Kapitel 115: śeṣatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Śeṣa-Tīrtha (Śeṣas Vertreibung aus der Unterwelt und Śivas Dreizack)
Brahmā erzählt: Als die Rākṣasas, Daityas und Dānavas in die Unterwelt (Rasātala) eindringen, wird deren Herr, die Weltenschlange Śeṣa, vertrieben und sucht Zuflucht bei Brahmā, der ihn zur Gautamī schickt. Dort erlangt Śeṣa durch eine Hymne an Śiva einen Dreizack, mit dem er die Feinde in der Unterwelt vernichtet und seine Herrschaft zurückgewinnt. An der Stelle, wo Śiva zur Erde herabkam bzw. wieder zurückkehrte, entsteht eine Höhlenöffnung, aus der heiliges Gaṅgā-Wasser hervorquillt; durch Śeṣas Feueropfer dort wird das Wasser warm. Die Stätte wird – trotz des Kapiteltitels 'Śeṣatīrtha' – am Ende als 'Nāgatīrtha' bezeichnet (dieselbe Benennung wie bereits in Kap.111 für eine andere Erzählung; die Doppelbenennung wird hier unkommentiert aus dem Quelltext übernommen), heilig und alle Wünsche gewährend. V.11, 13 und 20 enthalten syntaktisch unsichere Passagen, mit [?] markiert.
Brahmā sprach: 'Das Śeṣa-Tīrtha wird genannt, das alle Wünsche gewährt; seine Geschichte werde ich erzählen, so wie sie mir überliefert wurde.'
Wort für Wort
śeṣatīrtham iti khyātaṃ sarvakāmapradāyakam
das Śeṣa-Tīrtha wird genannt, das alle Wünsche gewährt
tasya rūpaṃ pravakṣyāmi yan mayā paribhāṣitam
seine Geschichte werde ich erzählen, so wie sie mir überliefert wurde
[Anm.: Der Kapiteltitel nennt die Stätte 'Śeṣatīrtha', am Ende des Kapitels (V.18) wird sie jedoch als 'Nāgatīrtham' bezeichnet – dieselbe Bezeichnung wie bereits in Kap.111 für eine andere Tīrtha-Ursprungserzählung; die Doppelbenennung im Quelltext wird hier unkommentiert übernommen.]
rākṣasā daityadanujāḥ praviṣṭā ye rasātalam /
tair nirasto bhogipatir mām uvācātha vihvalaḥ // BrP_115.3 //
Von den Rākṣasas, Daityas und Danus, die in die Unterwelt eingedrungen waren, wurde der Herr der Schlangen (Bhogipati) vertrieben; verstört sprach er darauf zu mir:
Wort für Wort
rākṣasā daityadanujāḥ praviṣṭā ye rasātalam
die Rākṣasas, Daityas und Danus, die in die Unterwelt eingedrungen waren
{śeṣa uvāca: }
rasātalaṃ tvayā dattaṃ rākṣasānāṃ mamāpi ca /
te me sthānaṃ na dāsyanti tasmāt tvāṃ śaraṇaṃ gataḥ // BrP_115.4 //
Śeṣa sprach: 'Die Unterwelt wurde von dir sowohl den Rākṣasas als auch mir gegeben; sie werden mir aber keinen Platz gewähren, deshalb bin ich zu dir Zuflucht genommen.'
Wort für Wort
rasātalaṃ tvayā dattaṃ rākṣasānāṃ mamāpi ca
die Unterwelt wurde von dir sowohl den Rākṣasas als auch mir gegeben
'Es gibt in den drei Welten keinen anderen, der Herzenswünsche gewährt.' Von meinem Wort angetrieben, badete der Nāga sorgsam in der Gaṅgā und pries, mit gefalteten Händen, den Herrn der Götter (Tridaśeśvara).
Wort für Wort
nānyo 'sti lokatritaye manorathasamarpakaḥ
es gibt in den drei Welten keinen anderen, der Herzenswünsche gewährt
madvākyaprerito nāgo gaṅgām āplutya yatnataḥ
von meinem Wort angetrieben, badete der Nāga sorgsam in der Gaṅgā
kṛtāñjalipuṭo bhūtvā tuṣṭāva tridaśeśvaram
mit gefalteten Händen pries er den Herrn der Götter
Śeṣa sprach: 'Verehrung dem Herrn der drei Welten, dem Zerstörer von Dakṣas Opfer; dem Urschöpfer sei Verehrung, Verehrung dem, der die Gestalt der drei Welten ist.'
Wort für Wort
namas trailokyanāthāya dakṣayajñavibhedine
Verehrung dem Herrn der drei Welten, dem Zerstörer von Dakṣas Opfer
ādikartre namas tubhyaṃ
dem Urschöpfer sei Verehrung
namas trailokyarūpiṇe
Verehrung dem, der die Gestalt der drei Welten ist
'Verehrung dem Tausendköpfigen, Verehrung dem Vernichter (der Welten); dir, der die Gestalt von Mond, Sonne und Feuer hat, dir, der die Gestalt des Wassers hat, sei Verehrung.'
