Kapitel 29: sūryabhaktimāhātmyavarṇanam
Die Herrlichkeit der Hingabe an die Sonne: Bhakti, Ehrengabe, Lampenspende und ihre Früchte
Die Weisen, unersättlich in ihrem Verlangen zu hören, bitten Brahmā um genauere Auskunft über Frucht und Vollzug der Sonnenverehrung. Brahmā antwortet mit einer Stufenlehre der Bhakti (vom bloßen Zuhören über das Gutheißen fremder Verehrung bis zum ständigen, unwillkürlichen Gedenken der Sonne als höchste Form), gefolgt von einer sehr detaillierten Sammlung praktischer Vorschriften: Niederwerfung, Umwandlung (auch nur im Geist vollzogen, mit kosmischer Wirkung), Fasten- und Saptamī-Tage (insbesondere die 'Vijayā-Siebte'), Lampenspende mit strengen Reinheitsregeln (kein tierisches Fett, keine gestohlene brennende Lampe), Salbung, die tägliche Arghya-Darbringung mit genauer Richtungs- und Materialvorschrift, sowie verschiedene Opfergaben und Wasserspenden – mit der abschließenden Verheißung, dass schon ein einziger Tag der Sonnenverehrung mehr Frucht bringt als hundert vedische Opfer.
{Die Weisen sprachen:} Gehört haben wir, o Bester der Götter, was von dir dargelegt wurde: die höchste, Genuss und Erlösung als Frucht verleihende Kultstätte der Sonne.
Wir gelangen nicht zur Sättigung, [wenn wir] die glückspendende, aus deinem Mund entstandene heilige Erzählung von der Sonne hören, die alle Sünde vernichtet.
praṇipāte namaskāre tathā caiva pradakṣiṇe / dīpadhūpapradāne ca saṃmārjanavidhau ca yat //
...bei der Niederwerfung, bei der Verehrungsgeste, ebenso bei der Umwandlung, bei der Darbringung von Lampe und Räucherwerk und bei der Reinigungsvorschrift...
upavāse ca yat puṇyaṃ yat puṇyaṃ naktabhojane / arghaś ca kīdṛśaḥ proktaḥ kutra vā saṃpradīyate //
...was das Verdienst beim Fasten, was das Verdienst bei der Nachtspeisung [ist], wie die Ehrengabe beschaffen genannt wird und wo sie dargebracht wird.
{Brahmā sprach:} Die Ehrengabe, die Verehrung usw., alles betreffend die Sonne, o ihr Besten der Zweifachgeborenen — Hingabe, Glauben und Sammlung — vernehmt, was erzählt wird.
Die mit dem Geist [vollzogene] Vorstellung wird als Hingabe bezeichnet, und ebendies wird als Glaube gepriesen; 'Meditation' wird 'Sammlung' genannt — hört, wohlgesammelten Sinnes.
tatkathāṃ śrāvayed yas tu tadbhaktān pūjayīta vā / agniśuśrūṣakaś caiva sa vai bhaktaḥ sanātanaḥ //
Wer aber dessen Erzählung vortragen lässt oder dessen Anhänger verehrt, und auch wer dem [Opfer-]Feuer dient, er ist wahrlich ein beständiger Anhänger.
Die Reinheit der Gesinnung ist anzuwenden, verbunden mit rechter Verpflichtung und Verhalten; was mit Reinheit der Gesinnung getan wird, das alles wird fruchtbar.
stutijapyopahāreṇa pūjayāpi vivasvataḥ / upavāsena bhaktyā vai sarvapāpaiḥ pramucyate //
Durch Lobpreis, Murmelgebet und Gabendarbringung, und auch durch Verehrung der Sonne, durch Fasten, mit Hingabe, wird man wahrlich von aller Sünde befreit.
ekāhāro naro bhūtvā ṣaṣṭhyāṃ yo 'rcayate ravim / niyamavratacārī ca bhaved bhaktisamanvitaḥ //
Ein Mensch, der einmal [am Tag] isst, wer am sechsten [Tag] die Sonne verehrt und dabei rechte Verpflichtung und Gelübde übt, werde mit Hingabe versehen.
sarvapāpavinirmuktaḥ sūryalokaṃ sa gacchati / arkasaṃpuṭasaṃyuktam udakaṃ prasṛtaṃ pibet //
...von aller Sünde befreit geht er zur Sonnenwelt. Eine Handvoll Wasser, das mit der Arka-Hülle versehen ist, möge er trinken...
Wort für Wort
sarva-pāpa-vinirmuktaḥ
von aller Sünde befreit
sūrya-lokam sa gacchati
geht er zur Sonnenwelt
arka-saṃpuṭa-saṃyuktam
mit der Arka-Hülle versehenes
udakam prasṛtam pibet
eine Handvoll Wasser möge er trinken
[?] 'arkasaṃpuṭa' (Arka-Hülle/Kapsel) ist technisch unklar; vermutlich ein Gefäß/Behältnis aus Arka-(Calotropis-)Blättern, wie in Kap.28 V.25 als Ersatz für Kupfer erwähnt.
Durch stufenweise Steigerung bis auf vierundzwanzig [Handvoll], dann wieder einzeln vermindernd — in zwei Jahren werde die Verpflichtung vollendet.
Wort für Wort
krama-vṛddhyā caturviṃśam
durch stufenweise Steigerung bis vierundzwanzig
eka-ekam kṣapayet punaḥ
dann wieder einzeln vermindere er
dvābhyām saṃvatsarābhyām tu
aber in zwei Jahren
samāpta-niyamaḥ bhavet
werde die Verpflichtung vollendet
[Anm.: beschreibt offenbar ein zweijähriges Gelübde mit täglich zu- und dann wieder abnehmender Trinkwassermenge, analog dem Schema des Candrāyaṇa-Fastens; Einzelheiten unsicher.]
