Kapitel 181: bhūbhāravatāraṇaṃ hariguṇastavo yoganidrāsaṃvādaś ca
Die Bitte der Erde um Lastabnahme, der Lobpreis Haris und die Anweisung an Yoganidrā
Die Erde klagt Brahmā und den Göttern über die von Kālanemi/Kaṃsa und den anderen Dämonen verursachte Last (mit einer Formel, die Bhagavadgītā 4.7f. nahezu wörtlich vorwegnimmt); Brahmā und die Götter ziehen zum Milchozean und preisen Viṣṇu in einem vierpadigen Hymnus (V.21-25); Viṣṇu zupft sich zwei Haare aus (weiß = Balarāma/Saṃkarṣaṇa, schwarz = Kṛṣṇa) und kündigt deren Geburt sowie den bevorstehenden Kampf der herabsteigenden Götter gegen die Dämonen an; die Episode der ,sechs Embryonen' (Söhne Hiraṇyakaśipus) wird erklärt; schließlich weist Viṣṇu die Yoganidrā (identifiziert mit der Göttin Durgā/Ambikā u.a. Namen) an, wie ihre eigene Geburt, ihr Vertauschtwerden mit Kṛṣṇa und ihre künftige Verehrung ablaufen werden.
Hört, ihr Tiger unter den Munis! Ich werde nun kurz von der Herabkunft (avatāra) Haris berichten, die aus dem Wunsch geschah, die Last [der Erde] abzunehmen.
Wort für Wort
śṛṇudhvaṃ muniśārdūlāḥ pravakṣyāmi samāsataḥ
Hört, ihr Tiger unter den Munis, ich werde kurz berichten
avatāraṃ hareś cātra bhārāvataraṇecchayā
von Haris Herabkunft hier, aus dem Wunsch, die Erdenlast abzunehmen
Er nimmt hier Herabkunft, indem er seinen Leib zweifach macht — zum Schutz der Guten und zur Aufrichtung des Dharma,
Wort für Wort
avatāraṃ karoty atra dvidhā kṛtvātmanas tanum
Er nimmt Herabkunft, seinen Leib zweifach machend
sādhūnāṃ rakṣaṇārthāya dharmasaṃsthāpanāya ca
zum Schutz der Guten und zur Aufrichtung des Dharma
[Anm.: ,dvidhā kṛtvātmanas tanum' (,seinen Leib zweifach machend') dürfte auf die im Folgenden geschilderte doppelte Verkörperung als Balarāma (weißes Haar) und Kṛṣṇa (schwarzes Haar) vorausweisen.]
[Dharaṇī, die Erde, sprach:] ,Agni ist der Meister des Goldes, ein anderer Meister — die Sonne — ist der der Kühe; auch für mich ist der verehrungswürdige Nārāyaṇa der Meister aller Welten.'
Wort für Wort
agniḥ suvarṇasya gurur gavāṃ sūryo 'paro guruḥ
Agni ist der Meister des Goldes, ein anderer Meister der Kühe [ist] Sūrya
mamāpy akhilalokānāṃ vandyo nārāyaṇo guruḥ
auch für mich [ist] der verehrungswürdige Nārāyaṇa der Meister aller Welten
[Anm.: Ab hier spricht Dharaṇī (die Erde) selbst; die genaue Logik der Analogie Agni-Gold / Sūrya-Kühe / Nārāyaṇa-alle Welten bleibt etwas unklar [?].]
Denn zahlreiche Heerscharen gottgestaltiger Wesen der gewaltigen, hochmütigen Daitya-Fürsten [lasten] auf mir,
Wort für Wort
akṣauhiṇyo hi bahulā divyamūrtidhṛtāḥ surāḥ
Denn zahlreiche Akṣauhiṇī-Heere gottgestaltiger Wesen
mahābalānāṃ dṛptānāṃ daityendrāṇāṃ mamopari
der gewaltigen, hochmütigen Daitya-Fürsten [lasten] auf mir
[Anm.: ,divyamūrtidhṛtāḥ surāḥ' (,göttliche Gestalt tragende Wesen') bleibt in seiner genauen Bezugnahme innerhalb dieses Satzes über die Daitya-Heere unklar [?].]
deshalb, von der gewaltigen Last bedrängt und gequält, vermag ich, o Herren der Unsterblichen, mich selbst nicht mehr zu tragen — das teile ich euch mit.
Wort für Wort
tadbhūribhārapīḍārtā na śaknomy amareśvarāḥ
deshalb, von gewaltiger Last gequält, vermag ich nicht, o Herren der Unsterblichen
{brahmovāca:} yad āha vasudhā sarvaṃ satyam etad divaukasaḥ /
ahaṃ bhavo bhavantaś ca sarvaṃ nārāyaṇātmakam //
[Brahmā sprach:] ,Alles, was die Erde gesagt hat, ist wahr, ihr Himmelsbewohner. Ich, Bhava (Śiva) und ihr alle — alles ist von der Wesenheit Nārāyaṇas durchdrungen.'
