Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 196: kālayavanotpattir dvārakānirmāṇaṃ mucukundastutiś ca Die Entstehung des Kālayavana, die Gründung Dvārakās und Mucukundas Lobpreis

Nach einer Beleidigung ('Eunuch') übt der Weise Gārgya Askese und erzeugt durch Śivas Gnade den Kālayavana, der als Sohn eines Yavana-Königs aufwächst und mit unzähligen Mleccha-Kriegern gegen Mathurā zieht. Kṛṣṇa, um die von Jarāsaṃdhas Feldzügen bereits geschwächten Yadus zu schützen, gründet die Meeresstadt Dvārakā und lockt Kālayavana listig — selbst unbewaffnet fliehend — in die Höhle des schlafenden Königs Mucukunda, der einst von den Göttern den Segen erhalten hatte, jeden, der ihn weckt, mit seinem Blick zu Asche zu verbrennen. Kālayavana, der den schlafenden Mucukunda für Kṛṣṇa hält und ihn tritt, verbrennt augenblicklich. Mucukunda erkennt in Kṛṣṇa den in der Yadu-Linie prophezeiten Viṣṇu-Avatāra und trägt ihm einen ausführlichen philosophischen Lobpreis vor, in dem er Kṛṣṇa als das All-Eine, jenseits von Puruṣa Stehende, Ursprung aller Wesen, und einzige Zuflucht aus dem leidvollen Weltenkreislauf preist.

gārgyaṃ goṣṭhe dvijo śyālaḥ ṣaṇḍha ity uktavān dvijāḥ / yadūnāṃ saṃnidhau sarve jahasur yādavās tadā //

Vyāsa sprach: Im Kuhpferch nannte ein Brahmane, [Gārgyas eigener] Schwager, den Gārgya einen 'Eunuchen', o Brahmanen, und da lachten alle Yādavas in der Gegenwart der Yadus.

Wort für Wort
gārgyaṃ goṣṭhe dvijo śyālaḥ
im Kuhpferch [nannte] ein Brahmane, [Gārgyas] Schwager
ṣaṇḍha ity uktavān dvijāḥ
'Eunuch', so nannte er [ihn], o Brahmanen
yadūnāṃ saṃnidhau sarve
in der Gegenwart der Yadus, alle
jahasur yādavās tadā
die Yādavas lachten da

tataḥ kopasamāviṣṭo dakṣiṇāpatham etya saḥ / sutam icchaṃs tapas tepe yaducakrabhayāvaham //

Dann, von Zorn erfüllt, ging er in den Süden (Dakṣiṇāpatha) und übte, sich einen Sohn wünschend, [der] dem Yadu-Kreis Furcht einflößen [sollte], Askese.

Wort für Wort
tataḥ kopasamāviṣṭo
dann, von Zorn erfüllt
dakṣiṇāpatham etya saḥ
er, in den Süden gehend
sutam icchaṃs tapas tepe
sich einen Sohn wünschend, übte er Askese
yaducakrabhayāvaham
[der] dem Yadu-Kreis Furcht einflößen [sollte]

ārādhayan mahādevaṃ so 'yaś cūrṇam abhakṣayat / dadau varaṃ ca tuṣṭo 'sau varṣe dvādaśake haraḥ //

Mahādeva verehrend, aß er Eisenstaub, und im zwölften Jahr gewährte Hara, zufrieden, einen Segen.

Wort für Wort
ārādhayan mahādevaṃ
Mahādeva verehrend
so 'yaś cūrṇam abhakṣayat
aß er Eisenstaub
dadau varaṃ ca tuṣṭo 'sau
und zufrieden gewährte jener einen Segen
varṣe dvādaśake haraḥ
im zwölften Jahr, Hara

saṃbhāvayām āsa sa taṃ yavaneśo hy anātmajam / tadyoṣitsaṃgamāc cāsya putro 'bhūd alisaprabhaḥ //

Der Yavana-Herr erkannte ihn [als seinen Sohn] an, obwohl er nicht sein leiblicher [Sohn] war; und durch [Gārgyas] Vereinigung mit dessen Frau war ein Sohn entstanden, glänzend wie eine [schwarze] Biene.

