Kapitel 237: karmavidyāmārgavarṇanaṃ kṣetrakṣetrajñavivekavarṇanaṃ ca
Die Darlegung der Wege von Handlung und Wissen sowie der Unterscheidung von Feld und Feldkenner
{munaya ūcuḥ:} yady evaṃ vedavacanaṃ kuru karma tyajeti ca / kāṃ diśaṃ vidyayā yānti kāṃ ca gacchanti karmaṇā //
Die Weisen sprachen: Wenn die Rede der Veden so lautet — 'verrichte Handlung' und 'gib Handlung auf' — in welche Richtung gehen sie durch Wissen, und in welche gehen sie durch Handlung?
Vyāsa sprach: Hört, oh Tiger unter den Weisen, was ihr kurz gefragt habt; ich werde beide erklären, das aus Handlung und das aus Wissen Bestehende, das Vergängliche und das Unvergängliche.
Wort für Wort
śṛṇudhvam muniśārdūlāḥ
hört, oh Tiger unter den Weisen
yat pṛcchadhvam samāsataḥ
was ihr kurz gefragt habt
karmavidyāmayau ca ubhau
beide, das aus Handlung und Wissen Bestehende
vyākhyāsyāmi kṣarākṣarau
ich werde erklären, das Vergängliche und Unvergängliche
asti dharma iti yuktaṃ nāsti tatraiva yo vadet / yakṣasya sādṛśyam idaṃ yakṣasyedaṃ bhaved atha //
'Es gibt Dharma' — dies ist richtig zu sagen; wer aber ebendort sagt 'es gibt ihn nicht' — dies gleicht einem Rätsel, und auch dies mag ein Rätsel sein.
Wort für Wort
asti dharmaḥ iti yuktam
'es gibt Dharma' ist richtig (zu sagen)
na asti tatra eva yaḥ vadet
wer aber ebendort sagt 'es gibt nicht'
yakṣasya sādṛśyam idam
dies gleicht einem Rätsel [?]
yakṣasya idam bhavet atha
auch dies mag ein Rätsel sein
[?] 'yakṣasya sādṛśyam' ('einem Rätsel/Yakṣa-Wesen gleichend') ist eine ungewöhnliche Wendung; sinngemäß als 'Rätsel' übertragen.
Durch Handlung wird man nach dem Tod verkörpert wiedergeboren, aus sechzehn Bestandteilen bestehend; durch Wissen entsteht man ewig, unmanifest, aus dem Unvergänglichen bestehend.
ye tu buddhiṃ parāṃ prāptā dharmanaipuṇyadarśinaḥ / na te karma praśaṃsanti kūpaṃ nadyāṃ pibann iva //
Die aber, die die höchste Einsicht erlangt haben, die die Feinheit des Dharma erkennen, preisen die Handlung nicht — gleich einem, der aus einem Brunnen trinkt, während er im Fluss steht.
Wort für Wort
ye tu buddhim parām prāptāḥ
die aber die höchste Einsicht erlangt haben
dharmanaipuṇyadarśinaḥ
die die Feinheit des Dharma erkennen
na te karma praśaṃsanti
preisen die Handlung nicht
kūpam nadyām pibann iva
wie einer, der aus dem Brunnen trinkt, während er im Fluss ist
karmaṇāṃ phalam āpnoti sukhaduḥkhe bhavābhavau / vidyayā tad avāpnoti yatra gatvā na śocati //
Durch die Früchte der Handlungen erlangt man Glück und Leid, Werden und Vergehen; durch Wissen aber erlangt man jenes, wohin man gelangt, ohne zu trauern.
dvaṃdvair na yatra bādhyante mānasena ca karmaṇā / samāḥ sarvatra maitrāś ca sarvabhūtahite ratāḥ //
— wo sie nicht von den Gegensatzpaaren bedrängt werden noch durch geistiges Handeln; gleichmütig überall, freundlich gesinnt, am Wohl aller Wesen erfreut.
Wort für Wort
dvaṃdvaiḥ na yatra bādhyante
wo sie nicht von den Gegensatzpaaren bedrängt werden
Es gibt einen anderen, aus Wissen bestehenden Puruṣa, oh Zweifachgeborene, und einen anderen, aus Handlung bestehenden; oh Brahmanen, jener ist dem Mond an Berührung gleich, in feiner Gestalt weilend.
