Kapitel 10: daśamo 'dhyāyaḥ
Purūravas und Urvaśī, die Jahnu-Linie und der Ursprung von Jamadagni, Paraśurāma und Viśvāmitra
Fortsetzung der Mondlinie (Candravaṃśa) mit Purūravas' Liebe zur Apsaras Urvaśī und ihren sieben Söhnen; die Nachkommenschaft über Amāvasu bis zu Jahnu, der beim Verschlingen der ihn überflutenden Gaṅgā ihr den Beinamen "Jāhnavī" ("Tochter Jahnus") verleiht, und dessen Gattin Kāverī; die Kuśika-Linie mit der berühmten Erzählung, wie Indra selbst, aus Furcht vor einem ihn übertreffenden Sohn, als Gādhi geboren wird; die Vertauschung zweier geweihter Opferspeisen zwischen Satyavatī (Gādhis Tochter) und ihrer Mutter, wodurch statt eines friedvollen Sohnes für Gādhi ein kriegerischer, und statt eines kriegerischen für Ṛcīka ein friedvoller Sohn (Jamadagni) vorgesehen war – die kriegerische Kraft geht auf Ṛcīkas Bitte hin stattdessen auf den Enkel über: Paraśurāma, den späteren Kṣatriya-Vernichter. Die Genealogie schließt mit Gādhis Sohn Viśvāmitra, dem berühmtesten Beispiel eines vom Kṣatriya- zum Brahmanenweisen-Stand Aufgestiegenen, seinen zahlreichen Söhnen und Gotra-Linien, sowie der Śunaḥśepha/Devarāta-Episode.
ein Verkünder des Brahman, tapfer, im Kampf von Feinden schwer zu bezwingen; ein Vollbringer des Agnihotra-Opfers und anderer Opfer, der Herrscher der Erde,
Jenen Brahman-Verkünder, Friedvollen, Dharma-Kenner, Wahrhaftig-Redenden erwählte Urvaśī, die Ruhmreiche, nachdem sie ihren himmlischen Stolz aufgegeben hatte, zum Gatten.
Wort für Wort
tam brahmavādinam śāntam
jenen Brahman-Verkünder, Friedvollen
dharmajñam satyavādinam
Dharma-Kenner, Wahrhaftig-Redenden
urvaśī varayām āsa
erwählte Urvaśī
hitvā mānam yaśasvinī
nachdem sie ihren Stolz aufgegeben hatte, die Ruhmreiche
tayā sahāvasad rājā daśa varṣāṇi pañca ca / ṣaṭ pañca sapta cāṣṭau ca daśa cāṣṭau ca bho dvijāḥ // BrP_10.5 //
Mit ihr wohnte der König zusammen: zehn Jahre, und fünf, sechs, fünf, sieben, und acht, und zehn, und acht Jahre, o Brahmanen,
Wort für Wort
tayā saha avasat rājā
mit ihr wohnte der König zusammen
daśa varṣāṇi pañca ca
zehn Jahre und fünf
ṣaṭ pañca sapta ca aṣṭau ca
sechs, fünf, sieben und acht
daśa ca aṣṭau ca bho dvijāḥ
zehn und acht, o Brahmanen
[Anm.: Diese eigentümliche Zahlenaufzählung bezeichnet offenbar die Aufenthaltsdauer an den in v.6-7 aufgezählten acht verschiedenen paradiesischen Orten.]
nachdem er die nördlichen Kurus mit ihren entzückende Früchte tragenden Bäumen erreicht hatte, an den Ausläufern des Gandhamādana, und ebenso auf dem nördlichen Gipfel des Meru –
ājahre yo mahat sattraṃ sarpamedhaṃ mahāmakham / patilobhena yaṃ gaṅgā patitvena sasāra ha // BrP_10.15 //
welcher das große Opfer, das Schlangenopfer, das große Ritual, vollbrachte, zu welchem die Gaṅgā aus Verlangen nach einem Gatten in der Rolle einer Gattin herbeiströmte.
Wort für Wort
ājahre yaḥ mahat sattram
welcher das große Opfer vollbrachte
sarpamedham mahāmakham
das Schlangenopfer, das große Ritual
patilobhena yam gaṅgā
zu welchem die Gaṅgā aus Verlangen nach einem Gatten
patitvena sasāra ha
in der Rolle einer Gattin herbeiströmte
Beginn der Jahnu/Gaṅgā-Episode (Namensätiologie "Jāhnavī" für die Gaṅgā).
verfluchte, der König, Sohn des Suhotra, im Zorn die Gaṅgā, o beste der Zweifachgeborenen: „Ich werde nun dein Bemühen zunichtemachen, indem ich dein Wasser trinke!
