Kapitel 244: vidyāvidyāvivekaḥ pañcaviṃśakabodhavarṇanaṃ ca
Die Unterscheidung von Wissen und Unwissen und die Darlegung der Erwachung des Fünfundzwanzigsten
das Unmanifeste nennen sie ungeteilt, obwohl es dem Gesetz von Schöpfung und Auflösung [unterliegt]; 'Schöpfung und Auflösung' werden dabei Wissen und Unwissen genannt, und ebenso der Zwanzigste [?],
Wort für Wort
abhedyam āhur avyaktaṃ
das Unmanifeste nennen sie ungeteilt
sargapralayadharmiṇaḥ
obwohl es dem Gesetz von Schöpfung und Auflösung [unterliegt]
sargapralaya ity uktaṃ
'Schöpfung und Auflösung' wird genannt
vidyāvidye ca viṃśakaḥ
Wissen und Unwissen, und der Zwanzigste
[?] 'viṃśakaḥ' ('der Zwanzigste') weicht von der sonst im Kapitel durchgängigen Bezeichnung 'pañcaviṃśaka' ('der Fünfundzwanzigste') ab; möglicherweise eine Textvariante oder ein Abschreibfehler.
parasparasya vidyā vai tan nibodhānupūrvaśaḥ / yathoktam ṛṣibhis tāta sāṃkhyasyātinidarśanam //
das Wissen voneinander wechselseitig - dies vernimm der Reihe nach, wie es von den Weisen gesagt wurde, o Sohn, als das vorzüglichste Beispiel des Sāṃkhya,
das Wissen aller Handlungsorgane ist, so wird überliefert, das Erkenntnisorgan; und ebenso ist das Wissen der Erkenntnisorgane, so haben wir vernommen, die [Elementar-]Besonderheiten,
der Ahaṃkāra aber ist [das Wissen] der fünf Elemente, daran ist kein Zweifel; und das Wissen des Ahaṃkāra ist ebenso die Buddhi, o Herrscher der Menschen,
das Wissen der Buddhi ist die Prakṛti, das Unmanifeste, der höchste Herrscher der Prinzipien; dies ist als das zu erkennende Wissen zu wissen, o bester der Menschen, und als die höchste Anordnung überliefert,
Wort für Wort
buddhyā prakṛtir avyaktaṃ
der Buddhi [Wissen ist] die Prakṛti, das Unmanifeste
das Unmanifeste nennen sie das Niedere; das Wissen davon aber ist der Fünfundzwanzigste; 'das Alles von allem' wird er genannt, der über Erkennbares und Erkenntnis Hinausgelangte,
Wort für Wort
avyaktam aparaṃ prāhur
das Unmanifeste nennen sie das Niedere
vidyā vai pañcaviṃśakaḥ
das Wissen davon aber der Fünfundzwanzigste
sarvasya sarvam ity uktaṃ
'das Alles von allem' wird genannt
jñeyajñānasya pāragaḥ
der über Erkennbares und Erkenntnis Hinausgelangte
'das Wissen ist das Unmanifeste' wird gesagt, [während] das Erkennbare der Fünfundzwanzigste ist; ebenso [gilt aber auch]: das Wissen ist das Unmanifeste, und der Erkennende ist der Fünfundzwanzigste,
Wort für Wort
jñānam avyaktam ity uktaṃ
'das Wissen ist das Unmanifeste' wird gesagt
jñeyaṃ vai pañcaviṃśakam
das Erkennbare ist der Fünfundzwanzigste
tathaiva jñānam avyaktaṃ
ebenso ist das Wissen das Unmanifeste
vijñātā pañcaviṃśakaḥ
der Erkennende ist der Fünfundzwanzigste
[Anm.] Diese doppeldeutige Zuordnung von Wissen/Erkennendem und Erkennbarem zum Fünfundzwanzigsten wiederholt die schon in Kap.243, V.79-80 begegnete paradoxe Formulierung.
ubhāv etau kṣarāv uktau ubhāv etāv anakṣarau / kāraṇaṃ tu pravakṣyāmi yathājñānaṃ tu jñānataḥ //
beide, diese, werden [zugleich] als vergänglich bezeichnet, beide, diese, sind [zugleich] unvergänglich; die Ursache aber werde ich darlegen, wie das Unwissen aus dem Wissen [entsteht],
Wort für Wort
ubhāv etau kṣarāv uktau
beide werden als vergänglich bezeichnet
ubhāv etāv anakṣarau
beide sind [zugleich] unvergänglich
kāraṇaṃ tu pravakṣyāmi
die Ursache aber werde ich darlegen
yathājñānaṃ tu jñānataḥ
wie das Unwissen aus dem Wissen [entsteht]
[?] Die paradoxe Aussage, dass Akṣara und Kṣara zugleich vergänglich und unvergänglich seien, sowie der Zusammenhang von Unwissen und Wissen im zweiten Halbvers bleiben in ihrer genauen Logik unsicher.
