Kapitel 49: indradyumnakṛtapuruṣottamastotravarṇanam
Indradyumnas Lobpreis-Hymne an Puruṣottama
König Indradyumna preist den in ihm verborgenen Puruṣottama in einer langen Hymne (Stotra): Anrufung zahlreicher Namen und Formen Viṣṇus (Saṃkarṣaṇa, Aniruddha, Nārāyaṇa, Narasiṃha, Varāha u.a.), eine philosophische Passage über die letztendliche Nicht-Zweiheit (Advaita) Viṣṇus trotz seiner vielfältigen manifesten Gestalt, eine eindringliche Klage über die endlosen Leiden der Wiedergeburten im Saṃsāra, und ein Bekenntnis zur Notwendigkeit der Bhakti (Hingabe) für die Erlösung. Der Gott wird zufrieden und erfüllt seinen Wunsch. Die Hymne schließt mit einem Phala-śruti-Abschnitt über die Verdienste des Rezitierens (V.60-66) und einem abschließenden Set von fünf kunstvoller metrisierten Versen (V.67-71).
vāsudeva namas te 'stu namas te mokṣakāraṇa / trāhi māṃ sarvalokeśa janmasaṃsārasāgarāt //
O Vāsudeva, Verehrung sei dir, Verehrung dir, o Ursache der Erlösung! Errette mich, o Herr aller Welten, aus dem Ozean der Geburten-Existenz (Saṃsāra).
Wort für Wort
vāsudeva
o Vāsudeva
namaḥ te astu
Verehrung sei dir
namaḥ te
Verehrung dir
mokṣakāraṇa
o Ursache der Erlösung
trāhi
errette
mām
mich
sarvalokeśa
o Herr aller Welten
janmasaṃsārasāgarāt
aus dem Ozean der Geburten-Existenz
[Anm.: Kein expliziter Sprecher-Tag; der Vers setzt unmittelbar Indradyumnas in Kap.48 V.12 begonnenen Lobpreis ("saṃstotum upacakrame") fort - die gesamte folgende Hymne (bis V.59) ist somit vom König gesprochen.]
namas te hemagarbhābha namas te makaradhvaja / ratikānta namas te 'stu trāhi māṃ saṃvarāntaka //
Verehrung dir, o du mit dem Glanz des goldenen Schoßes, Verehrung dir, o du mit dem Makara-Banner! O Geliebter der Rati, Verehrung sei dir! Errette mich, o Beender Saṃvaras.
Wort für Wort
namaḥ te
Verehrung dir
hemagarbhābha
o du mit dem Glanz des goldenen Schoßes
namaḥ te
Verehrung dir
makaradhvaja
o du mit dem Makara-Banner
ratikānta
o Geliebter der Rati
namaḥ te astu
Verehrung sei dir
trāhi mām
errette mich
saṃvarāntaka
o Beender Saṃvaras (Śambaras)
[Anm.: "makaradhvaja" (Makara-Banner) und "ratikānta" (Geliebter der Rati) sind eigentlich Beinamen Kāmas/Pradyumnas; "saṃvarāntaka" spielt auf den von Pradyumna getöteten Dämon Śambara an - hier offenbar auf eine Vyūha-Form Viṣṇus bezogen.]
namas te 'ñjanasaṃkāśa namas te bhaktavatsala / aniruddha namas te 'stu trāhi māṃ varado bhava //
Verehrung dir, o du gleich dunklem Augensalben-Glanz, Verehrung dir, o Liebevoller zu den Hingebungsvollen! O Aniruddha, Verehrung sei dir! Errette mich, sei der Gewährer von Gaben.
namas te vibudhāvāsa namas te vibudhapriya / nārāyaṇa namas te 'stu trāhi māṃ śaraṇāgatam //
Verehrung dir, o Wohnstatt der Weisen, Verehrung dir, o Liebling der Weisen! O Nārāyaṇa, Verehrung sei dir! Errette mich, den zu dir Zuflucht Genommenen.
namas te balināṃ śreṣṭha namas te lāṅgalāyudha / caturmukha jagaddhāma trāhi māṃ prapitāmaha //
Verehrung dir, o Bester der Starken, Verehrung dir, o du mit dem Pflug als Waffe! O Vierköpfiger, Stätte der Welt, errette mich, o Urgroßvater.