Wort für Wort
vidyāmayaḥ anyaḥ puruṣaḥ
ein anderer, aus Wissen bestehender Puruṣa
dvijāḥ karmamayaḥ aparaḥ
oh Zweifachgeborene, und ein anderer, aus Handlung bestehender
tad etad ṛṣiṇā proktaṃ vistareṇānugīyate / na vaktuṃ śakyate draṣṭuṃ cakratantum ivāmbare //
Dies wurde vom Ṛṣi verkündet und wird ausführlich weitergesungen; es lässt sich nicht aussprechen, (ebenso wenig) erblicken, wie ein Rad-Gewebe am Himmel.
Wort für Wort
tat etat ṛṣiṇā proktam
dies wurde vom Ṛṣi verkündet
vistareṇa anugīyate
wird ausführlich weitergesungen
na vaktum śakyate draṣṭum
es lässt sich nicht aussprechen, nicht erblicken
cakratantum iva ambare
wie ein Rad-Gewebe am Himmel [?]
[?] 'cakratantum ivāmbare' ('wie ein Rad-Gewebe am Himmel') ist ein dunkles Bild; sinngemäß wiedergegeben.
Aus elf Abwandlungen bestehend, aus der Anhäufung von Daseinsteilen zusammengesetzt — als 'verkörpert' soll man ihn erkennen, oh Brahmanen, den aus Handlungs-Qualität bestehenden.
Wort für Wort
ekādaśavikārātmā
aus elf Abwandlungen bestehend
kalāsaṃbhārasaṃbhṛtaḥ
aus der Anhäufung von Daseinsteilen zusammengesetzt
mūrtimān iti tam vidyāt
als 'verkörpert' soll man ihn erkennen
viprāḥ karmaguṇātmakam
oh Brahmanen, den aus Handlungs-Qualität bestehenden
[Anm.] 'Ekādaśavikāra' ('elf Abwandlungen') bezeichnet die klassische Sāṃkhya-Aufzählung von Manas und den zehn Sinnesorganen (fünf Erkenntnis- und fünf Handlungssinne).
Der Gott, der darin weilt wie der Mond der Erkenntnis im Lotos — den soll man als den Kṣetrajña ('Feldkenner') erkennen, den ewig durch Yoga Selbstbezwungenen.
tamo rajaś ca sattvaṃ ca jñeyaṃ jīvaguṇātmakam / jīvam ātmaguṇaṃ vidyād ātmānaṃ paramātmanaḥ //
Tamas, Rajas und Sattva sind als aus der Eigenschaft des Jīva bestehend zu erkennen; den Jīva soll man als Eigenschaft des Ātman erkennen, den Ātman als Eigenschaft des Paramātman.
Wort für Wort
tamaḥ rajaḥ ca sattvam ca
Tamas, Rajas und Sattva
jñeyam jīvaguṇātmakam
als aus der Jīva-Eigenschaft bestehend zu erkennen
jīvam ātmaguṇam vidyāt
den Jīva soll man als Eigenschaft des Ātman erkennen
sacetanaṃ jīvaguṇaṃ vadanti / sa ceṣṭate jīvaguṇaṃ ca sarvam / tataḥ paraṃ kṣetravido vadanti / prakalpayanto bhuvanāni sapta //
Sie nennen ihn den bewussten Jīva-Träger; er bewegt sich, und bewegt auch alles, was Jīva-Eigenschaft besitzt; darüber hinaus sprechen die Feldkenner, indem sie die sieben Welten gestalten.
Wort für Wort
sacetanam jīvaguṇam vadanti
sie nennen ihn den bewussten Jīva-Träger
sa ceṣṭate jīvaguṇam ca sarvam
er bewegt sich und alles, was Jīva-Eigenschaft hat
tataḥ param kṣetravidaḥ vadanti
darüber hinaus sprechen die Feldkenner
prakalpayantaḥ bhuvanāni sapta
indem sie die sieben Welten gestalten
[Anm.] Vierzeiliger Hymnenvers, im Quelltext ohne Daṇḍa-Zeichen zwischen den Padas überliefert, hier der Einheitlichkeit halber mit Schrägstrichen versehen.
indriyebhyaḥ parā hy arthā arthebhyaḥ paramaṃ manaḥ / manasas tu parā buddhir buddher ātmā mahān paraḥ //
Höher als die Sinne stehen die Objekte, höher als die Objekte der Geist; höher als der Geist aber die Erkenntniskraft, höher als die Erkenntniskraft das große Selbst.
