Kapitel 19: bhāratavarṣavarṇanam
Beschreibung des Landes Bhārata und seiner neun Unterteilungen
Fortsetzung der Kosmographie speziell zum Land Bhārata (Indien): seine Lage zwischen Himalaya und Ozean, die sieben Stammberge, seine besondere Stellung als einzige 'Wirkstätte' (karmabhūmi), auf der allein die vier Weltzeitalter wirksam sind und rituelle Verdienste erworben werden können. Es folgen die neun Unterteilungen Bhāratas, die von den großen Höhenzügen entspringenden Flüsse (Himavant, Pāriyātra, Vindhya, Ṛkṣa, Sahya, Malaya, Mahendra, Śuktimat) und die an ihnen siedelnden Völker (Kurus, Pañcālas, Kaliṅgas, Magadhas, Saurāṣṭras u.v.a.). Ein eingeschobener, in einem anderen Versmaß gehaltener Lobpreis (v.25-27) lässt die Götter selbst die Menschen Bhāratas um ihre zuverlässige Wiedergeburtschance beneiden. Abschließend die Zusammenfassung Jambūdvīpas (100.000 Yojanas Breite, neun Länder) und der Übergang zum umgebenden Milchozean, der zum nächsten Kontinent Plakṣadvīpa überleitet. 29 Verse (v.25-27 im Original als Vierpada-Verse eines abweichenden Versmaßes gezählt).
Lomaharṣaṇa sprach: Nördlich des Ozeans und südlich des Himalaya-[Gebirges] [liegt] jenes Land namens Bhārata, wo die Nachkommenschaft der Bharatas [wohnt].
von hier aus wird der Himmel erreicht, von hier geht man zur Erlösung; auch zur Tierheit und zur Hölle gehen von hier aus die Menschen, o Zweifachgeborene.
Wort für Wort
ataḥ saṃprāpyate svargaḥ
von hier aus wird der Himmel erreicht
muktim asmāt prayāti vai
von hier aus geht man zur Erlösung
tiryaktvam narakam ca api
auch zur Tierheit und zur Hölle
yānti ataḥ puruṣāḥ dvijāḥ
gehen von hier aus die Menschen, o Zweifachgeborene
itaḥ svargaś ca mokṣaś ca madhyaṃ cānte ca gacchati / na khalv anyatra martyānāṃ karma bhūmau vidhīyate // BrP_19.5 //
von hier [geht man] zum Himmel, zur Erlösung, zur Mittelwelt und zuletzt [zu weiteren Daseinsformen]; denn nirgendwo anders wird den Sterblichen [rituelle] Handlung auf der Erde vorgeschrieben.
Wort für Wort
itaḥ svargaḥ ca mokṣaḥ ca
von hier [geht man] zum Himmel und zur Erlösung
madhyam ca ante ca gacchati [?]
[und] zur Mittelwelt und zuletzt [?]
na khalu anyatra martyānām
denn nirgendwo anders wird den Sterblichen
karma bhūmau vidhīyate
[rituelle] Handlung auf der Erde vorgeschrieben
[Anm.: "madhyaṃ cānte ca gacchati" unklar im Detail — vermutlich Anspielung auf die Zwischenwelt (Tierreich/Wiedergeburt) und ein "Ende" (weitere Daseinsformen); [?].]
nāgadvīpas tathā saumyo gandharvas tv atha vāruṇaḥ / ayaṃ tu navamas teṣāṃ dvīpaḥ sāgarasaṃvṛtaḥ // BrP_19.7 //
Nāgadvīpa, ebenso Saumya, Gandharva, dann Vāruṇa; dieser [letzte, das Festland selbst] aber ist der neunte von ihnen, der vom Ozean umgebene Kontinent.
Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas, und in der Mitte die Śūdras, nach Anteilen [geordnet] — sie leben nach ihren Berufen wie Opferdienst, Kampf, Handel und dergleichen.
die [Flüsse] Śatadru, Candrabhāgā und andere entspringen am Fuß des Himavant; und andere, angeführt von Vedasmṛti, entstehen aus dem Pāriyātra[-Gebirge], o Weiser.
und die Flüsse Narmadā, Suramā und andere entspringen dem Vindhya[-Gebirge] — [ebenso] die Flüsse angeführt von Tāpī, Payoṣṇī, Nirvindhyā [und] Kāverī,
diese entstehen nämlich am Fuß des [Berges] Ṛkṣa — [Flüsse,] die, [schon] vernommen, Sünde hinwegnehmen; ebenso [die Flüsse] angeführt von Godāvarī, Bhīmarathī [und] Kṛṣṇaveṇī,
[Anm.: hier wird auch die Kāverī den Ṛkṣa-entsprungenen Flüssen zugeordnet, obwohl sie in anderen Purāṇa-Parallelstellen meist als vom Sahya-Gebirge entsprungen gilt; hier wortgetreu übersetzt, ohne stillschweigende Korrektur.]
[diese zuletzt genannten] Flüsse gelten als am Fuß des [Berges] Sahya entstanden, als Beseitiger der Sündenfurcht; [die Flüsse] angeführt von Kṛtamālā [und] Tāmraparṇī entstehen aus dem Malaya[-Gebirge].
[die Flüsse] angeführt von Trisāṃdhya [und] Ṛṣikulyā gelten als aus dem Mahendra[-Gebirge] entsprungen; [die Flüsse] angeführt von [einer weiteren] Ṛṣikulyā [und] Kumārī entstehen am Fuß des Śuktimat.
Wort für Wort
trisāṃdhya-ṛṣikulyā-ādyāḥ
[die Flüsse] angeführt von Trisāṃdhya, Ṛṣikulyā
mahendra-prabhavāḥ smṛtāḥ
gelten als aus dem Mahendra entsprungen
ṛṣikulyā-kumārā-ādyāḥ
[die Flüsse] angeführt von [einer weiteren] Ṛṣikulyā, Kumārī
śuktimat-pāda-saṃbhavāḥ
entstehen am Fuß des Śuktimat
[Anm.: der Name "Ṛṣikulyā" erscheint hier für zwei verschiedene Flüsse (vom Mahendra bzw. vom Śuktimat) — vermutlich zwei gleichnamige Flüsse, wie im Quelltext belegt.]
āsāṃ nadyupanadyaś ca santy anyās tu sahasraśaḥ / tāsv ime kurupañcāla- madhyadeśādayo janāḥ // BrP_19.15 //
von diesen gibt es auch andere Flüsse und Nebenflüsse zu Tausenden; an ihnen [leben] diese Völker: die Kurus, Pañcālas, [die Bewohner des] Madhyadeśa und andere,
die Sauvīras, die Saindhava-Āpannas, die Śālvas, die Bewohner von Śākala, die Madras [und] Rāmas [?], ebenso die Ambaṣṭhas und die Pārasīkas und andere,
Wort für Wort
sauvīrāḥ saindhava-āpannāḥ
die Sauvīras, die Saindhava-Āpannas
śālvāḥ śākala-vāsinaḥ
die Śālvas, die Bewohner von Śākala
madra-rāmāḥ [?] tathā ambaṣṭhāḥ
die Madras [und] Rāmas [?], ebenso die Ambaṣṭhas
pārasīka-ādayaḥ tathā
und die Pārasīkas und andere
[Anm.: "madrārāmāḥ" unsicher — hier als Doppelvolk "Madras und Rāmas" gedeutet; [?].]
sie trinken deren Wasser [und] wohnen stets an den Flüssen; [diese Gegenden sind] wohlversehen, o Hochbeglückter, von frohen, wohlgenährten Menschen bevölkert.
von den Menschen wird der Opfer-Puruṣa in Jambūdvīpa stets durch Opfer verehrt — Viṣṇu, der aus Opfer besteht; auf den anderen Kontinenten [geschieht dies] aber anders.
