Kapitel 45: śrīkṛṣṇasaṃvādepuruṣottamakṣetrotpattivarṇanam
Der Ursprung des Puruṣottama-Kṣetra im Gespräch zwischen Śrī und Viṣṇu
Auf die Frage der Weisen, warum vor Indradyumna dort kein Bildnis stand, erzählt Brahmā eine ältere Geschichte: Auf dem Sumeru fragte einst die Göttin Śrī (Lakṣmī) den Gott Viṣṇu nach dem Weg zur Erlösung. Viṣṇu antwortet mit einer kosmogonischen Erzählung - der Entstehung Brahmās aus dem Nabellotos, der Schöpfung aller Wesen und der vier Kasten, und schließlich der Selbstmanifestation der tausendäugigen Puruṣa-Gestalt (Puruṣottama) durch Brahmās Meditation - und beschreibt den Ursprung des Tīrtharāja am Ufer des südlichen Ozeans beim Banyanbaum. Eingefügt ist die Erzählung von Yamas Klage: Ein aus Indranīla (Saphir) gefertigtes Bildnis gewährte Erlösung ohne den Umweg über Yamas Totenreich, weshalb Viṣṇu es auf Yamas Bitte hin unter Sand und Ranken verbarg. Das Kapitel schließt mit einer langen Vorausschau (V.79-89) auf die noch folgenden Episoden der Indradyumna-Erzählung.
tasmin kṣetravare puṇye vaiṣṇave puruṣottame /
kiṃ tatra pratimā pūrvaṃ na sthitā vaiṣṇavī prabho //
{Die Weisen sprachen (Speaker im Quelltext nicht eigens markiert, aus Kontext erschlossen):} "In jenem heiligen, Viṣṇu geweihten Feld Puruṣottama - warum stand dort zuvor kein Viṣṇu-Bildnis, o Herr?
Wort für Wort
tasmin kṣetravare puṇye
in jenem heiligen Feld
vaiṣṇave puruṣottame
dem Viṣṇu geweihten Puruṣottama
kim tatra pratimā pūrvam
warum [gab es] dort zuvor kein Bildnis
na sthitā vaiṣṇavī prabho
kein Viṣṇu-Bildnis stand, o Herr
[Anm.: Die Quelle markiert den Sprecherwechsel zu den fragenden Weisen an dieser Stelle nicht ausdrücklich (anders als sonst mit "munaya ūcuḥ"); aus der Anrede "prabho" und dem folgenden "brahmovāca" in V.4 ergibt sich jedoch eindeutig, dass V.1-3 eine Frage der Weisen an Brahmā darstellen.]
von anderen Götterwohnstätten, von Sādhyas, von den Herren der Geschöpfe mit Kaśyapa an der Spitze, und ebenso von den Vālakhilyas und anderen [geschmückt], überaus entzückend,
Wort für Wort
anyaiḥ devālayaiḥ sādhyaiḥ
von anderen Götterwohnstätten, von Sādhyas
kaśyapādyaiḥ prajeśvaraiḥ
von den Herren der Geschöpfe mit Kaśyapa an der Spitze
vālakhilyādibhiḥ ca eva śobhite
und ebenso von den Vālakhilyas und anderen geschmückt
nāriṅgakolabakulalodhradāḍimadārukaiḥ /
sarjaiś ca karṇais tagaraiḥ śiśibhūrjavanimbakaiḥ //
mit Orangen-, Jujube-, Bakula-, Lodhra-, Granatapfel- und Devadāru-Bäumen, mit Sarja-, Karṇikāra- und Tagara-Bäumen, mit [Śiśi-], Birken- und Wald-Nimba-Bäumen,
Wort für Wort
nāriṅgakolabakulalodhradāḍimadārukaiḥ
mit Orangen-, Jujube-, Bakula-, Lodhra-, Granatapfel- und Devadāru-Bäumen
sarjaiḥ ca karṇaiḥ tagaraiḥ
mit Sarja-, Karṇikāra- [?] und Tagara-Bäumen
śiśibhūrjavanimbakaiḥ
mit [Śiśi- (?)], Birken- und Wald-Nimba-Bäumen
[?] "karṇaiḥ" ist wohl Kurzform für "karṇikāra"; "śiśi-" bleibt unklar (evtl. Kurzform für śiśira oder śiṃśapā).
den Ordner aller Welten, den Vāsudeva genannten Unvergänglichen - vor ihm sich mit dem Haupt verneigend, aus Wunsch nach dem Wohl der Welten, stellte die Göttin, die Lotosgeborene [Śrī], ihm, dem Unübertrefflichen, diese große Frage.
