Kapitel 37: harastutivaravaraṇavarṇanam
Der Lobpreis Haras durch die Götter und die Gewährung eines aufgeschobenen Gnadenerweises
Nach der Hochzeit (Kap.36) preisen die von Śakra angeführten Götter Maheśvara in einer langen Namaḥ-Litanei (V.2-23), die zahlreiche Śiva-Epitheta versammelt, darunter Anspielungen auf die Zerstörung von Dakṣas Opfer (V.9, vgl. Kap.34) und Sāṃkhya-Terminologie (Puruṣa, Prakṛti, Pradhāna, Guṇa, V.19-22). Śiva bietet den Göttern eine Gabe an; sie bitten, diese unausgesprochen in seiner Hand zu belassen, bis Bedarf entsteht. Ein Phalaśruti-Vers (V.29) und ein abschließender Vers (V.30) verheißen dem Rezitierenden bzw. Hörer des Lobpreises hohen Lohn.
atha vṛtte vivāhe tu bhavasyāmitatejasaḥ /
praharṣam atulaṃ gatvā devāḥ śakrapurogamāḥ /
tuṣṭuvur vāgbhir ādyābhiḥ praṇemus te maheśvaram //
Nachdem sodann die Hochzeit des an unermesslicher Glut reichen Bhava (Śiva) vollzogen war, gerieten die Götter, angeführt von Śakra (Indra), in unvergleichlichen Jubel, priesen jenen Maheśvara mit den ältesten (heiligsten) Lobesworten und verneigten sich vor ihm.
Wort für Wort
atha
nun, sodann
vṛtte
vollzogen (Lok. abs.)
vivāhe
die Hochzeit (Lok. abs.)
tu
aber, nun
bhavasya
des Bhava (Śiva)
amitatejasaḥ
von unermesslicher Glut/Energie
praharṣam
Jubel, Freude
atulam
unvergleichlich
gatvā
geraten seiend in
devāḥ
die Götter
śakrapurogamāḥ
angeführt von Śakra (Indra)
tuṣṭuvuḥ
sie priesen
vāgbhiḥ
mit Worten
ādyābhiḥ
den ältesten, ersten (heiligen)
praṇemuḥ
sie verneigten sich
te
vor ihm
maheśvaram
den großen Herrn (Śiva)
[Anm.: Dreizeiliger Vers (6 Pādas) unter einer Versnummer, wie an mehreren Stellen des Textes.]
{devā ūcuḥ:} namaḥ parvataliṅgāya parvateśāya vai namaḥ /
namaḥ pavanavegāya virūpāyājitāya ca /
namaḥ kleśavināśāya dātre ca śubhasaṃpadām //
{Die Götter sprachen:} Verehrung dem Berg-Liṅga, Verehrung sei dem Herrn der Berge! Verehrung dem, der windschnell ist, dem Ungestalten, dem Unbesiegten! Verehrung dem Vernichter allen Leids und dem Geber glückverheißenden Wohlstands!
namo devavayasyāya vedāṅgāya namo namaḥ /
viṣṭambhanāya śakrasya bāhvor vedāṅkurāya ca //
Verehrung dem Gefährten der Götter, Verehrung, Verehrung dem, dessen Glieder die Vedāṅgas sind! Dem, der Śakras beide Arme lähmte [?], und dem Keim/Ursprung des Veda sei Verehrung!
Wort für Wort
namaḥ
Verehrung
devavayasyāya
dem Gefährten der Götter
vedāṅgāya
dem mit Veda-Gliedern
viṣṭambhanāya
dem Lähmer, Stützer
śakrasya
Śakras (Indras)
bāhvoḥ
der beiden Arme
vedāṅkurāya
dem Keim/Spross des Veda
ca
und
[?: 'viṣṭambhanāya śakrasya bāhvoḥ' - unklarer mythologischer Bezug, evtl. Anspielung auf eine Erzählung, in der Śiva Indras (Śakras) Arm lähmte.]
carācarādhipataye śamanāya namo namaḥ /
salilāśayaliṅgāya yugāntāya namo namaḥ //
Verehrung, Verehrung dem Herrscher über Bewegliches und Unbewegliches, dem Bezwinger! Verehrung, Verehrung dem, dessen Liṅga im Wasser ruht, dem Gott der Weltzeitenwende!
Verehrung dem mit der Schädelgirlande, dem Träger der Schädelschnur! Verehrung dem, der einen Schädel in der Hand trägt, dem Stab- und Keulenträger sei Verehrung!
namas trailokyanāthāya paśulokaratāya ca /
namaḥ khaṭvāṅgahastāya pramathārtiharāya ca //
Verehrung dem Herrn der drei Welten und dem, der an der Welt der Geschöpfe Freude hat! Verehrung dem, der die Totenbett-Keule (Khaṭvāṅga) in der Hand trägt, und dem Beseitiger der Pein der Pramathas!
Wort für Wort
namaḥ
Verehrung
trailokyanāthāya
dem Herrn der drei Welten
paśulokaratāya
dem an der Welt der Geschöpfe (paśu) Freude Habenden
namo yajñaśirohantre kṛṣṇakeśāpahāriṇe /
bhaganetranipātāya pūṣṇo dantaharāya ca //
Verehrung dem Vernichter des Opferhauptes, dem Räuber der schwarzen Haare! Dem, der Bhagas Auge zu Fall brachte, und dem, der Pūṣans Zähne raubte!