Wort für Wort
saṃbhāvayām āsa sa taṃ
er [der Yavana-Herr] erkannte ihn an
yavaneśo hy anātmajam
der Yavana-Herr, [obwohl er] nicht sein leiblicher [Sohn war]
tadyoṣitsaṃgamāc cāsya
und durch [Gārgyas] Vereinigung mit dessen Frau
putro 'bhūd alisaprabhaḥ
war ein Sohn entstanden, glänzend wie eine [schwarze] Biene

[Anm.: Die Erzählung deutet an, dass Gārgya durch die von Śiva erlangte magische Kraft mit der Gemahlin des Yavana-Königs den Sohn Kālayavana zeugte, den der König gleichwohl als eigenen Sohn anerkannte und großzog.]

taṃ kālayavanaṃ nāma rājye sve yavaneśvaraḥ / abhiṣicya vanaṃ yāto vajrāgrakaṭhinorasam //

Nachdem der Yavana-Herr ihn, namens Kālayavana, [der eine] wie ein Diamant harte Brust [hatte], in sein eigenes Reich geweiht hatte, ging er [selbst] in den Wald.

Wort für Wort
taṃ kālayavanaṃ nāma
ihn, namens Kālayavana
rājye sve yavaneśvaraḥ
der Yavana-Herr, in sein eigenes Reich
abhiṣicya vanaṃ yāto
geweiht habend, ging er in den Wald
vajrāgrakaṭhinorasam
[ihn, der] eine wie ein Diamant harte Brust [hatte]

sa tu vīryamadonmattaḥ pṛthivyāṃ balino nṛpān / papraccha nāradaś cāsmai kathayām āsa yādavān //

Er aber, von der Trunkenheit seiner Kraft berauscht, fragte nach den mächtigen Königen auf Erden, und Nārada erzählte ihm von den Yādavas.

Wort für Wort
sa tu vīryamadonmattaḥ
er aber, von der Trunkenheit seiner Kraft berauscht
pṛthivyāṃ balino nṛpān
nach den mächtigen Königen auf Erden
papraccha
fragte er
nāradaś cāsmai kathayām āsa yādavān
und Nārada erzählte ihm von den Yādavas

mlecchakoṭisahasrāṇāṃ sahasraiḥ so 'pi saṃvṛtaḥ / gajāśvarathasaṃpannaiś cakāra paramodyamam //

Auch er, umgeben von Tausenden mal Tausenden von Koṭis von Mlecchas, die mit Elefanten, Pferden und Wagen ausgestattet waren, unternahm eine gewaltige Anstrengung.

Wort für Wort
mlecchakoṭisahasrāṇāṃ sahasraiḥ
mit Tausenden mal Tausenden von Koṭis an Mlecchas
so 'pi saṃvṛtaḥ
auch er, umgeben
gajāśvarathasaṃpannaiḥ
die mit Elefanten, Pferden und Wagen ausgestattet waren
cakāra paramodyamam
unternahm er eine höchste Anstrengung

prayayau cātavacchinnaiḥ prayāṇaiḥ sa dine dine / yādavān prati sāmarṣo munayo mathurāṃ purīm //

Und er zog Tag für Tag mit ununterbrochenen Tagesmärschen, voller Groll gegen die Yādavas, zur Stadt Mathurā, o Weise.

Wort für Wort
prayayau cātavacchinnaiḥ prayāṇaiḥ
und er zog aus mit ununterbrochenen Tagesmärschen
sa dine dine
er, Tag für Tag
yādavān prati sāmarṣo
gegen die Yādavas, voller Groll
munayo mathurāṃ purīm
o Weise, zur Stadt Mathurā

kṛṣṇo 'pi cintayām āsa kṣapitaṃ yādavaṃ balam / yavanena samālokya māgadhaḥ saṃprayāsyati //

Auch Kṛṣṇa dachte nach: 'Sähe der Magadha[-König] die Streitmacht der Yādavas durch den Yavana geschwächt, würde er [wieder] angreifen.'

Wort für Wort
kṛṣṇo 'pi cintayām āsa
auch Kṛṣṇa dachte nach
kṣapitaṃ yādavaṃ balam
die geschwächte Streitmacht der Yādavas
yavanena samālokya
durch den Yavana wahrnehmend
māgadhaḥ saṃprayāsyati
würde der Magadha[-König] angreifen

māgadhasya balaṃ kṣīṇaṃ sa kālayavano balī / hantā tad idam āyātaṃ yadūnāṃ vyasanaṃ dvidhā //

'Die durch den Magadha[-König bereits] geschwächte Kraft [der Yadus] würde der starke Kālayavana [vollends] vernichten — so ist dieses zweifache Unheil über die Yadus gekommen.'

Wort für Wort
māgadhasya balaṃ kṣīṇaṃ
die durch den Magadha[-König] geschwächte Kraft
sa kālayavano balī hantā
diese würde der starke Kālayavana vernichten
tad idam āyātaṃ yadūnāṃ
so ist dies über die Yadus gekommen
vyasanaṃ dvidhā
[dieses] zweifache Unheil

tasmād durgaṃ kariṣyāmi yadūnām atidurjayam / striyo 'pi yatra yudhyeyuḥ kiṃ punar vṛṣṇiyādavāḥ //

'Deshalb werde ich für die Yadus eine äußerst schwer zu erobernde Festung errichten, in der sogar Frauen kämpfen könnten — wieviel mehr [dann] die Vṛṣṇis und Yādavas.'