Wort für Wort
indriyebhyaḥ parāḥ hi arthāḥ
höher als die Sinne die Objekte
arthebhyaḥ paramam manaḥ
höher als die Objekte der Geist
manasaḥ tu parā buddhiḥ
höher als der Geist aber die Buddhi
buddheḥ ātmā mahān paraḥ
höher als die Buddhi das große Selbst
[Anm.] Diese Rangfolge entspricht der klassischen Hierarchie der Kaṭha-Upaniṣad (3.10-11).
Höher als das Große ist das Unmanifeste, höher als das Unmanifeste das Unsterbliche; höher als das Unsterbliche gibt es nichts — das ist die höchste Grenze, das höchste Ziel.
Nachdem er die Sinne mit dem Geist als sechstem durch Weisheit im inneren Selbst aufgelöst hat, ohne mit den Sinnen an die vielfältigen Sinnesobjekte zu denken —
Wort für Wort
antarātmani saṃlīya
im inneren Selbst aufgelöst habend
manaḥṣaṣṭhāni medhayā
die (Sinne) mit dem Geist als sechstem, durch Weisheit
— und den durch Wissen vollendeten Geist auch in der Meditation zum Höchsten gemacht hat, gelangt der von äußerlichen Dingen Unabhängige, mit befriedetem Selbst, dann zum höchsten Zustand.
Wort für Wort
dhyāne api paramam kṛtvā
auch in der Meditation zum Höchsten gemacht habend
Nachdem er alle begehrenden Vorstellungen verworfen hat, soll er den Geist im Sattva verankern; nachdem er den Geist im Sattva verankert hat, wird er sodann ein 'Zeit-Bezwinger'.
Wort für Wort
vihatya sarvasaṃkalpān
alle Vorstellungen verworfen habend
sattve cittam niveśayet
soll er den Geist im Sattva verankern
sattve cittam samāveśya
den Geist im Sattva verankert habend
tataḥ kālañjaraḥ bhavet
wird er sodann ein Zeit-Bezwinger [?]
[?] 'Kālañjara' ('Zeit-Bezwinger') ist ein seltener Ausdruck für den vom Kreislauf der Zeit Unabhängigen; sinngemäß übertragen.
Durch die Klarheit des Geistes gibt der Asket hier Gutes und Schlechtes auf; nachdem er mit geklärtem Selbst im Selbst verweilt hat, genießt er höchstes Glück.
So, in der ersten und letzten Nachtwache das Selbst mit dem Selbst vereinigend, mit leichter Nahrung, geläutertem Selbst, erblickt er das Selbst im Selbst.
Das Geheimnis aller Veden, nicht auf Überlieferung, nicht auf bloße Tradition gegründet, sondern durch das Selbst selbst beglaubigt — dies ist die Lehrschrift zur Unterweisung des Sohnes.
Wort für Wort
rahasyam sarvavedānām
das Geheimnis aller Veden
anaitihyam anāgamam
nicht auf Überlieferung, nicht auf Tradition (gegründet)
dharmākhyāneṣu sarveṣu satyākhyāneṣu yad vasu / daśavarṣasahasrāṇi nirmathyāmṛtam uddhṛtam //
Was an Kostbarem in allen Dharma-Erzählungen, in allen Wahrheits-Erzählungen enthalten ist, das wurde, nachdem es zehntausend Jahre lang gequirlt worden war, als Nektar herausgezogen.
nāvedaviduṣe vācyaṃ tathā nānugatāya ca / nāsūyakāyānṛjave na cānirdiṣṭakāriṇe //
— nicht dem Nicht-Vedenkundigen soll sie mitgeteilt werden, ebenso nicht dem Unfolgsamen, nicht dem Neidischen, Unaufrichtigen, und nicht dem, der nicht wie geheißen handelt,
na tarkaśāstradagdhāya tathaiva piśunāya ca / ślāghine ślāghanīyāya praśāntāya tapasvine //
— nicht dem von der bloßen Logik-Wissenschaft Verblendeten, ebenso nicht dem Verleumder; wohl aber dem Lobenswerten, Rühmenswerten, dem friedvollen Asketen (darf sie mitgeteilt werden) —
Wort für Wort
na tarkaśāstradagdhāya
nicht dem von der Logik-Wissenschaft Verblendeten
tathā eva piśunāya ca
ebenso nicht dem Verleumder
ślāghine ślāghanīyāya
dem Lobenswerten, Rühmenswerten
praśāntāya tapasvine
dem friedvollen Asketen
[Anm.] Der Vers markiert den Übergang von der Liste der Ungeeigneten (V.36-38ab) zur Liste der Geeigneten, die sich in V.39 fortsetzt; die genaue grammatische Zäsur ist im Text knapp gehalten.