Wort für Wort
yad āha vasudhā sarvaṃ satyam etad divaukasaḥ
Alles, was die Erde gesagt hat, ist wahr, ihr Himmelsbewohner
ahaṃ bhavo bhavantaś ca sarvaṃ nārāyaṇātmakam
ich, Bhava (Śiva) und ihr alle — alles ist von der Wesenheit Nārāyaṇas
vibhūtayas tu yās tasya tāsām eva parasparam /
ādhikyaṃ nyūnatā bādhya-bādhakatvena vartate //
Doch unter seinen Erscheinungsformen besteht untereinander ein Mehr und Weniger, das sich als wechselseitiges Behindern und Behindertwerden zeigt.
Wort für Wort
vibhūtayas tu yās tasya tāsām eva parasparam
Doch seine Erscheinungsformen (vibhūti) — unter diesen selbst, wechselseitig
ādhikyaṃ nyūnatā bādhyabādhakatvena vartate
besteht ein Mehr und Weniger im Verhältnis von Behinderndem und Behindertem
[Anm.: Philosophisch dichte Aussage über eine hierarchische Abstufung unter Viṣṇus vibhūtis (Erscheinungsformen/Mächten), deren genauer Sinn unsicher bleibt [?].]
Immerdar, um der Welt willen, steigt er, die Allseele, aus der die Welt besteht, mit einem winzigen Teil seiner selbst auf der Erde herab und begründet den Bestand des Dharma.
Wort für Wort
sarvadaiva jagatyarthe sa sarvātmā jaganmayaḥ
Immerdar, um der Welt willen, er, die Allseele, aus der die Welt besteht
svalpāṃśenāvatīryorvyāṃ dharmasya kurute sthitim
steigt mit einem winzigen Teil auf der Erde herab und begründet den Bestand des Dharma
{brahmovāca:} namo namas te 'stu sahasramūrte
sahasrabāho bahuvaktrapāda
namo namas te jagataḥ pravṛtti-
vināśasaṃsthānaparāprameya // (4 pādas)
Verehrung, Verehrung sei dir, du Tausendgestaltiger, Tausendarmiger, Vielmündiger-und-Vielfüßiger! Verehrung, Verehrung sei dir, der du jenseits von Entstehen, Vergehen und Bestehen der Welt bist, unermesslich!
Wort für Wort
namo namas te 'stu sahasramūrte
Verehrung, Verehrung sei dir, du Tausendgestaltiger
sahasrabāho bahuvaktrapāda
du Tausendarmiger, Vielmündiger-und-Vielfüßiger
namo namas te jagataḥ pravṛtti-
Verehrung, Verehrung sei dir, [der jenseits ist von] Entstehen der Welt
vināśasaṃsthānaparāprameya
Vergehen und Bestehen, Höchster, Unermesslicher
[Anm.: Beginn eines vierpadigen Hymnenmetrums (V.21-25), von Brahmā gesprochen; ein wfw-Eintrag pro Pāda.]
Du bist das Feinste des Feinen und von gewaltigem Ausmaß, dessen Wesen noch gewichtiger ist als das Gewichtigste; du, dessen Wesen Urmaterie, Verstand, Sinnesorgane und Rede zum Vorrang haben; du, dessen Selbst Wurzel und Höchstes ist — sei gnädig, Erhabener!
Wort für Wort
sūkṣmātisūkṣmaṃ ca bṛhatpramāṇaṃ
Das Feinste des Feinen und von gewaltigem Ausmaß
garīyasām apy atigauravātman
dessen Wesen noch gewichtiger ist als das Gewichtigste
pradhānabuddhīndriyavākpradhāna
dessen Wesen Urmaterie, Verstand, Sinnesorgane und Rede zum Vorrang haben
mūlāparātman bhagavan prasīda
dessen Selbst Wurzel und Höchstes ist — sei gnädig, Erhabener
[Anm.: ,mūlāparātman' (,dessen Selbst Wurzel-und-Höchstes ist') bleibt in der genauen Bedeutung des Kompositums unsicher [?].]
Diese Erde, o Gott, deren Gebirgsgürtel von den aus ihr selbst entstandenen großen Asuras bedrängt wird, nimmt zu dir, dem letzten Zufluchtsort der Welten, ihre Zuflucht — um der Abnahme ihrer uferlosen Last willen.
Wort für Wort
eṣā mahī deva mahīprasūtair
Diese Erde, o Gott, von den aus ihr selbst entstandenen
mahāsuraiḥ pīḍitaśailabandhā
großen Asuras, deren Gebirgsgürtel bedrängt wird
parāyaṇaṃ tvāṃ jagatām upaiti
nimmt zu dir, dem letzten Zufluchtsort der Welten, ihre Zuflucht
ete vayaṃ vṛtraripus tathāyaṃ
nāsatyadasrau varuṇas tathaiṣaḥ
ime ca rudrā vasavaḥ sasūryāḥ
samīraṇāgnipramukhās tathānye // (4 pādas)
Wir hier — der Vṛtra-Feind (Indra), ebenso er, die Nāsatya-Zwillinge (Aśvins), ebenso Varuṇa, diese Rudras, die Vasus samt Sūrya, ebenso andere, angeführt von Wind und Feuer —
surāḥ samastāḥ suranātha kāryam
ebhir mayā yac ca tad īśa sarvam
ājñāpayājñāṃ pratipālayantas
tavaiva tiṣṭhāma sadāstadoṣāḥ // (4 pādas)
alle Götter, o Herr der Götter, [stehen bereit für] die Aufgabe. Was auch immer von uns und von mir [zu tun ist], o Gebieter — das alles: befiehl es! Deinen Befehl befolgend, stehen wir stets fehlerlos zu deiner Verfügung.
