Kapitel 191: akrūragamanam akrūrastutiś ca
Akrūras Fahrt und Akrūras Lobpreis
Auf der Fahrt nach Gokula preist Akrūra in einem ausführlichen Hymnus Viṣṇu-Kṛṣṇa als das höchste, alldurchdringende Wesen und bekennt seine Freude, ihn zu sehen. Bei der Ankunft erblickt er Kṛṣṇa beim Melken der Kühe und Balarāma an seiner Seite, in ausführlicher Schönheitsschilderung, und wird von Ehrfurcht und Gänsehaut ergriffen.
Und Akrūra dachte: Es gibt keinen Glücklicheren als mich, der ich das Antlitz des Diskusträgers sehen werde, der in einem [bloßen] Teil herabgestiegen ist.
Wort für Wort
cintayām āsa cākrūro
und Akrūra dachte
nāsti dhanyataro mayā
es gibt keinen Glücklicheren als mich
yo 'ham aṃśāvatīrṇasya
der ich [das Antlitz] dessen, der in einem Teil herabgestiegen ist
adya me saphalaṃ janma suprabhātā ca me niśā / yad unnidrābjapattrākṣaṃ viṣṇor drakṣyāmy aham mukham //
Heute ist meine Geburt fruchtbar geworden, und meine Nacht hat gut geendet, da ich Viṣṇus Antlitz sehen werde, dessen Augen den Blättern einer aufblühenden Lotusblume gleichen.
Wort für Wort
adya me saphalaṃ janma
heute ist meine Geburt fruchtbar geworden
suprabhātā ca me niśā
und meine Nacht hat gut geendet
yad unnidrābjapattrākṣaṃ
da [ich sehen werde], dessen Augen den Blättern einer aufblühenden Lotusblume gleichen
Den, der als Opferwesen in den Opfern, als höchster Geist von den Menschen verehrt wird, die Stütze von allem – ihn, den Herrn der Welt, werde ich sehen.
Den, durch dessen Verehrung mit hundert Opfern Indra die Königsherrschaft der Unsterblichen erlangte – ihn, den anfanglosen und endlosen Keśava, werde ich sehen.
Wort für Wort
iṣṭvā yam indro yajñānāṃ
durch dessen Verehrung mit Opfern Indra
śatenāmararājatām
mit hundert [Opfern] die Königsherrschaft der Unsterblichen
na brahmā nendrarudrāśvi-vasvādityamarudgaṇāḥ / yasya svarūpaṃ jānanti spṛśaty adya sa me hariḥ //
Nicht Brahmā, nicht Indra, Rudra, die Aśvins, die Vasus, die Ādityas und die Scharen der Marut kennen sein wahres Wesen – doch er, Hari, berührt mich heute.
sarvātmā sarvagaḥ sarvaḥ sarvabhūteṣu saṃsthitaḥ / yo bhavaty avyayo vyāpī sa vīkṣyate mayādya ha //
Ihn, das Selbst von allem, alldurchdringend, alles, in allen Wesen gegenwärtig, den unvergänglichen, alldurchdringenden – ihn werde ich heute wahrlich erblicken.
Er, der, dastehend in Gestalten wie Fisch, Schildkröte, Eber und Löwenform, durch seine Yogakraft [solche] Verbindungen bewirkte – er wird mit mir sprechen.
Wort für Wort
matsyakūrmavarāhādyaiḥ
in Gestalten wie Fisch, Schildkröte, Eber
siṃharūpādibhiḥ sthitam
und dergleichen, dastehend in Löwenform
cakāra yogato yogaṃ
bewirkte durch seine Yogakraft [solche] Verbindungen
Und jetzt hat der Herr der Welt, um eines aufgekommenen Anliegens willen, um in Vraja zu weilen, Menschengestalt angenommen – der Unvergängliche, der nach eigenem Willen einen Körper trägt.
Wort für Wort
sāṃprataṃ ca jagatsvāmī
und jetzt hat der Herr der Welt
kāryajāte vraje sthitim
um eines aufgekommenen Anliegens willen, um in Vraja zu weilen
kartuṃ manuṣyatāṃ prāptaḥ
Menschengestalt angenommen
svecchādehadhṛg avyayaḥ
der Unvergängliche, der nach eigenem Willen einen Körper trägt
Ihm, dessen Māyā diese aus Vater, Verwandten, Freund, Bruder, Mutter und Verwandtschaft bestehende [Verstrickung] ist, aus der sich die Welt nicht zu befreien vermag – ihm Verehrung, Verehrung!