Wort für Wort
sarvalokavidhātāram
den Ordner aller Welten
vāsudevākhyam avyayam
den Vāsudeva genannten Unvergänglichen
praṇamya śirasā devī
sich mit dem Haupt verneigend, die Göttin
lokānām hitakāmyayā
aus Wunsch nach dem Wohl der Welten
papraccha imam mahāpraśnam
stellte diese große Frage
padmajā tam anuttamam
die Lotosgeborene, ihm, dem Unübertrefflichen
[Anm.: V.17 ist im Quelltext ein dreizeiliger (sechs-pādiger) Vers, unter einer Versnummer zusammengefasst - eine im Text wiederkehrende Unregelmäßigkeit.]
Śrī sprach: "Verkünde du, o Herr aller Welten, den in meinem Herzen befindlichen Zweifel - über die wundervolle Sterblichenwelt, das Feld der Taten, überaus schwer zu erlangen,
ergriffen vom Würgegriff der Gier und Verblendung, in dem gewaltigen Ozean von Begierde und Zorn - wodurch man, o Herr der Götter, aus diesem Ozean des Saṃsāra befreit werden könnte.
Wort für Wort
lobhamohagrahagraste
ergriffen vom Würgegriff der Gier und Verblendung
kāmakrodhamahārṇave
in dem gewaltigen Ozean von Begierde und Zorn
yena mucyeta deveśa
wodurch man, o Herr der Götter, befreit werden könnte
Erkläre es, o Herr aller Götter, wenn du die Verneigte für würdig hältst; außer dir gibt es in dieser Welt niemanden, der die Entscheidung über den Zweifel verkünden könnte."
Wort für Wort
ācakṣva sarvadeveśa
erkläre es, o Herr aller Götter
praṇatām yadi manyase
wenn du die Verneigte für würdig hältst
tvadṛte na asti loke asmin
außer dir gibt es in dieser Welt niemanden
vaktā saṃśayanirṇaye
der die Entscheidung über den Zweifel verkünden könnte
Brahmā sprach: "Nachdem er so ihr Wort gehört hatte, sprach der Gott der Götter, Janārdana, mit höchster Freude das höchste, dem Nektar der Essenz gleichende [Wort]:
Wort für Wort
śrutvā evam vacanam tasyāḥ
nachdem er so ihr Wort gehört hatte
devadevaḥ janārdanaḥ
der Gott der Götter, Janārdana
provāca parayā prītyā
sprach mit höchster Freude
param sārāmṛtopamam
das höchste, dem Nektar der Essenz gleichende [Wort]
{śrībhagavān uvāca:} sukhopāsyaḥ susādhyaś ca 'bhirāmaś ca susatphalaḥ /
āste tīrthavare devi vikhyātaḥ puruṣottamaḥ //
Der erhabene Herr sprach: "Leicht zu verehren, leicht erreichbar, entzückend und von wahrhaft guter Frucht - im vorzüglichen Tīrtha weilt, o Göttin, der berühmte Puruṣottama.
na vijñāto 'maraiḥ sarvair na daityair na ca dānavaiḥ /
marīcyādyair munivarair gopitaṃ me varānane //
Nicht erkannt von allen Unsterblichen, nicht von den Daityas noch von den Dānavas, noch von den besten Weisen mit Marīci an der Spitze - von mir verborgen gehalten, o Schönantlitzige,
Wort für Wort
na vijñātaḥ amaraiḥ sarvaiḥ
nicht erkannt von allen Unsterblichen
na daityaiḥ na ca dānavaiḥ
nicht von den Daityas noch von den Dānavas
marīcyādyaiḥ munivaraiḥ
noch von den besten Weisen mit Marīci an der Spitze
Es war [einst], als das [vorige] Weltzeitalter entstand, nachdem Unbewegliches und Bewegliches vergangen war, [und] Götter, Gandharvas, Daityas, Vidyādharas und Uragas aufgelöst waren,
Wort für Wort
āsīt kalpe samutpanne
es war, als das Weltzeitalter entstand
naṣṭe sthāvarajaṅgame
nachdem Unbewegliches und Bewegliches vergangen war
pralīnāḥ devagandharvadaityavidyādharoragāḥ
Götter, Gandharvas, Daityas, Vidyādharas und Uragas [waren] aufgelöst
der glanzvolle Gott, der die drei Formen schafft, der Schöpfer der Welt, der große Herr, bekannt als Vāsudeva, dessen Wesen Yoga ist, Hari, der Herrscher.
so 'sṛjad yoganidrānte nābhyambhoruhamadhyagam /
padmakeśarasaṃkāśaṃ brahmāṇaṃ bhūtam avyayam //
Er schuf am Ende seines Yoga-Schlafes den inmitten des aus seinem Nabel [entsprossenen] Lotos befindlichen, den Lotosfasern gleichenden, das unvergängliche Wesen Brahmā.
