Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 126: tapastīrthamāhātmyavarṇanam Die Größe des Tapas-Tīrtha (Der Streit der Elemente um den Vorrang)

Ein philosophischer Disput zwischen Weisen darüber, ob Feuer oder Wasser das 'Höhere' (jyeṣṭha) unter den Elementen sei (V.1-12). Die Weisen tragen die Frage nacheinander Brahma (V.13-17), Vāyu (V.18-19), der Erde (V.20-22) und Viṣṇu, dem auf dem Milchozean Liegenden (V.23-28), vor, ohne eine eindeutige Antwort zu erhalten; eine körperlose göttliche Stimme (Jagaddhātrī) verkündet, dass demjenigen Element der Vorrang gebühre, dessen Verehrung zuerst Frucht trage (V.28-29). Die Weisen ziehen sich zur Askese an die Gautamī (Godāvarī) zurück, wo sich Feuer- und Wasserverehrer trennen, bis die göttliche Stimme, nun als Sarasvatī, die Wasser für vorrangig erklärt, da das Feuer selbst aus dem Wasser entspringt und ohne Wasser keine rituelle Reinheit möglich ist (V.30-36). Ursprung des Tapas- (auch Sattra-, Agni- und Sārasvata-) Tīrtha mit 1400 Nebentīrthas, wo sich die Sarasvatī mit der Gaṅgā vereinigt (V.37-40). V.7-8 führen eine Analogie zwischen Zeugung und Feuerkraft fort; V.27 weist mit sechs statt vier Pādas eine unregelmäßige Metrenform auf, und 'keapi' (V.27c) dürfte eine Sandhi-Verschleifung von 'ke 'pi' widerspiegeln.

tapastīrtham iti khyātaṃ tapovṛddhikaraṃ mahat / sarvakāmapradaṃ puṇyaṃ pitṝṇāṃ prītivardhanam // BrP_126.1 //

Das als Tapas-Tīrtha bekannte, große, die Askese (Tapas) mehrende, alle Wünsche erfüllende, heilige, die Freude der Ahnen mehrende [Tīrtha will ich verkünden].

Wort für Wort
tapastīrtham iti khyātaṃ tapovṛddhikaraṃ mahat
das als Tapas-Tīrtha bekannte, große, Tapas mehrende [Tīrtha]
sarvakāmapradaṃ puṇyaṃ pitṝṇāṃ prītivardhanam
alle Wünsche erfüllend, heilig, die Freude der Ahnen mehrend

tasmiṃs tīrthe tu yad vṛttaṃ śṛṇu pāpapraṇāśanam / apām agneś ca saṃvādam ṛṣīṇāṃ ca parasparam // BrP_126.2 //

Doch was sich an jenem Tīrtha ereignete, höre, das die Sünde Vernichtende: den Wortwechsel von Wasser und Feuer und [den Streit] der Weisen untereinander.

Wort für Wort
tasmiṃs tīrthe tu yad vṛttaṃ śṛṇu pāpapraṇāśanam
was sich an jenem Tīrtha ereignete, höre, das Sünde vernichtend
apām agneś ca saṃvādam ṛṣīṇāṃ ca parasparam
den Wortwechsel von Wasser und Feuer und der Weisen untereinander

apo jyeṣṭhatamāḥ kecin menire 'gniṃ tathāpare / evaṃ bruvanto munayaḥ saṃvādaṃ cāgnivāriṇoḥ // BrP_126.3 //

Manche hielten das Wasser für das Höchste, andere ebenso das Feuer; so sprechend führten die Weisen einen Wortwechsel über Feuer und Wasser.

Wort für Wort
apo jyeṣṭhatamāḥ kecin menire 'gniṃ tathāpare
manche hielten das Wasser für das Höchste, andere ebenso das Feuer
evaṃ bruvanto munayaḥ saṃvādaṃ cāgnivāriṇoḥ
so sprechend [führten] die Weisen einen Wortwechsel über Feuer und Wasser

vināgniṃ jīvanaṃ kva syāj jīvabhūto yato 'nalaḥ / ātmabhūto havyabhūtaś cāgninā jāyate 'khilam // BrP_126.4 //

Wo könnte ohne Feuer Leben sein, da das Feuer selbst lebendig geworden ist; zum Selbst geworden und zur Opfergabe geworden, entsteht durch das Feuer alles.