Wort für Wort
pitṛbandhusuhṛdbhrātṛ-
aus Vater, Verwandten, Freund, Bruder
mātṛbandhumayīm imām
Mutter und Verwandtschaft bestehende [Verstrickung]
yanmāyāṃ nālam uddhartuṃ jagat
dessen Māyā ist, aus der sich die Welt nicht zu befreien vermag
Wenn er im Herzen niedergelassen ist, überwinden die Sterblichen die weitausgebreitete Unwissenheit, diese Yogamāyā – ihm, dessen Wesen Erkenntnis ist, Verehrung!
tathā yatra jagad dhāmni dhāryate ca pratiṣṭhitam / sadasattvaṃ sa sattvena mayy asau yātu saumyatām //
Und in dem, als der Wohnstätte der Welt, das Sein und Nichtsein gehalten und gegründet ist – er möge durch sein wahres Sein mir gegenüber Milde walten lassen.
Wort für Wort
tathā yatra jagad dhāmni
und in dem, als der Wohnstätte der Welt
dhāryate ca pratiṣṭhitam
gehalten und gegründet ist
sadasattvaṃ sa sattvena
das Sein und Nichtsein, er durch [sein] wahres Sein
mayy asau yātu saumyatām
möge er mir gegenüber Milde walten lassen
[?] Komplexe Konstruktion; sinngemäß übersetzt: der Träger von Sein und Nichtsein möge gnädig gestimmt sein.
mit Augen wie aufgeblühte Lotusblätter, die Brust mit dem Śrīvatsa-Zeichen versehen, mit langen, herabhängenden Armen, breiter, hoher Brust und vorspringender Nase,
haṃsendukundadhavalaṃ nīlāmbaradharaṃ dvijāḥ / tasyānu balabhadraṃ ca dadarśa yadunandanam //
– O Zweifachgeborene, nach ihm sah er Balabhadra, die Freude der Yadus, weiß wie ein Schwan, der Mond oder eine Jasminblüte, ein dunkelblaues Gewand tragend.
Wort für Wort
haṃsendukundadhavalaṃ
weiß wie ein Schwan, der Mond, eine Jasminblüte
nīlāmbaradharaṃ dvijāḥ
ein dunkelblaues Gewand tragend, o Zweifachgeborene
prāṃśum uttuṅgabāhuṃ ca vikāśimukhapaṅkajam / meghamālāparivṛtaṃ kailāsādrim ivāparam //
hochgewachsen, mit hoch aufgerichteten Armen, mit strahlendem Lotosgesicht – er erschien wie ein anderer, von einem Wolkenkranz umgebener Berg Kailāsa.
tau dṛṣṭvā vikasadvaktra-sarojaḥ sa mahāmatiḥ / pulakāñcitasarvāṅgas tadākrūro 'bhavad dvijāḥ //
Als er die beiden gesehen hatte, wurde jener großgesinnte Akrūra, sein Gesichtslotus erblühend, an allen Gliedern mit Gänsehaut bedeckt, o Zweifachgeborene.
Wort für Wort
tau dṛṣṭvā vikasadvaktra-sarojaḥ
als er die beiden gesehen hatte, sein Gesichtslotus erblühend
Möge mir zugleich die Fruchtbarkeit beider Augen zuteilwerden beim Anblick des Weltenlenkers mit seinem strahlenden Lächeln; und möge auch dieser mein Leib, wenn durch die Gnade des Herrn Körperberührung gewährt wird, darin den Pfad zur [wahren] Frucht finden.
Wort für Wort
sāphalyam akṣṇor yugapan mamāstu
möge mir zugleich die Fruchtbarkeit beider Augen zuteilwerden
dṛṣṭe jagaddhātari hāsam uccaiḥ
beim Anblick des Weltenlenkers mit seinem strahlenden Lächeln
apy aṅgam etad bhagavatprasādād
und möge auch dieser mein Leib durch die Gnade des Herrn
dattāṅgasaṅge phalavartma tat syāt
wenn Körperberührung gewährt wird, darin den Pfad zur Frucht finden
[?] Komplexe Syntax; Akrūra erhofft sowohl den Anblick als auch die körperliche Berührung Kṛṣṇas als doppelte Erfüllung.
Noch heute wird der glorreiche, unendlich gestaltete [Herr] meine Lotoshand berühren – er, durch dessen bloße Fingerberührung alle Sünden vernichtet werden und die Menschen die unübertreffliche Vollendung erlangen.
Wort für Wort
adyaiva spṛṣṭvā mama hastapadmaṃ
noch heute wird er meine Lotoshand berühren
kariṣyati śrīmadanantamūrtiḥ
der glorreiche, unendlich gestaltete [Herr] wird [dies] tun
yasyāṅgulisparśahatākhilāghair
durch dessen bloße Fingerberührung alle Sünden vernichtet werden
avāpyate siddhir anuttamā naraiḥ
und die Menschen die unübertreffliche Vollendung erlangen
Und ebenso gewähren die von den Aśvins, Rudra, Indra und den Vasus angeführten Götter, hoch erfreut, [ihm] einen Segen – ihm, der, den Fürsten der Daityas mit dem Diskus erschlagend, den Daitya-Frauen das Augenlicht [durch Tränen] nahm.