Wort für Wort
tasmād durgaṃ kariṣyāmi
deshalb werde ich eine Festung errichten
yadūnām atidurjayam
für die Yadus, äußerst schwer zu erobern
striyo 'pi yatra yudhyeyuḥ
in der sogar Frauen kämpfen könnten
kiṃ punar vṛṣṇiyādavāḥ
wieviel mehr die Vṛṣṇis und Yādavas

mayi matte pramatte vā supte pravasite 'pi vā / yādavābhibhavaṃ duṣṭā mā kurvan vairiṇo 'dhikam //

'Während ich berauscht oder unachtsam, oder schlafend oder auch abwesend wäre, mögen die bösen Feinde nicht noch eine größere Überwältigung der Yādavas bewirken.'

Wort für Wort
mayi matte pramatte vā
während ich berauscht oder unachtsam [wäre]
supte pravasite 'pi vā
oder schlafend oder auch abwesend
yādavābhibhavaṃ duṣṭā
eine Überwältigung der Yādavas, die bösen [Feinde]
mā kurvan vairiṇo 'dhikam
mögen sie nicht noch mehr bewirken, die Feinde

iti saṃcintya govindo yojanāni mahodadhim / yayāce dvādaśa purīṃ dvārakāṃ tatra nirmame //

So nachdenkend, bat Govinda den großen Ozean um zwölf Yojanas [Land] und erschuf dort die Stadt Dvārakā.

Wort für Wort
iti saṃcintya govindo
so nachdenkend, Govinda
yojanāni mahodadhim
vom großen Ozean, [um] Yojanas
yayāce dvādaśa
bat er um zwölf
purīṃ dvārakāṃ tatra nirmame
und erschuf dort die Stadt Dvārakā

mahodyānāṃ mahāvaprāṃ taḍāgaśataśobhitām / prākāraśatasaṃbādhām indrasyevāmarāvatīm //

[Eine Stadt] mit großen Gärten, mit großen Wällen, geschmückt mit hundert Teichen, dicht besetzt mit hundert Befestigungsmauern — wie Indras [Stadt] Amarāvatī.

Wort für Wort
mahodyānāṃ mahāvaprāṃ
mit großen Gärten, mit großen Wällen
taḍāgaśataśobhitām
geschmückt mit hundert Teichen
prākāraśatasaṃbādhām
dicht besetzt mit hundert Befestigungsmauern
indrasyevāmarāvatīm
wie Indras [Stadt] Amarāvatī

mathurāvāsinaṃ lokaṃ tatrānīya janārdanaḥ / āsanne kālayavane mathurāṃ ca svayaṃ yayau //

Nachdem Janārdana die Bevölkerung Mathurās dorthin [nach Dvārakā] gebracht hatte, ging er, als Kālayavana schon nahe herangekommen war, selbst nach Mathurā.

Wort für Wort
mathurāvāsinaṃ lokaṃ
die Bevölkerung, die in Mathurā wohnte
tatrānīya janārdanaḥ
dorthin bringend, Janārdana
āsanne kālayavane
als Kālayavana nahe [herangekommen] war
mathurāṃ ca svayaṃ yayau
ging er selbst nach Mathurā

bahir āvāsite sainye mathurāyā nirāyudhaḥ / nirjagāma sa govindo dadarśa yavanaś ca tam //

Während das [feindliche] Heer draußen [vor der Stadt] lagerte, ging jener Govinda waffenlos aus Mathurā hinaus, und der Yavana erblickte ihn.

Wort für Wort
bahir āvāsite sainye
während das Heer draußen lagerte
mathurāyā nirāyudhaḥ
waffenlos, aus Mathurā
nirjagāma sa govindo
ging jener Govinda hinaus
dadarśa yavanaś ca tam
und der Yavana erblickte ihn

sa jñātvā vāsudevaṃ taṃ bāhupraharaṇo nṛpaḥ / anuyāto mahāyogi-cetobhiḥ prāpyate na yaḥ //

Er, ihn als Vāsudeva erkennend, verfolgte der König, [nur] seine Arme als Waffe [nutzend], den, der [selbst] mit dem Geist großer Yogis nicht erreicht wird.