Wort für Wort
surāḥ samastāḥ suranātha kāryam
alle Götter, o Herr der Götter, [stehen bereit für] die Aufgabe
ebhir mayā yac ca tad īśa sarvam
was auch immer von diesen und von mir [zu tun ist], o Gebieter — das alles
ājñāpayājñāṃ pratipālayantas
befiehl es! Deinen Befehl befolgend
tavaiva tiṣṭhāma sadāstadoṣāḥ
stehen wir stets fehlerlos zu deiner Verfügung
[Anm.: Die genaue Lesung des Kompositums ,sadāstadoṣāḥ' (etwa ,stets fehlerlos') bleibt unsicher [?]. Ende des Hymnus V.21-25.]
Die Söhne des Hiraṇyakaśipu, bekannt als die sechs Embryonen — von Viṣṇu beauftragt, versetzte Nidrā (der Schlaf) diese nacheinander in den Mutterleib.
Wort für Wort
hiraṇyakaśipoḥ putrāḥ ṣaḍgarbhā iti viśrutāḥ
Die Söhne des Hiraṇyakaśipu, bekannt als die sechs Embryonen
viṣṇuprayuktā tān nidrā kramād garbhe nyayojayat
von Viṣṇu beauftragt, versetzte Nidrā diese nacheinander in den Mutterleib
[Anm.: Bezug auf den bekannten Purāṇa-Mythos der ,sechs Embryonen' (ṣaḍgarbha) — Söhne Hiraṇyakaśipus, die als Devakīs erste sechs, von Kaṃsa getötete Kinder wiedergeboren werden.]
[Viṣṇu sprach:] ,Geh, o Nidrā, auf meinen Befehl: Die sechs Embryonen, die in der Tiefe der Unterwelt weilen, bringe einzeln nacheinander in den Schoß der Devakī.'
Wort für Wort
gaccha nidre mamādeśāt pātālatalasaṃśrayān
Geh, o Nidrā, auf meinen Befehl, die in der Tiefe der Unterwelt weilenden
ekaikaśyena ṣaḍgarbhān devakījaṭhare naya
sechs Embryonen bringe einzeln nacheinander in den Schoß der Devakī
Wenn diese von Kaṃsa getötet worden sind, wird danach der als Śeṣa bekannte, makellose Teil [meiner selbst] als siebter, mit einem Teil-eines-Teiles, in ihrem Leib entstehen.
Wort für Wort
hateṣu teṣu kaṃsena śeṣākhyo 'ṃśas tato 'naghaḥ
Wenn diese von Kaṃsa getötet worden sind, [wird] danach der als Śeṣa bekannte, makellose Teil
aṃśāṃśenodare tasyāḥ saptamaḥ saṃbhaviṣyati
mit einem Teil-eines-Teiles als siebter in ihrem Leib entstehen
prāvṛṭkāle ca nabhasi kṛṣṇāṣṭamyām ahaṃ niśi /
utpatsyāmi navamyāṃ ca prasūtiṃ tvam avāpsyasi //
In der Regenzeit, im Monat Nabhas, an der dunklen achten Tithi Kṛṣṇāṣṭamī, werde ich nachts geboren werden; und du wirst am neunten [Tag] deine Niederkunft haben.
Wort für Wort
prāvṛṭkāle ca nabhasi kṛṣṇāṣṭamyām ahaṃ niśi
In der Regenzeit, im Monat Nabhas, an der [Nacht] Kṛṣṇāṣṭamī
utpatsyāmi navamyāṃ ca prasūtiṃ tvam avāpsyasi
werde ich geboren werden; und am neunten [Tag] wirst du deine Niederkunft haben
tvaṃ bhūtiḥ saṃnatiḥ kīrtiḥ kāntir vai pṛthivī dhṛtiḥ /
lajjā puṣṭir uṣā yā ca kācid anyā tvam eva sā //
Du bist Wohlstand, Demut, Ruhm, Schönheit, die Erde, Standhaftigkeit, Scham, Gedeihen, Morgenröte — und welche andere [Göttin] es auch geben mag, die bist du selbst.
Wort für Wort
tvaṃ bhūtiḥ saṃnatiḥ kīrtiḥ kāntir vai pṛthivī dhṛtiḥ
Du bist Wohlstand, Demut, Ruhm, Schönheit, die Erde, Standhaftigkeit
lajjā puṣṭir uṣā yā ca kācid anyā tvam eva sā
Scham, Gedeihen, Morgenröte — und welche andere [Göttin] es auch geben mag, die bist du selbst