Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 76: gaṅgāvisarjanatīrthasnānavidhivarṇanam Die Freilassung der Gaṅgā auf dem Brahmagiri und die Regeln für das Pilgerbad

Gautama legt die aus Śivas Locken mitgebrachte Gaṅgā auf dem Gipfel des Brahmagiri nieder und bittet sie um Vergebung, sie möge in Frieden weiterziehen. Die Gaṅgā fragt, wohin sie gehen solle, doch Gautama besteht darauf, dass sie zum Wohl der drei Welten bleibt, wie von Śiva verheißen. Daraufhin teilt sich die Göttin fünfzehnfach in Himmel, Sterblichenwelt und Unterwelt auf, wobei die Sterblichen jeweils nur den ihnen zugänglichen Teil wahrnehmen. Nach der Umschreitung der Flussgöttin ruft Gautama durch bloßes Gedenken Śiva herbei und erbittet die Vorschrift für das rechte Pilgerbad an der (nach ihm benannten) Godāvarī; Śiva verkündet die Regeln: rituelle Vorbereitung, Speisung der Brahmanen, Keuschheit, Zügelung der Sinne, Mildtätigkeit gegenüber Bedürftigen und das Hören der Erzählung von Hari und vom Ursprung der Gaṅgā.

{nārada uvāca:} maheśvarajaṭājuṭād gaṅgām ādāya gautamaḥ / āgatya brahmaṇaḥ puṇye tataḥ kim akarod girau //

{Nārada sprach:} Nachdem Gautama die Gaṅgā aus Maheśvaras Lockenknoten genommen und Brahmās heiligen Berg erreicht hatte, was tat er dort dann?

Wort für Wort
maheśvara-jaṭā-jūṭāt gaṅgām ādāya
nachdem er die Gaṅgā aus Maheśvaras Lockenknoten genommen hatte
gautamaḥ āgatya brahmaṇaḥ puṇye
Gautama, nachdem er zu Brahmās heiligem [Berg] gekommen war
tataḥ kim akarot girau
was tat er dort auf dem Berg

{brahmovāca:} ādāya gautamo gaṅgāṃ śuciḥ prayatamānasaḥ / pūjito devagandharvais tathā girinivāsibhiḥ //

{Brahmā sprach:} Nachdem Gautama, rein und mit gesammeltem Geist, die Gaṅgā mitgebracht hatte, wurde er von Göttern und Gandharvas sowie von den Bergbewohnern verehrt.

Wort für Wort
ādāya gautamaḥ gaṅgām
nachdem Gautama die Gaṅgā mitgebracht hatte
śuciḥ prayata-mānasaḥ
rein, mit gesammeltem Geist
pūjitaḥ deva-gandharvaiḥ
wurde er von Göttern und Gandharvas verehrt
tathā giri-nivāsibhiḥ
sowie von den Bergbewohnern

girer mūrdhni jaṭāṃ sthāpya smaran devaṃ trilocanam / uvāca prāñjalir bhūtvā gaṅgāṃ sa dvijasattamaḥ //

Nachdem er die Locken [mit der Gaṅgā] auf dem Gipfel des Berges niedergelegt und den Dreiäugigen Gott im Sinn gehabt hatte, sprach jener beste der Zweifachgeborenen, die Hände gefaltet, zur Gaṅgā:

Wort für Wort
gireḥ mūrdhni jaṭām sthāpya
nachdem er die Locken auf dem Gipfel des Berges niedergelegt hatte
smaran devam trilocanam
den Dreiäugigen Gott im Sinn habend
uvāca prāñjaliḥ bhūtvā
sprach er, die Hände gefaltet
gaṅgām sa dvija-sattamaḥ
zur Gaṅgā jener beste der Zweifachgeborenen

{gautama uvāca:} trilocanajaṭodbhūte sarvakāmapradāyini / kṣamasva mātaḥ śāntāsi sukhaṃ yāhi hitaṃ kuru //

{Gautama sprach:} 'O du, die aus des Dreiäugigen Locken entstanden bist, Gewährerin aller Wünsche, verzeih mir, Mutter; sei friedvoll, geh in Glück, bewirke Heil.'