Wort für Wort
vināgniṃ jīvanaṃ kva syāj jīvabhūto yato 'nalaḥ
wo könnte ohne Feuer Leben sein, da das Feuer lebendig geworden ist
ātmabhūto havyabhūtaś cāgninā jāyate 'khilam
zum Selbst geworden und zur Opfergabe geworden, entsteht durch das Feuer alles

agninā dhriyate loko hy agnir jyotirmayaṃ jagat / tasmād agneḥ paraṃ nāsti pāvanaṃ daivataṃ mahat // BrP_126.5 //

Durch das Feuer wird die Welt getragen, das Feuer ist die aus Licht bestehende Welt; darum gibt es nichts Höheres als das Feuer, keine reinigendere, große Gottheit.

Wort für Wort
agninā dhriyate loko hy agnir jyotirmayaṃ jagat
durch das Feuer wird die Welt getragen, das Feuer ist die lichthafte Welt
tasmād agneḥ paraṃ nāsti pāvanaṃ daivataṃ mahat
darum gibt es nichts Höheres als das Feuer, keine reinigendere große Gottheit

antarjyotiḥ sa evoktaḥ paraṃ jyotiḥ sa eva hi / vināgninā kiṃcid asti yasya dhāma jagattrayam // BrP_126.6 //

Es wird als das innere Licht bezeichnet, es selbst ist wahrlich das höchste Licht; gibt es irgendetwas ohne das Feuer, dessen Wohnstatt die drei Welten sind [?]

Wort für Wort
antarjyotiḥ sa evoktaḥ paraṃ jyotiḥ sa eva hi
es wird als das innere Licht bezeichnet, es selbst ist das höchste Licht
vināgninā kiṃcid asti yasya dhāma jagattrayam
gibt es etwas ohne das Feuer, dessen Wohnstatt die drei Welten sind?

[?] Rhetorische Frage, verneinend gemeint.

tasmād agneḥ paraṃ nāsti bhūtānāṃ jyaiṣṭhyabhājanam / yoṣitkṣetre 'rpitaṃ bījaṃ puruṣeṇa yathā tathā // BrP_126.7 //

Darum gibt es nichts Höheres als das Feuer, das den Wesen die Vorrangstellung zuteilt; so wie der Same vom Manne in das Feld der Frau gelegt wird -

Wort für Wort
tasmād agneḥ paraṃ nāsti bhūtānāṃ jyaiṣṭhyabhājanam
darum gibt es nichts Höheres als das Feuer, das den Wesen die Vorrangstellung zuteilt
yoṣitkṣetre 'rpitaṃ bījaṃ puruṣeṇa yathā tathā
so wie der Same vom Mann in das Feld der Frau gelegt wird

[Anm.: Die Analogie wird in V.8 fortgeführt und dort aufgelöst.]

tasya dehādikā śaktiḥ kṛśānor eva nānyathā / devānāṃ hi mukhaṃ vahnis tasmān nātaḥ paraṃ viduḥ // BrP_126.8 //

dessen körperbildende Kraft usw. ist allein die des Feuers, nicht anders; denn das Feuer ist der Mund der Götter, darum kennt man nichts Höheres als dieses.

Wort für Wort
tasya dehādikā śaktiḥ kṛśānor eva nānyathā
dessen körperbildende Kraft usw. ist allein die des Feuers, nicht anders
devānāṃ hi mukhaṃ vahnis tasmān nātaḥ paraṃ viduḥ
denn das Feuer ist der Mund der Götter, darum kennt man nichts Höheres als dieses

apare tu hy apāṃ jyaiṣṭhyaṃ menire vedavādinaḥ / adbhiḥ saṃpatsyate hy annaṃ śucir adbhiḥ prajāyate // BrP_126.9 //

Andere Kenner der Veda-Lehre aber hielten das Wasser für das Höchste; durch Wasser gedeiht die Speise, durch Wasser wird man rein.

Wort für Wort
apare tu hy apāṃ jyaiṣṭhyaṃ menire vedavādinaḥ
andere Kenner der Veda-Lehre aber hielten das Wasser für das Höchste
adbhiḥ saṃpatsyate hy annaṃ śucir adbhiḥ prajāyate
durch Wasser gedeiht die Speise, durch Wasser wird man rein

adbhir eva dhṛtaṃ sarvam āpo vai mātaraḥ smṛtāḥ / trailokyajīvanaṃ vāri vadantīti purāvidaḥ // BrP_126.10 //

Durch Wasser allein wird alles getragen, die Wasser gelten als Mütter; das Wasser sei das Leben der drei Welten, so sagen die Kenner der Vorzeit.

