Kapitel 21: pātālavarṇanam / śeṣavarṇanam
Beschreibung der sieben Unterwelten (Pātālas) und des Weltenträgers Śeṣa
Nach der Angabe der Gesamthöhe der Erde (70.000 Yojanas) folgt die Beschreibung der sieben Unterwelten Atala, Vitala, Nitala, Sutala, Talātala, Rasātala und Pātāla (je 10.000 Yojanas), die entgegen ihrem düsteren Ruf als paradiesische, lichtvolle, von Daityas, Dānavas und Nāgas bewohnte Reiche voller Juwelen, Gärten und Musik geschildert werden (mit einem Zitat des Weisen Nārada, der die Pātālas noch reizvoller als den Himmel nennt). Darunter weilt Viṣṇus 'dunkler' (tāmasischer) Leib, die tausendköpfige Weltenschlange Śeṣa/Ananta, die kosmologisch mit Saṃkarṣaṇa/Rudra identifiziert wird, am Ende des Weltzeitalters die drei Welten verschlingt und deren Erdbeben verursachendes Gähnen erklärt wird; ihre Verehrung durch den Seher Garga habe diesem die wahre Kenntnis der Astronomie/Astrologie verschafft. Śeṣa trägt schließlich, mit seinem Haupt, die gesamte Erde samt allen Wesen. 27 Verse (v.27 im Original als Dreipada-Vers gezählt).
Lomaharṣaṇa sprach: Diese Breite der Erde wurde [nun] verkündet, o Beste der Weisen; auch ihre Höhe wird [jetzt] mit siebzigtausend [Yojanas] angegeben.
Talātala, Rasātala, und Pātāla auch als siebte — [ihre Böden sind] schwarz, weiß, rötlich, gelb, kiesig und felsig-golden,
Wort für Wort
talātalam rasātalam
Talātala, Rasātala
pātālam ca api saptamam
und Pātāla auch als siebte
kṛṣṇā śuklā aruṇā pītā
schwarz, weiß, rötlich, gelb
śarkarā śaila-kāñcanī
kiesig und felsig-golden
[Anm.: die traditionelle Siebenzahl der Unterwelten (Atala, Vitala, Nitala, Sutala, Talātala, Rasātala, Pātāla) wird hier genannt, wobei die letzte denselben Namen trägt wie die Gesamtheit; die Bodenfarben (nur sechs genannt) stimmen zahlenmäßig nicht exakt mit den sieben Unterwelten überein — wortgetreu übersetzt.]
nāgānāṃ ca mahāṅgānāṃ jñātayaś ca dvijottamāḥ / svarlokād api ramyāṇi pātālānīti nāradaḥ // BrP_21.5 //
und die Sippen der Nāgas und der Mahoragas [?], o Beste der Zweifachgeborenen; 'reizvoller noch als die Himmelswelt sind die Unterwelten' — so [sprach] Nārada,
Wort für Wort
nāgānām ca mahāṅgānām [?]
und der Nāgas und der Mahoragas [?]
jñātayaḥ ca dvija-uttamāḥ
Sippen, o Beste der Zweifachgeborenen
svarlokāt api ramyāṇi
reizvoller noch als die Himmelswelt
pātālāni iti nāradaḥ
[sind] die Unterwelten — so Nārada
[Anm.: "mahāṅgānām" unsicher, hier probeweise als "Mahoragas" (große Schlangenwesen) gedeutet; [?].]