Wort für Wort
sa jñātvā vāsudevaṃ taṃ
er, ihn als Vāsudeva erkennend
bāhupraharaṇo nṛpaḥ
der König, [nur] seine Arme als Waffe
anuyāto
verfolgte [ihn]
mahāyogicetobhiḥ prāpyate na yaḥ
den, der [selbst] mit dem Geist großer Yogis nicht erreicht wird

tenānuyātaḥ kṛṣṇo 'pi praviveśa mahāguhām / yatra śete mahāvīryo mucukundo nareśvaraḥ //

Von ihm verfolgt, betrat auch Kṛṣṇa eine große Höhle, in der der überaus kraftvolle König Mucukunda schlief.

Wort für Wort
tenānuyātaḥ kṛṣṇo 'pi
von ihm verfolgt, auch Kṛṣṇa
praviveśa mahāguhām
betrat eine große Höhle
yatra śete mahāvīryo
wo der überaus Kraftvolle schlief
mucukundo nareśvaraḥ
Mucukunda, der Menschenherr

so 'pi praviṣṭo yavano dṛṣṭvā śayyāgataṃ naram / pādena tāḍayām āsa kṛṣṇaṃ matvā sa durmatiḥ //

Auch jener eingedrungene Yavana erblickte den auf dem Lager liegenden Mann und trat ihn, jener Übelgesinnte, mit dem Fuß, ihn für Kṛṣṇa haltend.

Wort für Wort
so 'pi praviṣṭo yavano
auch jener eingedrungene Yavana
dṛṣṭvā śayyāgataṃ naram
den auf dem Lager liegenden Mann erblickend
pādena tāḍayām āsa
trat er mit dem Fuß
kṛṣṇaṃ matvā sa durmatiḥ
ihn für Kṛṣṇa haltend, jener Übelgesinnte

dṛṣṭamātraś ca tenāsau jajvāla yavano 'gninā / tatkrodhajena munayo bhasmībhūtaś ca tatkṣaṇāt //

Und sogleich nach dem [bloßen] Erblicktwerden durch ihn entbrannte der Yavana in dem aus dessen Zorn entstandenen Feuer, o Weise, und wurde augenblicklich zu Asche.

Wort für Wort
dṛṣṭamātraś ca tenāsau
und sogleich nach dem [bloßen] Erblicktwerden durch ihn
jajvāla yavano 'gninā
entbrannte der Yavana in Feuer
tatkrodhajena munayo
durch das aus dessen Zorn entstandene [Feuer], o Weise
bhasmībhūtaś ca tatkṣaṇāt
und wurde augenblicklich zu Asche

sa hi devāsure yuddhe gatvā jitvā mahāsurān / nidrārtaḥ sumahākālaṃ nidrāṃ vavre varaṃ surān //

Denn er [Mucukunda] hatte, nachdem er im Götter-Dämonen-Krieg gekämpft und die großen Asuras besiegt hatte, von Schlaf erschöpft, sich von den Göttern als Segen sehr langen Schlaf erbeten.

Wort für Wort
sa hi devāsure yuddhe gatvā
denn er, im Götter-Dämonen-Krieg gekämpft habend
jitvā mahāsurān
die großen Asuras besiegt habend
nidrārtaḥ sumahākālaṃ
von Schlaf bedrängt, für sehr lange Zeit
nidrāṃ vavre varaṃ surān
erbat er von den Göttern als Segen den Schlaf

proktaś ca devaiḥ saṃsuptaṃ yas tvām utthāpayiṣyati / dehajenāgninā sadyaḥ sa tu bhasmībhaviṣyati //

Und von den Göttern wurde gesagt: 'Wer immer dich, den Schlafenden, aufwecken wird, der wird sogleich durch ein aus [deinem] Körper entstehendes Feuer zu Asche werden.'

Wort für Wort
proktaś ca devaiḥ
und von den Göttern wurde gesagt
saṃsuptaṃ yas tvām utthāpayiṣyati
wer dich, den Schlafenden, aufwecken wird
dehajenāgninā sadyaḥ
durch ein aus [deinem] Körper entstehendes Feuer, sogleich
sa tu bhasmībhaviṣyati
der wird zu Asche werden

evaṃ dagdhvā sa taṃ pāpaṃ dṛṣṭvā ca madhusūdanam / kas tvam ity āha so 'py āha jāto 'haṃ śaśinaḥ kule //

So jenen Übeltäter verbrannt habend, und Madhusūdana erblickend, sprach er: 'Wer bist du?' Und jener sprach: 'Ich bin im Geschlecht des Mondes geboren,'

Wort für Wort
evaṃ dagdhvā sa taṃ pāpaṃ
so jenen Übeltäter verbrannt habend
dṛṣṭvā ca madhusūdanam
und Madhusūdana erblickend
kas tvam ity āha
sprach er: 'wer bist du?'
so 'py āha jāto 'haṃ śaśinaḥ kule
und jener sprach: 'ich bin im Geschlecht des Mondes geboren'

vasudevasya tanayo yaduvaṃśasamudbhavaḥ / mucukundo 'pi tac chrutvā vṛddhagārgyavacaḥ smaran //

'der Sohn Vasudevas, entsprossen der Yadu-Linie.' Auch Mucukunda, dies gehört habend, erinnerte sich an die Worte des alten Gārgya.