Wort für Wort
trilocana-jaṭā-udbhūte
o du, die aus des Dreiäugigen Locken entstanden bist
sarva-kāma-pradāyini
Gewährerin aller Wünsche
kṣamasva mātaḥ śāntā asi
verzeih mir, Mutter, sei friedvoll
sukham yāhi hitam kuru
geh in Glück, bewirke Heil

{brahmovāca:} evam uktā gautamena gaṅgā provāca gautamam / divyarūpadharā devī divyasraganulepanā //

{Brahmā sprach:} So von Gautama angesprochen, sagte die Gaṅgā, die Göttin, die eine himmlische Gestalt trug, mit himmlischen Girlanden und Salben geschmückt, zu Gautama:

Wort für Wort
evam uktā gautamena
so von Gautama angesprochen
gaṅgā provāca gautamam
sagte die Gaṅgā zu Gautama
divya-rūpa-dharā devī
die Göttin, die eine himmlische Gestalt trug
divya-sraga-anulepanā
mit himmlischen Girlanden und Salben geschmückt

{gaṅgovāca:} gaccheyaṃ devasadanam athavāpi kamaṇḍalum / rasātalaṃ vā gaccheyaṃ jātas tvaṃ satyavāg asi //

{Gaṅgā sprach:} 'Soll ich zur Wohnstatt der Götter gehen, oder auch zum Wasserkrug, oder soll ich zur Unterwelt gehen? Du bist von edler Geburt, du bist wahrhaftig in deiner Rede.'

Wort für Wort
gaccheyam deva-sadanam
soll ich zur Wohnstatt der Götter gehen
athavā api kamaṇḍalum
oder auch zum Wasserkrug
rasātalam vā gaccheyam
oder soll ich zur Unterwelt gehen
jātaḥ tvam satya-vāk asi
du bist von edler Geburt, wahrhaftig in deiner Rede

[Anm.: 'jātaḥ tvam satyavāg asi' – wörtl. 'geboren bist du, du bist wahrredend'; hier im Sinne von 'aus edlem Geschlecht' gedeutet, mit Bezug auf Gautamas anerkannte Wahrhaftigkeit.]

{gautama uvāca:} trayāṇām upakārārthaṃ lokānāṃ yācitā mayā / śaṃbhunā ca tathā dattā devi tan nānyathā bhavet //

{Gautama sprach:} 'Zum Nutzen der drei Welten wurdest du von mir erbeten, und ebenso von Śambhu gegeben, o Göttin; das soll nicht anders sein.'

Wort für Wort
trayāṇām upakāra-artham lokānām
zum Nutzen der drei Welten
yācitā mayā
wurdest du von mir erbeten
śaṃbhunā ca tathā dattā devi
und ebenso von Śambhu gegeben, o Göttin
tat na anyathā bhavet
das soll nicht anders sein

{brahmovāca:} tad gautamavacaḥ śrutvā gaṅgā mene dvijeritam / tredhātmānaṃ vibhajyātha svargamartyarasātale /

{Brahmā sprach:} Nachdem sie dieses Wort Gautamas, das von dem Zweifachgeborenen gesprochene, gehört hatte, willigte die Gaṅgā ein; darauf teilte sie sich selbst dreifach, in Himmel, Sterblichenwelt und Unterwelt,

Wort für Wort
tat gautama-vacaḥ śrutvā
nachdem sie dieses Wort Gautamas gehört hatte
gaṅgā mene dvija-īritam
willigte die Gaṅgā ein, das vom Zweifachgeborenen Gesprochene
tredhā ātmānam vibhajya atha
darauf teilte sie sich selbst dreifach
svarga-martya-rasātale
in Himmel, Sterblichenwelt und Unterwelt

svarge caturdhā vyagamat saptadhā martyamaṇḍale / rasātale caturdhaiva saivaṃ pañcadaśākṛtiḥ //

im Himmel ging sie vierfach, in der Sterblichenwelt siebenfach, in der Unterwelt ebenso vierfach – so nahm sie eine fünfzehnfache Gestalt an.

Wort für Wort
svarge caturdhā vyagamat
im Himmel ging sie vierfach
saptadhā martya-maṇḍale
siebenfach in der Sterblichenwelt
rasātale caturdhā eva
in der Unterwelt ebenso vierfach
sā evam pañcadaśa-ākṛtiḥ
so nahm sie eine fünfzehnfache Gestalt an

sarvatra sarvabhūtaiva sarvapāpavināśinī / sarvakāmapradā nityaṃ saiva vede pragīyate //

Überall ist sie ein und dasselbe Wesen, die Vernichterin aller Sünde, stets die Gewährerin aller Wünsche; sie allein wird im Veda besungen.

Wort für Wort
sarvatra sarva-bhūtā eva
überall ist sie ein und dasselbe Wesen
sarva-pāpa-vināśinī
die Vernichterin aller Sünde
sarva-kāma-pradā nityam
stets die Gewährerin aller Wünsche
sā eva vede pragīyate
sie allein wird im Veda besungen

martyā martyagatām eva paśyanti na talaṃ gatām / naiva svargagatāṃ martyāḥ paśyanty ajñānabuddhayaḥ //

Die Sterblichen sehen nur den Teil, der in die Sterblichenwelt gegangen ist, nicht den, der in die Unterwelt gegangen ist; auch den in den Himmel gegangenen Teil sehen die Sterblichen, deren Verstand unwissend ist, keineswegs.

