Kapitel 69: puruṣottamakṣetraśreṣṭhatvavarṇanam
Die Überlegenheit des Puruṣottama-Kṣetra über alle anderen Pilgerstätten der Erde
Auf die staunende Frage der Munis, warum Brahmā das Puruṣottama-Kṣetra so viel mehr preise als Prayāga, Puṣkara und alle anderen Tīrthas der Erde, bestätigt Brahmā, dass kein irdisches heiliges Gebiet ihm gleichkommt und alle anderen nicht einmal ein Sechzehntel seines Wertes erreichen. Es folgt eine lange Kette klassischer Vortrefflichkeits-Analogien (V12-43): so wie Viṣṇu unter den Göttern, der Mond unter den Sternen, der Himālaya unter den Bergen, die Gaṅgā unter den Flüssen, Nārada unter den Weisen oder die Silbe Oṃ unter den Mantras jeweils das Beste ihrer Art sind, so ist Puruṣottama das Trefflichste unter allen Pilgerstätten der Erde.
Die Munis sprachen: Voller Wunder wurde von dir die Welt Viṣṇus dargelegt, o Herr der Welt, die ewige Freude bereitende, glanzvolle, Genuss und Erlösung als Frucht gewährende.
Und das in der Welt schwer erlangbare heilige Gebiet Puruṣottama wurde gepriesen, wo der Mensch, nachdem er den Leib verlassen hat, zur Gleichheit des Aufenthaltsortes (Sālokya) mit Hari gelangt.
Wort für Wort
kṣetraṃ ca durlabhaṃ loke
und das in der Welt schwer erlangbare heilige Gebiet
kīrtitaṃ puruṣottamam
gepriesene, Puruṣottama
tyaktvā yatra naraḥ deham
wo der Mensch, nachdem er den Leib verlassen hat
yāti sālokyatāṃ hareḥ
zur Gleichheit des Aufenthaltsortes mit Hari gelangt
Vollständig wurde von dir die Größe des heiligen Gebietes vollständig dargelegt, wo der Mensch durch das Verlassen seines eigenen Leibes zur Welt Viṣṇus gelangt.
Ach, dieser Weg der Erlösung, das Verlassen des Leibes, wurde von dir dargelegt, zum Nutzen der Menschen, an dem mit 'Puruṣa' benannten [Ort] – kein Zweifel.
Ohne Mühe, o Herr der Götter, nachdem sie den Leib verlassen haben, gehen die besten Menschen an jenem heiligen Gebiet zum höchsten, leidlosen Zustand Viṣṇus.
Wort für Wort
anāyāsena deveśa
ohne Mühe, o Herr der Götter
dehaṃ tyaktvā narottamāḥ
nachdem sie den Leib verlassen haben, die besten Menschen
śrutvā kṣetrasya māhātmyaṃ vismayo no mahān abhūt /
prayāgapuṣkarādīni kṣetrāṇy āyatanāni ca // BrP_69.6 //
Nachdem wir die Größe des heiligen Gebietes gehört haben, ist große Verwunderung in uns entstanden: die heiligen Gebiete und Heiligtümer, angefangen mit Prayāga und Puṣkara,
Wort für Wort
śrutvā kṣetrasya māhātmyaṃ
nachdem wir die Größe des heiligen Gebietes gehört haben
weshalb du das Erlösung gewährende heilige Gebiet Puruṣottama preist: gewiss gibt es kein dem mit 'Puruṣa' benannten heiligen Gebiet gleiches auf der Erde – deshalb, o bester der Weisen, preist du es immer wieder.
Wort für Wort
yena praśaṃsasi kṣetraṃ
weshalb du das heilige Gebiet preist
muktidaṃ puruṣottamam
das Erlösung gewährende, Puruṣottama
puruṣākhyasamaṃ nūnaṃ
gewiss ein dem mit 'Puruṣa' benannten gleiches
kṣetraṃ na asti mahītale
heiliges Gebiet gibt es nicht auf der Erde
tena tvaṃ vibudhaśreṣṭha
deshalb du, o bester der Weisen
praśaṃsasi punaḥ punaḥ
preist du es immer wieder
[Anm.: Dieser Vers erstreckt sich unregelmäßig über drei Zeilen (6 Pādas) statt der üblichen zwei.]