Wort für Wort
namaḥ te
Verehrung dir
balinām śreṣṭha
o Bester der Starken
namaḥ te
Verehrung dir
lāṅgalāyudha
o du mit dem Pflug als Waffe
caturmukha
o Vierköpfiger
jagaddhāma
o Stätte der Welt
trāhi mām
errette mich
prapitāmaha
o Urgroßvater
[Anm.: "lāṅgalāyudha" ist ein Beiname Balarāmas/Saṃkarṣaṇas; "caturmukha"/"prapitāmaha" (der Vierköpfige/Urgroßvater) sind eigentlich Beinamen Brahmās - hier innerhalb der an Viṣṇu gerichteten Litanei offenbar mitangerufen als eine seiner Emanationen.]
namas te nīlameghābha namas te tridaśārcita / trāhi viṣṇo jagannātha magnaṃ māṃ bhavasāgare //
Verehrung dir, o du gleich einer dunklen Wolke, Verehrung dir, o von den Dreißig (Göttern) Verehrter! Errette, o Viṣṇu, Herr der Welt, mich, der im Ozean des Werdens Versunkenen.
O du gleich dem Feuer der Weltzerstörung, Verehrung dir, o Beender der Diti-Söhne! O Narasiṃha von großer Kraft, errette mich, o du mit flammenden Augen.
Dies sind deine gabengewährenden Gestalten, o Kṛṣṇa, von mir gepriesen; dies sind die deinigen, angeführt von Baladeva, die in gesonderter Form bestehen,
deine Glieder, o Herr der Götter, ebenso die von Garuḍa angeführten, o Herr, die Weltenhüter samt ihren Waffen, und ebenso die von Keśava angeführten Formen, o Unfehlbarer,
ye cānye tava deveśa bhedāḥ proktā manīṣibhiḥ / te 'pi sarve jagannātha prasannāyatalocana //
und welche anderen Unterscheidungen (Formen) von dir, o Herr der Götter, von den Weisen genannt werden, auch diese alle, o Herr der Welt, o du mit heiteren, weiten Augen,
bhedās te kīrtitā ye tu hare saṃkarṣaṇādayaḥ / tava pūjārthasaṃbhūtās tatas tvayi samāśritāḥ //
Die Unterscheidungen von dir, die genannt wurden, o Hari - Saṃkarṣaṇa und die anderen - sie sind zum Zweck deiner Verehrung entstanden und daher in dir gegründet.
na bhedas tava deveśa vidyate paramārthataḥ / vividhaṃ tava yad rūpam uktaṃ tad upacārataḥ //
Es gibt keine Unterscheidung in dir, o Herr der Götter, im höchsten Sinne; dass deine Gestalt vielfältig genannt wird, das geschieht nur übertragen (bildlich).
advaitaṃ tvāṃ kathaṃ dvaitaṃ vaktuṃ śaknoti mānavaḥ / ekas tvaṃ hi hare vyāpī citsvabhāvo nirañjanaḥ //
Wie kann ein Mensch dich, den Nicht-Zweiten, als zweifach bezeichnen? Denn du bist der Eine, o Hari, alldurchdringend, von der Wesensnatur des Bewusstseins, makellos.
Deine höchste Gestalt, die frei ist von Sein und Nicht-Sein, unbefleckt, eigenschaftslos, die vortrefflichste, unveränderlich, unbeweglich, feststehend,
śrīvatsoraskasaṃyuktaṃ vanamālāvibhūṣitam / tad arcayanti vibudhā ye cānye tava saṃśrayāḥ //
versehen mit dem Śrīvatsa-Zeichen auf der Brust, mit der Waldblumengirlande geschmückt - diese verehren die Weisen (Götter) und die anderen, die bei dir Zuflucht suchen.
O Gott der Götter, Bester der Götter, Gewährer der Furchtlosigkeit für die Hingebungsvollen, errette mich, o du mit Augen wie Lotosblätter, den im Ozean der Sinnesobjekte Versunkenen.