Wort für Wort
martyāḥ martya-gatām eva paśyanti
die Sterblichen sehen nur den in die Sterblichenwelt gegangenen [Teil]
na talam gatām
nicht den in die Unterwelt gegangenen
na eva svarga-gatām martyāḥ paśyanti
auch den in den Himmel gegangenen sehen die Sterblichen keineswegs
ajñāna-buddhayaḥ
deren Verstand unwissend ist

yāvat sāgaragā devī tāvad devamayī smṛtā / utsṛṣṭā gautamenaiva prāyāt pūrvārṇavaṃ prati //

Solange die Göttin zum Meer fließt, so lange gilt sie als göttlichen Wesens; von Gautama selbst freigelassen, floss sie dem östlichen Ozean entgegen.

Wort für Wort
yāvat sāgara-gā devī
solange die Göttin zum Meer fließt
tāvat deva-mayī smṛtā
so lange gilt sie als göttlichen Wesens
utsṛṣṭā gautamena eva
von Gautama selbst freigelassen
prāyāt pūrva-arṇavam prati
floss sie dem östlichen Ozean entgegen

tato devarṣibhir juṣṭāṃ mātaraṃ jagataḥ śubhām / gautamo muniśārdūlaḥ pradakṣiṇam athākarot //

Darauf vollzog Gautama, der Tiger unter den Weisen, die Umschreitung der von Göttern und Weisen begleiteten, verheißungsvollen Mutter der Welt.

Wort für Wort
tataḥ deva-ṛṣibhiḥ juṣṭām
darauf der von Göttern und Weisen begleiteten
mātaram jagataḥ śubhām
Mutter der Welt, der verheißungsvollen
gautamaḥ muni-śārdūlaḥ
Gautama, der Tiger unter den Weisen
pradakṣiṇam atha akarot
vollzog darauf die Umschreitung

trilocanaṃ sureśānaṃ prathamaṃ pūjya gautamaḥ / ubhayos tīrayoḥ snānaṃ karomīti dadhe matim //

Nachdem er zuerst den Dreiäugigen, den Herrn der Götter, verehrt hatte, fasste Gautama den Entschluss: 'Ich werde an beiden Ufern baden.'

Wort für Wort
trilocanam sura-īśānam prathamam pūjya
nachdem er zuerst den Dreiäugigen, den Herrn der Götter, verehrt hatte
gautamaḥ ubhayoḥ tīrayoḥ snānam
Gautama [entschloss sich] an beiden Ufern zu baden
karomi iti dadhe matim
'ich werde [es] tun', fasste er den Entschluss

smṛtamātras tadā tatrāvirāsīt karuṇārṇavaḥ / tatra snānaṃ kathaṃ sidhyed ity evaṃ śarvam abravīt //

Bloß durch das Gedenken erschien da der Ozean des Mitleids [Śiva] dort; er fragte Śarva [Śiva] so: 'Wie mag das Baden dort gelingen?'

Wort für Wort
smṛta-mātraḥ tadā tatra
bloß durch das Gedenken da dort
āvirāsīt karuṇā-arṇavaḥ
erschien der Ozean des Mitleids [Śiva]
tatra snānam katham sidhyet
wie mag das Baden dort gelingen
iti evam śarvam abravīt
so fragte er Śarva

kṛtāñjalipuṭo bhūtvā bhaktinamras trilocanam //*

Mit gefalteten Händen, in Hingabe verneigt vor dem Dreiäugigen –

Wort für Wort
kṛta-añjali-puṭaḥ bhūtvā
mit gefalteten Händen
bhakti-namraḥ trilocanam
in Hingabe verneigt vor dem Dreiäugigen

[Anm.: Im Original nur eine Zeile, mit '//*' als unvollständig markiert.]

{gautama uvāca:} devadeva maheśāna tīrthasnānavidhiṃ mama / brūhi samyaṅ maheśāna lokānāṃ hitakāmyayā //

{Gautama sprach:} 'O Gott der Götter, großer Herr, verkünde mir richtig die Vorschrift für das Bad an der Pilgerstätte, o großer Herr, aus Wunsch nach dem Wohl der Welten.'