Alles [an guten Werken] tilgt an der Vijaya-Siebten die großen Sünden. Und welche Menschen, wenn der Sonnentag eingetreten ist, das Ahnenritual vollziehen...
yajanti ca mahāśvetaṃ te labhante yathepsitam / yeṣāṃ dharmyāḥ kriyāḥ sarvāḥ sadaivoddiśya bhāskaram //
...und dem 'Großen Weißen' [Sonne] opfern, sie erlangen [alles] nach Wunsch. Deren rechtmäßige Handlungen alle stets eben auf die Sonne gerichtet sind...
upalepanakartā tu cintitaṃ labhate phalam / citrabhānuṃ vicitrais tu kusumaiś ca sugandhibhiḥ //
...wer aber die rituelle Bodenbestreichung vollzieht, erlangt die erwünschte Frucht. Den 'Buntstrahlenden' [Sonne] aber mit mannigfaltigen, wohlriechenden Blumen...
tilāḥ pavitraṃ tailaṃ vā tilagodānam uttamam / agnikārye ca dīpe ca mahāpātakanāśanam //
Sesamkörner sind rein, ebenso Öl; die Gabe von Sesam und Kuh ist die vortrefflichste; beim Feueropfer und bei der Lampe vernichten sie die großen Sünden.
Wort für Wort
tilāḥ pavitram tailam vā
Sesamkörner sind rein, oder Öl
tila-go-dānam uttamam
die Gabe von Sesam und Kuh ist die vortrefflichste
havirbhiḥ prathamaḥ kalpo dvitīyaś cauṣadhīrasaiḥ / vasāmedosthiniryāsair na tu deyaḥ kathaṃcana //
Mit Opferbutter ist die erste, mit Pflanzensäften die zweite Art [der Lampenspeisung]; mit Fett, Mark, Knochenmark oder tierischem Harz aber sei sie keinesfalls gespeist.
...wird der Mensch nach dem Tode mit Reichtum, Ruhm und Glanz ausgestattet. Mit rotem, mit Sandel vermischtem [Pulver] und roten Blumen, der reine Mensch...
...beim Aufgang stets die Ehrengabe gegeben habend, erlangt er in einem Jahr die Vollendung. Vom Aufgang an möge er sich [der Sonne zugewandt] drehen, bis er beim Untergang steht...
Und zusammen mit der Ehrengabe möge er das ganze Ritual mitsamt seinen Teilen darbringen; beim Aufgang, mit Glauben verbunden, wird er von aller Sünde befreit.
Wort für Wort
arghyeṇa sahitam ca eva
und zusammen mit der Ehrengabe
sarve sa-aṅgam pradāpayet
möge er alles samt seinen Gliedern darbringen lassen
nāpasavyaṃ na savyaṃ ca dadyād abhimukhaḥ sadā / saghṛtaṃ guggulaṃ vāpi raver bhaktisamanvitaḥ //
Weder gegen noch im Uhrzeigersinn möge er die Gabe darbringen, sondern stets der Sonne zugewandt — ebenso Guggulharz mit Ghee, mit Hingabe zur Sonne versehen.
pūjayitvā viśeṣeṇa sarvapāpaiḥ pramucyate / viṣuveṣūparāgeṣu ṣaḍaśītimukheṣu ca //
...besonders verehrt habend, wird er von aller Sünde befreit. Bei den Tagundnachtgleichen, bei den Verfinsterungen und bei den Tierkreis-Eintritten...
Wort für Wort
pūjayitvā viśeṣeṇa
besonders verehrt habend
sarva-pāpaiḥ pramucyate
wird er von aller Sünde befreit
viṣuveṣu uparāgeṣu
bei den Tagundnachtgleichen, bei den Verfinsterungen
ṣaḍaśīti-mukheṣu ca
und bei den Tierkreis-Eintritten
[Anm.: 'ṣaḍaśītimukha' ('Sechsundachtzig-Eintritte') bezeichnet vermutlich die zwölf saṃkrāntis, die Übergänge der Sonne in die Tierkreiszeichen; als fester Kalenderbegriff transliteriert.]
kṣīreṇa tarpaṇaṃ kṛtvā manas tāpair na yujyate / dadhnā tu tarpaṇaṃ kṛtvā kāryasiddhiṃ labhen naraḥ //
Mit Milch die Wasserspende vollzogen, wird der Geist nicht von Qualen heimgesucht. Mit Dickmilch aber die Wasserspende vollzogen, erlangt der Mensch die Vollendung seines Vorhabens.
Wort für Wort
kṣīreṇa tarpaṇam kṛtvā
mit Milch die Wasserspende vollzogen habend
manaḥ tāpaiḥ na yujyate
wird der Geist nicht mit Qualen verbunden
dadhnā tu tarpaṇam kṛtvā
mit Dickmilch aber die Wasserspende vollzogen habend
snānārtham āhared yas tu jalaṃ bhānoḥ samāhitaḥ / tīrtheṣu śucitāpannaḥ sa yāti paramāṃ gatim //
Wer aber, gesammelten Sinnes, zum Zweck des Bades Wasser für die Sonne herbeibringt, und an den Tīrthas Reinheit erlangt hat, er geht zum höchsten Ziel.
ekāhenāpi yad bhānoḥ pūjāyāḥ prāpyate phalam / yathoktadakṣiṇair viprair na tat kratuśatair api //
Die Frucht, die man mit auch nur einem einzigen Tag der Sonnenverehrung erlangt — die erlangt man nicht einmal mit hundert Opfern, selbst mit vorschriftsgemäß entlohnten Brahmanen.