ato guhyatarārthaṃ tad adhyātmam atimānuṣam / yat tan maharṣibhir dṛṣṭaṃ vedānteṣu ca gīyate //
Deshalb ist jenes Adhyātma von noch geheimerer Bedeutung, übermenschlich, das, was von den großen Weisen geschaut und in den Vedānta-Texten besungen wird.
tad yuṣmabhyaṃ prayacchāmi yan māṃ pṛcchata sattamāḥ / yan me manasi varteta yas tu vo hṛdi saṃśayaḥ / śrutaṃ bhavadbhis tat sarvaṃ kim anyat kathayāmi vaḥ //
Dies gebe ich euch, oh ihr Besten, worum ihr mich gebeten habt; was in meinem Geist gegenwärtig war und welcher Zweifel in eurem Herzen bestand — all dies wurde von euch gehört. Was anderes soll ich euch noch sagen?
Wort für Wort
tat yuṣmabhyam prayacchāmi
dies gebe ich euch
yat mām pṛcchata sattamāḥ
worum ihr mich gebeten habt, oh Beste
yat me manasi varteta
was in meinem Geist war
yaḥ tu vaḥ hṛdi saṃśayaḥ
und welcher Zweifel in eurem Herzen war
śrutam bhavadbhiḥ tat sarvam
all dies wurde von euch gehört
kim anyat kathayāmi vaḥ
was anderes soll ich euch sagen
[Anm.] Dieser Vers hat im Quelltext drei Pādas statt der üblichen zwei Zeilen; so überliefert übernommen.
{munaya ūcuḥ:} adhyātmaṃ vistareṇeha punar eva vadasva naḥ / yad adhyātmaṃ yathā vidmo bhagavann ṛṣisattama //
Die Weisen sprachen: Verkünde uns hier das Adhyātma noch einmal ausführlich, damit wir erkennen, was das Adhyātma ist, oh Erhabener, Bester der Weisen.
{munaya ūcuḥ:} ākāraṃ tu bhaved yasya yasmin dehaṃ na paśyati / ākāśādyaṃ śarīreṣu kathaṃ tad upavarṇayet / indriyāṇāṃ guṇāḥ kecit kathaṃ tān upalakṣayet //
Die Weisen sprachen: Wessen Gestalt vorhanden ist, worin man aber den Körper nicht sieht — wie soll man jenes Element, angefangen mit dem Raum, in den Körpern beschreiben? Wie soll man die Eigenschaften der Sinnesorgane erkennen?
Wort für Wort
ākāram tu bhaved yasya
wessen Gestalt vorhanden ist
yasmin deham na paśyati
worin man den Körper nicht sieht
ākāśādyam śarīreṣu
das (Element), angefangen mit dem Raum, in den Körpern
katham tat upavarṇayet
wie soll man jenes beschreiben
indriyāṇām guṇāḥ kecit
die (jeweiligen) Eigenschaften der Sinnesorgane
katham tān upalakṣayet
wie soll man sie erkennen
[Anm.] Auch dieser Vers hat im Quelltext drei Pādas statt der üblichen zwei Zeilen.
Klang, Gehör und ebenso die Körperöffnungen — diese drei sind das Kennzeichen des Raums; Atem, Bewegung und Berührung — dies sind die drei Eigenschaften des Windes.
Das Riechbare, der Geruchssinn und der feste Körper — dies sind die drei Eigenschaften der Erde; so viel wurde die aus den fünf Elementen bestehende Gesamtheit der Sinne dargelegt.
guṇais tu nīyate buddhir buddhir evendriyāṇy api / manaḥṣaṣṭhāni sarvāṇi buddhyā bhāvāt kuto guṇāḥ //
Von den Guṇas aber wird die Erkenntniskraft gelenkt, und die Erkenntniskraft lenkt auch die Sinne, alle mit dem Geist als sechstem; durch das Sein der Erkenntniskraft — woher kämen sonst die Guṇas?
