Kapitel 241: vasiṣṭhakarālajanakasaṃvādaḥ kṣarākṣaravivekaś ca
Das Gespräch zwischen Vasiṣṭha und Karālajanaka und die Unterscheidung von Vergänglichem und Unvergänglichem
Die Weisen sprachen: Was ist das, was Akṣara [das Unvergängliche] genannt wird, von wo aus man nicht wieder zurückkehrt? Und was ist das, was Kṣara [das Vergängliche] genannt wird, von wo aus man wieder zurückkehrt?
Nach der Erscheinungsform von Akṣara und Kṣara fragen wir dich, o großer Weiser, um sie wahrhaftig zu erfassen, o bester der Weisen, o Stier unter den Weisen.
tvaṃ hi jñānavidāṃ śreṣṭhaḥ procyase vedapāragaiḥ / ṛṣibhiś ca mahābhāgair yatibhiś ca mahātmabhiḥ //
Denn du wirst von denen, die die Veden durchdrungen haben, von den hochgesegneten Weisen und den großen Asketen als der Beste der Wissenskenner bezeichnet.
Wort für Wort
tvaṃ hi jñānavidāṃ śreṣṭhaḥ
denn du, der Beste der Wissenskenner
procyase vedapāragaiḥ
wirst bezeichnet von denen, die die Veden durchdrungen haben
nach dem Heilvollen im höchsten Selbst, der Gewissheit über den Gang der Selbst-Erkenntnis - nachdem er den Sohn von Mitra und Varuṇa, der dort saß, verehrt hatte, mit gefalteten Händen,
Wort für Wort
paramātmani kuśalam
nach dem Heilvollen im höchsten Selbst
adhyātmagatiniścayam
der Gewissheit über den Gang der Selbst-Erkenntnis
maitrāvaruṇim āsīnam
den Sohn von Mitra und Varuṇa [Vasiṣṭha], der dort saß
ein Zeitalter von zwölftausend [Jahren], wisse, ein Kalpa ist [tausend solcher] vier Zeitalter; einen Umlauf von tausend Kalpas nennt man den Tag Brahmans,
das Gestaltete, obwohl er selbst gestaltlosen Wesens ist, das All, der Wohltäter, der Selbstentstandene - dessen Entstehung ich von Grund auf darlegen werde, o bester der Könige.
Wort für Wort
mūrtimantam amūrtātmā
das Gestaltete, [obwohl er] gestaltlosen Wesens [ist]
[Er ist] Aṇimā, Laghimā, Prāpti [die Yoga-Kräfte], der Herrschende, das unvergängliche Licht, überall Hände und Füße als Enden habend, überall Augen, Häupter und Münder habend,
Wort für Wort
aṇimā laghimā prāptir
Aṇimā, Laghimā, Prāpti
īśānaṃ jyotir avyayam
der Herrschende, das unvergängliche Licht
sarvataḥpāṇipādāntaṃ
überall Hände und Füße als Enden habend
sarvatokṣiśiromukham
überall Augen, Häupter und Münder habend
[Anm.] Diese und die folgende Beschreibung (V.15-16) knüpft an die bekannte vedische Puruṣa-Schilderung an (vgl. Bhagavadgītā 13.13-14: 'sarvataḥ pāṇipādaṃ tat sarvato 'kṣiśiromukham...').
überall mit Ohren [Wahrnehmung] versehen in der Welt, alles umhüllend steht er da; er, der erhabene Hiraṇyagarbha, wird [in der Überlieferung] als Buddhi bezeichnet,
mahān iti ca yogeṣu viriñcir iti cāpy atha / sāṃkhye ca paṭhyate śāstre nāmabhir bahudhātmakaḥ //
und in den Yoga-Lehren wird er 'Mahān' genannt, und auch 'Viriñci' [Brahmā], und in der Sāṃkhya-Lehrschrift wird er mit vielen Namen gelesen, vielgestaltigen Wesens,
von mannigfaltiger Gestalt, die Allseele, als 'das eine Unvergängliche' überliefert, durch den, als eins mit sich selbst, die gesamte Dreiwelt durch [sein eigenes] Selbst gehalten wird,
aus seiner Verbindung mit dem Pradhāna [Urstoff] entstand die überaus große Stadt [Residenz] - der Ahaṃkāra, von großem Glanz, von den Prajāpatis verehrt,