Wort für Wort
vasudevasya tanayo
der Sohn Vasudevas
yaduvaṃśasamudbhavaḥ
entsprossen der Yadu-Linie
mucukundo 'pi tac chrutvā
auch Mucukunda, dies gehört habend
vṛddhagārgyavacaḥ smaran
sich an die Worte des alten Gārgya erinnernd

saṃsmṛtya praṇipatyainaṃ sarvaṃ sarveśvaraṃ harim / prāha jñāto bhavān viṣṇor aṃśas tvaṃ parameśvaraḥ //

Sich [daran] erinnernd, verneigte er sich vor ihm, [erkennend, dass er] Hari, der Herrscher über alles, [ist], und sprach: 'Du bist erkannt — du bist ein Teil Viṣṇus, der höchste Herr.'

Wort für Wort
saṃsmṛtya praṇipatyainaṃ
sich erinnernd, sich vor ihm verneigend
sarvaṃ sarveśvaraṃ harim
vor Hari, dem Herrscher über alles
prāha jñāto bhavān
sprach er: 'du bist erkannt'
viṣṇor aṃśas tvaṃ parameśvaraḥ
du bist ein Teil Viṣṇus, der höchste Herr

purā gārgyeṇa kathitam aṣṭāviṃśatime yuge / dvāparānte harer janma yaduvaṃśe bhaviṣyati //

'Einst wurde von Gārgya erzählt, dass im achtundzwanzigsten Zeitalter, am Ende des Dvāpara[-Yuga], Haris Geburt in der Yadu-Linie geschehen werde.'

Wort für Wort
purā gārgyeṇa kathitam
einst wurde von Gārgya erzählt
aṣṭāviṃśatime yuge
im achtundzwanzigsten Zeitalter
dvāparānte harer janma
am Ende des Dvāpara[-Yuga] Haris Geburt
yaduvaṃśe bhaviṣyati
werde in der Yadu-Linie geschehen

sa tvaṃ prāpto na saṃdeho martyānām upakārakṛt / tathā hi sumahat tejo nālaṃ soḍhum ahaṃ tava //

'Du bist jener [Vorhergesagte], gekommen, der Wohltäter der Sterblichen — kein Zweifel. Denn ich vermag deine überaus große Glut nicht zu ertragen.'

Wort für Wort
sa tvaṃ prāpto na saṃdeho
du bist [jener], gekommen, kein Zweifel
martyānām upakārakṛt
der Wohltäter der Sterblichen
tathā hi sumahat tejo
denn [deine] sehr große Glut
nālaṃ soḍhum ahaṃ tava
ich vermag sie nicht zu ertragen

tathā hi sumahāmbhoda-dhvanidhīrataraṃ tataḥ / vākyaṃ tam iti hovāca yuṣmatpādasulālitam //

Und dann, mit einer Stimme, tiefer noch als der Klang einer gewaltigen Regenwolke, sprach er dieses Wort zu ihm, [nun] sanft geworden [in Demut] zu deinen Füßen:

Wort für Wort
tathā hi sumahāmbhoda-dhvanidhīrataraṃ
und mit einer Stimme, tiefer als der Klang einer gewaltigen Wolke
tataḥ vākyaṃ tam iti hovāca
sprach er dann dieses Wort zu ihm
yuṣmatpādasulālitam
sanft geworden [in Demut] zu deinen Füßen

[?: Die genaue syntaktische Verbindung dieses Übergangsverses (Erzählerstimme vs. fortgesetzte Rede Mucukundas) bleibt unklar; hier als narrative Einleitung zur folgenden Lobrede wiedergegeben.]

devāsure mahāyuddhe daityāś ca sumahābhaṭāḥ / na śekus te mahat tejas tat tejo na sahāmy aham //

'Im großen Götter-Dämonen-Krieg konnten selbst die Daityas, die überaus mächtigen Krieger, jene [deine] große Glut nicht [ertragen] — auch ich ertrage diese Glut nicht.'