Wort für Wort
tathāśvirudrendravasupraṇītā
die von den Aśvins, Rudra, Indra und den Vasus angeführten
devāḥ prayacchanti varaṃ prahṛṣṭāḥ
Götter gewähren, hoch erfreut, [ihm] einen Segen
cakraṃ ghnatā daityapater hṛtāni
ihm, der, den Fürsten der Daityas mit dem Diskus erschlagend, nahm
daityāṅganānāṃ nayanāntarāṇi
den Daitya-Frauen das Augenlicht [durch Tränen]
[?] Genauer mythologischer Bezug und Konstruktion von 'nayanāntarāṇi' unsicher; sinngemäß als Anspielung auf die Verwitwung der Daitya-Frauen gedeutet.
wo Bali, nachdem er Wasser [als Gabe] dargebracht hatte, am Grunde der Erde weilend seine Genüsse erlangte; und ebenso erlangte Śakra, der Herr der Unsterblichen, die Herrschaft über die dreißig [Götter] für ein volles Manvantara.
Wort für Wort
yatrāmbu vinyasya balir manobhyām
wo Bali, nachdem er Wasser [als Gabe] dargebracht hatte
avāpa bhogān vasudhātalasthaḥ
am Grunde der Erde weilend, seine Genüsse erlangte
tathāmareśas tridaśādhipatyaṃ
und ebenso der Herr der Unsterblichen die Herrschaft über die dreißig [Götter]
manvantaraṃ pūrṇam avāpa śakraḥ
Śakra erlangte für ein volles Manvantara
[Anm.: Anspielung auf den Vāmana-Bali-Mythos: König Bali gewährte durch eine Wasserspende [symbolisch] Land und erhielt dafür die Herrschaft über die Unterwelt, während Indra/Śakra die Königsherrschaft über die Götter für ein volles Manvantara zurückerhielt.]
Nun, o Herr, wirst du mich nicht – der ich durch den Dienst bei Kaṃsa zu einem Sitz des Fehlers geworden bin, obgleich ohne wirkliche Schuld – wieder mit Würde versehen? Schande über [diesen Zustand], durch den [mein] Geist aus dem Kreis der Guten ausgeschlossen wurde!
Wort für Wort
atheśa māṃ kaṃsaparigraheṇa
nun, o Herr, mich, durch den Dienst bei Kaṃsa
doṣāspadībhūtam adoṣayuktam
der ich zu einem Sitz des Fehlers geworden bin, obgleich ohne wirkliche Schuld
kartā na mānopahitaṃ dhig astu
wirst du nicht wieder mit Würde versehen? Schande [darüber]
yasmān manaḥ sādhubahiṣkṛto yaḥ
durch den [mein] Geist aus dem Kreis der Guten ausgeschlossen wurde
[?] Sprachlich stark verdichteter Vers; sinngemäß als Akrūras Klage über seinen erzwungenen Dienst bei Kaṃsa gedeutet.
Was gibt es wohl in dieser Welt, von allen Menschen, das ihm unbekannt wäre – ihm, dessen Wesen Erkenntnis ist, der die ganze Fülle des Seins ist, dem alle Fehler fernstehen, der stets offenbar ist und im Herzen [eines jeden] weilt?
Wort für Wort
jñānātmakasyākhilasattvarāśer
dem, dessen Wesen Erkenntnis ist, der die ganze Fülle des Seins ist
vyāvṛttadoṣasya sadāsphuṭasya
dem alle Fehler fernstehen, der stets offenbar ist
kiṃ vā jagaty atra samastapuṃsām
was gibt es wohl in dieser Welt, von allen Menschen
ajñātam asyāsti hṛdi sthitasya
das ihm unbekannt wäre, der im Herzen [eines jeden] weilt
Darum gehe ich, mein Leib in Hingabe geneigt, zu ihm, dem Herrn des Weltalls, dem Herrn der Herren, der Teilinkarnation des höchsten Geistes, des anfang-, mittel- und endlosen, ungeborenen Viṣṇu.
Wort für Wort
tasmād ahaṃ bhaktivinamragātro
darum gehe ich, mein Leib in Hingabe geneigt
vrajāmi viśveśvaram īśvarāṇām
zu ihm, dem Herrn des Weltalls, dem Herrn der Herren
aṃśāvatāraṃ puruṣottamasya
der Teilinkarnation des höchsten Geistes
anādimadhyāntam ajasya viṣṇoḥ
des anfang-, mittel- und endlosen, ungeborenen Viṣṇu