es lässt die Guṇas, angefangen mit dem Mahat, wechselseitig entstehen; die Grundlage [dessen] nennen sie das Feld - eben dieses [gilt als] der Fünfundzwanzigste [?],
Wort für Wort
guṇānāṃ mahadādīnām
der Guṇas, angefangen mit dem Mahat
utpadyati parasparam
lässt es wechselseitig entstehen
adhiṣṭhānaṃ kṣetram āhur
die Grundlage nennen sie das Feld
etad vai pañcaviṃśakam
eben dieses [gilt als] der Fünfundzwanzigste
[?] Die Gleichsetzung von 'Feld' (Kṣetra, sonst Bezeichnung der Prakṛti/des Avyakta) mit 'dem Fünfundzwanzigsten' (sonst Bezeichnung des Puruṣa) scheint dieser Vershälfte eigentümlich; möglicherweise wird 'pañcaviṃśaka' hier lose für 'die fünfundzwanzigfache Gesamtheit' verwendet.
yad antarguṇajālaṃ tu tad vyaktātmani saṃkṣipet / tad ahaṃ tad guṇais tais tu pañcaviṃśe vilīyate //
was aber das innere Netz der Guṇas [ist], das zieht sich in das manifeste Selbst zusammen; 'das bin ich' - [so denkend], wird es durch eben jene Guṇas in den Fünfundzwanzigsten aufgelöst,
Wort für Wort
yad antarguṇajālaṃ tu
was aber das innere Netz der Guṇas [ist]
tad vyaktātmani saṃkṣipet
das zieht sich in das manifeste Selbst zusammen
tad ahaṃ tad guṇais tais tu
'das bin ich', durch eben jene Guṇas
pañcaviṃśe vilīyate
wird es in den Fünfundzwanzigsten aufgelöst
[?] Dieser Vers bleibt in seiner genauen syntaktischen Struktur unsicher.
die Guṇas lösen sich in den Guṇas auf, dann wird [alles] die eine Prakṛti; auch der Feldkenner wird dann ebenso [wieder] zum [bloßen] Feldkenner zurückgeführt,
yadākṣaraṃ prakṛtir yaṃ gacchate guṇasaṃjñitā / nirguṇatvaṃ ca vai dehe guṇeṣu parivartanāt //
wenn die als 'mit Eigenschaften' bezeichnete Prakṛti zum Akṣara gelangt, [entsteht] Eigenschaftslosigkeit im Körper, durch das [völlige] Umkreisen in den Guṇas,
evam eva ca kṣetrajñaḥ kṣetrajñānaparikṣayāt / prakṛtyā nirguṇas tv eṣa ity evam anuśuśruma //
und ebenso wird der Feldkenner, durch das Schwinden der Feld-Erkenntnis, von der Prakṛti [her] eigenschaftslos - so haben wir es überliefert vernommen,
er wird vergänglich, wenn die mit Eigenschaften [behaftete Prakṛti] in den Eigenschaften [wirksam ist]; wenn er aber die Prakṛti [als solche] erkennt, [erkennt er auch] die Eigenschaftslosigkeit des [wahren] Selbst,
Wort für Wort
kṣaro bhavaty eṣa yadā
er wird vergänglich, wenn
guṇavatī guṇeṣv atha
die mit Eigenschaften [behaftete Prakṛti] in den Eigenschaften [wirksam ist]
prakṛtiṃ tv atha jānāti
wenn er aber die Prakṛti erkennt
nirguṇatvaṃ tathātmanaḥ
[erkennt er auch] die Eigenschaftslosigkeit des Selbst
tadaiṣo 'vyathatām eti na ca miśratvam āvrajet / prakṛtyā caiṣa rājendra miśro 'nyo 'nyasya dṛśyate //
dann gelangt er zur Ungetrübtheit und gerät nicht mehr in Vermischung; vorher aber erscheint er, o Fürst der Könige, durch die Prakṛti mit ihr vermischt, jeder Teil des anderen,
yadā tu guṇajālaṃ tat prākṛtaṃ vijugupsate / paśyate ca paraṃ paśyaṃs tadā paśyan nu saṃsṛjet //
wenn er aber jenes Netz der aus der Prakṛti [stammenden] Guṇas verabscheut und, schauend, das Höchste sieht, dann mag er, so schauend, [Folgendes] zusammenfügen [denken]:
Wort für Wort
yadā tu guṇajālaṃ tat
wenn er aber jenes Netz der Guṇas
prākṛtaṃ vijugupsate
aus der Prakṛti verabscheut
paśyate ca paraṃ paśyaṃs
und, schauend, das Höchste sieht
tadā paśyan nu saṃsṛjet
dann mag er, so schauend, [dies] zusammenfügen
[Anm.] Es folgt (V.23-39) ein bemerkenswertes inneres Selbstgespräch des erwachenden Feldkenners - im Gegensatz zum Selbstgespräch des verblendeten Selbst in Kap.242, V.34-41 hier das Selbstgespräch des zur Erkenntnis Erwachenden.
