Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 237: karmavidyāmārgavarṇanaṃ kṣetrakṣetrajñavivekavarṇanaṃ ca Die Darlegung der Wege von Handlung und Wissen sowie der Unterscheidung von Feld und Feldkenner

{munaya ūcuḥ:} yady evaṃ vedavacanaṃ kuru karma tyajeti ca / kāṃ diśaṃ vidyayā yānti kāṃ ca gacchanti karmaṇā //

Die Weisen sprachen: Wenn die Rede der Veden so lautet — 'verrichte Handlung' und 'gib Handlung auf' — in welche Richtung gehen sie durch Wissen, und in welche gehen sie durch Handlung?

Wort für Wort
yadi evam vedavacanam
wenn so die Rede der Veden lautet
kuru karma tyaja iti ca
'verrichte Handlung' und 'gib auf' so
kām diśam vidyayā yānti
in welche Richtung gehen sie durch Wissen
kām ca gacchanti karmaṇā
und in welche gehen sie durch Handlung

etad vai śrotum icchāmas tad bhavān prabravītu naḥ / etad anyonyavairūpyaṃ vartate pratikūlataḥ //

Dies wünschen wir zu hören; das sollst du uns verkünden. Dieser gegenseitige Widerspruch besteht ja gegensätzlich.

Wort für Wort
etat vai śrotum icchāmaḥ
dies wünschen wir zu hören
tat bhavān prabravītu naḥ
das sollst du uns verkünden
etat anyonyavairūpyam
dieser gegenseitige Widerspruch
vartate pratikūlataḥ
besteht gegensätzlich

{vyāsa uvāca:} śṛṇudhvaṃ muniśārdūlā yat pṛcchadhvaṃ samāsataḥ / karmavidyāmayau cobhau vyākhyāsyāmi kṣarākṣarau //

Vyāsa sprach: Hört, oh Tiger unter den Weisen, was ihr kurz gefragt habt; ich werde beide erklären, das aus Handlung und das aus Wissen Bestehende, das Vergängliche und das Unvergängliche.

Wort für Wort
śṛṇudhvam muniśārdūlāḥ
hört, oh Tiger unter den Weisen
yat pṛcchadhvam samāsataḥ
was ihr kurz gefragt habt
karmavidyāmayau ca ubhau
beide, das aus Handlung und Wissen Bestehende
vyākhyāsyāmi kṣarākṣarau
ich werde erklären, das Vergängliche und Unvergängliche

yāṃ diśaṃ vidyayā yānti yāṃ gacchanti ca karmaṇā / śṛṇudhvaṃ sāṃprataṃ viprā gahanaṃ hy etad uttaram //

Welche Richtung sie durch Wissen einschlagen und welche sie durch Handlung gehen — hört nun, oh Brahmanen, diese schwierige Antwort.

Wort für Wort
yām diśam vidyayā yānti
welche Richtung sie durch Wissen gehen
yām gacchanti ca karmaṇā
und welche sie durch Handlung gehen
śṛṇudhvam sāṃpratam viprāḥ
hört nun, oh Brahmanen
gahanam hi etat uttaram
diese schwierige Antwort

asti dharma iti yuktaṃ nāsti tatraiva yo vadet / yakṣasya sādṛśyam idaṃ yakṣasyedaṃ bhaved atha //

'Es gibt Dharma' — dies ist richtig zu sagen; wer aber ebendort sagt 'es gibt ihn nicht' — dies gleicht einem Rätsel, und auch dies mag ein Rätsel sein.

Wort für Wort
asti dharmaḥ iti yuktam
'es gibt Dharma' ist richtig (zu sagen)
na asti tatra eva yaḥ vadet
wer aber ebendort sagt 'es gibt nicht'
yakṣasya sādṛśyam idam
dies gleicht einem Rätsel [?]
yakṣasya idam bhavet atha
auch dies mag ein Rätsel sein

[?] 'yakṣasya sādṛśyam' ('einem Rätsel/Yakṣa-Wesen gleichend') ist eine ungewöhnliche Wendung; sinngemäß als 'Rätsel' übertragen.

dvāv imāv atha panthānau yatra vedāḥ pratiṣṭhitāḥ / pravṛttilakṣaṇo dharmo nivṛtto vā vibhāṣitaḥ //

Dies nun sind die beiden Pfade, worin die Veden gegründet sind: der durch Aktivität gekennzeichnete Dharma, oder der als Enthaltung bezeichnete.

Wort für Wort
dvau imau atha panthānau
dies nun sind die beiden Pfade
yatra vedāḥ pratiṣṭhitāḥ
worin die Veden gegründet sind
pravṛttilakṣaṇaḥ dharmaḥ
der durch Aktivität gekennzeichnete Dharma
nivṛttaḥ vā vibhāṣitaḥ
oder der als Enthaltung bezeichnete

karmaṇā badhyate jantur vidyayā ca vimucyate / tasmāt karma na kurvanti yatayaḥ pāradarśinaḥ //

Durch Handlung wird das Lebewesen gebunden, und durch Wissen wird es befreit; deshalb verrichten die weitblickenden Asketen keine Handlung.

Wort für Wort
karmaṇā badhyate jantuḥ
durch Handlung wird das Lebewesen gebunden
vidyayā ca vimucyate
und durch Wissen wird es befreit
tasmāt karma na kurvanti
deshalb verrichten sie keine Handlung
yatayaḥ pāradarśinaḥ
die weitblickenden Asketen

karmaṇā jāyate pretya mūrtimān ṣoḍaśātmakaḥ / vidyayā jāyate nityam avyaktaṃ hy akṣarātmakam //

Durch Handlung wird man nach dem Tod verkörpert wiedergeboren, aus sechzehn Bestandteilen bestehend; durch Wissen entsteht man ewig, unmanifest, aus dem Unvergänglichen bestehend.

Wort für Wort
karmaṇā jāyate pretya
durch Handlung wird man nach dem Tod geboren
mūrtimān ṣoḍaśātmakaḥ
verkörpert, aus sechzehn bestehend
vidyayā jāyate nityam
durch Wissen entsteht man ewig
avyaktam hi akṣarātmakam
unmanifest, aus dem Unvergänglichen bestehend

karma tv eke praśaṃsanti svalpabuddhiratā narāḥ / tena te dehajālena ramayanta upāsate //

Die Handlung aber preisen manche Menschen, die an geringem Verstand Gefallen finden; durch dieses Körpernetz verharren sie, sich vergnügend.

Wort für Wort
karma tu eke praśaṃsanti
die Handlung aber preisen manche
svalpabuddhiratāḥ narāḥ
Menschen, die an geringem Verstand Gefallen finden
tena te dehajālena
durch dieses Körpernetz
ramayantaḥ upāsate
verharren sie, sich vergnügend

ye tu buddhiṃ parāṃ prāptā dharmanaipuṇyadarśinaḥ / na te karma praśaṃsanti kūpaṃ nadyāṃ pibann iva //

Die aber, die die höchste Einsicht erlangt haben, die die Feinheit des Dharma erkennen, preisen die Handlung nicht — gleich einem, der aus einem Brunnen trinkt, während er im Fluss steht.

Wort für Wort
ye tu buddhim parām prāptāḥ
die aber die höchste Einsicht erlangt haben
dharmanaipuṇyadarśinaḥ
die die Feinheit des Dharma erkennen
na te karma praśaṃsanti
preisen die Handlung nicht
kūpam nadyām pibann iva
wie einer, der aus dem Brunnen trinkt, während er im Fluss ist

karmaṇāṃ phalam āpnoti sukhaduḥkhe bhavābhavau / vidyayā tad avāpnoti yatra gatvā na śocati //

Durch die Früchte der Handlungen erlangt man Glück und Leid, Werden und Vergehen; durch Wissen aber erlangt man jenes, wohin man gelangt, ohne zu trauern.

Wort für Wort
karmaṇām phalam āpnoti
durch die Früchte der Handlungen erlangt man
sukhaduḥkhe bhavābhavau
Glück und Leid, Werden und Vergehen
vidyayā tat avāpnoti
durch Wissen erlangt man jenes
yatra gatvā na śocati
wohin gelangend man nicht trauert

na mriyate yatra gatvā yatra gatvā na jāyate / na jīryate yatra gatvā yatra gatvā na vardhate //

Wohin gelangend man nicht stirbt, wohin gelangend man nicht wieder geboren wird, wohin gelangend man nicht altert, wohin gelangend man nicht wächst —

Wort für Wort
na mriyate yatra gatvā
wohin gelangend man nicht stirbt
yatra gatvā na jāyate
wohin gelangend man nicht geboren wird
na jīryate yatra gatvā
wohin gelangend man nicht altert
yatra gatvā na vardhate
wohin gelangend man nicht wächst

yatra tad brahma paramam avyaktam acalaṃ dhruvam / avyākṛtam anāyāmam amṛtaṃ cādhiyogavit //

— dorthin, wo jenes höchste Brahman weilt, unmanifest, unbeweglich, beständig, ungeformt, ausdehnungslos, unsterblich — dorthin gelangt der im höchsten Yoga Kundige.