mātrāyonīni bhūtāni sthūlasūkṣmāṇi yāni ca /
caturvidhāni sarvāṇi sthāvarāṇi carāṇi ca //
die aus den [subtilen] Elementen entstandenen Wesen, die grob- und feinstofflichen, welche es gibt, alle vierfach [entstehend], die unbeweglichen und die beweglichen,
Wort für Wort
mātrāyonīni bhūtāni
die aus den [subtilen] Elementen entstandenen Wesen
darauf machte Brahmā, der Herr der Geschöpfe, alles Bewegliche und Unbewegliche; sich selbst im Geiste bedenkend, erschuf er die mannigfaltigen Geschöpfe,
alle Weisen mit Marīci an der Spitze, auch die Götter, Asuras und Ahnen, die Yakṣas, Vidyādharas und andere, ebenso die Flüsse angeführt von der Gaṅgā,
naravānarasiṃhāṃś ca vividhāṃś ca vihaṃgamān /
jarāyūn aṇḍajān devi svedajodbhedajāṃs tathā //
Menschen, Affen und Löwen, und mancherlei Vögel, die Lebendgeborenen, die Eigeborenen, o Göttin, und ebenso die Schweißgeborenen und die Sprossgeborenen,
Wort für Wort
naravānarasiṃhān ca
Menschen, Affen und Löwen
vividhān ca vihaṃgamān
und mancherlei Vögel
jarāyūn aṇḍajān devi
die Lebendgeborenen, die Eigeborenen, o Göttin
svedajodbhedajān tathā
und ebenso die Schweißgeborenen und die Sprossgeborenen
brahma kṣatraṃ tathā vaiśyaṃ śūdraṃ caiva catuṣṭayam /
antyajātāṃś ca mlecchāṃś ca sasarja vividhān pṛthak //
die vier [Kasten] Brahmanen, Kṣatriyas, ebenso Vaiśyas und Śūdras, und die Niedrigstgeborenen und die Mlecchas erschuf er, jedes einzeln, mannigfaltig,
Wort für Wort
brahma kṣatram tathā vaiśyam śūdram ca eva catuṣṭayam
die vier [Kasten] Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras
yat kiṃcij jīvasaṃjñaṃ tu tṛṇagulmapipīlikam /
brahmā bhūtvā jagat sarvaṃ nirmame sa carācaram //
was auch immer den Namen "Lebewesen" trägt, bis hin zu Gras, Strauch und Ameise - Brahmā geworden, fertigte er die ganze Welt an, das Bewegliche und Unbewegliche.
tataḥ prabhṛti loke 'smin prajā maithunasaṃbhavāḥ /
adhamottamamadhyāś ca mama kṣetrāṇi yāni ca //
seit damals entstehen in dieser Welt die Geschöpfe durch geschlechtliche Vereinigung, niedrige, höchste und mittlere, und [ebenso entstanden] meine Felder, welche es auch gibt.
Wort für Wort
tataḥ prabhṛti loke asmin
seit damals in dieser Welt
prajā maithunasaṃbhavāḥ
entstehen die Geschöpfe durch geschlechtliche Vereinigung
So nachdem er dies bedacht hatte, jener Gott, der einst aus dem Wasser Geborene [Brahmā], verfiel er in Meditation, die Gestalt Vāsudevas [in seinem Geiste] festhaltend.
tuṣṭāva paramaiḥ stotrair viriñciḥ susamāhitaḥ /
tato 'ham uktavān devaṃ brahmāṇaṃ kamalodbhavam /
kāraṇaṃ vada māṃ tāta mama dhyānasya sāṃpratam //
pries ihn Viriñci [Brahmā] mit höchsten Lobpreisungen, wohlgesammelt. Da sprach ich [Viṣṇu] zum Gott Brahmā, dem Lotosgeborenen: 'Sage mir, Vater, jetzt den Grund für deine Meditation.'
Wort für Wort
tuṣṭāva paramaiḥ stotraiḥ
pries ihn mit höchsten Lobpreisungen
viriñciḥ susamāhitaḥ
Viriñci, wohlgesammelt
tataḥ aham uktavān devam
da sprach ich zum Gott
brahmāṇam kamalodbhavam
Brahmā, dem Lotosgeborenen
kāraṇam vada mām tāta
sage mir, Vater, den Grund
mama dhyānasya sāṃpratam
für deine Meditation jetzt
[Anm.: V.43 ist wiederum ein dreizeiliger Vers unter einer Nummer. Ab hier spricht innerhalb der von Brahmā erzählten Rahmengeschichte Viṣṇu selbst in der ersten Person - eine verschachtelte Erzählperspektive.]