Wort für Wort
adbhir eva dhṛtaṃ sarvam āpo vai mātaraḥ smṛtāḥ
durch Wasser allein wird alles getragen, die Wasser gelten als Mütter
trailokyajīvanaṃ vāri vadantīti purāvidaḥ
das Wasser sei das Leben der drei Welten, so sagen die Kenner der Vorzeit

utpannam amṛtaṃ hy adbhyas tābhyaś cauṣadhisaṃbhavaḥ / agnir jyeṣṭha iti prāhur āpo jyeṣṭhatamāḥ pare // BrP_126.11 //

Aus dem Wasser entstand der Nektar (Amṛta), und aus ihm der Ursprung der Heilkräuter; die einen sagen, das Feuer sei das Höchste, die anderen, das Wasser sei das Höchste.

Wort für Wort
utpannam amṛtaṃ hy adbhyas tābhyaś cauṣadhisaṃbhavaḥ
aus dem Wasser entstand der Nektar, und aus ihm der Ursprung der Heilkräuter
agnir jyeṣṭha iti prāhur āpo jyeṣṭhatamāḥ pare
die einen sagen, das Feuer sei das Höchste, die anderen, das Wasser sei das Höchste

evaṃ mīmāṃsamānās te ṛṣayo vedavādinaḥ / viruddhavādino māṃ ca samabhyetyedam abruvan // BrP_126.12 //

So debattierend kamen jene veda-kundigen, einander widersprechenden Weisen zu mir und sprachen dies:

Wort für Wort
evaṃ mīmāṃsamānās te ṛṣayo vedavādinaḥ
so debattierend, jene veda-kundigen Weisen
viruddhavādino māṃ ca samabhyetyedam abruvan
einander widersprechend, kamen sie zu mir und sprachen dies

{ṛṣaya ūcuḥ:} agner apāṃ vada jyaiṣṭhyaṃ trailokyasya bhavān prabhuḥ //* BrP_126.13 //

Die Weisen sprachen: Verkünde die Vorrangstellung von Feuer und Wasser, du bist der Herr der drei Welten.

Wort für Wort
agner apāṃ vada jyaiṣṭhyaṃ
verkünde die Vorrangstellung von Feuer und Wasser
trailokyasya bhavān prabhuḥ
du bist der Herr der drei Welten

[Anm.: Unvollständiger Halbvers im Original (nur eine Zeile, mit * markiert).]

{brahmovāca:} aham apy abravaṃ prāptān ṛṣīn sarvān yatavratān / ubhau pūjyatamau loka ubhābhyāṃ jāyate jagat // BrP_126.14 //

Brahma sprach: Auch ich sprach zu allen angekommenen, gelübdetreuen Weisen: Beide sind in der Welt höchst verehrungswürdig, aus beiden entsteht die Welt.

Wort für Wort
aham apy abravaṃ prāptān ṛṣīn sarvān yatavratān
auch ich sprach zu allen angekommenen, gelübdetreuen Weisen
ubhau pūjyatamau loka ubhābhyāṃ jāyate jagat
beide sind in der Welt höchst verehrungswürdig, aus beiden entsteht die Welt

ubhābhyāṃ jāyate havyaṃ kavyaṃ cāmṛtam eva ca / ubhābhyāṃ jīvanaṃ loke śarīrasya ca dhāraṇam // BrP_126.15 //

Aus beiden entstehen die Götteropfergabe, die Ahnenspeise und der Nektar; aus beiden [kommen] das Leben in der Welt und der Erhalt des Körpers.

Wort für Wort
ubhābhyāṃ jāyate havyaṃ kavyaṃ cāmṛtam eva ca
aus beiden entstehen die Götteropfergabe, die Ahnenspeise und der Nektar
ubhābhyāṃ jīvanaṃ loke śarīrasya ca dhāraṇam
aus beiden das Leben in der Welt und der Erhalt des Körpers

nānayoś ca viśeṣo 'sti tato jyaiṣṭhyaṃ samaṃ matam / tato madvacanāj jyaiṣṭhyam ubhayor naiva kasyacit // BrP_126.16 //

Zwischen beiden besteht kein Unterschied, daher gilt ihre Vorrangstellung als gleich; nach meinem Wort gebührt die Vorrangstellung daher keinem von beiden allein.