Wort für Wort
yatra tat brahma paramam
wo jenes höchste Brahman
avyaktam acalam dhruvam
unmanifest, unbeweglich, beständig
avyākṛtam anāyāmam amṛtam
ungeformt, ausdehnungslos, unsterblich
ca adhiyogavit
dorthin (gelangt) der im höchsten Yoga Kundige

dvaṃdvair na yatra bādhyante mānasena ca karmaṇā / samāḥ sarvatra maitrāś ca sarvabhūtahite ratāḥ //

— wo sie nicht von den Gegensatzpaaren bedrängt werden noch durch geistiges Handeln; gleichmütig überall, freundlich gesinnt, am Wohl aller Wesen erfreut.

Wort für Wort
dvaṃdvaiḥ na yatra bādhyante
wo sie nicht von den Gegensatzpaaren bedrängt werden
mānasena ca karmaṇā
noch durch geistiges Handeln
samāḥ sarvatra maitrāḥ ca
gleichmütig überall, freundlich
sarvabhūtahite ratāḥ
am Wohl aller Wesen erfreut

vidyāmayo 'nyaḥ puruṣo dvijāḥ karmamayo 'paraḥ / viprāś candrasamasparśaḥ sūkṣmayā kalayā sthitaḥ //

Es gibt einen anderen, aus Wissen bestehenden Puruṣa, oh Zweifachgeborene, und einen anderen, aus Handlung bestehenden; oh Brahmanen, jener ist dem Mond an Berührung gleich, in feiner Gestalt weilend.

Wort für Wort
vidyāmayaḥ anyaḥ puruṣaḥ
ein anderer, aus Wissen bestehender Puruṣa
dvijāḥ karmamayaḥ aparaḥ
oh Zweifachgeborene, und ein anderer, aus Handlung bestehender
viprāḥ candrasamasparśaḥ
oh Brahmanen, dem Mond an Berührung gleich [?]
sūkṣmayā kalayā sthitaḥ
in feiner Gestalt weilend

[?] 'candrasamasparśaḥ' unsicheres Gleichnis, sinngemäß übertragen.

tad etad ṛṣiṇā proktaṃ vistareṇānugīyate / na vaktuṃ śakyate draṣṭuṃ cakratantum ivāmbare //

Dies wurde vom Ṛṣi verkündet und wird ausführlich weitergesungen; es lässt sich nicht aussprechen, (ebenso wenig) erblicken, wie ein Rad-Gewebe am Himmel.

Wort für Wort
tat etat ṛṣiṇā proktam
dies wurde vom Ṛṣi verkündet
vistareṇa anugīyate
wird ausführlich weitergesungen
na vaktum śakyate draṣṭum
es lässt sich nicht aussprechen, nicht erblicken
cakratantum iva ambare
wie ein Rad-Gewebe am Himmel [?]

[?] 'cakratantum ivāmbare' ('wie ein Rad-Gewebe am Himmel') ist ein dunkles Bild; sinngemäß wiedergegeben.

ekādaśavikārātmā kalāsaṃbhārasaṃbhṛtaḥ / mūrtimān iti taṃ vidyād viprāḥ karmaguṇātmakam //

Aus elf Abwandlungen bestehend, aus der Anhäufung von Daseinsteilen zusammengesetzt — als 'verkörpert' soll man ihn erkennen, oh Brahmanen, den aus Handlungs-Qualität bestehenden.

Wort für Wort
ekādaśavikārātmā
aus elf Abwandlungen bestehend
kalāsaṃbhārasaṃbhṛtaḥ
aus der Anhäufung von Daseinsteilen zusammengesetzt
mūrtimān iti tam vidyāt
als 'verkörpert' soll man ihn erkennen
viprāḥ karmaguṇātmakam
oh Brahmanen, den aus Handlungs-Qualität bestehenden

[Anm.] 'Ekādaśavikāra' ('elf Abwandlungen') bezeichnet die klassische Sāṃkhya-Aufzählung von Manas und den zehn Sinnesorganen (fünf Erkenntnis- und fünf Handlungssinne).

devo yaḥ saṃśritas tasmin buddhīndur iva puṣkare / kṣetrajñaṃ taṃ vijānīyān nityaṃ yogajitātmakam //

Der Gott, der darin weilt wie der Mond der Erkenntnis im Lotos — den soll man als den Kṣetrajña ('Feldkenner') erkennen, den ewig durch Yoga Selbstbezwungenen.

Wort für Wort
devaḥ yaḥ saṃśritaḥ tasmin
der Gott, der darin weilt
buddhīnduḥ iva puṣkare
wie der Mond der Erkenntnis im Lotos
kṣetrajñam tam vijānīyāt
den soll man als Kṣetrajña erkennen
nityam yogajitātmakam
den ewig durch Yoga Selbstbezwungenen

tamo rajaś ca sattvaṃ ca jñeyaṃ jīvaguṇātmakam / jīvam ātmaguṇaṃ vidyād ātmānaṃ paramātmanaḥ //

Tamas, Rajas und Sattva sind als aus der Eigenschaft des Jīva bestehend zu erkennen; den Jīva soll man als Eigenschaft des Ātman erkennen, den Ātman als Eigenschaft des Paramātman.

Wort für Wort
tamaḥ rajaḥ ca sattvam ca
Tamas, Rajas und Sattva
jñeyam jīvaguṇātmakam
als aus der Jīva-Eigenschaft bestehend zu erkennen
jīvam ātmaguṇam vidyāt
den Jīva soll man als Eigenschaft des Ātman erkennen
ātmānam paramātmanaḥ
den Ātman (als Eigenschaft) des Paramātman

sacetanaṃ jīvaguṇaṃ vadanti / sa ceṣṭate jīvaguṇaṃ ca sarvam / tataḥ paraṃ kṣetravido vadanti / prakalpayanto bhuvanāni sapta //

Sie nennen ihn den bewussten Jīva-Träger; er bewegt sich, und bewegt auch alles, was Jīva-Eigenschaft besitzt; darüber hinaus sprechen die Feldkenner, indem sie die sieben Welten gestalten.

Wort für Wort
sacetanam jīvaguṇam vadanti
sie nennen ihn den bewussten Jīva-Träger
sa ceṣṭate jīvaguṇam ca sarvam
er bewegt sich und alles, was Jīva-Eigenschaft hat
tataḥ param kṣetravidaḥ vadanti
darüber hinaus sprechen die Feldkenner
prakalpayantaḥ bhuvanāni sapta
indem sie die sieben Welten gestalten

[Anm.] Vierzeiliger Hymnenvers, im Quelltext ohne Daṇḍa-Zeichen zwischen den Padas überliefert, hier der Einheitlichkeit halber mit Schrägstrichen versehen.

{vyāsa uvāca:} prakṛtyās tu vikārā ye kṣetrajñās te pariśrutāḥ / te cainaṃ na prajānanti na jānāti sa tān api //

Vyāsa sprach: Die Abwandlungen der Prakṛti aber sind als 'Kṣetrajñas' bekannt; sie erkennen ihn nicht, und auch er erkennt sie nicht.

Wort für Wort
prakṛtyāḥ tu vikārāḥ ye
die Abwandlungen der Prakṛti, die
kṣetrajñāḥ te pariśrutāḥ
sind als Kṣetrajñas bekannt
te ca enam na prajānanti
sie erkennen ihn nicht
na jānāti sa tān api
und auch er erkennt sie nicht

taiś caiva kurute kāryaṃ manaḥṣaṣṭhair ihendriyaiḥ / sudāntair iva saṃyantā dṛḍhaḥ paramavājibhiḥ //

Mit ihnen, den Sinnen mit dem Geist als sechstem, vollbringt er hier sein Werk, wie ein fester Lenker mit wohlgezähmten, vorzüglichen Rossen.