avyaktād vyaktim āpannaṃ vidyāsargaṃ vadanti tam / mahāntaṃ cāpy ahaṃkāram avidyāsarga eva ca //
aus dem Unmanifesten ins Manifeste übergegangen - diesen [Mahat] nennen sie die 'Wissens-Schöpfung', und ebenso den großen Ahaṃkāra die 'Unwissens-Schöpfung',
und das Unbewegliche und das Bewegliche, beide zugleich entstanden, werden von denen, die Śruti und Śāstra erwägen, als 'Vidyā' und 'Avidyā' bekannt gemacht,
die Elementen-Schöpfung aus dem Ahaṃkāra wisse als dritte, o Erdenherrscher; unter den Ahaṃkāras wisse die vierte als die 'gewandelte' [Vaikṛta-]Schöpfung, o König,
so entstand gleichzeitig, ohne Zweifel, die Zehnergruppe; die fünfte, wisse, o Fürst der Könige, ist die aus den Elementen [bestehende], sinnschaffende Schöpfung,
Wort für Wort
evaṃ yugapad utpannaṃ
so entstand gleichzeitig
daśavargam asaṃśayam
die Zehnergruppe, ohne Zweifel
pañcamaṃ viddhi rājendra
die fünfte wisse, o Fürst der Könige
bhautikaṃ sargam arthakṛt
die aus den Elementen bestehende, sinnschaffende Schöpfung
buddhīndriyāṇi caitāni tathā karmendriyāṇi ca / saṃbhūtānīha yugapan manasā saha pārthiva //
dies sind die Erkenntnis-Sinnesorgane, und ebenso die Handlungs-Sinnesorgane, die hier gleichzeitig zusammen mit dem Manas entstanden sind, o Erdenherrscher,
diese vierundzwanzigfache Prinzipien-Gruppe bildet die gesamte Gestalt; nachdem sie diese erkannt haben, trauern die wahrheitsschauenden Brahmanen nicht mehr,
Wort für Wort
eṣā tattvacaturviṃśā
diese vierundzwanzigfache Prinzipien-Gruppe
sarvākṛtiḥ pravartate
bildet die gesamte Gestalt
yāṃ jñātvā nābhiśocanti
nachdem sie diese erkannt haben, trauern sie nicht mehr
sayakṣabhūtagandharve sakiṃnaramahorage / sacāraṇapiśāce vai sadevarṣiniśācare //
[in der Welt] samt den Yakṣas, Bhūtas und Gandharvas, samt den Kiṃnaras und großen Schlangen, samt den Cāraṇas und Piśācas, samt den Götterweisen und Nachtwandlern,
samt Bremsen, Insekten und Mücken, samt fauligen Würmern und Mäusen, im Hund, beim Hundekocher [Śvapāka], beim Antilopenbock, samt dem Caṇḍāla, samt dem Pulkasa,
im Wasser, auf der Erde, ebenso im Äther, nirgends anderswo - so lautet die Gewissheit; das war die Wohnstätte der verkörperten Wesen - so haben wir es überliefert vernommen.
Das ganze [Universum] von diesem Ausmaß, o Sohn, vergeht - das 'Manifest-Genannte'; Tag für Tag [vergeht] die Wesensseele, während das, was als Akṣara überliefert ist, [nicht vergeht],
deshalb wird jenes Kṣara genannt, [entsprechend] wie diese Welt vergeht; die Welt nennen sie von der Natur der Verblendung, aus dem Unmanifesten das 'Manifest-Genannte',
Der Fünfundzwanzigste, gestaltlos, er, der ewige, 'Wesenheit-Genannte' - wegen seines Ruhens im [reinen] Sein nennen ihn die Weisen 'Tattva' und 'Sattva',
Wort für Wort
pañcaviṃśatiko 'mūrtaḥ
der Fünfundzwanzigste, gestaltlos
sa nityas tattvasaṃjñakaḥ
er, der ewige, 'Wesenheit-Genannte'
sattvasaṃśrayaṇāt tattvaṃ
wegen seines Ruhens im [reinen] Sein, 'Tattva'
sattvam āhur manīṣiṇaḥ
und 'Sattva' nennen ihn die Weisen
[Anm.] Hier erscheint die klassische Sāṃkhya-Lehre vom Puruṣa als dem 'Fünfundzwanzigsten Prinzip' (pañcaviṃśaka), das jenseits der 24 Prinzipien der Prakṛti (vgl. V.28, 'tattvacaturviṃśā') steht.