Wort für Wort
nānayoś ca viśeṣo 'sti tato jyaiṣṭhyaṃ samaṃ matam
zwischen beiden besteht kein Unterschied, daher gilt ihre Vorrangstellung als gleich
tato madvacanāj jyaiṣṭhyam ubhayor naiva kasyacit
nach meinem Wort gebührt die Vorrangstellung keinem von beiden allein

jyaiṣṭhyam anyatarasyeti menire ṛṣisattamāḥ / na tṛptā mama vākyena jagmur vāyuṃ tapasvinaḥ // BrP_126.17 //

'Die Vorrangstellung gehört dem einen oder anderen' - so dachten die besten der Weisen; mit meinem Wort nicht zufrieden, gingen die Asketen zu Vāyu.

Wort für Wort
jyaiṣṭhyam anyatarasyeti menire ṛṣisattamāḥ
'die Vorrangstellung gehört dem einen oder anderen' - so dachten die besten der Weisen
na tṛptā mama vākyena jagmur vāyuṃ tapasvinaḥ
mit meinem Wort nicht zufrieden, gingen die Asketen zu Vāyu

{munaya ūcuḥ:} kasya jyaiṣṭhyaṃ bhavān prāṇo vāyo satyaṃ tvayi sthitam //* BrP_126.18 //

Die Muni sprachen: Wessen ist die Vorrangstellung? Du bist der Lebensatem (Prāṇa), o Vāyu, die Wahrheit ruht in dir.

Wort für Wort
kasya jyaiṣṭhyaṃ bhavān prāṇo
wessen ist die Vorrangstellung? Du bist der Lebensatem
vāyo satyaṃ tvayi sthitam
o Vāyu, die Wahrheit ruht in dir

[Anm.: Unvollständiger Halbvers im Original.]

{brahmovāca:} vāyur āhānalo jyeṣṭhaḥ sarvam agnau pratiṣṭhitam / nety uktvānyonyam ṛṣayo jagmus te 'pi vasuṃdharām // BrP_126.19 //

Brahma sprach: Vāyu sagte: Das Feuer ist das Höchste, alles ruht im Feuer. 'Nein', sagten die Weisen zueinander, und auch sie gingen zur Erde.

Wort für Wort
vāyur āhānalo jyeṣṭhaḥ sarvam agnau pratiṣṭhitam
Vāyu sagte: das Feuer ist das Höchste, alles ruht im Feuer
nety uktvānyonyam ṛṣayo jagmus te 'pi vasuṃdharām
'nein' sagten die Weisen zueinander, und auch sie gingen zur Erde

{munaya ūcuḥ:} satyaṃ bhūme vada jyaiṣṭhyam ādhārāsi carācare //* BrP_126.20 //

Die Muni sprachen: Sprich die Wahrheit, o Erde, verkünde die Vorrangstellung, du bist die Stütze des Beweglichen und Unbeweglichen.

Wort für Wort
satyaṃ bhūme vada jyaiṣṭhyam
sprich die Wahrheit, o Erde, verkünde die Vorrangstellung
ādhārāsi carācare
du bist die Stütze des Beweglichen und Unbeweglichen

[Anm.: Unvollständiger Halbvers im Original.]

{brahmovāca:} bhūmir apy āha vinayād āgatāṃs tān ṛṣīn idam //* BrP_126.21 //

Brahma sprach: Auch die Erde sprach mit Demut zu jenen angekommenen Weisen dieses:

Wort für Wort
bhūmir apy āha vinayād
auch die Erde sprach mit Demut
āgatāṃs tān ṛṣīn idam
zu jenen angekommenen Weisen dieses

[Anm.: Unvollständiger Halbvers im Original.]

{bhūmir uvāca:} mamāpy ādhārabhūtāḥ syur āpo devyaḥ sanātanāḥ / adbhyas tu jāyate sarvaṃ jyaiṣṭhyam apsu pratiṣṭhitam // BrP_126.22 //

Die Erde sprach: Auch für mich sind die ewigen göttlichen Wasser die Stütze; aus dem Wasser aber entsteht alles, die Vorrangstellung ruht im Wasser.