Wort für Wort
devāsure mahāyuddhe
im großen Götter-Dämonen-Krieg
daityāś ca sumahābhaṭāḥ
und die Daityas, die überaus mächtigen Krieger
na śekus te mahat tejas
konnten jene große Glut nicht [ertragen]
tat tejo na sahāmy aham
diese Glut ertrage auch ich nicht

saṃsārapatitasyaiko jantos tvaṃ śaraṇaṃ param / saṃprasīda prapannārti-hartā hara mamāśubham //

'Für ein einziges, in den Weltenkreislauf gefallenes Lebewesen bist du die höchste Zuflucht — sei gnädig, [du,] der den Schmerz der Schutzsuchenden hinwegnimmt, nimm mein Unheil hinweg.'

Wort für Wort
saṃsārapatitasyaiko jantoḥ
für ein einziges, in den Weltenkreislauf gefallenes Lebewesen
tvaṃ śaraṇaṃ param
bist du die höchste Zuflucht
saṃprasīda
sei gnädig
prapannārtihartā hara mamāśubham
[du,] der den Schmerz der Schutzsuchenden nimmt, nimm mein Unheil

tvaṃ payonidhayaḥ śailāḥ saritaś ca vanāni ca / medinī gaganaṃ vāyur āpo 'gnis tvaṃ tathā pumān //

'Du [bist] die Ozeane, die Berge, die Flüsse und die Wälder, die Erde, der Himmel, der Wind, das Wasser, das Feuer, und ebenso der [Ur-]Mensch (Puruṣa).'

Wort für Wort
tvaṃ payonidhayaḥ śailāḥ
du [bist] die Ozeane, die Berge
saritaś ca vanāni ca
und die Flüsse und die Wälder
medinī gaganaṃ vāyur
die Erde, der Himmel, der Wind
āpo 'gnis tvaṃ tathā pumān
das Wasser, das Feuer, und ebenso der [Ur-]Mensch

puṃsaḥ parataraṃ sarvaṃ vyāpya janma vikalpavat / śabdādihīnam ajaraṃ vṛddhikṣayavivarjitam //

'[Du bist] noch jenseits des Puruṣa, alles durchdringend, [obwohl deine] Geburt [nur] scheinbar [ist] — frei von Klang und [den anderen Sinnesqualitäten], alterlos, frei von Wachstum und Schwinden.'

Wort für Wort
puṃsaḥ parataraṃ sarvaṃ vyāpya
noch jenseits des Puruṣa, alles durchdringend
janma vikalpavat
[deine] Geburt [nur] scheinbar
śabdādihīnam ajaraṃ
frei von Klang usw., alterlos
vṛddhikṣayavivarjitam
frei von Wachstum und Schwinden

tvatto 'marās tu pitaro yakṣagandharvarākṣasāḥ / siddhāś cāpsarasas tvatto manuṣyāḥ paśavaḥ khagāḥ //

'Von dir [stammen] die Unsterblichen, die Ahnen, die Yakṣas, Gandharvas und Rākṣasas, und die Siddhas und Apsarasen; von dir [stammen] die Menschen, die Tiere, die Vögel.'

Wort für Wort
tvatto 'marās tu pitaro
von dir [stammen] die Unsterblichen und die Ahnen
yakṣagandharvarākṣasāḥ
die Yakṣas, Gandharvas, Rākṣasas
siddhāś cāpsarasas tvatto
und die Siddhas und Apsarasen, von dir
manuṣyāḥ paśavaḥ khagāḥ
die Menschen, die Tiere, die Vögel

sarīsṛpā mṛgāḥ sarve tvattaś caiva mahīruhāḥ / yac ca bhūtaṃ bhaviṣyad vā kiṃcid atra carācare //

'Die Kriechtiere, alle wilden Tiere, und auch die Bäume [stammen] von dir; und was auch immer gewesen ist oder sein wird in dieser beweglichen und unbeweglichen [Welt],'

Wort für Wort
sarīsṛpā mṛgāḥ sarve
die Kriechtiere, alle wilden Tiere
tvattaś caiva mahīruhāḥ
und auch die Bäume, von dir
yac ca bhūtaṃ bhaviṣyad vā
und was gewesen ist oder sein wird
kiṃcid atra carācare
irgendetwas hier in der beweglichen und unbeweglichen [Welt]

amūrtaṃ mūrtam athavā sthūlaṃ sūkṣmataraṃ tathā / tat sarvaṃ tvaṃ jagatkartar nāsti kiṃcit tvayā vinā //

'sei es gestaltlos oder gestalthaft, grob oder auch fein — das alles bist du, o Schöpfer der Welt; es gibt nichts ohne dich.'