Wort für Wort
devadeva
o Gott der Götter
suraśreṣṭha
o Bester der Götter
bhaktānām abhayaprada
o Gewährer der Furchtlosigkeit für die Hingebungsvollen
Verbunden mit Hunderten von Altersgebrechen und Krankheiten, gequält von mancherlei Leiden, von Freude und Kummer begleitet, verblendet, fest gebunden durch die Fesseln der Taten,
bin ich gefallen in den höchst schrecklichen, furchtbaren Ozean des Saṃsāra, dessen Wasser widrig ist und der schwer zu überqueren ist, voll von den Fischen der Leidenschaft und des Hasses,
Wort für Wort
patitaḥ aham
gefallen bin ich
mahāraudre
in den höchst schrecklichen
ghore
furchtbaren
saṃsārasāgare
Ozean des Saṃsāra
viṣamodakaduṣpāre
dessen Wasser widrig und der schwer zu überqueren ist
rāgadveṣajhaṣākule
voll von den Fischen der Leidenschaft und des Hasses
in diesem Ozean irre ich, durch die Māyā verblendet, seit sehr langer Zeit umher, o Herr, immer wieder geboren in Tausenden von verschiedenen Geburtsarten,
Unzufriedenheit und Zufriedenheit, Anhäufung, Verminderung und Ausgaben, Verlust, Zunahme und deren Gegenteil - all das wurde von mir erlangt, o Herr der Welt,
von mir wurde ebenso im Schoß von Frauen gewohnt, in dem von Kot und Urin schlüpfrigen Ort, großes Leid wurde ebenso im Mutterleib-Aufenthalt erfahren, o Herr,
kṛmikīṭadrumāṇāṃ ca hastyaśvamṛgapakṣiṇām / mahiṣoṣṭragavāṃ caiva tathānyeṣāṃ vanaukasām //
unter Würmern, Insekten und Bäumen, unter Elefanten, Pferden, Wildtieren und Vögeln, unter Büffeln, Kamelen und Rindern, und ebenso unter anderen Waldbewohnern,
ich bin vielfach in die Dienerschaft von Dienern der Menschen geraten, o Herr, und ebenso bin ich in Armut, in Herrschaft und in Herrenstellung geraten,
getötet wurde von mir, und andere wurden getötet, veranlasst zu töten, und ebenso wurde ich veranlasst zu töten; mir wurde von anderen gegeben, und anderen wurde von mir vielfach gegeben,
uktaṃ dainyaṃ ca vividhaṃ tyaktvā lajjāṃ janārdana / devatiryaṅmanuṣyeṣu sthāvareṣu careṣu ca //
wurde mancherlei Elend geäußert, nachdem die Scham abgelegt war, o Janārdana, unter Göttern, Tieren und Menschen, unter unbeweglichen und beweglichen Wesen,
bald nach unten, bald nach oben, ebenso in der Mitte umherirrend, gehe ich, entsprechend meiner Verbindung mit den Taten; so in diesem furchtbaren, haarsträubenden Rad des Saṃsāra
Errette mich, den Leidenden, o Kṛṣṇa, den im Ozean des Saṃsāra Versunkenen; erweise Mitleid, o Herr der Welt, wenn du mich als hingebungsvoll ansiehst.
yeṣāṃ na jāyate bhaktir jagaddhātari keśave / prakṛtiṃ tv āsurīṃ prāpya ye tvāṃ nindanti mohitāḥ //
denen keine Hingabe zu Keśava, dem Träger der Welt, entsteht? Diejenigen, die, nachdem sie die dämonische Natur erlangt haben, dich verblendet schmähen,
tatra tatra hare bhaktis tvayi cāstu dṛḍhā sadā / ārādhya tvāṃ surā daityā narāś cānye 'pi saṃyatāḥ //
dort und dort möge stets feste Hingabe zu dir, o Hari, sein. Nachdem sie dich verehrt haben, haben Götter, Daityas und andere Menschen, die sich beherrschten,
wie könnte ich mit menschlichem Verstand dich preisen, der du jenseits der Materie bist? Und so bist du von mir aus Unwissenheit gepriesen worden, o Herr;
tasmāt prasīda deveśa bhaktasnehaṃ samāśritaḥ / stuto 'si yan mayā deva bhaktibhāvena cetasā / sāṅgaṃ bhavatu tat sarvaṃ vāsudeva namo 'stu te //
Deshalb sei gnädig, o Herr der Götter, der du Zuneigung zu den Hingebungsvollen hegst; was ich dich, o Gott, mit hingebungsvollem Sinn gepriesen habe - all das möge vollständig sein. Verehrung sei dir, o Vāsudeva.