Wort für Wort
mamāpy ādhārabhūtāḥ syur āpo devyaḥ sanātanāḥ
auch für mich sind die ewigen göttlichen Wasser die Stütze
adbhyas tu jāyate sarvaṃ jyaiṣṭhyam apsu pratiṣṭhitam
aus dem Wasser aber entsteht alles, die Vorrangstellung ruht im Wasser

{brahmovāca:} nety uktvānyonyam ṛṣayo jagmuḥ kṣīrodaśāyinam / tuṣṭuvur vividhaiḥ stotraiḥ śaṅkhacakragadādharam // BrP_126.23 //

Brahma sprach: 'Nein', sagten die Weisen zueinander, und sie gingen zu dem auf dem Milchozean Liegenden; sie priesen mit vielfältigen Lobgesängen den Träger von Muschelhorn, Diskus und Keule.

Wort für Wort
nety uktvānyonyam ṛṣayo jagmuḥ kṣīrodaśāyinam
'nein' sagten die Weisen zueinander, und sie gingen zu dem auf dem Milchozean Liegenden
tuṣṭuvur vividhaiḥ stotraiḥ śaṅkhacakragadādharam
sie priesen mit vielfältigen Lobgesängen den Träger von Muschelhorn, Diskus und Keule

{ṛṣaya ūcuḥ:} yo veda sarvaṃ bhuvanaṃ bhaviṣyad BrP_126.24a / yaj jāyamānaṃ ca guhāniviṣṭam BrP_126.24b / lokatrayaṃ citravicitrarūpam BrP_126.24c / ante samastaṃ ca yam āviveśa BrP_126.24d

Die Weisen sprachen: Der die ganze zukünftige Welt kennt, / die entstehende, in der Höhle [des Herzens] verborgene, / die drei Welten mit ihren mannigfaltig-bunten Formen, / und in den am Ende alles eingeht -

Wort für Wort
yo veda sarvaṃ bhuvanaṃ bhaviṣyad
der die ganze zukünftige Welt kennt
yaj jāyamānaṃ ca guhāniviṣṭam
die entstehende, in der Höhle verborgene
lokatrayaṃ citravicitrarūpam
die drei Welten mit mannigfaltig-bunten Formen
ante samastaṃ ca yam āviveśa
und in den am Ende alles eingeht

[Anm.: Ab hier V.24-27 Hymne der Weisen an Viṣṇu in besonderem, padaweise gezähltem Hymnenmetrum.]

yad akṣaraṃ śāśvatam aprameyaṃ BrP_126.25a / yaṃ vedavedyam ṛṣayo vadanti BrP_126.25b / yam āśritāḥ svepsitam āpnuvanti BrP_126.25c / tad vastu satyaṃ śaraṇaṃ vrajāmaḥ BrP_126.25d

das Unvergängliche, Ewige, Unermessliche, / das durch die Veden Erkennbare, wie die Weisen sagen, / zu dem Zuflucht Nehmende ihr eigenes Verlangen erlangen - / zu diesem wahren Wesen nehmen wir Zuflucht.

Wort für Wort
yad akṣaraṃ śāśvatam aprameyaṃ
das Unvergängliche, Ewige, Unermessliche
yaṃ vedavedyam ṛṣayo vadanti
das durch die Veden Erkennbare, wie die Weisen sagen
yam āśritāḥ svepsitam āpnuvanti
zu dem Zuflucht Nehmende ihr eigenes Verlangen erlangen
tad vastu satyaṃ śaraṇaṃ vrajāmaḥ
zu diesem wahren Wesen nehmen wir Zuflucht

bhūtaṃ mahābhūtajagatpradhānaṃ BrP_126.26a / na vindate yogino viṣṇurūpam BrP_126.26b / tad vaktum ete ṛṣayo 'tra yātāḥ BrP_126.26c / satyaṃ vadasveha jagannivāsa BrP_126.26d

Das Seiende, das Erste der aus den großen Elementen bestehenden Welt, / dessen Viṣṇu-Gestalt selbst die Yogin nicht finden - / um dies zu verkünden sind diese Weisen hierher gekommen; / sprich hier die Wahrheit, o Wohnstatt der Welt.