und hier, innerhalb von Jambūdvīpa, ist Bhārata das Beste, o großer Weiser, denn dies ist die Wirkstätte, während die anderen [Länder] Genussstätten sind.
gāyanti devāḥ kila gītakāni / dhanyās tu ye bhāratabhūmibhāge / svargāpavargāspadahetubhūte / bhavanti bhūyaḥ puruṣā manuṣyāḥ // BrP_19.25 //
Die Götter, so heißt es, singen Lieder [des Inhalts]: 'Selig aber sind jene, die im Bereich des Bhārata-Landes — der Grundlage und Ursache von Himmel und Erlösung — abermals zu Menschen, zu Sterblichen werden.'
Wort für Wort
gāyanti devāḥ kila gītakāni
die Götter, so heißt es, singen Lieder
dhanyāḥ tu ye bhārata-bhūmi-bhāge
selig aber sind jene, die im Bereich des Bhārata-Landes
svarga-apavarga-āspada-hetu-bhūte
der Grundlage und Ursache von Himmel und Erlösung
bhavanti bhūyaḥ puruṣāḥ manuṣyāḥ
abermals zu Menschen, zu Sterblichen werden
[Anm.: Verse 25-27 stehen im Quelltext in einem abweichenden Versmaß (Upajāti/Triṣṭubh-Familie) und sind dort mit Pāda-Buchstaben a-d statt einer einzigen Versnummer markiert; hier als eine zusammenhängende Einheit pro Versnummer übersetzt.]
[Selig sind jene,] die [ihre] Taten, deren Früchte nicht [selbstsüchtig] erstrebt wurden, dem Viṣṇu, der die Gestalt des höchsten Selbst hat, übergeben haben und, nachdem sie jene Wirkstätte [Bhārata] erlangt haben, makellos in ihn, den Unendlichen, zur Auflösung eingehen.
Wort für Wort
karmāṇi asaṃkalpita-tat-phalāni
Taten, deren Früchte nicht [selbstsüchtig] erstrebt wurden
saṃnyasya viṣṇau parama-ātma-rūpe
übergeben an Viṣṇu, der die Gestalt des höchsten Selbst hat
avāpya tām karmamahīm anante
nachdem sie jene Wirkstätte erlangt haben, in den Unendlichen
jānīma no tatkūvayaṃ vilīne / svargaprade karmaṇi dehabandham / prāpsyanti dhanyāḥ khalu te manuṣyā / ye bhāratenendriyaviprahīnāḥ // BrP_19.27 //
'Wir wissen nicht, wo wir [selbst sein werden], wenn das himmelverleihende [Verdienst-]Werk erschöpft ist; selig aber sind wahrlich jene Menschen, die, in Bhārata der Sinne beraubt [d.h. dort gestorben], [von neuem] eine Leibesbindung erlangen werden.'
Wort für Wort
jānīmaḥ no tat kva vayam [?]
wir wissen nicht, dann wo [sind] wir [?]
vilīne svarga-prade karmaṇi
wenn das himmelverleihende [Verdienst-]Werk erschöpft ist
prāpsyanti dhanyāḥ khalu te manuṣyāḥ
selig aber werden wahrlich jene Menschen [neu geboren] werden
ye bhāratena indriya-viprahīnāḥ
die, in Bhārata der Sinne beraubt [gestorben]
[Anm.: Vers grammatisch schwierig; "tatkūvayaṃ" hier als Sandhi von "tat kva vayam" ("dann, wo [sind] wir") gedeutet — die Götter beklagen, dass sie nach Erschöpfung ihres himmlischen Verdienstes nicht wissen, wohin sie gelangen, während in Bhārata gestorbene Menschen zuverlässig eine neue (menschliche) Geburt erlangen; [?] im Detail.]
und so, o Brahmanen, wurde dieses Jambūdvīpa mit seinen neun Ländern und einer Breite von 100.000 Yojanas von mir in Kürze dargelegt, o Zweifachgeborene.