Brahmā sprach: Wahr, wahr ist es, o beste der Munis, was von euch gesagt wurde: ein dem mit 'Puruṣa' benannten heiligen Gebiet gleiches gibt es hier auf der Erdoberfläche nicht.
Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
satyaṃ satyaṃ muniśreṣṭhāḥ
wahr, wahr, o beste der Munis
bhavadbhiḥ samudāhṛtam
was von euch gesagt wurde
puruṣākhyasamaṃ kṣetraṃ
ein dem mit 'Puruṣa' benannten heiligen Gebiet gleiches
santi yāni tu tīrthāni puṇyāny āyatanāni ca /
tāni śrīpuruṣākhyasya kalāṃ nārhanti ṣoḍaśīm // BrP_69.11 //
Welche heiligen Pilgerstätten und Heiligtümer es auch gibt – diese erreichen nicht den sechzehnten Teil des glückverheißenden, mit 'Puruṣa' benannten [Gebietes].
Wort für Wort
santi yāni tu tīrthāni
welche Pilgerstätten es auch gibt
puṇyāni āyatanāni ca
heilige, und Heiligtümer
tāni śrīpuruṣākhyasya
diese des glückverheißenden, mit 'Puruṣa' benannten
Wie Uccaiḥśravas unter den Pferden, wie der Seher Uśanas [Śukra] unter den Dichter-Sehern, so ist unter allen Pilgerstätten Puruṣottama das Trefflichste.
Wort für Wort
uccaiḥśravāḥ yathā aśvānāṃ
wie Uccaiḥśravas unter den Pferden
kavīnām uśanā kaviḥ
wie der Seher Uśanas (Śukra) unter den Dichter-Sehern
Der Aśvattha[-Baum] unter allen Bäumen, wie der Wind unter den sich [durch die Luft] Fortbewegenden, so ist unter allen Pilgerstätten Puruṣottama das Trefflichste.
Wort für Wort
aśvatthaḥ sarvavṛkṣāṇāṃ
der Aśvattha(-Baum) unter allen Bäumen
pavanaḥ plavatāṃ yathā
wie der Wind unter den sich Fortbewegenden
tathā samastatīrthānāṃ
so ist unter allen Pilgerstätten
variṣṭhaṃ puruṣottamam
Puruṣottama das Trefflichste
[Anm.: 'plavatām' ('der sich Fortbewegenden/Schwimmenden/Fliegenden') ist mehrdeutig; hier wohl im Sinne von fliegenden bzw. sich rasch bewegenden Wesen oder Dingen verstanden, unter denen der Wind der schnellste ist.]
Wie unter allen Gliedern das oberste Glied [das Haupt] das beste ist, o Beste der Zweifachgeborenen, so ist unter allen Pilgerstätten Puruṣottama das Trefflichste.
Wort für Wort
sarvāṅgebhyaḥ yathā śreṣṭham
wie unter allen Gliedern das beste
uttamāṅgaṃ dvijottamāḥ
das oberste Glied (das Haupt), o Beste der Zweifachgeborenen
Wie Arundhatī unter den Frauen zur Vortrefflichkeit unter den Tugendhaften (Satī) gelangt ist, so ist jenes Puruṣottama unter allen Pilgerstätten das Trefflichste.
Wort für Wort
arundhatī yathā strīṇāṃ
wie Arundhatī unter den Frauen
satīnāṃ śreṣṭhatāṃ gatā
zur Vortrefflichkeit unter den Tugendhaften (Satī) gelangt ist
Wie unter allen Wissenschaften die Erlösungswissenschaft (Mokṣavidyā) als die höchste überliefert ist, so ist jenes Puruṣottama unter allen Pilgerstätten das Trefflichste.
