Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 99: ṛṇamocanatīrthamāhātmyavarṇanam Die Größe des Ṛṇamocana-Tīrtha (Schuldenbefreiung)

Brahmā erzählt, wie das Ṛṇamocana-('Schuldenbefreiungs-')Tīrtha entstand: Der ältere Sohn des Kakṣīvant, Pṛthuśravas, bleibt aus Weltentsagung unverheiratet und ohne Feueropfer; der jüngere Bruder wagt es aus Furcht vor der Verfehlung 'Parivitti' (dem Überholen des unverheirateten älteren Bruders) ebenfalls nicht zu heiraten. Die Ahnen mahnen beide zur Tilgung der drei traditionellen Schulden (gegenüber Göttern, Weisen und Ahnen), verweisen sie dann aber an die Gautamī, deren Bad ohne jede Einschränkung nach Ort, Zeit oder Kaste wirkt. Nach dem Bad wird der ältere Bruder von aller Schuld gegenüber den drei Welten frei. Ursprung des Namens Ṛṇamocana-Tīrtha, das von śruti- und smṛti-begründeten wie auch anderen Schulden befreit.

ṛṇapramocanaṃ nāma tīrthaṃ vedavido viduḥ / tasya svarūpaṃ vakṣyāmi śṛṇu nārada tanmanāḥ //

Das 'Ṛṇapramocana' (Schuldenbefreiung) genannte Tīrtha kennen die Kenner der Veden. Seine Wesensart will ich verkünden; höre aufmerksam, Nārada.

Wort für Wort
ṛṇapramocanaṃ nāma tīrtham
das 'Ṛṇapramocana' ('Schuldenbefreiung') genannte Tīrtha
vedavido viduḥ
kennen die Kenner der Veden
tasya svarūpaṃ vakṣyāmi
seine Wesensart will ich verkünden
śṛṇu nārada tanmanāḥ
höre aufmerksam, Nārada

āsīt pṛthuśravā nāma priyaḥ kakṣīvataḥ sutaḥ / na dārasaṃgrahaṃ lebhe vairāgyān nāgnipūjanam //

Es gab einen Sohn namens Pṛthuśravas, den lieben Sohn des Kakṣīvant; er nahm sich aus Weltentsagung weder eine Gattin, noch pflegte er die Feuerverehrung.

Wort für Wort
āsīt pṛthuśravā nāma
es gab einen namens Pṛthuśravas
priyaḥ kakṣīvataḥ sutaḥ
den lieben Sohn des Kakṣīvant
na dārasaṃgrahaṃ lebhe
er nahm sich keine Gattin
vairāgyān nāgnipūjanam
aus Weltentsagung, auch keine Feuerverehrung

kanīyāṃs tu samartho 'pi parivittibhayān mune / nākarod dārakarmādi naivāgnīnām upāsanam //

Der jüngere Bruder aber tat, obwohl fähig, aus Furcht vor 'Parivitti', o Weiser, weder die Eheschließung noch anderes, noch die Verehrung der Feuer.

Wort für Wort
kanīyāṃs tu samartho 'pi
der jüngere (Bruder) aber, obwohl fähig
parivittibhayān mune
aus Furcht vor 'Parivitti', o Weiser
nākarod dārakarmādi
tat weder die Eheschließung noch anderes
naivāgnīnām upāsanam
noch die Verehrung der Feuer

[Anm.: 'Parivitti' bezeichnet die traditionelle Verfehlung eines jüngeren Bruders, der vor dem älteren heiratet oder das Feuerritual vollzieht, während dieser noch unverheiratet ist.]

tataḥ procuḥ pitṛgaṇāḥ putraṃ kakṣīvataḥ śubham / jyeṣṭhaṃ caiva kaniṣṭhaṃ ca pṛthak pṛthag idaṃ vacaḥ //

Da sprachen die Ahnen-Scharen zu den heilvollen Söhnen des Kakṣīvant, zum älteren und zum jüngeren, jedem einzeln, dieses Wort:

Wort für Wort
tataḥ procuḥ pitṛgaṇāḥ
da sprachen die Ahnen-Scharen
putraṃ kakṣīvataḥ śubham
zu den heilvollen Söhnen des Kakṣīvant
jyeṣṭhaṃ caiva kaniṣṭhaṃ ca
zum älteren und zum jüngeren
pṛthak pṛthag idaṃ vacaḥ
jedem einzeln dieses Wort

{pitara ūcuḥ: } ṛṇatrayāpanodāya kriyatāṃ dārasaṃgrahaḥ //*

Die Ahnen sprachen: 'Zur Tilgung der drei Schulden möge die Eheschließung vollzogen werden.'

Wort für Wort
pitara ūcuḥ
die Ahnen sprachen
ṛṇatrayāpanodāya
zur Tilgung der drei Schulden
kriyatāṃ dārasaṃgrahaḥ
möge die Eheschließung vollzogen werden

[Anm.: Im Quelltext als unvollständiger Halbvers mit '//*' markiert.]