Kāverī, die beste der Flüsse, durch den Fluch des Yuvanāśva zur Hälfte aus der Gaṅgā hervorgegangen, Jahnus untadelige Gattin —
Wort für Wort
yuvanāśvasya śāpena
durch den Fluch des Yuvanāśva
gaṅgārdhena vinirgatā
zur Hälfte aus der Gaṅgā hervorgegangen
kāverīm saritām śreṣṭhām
Kāverī, die beste der Flüsse
jahnoḥ bhāryām aninditām
Jahnus untadelige Gattin
[?] Knapp angedeutete eigene Ursprungssage der Kāverī (zur Hälfte aus der Gaṅgā entstanden, durch einen Fluch des Yuvanāśva), die im Text nicht weiter ausgeführt wird.
labheyam iti taṃ śakras trāsād abhyetya jajñivān / pūrṇe varṣasahasre vai tataḥ śakro hy apaśyata // BrP_10.25 //
„Möge ich einen solchen erlangen!“ – aus Furcht (davor, übertroffen zu werden) näherte sich ihm Śakra (Indra) und wurde selbst als sein Sohn geboren; nach Ablauf von tausend Jahren nämlich erblickte Śakra darauf
Wort für Wort
labheyam iti tam śakraḥ
"möge ich (einen solchen Sohn) erlangen" – ihn Śakra
trāsāt abhyetya jajñivān
aus Furcht sich nähernd, wurde geboren
pūrṇe varṣasahasre vai
nach Ablauf von tausend Jahren
tataḥ śakraḥ hi apaśyata
erblickte darauf Śakra
Bekannte Erzählung, dass Indra, aus Furcht vor einem ihn übertreffenden Sohn Kuśikas, selbst dessen Sohn (Gādhi) wird.
gestaltete er sich zum Zweck der Erfüllung des Sohneswunsches, der Herr der Götter, der beste der Götter; er wurde zum König Gādhi, Maghavan (Indra) selbst, (nun als) Kauśika,
und bereitete zum Zweck eines Sohnes eine geweihte Opferspeise, und ebenso auch eine für Gādhi; und rief da seine Gattin herbei und sprach zu ihr, der Bhārgava Ṛcīka:
Wort für Wort
putrārtham sādhayām āsa
zum Zweck eines Sohnes bereitete er
carum gādheḥ tathā eva ca
eine Opferspeise, und ebenso eine für Gādhi
uvāca āhūya tām bhāryām
sprach, nachdem er seine Gattin herbeigerufen hatte
„Diese Opferspeise soll von dir zusammen mit deiner Mutter verzehrt werden, o Holde; in ihr wird (dann) ein glanzvoller Sohn geboren werden, ein Stier unter den Kṣatriyas,
unbesiegbar von Kṣatriyas in der Welt, ein Vernichter von Kṣatriya-Stieren; dir aber, Glückliche, wird diese andere Opferspeise einen standhaften, askesereichen Sohn
anlässlich einer Pilgerreise, um seine Tochter zu sehen, der Herrscher der Menschen. Die beiden Opferspeisen ergreifend, jene Satyavatī, des Weisen Gattin, da
Wort für Wort
tīrthayātrāprasaṅgena
anlässlich einer Pilgerreise
sutām draṣṭum nareśvaraḥ
um seine Tochter zu sehen, der Herrscher der Menschen
carum ādāya yatnena sā tu mātre nyavedayat / mātā tu tasyā daivena duhitre svaṃ caruṃ dadau // BrP_10.36 //
nahm sorgsam die für sie bestimmte Opferspeise und übergab die andere ihrer Mutter; die Mutter aber gab ihr, durch Fügung des Schicksals, ihre eigene Opferspeise im Tausch.
sprach dann, der beste der Zweifachgeborenen, zu seiner schönfarbigen Gattin: „Du bist von deiner Mutter getäuscht worden, Holde, durch die Vertauschung der Opferspeisen;
denn das gesamte Brahman habe ich durch meine Askese in jene Opferspeise hineingelegt.“ So von ihrem Gatten angesprochen, bat da die hochgesegnete Satyavatī
„Dies war nicht meine ursprüngliche Absicht, Holde, aber ‚so sei es‘; (nur) der Enkel möge von schrecklichem Tun sein, aus dem Grund der Verfehlung von Vater und Mutter.“
Wort für Wort
na eṣaḥ saṃkalpitaḥ kāmaḥ
dies war nicht die (ursprünglich) beabsichtigte Absicht
mayā bhadre tathā astu iti
von mir, Holde, "so sei es"
ugrakarmā bhavet putraḥ
von schrecklichem Tun möge der (Enkel-)Sohn sein
pituḥ mātuḥ ca kāraṇāt
aus dem Grund von Vater und Mutter
[Anm.: Die traditionelle Erzählung (vgl. v.53) legt das schreckliche Wesen tatsächlich dem Enkel Paraśurāma zur Last, während der Sohn Jamadagni ein friedvoller Weiser wird; "putraḥ" hier ist daher wohl im weiteren Sinn von "Nachkomme" (Enkel) zu verstehen.]
punaḥ satyavatī vākyam evam uktvābravīd idam / icchaṃl lokān api mune sṛjethāḥ kiṃ punaḥ sutam // BrP_10.44 //
Wiederum sprach Satyavatī, nachdem sie so gesprochen hatte, dieses Wort: „Wenn du wolltest, o Weiser, könntest du sogar Welten erschaffen – wie viel mehr dann einen Sohn nach Wunsch!