sprach er, inmitten der Himmelsbewohner, [selbst] von den Unterwelten zum Himmel gegangen — [Unterwelten,] wo es freudenbereitende, reine, glanzvolle Juwelen gibt,
nāgābharaṇabhūṣāś ca pātālaṃ kena tatsamam / daityadānavakanyābhir itaś cetaś ca śobhite // BrP_21.7 //
und den Schmuck als Zierde der Nāgas — womit ließe sich Pātāla vergleichen? —, das hier und dort von den Töchtern der Daityas und Dānavas verschönert wird,
in Pātāla — wessen Freude entsteht dort nicht, selbst die eines schon Erlösten? —, wo die Strahlen der Sonne bei Tag [nur] Licht, aber keine Hitze verbreiten,
śaśinaś ca na śītāya niśi dyotāya kevalam / bhakṣyabhojyamahāpāna- madamattaiś ca bhogibhiḥ // BrP_21.9 //
und [die des] Mondes bei Nacht nicht zur Kühle, sondern nur zum Leuchten [dienen] — [dort weilen] von Speisen, Genussmitteln und großem Trank berauschte Schlangenfürsten,
und die Klänge von Vīṇā, Flöte und Mṛdaṅga-Trommel, o Zweifachgeborene, stets — diese und andere reizvolle [Dinge] werden, durch Glück, von den Dānavas genossen
und von den Daityas und Schlangen[wesen], die innerhalb der Unterwelten umherziehen. Und unterhalb der Unterwelten weilt jener dunkle (tamasische) Leib Viṣṇus,
śeṣākhyā yadguṇān vaktuṃ na śaktā daityadānavāḥ / yo 'nantaḥ paṭhyate siddhair devadevarṣipūjitaḥ // BrP_21.14 //
genannt Śeṣa, dessen Eigenschaften zu beschreiben Daityas und Dānavas nicht imstande sind; der, als 'Ananta' (der Endlose) von den Siddhas genannt, von Göttern, Göttergöttern und Sehern verehrt wird,
mit tausend Häuptern erschienen, mit dem makellosen Svastika-Schmuck versehen; der, mit den tausend Juwelen seiner Schlangenhäupter die Himmelsrichtungen erleuchtend,
Wort für Wort
sahasra-śirasā vyaktaḥ
mit tausend Häuptern erschienen
svastika-amala-bhūṣaṇaḥ
mit dem makellosen Svastika-Schmuck versehen
phaṇā-maṇi-sahasreṇa
mit den tausend Juwelen seiner Schlangenhäupter
yaḥ saḥ vidyotayan diśaḥ
der die Himmelsrichtungen erleuchtend
[Anm.: "svastikāmalabhūṣaṇaḥ" hier als "mit dem makellosen Svastika-Zeichen als Schmuck [versehen]" gedeutet.]
bekrönt, bekränzt, glänzt er wie ein weißer Berg mitsamt seinem Feuer; blau gekleidet, von Trunkenheit übersprudelnd, mit einer weißen Halskette geschmückt,
er, wie der vorzügliche Berg Kailāsa mit dem Wolken[weißen]-Gaṅgā-Wasserfall, dessen Fingerspitzen einen Pflug halten, ein vorzügliches Mörserholz tragend,
upāsyate svayaṃ kāntyā yo vāruṇyā ca mūrtayā / kalpānte yasya vaktrebhyo viṣānalaśikhojjvalaḥ // BrP_21.19 //
der von [seinem eigenen] Glanz und von der Gestalt der Vāruṇī umgeben ist; aus dessen Mündern am Ende des Weltzeitalters, aufflammend mit Gift-Feuer-Zungen,
Rudra, in Gestalt des Saṃkarṣaṇa, hervortretend, die dreifache Welt verschlingt; er, der die gesamte Erdscheibe trägt, [ihm] gleichsam zum [bloßen] Gipfel geworden,
nahi varṇayituṃ śakyaṃ jñātuṃ vā tridaśair api / yasyaiṣā sakalā pṛthvī phaṇāmaṇiśikhāruṇā // BrP_21.22 //
können nicht beschrieben noch erkannt werden, selbst nicht von den Dreißig [Göttern]; von dessen Schlangenhaupt-Juwelenspitzen gerötet, diese ganze Erde
Wort für Wort
na hi varṇayitum śakyam
können nicht beschrieben werden
jñātum vā tridaśaiḥ api
noch erkannt werden, selbst von den Dreißig [Göttern]
erreichen nicht das Ende seiner Eigenschaften — daher [heißt] er Ananta, der Unvergängliche; dieser, dessen von den Händen der Nāga-Frauen aufgetragenes gelbes Sandelholz,
immer wieder, vom Wind seines Atems fortgetragen, wird wie ein die Himmelsrichtungen einhüllendes Tuch; durch dessen Verehrung der alte Seher Garga die Gestirne der Wahrheit nach
Wort für Wort
muhuḥ śvāsa-anila-āyastam
immer wieder, vom Wind seines Atems fortgetragen
yāti dik-paṭa-vāsatām
wird wie ein die Himmelsrichtungen einhüllendes Tuch
erkannte, und ebenso die vollständige, durch Vorzeichen verkündete [astrologische] Wirkung. Durch diesen besten der Schlangen wird die Erde mit [seinem] Haupt gehalten, [und] er trägt alle Welten, samt Göttern, Asuras und Menschen.
Wort für Wort
jñātavān sakalam ca eva
erkannte, und ebenso die vollständige
nimitta-paṭhitam phalam
durch Vorzeichen verkündete [astrologische] Wirkung
tena iyam nāga-varyeṇa
durch diesen besten der Schlangen
śirasā vidhṛtā mahī
wird die Erde mit [seinem] Haupt gehalten
bibharti sakalān lokān
er trägt alle Welten
sa-deva-asura-mānuṣān
samt Göttern, Asuras und Menschen
[Anm.: Vers 27 besteht im Original aus drei Pādas unter einer einzigen Versnummer und wird hier als eine Einheit übersetzt.]