{brahmovāca:} jagaddhitāya deveśa martyalokaiś ca durlabham /
svargadvārasya mārgāṇi yajñadānavratāni ca //
Brahmā [in der Erzählung] sprach: "Zum Wohl der Welt, o Herr der Götter, und für die Sterblichenwelt schwer zu erlangen [sind] die Wege zum Tor des Himmels, die Opfer-, Gaben- und Gelübde-[Praktiken],
Wort für Wort
jagaddhitāya deveśa
zum Wohl der Welt, o Herr der Götter
martyalokaiḥ ca durlabham
und für die Sterblichenwelt schwer zu erlangen
svargadvārasya mārgāṇi
die Wege zum Tor des Himmels
yajñadānavratāni ca
die Opfer-, Gaben- und Gelübde-[Praktiken]
[Anm.: Dieses "brahmovāca" bezeichnet Brahmā als Figur innerhalb der erzählten Geschichte (im Gespräch mit Viṣṇu), nicht den äußeren Rahmenerzähler Brahmā.]
Nachdem ich das Wort des Schöpfers gehört hatte, sprach ich da, o Liebe: 'Höre, Brahmane, ich werde [es] verkünden - das Reine, auf Erden schwer zu Erlangende,
bhuktimuktipradaṃ nṝṇāṃ kṣetraṃ paramadurlabham /
mahāpuṇyaṃ tu sarveṣāṃ siddhidaṃ vai pitāmahe //
den Menschen Genuss und Erlösung gewährend, ein Feld, überaus schwer zu erlangen; überaus heilig für alle, wahrlich Vollendung gewährend, o Großvater -
Der [Baum] aber erfährt, wenn ein [neues] Weltzeitalter mit gewaltigen, alles vernichtenden Feuerbränden entsteht, selbst keine Zerstörung, [sondern] verharrt eben dort so.
Durch das bloße Erblicken jenes Banyanbaums, und wiederholt seinen Schatten betretend, wird man vom Brahmanenmord befreit - was ist da erst von anderen Sünden zu sagen?
den Vorzüglichen, Erwählenswerten, Gnadenspendenden, den Schöpfer, den Ungeschaffenen, den Herrn, den Herrn des Alls, den Ungeborenen, Viṣṇu, den Allwissenden, den Unbesiegten,
Wort für Wort
varam vareṇyam varadam
den Vorzüglichen, Erwählenswerten, Gnadenspendenden
den Schöpfer des Höheren und Niederen, den Herrn der Welt, den Weltenlehrer, mit dem Śrīvatsa-Zeichen an der Brust versehen, mit Waldblumenkranz geschmückt,
frei von Sein und Nichtsein, alldurchdringend, jenseits der Materie - ich verneige mich vor dem Herrn der Welt, dem Herrscher, dem Glück Gewährenden, dem Herrn."
Der König des Dharma sprach: "In diesem heiligen, berühmten Heiligtum Puruṣottama [steht] ein vorzügliches, aus Indranīla bestehendes Bildnis, alle Wünsche gewährend.
Wort für Wort
asmin āyatane puṇye
in diesem heiligen Heiligtum
vikhyāte puruṣottame
dem berühmten Puruṣottama
indranīlamayī śreṣṭhā
ein vorzügliches, aus Indranīla [Saphir] bestehendes
Wer dieses erblickt, o Lotosäugiger, mit einsinnigem Herzen, mit Glauben, [dieser] geht zur Śveta genannten Wohnstatt ein, wunschlos geworden, die Menschen.
Nachdem ich es mit Ranken verhüllt hatte, o Göttin, mit goldfarbenem [Laub-]Gewand, sandte ich Yama fort zu seiner eigenen Stadt in südlicher Richtung.
Indradyumnas Auszug, und ebenso das Erblicken des Feldes, und die Beschreibung des Feldes, und ebenso die Errichtung des Tempels,
Wort für Wort
indradyumnasya gamanam
Indradyumnas Auszug
kṣetrasaṃdarśanam tathā
und ebenso das Erblicken des Feldes
kṣetrasya varṇanam ca eva
und die Beschreibung des Feldes
prāsādakaraṇam tathā
und ebenso die Errichtung des Tempels
[Anm.: Es folgt (V.79-89) eine "Inhaltsübersicht" - eine Aufzählung der noch zu erzählenden Episoden, ein im Purāṇa-Stil verbreitetes Vorausschau-Mittel.]
und die Aufstellung aller [Bildnisse] im vorzüglichsten Tempel der Welt, und zur Zeit der Wallfahrt, o Fürst der Brahmanen, die Verkündung der Weltzeitalter,