Wort für Wort
taiḥ ca eva kurute kāryam
mit ihnen vollbringt er das Werk
manaḥṣaṣṭhaiḥ iha indriyaiḥ
mit den Sinnen hier, mit dem Geist als sechstem
sudāntaiḥ iva saṃyantā
wie ein Lenker mit wohlgezähmten (Rossen)
dṛḍhaḥ paramavājibhiḥ
der feste, mit vorzüglichen Rossen

indriyebhyaḥ parā hy arthā arthebhyaḥ paramaṃ manaḥ / manasas tu parā buddhir buddher ātmā mahān paraḥ //

Höher als die Sinne stehen die Objekte, höher als die Objekte der Geist; höher als der Geist aber die Erkenntniskraft, höher als die Erkenntniskraft das große Selbst.

Wort für Wort
indriyebhyaḥ parāḥ hi arthāḥ
höher als die Sinne die Objekte
arthebhyaḥ paramam manaḥ
höher als die Objekte der Geist
manasaḥ tu parā buddhiḥ
höher als der Geist aber die Buddhi
buddheḥ ātmā mahān paraḥ
höher als die Buddhi das große Selbst

[Anm.] Diese Rangfolge entspricht der klassischen Hierarchie der Kaṭha-Upaniṣad (3.10-11).

mahataḥ param avyaktam avyaktāt parato 'mṛtam / amṛtān na paraṃ kiṃcit sā kāṣṭhā paramā gatiḥ //

Höher als das Große ist das Unmanifeste, höher als das Unmanifeste das Unsterbliche; höher als das Unsterbliche gibt es nichts — das ist die höchste Grenze, das höchste Ziel.

Wort für Wort
mahataḥ param avyaktam
höher als das Große das Unmanifeste
avyaktāt parataḥ amṛtam
höher als das Unmanifeste das Unsterbliche
amṛtāt na param kiṃcit
höher als das Unsterbliche gibt es nichts
sā kāṣṭhā paramā gatiḥ
das ist die höchste Grenze, das höchste Ziel

evaṃ sarveṣu bhūteṣu gūḍhātmā na prakāśate / dṛśyate tv agryayā buddhyā sūkṣmayā sūkṣmadarśibhiḥ //

So erstrahlt das verborgene Selbst nicht in allen Wesen; es wird aber erblickt durch die feine, vorzüglichste Erkenntniskraft von den Feinsichtigen.

Wort für Wort
evam sarveṣu bhūteṣu
so in allen Wesen
gūḍhātmā na prakāśate
erstrahlt das verborgene Selbst nicht
dṛśyate tu agryayā buddhyā
es wird aber durch die vorzüglichste Buddhi erblickt
sūkṣmayā sūkṣmadarśibhiḥ
die feine, von den Feinsichtigen

antarātmani saṃlīya manaḥṣaṣṭhāni medhayā / indriyair indriyārthāṃś ca bahucittam acintayan //

Nachdem er die Sinne mit dem Geist als sechstem durch Weisheit im inneren Selbst aufgelöst hat, ohne mit den Sinnen an die vielfältigen Sinnesobjekte zu denken —

Wort für Wort
antarātmani saṃlīya
im inneren Selbst aufgelöst habend
manaḥṣaṣṭhāni medhayā
die (Sinne) mit dem Geist als sechstem, durch Weisheit
indriyaiḥ indriyārthān ca
mit den Sinnen an die Sinnesobjekte
bahucittam acintayan
ohne an das Vielfältige zu denken

[Anm.] Der Satz setzt sich in V.27 fort.

dhyāne 'pi paramaṃ kṛtvā vidyāsaṃpāditaṃ manaḥ / anīśvaraḥ praśāntātmā tato gacchet paraṃ padam //

— und den durch Wissen vollendeten Geist auch in der Meditation zum Höchsten gemacht hat, gelangt der von äußerlichen Dingen Unabhängige, mit befriedetem Selbst, dann zum höchsten Zustand.

Wort für Wort
dhyāne api paramam kṛtvā
auch in der Meditation zum Höchsten gemacht habend
vidyāsaṃpāditam manaḥ
den durch Wissen vollendeten Geist
anīśvaraḥ praśāntātmā
der Unabhängige, mit befriedetem Selbst
tataḥ gacchet param padam
gelangt dann zum höchsten Zustand

indriyāṇāṃ tu sarveṣāṃ vaśyātmā calitasmṛtiḥ / ātmanaḥ saṃpradānena martyo mṛtyum upāśnute //

Wer aber all seinen Sinnen unterworfen ist, dessen Gedächtnis wankt; durch die Hingabe seines Selbst an sie erlangt der Sterbliche den Tod.

Wort für Wort
indriyāṇām tu sarveṣām
allen Sinnen aber
vaśyātmā calitasmṛtiḥ
unterworfenes Selbst, wankendes Gedächtnis
ātmanaḥ saṃpradānena
durch die Hingabe des Selbst
martyaḥ mṛtyum upāśnute
erlangt der Sterbliche den Tod

vihatya sarvasaṃkalpān sattve cittaṃ niveśayet / sattve cittaṃ samāveśya tataḥ kālañjaro bhavet //

Nachdem er alle begehrenden Vorstellungen verworfen hat, soll er den Geist im Sattva verankern; nachdem er den Geist im Sattva verankert hat, wird er sodann ein 'Zeit-Bezwinger'.

Wort für Wort
vihatya sarvasaṃkalpān
alle Vorstellungen verworfen habend
sattve cittam niveśayet
soll er den Geist im Sattva verankern
sattve cittam samāveśya
den Geist im Sattva verankert habend
tataḥ kālañjaraḥ bhavet
wird er sodann ein Zeit-Bezwinger [?]

[?] 'Kālañjara' ('Zeit-Bezwinger') ist ein seltener Ausdruck für den vom Kreislauf der Zeit Unabhängigen; sinngemäß übertragen.

cittaprasādena yatir jahātīha śubhāśubham / prasannātmātmani sthitvā sukham atyantam aśnute //

Durch die Klarheit des Geistes gibt der Asket hier Gutes und Schlechtes auf; nachdem er mit geklärtem Selbst im Selbst verweilt hat, genießt er höchstes Glück.

Wort für Wort
cittaprasādena yatiḥ
durch die Klarheit des Geistes der Asket
jahāti iha śubhāśubham
gibt hier Gutes und Schlechtes auf
prasannātmā ātmani sthitvā
mit geklärtem Selbst im Selbst verweilend
sukham atyantam aśnute
genießt er höchstes Glück

lakṣaṇaṃ tu prasādasya yathā svapne sukhaṃ bhavet / nirvāte vā yathā dīpo dīpyamāno na kampate //

Das Kennzeichen der Klarheit aber ist, wie das Glück im Schlaf ist, oder wie eine Lampe, die, an windstillem Ort brennend, nicht flackert.

Wort für Wort
lakṣaṇam tu prasādasya
das Kennzeichen der Klarheit aber
yathā svapne sukham bhavet
wie im Schlaf Glück ist
nirvāte vā yathā dīpaḥ
oder wie eine Lampe an windstillem Ort
dīpyamānaḥ na kampate
brennend nicht flackert

evaṃ pūrvāpare rātre yuñjann ātmānam ātmanā / laghvāhāro viśuddhātmā paśyaty ātmānam ātmani //

So, in der ersten und letzten Nachtwache das Selbst mit dem Selbst vereinigend, mit leichter Nahrung, geläutertem Selbst, erblickt er das Selbst im Selbst.

Wort für Wort
evam pūrvāpare rātre
so in der ersten und letzten Nachtwache
yuñjan ātmānam ātmanā
das Selbst mit dem Selbst vereinigend
laghvāhāraḥ viśuddhātmā
mit leichter Nahrung, geläutertem Selbst
paśyati ātmānam ātmani
erblickt er das Selbst im Selbst

rahasyaṃ sarvavedānām anaitihyam anāgamam / ātmapratyāyakaṃ śāstram idaṃ putrānuśāsanam //

Das Geheimnis aller Veden, nicht auf Überlieferung, nicht auf bloße Tradition gegründet, sondern durch das Selbst selbst beglaubigt — dies ist die Lehrschrift zur Unterweisung des Sohnes.