Wort für Wort
tasmāt
deshalb
prasīda
sei gnädig
deveśa
o Herr der Götter
bhaktasneham
Zuneigung zu den Hingebungsvollen
samāśritaḥ
hegend
stutaḥ asi
du bist gepriesen worden
yat
was
mayā
von mir
deva
o Gott
bhaktibhāvena cetasā
mit hingebungsvollem Sinn
sāṅgam
vollständig/mit allen Teilen
bhavatu
es möge sein
tat sarvam
all das
vāsudeva
o Vāsudeva
namaḥ astu te
Verehrung sei dir
[Anm.: dreizeiliger Vers, Abschluss von Indradyumnas Hymne.]
Segensreich und sündentilgend ist dies, Genuss und Erlösung gewährend, heilbringend, geheim, sehr schwer zu erlangen, verdienstvoll - es soll nicht irgendjemandem gegeben werden,
na nāstikāya mūrkhāya na kṛtaghnāya mānine / na duṣṭamataye dadyān nābhaktāya kadācana //
nicht dem Ungläubigen, nicht dem Toren, nicht dem Undankbaren, dem Stolzen, nicht dem von böser Gesinnung, man sollte es niemals dem ohne Hingabe geben,
dātavyaṃ bhaktiyuktāya guṇaśīlānvitāya ca / viṣṇubhaktāya śāntāya śraddhānuṣṭhānaśāline //
gegeben werden soll es dem mit Hingabe Versehenen, und dem mit Tugend und Charakter Ausgestatteten, dem Viṣṇu-Hingebungsvollen, dem Friedvollen, dem in Glauben und Praxis Ausgezeichneten.
Dies ist die Ursache der Vernichtung allen Übels, genannt Mitleid(-Hymne), Glück und Erlösung gewährend, alle Wünsche erfüllend, die vortrefflichste Hymne des Puruṣottama, von mir verkündet.
Wort für Wort
idam
dies
samastāghavināśahetuḥ
die Ursache der Vernichtung allen Übels
kāruṇyasaṃjñam
genannt Mitleid
sukhamokṣadam
Glück und Erlösung gewährend
ca
und
aśeṣavāñchāphaladam
alle Wünsche erfüllend
variṣṭham
die vortrefflichste
stotram
Hymne
mayā uktam
von mir verkündet
puruṣottamasya
des Puruṣottama
[Anm.: Ab hier (V.67-71) wechselt das Metrum zu einer kunstvolleren Versform mit vier Pādas; im Original mit Buchstaben a-d durchgezählt, hier jeweils als eine Verseinheit zusammengefasst.]
Die, welche jenen sehr feinen, den Feind Muras, den uralten Puruṣa, stets meditieren, rein, diese, der Erlösung teilhaftig, gehen ein in Viṣṇu, wie mit Mantras dargebrachtes Ghee in das Opferfeuer eingeht.
ekaḥ sa devo bhavaduḥkhahantā / paraḥ pareṣāṃ na tato 'sti cānyat / draṣṭā sa pātā sa tu nāśakartā / viṣṇuḥ samastākhilasārabhūtaḥ //
Er ist der eine Gott, der Vernichter des Leids des Werdens, der Höchste der Höchsten; über ihn hinaus gibt es nichts anderes. Er ist der Seher, er der Erhalter, er auch der Vernichter - Viṣṇu, das Wesen aller Essenz von allem.
kiṃ vidyayā kiṃ svaguṇaiś ca teṣāṃ / yajñaiś ca dānaiś ca tapobhir ugraiḥ / yeṣāṃ na bhaktir bhavatīha kṛṣṇe / jagadgurau mokṣasukhaprade ca //
Was nützt jenen das Wissen, was ihre eigenen Tugenden, die Opfer, die Gaben, die strengen Askesen, denen keine Hingabe zu Kṛṣṇa entsteht, dem Lehrer der Welt, der Glück und Erlösung gewährt?
loke sa dhanyaḥ sa śuciḥ sa vidvān / makhais tapobhiḥ sa guṇair variṣṭhaḥ / jñātā sa dātā sa tu satyavaktā / yasyāsti bhaktiḥ puruṣottamākhye //
In der Welt ist der glückselig, der rein, der gelehrt, durch Opfer, Askesen und Tugenden der Vortrefflichste, der Wissende, der Gebende, der wahrhaft Sprechende, in wem Hingabe zu dem, der Puruṣottama genannt wird, besteht.