{brahmovāca: } nety uvāca tato jyeṣṭhaḥ kim ṛṇaṃ kena yujyate / kanīyāṃs tu pitṝn prāha na yogyo dārasaṃgrahaḥ //

Brahmā sprach: Da sagte der Ältere: 'Nein – welche Schuld besteht wodurch?' Der Jüngere aber sprach zu den Ahnen: 'Die Eheschließung ist nicht angemessen,'

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
nety uvāca tato jyeṣṭhaḥ
da sagte der Ältere: 'nein'
kim ṛṇaṃ kena yujyate
'welche Schuld besteht wodurch?'
kanīyāṃs tu pitṝn prāha
der Jüngere aber sprach zu den Ahnen
na yogyo dārasaṃgrahaḥ
'die Eheschließung ist nicht angemessen'

jyeṣṭhe sati mahāprājñaḥ parivittibhayād iti / tāv ubhau punar apy evam ūcus te vai pitāmahāḥ //

'solange der Ältere unverheiratet ist' – so sprach der Hochweise aus Furcht vor Parivitti. Da sprachen jene Großväter (Ahnen) wiederum zu ihnen beiden so:

Wort für Wort
jyeṣṭhe sati mahāprājñaḥ
solange der Ältere (unverheiratet) ist, (sprach) der Hochweise
parivittibhayād iti
aus Furcht vor Parivitti, so
tāv ubhau punar apy evam
zu ihnen beiden wiederum so
ūcus te vai pitāmahāḥ
sprachen jene Großväter (Ahnen)

{pitara ūcuḥ: } yātām ubhau gautamīṃ tu puṇyāṃ kakṣīvataḥ sutau / kurutāṃ gautamīsnānaṃ sarvābhīṣṭapradāyakam //

Die Ahnen sprachen: 'Mögen die beiden Söhne des Kakṣīvant zur heiligen Gautamī gehen; mögen sie das alle Wünsche gewährende Gautamī-Bad vollziehen,'

Wort für Wort
pitara ūcuḥ
die Ahnen sprachen
yātām ubhau gautamīṃ tu puṇyām
mögen die beiden zur heiligen Gautamī gehen
kakṣīvataḥ sutau
die Söhne des Kakṣīvant
kurutāṃ gautamīsnānam
mögen sie das Gautamī-Bad vollziehen
sarvābhīṣṭapradāyakam
das alle Wünsche gewährende

gacchatāṃ gautamīṃ gaṅgāṃ lokatritayapāvanīm / snānaṃ ca tarpaṇaṃ tasyāṃ kurutāṃ śraddhayānvitau //

'mögen sie zur Gautamī-Gaṅgā gehen, die die drei Welten reinigt; das Bad und die Wasserspende mögen sie darin mit Hingabe vollziehen.'

Wort für Wort
gacchatāṃ gautamīṃ gaṅgām
mögen sie zur Gautamī-Gaṅgā gehen
lokatritayapāvanīm
die die drei Welten reinigt
snānaṃ ca tarpaṇaṃ tasyām
das Bad und die Wasserspende darin
kurutāṃ śraddhayānvitau
mögen sie mit Hingabe vollziehen

dṛṣṭāvanāmitā dhyātā gautamī sarvakāmadā / na deśakālajātyādi-niyamo 'trāvagāhane / jyeṣṭho 'nṛṇas tato bhūyāt parivittir na cetaraḥ //

'Erblickt, verehrt, bedacht, ist die Gautamī allen-Wünsche-gewährend; es gibt hierbei keine Beschränkung nach Ort, Zeit, Kaste usw. für das Untertauchen. Der Ältere möge dadurch schuldenfrei werden, und der andere möge nicht mehr als 'Parivitti' gelten.'

Wort für Wort
dṛṣṭāvanāmitā dhyātā
erblickt, verehrt, bedacht
gautamī sarvakāmadā
ist die Gautamī allen-Wünsche-gewährend
na deśakālajātyādi-niyamo 'trāvagāhane
es gibt hierbei keine Beschränkung nach Ort, Zeit, Kaste usw. für das Untertauchen
jyeṣṭho 'nṛṇas tato bhūyāt
der Ältere möge dadurch schuldenfrei werden
parivittir na cetaraḥ
und der andere möge nicht (mehr als) 'Parivitti' gelten

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext.]

{brahmovāca: } tataḥ pṛthuśravā jyeṣṭhaḥ kṛtvā snānaṃ satarpaṇam / trayāṇām api lokānāṃ kākṣīvato 'nṛṇo 'bhavat //

Brahmā sprach: Daraufhin wurde Pṛthuśravas, der ältere Sohn des Kakṣīvant, nachdem er das Bad mit Wasserspende vollzogen hatte, schuldenfrei gegenüber allen drei Welten.

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tataḥ pṛthuśravā jyeṣṭhaḥ
daraufhin (wurde) Pṛthuśravas, der Ältere
kṛtvā snānaṃ satarpaṇam
nachdem er das Bad mit Wasserspende vollzogen hatte
trayāṇām api lokānām
gegenüber allen drei Welten
kākṣīvato 'nṛṇo 'bhavat
wurde der Sohn des Kakṣīvant schuldenfrei

tataḥ prabhṛti tat tīrtham ṛṇamocanam ucyate / śrautasmārta-ṛṇebhyaś ca itarebhyaś ca nārada / tatra snānena dānena ṛṇī muktaḥ sukhī bhavet //

Seitdem wird jenes Tīrtha 'Ṛṇamocana' genannt, sowohl von den śruti- und smṛti-begründeten Schulden als auch von anderen, o Nārada; dort wird der Verschuldete durch Bad und Gabe befreit und glücklich.

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti tat tīrtham
seitdem wird jenes Tīrtha
ṛṇamocanam ucyate
'Ṛṇamocana' genannt
śrautasmārta-ṛṇebhyaś ca itarebhyaś ca nārada
von den śruti- und smṛti-begründeten Schulden und von anderen, o Nārada
tatra snānena dānena
dort durch Bad und Gabe
ṛṇī muktaḥ sukhī bhavet
wird der Verschuldete befreit und glücklich

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext.]

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