Wort für Wort
rahasyam sarvavedānām
das Geheimnis aller Veden
anaitihyam anāgamam
nicht auf Überlieferung, nicht auf Tradition (gegründet)
ātmapratyāyakam śāstram
die durch das Selbst beglaubigte Lehrschrift
idam putrānuśāsanam
dies ist die Unterweisung des Sohnes

dharmākhyāneṣu sarveṣu satyākhyāneṣu yad vasu / daśavarṣasahasrāṇi nirmathyāmṛtam uddhṛtam //

Was an Kostbarem in allen Dharma-Erzählungen, in allen Wahrheits-Erzählungen enthalten ist, das wurde, nachdem es zehntausend Jahre lang gequirlt worden war, als Nektar herausgezogen.

Wort für Wort
dharmākhyāneṣu sarveṣu
in allen Dharma-Erzählungen
satyākhyāneṣu yat vasu
in den Wahrheits-Erzählungen, was an Kostbarem
daśavarṣasahasrāṇi
zehntausend Jahre lang
nirmathya amṛtam uddhṛtam
gequirlt, als Nektar herausgezogen

navanītaṃ yathā dadhnaḥ kāṣṭhād agnir yathaiva ca / tathaiva viduṣāṃ jñānaṃ muktihetoḥ samuddhṛtam //

Wie die Butter aus der Dickmilch, wie das Feuer aus dem Holz, ebenso wurde die Erkenntnis der Weisen zum Zweck der Befreiung herausgezogen.

Wort für Wort
navanītam yathā dadhnaḥ
wie die Butter aus der Dickmilch
kāṣṭhāt agniḥ yathā eva ca
und wie das Feuer aus dem Holz
tathā eva viduṣām jñānam
ebenso die Erkenntnis der Weisen
muktihetoḥ samuddhṛtam
zum Zweck der Befreiung herausgezogen

snātakānām idaṃ śāstraṃ vācyaṃ putrānuśāsanam / tad idaṃ nāpraśāntāya nādāntāya tapasvine //

Diese Lehrschrift für die Snātakas, diese Unterweisung des Sohnes, soll nicht dem Unfriedlichen mitgeteilt werden, noch dem ungezügelten Asketen —

Wort für Wort
snātakānām idam śāstram
diese Lehrschrift für die Snātakas
vācyam putrānuśāsanam
die mitzuteilende Unterweisung des Sohnes
tat idam na apraśāntāya
diese nicht dem Unfriedlichen
na adāntāya tapasvine
nicht dem ungezügelten Asketen

nāvedaviduṣe vācyaṃ tathā nānugatāya ca / nāsūyakāyānṛjave na cānirdiṣṭakāriṇe //

— nicht dem Nicht-Vedenkundigen soll sie mitgeteilt werden, ebenso nicht dem Unfolgsamen, nicht dem Neidischen, Unaufrichtigen, und nicht dem, der nicht wie geheißen handelt,

Wort für Wort
na avedaviduṣe vācyam
nicht dem Nicht-Vedenkundigen mitzuteilen
tathā na anugatāya ca
ebenso nicht dem Unfolgsamen
na asūyakāya anṛjave
nicht dem Neidischen, Unaufrichtigen
na ca anirdiṣṭakāriṇe
und nicht dem, der nicht wie geheißen handelt

na tarkaśāstradagdhāya tathaiva piśunāya ca / ślāghine ślāghanīyāya praśāntāya tapasvine //

— nicht dem von der bloßen Logik-Wissenschaft Verblendeten, ebenso nicht dem Verleumder; wohl aber dem Lobenswerten, Rühmenswerten, dem friedvollen Asketen (darf sie mitgeteilt werden) —

Wort für Wort
na tarkaśāstradagdhāya
nicht dem von der Logik-Wissenschaft Verblendeten
tathā eva piśunāya ca
ebenso nicht dem Verleumder
ślāghine ślāghanīyāya
dem Lobenswerten, Rühmenswerten
praśāntāya tapasvine
dem friedvollen Asketen

[Anm.] Der Vers markiert den Übergang von der Liste der Ungeeigneten (V.36-38ab) zur Liste der Geeigneten, die sich in V.39 fortsetzt; die genaue grammatische Zäsur ist im Text knapp gehalten.

idaṃ priyāya putrāya śiṣyāyānugatāya tu / rahasyadharmaṃ vaktavyaṃ nānyasmai tu kathaṃcana //

Dieses geheime Dharma ist dem geliebten Sohn, dem folgsamen Schüler mitzuteilen, keinem anderen aber in irgendeiner Weise.

Wort für Wort
idam priyāya putrāya
dies dem geliebten Sohn
śiṣyāya anugatāya tu
dem folgsamen Schüler
rahasyadharmam vaktavyam
das geheime Dharma ist mitzuteilen
na anyasmai tu kathaṃcana
keinem anderen in irgendeiner Weise

yad apy asya mahīṃ dadyād ratnapūrṇām imāṃ naraḥ / idam eva tataḥ śreya iti manyeta tattvavit //

Selbst wenn jemand ihm diese mit Juwelen erfüllte Erde schenken würde — der Kenner der Wahrheit soll bedenken, dass eben dies wertvoller ist.

Wort für Wort
yat api asya mahīm dadyāt
selbst wenn er ihm die Erde schenken würde
ratnapūrṇām imām naraḥ
diese mit Juwelen erfüllte, der Mensch
idam eva tataḥ śreyaḥ
eben dies ist wertvoller als jenes
iti manyeta tattvavit
so soll der Wahrheitskenner bedenken

ato guhyatarārthaṃ tad adhyātmam atimānuṣam / yat tan maharṣibhir dṛṣṭaṃ vedānteṣu ca gīyate //

Deshalb ist jenes Adhyātma von noch geheimerer Bedeutung, übermenschlich, das, was von den großen Weisen geschaut und in den Vedānta-Texten besungen wird.

Wort für Wort
ataḥ guhyatarārtham tat
deshalb ist jenes von noch geheimerer Bedeutung
adhyātmam atimānuṣam
das Adhyātma, übermenschlich
yat tat maharṣibhiḥ dṛṣṭam
das von den großen Weisen geschaut
vedānteṣu ca gīyate
und in den Vedānta-Texten besungen wird

tad yuṣmabhyaṃ prayacchāmi yan māṃ pṛcchata sattamāḥ / yan me manasi varteta yas tu vo hṛdi saṃśayaḥ / śrutaṃ bhavadbhis tat sarvaṃ kim anyat kathayāmi vaḥ //

Dies gebe ich euch, oh ihr Besten, worum ihr mich gebeten habt; was in meinem Geist gegenwärtig war und welcher Zweifel in eurem Herzen bestand — all dies wurde von euch gehört. Was anderes soll ich euch noch sagen?

Wort für Wort
tat yuṣmabhyam prayacchāmi
dies gebe ich euch
yat mām pṛcchata sattamāḥ
worum ihr mich gebeten habt, oh Beste
yat me manasi varteta
was in meinem Geist war
yaḥ tu vaḥ hṛdi saṃśayaḥ
und welcher Zweifel in eurem Herzen war
śrutam bhavadbhiḥ tat sarvam
all dies wurde von euch gehört
kim anyat kathayāmi vaḥ
was anderes soll ich euch sagen

[Anm.] Dieser Vers hat im Quelltext drei Pādas statt der üblichen zwei Zeilen; so überliefert übernommen.

{munaya ūcuḥ:} adhyātmaṃ vistareṇeha punar eva vadasva naḥ / yad adhyātmaṃ yathā vidmo bhagavann ṛṣisattama //

Die Weisen sprachen: Verkünde uns hier das Adhyātma noch einmal ausführlich, damit wir erkennen, was das Adhyātma ist, oh Erhabener, Bester der Weisen.

Wort für Wort
adhyātmam vistareṇa iha
das Adhyātma hier ausführlich
punaḥ eva vadasva naḥ
verkünde uns noch einmal
yat adhyātmam yathā vidmaḥ
damit wir erkennen, was das Adhyātma ist
bhagavan ṛṣisattama
oh Erhabener, Bester der Weisen

{vyāsa uvāca:} adhyātmaṃ yad idaṃ viprāḥ puruṣasyeha paṭhyate / yuṣmabhyaṃ kathayiṣyāmi tasya vyākhyāvadhāryatām //

Vyāsa sprach: Was hier als das Adhyātma des Menschen bezeichnet wird, oh Brahmanen, das werde ich euch verkünden; vernehmt seine Erklärung.