Wort für Wort
yathā samastavidyānāṃ
wie unter allen Wissenschaften
mokṣavidyā parā smṛtā
die Erlösungswissenschaft als die höchste überliefert ist
Wie unter den Meeren der Milchozean (Kṣīroda) der beste ist, [wie] der Herr der Flüsse [das Meer, unter den Flüssen der Beste ist], so ist unter allen Pilgerstätten Puruṣottama das Trefflichste.
Wort für Wort
samudrāṇāṃ yathā śreṣṭhaḥ
wie unter den Meeren der beste
kṣīrodaḥ saritāṃ patiḥ
der Milchozean (Kṣīroda), der Herr der Flüsse
tathā samastatīrthānāṃ
so ist unter allen Pilgerstätten
variṣṭhaṃ puruṣottamam
Puruṣottama das Trefflichste
[Anm.: Der Vers scheint zwei parallele Analogien zu verbinden – den Milchozean als besten der Ozeane und das Meer ('Herr der Flüsse') als das, wohin alle Flüsse münden – vgl. die ähnliche Argumentation zugunsten des Meeres in Kap.62.]
Wie Varuṇa unter den Wasserwesen, wie Yama unter den Bezähmenden [den Herrschern der Zucht], so ist unter allen Pilgerstätten Puruṣottama das Trefflichste.
Wie Gold unter den Metallen, und die Priestergabe (Dakṣiṇā) unter den reinigenden Dingen, so ist unter allen Pilgerstätten Puruṣottama das Trefflichste.
Wort für Wort
dhātūnāṃ kāñcanaṃ yadvat
wie Gold unter den Metallen
pavitrāṇāṃ ca dakṣiṇā
und die Priestergabe (Dakṣiṇā) unter den reinigenden Dingen
Wie die Sonne (Bhāskara) unter den Planeten, wie die Silbe Oṃ (Praṇava) unter den Mantras, so ist unter allen Pilgerstätten Puruṣottama das Trefflichste.
aśvamedhas tu yajñānāṃ yathā śreṣṭhaḥ prakīrtitaḥ /
tathā samastatīrthānāṃ kṣetraṃ ca tad dvijottamāḥ // BrP_69.41 //
Wie das Aśvamedha-Opfer unter den Opfern als das beste verkündet ist, so ist unter allen Pilgerstätten jenes heilige Gebiet [das beste], o Beste der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
aśvamedhaḥ tu yajñānāṃ
das Aśvamedha-Opfer aber unter den Opfern
yathā śreṣṭhaḥ prakīrtitaḥ
wie es als das beste verkündet ist
tathā samastatīrthānāṃ
so unter allen Pilgerstätten
kṣetraṃ ca tat dvijottamāḥ
ist jenes heilige Gebiet, o Beste der Zweifachgeborenen
Wie das Getreide (Dhānya) unter den Heilkräutern, wie der König der Gräser unter den Gräsern, so ist unter allen Pilgerstätten Puruṣottama das Höchste.
Wie unter allen [metaphorischen] Furt-Stätten (Tīrtha) der über den Weltenkreislauf hinüberführende Dharma [der beste ist], so ist jenes Puruṣottama unter allen [wörtlichen] Pilgerstätten das Trefflichste.
Wort für Wort
yathā samastatīrthānāṃ
wie unter allen (metaphorischen) Furt-Stätten
dharmaḥ saṃsāratārakaḥ
der über den Weltenkreislauf hinüberführende Dharma (der beste ist)
tathā samastatīrthānāṃ
so ist unter allen Pilgerstätten
śreṣṭhaṃ tat puruṣottamam
jenes Puruṣottama das Trefflichste
[Anm.: Der Vers spielt mit der Doppelbedeutung von 'tīrtha' als konkreter Pilgerstätte und als metaphorischer 'Furt' (Übergangsmittel) – der Dharma, der über den Weltenkreislauf hinüberführt, gilt selbst als das beste 'Tīrtha' im übertragenen Sinn, wird aber am Ende noch von Puruṣottama unter den wörtlichen Tīrthas übertroffen.]