ tad ucyate // BrP_126.37 //
An welchem Tīrtha sich dies beim Opfersitzungs-Ritual der Weisen ereignete, o Nārada, jenes wird Tapas-Tīrtha genannt, [auch] Sattra-Tīrtha wird es genannt.
Wort für Wort
yatra tīrthe vṛttam idam ṛṣisattre ca nārada
an welchem Tīrtha sich dies beim Opfersitzungs-Ritual der Weisen ereignete, o Nārada
tapastīrthaṃ tu tat proktaṃ sattratīrthaṃ tad ucyate
jenes wird Tapas-Tīrtha genannt, [auch] Sattra-Tīrtha wird es genannt
Wo durch [ihre] Rede die Beseitigung des Zweifels der Weisen bewirkt wurde, dort vereinigte sich der Fluss Sarasvatī mit der Gaṅgā; wer wäre imstande, die Größe dieses Zusammenflusses zu verkünden?
Wort für Wort
kṛtaṃ saṃdehaharaṇam ṛṣīṇāṃ yatra bhāṣayā
wo durch ihre Rede die Beseitigung des Zweifels der Weisen bewirkt wurde
sarasvaty abhavat tatra gaṅgayā saṃgatā nadī
dort vereinigte sich der Fluss Sarasvatī mit der Gaṅgā
māhātmyaṃ tasya ko vaktuṃ saṃgamasya kṣamo naraḥ
wer wäre imstande, die Größe dieses Zusammenflusses zu verkünden?
[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original; schließt die Chaperzählung ab.]