Wort für Wort
adhyātmam yat idam viprāḥ
das Adhyātma, das hier, oh Brahmanen
puruṣasya iha paṭhyate
des Menschen genannt wird
yuṣmabhyam kathayiṣyāmi
euch werde ich verkünden
tasya vyākhyā avadhāryatām
seine Erklärung möge vernommen werden

bhūmir āpas tathā jyotir vāyur ākāśam eva ca / mahābhūtāni yaś caiva sarvabhūteṣu bhūtakṛt //

Erde, Wasser, ebenso Feuer, Wind und auch Raum — dies sind die groben Elemente; und wer als Schöpfer der Wesen in allen Wesen wirkt —

Wort für Wort
bhūmiḥ āpaḥ tathā jyotiḥ
Erde, Wasser, ebenso Feuer
vāyuḥ ākāśam eva ca
Wind und auch Raum
mahābhūtāni yaḥ ca eva
die groben Elemente, und wer
sarvabhūteṣu bhūtakṛt
in allen Wesen der Schöpfer der Wesen (ist)

[Anm.] Der Satz bricht hier unvollständig ab; die Frage der Weisen in V.46 knüpft unmittelbar daran an.

{munaya ūcuḥ:} ākāraṃ tu bhaved yasya yasmin dehaṃ na paśyati / ākāśādyaṃ śarīreṣu kathaṃ tad upavarṇayet / indriyāṇāṃ guṇāḥ kecit kathaṃ tān upalakṣayet //

Die Weisen sprachen: Wessen Gestalt vorhanden ist, worin man aber den Körper nicht sieht — wie soll man jenes Element, angefangen mit dem Raum, in den Körpern beschreiben? Wie soll man die Eigenschaften der Sinnesorgane erkennen?

Wort für Wort
ākāram tu bhaved yasya
wessen Gestalt vorhanden ist
yasmin deham na paśyati
worin man den Körper nicht sieht
ākāśādyam śarīreṣu
das (Element), angefangen mit dem Raum, in den Körpern
katham tat upavarṇayet
wie soll man jenes beschreiben
indriyāṇām guṇāḥ kecit
die (jeweiligen) Eigenschaften der Sinnesorgane
katham tān upalakṣayet
wie soll man sie erkennen

[Anm.] Auch dieser Vers hat im Quelltext drei Pādas statt der üblichen zwei Zeilen.

{vyāsa uvāca:} etad vo varṇayiṣyāmi yathāvad anudarśanam / śṛṇudhvaṃ tad ihaikāgryā yathātattvaṃ yathā ca tat //

Vyāsa sprach: Dies werde ich euch der Reihe nach, wahrheitsgemäß, darlegen; hört es hier einspitzig, der Wahrheit gemäß, so wie es ist.

Wort für Wort
etat vaḥ varṇayiṣyāmi
dies werde ich euch darlegen
yathāvat anudarśanam
wahrheitsgemäß, der Reihe nach
śṛṇudhvam tat iha ekāgryā
hört es hier einspitzig
yathātattvam yathā ca tat
der Wahrheit gemäß, so wie es ist

śabdaḥ śrotraṃ tathā khāni trayam ākāśalakṣaṇam / prāṇaś ceṣṭā tathā sparśa ete vāyuguṇās trayaḥ //

Klang, Gehör und ebenso die Körperöffnungen — diese drei sind das Kennzeichen des Raums; Atem, Bewegung und Berührung — dies sind die drei Eigenschaften des Windes.

Wort für Wort
śabdaḥ śrotram tathā khāni
Klang, Gehör, und die Körperöffnungen
trayam ākāśalakṣaṇam
diese drei sind das Kennzeichen des Raums
prāṇaḥ ceṣṭā tathā sparśaḥ
Atem, Bewegung, Berührung
ete vāyuguṇāḥ trayaḥ
dies sind die drei Eigenschaften des Windes

rūpaṃ cakṣur vipākaś ca tridhā jyotir vidhīyate / raso 'tha rasanaṃ svedo guṇās tv ete trayo 'mbhasām //

Form, Auge und Verdauung — dreifach wird das Feuer bestimmt; Geschmack, das Schmecken und der Schweiß — diese drei sind die Eigenschaften des Wassers.

Wort für Wort
rūpam cakṣuḥ vipākaḥ ca
Form, Auge und Verdauung
tridhā jyotiḥ vidhīyate
dreifach wird das Feuer bestimmt
rasaḥ atha rasanam svedaḥ
Geschmack, das Schmecken, der Schweiß
guṇāḥ tu ete trayaḥ ambhasām
diese drei sind die Eigenschaften des Wassers

ghreyaṃ ghrāṇaṃ śarīraṃ ca bhūmer ete guṇās trayaḥ / etāvān indriyagrāmo vyākhyātaḥ pāñcabhautikaḥ //

Das Riechbare, der Geruchssinn und der feste Körper — dies sind die drei Eigenschaften der Erde; so viel wurde die aus den fünf Elementen bestehende Gesamtheit der Sinne dargelegt.

Wort für Wort
ghreyam ghrāṇam śarīram ca
das Riechbare, der Geruchssinn, der Körper
bhūmeḥ ete guṇāḥ trayaḥ
dies sind die drei Eigenschaften der Erde
etāvān indriyagrāmaḥ
so viel ist die Gesamtheit der Sinne
vyākhyātaḥ pāñcabhautikaḥ
dargelegt, aus den fünf Elementen bestehend

vāyoḥ sparśo raso 'dbhyaś ca jyotiṣo rūpam ucyate / ākāśaprabhavaḥ śabdo gandho bhūmiguṇaḥ smṛtaḥ //

Berührung gehört zum Wind, Geschmack zum Wasser, Form wird dem Feuer zugesprochen; Klang entspringt dem Raum, Geruch gilt als Eigenschaft der Erde.

Wort für Wort
vāyoḥ sparśaḥ rasaḥ adbhyaḥ ca
Berührung dem Wind, Geschmack dem Wasser
jyotiṣaḥ rūpam ucyate
Form wird dem Feuer zugesprochen
ākāśaprabhavaḥ śabdaḥ
Klang entspringt dem Raum
gandhaḥ bhūmiguṇaḥ smṛtaḥ
Geruch gilt als Eigenschaft der Erde

mano buddhiḥ svabhāvaś ca guṇā ete svayonijāḥ / te guṇān ativartante guṇebhyaḥ paramā matāḥ //

Geist, Erkenntniskraft und Eigennatur — diese Eigenschaften entspringen aus sich selbst; sie übersteigen die Guṇas, gelten als höher als die Guṇas.

Wort für Wort
manaḥ buddhiḥ svabhāvaḥ ca
Geist, Buddhi und Eigennatur
guṇāḥ ete svayonijāḥ
diese Eigenschaften, aus sich selbst entsprungen
te guṇān ativartante
sie übersteigen die Guṇas
guṇebhyaḥ paramāḥ matāḥ
gelten als höher als die Guṇas

yathā kūrma ivāṅgāni prasārya saṃniyacchati / evam evendriyagrāmaṃ buddhiśreṣṭho niyacchati //

Wie eine Schildkröte die Glieder ausstreckt und wieder einzieht, ebenso zügelt der an Erkenntniskraft Vorzüglichste die Gesamtheit der Sinne.

Wort für Wort
yathā kūrmaḥ iva aṅgāni
wie eine Schildkröte die Glieder
prasārya saṃniyacchati
ausstreckt und einzieht
evam eva indriyagrāmam
ebenso die Gesamtheit der Sinne
buddhiśreṣṭhaḥ niyacchati
zügelt der an Buddhi Vorzüglichste

yad ūrdhvaṃ pādatalayor avārkordhvaṃ ca paśyati / etasminn eva kṛtye sā vartate buddhir uttamā //

Was oberhalb der Fußsohlen und diesseits wie jenseits (der Sonne) sichtbar ist — eben in dieser Aufgabe waltet die höchste Erkenntniskraft.

Wort für Wort
yat ūrdhvam pādatalayoḥ
was oberhalb der Fußsohlen
avārkordhvam ca paśyati
und diesseits wie jenseits sichtbar ist [?]
etasmin eva kṛtye
eben in dieser Aufgabe
sā vartate buddhiḥ uttamā
waltet die höchste Buddhi

[?] 'avārkordhvam' ist ein ungewöhnlicher Kompositum-Ausdruck (etwa 'diesseits und jenseits'); sinngemäß übertragen.

guṇais tu nīyate buddhir buddhir evendriyāṇy api / manaḥṣaṣṭhāni sarvāṇi buddhyā bhāvāt kuto guṇāḥ //

Von den Guṇas aber wird die Erkenntniskraft gelenkt, und die Erkenntniskraft lenkt auch die Sinne, alle mit dem Geist als sechstem; durch das Sein der Erkenntniskraft — woher kämen sonst die Guṇas?