der Ārcīka-Sohn (Jamadagni) den überaus schrecklichen Sohn Jāmadagnya, den besten, an das Ende aller Wissenschaften Gelangten, den Kenner des Bogenschieß-Veda bis zum Ende,
Wort für Wort
ārcīkaḥ janayām āsa
der Ārcīka-Sohn zeugte
jāmadagnyam sudāruṇam
den Sohn des Jamadagni, den überaus schrecklichen
sarvavidyāntagam śreṣṭham
den besten, an das Ende aller Wissenschaften Gelangten
prāpya brahmarṣisamatāṃ yo 'yaṃ brahmarṣitāṃ gataḥ / viśvāmitras tu dharmātmā nāmnā viśvarathaḥ smṛtaḥ // BrP_10.56 //
welcher, nachdem er Gleichrangigkeit mit den Brahmanenweisen erlangt hatte, zum Brahmanenweisen-Stand gelangte; Viśvāmitra aber, der Rechtschaffene, ist dem Namen nach als Viśvaratha bekannt,
Wort für Wort
prāpya brahmarṣisamatām
nachdem er Gleichrangigkeit mit den Brahmanenweisen erlangt hatte
yaḥ ayam brahmarṣitām gataḥ
welcher zum Brahmanenweisen-Stand gelangte
viśvāmitraḥ tu dharmātmā
Viśvāmitra aber, der Rechtschaffene
nāmnā viśvarathaḥ smṛtaḥ
ist dem Namen nach als Viśvaratha bekannt
Viśvāmitra ist damit der berühmteste Fall eines Kṣatriya, der durch Askese den Rang eines Brahmanenweisen (brahmarṣi) erlangte.
pauravasya muniśreṣṭhā brahmarṣeḥ kauśikasya ca / saṃbandho 'py asya vaṃśe 'smin brahmakṣatrasya viśrutaḥ // BrP_10.63 //
Des Paurava und des Brahmanenweisen Kauśika (Viśvāmitra), o beste der Weisen, ist auch in diesem Geschlecht die Verbindung von Brahmanen- und Kṣatriya-(Blut) wohlbekannt.
viśvāmitrātmajānāṃ tu śunaḥśepho 'grajaḥ smṛtaḥ / bhārgavaḥ kauśikatvaṃ hi prāptaḥ sa munisattamaḥ // BrP_10.64 //
Von Viśvāmitras Söhnen aber ist Śunaḥśepha als der Erstgeborene bekannt; der Bhārgava (durch Geburt) erlangte nämlich den Kauśika-Status, er, der beste der Weisen.
Wort für Wort
viśvāmitrātmajānām tu
von Viśvāmitras Söhnen aber
śunaḥśephaḥ agrajaḥ smṛtaḥ
ist Śunaḥśepha als der Erstgeborene bekannt
bhārgavaḥ kauśikatvam hi
der Bhārgava (erlangte) nämlich den Kauśika-Status
prāptaḥ sa munisattamaḥ
erlangt, er, der beste der Weisen
Vorbereitung der Śunaḥśepha-Episode: obwohl leiblich ein Bhārgava, wird Śunaḥśepha in Viśvāmitras (Kauśika-)Geschlecht aufgenommen.
viśvāmitrasya putras tu śunaḥśepho 'bhavat kila / haridaśvasya yajñe tu paśutve viniyojitaḥ // BrP_10.65 //
Viśvāmitras Sohn wurde Śunaḥśepha, so heißt es; beim Opfer des Hariḍaśva aber wurde er als Opfertier verwendet,
Wort für Wort
viśvāmitrasya putraḥ tu
Viśvāmitras Sohn aber
śunaḥśephaḥ abhavat kila
wurde Śunaḥśepha, so heißt es
haridaśvasya yajñe tu
beim Opfer des Hariḍaśva aber
paśutve viniyojitaḥ
wurde er als Opfertier verwendet
[Anm.: "Haridaśva" ist hier vermutlich ein Beiname/Variantenname für den in der klassischen Śunaḥśepha-Erzählung als Käufer auftretenden König (in anderen Fassungen Ambarīṣa oder Hariścandra genannt), der einen Menschen als Ersatz für ein Menschenopfer benötigte; Śunaḥśepha wird bekanntlich durch Gebete an die Götter (u.a. an Uṣas) errettet.]
devair dattaḥ śunaḥśepho viśvāmitrāya vai punaḥ / devair dattaḥ sa vai yasmād devarātas tato 'bhavat // BrP_10.66 //
von den Göttern wurde Śunaḥśepha wieder dem Viśvāmitra zurückgegeben; weil er von den Göttern zurückgegeben wurde, wurde er daraufhin „Devarāta“ genannt.
Wort für Wort
devaiḥ dattaḥ śunaḥśephaḥ
von den Göttern gegeben, Śunaḥśepha
viśvāmitrāya vai punaḥ
dem Viśvāmitra wieder
devaiḥ dattaḥ sa vai yasmāt
weil er von den Göttern gegeben wurde
devarātaḥ tataḥ abhavat
wurde er daraufhin "Devarāta"
Namensätiologie: "Devarāta" = "von den Göttern gegeben".