Kapitel 81: kārttikeyatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Kārttikeya-Tīrtha
Nach dem Sieg über Tāraka gestattet Pārvatī ihrem Sohn Kārttikeya (Skanda), sich nach Belieben zu vergnügen; er tut dies mit den Gattinnen der Götter, die dies nicht verhindern können. Aus Sorge nimmt Pārvatī selbst die Gestalt jeder Frau an, der sich Skanda nähert, sodass er in jeder von ihnen das Antlitz seiner eigenen Mutter erblickt. Von Scham ergriffen und zur Erkenntnis gelangt, dass die ganze Welt 'aus Müttern besteht', begibt sich Skanda zur Gautamī und gelobt Entsagung. Śiva und Pārvatī bestätigen sein Verhalten. Als Indra ihm zum Dank eine Gabe anbieten will, erbittet Skanda nichts für sich selbst, sondern eine Gnade für das Tīrtha: dass selbst schwerste Sünder (bis hin zu Ehebrechern mit der Frau des Lehrers) durch bloßes Baden dort gereinigt werden, Tiere eine bessere Geburt und Hässliche Schönheit erlangen. Śiva gewährt dies, und die Pilgerstätte wird fortan 'Kārttikeya' genannt.
{Brahmā sprach:} Das höchste Tīrtha Kārttikeya, als das des Kumāra (Skanda) berühmt – durch dessen bloßes Hören des Namens wird man von guter Familie und schöner Gestalt.
Wort für Wort
kārttikeyam param tīrtham kaumāram iti viśrutam
das höchste Tīrtha Kārttikeya, als das des Kumāra berühmt
yat-nāma-śravaṇāt eva kulavān rūpavān bhavet
durch dessen bloßes Hören des Namens wird man von guter Familie und schöner Gestalt
evam uktaḥ sa vai mātrā viśākho devatāstriyaḥ / yathāsukhaṃ balād reme devapatnyo 'pi remire //
So von der Mutter angesprochen, ergötzte sich Viśākha (Skanda) fürwahr mit Gewalt nach Belieben an den Frauen der Götter; auch die Gattinnen der Götter ergötzten sich (mit ihm).
Wort für Wort
evam uktaḥ sa vai mātrā viśākhaḥ devatā-striyaḥ
so von der Mutter angesprochen, ergötzte sich Viśākha fürwahr an den Frauen der Götter
yathāsukham balāt reme deva-patnyaḥ api remire
nach Belieben mit Gewalt; auch die Gattinnen der Götter ergötzten sich
tato nivedayām āsuḥ pārvatyai putrakarma tat / asakṛd vāryamāṇo 'pi mātrā devaiḥ sa śaktidhṛk //
Da meldeten sie der Pārvatī jenes Tun ihres Sohnes; obwohl er, der Speerträger, wiederholt sowohl von der Mutter als auch von den Göttern zurückgehalten wurde,
Wort für Wort
tataḥ nivedayām āsuḥ pārvatyai putra-karma tat
da meldeten sie der Pārvatī jenes Tun ihres Sohnes
asakṛt vāryamāṇaḥ api mātrā devaiḥ sa śakti-dhṛk
obwohl er, der Speerträger, wiederholt von Mutter und Göttern zurückgehalten wurde
aus Mutterliebe, und ebenso die Herrin, zum Gelingen der Sache der Götter (bedacht), wieder und wieder denkend, dass die Göttergattinnen dauerhaft zu schützen seien –
Wort für Wort
putra-snehāt tathā eva īśā devānām kārya-siddhaye
aus Mutterliebe, und ebenso die Herrin, zum Gelingen der Sache der Götter
deva-patnyaḥ ciram rakṣyāḥ iti matvā punaḥ punaḥ
wieder und wieder denkend, dass die Göttergattinnen dauerhaft zu schützen seien
[Anm.: Satzbau von V8-9 gedrängt; Sinn: Pārvatī, aus Mutterliebe und zugleich um der Götter willen besorgt, sinnt auf einen Weg, die Göttergattinnen zu schützen.]
yasyāṃ tu ramate skandaḥ pārvatī tv api tādṛśī / tadrūpam ātmanaḥ kṛtvā vartayām āsa pārvatī //
In welche Frau Skanda sich aber auch verliebte, ebenso gestaltet nahm Pārvatī deren Form an; diese Gestalt für sich selbst annehmend, ließ Pārvatī sich (als Mutter) darin gegenwärtig sein.