Wort für Wort
guṇaiḥ tu nīyate buddhiḥ
von den Guṇas aber wird die Buddhi gelenkt
buddhiḥ eva indriyāṇi api
die Buddhi auch die Sinne
manaḥṣaṣṭhāni sarvāṇi
alle mit dem Geist als sechstem
buddhyā bhāvāt kutaḥ guṇāḥ
durch das Sein der Buddhi, woher die Guṇas

[?] Knapp und philosophisch verdichtet formulierter Vers; sinngemäß wiedergegeben.

indriyāṇi naraiḥ pañca ṣaṣṭhaṃ tan mana ucyate / saptamīṃ buddhim evāhuḥ kṣetrajñaṃ viddhi cāṣṭamam //

Die fünf Sinnesorgane werden von den Menschen gezählt; als sechstes wird jener Geist bezeichnet; als siebtes bezeichnet man eben die Erkenntniskraft, und als achtes erkenne den Kṣetrajña.

Wort für Wort
indriyāṇi naraiḥ pañca
die fünf Sinnesorgane von den Menschen
ṣaṣṭham tat manaḥ ucyate
als sechstes wird jener Geist bezeichnet
saptamīm buddhim eva āhuḥ
als siebtes bezeichnet man die Buddhi
kṣetrajñam viddhi ca aṣṭamam
und als achtes erkenne den Kṣetrajña

cakṣur ālokanāyaiva saṃśayaṃ kurute manaḥ / buddhir adhyavasānāya sākṣī kṣetrajña ucyate //

Das Auge dient allein dem Sehen; der Geist erzeugt den Zweifel; die Erkenntniskraft dient der Entscheidung; der Kṣetrajña wird der Zeuge genannt.

Wort für Wort
cakṣuḥ ālokanāya eva
das Auge dient allein dem Sehen
saṃśayam kurute manaḥ
der Geist erzeugt den Zweifel
buddhiḥ adhyavasānāya
die Buddhi dient der Entscheidung
sākṣī kṣetrajñaḥ ucyate
der Zeuge wird Kṣetrajña genannt

rajas tamaś ca sattvaṃ ca traya ete svayonijāḥ / samāḥ sarveṣu bhūteṣu tān guṇān upalakṣayet //

Rajas, Tamas und Sattva — diese drei entspringen aus sich selbst, gleichmäßig vorhanden in allen Wesen; man soll diese Guṇas erkennen.

Wort für Wort
rajaḥ tamaḥ ca sattvam ca
Rajas, Tamas und Sattva
trayaḥ ete svayonijāḥ
diese drei, aus sich selbst entsprungen
samāḥ sarveṣu bhūteṣu
gleichmäßig in allen Wesen
tān guṇān upalakṣayet
man soll diese Guṇas erkennen

tatra yat prītisaṃyuktaṃ kiṃcid ātmani lakṣayet / praśāntam iva saṃyuktaṃ sattvaṃ tad upadhārayet //

Was davon man als mit Freude verbunden, gleichsam friedvoll verbunden, an sich selbst wahrnimmt — das erkenne man als Sattva.

Wort für Wort
tatra yat prītisaṃyuktam
was davon mit Freude verbunden ist
kiṃcit ātmani lakṣayet
an sich selbst wahrnimmt
praśāntam iva saṃyuktam
gleichsam friedvoll verbunden
sattvam tat upadhārayet
das erkenne man als Sattva

yat tu saṃtāpasaṃyuktaṃ kāye manasi vā bhavet / pravṛttaṃ raja ity evaṃ tatra cāpy upalakṣayet //

Was aber mit Qual verbunden ist, im Körper oder im Geist entsteht und sich regt — das erkenne man dort als Rajas.

Wort für Wort
yat tu saṃtāpasaṃyuktam
was aber mit Qual verbunden
kāye manasi vā bhavet
im Körper oder Geist entsteht
pravṛttam rajaḥ iti evam
als sich regendes Rajas so
tatra ca api upalakṣayet
soll man es dort erkennen

yat tu saṃmohasaṃyuktam avyaktaṃ viṣamaṃ bhavet / apratarkyam avijñeyaṃ tamas tad upadhārayet //

Was aber mit Verblendung verbunden, unklar, ungleichmäßig ist, unerklärlich und unerkennbar — das erkenne man als Tamas.

Wort für Wort
yat tu saṃmohasaṃyuktam
was aber mit Verblendung verbunden
avyaktam viṣamam bhavet
unklar, ungleichmäßig ist
apratarkyam avijñeyam
unerklärlich, unerkennbar
tamaḥ tat upadhārayet
das erkenne man als Tamas

praharṣaḥ prītir ānandaṃ svāmyaṃ svasthātmacittatā / akasmād yadi vā kasmād vadanti sāttvikān guṇān //

Freude, Zuneigung, Wonne, Herrschaft über sich selbst, das Sein mit ruhendem Selbst und Geist — sei es grundlos oder aus einem Grund, dies nennt man die sattvischen Eigenschaften.

Wort für Wort
praharṣaḥ prītiḥ ānandam
Freude, Zuneigung, Wonne
svāmyam svasthātmacittatā
Herrschaft über sich, ruhendes Selbst und Geist
akasmāt yadi vā kasmāt
sei es grundlos oder aus einem Grund
vadanti sāttvikān guṇān
nennt man die sattvischen Eigenschaften

abhimāno mṛṣāvādo lobho mohas tathākṣamā / liṅgāni rajasas tāni vartante hetutattvataḥ //

Selbstüberhebung, Lüge, Gier, Verblendung, ebenso Ungeduld — dies sind die Kennzeichen des Rajas, die aus bestimmten Ursachen entstehen.

Wort für Wort
abhimānaḥ mṛṣāvādaḥ
Selbstüberhebung, Lüge
lobhaḥ mohaḥ tathā akṣamā
Gier, Verblendung, ebenso Ungeduld
liṅgāni rajasaḥ tāni
dies sind die Kennzeichen des Rajas
vartante hetutattvataḥ
sie entstehen aus (bestimmten) Ursachen

tathā mohaḥ pramādaś ca tandrī nidrāprabodhitā / kathaṃcid abhivartante vijñeyās tāmasā guṇāḥ //

Ebenso Verblendung, Nachlässigkeit, Mattigkeit, aus dem Schlaf erweckte Benommenheit — wenn diese auf irgendeine Weise auftreten, sind sie als die tamasischen Eigenschaften zu erkennen.

Wort für Wort
tathā mohaḥ pramādaḥ ca
ebenso Verblendung, Nachlässigkeit
tandrī nidrāprabodhitā
Mattigkeit, aus dem Schlaf erweckte Benommenheit
kathaṃcit abhivartante
wenn sie auf irgendeine Weise auftreten
vijñeyāḥ tāmasāḥ guṇāḥ
sind sie als tamasische Eigenschaften zu erkennen

manaḥ prasṛjate bhāvaṃ buddhir adhyavasāyinī / hṛdayaṃ priyam eveha trividhā karmacodanā //

Der Geist erzeugt die Einstellung, die Erkenntniskraft ist die Entscheidende, das Herz ist hier Sitz allein des Angenehmen — dreifach ist der Antrieb zum Handeln.

Wort für Wort
manaḥ prasṛjate bhāvam
der Geist erzeugt die Einstellung
buddhiḥ adhyavasāyinī
die Buddhi ist die Entscheidende
hṛdayam priyam eva iha
das Herz ist hier (Sitz) allein des Angenehmen
trividhā karmacodanā
dreifach ist der Antrieb zum Handeln

[?] Knapp formulierter Vers; sinngemäß wiedergegeben.

indriyebhyaḥ parā hy arthā arthebhyaś ca paraṃ manaḥ / manasas tu parā buddhir buddher ātmā paraḥ smṛtaḥ //

Höher als die Sinne sind die Objekte, höher als die Objekte der Geist; höher als der Geist aber gilt die Erkenntniskraft, höher als die Erkenntniskraft gilt das Selbst.