Wort für Wort
amūrtaṃ mūrtam athavā
sei es gestaltlos oder gestalthaft
sthūlaṃ sūkṣmataraṃ tathā
grob oder auch fein
tat sarvaṃ tvaṃ jagatkartaḥ
das alles bist du, o Schöpfer der Welt
nāsti kiṃcit tvayā vinā
es gibt nichts ohne dich

mayā saṃsāracakre 'smin bhramatā bhagavan sadā / tāpatrayābhibhūtena na prāptā nirvṛtiḥ kvacit //

'Von mir, der ich stets in diesem Rad des Weltenkreislaufs umherirrte, o Erhabener, überwältigt vom dreifachen Leid, wurde niemals [wahre] Ruhe erlangt.'

Wort für Wort
mayā saṃsāracakre 'smin bhramatā
von mir, der ich in diesem Rad des Weltenkreislaufs umherirrte
bhagavan sadā
o Erhabener, stets
tāpatrayābhibhūtena
überwältigt vom dreifachen Leid
na prāptā nirvṛtiḥ kvacit
wurde niemals Ruhe erlangt

[Anm.: 'tāpatraya', das 'dreifache Leid', bezeichnet die klassische vedāntische Dreiteilung des Leidens: das durch den eigenen Körper/Geist verursachte, das durch andere Lebewesen verursachte, und das durch übernatürliche/kosmische Kräfte verursachte.]

duḥkhāny eva sukhānīti mṛgatṛṣṇājalāśayaḥ / mayā nātha gṛhītāni tāni tāpāya me 'bhavan //

'[Nur] Leiden, [doch] als 'Freuden' [angesehen], gleich den Wasseransammlungen einer Luftspiegelung, wurden von mir, o Herr, ergriffen — [und] diese wurden mir zur Qual.'

Wort für Wort
duḥkhāny eva sukhānīti
[obwohl] nur Leiden, als 'Freuden' [angesehen]
mṛgatṛṣṇājalāśayaḥ
gleich den Wasseransammlungen einer Luftspiegelung
mayā nātha gṛhītāni
von mir, o Herr, ergriffen
tāni tāpāya me 'bhavan
diese wurden mir zur Qual

rājyam urvī balaṃ kośo mitrapakṣas tathātmajāḥ / bhāryā bhṛtyajanā ye ca śabdādyā viṣayāḥ prabho //

'Königreich, Erde, Heer, Schatzkammer, die Schar der Freunde, ebenso die Söhne, die Gattin, die Dienerschaft, und was sonst an Sinnesobjekten wie Klang usw. [existiert], o Herr,'

Wort für Wort
rājyam urvī balaṃ kośo
Königreich, Erde, Heer, Schatzkammer
mitrapakṣas tathātmajāḥ
die Schar der Freunde, ebenso die Söhne
bhāryā bhṛtyajanā ye ca
die Gattin, die Dienerschaft, und was [sonst]
śabdādyā viṣayāḥ prabho
die Sinnesobjekte wie Klang usw., o Herr

sukhabuddhyā mayā sarvaṃ gṛhītam idam avyaya / pariṇāme ca deveśa tāpātmakam abhūn mama //

'wurde von mir, in der Meinung, es sei Glück, alles [dies] ergriffen, o Unvergänglicher; doch am Ende, o Herr der Götter, wurde es für mich zu [lauter] Qual.'

Wort für Wort
sukhabuddhyā mayā sarvam
von mir, mit dem Gedanken an Glück, alles [dies]
gṛhītam idam avyaya
wurde ergriffen, o Unvergänglicher
pariṇāme ca deveśa
und am Ende, o Herr der Götter
tāpātmakam abhūn mama
wurde es für mich von der Natur der Qual

devalokagatiṃ prāpto nātha devagaṇo 'pi hi / mattaḥ sāhāyyakāmo 'bhūc chāśvatī kutra nirvṛtiḥ //

'Sogar die Schar der Götter, o Herr, die das Göttergefilde erlangt hat, suchte [einst] meine Hilfe — wo [gäbe es] da [für mich] ewige Erlösung?'

Wort für Wort
devalokagatiṃ prāpto
der zum Göttergefilde gelangte
nātha devagaṇo 'pi hi
sogar die Schar der Götter, o Herr
mattaḥ sāhāyyakāmo 'bhūt
suchte von mir Hilfe
śāśvatī kutra nirvṛtiḥ
wo [gäbe es] ewige Erlösung

[Anm.: Anspielung darauf, dass Mucukunda einst selbst den Göttern im Kampf gegen die Asuras zu Hilfe kam — selbst die Bewohner des Götterhimmels waren also nicht über Not erhaben, was die Notwendigkeit göttlicher Gnade für dauerhafte Erlösung unterstreicht.]

tvām anārādhya jagatāṃ sarveṣāṃ prabhavāspadam / śāśvatī prāpyate kena parameśvara nirvṛtiḥ //

'Ohne dich, die Grundlage des Entstehens aller Welten, zu verehren — von wem, o höchster Herr, wird [je] ewige Erlösung erlangt?'