Wort für Wort
guṇaiḥ tu nīyate buddhiḥ
von den Guṇas aber wird die Buddhi gelenkt
buddhiḥ eva indriyāṇi api
die Buddhi auch die Sinne
manaḥṣaṣṭhāni sarvāṇi
alle mit dem Geist als sechstem
buddhyā bhāvāt kutaḥ guṇāḥ
durch das Sein der Buddhi, woher die Guṇas
[?] Knapp und philosophisch verdichtet formulierter Vers; sinngemäß wiedergegeben.
indriyāṇi naraiḥ pañca ṣaṣṭhaṃ tan mana ucyate / saptamīṃ buddhim evāhuḥ kṣetrajñaṃ viddhi cāṣṭamam //
Die fünf Sinnesorgane werden von den Menschen gezählt; als sechstes wird jener Geist bezeichnet; als siebtes bezeichnet man eben die Erkenntniskraft, und als achtes erkenne den Kṣetrajña.
Freude, Zuneigung, Wonne, Herrschaft über sich selbst, das Sein mit ruhendem Selbst und Geist — sei es grundlos oder aus einem Grund, dies nennt man die sattvischen Eigenschaften.
Ebenso Verblendung, Nachlässigkeit, Mattigkeit, aus dem Schlaf erweckte Benommenheit — wenn diese auf irgendeine Weise auftreten, sind sie als die tamasischen Eigenschaften zu erkennen.
Der Geist erzeugt die Einstellung, die Erkenntniskraft ist die Entscheidende, das Herz ist hier Sitz allein des Angenehmen — dreifach ist der Antrieb zum Handeln.
indriyebhyaḥ parā hy arthā arthebhyaś ca paraṃ manaḥ / manasas tu parā buddhir buddher ātmā paraḥ smṛtaḥ //
Höher als die Sinne sind die Objekte, höher als die Objekte der Geist; höher als der Geist aber gilt die Erkenntniskraft, höher als die Erkenntniskraft gilt das Selbst.
Wort für Wort
indriyebhyaḥ parāḥ hi arthāḥ
höher als die Sinne die Objekte
arthebhyaḥ ca param manaḥ
höher als die Objekte der Geist
manasaḥ tu parā buddhiḥ
höher als der Geist aber die Buddhi
buddheḥ ātmā paraḥ smṛtaḥ
höher als die Buddhi gilt das Selbst
[Anm.] Wiederholung der in V.23-24 dargelegten Rangfolge (vgl. Kaṭha-Upaniṣad 3.10-11).
Die Erkenntniskraft ist das Selbst des Menschen, die Erkenntniskraft allein ist die Führerin des Selbst; wenn sie sich in Einstellung verwandelt, dann wird sie zum Geist.
indriyāṇāṃ pṛthagbhāvād buddhir vikurute hy anu / śṛṇvatī bhavati śrotraṃ spṛśatī sparśa ucyate //
Aufgrund der Verschiedenheit der Sinnesorgane wandelt sich die Erkenntniskraft entsprechend um: hörend wird sie zum Gehör, berührend wird sie 'Berührung' genannt,
sehend wird sie zum Sehsinn, schmeckend wird sie zum Geschmackssinn, riechend wird sie zum Geruchssinn — die Erkenntniskraft wandelt sich verschiedenartig um.
Diese Wandlungen aber nennt man die Sinnesorgane; durch deren Wirken erstreckt sie sich; im Puruṣa aber verweilt die Erkenntniskraft, im Zustand des Buddhi-Seins verharrend.
Selbst aus Einstellung bestehend, übersteigt sie doch diese drei Zustände — wie der Ozean, der Gebieter der Flüsse, mit seiner mächtigen Flutlinie die Wellen (überragt).
Wort für Wort
svayam bhāvātmikā
selbst aus Einstellung bestehend
bhāvān trīn etān ativartate
übersteigt sie diese drei Zustände
saritām sāgaraḥ bhartā
der Ozean, der Gebieter der Flüsse
mahāvelām iva ūrmimān
mit seiner mächtigen Flutlinie, mit den Wellen [?]