Wort für Wort
namaḥ
Verehrung
yajñaśirohantre
dem Vernichter des Opferhauptes
kṛṣṇakeśāpahāriṇe
dem Räuber der schwarzen Haare
bhaganetranipātāya
dem, der Bhagas Auge zu Fall brachte
pūṣṇaḥ
Pūṣans
dantaharāya
dem Zahn-Räuber
[Anm.: Anspielung auf die Zerstörung von Dakṣas Opfer (vgl. Kap.34), bei der Śiva das Opfer enthauptete, dem Gott Pūṣan die Zähne ausschlug und Bhaga die Augen nahm - ein verbreitetes purāṇisches Motiv.]
namaḥ śmaśānarataye śmaśānavaradāya ca /
namo daivatanāthāya tryambakāya namo namaḥ //
Verehrung dem, der sich am Leichenfeld erfreut, und dem Segenspender des Leichenfeldes! Verehrung dem Herrn der Götter, Verehrung, Verehrung dem Dreiäugigen (Tryambaka)!
kālajñāya ca sarveṣāṃ namo niyamakāriṇe /
namo vaiṣamyakartre ca guṇānāṃ vṛttidāya ca //
Verehrung dem Kenner der Zeit über alle (Wesen) und dem Bewirker der Ordnung! Verehrung dem Bewirker der Ungleichheit und dem Geber der Wirkweise der Guṇas!
namas te devadeveśa namas te bhūtabhāvana /
śiva saumyamukho draṣṭuṃ bhava saumyo hi naḥ prabho //
Verehrung dir, o Herr der Götterherren, Verehrung dir, o Urgrund der Wesen! O Śiva, sei uns, o Herr, mit sanftmütigem Antlitz zum Anblick mild gesinnt!
{śrīśaṃkara uvāca:} draṣṭuṃ sukhaś ca saumyaś ca devānām asmi bhoḥ surāḥ /
varaṃ varayata kṣipraṃ dātāsmi tam asaṃśayam //
{Der glückverheißende Śaṃkara sprach:} Angenehm und mild bin ich für die Götter anzuschauen, oh Götter; erbittet rasch eine Gabe, ich werde sie euch ohne Zweifel gewähren.
{brahmovāca:} tatas te praṇatāḥ sarve surā ūcus trilocanam //*
{Brahmā sprach:} Da sprachen alle jene sich verneigenden Götter zu dem Dreiäugigen.
Wort für Wort
tataḥ
darauf
te sarve suraḥ
alle jene Götter
praṇatāḥ
sich verneigend
ūcuḥ
sie sprachen
trilocanam
zu dem Dreiäugigen
[Anm.: Einzeiliger Halbvers, im Quelltext mit dem Editionszeichen „//*" markiert - der zweite Halbvers fehlt oder ist im überlieferten Text nicht vorhanden, wie an mehreren Stellen dieses Purāṇa.]
{devā ūcuḥ:} tavaiva bhagavan haste vara eṣo 'vatiṣṭhatām /
yadā kāryaṃ tadā nas tvaṃ dāsyase varam īpsitam //
{Die Götter sprachen:} Möge diese Gabe, o Herr, allein in deiner Hand verbleiben; wann immer Bedarf besteht, wirst du uns die gewünschte Gabe gewähren.
{brahmovāca:} evam astv iti tān uktvā visṛjya ca surān haraḥ /
lokāṃś ca pramathaiḥ sārdhaṃ viveśa bhavanaṃ svakam //
{Brahmā sprach:} 'So sei es', sprach Hara zu ihnen, entließ die Götter und die Welten und ging zusammen mit den Pramathas in seine eigene Wohnstatt ein.
yas tu harotsavam adbhutam enaṃ gāyati daivataviprasamakṣam /
so 'pratirūpagaṇeśasamāno dehaviparyayam etya sukhī syāt //
Wer aber dieses wunderbare Fest Haras vor Göttern und Brahmanen besingt, der wird, einem unvergleichlichen Gaṇeśa gleich, nach dem Wandel des Leibes glückselig sein.
Wort für Wort
yaḥ tu
wer aber
harotsavam
das Fest Haras
adbhutam
wunderbar
enam
dieses
gāyati
besingt
daivataviprasamakṣam
vor Göttern und Brahmanen
saḥ
der
apratirūpagaṇeśasamānaḥ
einem unvergleichlichen Gaṇeśa (Gaṇa-Herrn) gleich
dehaviparyayam
den Wandel des Leibes (Tod/Wiedergeburt)
etya
erlangt habend
sukhī syāt
möge er glückselig sein
[Anm.: Vierzeiliger Vers mit gesonderter Pāda-Zählung (a-d) in abweichendem Versmaß, wie mehrfach zu Kapitelenden im Text - hier als Phalaśruti (Frucht-Verkündigung) des Hochzeitsberichts.]
{brahmovāca:} vipravaryāḥ stavaṃ hīmaṃ śṛṇuyād vā paṭhec ca yaḥ /
sa sarvalokago devaiḥ pūjyate 'mararāḍ iva //
{Brahmā sprach:} Wer, oh Bester der Brahmanen, diesen Lobpreis hört oder rezitiert, der wandelt überallhin und wird von den Göttern verehrt wie der König der Unsterblichen (Indra).