Wort für Wort
tvām anārādhya
ohne dich zu verehren
jagatāṃ sarveṣāṃ prabhavāspadam
die Grundlage des Entstehens aller Welten
śāśvatī prāpyate kena
von wem wird ewige [Erlösung] erlangt
parameśvara nirvṛtiḥ
o höchster Herr, Erlösung

tvanmāyāmūḍhamanaso janmamṛtyujarādikān / avāpya pāpān paśyanti pretarājānam antarā //

'Mit von deiner Māyā verwirrtem Geist erlangen die Sünder Geburt, Tod, Alter und dergleichen, und erblicken inmitten [davon] den König der Verstorbenen [Yama].'

Wort für Wort
tvanmāyāmūḍhamanaso
mit von deiner Māyā verwirrtem Geist
janmamṛtyujarādikān
Geburt, Tod, Alter und dergleichen
avāpya pāpān paśyanti
erlangend, sehen die Sünder
pretarājānam antarā
inmitten [davon] den König der Verstorbenen

tataḥ pāśaśatair baddhā narakeṣv atidāruṇam / prāpnuvanti mahad duḥkhaṃ viśvarūpam idaṃ tava //

'Dann, mit Hunderten von Fesseln gebunden, erleiden sie in den überaus schrecklichen Höllen großes Leid — auch dies ist deine allumfassende Gestalt (Viśvarūpa).'

Wort für Wort
tataḥ pāśaśatair baddhāḥ
dann, mit Hunderten von Fesseln gebunden
narakeṣv atidāruṇam
in den überaus schrecklichen Höllen
prāpnuvanti mahad duḥkhaṃ
erleiden sie großes Leid
viśvarūpam idaṃ tava
auch dies ist deine allumfassende Gestalt

[?: Der Bezug von 'viśvarūpam idaṃ tava' zum Vorhergehenden ist knapp; gemeint ist wohl, dass auch das Leiden in den Höllen Teil von Kṛṣṇas allumfassender kosmischer Gestalt ist, in der nichts außerhalb von ihm existiert (vgl. V.35).]

aham atyantaviṣayī mohitas tava māyayā / mamatvāgādhagartānte bhramāmi parameśvara //

'Ich, ganz den Sinnesobjekten hingegeben, verblendet durch deine Māyā, irre umher im Innern der unergründlichen Grube des Besitzdenkens, o höchster Herr.'

Wort für Wort
aham atyantaviṣayī
ich, ganz den Sinnesobjekten hingegeben
mohitas tava māyayā
verblendet durch deine Māyā
mamatvāgādhagartānte
im Innern der unergründlichen Grube des Besitzdenkens
bhramāmi parameśvara
irre ich umher, o höchster Herr

so 'haṃ tvāṃ śaraṇam apāram īśam īḍyaṃ saṃprāptaḥ paramapadaṃ yato na kiṃcit / saṃsāraśramaparitāpataptacetā nirviṇṇe pariṇatadhāmni sābhilāṣaḥ //

'So habe ich dich erreicht, die grenzenlose Zuflucht, den preiswürdigen Herrn — den höchsten Zustand, über den hinaus nichts [mehr] ist; mit einem Geist, versengt von der Erschöpfung und Qual des Weltenkreislaufs, [bin ich], seiner überdrüssig, voller Sehnsucht nach [deiner] letztgültigen Wesensstätte.'

Wort für Wort
so 'haṃ tvāṃ śaraṇam apāram
so habe ich dich, die grenzenlose Zuflucht
īśam īḍyaṃ saṃprāptaḥ
den preiswürdigen Herrn, erreicht
paramapadaṃ yato na kiṃcit
[dich, der] der höchste Zustand [ist], über den hinaus nichts [mehr ist]
saṃsāraśramaparitāpataptacetā
mit einem Geist, versengt von der Erschöpfung und Qual des Weltenkreislaufs
nirviṇṇe pariṇatadhāmni sābhilāṣaḥ
[ich], überdrüssig, voller Sehnsucht nach [deiner] letztgültigen Wesensstätte

[Anm.: Vierzeiliger Hymnenvers (Anuṣṭubh-Metrum verlassen zugunsten eines längeren Versmaßes) mit stark komprimierter Syntax; die genaue Zuordnung von 'nirviṇṇe' (dem Überdrüssigen/Enttäuschten) bleibt zweideutig — hier auf den sprechenden Mucukunda selbst bezogen, nicht auf Kṛṣṇa.]

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