Wort für Wort
namaḥ sahasraśirase
Verehrung dem Tausendköpfigen
namaḥ saṃhārakāriṇe
Verehrung dem Vernichter
somasūryāgnirūpāya jalarūpāya te namaḥ
dir, der die Gestalt von Mond, Sonne, Feuer und Wasser hat, sei Verehrung
'Dir, der stets alle Gestalten hat, der die Gestalt der Zeit hat, sei Verehrung; beschütze mich, Śaṃkara, Herr von allem, beschütze mich, Someśa (Mondherr), Allgegenwärtiger; Herr der Welt, dir sei Verehrung – gib mir, was mein Herz begehrt.'
Wort für Wort
sarvadā sarvarūpāya kālarūpāya te namaḥ
dir, der stets alle Gestalten hat, der die Gestalt der Zeit hat, sei Verehrung
pāhi śaṃkara sarveśa pāhi someśa sarvaga
beschütze mich, Śaṃkara, Herr von allem, beschütze mich, Someśa, Allgegenwärtiger
jagannātha namas tubhyaṃ dehi me manasepsitam
Herr der Welt, dir sei Verehrung, gib mir, was mein Herz begehrt
[?] Er gab Śeṣa einen Dreizack: 'Töte mit diesem die vornehmsten Feinde!' Darauf wurde jener Śeṣa von Śiva mittels des Dreizacks vor den Schlangen ausgezeichnet (als deren Herr bestätigt).
Wort für Wort
śeṣāya pradadau śūlaṃ
er gab Śeṣa einen Dreizack
jahy anenāripuṃgavān
töte mit diesem die vornehmsten Feinde
tataḥ proktaḥ śivenāsau śeṣaḥ śūlena bhogibhiḥ
darauf wurde jener Śeṣa von Śiva mittels des Dreizacks vor den Schlangen ausgezeichnet
[?] Hara, der Gott, der Herr Śeṣas (Śeṣeśvara), kehrte wieder dorthin zurück, (von wo er gekommen war); auf demselben Weg, auf dem er gekommen war, ging jener Schlangenkönig, um den Gott zu sehen.
Wort für Wort
nyavartata punar devo
der Gott kehrte wieder zurück
yatra śeṣeśvaro haraḥ
Hara, der Herr Śeṣas, dorthin (wo er gewesen war)
pathā yena samāyāto devaṃ draṣṭuṃ sa nāgarāṭ
auf demselben Weg, auf dem er gekommen war, ging jener Schlangenkönig, um den Gott zu sehen
[Anm.: Syntax und genauer Bezug von 'yatra' und 'śeṣeśvaraḥ' unsicher.]
tad vāri gaṅgām agamad gaṅgāyāḥ saṃgamas tataḥ /
devasya purataś cāpi kuṇḍaṃ tatra suvistaram // BrP_115.15 //
Jenes Wasser floss zur Gaṅgā, daher entstand dort ein Zusammenfluss mit der Gaṅgā; und vor dem Gott befindet sich dort auch ein weit ausgedehntes Wasserbecken (Kuṇḍa).
Wort für Wort
tad vāri gaṅgām agamad
jenes Wasser floss zur Gaṅgā
gaṅgāyāḥ saṃgamas tataḥ
daher entstand dort ein Zusammenfluss mit der Gaṅgā
devasya purataś cāpi kuṇḍaṃ tatra suvistaram
und vor dem Gott befindet sich dort auch ein weit ausgedehntes Wasserbecken
Nachdem er den Gott der Götter verehrt hatte, ging der erfreute, hochberühmte Nāga, nachdem er von Śiva die erwünschte Unterwelt-Stätte erlangt hatte, dorthin.
Wort für Wort
devadevaṃ samārādhya nāgaḥ prīto mahāyaśāḥ
nachdem er den Gott der Götter verehrt hatte, der erfreute, hochberühmte Nāga
rasātalaṃ tato 'bhīṣṭaṃ śivāt prāpya talaṃ yayau
nachdem er von Śiva die erwünschte Unterwelt-Stätte erlangt hatte, ging er dorthin
āyurlakṣmīkaraṃ puṇyaṃ snānadānāc ca muktidam /
śṛṇuyād vā paṭhed bhaktyā yo vāpi smarate tu tat // BrP_115.19 //
Heilig, Lebensdauer und Wohlstand verleihend, und durch Bad und Spende Erlösung gewährend; wer dies mit Hingabe hört, rezitiert oder sich daran erinnert,
Wort für Wort
āyurlakṣmīkaraṃ puṇyaṃ
heilig, Lebensdauer und Wohlstand verleihend
snānadānāc ca muktidam
und durch Bad und Spende Erlösung gewährend
śṛṇuyād vā paṭhed bhaktyā yo vāpi smarate tu tat
wer dies mit Hingabe hört, rezitiert oder sich daran erinnert
[?] Wo Śeṣeśvara das Tīrtha ist, wo Śiva Kraft verleiht, dort gibt es, o Tiger unter den Weisen, an beiden Ufern Hunderte von Tīrthas – darunter einundzwanzig benannte –, die allen Reichtum gewähren.
Wort für Wort
tīrthaṃ śeṣeśvaro yatra yatra śaktipradaḥ śivaḥ
wo Śeṣeśvara das Tīrtha ist, wo Śiva Kraft verleiht
ekaviṃśatitīrthānām ubhayos tatra tīrayoḥ
der einundzwanzig Tīrthas, dort an beiden Ufern
śatāni muniśārdūla sarvasaṃpatpradāyinām
Hunderte, o Tiger unter den Weisen, die allen Reichtum gewähren
[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original; genaue Konstruktion von 'ekaviṃśatitīrthānām ... śatāni' unsicher.]