Kapitel 94: śvetatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Śveta-/Mṛtyu-Tīrtha (der Sieg über den Tod)
Der Śiva-Verehrer Śveta, ein Freund des Gautama, lebt an der Gautamī so hingebungsvoll, dass Yamas Boten sein Haus nicht einmal betreten können, als seine Lebenszeit erfüllt ist. Der Tod selbst kommt, wird aber vom Śiva-Gaṇa Daṇḍin mit dessen Stab erschlagen. Yama zieht daraufhin mit einem ganzen Heer aus Krankheiten, Dämonen und Höllenmächten in die Schlacht, wird jedoch samt seiner Streitmacht von Skanda (Kārttikeya) vernichtend geschlagen. Die versammelten Götter bitten Śiva flehentlich, Yama wiederzubeleben – ohne den Todesgott gäbe es keine kosmische Ordnung mehr. Śiva stimmt zu, verfügt aber zugleich, dass seine und Viṣṇus Verehrer, die die Gautamī pflegen, künftig ganz der Macht Yamas und aller Krankheiten entzogen seien. Nandin besprengt auf Śivas Geheiß Yama und sein Heer mit Gautamī-Wasser, wodurch alle wiederbelebt werden. Ursprung der Namen Śveta-Tīrtha und Mṛtyu-Tīrtha (dort, wo der Tod fiel).
Ein Brahmane namens Śveta, einst ein lieber Freund des Gautama, der Gastfreundschaft und Verehrung hingegeben war, hatte am Ufer der Gautamī Zuflucht genommen.
– jenen vorzüglichen Brahmanen, dessen Lebenszeit erfüllt war, ganz der Śiva-Hingabe zugewandt, um ihn zu holen, kamen damals die Boten des Herrn der Südrichtung.
Wort für Wort
pūrṇāyuṣaṃ dvijavaraṃ
jenen vorzüglichen Brahmanen, dessen Lebenszeit erfüllt war,
{citraka uvāca: } kiṃ nāyāti kṣīṇajīvo mṛtyo śvetaḥ kathaṃ tv iti / nādyāpy āyānti dūtās te mṛtyor naivocitaṃ tu te //
Citraka sprach: 'Warum kommt der, dessen Lebenszeit erschöpft ist, nicht? Wie steht es mit Śveta, Tod? Noch heute kommen deine Boten nicht zurück – das schickt sich für dich nicht.'
Wort für Wort
kiṃ nāyāti kṣīṇajīvo
warum kommt der, dessen Lebenszeit erschöpft ist, nicht?
{brahmovāca: } tataś ca kupito mṛtyuḥ prāyāc chvetagṛhaṃ svayam / bahiḥsthitāṃs tadā paśyan mṛtyur dūtān bhayārditān / provāca kim idaṃ dūtā mṛtyum ūcuś ca dūtakāḥ //
Brahmā sprach: Da, zornig geworden, ging der Tod selbst zu Śvetas Haus; als er die draußen stehenden, von Furcht gequälten Boten sah, sprach der Tod: 'Was ist das, Boten?' Und die Boten sprachen zum Tod.
{dūtā ūcuḥ: } śivena rakṣitaṃ śvetaṃ vayaṃ no vīkṣituṃ kṣamāḥ / yeṣāṃ prasanno giriśas teṣāṃ kā nāma bhītayaḥ //
Die Boten sprachen: 'Śveta, von Śiva beschützt, vermögen wir nicht anzuschauen; wem der Herr des Berges gnädig ist, welche Furcht(-Gefahren) gäbe es noch für den?'
Brahmā sprach: Da betrat der Tod, die Schlinge in der Hand, den Ort, wo jener Brahmane weilte; jener Brahmane bemerkte weder den Tod noch die Diener Yamas.
Von diesen und anderen umgeben, ging er dorthin, wo Śveta, der beste der Brahmanen, weilte; als er den herankommenden Yama sah, sprach Nandin, bewaffnet.
– dorthin kamen sie, um den Götterherrn zu sehen sowie den Vaivasvata Yama; als sie ihn und das erschlagene Heer sahen, von Furcht gequält, sprachen die Götter, alle mit gefalteten Händen, immer wieder zu Śaṃbhu.
{devā ūcuḥ: } bhaktipriyatvaṃ te nityaṃ duṣṭahantṛtvam eva ca / ādikartar namas tubhyaṃ nīlakaṇṭha namo 'stu te / brahmapriya namas te 'stu devapriya namo 'stu te //
Die Götter sprachen: 'Deine Neigung, die Hingebungsvollen zu lieben, ist beständig, und ebenso, die Bösen zu vernichten; o Urschöpfer, Verehrung sei dir; Blauhalsiger, Verehrung sei dir; Brahmā-Liebender, Verehrung sei dir; Götter-Liebender, Verehrung sei dir.'