Wort für Wort
indriyebhyaḥ parāḥ hi arthāḥ
höher als die Sinne die Objekte
arthebhyaḥ ca param manaḥ
höher als die Objekte der Geist
manasaḥ tu parā buddhiḥ
höher als der Geist aber die Buddhi
buddheḥ ātmā paraḥ smṛtaḥ
höher als die Buddhi gilt das Selbst

[Anm.] Wiederholung der in V.23-24 dargelegten Rangfolge (vgl. Kaṭha-Upaniṣad 3.10-11).

buddhir ātmā manuṣyasya buddhir evātmanāyikā / yadā vikurute bhāvaṃ tadā bhavati sā manaḥ //

Die Erkenntniskraft ist das Selbst des Menschen, die Erkenntniskraft allein ist die Führerin des Selbst; wenn sie sich in Einstellung verwandelt, dann wird sie zum Geist.

Wort für Wort
buddhiḥ ātmā manuṣyasya
die Buddhi ist das Selbst des Menschen
buddhiḥ eva ātmanāyikā
die Buddhi allein ist die Führerin des Selbst
yadā vikurute bhāvam
wenn sie sich in Einstellung verwandelt
tadā bhavati sā manaḥ
dann wird sie zum Geist

indriyāṇāṃ pṛthagbhāvād buddhir vikurute hy anu / śṛṇvatī bhavati śrotraṃ spṛśatī sparśa ucyate //

Aufgrund der Verschiedenheit der Sinnesorgane wandelt sich die Erkenntniskraft entsprechend um: hörend wird sie zum Gehör, berührend wird sie 'Berührung' genannt,

Wort für Wort
indriyāṇām pṛthagbhāvāt
aufgrund der Verschiedenheit der Sinne
buddhiḥ vikurute hi anu
wandelt sich die Buddhi entsprechend um
śṛṇvatī bhavati śrotram
hörend wird sie zum Gehör
spṛśatī sparśaḥ ucyate
berührend wird sie 'Berührung' genannt

paśyantī ca bhaved dṛṣṭī rasantī rasanā bhavet / jighrantī bhavati ghrāṇaṃ buddhir vikurute pṛthak //

sehend wird sie zum Sehsinn, schmeckend wird sie zum Geschmackssinn, riechend wird sie zum Geruchssinn — die Erkenntniskraft wandelt sich verschiedenartig um.

Wort für Wort
paśyantī ca bhavet dṛṣṭī
sehend wird sie zum Sehsinn
rasantī rasanā bhavet
schmeckend wird sie zum Geschmackssinn
jighrantī bhavati ghrāṇam
riechend wird sie zum Geruchssinn
buddhiḥ vikurute pṛthak
die Buddhi wandelt sich verschiedenartig um

indriyāṇi tu tāny āhus teṣāṃ vṛttyā vitiṣṭhati / tiṣṭhati puruṣe buddhir buddhibhāvavyavasthitā //

Diese Wandlungen aber nennt man die Sinnesorgane; durch deren Wirken erstreckt sie sich; im Puruṣa aber verweilt die Erkenntniskraft, im Zustand des Buddhi-Seins verharrend.

Wort für Wort
indriyāṇi tu tāni āhuḥ
diese aber nennt man die Sinnesorgane
teṣām vṛttyā vitiṣṭhati
durch deren Wirken erstreckt sie sich
tiṣṭhati puruṣe buddhiḥ
im Puruṣa verweilt die Buddhi
buddhibhāvavyavasthitā
im Zustand des Buddhi-Seins verharrend

kadācil labhate prītiṃ kadācid api śocati / na sukhena ca duḥkhena kadācid iha muhyate //

Manchmal erlangt sie Freude, manchmal auch trauert sie; doch weder durch Glück noch durch Leid gerät sie hier jemals in Verwirrung.

Wort für Wort
kadācit labhate prītim
manchmal erlangt sie Freude
kadācit api śocati
manchmal trauert sie auch
na sukhena ca duḥkhena
weder durch Glück noch durch Leid
kadācit iha muhyate
gerät sie hier jemals in Verwirrung

svayaṃ bhāvātmikā bhāvāṃs trīn etān ativartate / saritāṃ sāgaro bhartā mahāvelām ivormimān //

Selbst aus Einstellung bestehend, übersteigt sie doch diese drei Zustände — wie der Ozean, der Gebieter der Flüsse, mit seiner mächtigen Flutlinie die Wellen (überragt).

Wort für Wort
svayam bhāvātmikā
selbst aus Einstellung bestehend
bhāvān trīn etān ativartate
übersteigt sie diese drei Zustände
saritām sāgaraḥ bhartā
der Ozean, der Gebieter der Flüsse
mahāvelām iva ūrmimān
mit seiner mächtigen Flutlinie, mit den Wellen [?]

[?] Das genaue Bild von 'mahāvelām ivormimān' bleibt syntaktisch unsicher; sinngemäß übertragen.

yadā prārthayate kiṃcit tadā bhavati sā manaḥ / adhiṣṭhāne ca vai buddhyā pṛthag etāni saṃsmaret //

Wenn sie irgendetwas begehrt, dann wird sie zum Geist; in ihrer eigentlichen Grundlage aber soll man sie durch die Erkenntniskraft als von diesen Wandlungen verschieden erkennen.

Wort für Wort
yadā prārthayate kiṃcit
wenn sie irgendetwas begehrt
tadā bhavati sā manaḥ
dann wird sie zum Geist
adhiṣṭhāne ca vai buddhyā
in der Grundlage aber durch die Buddhi
pṛthak etāni saṃsmaret
soll man sie als verschieden erkennen

indriyāṇi ca medhyāni vicetavyāni kṛtsnaśaḥ / sarvāṇy evānupūrveṇa yad yadā ca vidhīyate //

Und die reinen Sinnesorgane sind vollständig zu unterscheiden, alle der Reihe nach, je nachdem, wie es sich jeweils verhält.

Wort für Wort
indriyāṇi ca medhyāni
und die reinen Sinnesorgane
vicetavyāni kṛtsnaśaḥ
sind vollständig zu unterscheiden
sarvāṇi eva anupūrveṇa
alle der Reihe nach
yat yadā ca vidhīyate
je nachdem, wie es sich verhält

[?] Knapp formulierter Vers; sinngemäß wiedergegeben.

avibhāgamanā buddhir bhāvo manasi vartate / pravartamānas tu rajaḥ sattvam apy ativartate //

Die ungeteilte Erkenntniskraft — die Einstellung besteht im Geist; das sich regende Rajas aber übersteigt sogar das Sattva.

Wort für Wort
avibhāgamanāḥ buddhiḥ
die ungeteilte Buddhi
bhāvaḥ manasi vartate
die Einstellung besteht im Geist
pravartamānaḥ tu rajaḥ
das sich regende Rajas aber
sattvam api ativartate
übersteigt sogar das Sattva

[?] Dichter, philosophisch verdichteter Vers; sinngemäß wiedergegeben.

ye vai bhāvena vartante sarveṣv eteṣu te triṣu / anv arthān saṃpravartante rathanemim arā iva //

Diejenigen, die durch die Einstellung in all diesen drei wirken, folgen den Sinnesobjekten, wie die Speichen der Felge des Rades folgen.

Wort für Wort
ye vai bhāvena vartante
die durch die Einstellung wirken
sarveṣu eteṣu te triṣu
in all diesen dreien
anu arthān saṃpravartante
folgen den Sinnesobjekten
rathanemim arāḥ iva
wie die Speichen der Radfelge

pradīpārthaṃ manaḥ kuryād indriyair buddhisattamaiḥ / niścaradbhir yathāyogam udāsīnair yadṛcchayā //

Man soll den Geist zum Zweck der Erhellung einsetzen, mit den Sinnen, den vorzüglichsten der Erkenntniskraft, die, dem Yoga gemäß hervortretend, gleichgültig, nach eigenem Willen wirken.

Wort für Wort
pradīpārtham manaḥ kuryāt
man soll den Geist zum Zweck der Erhellung einsetzen
indriyaiḥ buddhisattamaiḥ
mit den Sinnen, den vorzüglichsten der Buddhi
niścaradbhiḥ yathāyogam
die dem Yoga gemäß hervortreten
udāsīnaiḥ yadṛcchayā
gleichgültig, nach eigenem Willen

[?] Sehr dicht und syntaktisch unsicher formulierter Vers; sinngemäß wiedergegeben.

evaṃsvabhāvam evedam iti buddhvā na muhyati / aśocan saṃprahṛṣyaṃś ca nityaṃ vigatamatsaraḥ //

Wer erkannt hat, dass dies von solcher Eigennatur ist, gerät nicht in Verwirrung; nicht trauernd und sich auch nicht übermäßig freuend, stets frei von Neid,

Wort für Wort
evaṃsvabhāvam eva idam
dass dies von solcher Eigennatur ist
iti buddhvā na muhyati
so erkannt habend gerät er nicht in Verwirrung
aśocan saṃprahṛṣyan ca
nicht trauernd und sich auch nicht übermäßig freuend
nityam vigatamatsaraḥ
stets frei von Neid

na hy ātmā śakyate draṣṭum indriyaiḥ kāmagocaraiḥ / pravartamānair anekair durdharair akṛtātmabhiḥ //

— denn das Selbst kann nicht mit den auf Begierde gerichteten Sinnen erblickt werden, den vielen sich regenden, schwer zu bezähmenden, ungeläuterten.