Wort für Wort
bhūtaṃ mahābhūtajagatpradhānaṃ
das Seiende, das Erste der aus großen Elementen bestehenden Welt
na vindate yogino viṣṇurūpam
dessen Viṣṇu-Gestalt selbst die Yogin nicht finden
tad vaktum ete ṛṣayo 'tra yātāḥ
um dies zu verkünden sind diese Weisen hierher gekommen
satyaṃ vadasveha jagannivāsa
sprich hier die Wahrheit, o Wohnstatt der Welt

tvam antarātmākhiladehabhājāṃ BrP_126.27a / tvam eva sarvaṃ tvayi sarvam īśa BrP_126.27b / tathāpi jānanti na keapi kutrāpi BrP_126.27c / aho bhavantaṃ prakṛtiprabhāvāt BrP_126.27d / antar bahiḥ sarvata eva santaṃ BrP_126.27e / viśvātmanā saṃparivartamānam BrP_126.27f

Du bist die innere Seele aller verkörperten Wesen, / du allein bist alles, in dir ist alles, o Herr; / dennoch erkennt dich, ach, kein Wesen irgendwo wirklich, [nur] kraft [deiner eigenen] Natur-Macht [erkennt man dich], / der du innen und außen überall gegenwärtig bist / und als Weltseele [alles] durchdringend umkreist.

Wort für Wort
tvam antarātmākhiladehabhājāṃ
du bist die innere Seele aller verkörperten Wesen
tvam eva sarvaṃ tvayi sarvam īśa
du allein bist alles, in dir ist alles, o Herr
tathāpi jānanti na keapi kutrāpi
dennoch erkennt dich kein Wesen irgendwo wirklich [?]
aho bhavantaṃ prakṛtiprabhāvāt
ach, dich, kraft [deiner] Natur-Macht
antar bahiḥ sarvata eva santaṃ
der du innen und außen überall gegenwärtig bist
viśvātmanā saṃparivartamānam
und als Weltseele [alles] durchdringend umkreist

[Anm.: Mit sechs statt vier Pādas metrisch unregelmäßig. 'keapi' (c) dürfte eine Sandhi-Verschleifung von 'ke 'pi' (irgendwelche) sein; Übersetzung entsprechend als 'kein[er]' aufgefasst. Übergang V.27c/d syntaktisch unklar, sinngemäß ergänzt.]

{brahmovāca:} tataḥ prāha jagaddhātrī daivī vāg aśarīriṇī //* BrP_126.28 //

Brahma sprach: Da sprach die Weltenträgerin, die göttliche körperlose Stimme:

Wort für Wort
tataḥ prāha jagaddhātrī
da sprach die Weltenträgerin
daivī vāg aśarīriṇī
die göttliche körperlose Stimme

[Anm.: Unvollständiger Halbvers im Original.]

{daivī vāg uvāca:} ubhāv ārādhya tapasā bhaktyā ca niyamena ca / yasya syāt prathamaṃ siddhis tad bhūtaṃ jyeṣṭham ucyate // BrP_126.29 //

Die göttliche Stimme sprach: Wenn beide durch Askese, Hingabe und Regelbefolgung verehrt werden, wird dasjenige Element, dessen Erfüllung zuerst eintritt, das Höchste genannt.

Wort für Wort
ubhāv ārādhya tapasā bhaktyā ca niyamena ca
wenn beide durch Askese, Hingabe und Regelbefolgung verehrt werden
yasya syāt prathamaṃ siddhis tad bhūtaṃ jyeṣṭham ucyate
dasjenige Element, dessen Erfüllung zuerst eintritt, wird das Höchste genannt

{brahmovāca:} tathety tathā yayuḥ sarve ṛṣayo lokapūjitāḥ / śrāntāḥ khinnāntarātmānaḥ paraṃ vairāgyam āśritāḥ // BrP_126.30 //

Brahma sprach: 'So sei es' - so gingen alle von der Welt verehrten Weisen, ermattet, im Innersten erschöpft, zu höchster Entsagung Zuflucht nehmend.