Wort für Wort
deva-deva mahā-īśāna
o Gott der Götter, großer Herr
tīrtha-snāna-vidhim mama
die Vorschrift für das Bad an der Pilgerstätte mir
brūhi samyak mahā-īśāna
verkünde richtig, o großer Herr
lokānām hita-kāmyayā
aus Wunsch nach dem Wohl der Welten

{śiva uvāca:} maharṣe śṛṇu sarvaṃ ca vidhiṃ godāvarībhavam / pūrvaṃ nāndīmukhaṃ kṛtvā dehaśuddhiṃ vidhāya ca /

{Śiva sprach:} 'O großer Weiser, höre die ganze Vorschrift, die die Godāvarī betrifft: zuerst, nachdem man das Nāndīmukha-Ritual [für die Ahnen] vollzogen und die Reinigung des Körpers vorgenommen hat,

Wort für Wort
mahā-ṛṣe śṛṇu sarvam ca vidhim
o großer Weiser, höre die ganze Vorschrift
godāvarī-bhavam
die die Godāvarī betrifft
pūrvam nāndī-mukham kṛtvā
zuerst, nachdem man das Nāndīmukha-Ritual vollzogen hat
deha-śuddhim vidhāya ca
und die Reinigung des Körpers vorgenommen hat

brāhmaṇān bhojayitvā ca teṣām ājñāṃ pragṛhya ca / brahmacaryeṇa gacchanti patitālāpavarjitāḥ //

und nachdem man Brahmanen gespeist und deren Erlaubnis erhalten hat, geht man in Keuschheit, das Gespräch mit gefallenen [Personen] meidend.

Wort für Wort
brāhmaṇān bhojayitvā ca
und nachdem man Brahmanen gespeist hat
teṣām ājñām pragṛhya ca
und deren Erlaubnis erhalten hat
brahmacaryeṇa gacchanti
geht man in Keuschheit
patita-ālāpa-varjitāḥ
das Gespräch mit gefallenen [Personen] meidend

yasya hastau ca pādau ca manaś caiva susaṃyatam / vidyā tapaś ca kīrtiś ca sa tīrthaphalam aśnute //

Wessen Hände, Füße und Geist wohl gezügelt sind, [wer] Wissen, Askese und guten Ruf [besitzt], der erlangt die Frucht der Pilgerfahrt.

Wort für Wort
yasya hastau ca pādau ca
wessen Hände und Füße
manaḥ ca eva su-saṃyatam
und dessen Geist wohl gezügelt sind
vidyā tapaḥ ca kīrtiḥ ca
Wissen, Askese und guter Ruf
sa tīrtha-phalam aśnute
der erlangt die Frucht der Pilgerfahrt

bhāvaduṣṭiṃ parityajya svadharmapariniṣṭhitaḥ / śrāntasaṃvāhanaṃ kurvan dadyād annaṃ yathocitam /

Nachdem er Bosheit der Gesinnung aufgegeben hat, fest in seiner eigenen Pflicht gegründet, den Erschöpften Linderung verschaffend, soll er Speise geben, wie es sich geziemt,

Wort für Wort
bhāva-duṣṭim parityajya
nachdem er Bosheit der Gesinnung aufgegeben hat
sva-dharma-pariniṣṭhitaḥ
fest in seiner eigenen Pflicht gegründet
śrānta-saṃvāhanam kurvan
den Erschöpften Linderung verschaffend
dadyāt annam yathā-ucitam
soll er Speise geben, wie es sich geziemt

akiṃcanebhyaḥ sādhubhyo dadyād vastrāṇi kambalān / śṛṇvan harikathāṃ divyāṃ tathā gaṅgāsamudbhavām / anena vidhinā gacchan samyak tīrthaphalaṃ labhet //

besitzlosen frommen Menschen Kleider und Decken geben, dabei die göttliche Erzählung von Hari und ebenso von Gaṅgās Entstehung hören – wer so, dieser Vorschrift gemäß, [zur Pilgerstätte] geht, erlangt die Frucht der Pilgerfahrt vollständig.

Wort für Wort
akiṃcanebhyaḥ sādhubhyaḥ
besitzlosen frommen Menschen
dadyāt vastrāṇi kambalān
soll er Kleider und Decken geben
śṛṇvan hari-kathām divyām
die göttliche Erzählung von Hari hörend
tathā gaṅgā-samudbhavām
und ebenso von Gaṅgās Entstehung
anena vidhinā gacchan
wer dieser Vorschrift gemäß geht
samyak tīrtha-phalam labhet
erlangt die Frucht der Pilgerfahrt vollständig

[Anm.: Auch dieser Vers hat im Original drei Zeilen (sechs Pādas), von denen nur die letzte durch // markiert ist.]

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