yad amūrtiḥ sṛjad vyaktaṃ tan mūrtim adhitiṣṭhati / caturviṃśatimo vyakto hy amūrtiḥ pañcaviṃśakaḥ //
was gestaltlos ist und dennoch das Manifeste erschafft, das steht über der Gestalt; das Manifeste ist das Vierundzwanzigste, das Gestaltlose ist das Fünfundzwanzigste,
sa eva hṛdi sarvāsu mūrtiṣv ātiṣṭhatātmavān / cetayaṃś cetano nityaṃ sarvamūrtir amūrtimān //
er selbst, der Selbstbesitzende, weilt im Herzen in allen Gestalten, ewig bewusst-machend und bewusst, in allen Gestalten gegenwärtig und doch gestaltlos,
Wort für Wort
sa eva hṛdi sarvāsu
er selbst im Herzen, in allen
mūrtiṣv ātiṣṭhatātmavān
Gestalten weilt der Selbstbesitzende
cetayaṃś cetano nityaṃ
ewig bewusst-machend und bewusst
sarvamūrtir amūrtimān
in allen Gestalten gegenwärtig und doch gestaltlos
sargapralayadharmeṇa sa sargapralayātmakaḥ / gocare vartate nityaṃ nirguṇo guṇasaṃjñitaḥ //
durch das Gesetz von Schöpfung und Auflösung ist er selbst von der Natur der Schöpfung und Auflösung; im sinnlich Wahrnehmbaren weilt er ewig, eigenschaftslos, doch als 'mit Eigenschaften versehen' bezeichnet,
Wort für Wort
sargapralayadharmeṇa
durch das Gesetz von Schöpfung und Auflösung
sa sargapralayātmakaḥ
ist er von der Natur der Schöpfung und Auflösung
gocare vartate nityaṃ
im Wahrnehmbaren weilt er ewig
nirguṇo guṇasaṃjñitaḥ
eigenschaftslos, doch als 'mit Eigenschaften versehen' bezeichnet
so wandelt sich diese große Seele durch Millionen von Schöpfungen und Auflösungen, mit Prakṛti [verbunden] - doch der Weise sollte sich damit nicht identifizieren,
Wort für Wort
evam eṣa mahātmā ca
so [wandelt sich] diese große Seele
sargapralayakoṭiśaḥ
durch Millionen von Schöpfungen und Auflösungen
vikurvāṇaḥ prakṛtimān
sich wandelnd, mit Prakṛti [verbunden]
nābhimanyeta buddhimān
doch der Weise sollte sich damit nicht identifizieren
verbunden mit Tamas, Sattva und Rajas, löst er sich in diesen und jenen Mutterschößen hier auf - aus mangelndem Erwachen [?], aus dem Umgang mit unerwachten Menschen,
Wort für Wort
tamaḥsattvarajoyuktas
verbunden mit Tamas, Sattva und Rajas
tāsu tāsv iha yoniṣu
in diesen und jenen Mutterschößen hier
līyate pratibuddhatvād
löst er sich auf aus mangelndem Erwachen
abuddhajanasevanāt
aus dem Umgang mit unerwachten Menschen
[?] Die Lesung 'pratibuddhatvāt' ('aus dem Zustand des Erwachtseins') widerspricht dem Sinn des Verses; da Kap.242, V.1 wörtlich 'apratibuddhatvād abuddham anuvartate' liest, dürfte hier ebenso 'apratibuddhatvāt' ('aus dem Zustand des Nicht-Erwachtseins') gemeint sein, was der Übersetzung zugrunde gelegt wurde.
sahavāsanivāsatvād bālo 'ham iti manyate / yo 'haṃ na so 'ham ity ukto guṇān evānuvartate //
aus dem Zusammenleben und Wohnen [mit Unwissenden] denkt er 'ich bin unwissend'; obwohl gesagt wird 'der ich [wirklich] bin, der bin ich nicht [derjenige, für den ich mich halte]', folgt er doch nur den Guṇas,
Wort für Wort
sahavāsanivāsatvād
aus dem Zusammenleben und Wohnen [mit Unwissenden]
bālo 'ham iti manyate
denkt er 'ich bin unwissend'
yo 'haṃ na so 'ham ity ukto
obwohl gesagt wird 'der ich bin, der bin ich nicht'
śuklalohitakṛṣṇāni rūpāṇy etāni trīṇi tu / sarvāṇy etāni rūpāṇi jānīhi prākṛtāni tu //
weiß, rot und schwarz - diese drei Farben; wisse, dass alle diese Farben aus der Prakṛti [stammen],
Wort für Wort
śuklalohitakṛṣṇāni
weiß, rot und schwarz
rūpāṇy etāni trīṇi tu
diese drei Farben
sarvāṇy etāni rūpāṇi
alle diese Farben
jānīhi prākṛtāni tu
wisse, [stammen] aus der Prakṛti
[Anm.] Die drei Farben Weiß, Rot und Schwarz als Erscheinungsformen der Prakṛti/Guṇas erinnern an das berühmte Bild der 'einen ungeborenen Ziege, weiß-rot-schwarz' in der Śvetāśvatara-Upaniṣad 4.5.
durch ausschließlich [begangene] Sünde erlangt man das Tierdasein, bei [gemischtem] Verdienst und Sünde das Menschsein, durch bloßes Verdienst die Gottheit,