Wort für Wort
yasyām tu ramate skandaḥ pārvatī tu api tādṛśī
in welche Frau Skanda sich auch verliebte, ebenso gestaltet wurde auch Pārvatī
tat-rūpam ātmanaḥ kṛtvā vartayām āsa pārvatī
diese Gestalt für sich selbst annehmend, ließ Pārvatī sich darin gegenwärtig sein
tām apāsya namasyātha punar anyām athāhvayat / tasyāṃ tu mātṛrūpaṃ sa prekṣya lajjām upeyivān //
Sie zurückweisend und verehrend, rief er dann eine andere herbei; doch als er auch in dieser die Mutter-Gestalt erblickte, ward er von Scham ergriffen.
Wort für Wort
tām apāsya namasya atha punaḥ anyām atha āhvayat
sie zurückweisend und verehrend, rief er dann eine andere herbei
tasyām tu mātṛ-rūpam sa prekṣya lajjām upeyivān
doch als er auch in dieser die Mutter-Gestalt erblickte, ward er von Scham ergriffen
So, nachdem er in vielen (Frauen) diese Gestalt erblickt hatte, (erkannte er,) dass die Welt aus lauter Müttern besteht; so denkend, gelangte der Gaṅgā-Sohn (Skanda) da zur Entsagung.
Wort für Wort
evam bahvīṣu tat rūpam dṛṣṭvā mātṛmayam jagat
so, nachdem er in vielen Frauen diese Gestalt erblickt hatte, erkannte er, dass die Welt aus lauter Müttern besteht
iti saṃcintya gāṅgeyaḥ vairāgyam agamat tadā
so denkend, gelangte der Gaṅgā-Sohn da zur Entsagung
sa tu mātṛkṛtaṃ jñātvā pravṛttasya nivartanam / nivāryaś ced ahaṃ bhogāt kiṃtu pūrvaṃ pravartitaḥ //
Er aber, erkennend, dass es das Werk der Mutter war, (überlegte) die Umkehr dessen, was schon begonnen war: 'Wenn ich vom Genuss zurückgehalten werden sollte – warum bin ich dann zuvor (dazu) veranlasst worden?'
Wort für Wort
sa tu mātṛ-kṛtam jñātvā pravṛttasya nivartanam
er aber, erkennend, dass es das Werk der Mutter war, (überlegte) die Umkehr dessen, was schon begonnen war
nivāryaḥ cet aham bhogāt kiṃtu pūrvam pravartitaḥ
wenn ich vom Genuss zurückgehalten werden sollte - warum bin ich dann zuvor dazu veranlasst worden
Dies erkennend, hielt der Weltenherr Śaṃkara (Śiva) zusammen mit Pārvatī den Sohn zurück; 'so ist es geschehen', sprach der Lehrer/Herr [?].
Wort für Wort
evam jñātvā loka-nāthaḥ pārvatyā saha śaṃkaraḥ
dies erkennend, hielt der Weltenherr Śaṃkara zusammen mit Pārvatī
putram nivārayām āsa vṛttam iti abravīt guruḥ
den Sohn zurück; 'so ist es geschehen', sprach der Lehrer/Herr [?]
[Anm.: Der Bezug von 'guruḥ' ('Lehrer/Herr') am Versende ist unklar – möglicherweise Śiva selbst als Weltlehrer gemeint, oder ein Verweis auf Bṛhaspati, den Lehrer der Götter.]
{skanda uvāca:} senāpatiḥ surapatis tava putro 'ham ity api / alam etena deveśa kiṃ varaiḥ surapūjita //
{Skanda sprach:} Heerführer (bin ich), Herr der Götter, ja sogar dein Sohn bin ich – genug damit, o Götterherr; wozu (bedarf es) der Gaben, o von den Göttern Verehrter?
Wort für Wort
senāpatiḥ surapatiḥ tava putraḥ aham iti api
Heerführer, Herr der Götter, ja sogar dein Sohn bin ich
alam etena deveśa kim varaiḥ surapūjita
genug damit, o Götterherr; wozu bedarf es der Gaben, o von den Göttern Verehrter
{brahmovāca:} evam astv iti taṃ śaṃbhuḥ pratyanandat suteritam / tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ kārttikeyam iti śrutam / tatra snānaṃ ca dānaṃ ca sarvakratuphalapradam //
{Brahmā sprach:} 'So sei es', erwiderte Śambhu (Śiva) zustimmend dem, was der Sohn gesagt hatte. Seitdem ist jene Pilgerstätte als 'Kārttikeya' bekannt; Bad und Gabe dort gewähren die Frucht aller Opfer.
Wort für Wort
evam astu iti tam śaṃbhuḥ pratyanandat suta-īritam
'so sei es', erwiderte Śambhu zustimmend dem, was der Sohn gesagt hatte
tataḥ prabhṛti tat tīrtham kārttikeyam iti śrutam
seitdem ist jene Pilgerstätte als 'Kārttikeya' bekannt
tatra snānam ca dānam ca sarva-kratu-phala-pradam
Bad und Gabe dort gewähren die Frucht aller Opfer
[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer einzigen Nummer im Original.]