Wort für Wort
tathety tathā yayuḥ sarve ṛṣayo lokapūjitāḥ
'so sei es' - so gingen alle von der Welt verehrten Weisen
śrāntāḥ khinnāntarātmānaḥ paraṃ vairāgyam āśritāḥ
ermattet, im Innersten erschöpft, zu höchster Entsagung Zuflucht nehmend

sarvalokaikajananīṃ bhuvanatrayapāvanīm / gautamīm agaman sarve tapas taptuṃ yatavratāḥ // BrP_126.31 //

Zur alleinigen Mutter aller Welten, der Reinigerin der drei Welten, der Gautamī, gingen alle, gelübdetreu, um Askese zu üben.

Wort für Wort
sarvalokaikajananīṃ bhuvanatrayapāvanīm
zur alleinigen Mutter aller Welten, der Reinigerin der drei Welten
gautamīm agaman sarve tapas taptuṃ yatavratāḥ
gingen alle, gelübdetreu, zur Gautamī, um Askese zu üben

[Anm.: 'Gautamī' bezeichnet den Fluss Godāvarī.]

abdaivataṃ tathāgniṃ ca pūjanāyodyatās tadā / agneś ca pūjakā ye ca apāṃ vai pūjane sthitāḥ / tatra vāg abravīd daivī vedamātā sarasvatī // BrP_126.32 //

Sie machten sich damals bereit, sowohl die Wassergottheit als auch das Feuer zu verehren; und die einen waren Verehrer des Feuers, die anderen standen bei der Verehrung des Wassers - da sprach die göttliche Stimme, die Mutter der Veden, Sarasvatī.

Wort für Wort
abdaivataṃ tathāgniṃ ca pūjanāyodyatās tadā
sie machten sich damals bereit, Wassergottheit und Feuer zu verehren
agneś ca pūjakā ye ca apāṃ vai pūjane sthitāḥ
die einen waren Verehrer des Feuers, die anderen standen bei der Verehrung des Wassers
tatra vāg abravīd daivī vedamātā sarasvatī
da sprach die göttliche Stimme, die Mutter der Veden, Sarasvatī

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{daivī vāg uvāca:} agner āpas tathā yonir adbhiḥ śaucam avāpyate / agneś ca pūjakā ye ca vinādbhiḥ pūjanaṃ katham // BrP_126.33 //

Die göttliche Stimme sprach: Das Wasser ist der Ursprung des Feuers, durch Wasser wird Reinheit erlangt; wie sollten die Verehrer des Feuers ohne Wasser verehren können?

Wort für Wort
agner āpas tathā yonir adbhiḥ śaucam avāpyate
das Wasser ist der Ursprung des Feuers, durch Wasser wird Reinheit erlangt
agneś ca pūjakā ye ca vinādbhiḥ pūjanaṃ katham
wie sollten die Verehrer des Feuers ohne Wasser verehren können?

apsu jātāsu sarvatra karmaṇy adhikṛto bhavet / tāvat karmaṇy anarho 'yam aśucir malino naraḥ // BrP_126.34 //

Erst wenn Wasser vorhanden ist, wird man überall zum [rituellen] Handeln berechtigt; bis dahin ist der Mensch für das Handeln ungeeignet, unrein und befleckt.

Wort für Wort
apsu jātāsu sarvatra karmaṇy adhikṛto bhavet
erst wenn Wasser vorhanden ist, wird man überall zum Handeln berechtigt
tāvat karmaṇy anarho 'yam aśucir malino naraḥ
bis dahin ist der Mensch für das Handeln ungeeignet, unrein und befleckt

na magnaḥ śraddhayā yāvad apsu śītāsu vedavit / tasmād āpo variṣṭhāḥ syur mātṛbhūtā yataḥ smṛtāḥ / tasmāj jyaiṣṭhyam apām eva jananyo 'gner viśeṣataḥ // BrP_126.35 //

Solange der Vedakundige nicht mit Glauben in das kalte Wasser eingetaucht ist, [gilt er nicht als rein]; darum sind die Wasser die höchsten, da sie als Mütter gelten; darum gehört die Vorrangstellung eigens den Wassern, den Erzeugerinnen, gegenüber dem Feuer.