aham eva hi saṃmohād anyam anyaṃ janāj janam / matsyo yathodakajñānād anuvartitavān iha //
'ich selbst bin es ja, der aus Verblendung von Geburt zu Geburt einem anderen und wieder anderen [Leib] gefolgt ist, wie ein Fisch, der hier aus [seiner bloßen] Wasser-Erkenntnis [ihm] gefolgt ist,'
Wort für Wort
aham eva hi saṃmohād
ich selbst bin es ja, aus Verblendung
anyam anyaṃ janāj janam
einem anderen und wieder anderen, von Geburt zu Geburt
matsyo 'nyatvam athājñānād udakān nābhimanyate / ātmānaṃ tad avajñānād anyaṃ caiva na vedmy aham //
'der Fisch hält sich, aus Unwissen, für nicht verschieden vom Wasser; ebenso wusste ich, aus jener Missachtung [des rechten Wissens], nicht, dass das Selbst ein anderes [als der Körper] ist,'
mamāstu dhik kubuddhasya yo 'haṃ magna imaṃ punaḥ / anuvartitavān mohād anyam anyaṃ janāj janam //
'Schande über mich Übelverständigen, der ich, wiederum versunken, aus Verblendung einem anderen und wieder anderen [Leib] gefolgt bin, von Geburt zu Geburt,'
Wort für Wort
mamāstu dhik kubuddhasya
Schande über mich Übelverständigen
yo 'haṃ magna imaṃ punaḥ
der ich wiederum versunken
anuvartitavān mohād
aus Verblendung gefolgt bin
anyam anyaṃ janāj janam
einem anderen und wieder anderen, von Geburt zu Geburt
ayam anubhaved bandhur anena saha me kṣayam / sāmyam ekatvatāṃ yāto yādṛśas tādṛśas tv aham //
'dieser [Körper] soll mein Verwandter sein, mit ihm [teile] ich mein Vergehen' - so [dachte ich], zur Gleichheit und Einheit gelangt: wie er beschaffen war, so [glaubte ich] auch selbst zu sein,'
tulyatām iha paśyāmi sadṛśo 'ham anena vai / ayaṃ hi vimalo vyaktam aham īdṛśakas tadā //
'Gleichheit sehe ich hier, ich bin ihm ähnlich' - so [dachte ich]: 'dieser ist ja makellos manifest, [also] bin auch ich derartig' - so [dachte ich] damals,'
yo 'ham ajñānasaṃmohād ajñayā saṃpravṛttavān / saṃsargād atisaṃsargāt sthitaḥ kālam imaṃ tv aham //
'ich, der ich aus Unwissenheit und Verblendung, durch Unwissen, [in diesem Zustand] fortgeschritten bin, verharrte durch Verbindung und übermäßige Verbindung [mit dem Körper] diese ganze Zeit,'
'und wie sollte ich hier, durch [dieselbe] Māyā, weiter das Zusammenwohnen [mit dem Körper] fortsetzen, aus dem Zustand des Nicht-Erwachtseins? Nun sei hier fest entschlossen!'
sahavāsaṃ na yāsyāmi kālam etaṃ vivañcanāt / vañcito hy anayā yad dhi nirvikāro vikārayā //
'Das Zusammenwohnen werde ich nicht länger fortsetzen, von nun an, wegen [ihrer] Täuschung; denn ich, der Unwandelbare, wurde ja von ihr, der Wandelbaren, getäuscht,'
na tat tadaparāddhaṃ syād aparādho hy ayaṃ mama / yo 'ham atrābhavaṃ saktaḥ parāṅmukham upasthitaḥ //
'nicht sie hat da gefehlt - dies ist mein eigener Fehler, dass ich hier verhaftet wurde, [obwohl ich] dem Abgewandten [entgegengesetzt] gegenüberstand,'
Wort für Wort
na tat tadaparāddhaṃ syād
nicht sie hat da gefehlt
aparādho hy ayaṃ mama
dies ist ja mein eigener Fehler
yo 'ham atrābhavaṃ saktaḥ
dass ich hier verhaftet wurde
parāṅmukham upasthitaḥ
[obwohl ich] dem Abgewandten gegenüberstand
[?] Die genaue Aussage der zweiten Vershälfte ('parāṅmukham upasthitaḥ') bleibt unsicher.