[?] Das genaue Bild von 'mahāvelām ivormimān' bleibt syntaktisch unsicher; sinngemäß übertragen.
yadā prārthayate kiṃcit tadā bhavati sā manaḥ / adhiṣṭhāne ca vai buddhyā pṛthag etāni saṃsmaret //
Wenn sie irgendetwas begehrt, dann wird sie zum Geist; in ihrer eigentlichen Grundlage aber soll man sie durch die Erkenntniskraft als von diesen Wandlungen verschieden erkennen.
Man soll den Geist zum Zweck der Erhellung einsetzen, mit den Sinnen, den vorzüglichsten der Erkenntniskraft, die, dem Yoga gemäß hervortretend, gleichgültig, nach eigenem Willen wirken.
Wort für Wort
pradīpārtham manaḥ kuryāt
man soll den Geist zum Zweck der Erhellung einsetzen
indriyaiḥ buddhisattamaiḥ
mit den Sinnen, den vorzüglichsten der Buddhi
niścaradbhiḥ yathāyogam
die dem Yoga gemäß hervortreten
udāsīnaiḥ yadṛcchayā
gleichgültig, nach eigenem Willen
[?] Sehr dicht und syntaktisch unsicher formulierter Vers; sinngemäß wiedergegeben.
evaṃsvabhāvam evedam iti buddhvā na muhyati / aśocan saṃprahṛṣyaṃś ca nityaṃ vigatamatsaraḥ //
Wer erkannt hat, dass dies von solcher Eigennatur ist, gerät nicht in Verwirrung; nicht trauernd und sich auch nicht übermäßig freuend, stets frei von Neid,
Wort für Wort
evaṃsvabhāvam eva idam
dass dies von solcher Eigennatur ist
iti buddhvā na muhyati
so erkannt habend gerät er nicht in Verwirrung
aśocan saṃprahṛṣyan ca
nicht trauernd und sich auch nicht übermäßig freuend
Nachdem er die früher verrichtete Handlung aufgegeben hat, dessen Freude stets im Selbst ruht — für den, der zum Selbst aller Wesen geworden ist, besteht keine Bindung mehr durch die Anhaftung an die Guṇas.
Wort für Wort
tyaktvā pūrvakṛtam karma
nachdem er die frühere Handlung aufgegeben hat
ratiḥ yasya sadā ātmani
dessen Freude stets im Selbst (ruht)
sarvabhūtātmabhūtasya
für den, der zum Selbst aller Wesen geworden ist
guṇasaṅgena sajjataḥ
(keine) Bindung mehr durch Anhaftung an die Guṇas [?]
[?] Die Satzkonstruktion ist im Sanskrit knapp; die negative Bedeutung ('keine Bindung mehr') wird sinngemäß ergänzt.
Er soll sich von den Guṇas frei halten und bloß ihr Betrachter sein, der Wahrheit gemäß; so soll der Mensch den Unterschied zwischen Sattva und Kṣetrajña erkennen.
Wort für Wort
paridadhyāt guṇānām
er soll sich von den Guṇas freihalten [?]
sa draṣṭā ca eva yathātatham
und deren bloßer Betrachter sein, wahrheitsgemäß
sattvakṣetrajñayoḥ evam
so zwischen Sattva und Kṣetrajña
antaram lakṣayet naraḥ
soll der Mensch den Unterschied erkennen
[?] 'paridadhyāt' unsicher übersetzt; sinngemäß als 'sich freihalten' wiedergegeben.
yathāśmanā hiraṇyasya saṃprayuktau tathaiva tau / maśakodumbarau vāpi saṃprayuktau yathā saha //
Wie Gold mit dem es umgebenden Gestein verbunden ist, ebenso sind diese beiden verbunden; oder wie eine Mücke und eine Feigenfrucht miteinander verbunden sind,
Wort für Wort
yathā aśmanā hiraṇyasya
wie Gold mit Gestein
saṃprayuktau tathā eva tau
verbunden sind, ebenso diese beiden
maśakodumbarau vā api
oder auch Mücke und Feigenfrucht [?]
saṃprayuktau yathā saha
wie sie miteinander verbunden sind
[?] 'maśakodumbarau' (Mücke und Feigenfrucht) ist ein ungewöhnliches Gleichnispaar, dessen genauer Sinn unsicher bleibt.