Wort für Wort
na magnaḥ śraddhayā yāvad apsu śītāsu vedavit
solange der Vedakundige nicht mit Glauben in das kalte Wasser eingetaucht ist
tasmād āpo variṣṭhāḥ syur mātṛbhūtā yataḥ smṛtāḥ
darum sind die Wasser die höchsten, da sie als Mütter gelten
tasmāj jyaiṣṭhyam apām eva jananyo 'gner viśeṣataḥ
darum gehört die Vorrangstellung eigens den Wassern, den Erzeugerinnen, gegenüber dem Feuer

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{brahmovāca:} etad vacaḥ śuśruvus te ṛṣayo vedavādinaḥ / niścayaṃ ca tataś cakrur bhavej jyaiṣṭhyam apām iti // BrP_126.36 //

Brahma sprach: Diese Worte hörten die vedakundigen Weisen, und daraufhin fassten sie den Entschluss, dass die Vorrangstellung dem Wasser zukomme.

Wort für Wort
etad vacaḥ śuśruvus te ṛṣayo vedavādinaḥ
diese Worte hörten die vedakundigen Weisen
niścayaṃ ca tataś cakrur bhavej jyaiṣṭhyam apām iti
und daraufhin fassten sie den Entschluss, dass die Vorrangstellung dem Wasser zukomme

yatra tīrthe vṛttam idam ṛṣisattre ca nārada / tapastīrthaṃ tu tat proktaṃ sattratīrthaṃ tad ucyate // BrP_126.37 //

An welchem Tīrtha sich dies beim Opfersitzungs-Ritual der Weisen ereignete, o Nārada, jenes wird Tapas-Tīrtha genannt, [auch] Sattra-Tīrtha wird es genannt.

Wort für Wort
yatra tīrthe vṛttam idam ṛṣisattre ca nārada
an welchem Tīrtha sich dies beim Opfersitzungs-Ritual der Weisen ereignete, o Nārada
tapastīrthaṃ tu tat proktaṃ sattratīrthaṃ tad ucyate
jenes wird Tapas-Tīrtha genannt, [auch] Sattra-Tīrtha wird es genannt

agnitīrthaṃ ca tat proktaṃ tathā sārasvataṃ viduḥ / teṣu snānaṃ ca dānaṃ ca sarvakāmapradaṃ śubham // BrP_126.38 //

Auch Agni-Tīrtha wird es genannt, ebenso kennt man es als Sārasvata[-Tīrtha]; das Baden und Spenden dort ist heilvoll und erfüllt alle Wünsche.

Wort für Wort
agnitīrthaṃ ca tat proktaṃ tathā sārasvataṃ viduḥ
auch Agni-Tīrtha wird es genannt, ebenso kennt man es als Sārasvata-Tīrtha
teṣu snānaṃ ca dānaṃ ca sarvakāmapradaṃ śubham
das Baden und Spenden dort ist heilvoll und erfüllt alle Wünsche

caturdaśa śatāny atra tīrthānāṃ puṇyadāyinām / teṣu snānaṃ ca dānaṃ ca svargamokṣapradāyakam // BrP_126.39 //

Vierzehnhundert verdienstbringende Tīrthas gibt es hier; das Baden und Spenden an ihnen gewährt Himmel und Erlösung.

Wort für Wort
caturdaśa śatāny atra tīrthānāṃ puṇyadāyinām
vierzehnhundert verdienstbringende Tīrthas gibt es hier
teṣu snānaṃ ca dānaṃ ca svargamokṣapradāyakam
das Baden und Spenden an ihnen gewährt Himmel und Erlösung

kṛtaṃ saṃdehaharaṇam ṛṣīṇāṃ yatra bhāṣayā / sarasvaty abhavat tatra gaṅgayā saṃgatā nadī / māhātmyaṃ tasya ko vaktuṃ saṃgamasya kṣamo naraḥ // BrP_126.40 //

Wo durch [ihre] Rede die Beseitigung des Zweifels der Weisen bewirkt wurde, dort vereinigte sich der Fluss Sarasvatī mit der Gaṅgā; wer wäre imstande, die Größe dieses Zusammenflusses zu verkünden?

Wort für Wort
kṛtaṃ saṃdehaharaṇam ṛṣīṇāṃ yatra bhāṣayā
wo durch ihre Rede die Beseitigung des Zweifels der Weisen bewirkt wurde
sarasvaty abhavat tatra gaṅgayā saṃgatā nadī
dort vereinigte sich der Fluss Sarasvatī mit der Gaṅgā
māhātmyaṃ tasya ko vaktuṃ saṃgamasya kṣamo naraḥ
wer wäre imstande, die Größe dieses Zusammenflusses zu verkünden?

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original; schließt die Chaperzählung ab.]

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