Wort für Wort
na hi ātmā śakyate draṣṭum
denn das Selbst kann nicht erblickt werden
indriyaiḥ kāmagocaraiḥ
mit den auf Begierde gerichteten Sinnen
pravartamānaiḥ anekaiḥ
den vielen sich regenden
durdharaiḥ akṛtātmabhiḥ
den schwer zu bezähmenden, ungeläuterten

teṣāṃ tu manasā raśmīn yadā samyaṅ niyacchati / tadā prakāśate śyātmā dīpadīptā yathākṛtiḥ //

Wenn man aber deren Zügel mit dem Geist recht bezähmt, dann erstrahlt das Selbst, wie die Gestalt einer entzündeten Lampe.

Wort für Wort
teṣām tu manasā raśmīn
deren Zügel aber mit dem Geist
yadā samyak niyacchati
wenn man recht bezähmt
tadā prakāśate sa ātmā
dann erstrahlt das Selbst [?]
dīpadīptā yathākṛtiḥ
wie die Gestalt einer entzündeten Lampe

[?] Die Lesung 'śyātmā' ist unsicher (möglicherweise für 'sa ātmā'); sinngemäß als 'das Selbst' wiedergegeben.

sarveṣām eva bhūtānāṃ tamasy upagate yathā / prakāśaṃ bhavate sarvaṃ tathaivam upadhāryatām //

Wie, wenn bei allen Wesen die Dunkelheit gewichen ist, für alle das Licht entsteht, so soll man es ebenso verstehen.

Wort für Wort
sarveṣām eva bhūtānām
bei allen Wesen
tamasi upagate yathā
wie wenn die Dunkelheit gewichen ist
prakāśam bhavate sarvam
entsteht für alle das Licht
tathā evam upadhāryatām
so soll man es ebenso verstehen

yathā vāricaraḥ pakṣī na lipyati jale caran / vimuktātmā tathā yogī guṇadoṣair na lipyate //

Wie ein im Wasser sich bewegender Vogel nicht vom Wasser benetzt wird, so wird der befreite Yogin nicht von den Fehlern der Guṇas befleckt.

Wort für Wort
yathā vāricaraḥ pakṣī
wie ein im Wasser sich bewegender Vogel
na lipyati jale caran
im Wasser sich bewegend nicht benetzt wird
vimuktātmā tathā yogī
so der befreite Yogin
guṇadoṣaiḥ na lipyate
wird nicht von den Fehlern der Guṇas befleckt

evam eva kṛtaprajño na doṣair viṣayāṃś caran / asajjamānaḥ sarveṣu na kathaṃcit pralipyate //

Ebenso wird der an Erkenntnis Vollendete, wenn er sich unter den Sinnesobjekten bewegt, an nichts haftend, durch die Fehler in keiner Weise befleckt.

Wort für Wort
evam eva kṛtaprajñaḥ
ebenso der an Erkenntnis Vollendete
na doṣaiḥ viṣayān caran
unter den Sinnesobjekten wandelnd, nicht durch Fehler
asajjamānaḥ sarveṣu
an nichts haftend
na kathaṃcit pralipyate
wird in keiner Weise befleckt

tyaktvā pūrvakṛtaṃ karma ratir yasya sadātmani / sarvabhūtātmabhūtasya guṇasaṅgena sajjataḥ //

Nachdem er die früher verrichtete Handlung aufgegeben hat, dessen Freude stets im Selbst ruht — für den, der zum Selbst aller Wesen geworden ist, besteht keine Bindung mehr durch die Anhaftung an die Guṇas.

Wort für Wort
tyaktvā pūrvakṛtam karma
nachdem er die frühere Handlung aufgegeben hat
ratiḥ yasya sadā ātmani
dessen Freude stets im Selbst (ruht)
sarvabhūtātmabhūtasya
für den, der zum Selbst aller Wesen geworden ist
guṇasaṅgena sajjataḥ
(keine) Bindung mehr durch Anhaftung an die Guṇas [?]

[?] Die Satzkonstruktion ist im Sanskrit knapp; die negative Bedeutung ('keine Bindung mehr') wird sinngemäß ergänzt.

svayam ātmā prasavati guṇeṣv api kadācana / na guṇā vidur ātmānaṃ guṇān veda sa sarvadā //

Das Selbst selbst erzeugt niemals etwas in den Guṇas; die Guṇas kennen nicht das Selbst, es aber kennt stets die Guṇas.

Wort für Wort
svayam ātmā prasavati
das Selbst selbst erzeugt
guṇeṣu api kadācana
niemals in den Guṇas
na guṇāḥ viduḥ ātmānam
die Guṇas kennen nicht das Selbst
guṇān veda sa sarvadā
es kennt stets die Guṇas

paridadhyād guṇānāṃ sa draṣṭā caiva yathātatham / sattvakṣetrajñayor evam antaraṃ lakṣayen naraḥ //

Er soll sich von den Guṇas frei halten und bloß ihr Betrachter sein, der Wahrheit gemäß; so soll der Mensch den Unterschied zwischen Sattva und Kṣetrajña erkennen.

Wort für Wort
paridadhyāt guṇānām
er soll sich von den Guṇas freihalten [?]
sa draṣṭā ca eva yathātatham
und deren bloßer Betrachter sein, wahrheitsgemäß
sattvakṣetrajñayoḥ evam
so zwischen Sattva und Kṣetrajña
antaram lakṣayet naraḥ
soll der Mensch den Unterschied erkennen

[?] 'paridadhyāt' unsicher übersetzt; sinngemäß als 'sich freihalten' wiedergegeben.

sṛjate tu guṇān eka eko na sṛjate guṇān / pṛthagbhūtau prakṛtyaitau saṃprayuktau ca sarvadā //

Der eine erzeugt die Guṇas, der andere erzeugt die Guṇas nicht; diese beiden sind von Natur aus verschieden, doch stets miteinander verbunden.

Wort für Wort
sṛjate tu guṇān ekaḥ
der eine (die Prakṛti) erzeugt die Guṇas
ekaḥ na sṛjate guṇān
der andere (der Puruṣa) erzeugt die Guṇas nicht
pṛthagbhūtau prakṛtyā etau
diese beiden sind von Natur aus verschieden
saṃprayuktau ca sarvadā
und stets miteinander verbunden

[Anm.] 'Der eine' meint die Prakṛti (Natur), 'der andere' den Puruṣa (Selbst) — die klassische Sāṃkhya-Zweiheit.

yathāśmanā hiraṇyasya saṃprayuktau tathaiva tau / maśakodumbarau vāpi saṃprayuktau yathā saha //

Wie Gold mit dem es umgebenden Gestein verbunden ist, ebenso sind diese beiden verbunden; oder wie eine Mücke und eine Feigenfrucht miteinander verbunden sind,

Wort für Wort
yathā aśmanā hiraṇyasya
wie Gold mit Gestein
saṃprayuktau tathā eva tau
verbunden sind, ebenso diese beiden
maśakodumbarau vā api
oder auch Mücke und Feigenfrucht [?]
saṃprayuktau yathā saha
wie sie miteinander verbunden sind

[?] 'maśakodumbarau' (Mücke und Feigenfrucht) ist ein ungewöhnliches Gleichnispaar, dessen genauer Sinn unsicher bleibt.

iṣikā vā yathā muñje pṛthak ca saha caiva ha / tathaiva sahitāv etau anyonyasmin pratiṣṭhitau //

oder wie ein Schilfhalm im Muñja-Gras, zugleich getrennt und doch vereint — ebenso sind diese beiden vereint, aufeinander gegründet.

Wort für Wort
iṣikā vā yathā muñje
oder wie ein Schilfhalm im Muñja-Gras
pṛthak ca saha ca eva ha
zugleich getrennt und vereint
tathā eva sahitau etau
ebenso sind diese beiden vereint
anyonyasmin pratiṣṭhitau
aufeinander gegründet

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