Wort für Wort
bhaktipriyatvaṃ te nityaṃ
deine Neigung, die Hingebungsvollen zu lieben, ist beständig,
'Den hingebungsvollen Brahmanen Śveta, dessen Lebenszeit schon vorbei war, zu holen, war Yama mit allen seinen Helfern unfähig; höchste Zufriedenheit haben wir erlangt, als wir sahen: deine Neigung, die Hingebungsvollen zu lieben, ist wahr, o Herr.'
Wort für Wort
śvetaṃ dvijaṃ bhaktam anāyuṣaṃ te
den hingebungsvollen Brahmanen Śveta, dessen Lebenszeit vorbei war,
netuṃ yamādiḥ sakalo 'samarthaḥ
zu holen, war Yama mit allen unfähig,
saṃtoṣam āptāḥ paramaṃ samīkṣya
höchste Zufriedenheit erlangten wir, sehend:
bhaktapriyatvaṃ tvayi nātha satyam
deine Neigung, die Hingebungsvollen zu lieben, ist wahr, o Herr
[Anm.: vierzeiliger Vers in eigenem Versmaß (Pādas a-d einzeln im Quelltext markiert).]
ye tvāṃ prapannāḥ śaraṇaṃ kṛpāluṃ / nālaṃ kṛtānto 'py anuvīkṣituṃ tān / evaṃ viditvā śiva eva sarve / tvām eva bhaktyā parayā bhajante //
'Die sich dir, dem Mitleidsvollen, als Zuflucht ergeben haben, jene vermag selbst der Tod nicht anzuschauen; dies erkennend, verehren alle, o Śiva, eben dich allein mit höchster Hingabe.'
Wort für Wort
ye tvāṃ prapannāḥ śaraṇaṃ kṛpāluṃ
die sich dir, dem Mitleidsvollen, als Zuflucht ergeben haben,
nālaṃ kṛtānto 'py anuvīkṣituṃ tān
jene vermag selbst der Tod nicht anzuschauen,
evaṃ viditvā śiva eva sarve
dies erkennend, o Śiva, alle,
tvām eva bhaktyā parayā bhajante
verehren eben dich allein mit höchster Hingabe
[Anm.: vierzeiliger Vers in eigenem Versmaß (Pādas a-d einzeln im Quelltext markiert).]
Die Götter sprachen: 'Dieser Vaivasvata, Dharma, ist der Lenker aller verkörperten Wesen, eingesetzt als Weltenhüter zur Ordnung von Recht und Unrecht.'
Da sprach der Erhabene zu den versammelten Unsterblichen: 'Mein Hingebungsvoller soll nicht dem Tod anheimfallen.' 'Nein', sprachen die Unsterblichen wiederum.
amarāḥ syus tato deva sarvalokāś carācarāḥ / amartyamartyabhedo 'yaṃ na syād deva jaganmaya //
'Dann würden, o Gott, alle Welten, das Bewegliche und Unbewegliche, unsterblich werden; dieser Unterschied zwischen Unsterblichem und Sterblichem gäbe es nicht mehr, o allwaltender Gott.'
Wort für Wort
amarāḥ syus tato deva
dann würden, o Gott, unsterblich werden,
sarvalokāś carācarāḥ
alle Welten, das Bewegliche und Unbewegliche,
amartyamartyabhedo 'yaṃ
dieser Unterschied zwischen Unsterblichem und Sterblichem,
ādhivyādhyādibhir jātu kāryo nābhibhavaḥ kvacit / ye śivaṃ śaraṇaṃ yātās te muktās tatkṣaṇād api //
'Durch geistige und körperliche Krankheiten und dergleichen soll ihnen niemals irgendwo Bedrängnis widerfahren; die zu Śiva Zuflucht genommen haben, sind sogleich befreit.'
Wort für Wort
ādhivyādhyādibhir jātu
durch geistige und körperliche Krankheiten und dergleichen,
sānugasya yamasyāto namasyāḥ sarva eva te / tathety ūcuḥ suragaṇā devadevaṃ śivaṃ prati //
'Deshalb sollen sie, dem Yama samt seinem Gefolge, von allen verehrt werden.' 'So sei es', sprachen die Scharen der Götter zu Śiva, dem Gott der Götter.
tatra snānaṃ ca dānaṃ ca sarvapāpapraṇāśanam / śravaṇaṃ paṭhanaṃ cāpi smaraṇaṃ ca malakṣayam / karoti sarvalokānāṃ bhuktimuktipradāyakam //
Baden und Spenden dort vernichtet alle Sünde; auch Hören, Rezitieren und Erinnern bewirkt die Tilgung der Makel; es gewährt allen Welten Genuss und Erlösung.