'darauf, in dieser [Prakṛti] vielgestaltig verweilend, wurde ich, obwohl gestaltlos, zum Gestalteten, und, obwohl von gestaltlosem Wesen, gestaltlos zugleich, von der Ich-Bezogenheit überwältigt,'
Wort für Wort
tato 'smin bahurūpo 'tha
darauf, in dieser [Prakṛti] vielgestaltig
sthito mūrtir amūrtimān
verweilend, wurde ich, obwohl gestaltlos, zum Gestalteten
prakṛtyā ca tayā tena tāsu tāsv iha yoniṣu / nirmamasya mamatvena vikṛtaṃ tāsu tāsu ca //
'und durch jene Prakṛti, dadurch, in diesen und jenen Mutterschößen hier, wurde dem [an sich] Ich-losen durch die Ich-Bezogenheit [ein Zustand] in diesen und jenen [Mutterschößen] verändert,'
'da ich, in den Mutterschößen weilend, mit verlorenem Bewusstsein, keinerlei Gleichmut geübt habe - dies habe ich selbst, im Ich-Bewusstsein befangen, bewirkt,'
'nachdem er [dieses vielgestaltige Wesen] das Selbst vielfach gemacht hat, verstrickt es mich immer wieder; jetzt aber bin ich erwacht, ohne Ich-Bezogenheit, ohne Ich-Bewusstsein,'
'die Ich-Bezogenheit, die stets vom Geist, vom Ich-Bewusstsein bewirkte, diese anhaftende [Prakṛti] verlassend, werde ich Zuflucht suchen beim Leidlosen,'
anena sāmyaṃ yāsyāmi nānayāham acetasā / kṣemaṃ mama sahānena naivaikam anayā saha //
'mit ihm werde ich zur Gleichheit gelangen, nicht mit dieser [Prakṛti], der Bewusstlosen; mein Heil ist mit ihm zusammen, keineswegs [aber meine] Einheit mit ihr zusammen.'
So gelangt, durch die höchste Erwachung, der erwachte Fünfundzwanzigste zum Zustand des Akṣara, nachdem er das Vergängliche, [selbst] leidlos, aufgegeben hat,
Wort für Wort
evaṃ paramasaṃbodhāt
so, durch die höchste Erwachung
pañcaviṃśo 'nubuddhavān
der erwachte Fünfundzwanzigste
akṣaratvaṃ nigacchati
gelangt zum Zustand des Akṣara
tyaktvā kṣaram anāmayam
nachdem er das Vergängliche, leidlos, aufgegeben hat
nachdem er das Unmanifeste, das die Natur des Manifesten hat, zunächst als 'mit Eigenschaften' und dann als 'ohne Eigenschaften' erkannt hat - wenn er es zuerst als eigenschaftslos erblickt hat, wird er ihm gleich, o Herrscher von Mithilā,
sāṃkhyayogo mayā proktaḥ śāstradvayanidarśanāt / yad eva sāṃkhyaśāstroktaṃ yogadarśanam eva tat //
das Sāṃkhya-Yoga ist von mir dargelegt worden, als Beispiel der beiden Lehrschriften; was in der Sāṃkhya-Lehrschrift gesagt wird, das eben ist auch die Lehre des Yoga,
und so nennen die wissenden Menschen diese Lehrschrift 'die große [umfassende]'; und in dieser Lehrschrift wird das der Wiedergeburt der Yogins Vorangehende [dargelegt] [?],
Wort für Wort
bṛhac caivam idaṃ śāstram
und so [nennen sie] diese Lehrschrift 'die große'
ity āhur viduṣo janāḥ
so nennen die wissenden Menschen
asmiṃś ca śāstre yogānāṃ
und in dieser Lehrschrift der Yogins
punarbhavapuraḥsaram
das der Wiedergeburt Vorangehende
[?] 'punarbhavapuraḥsaram' ('das der Wiedergeburt Vorangehende') bleibt in seiner genauen Bedeutung unklar.
pañcaviṃśāt paraṃ tattvaṃ paṭhyate ca narādhipa / sāṃkhyānāṃ tu paraṃ tattvaṃ yathāvad anuvarṇitam //
und das jenseits des Fünfundzwanzigsten liegende Prinzip wird gelesen, o Herrscher der Menschen; das höchste Prinzip der Sāṃkhyas aber wird darin gebührend im Einzelnen beschrieben,
Wort für Wort
pañcaviṃśāt paraṃ tattvaṃ
das jenseits des Fünfundzwanzigsten liegende Prinzip
buddham apratibuddhaṃ ca budhyamānaṃ ca tattvataḥ / budhyamānaṃ ca buddhatvaṃ prāhur yoganidarśanam //
'das Erwachte', 'das Unerweckte' und wahrhaftig 'das [dauernd] Erwachende', und dass das Erwachende zum Zustand des Erwachtseins [wird] - dies nennen sie das Beispiel des Yoga.