Kapitel 86: cakratīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Cakra-Tīrtha (Yamas Prüfung durch Indra)
Aus Mitleid mit einem trauernden Ehepaar, dessen geliebter Sohn gestorben ist, verlässt Yama (der Tod) seine Stadt und übt Askese am Ufer der Godāvarī, wodurch für einige Zeit kein Wesen mehr stirbt. Die von der wachsenden Last überforderte Erde beschwert sich bei Indra, der nach anfänglicher Unwissenheit von Sūrya erfährt, dass sein Sohn Yama an der Godāvarī büßt – und sogleich argwöhnt, Yama wolle durch diese Askese seinen Thron an sich reißen. Weder die herbeigerufenen Apsaras noch eine drohende Kriegserklärung Indras helfen; auf Rat der Menakā entsendet Indra stattdessen eine gewöhnliche Kurtisane (Gaṇikā), um Yamas Askese zu unterbrechen. Diese verführt Yama erfolgreich, löst sich danach jedoch selbst in einen Fluss auf, der sich mit der Gautamī vereint, und steigt geläutert durch die Kraft dieses Tīrtha zum Himmel auf. Sūrya versichert dem verblüfften Yama, dass daran nichts Tadelnswertes sei, und schickt ihn in seine Stadt zurück; Viṣṇus Diskus (Cakra), zuvor zu Yamas Schutz entsandt, begleitet ihn auf dem Rückweg. Seitdem heißt die Stätte 'Cakra-Tīrtha'.
{brahmovāca:} asti brahman mahātīrthaṃ cakratīrtham iti śrutam / tatra snānān naro bhaktyā harer lokam avāpnuyāt //
{Brahmā sprach:} Es gibt, o Weiser, eine große Pilgerstätte, als 'Cakra-Tīrtha' bekannt; durch das Baden dort, mit Hingabe, erlangt ein Mensch die Welt Haris.
Wort für Wort
asti brahman mahātīrtham cakratīrtham iti śrutam
es gibt, o Weiser, eine große Pilgerstätte, als 'Cakra-Tīrtha' bekannt
tatra snānāt naraḥ bhaktyā hareḥ lokam avāpnuyāt
durch das Baden dort, mit Hingabe, erlangt ein Mensch die Welt Haris
In seinem fortgeschrittenen Alter wurde ihm, o Weiser, ein vortrefflicher Sohn geboren, tugendhaft, von schöner Gestalt, anmutig, von verheißungsvollem Aussehen.
Wort für Wort
uttare vayasi śreṣṭhaḥ tasya putraḥ abhavat ṛṣe
in seinem fortgeschrittenen Alter wurde ihm, o Weiser, ein vortrefflicher Sohn geboren
guṇavān rūpa-saṃpannaḥ vilāsī śubha-darśanaḥ
tugendhaft, von schöner Gestalt, anmutig, von verheißungsvollem Aussehen
'wurdest du, obwohl noch in der Jugend stehend, hinweggerafft, du Ozean der Tugenden; und du warst uns beiden, mehr als das Leben, überaus schwer zu erlangen gewesen.'
Wort für Wort
yauvane vartamānaḥ api nītaḥ asi guṇasāgara
obwohl noch in der Jugend stehend, wurdest du hinweggerafft, du Ozean der Tugenden
āvayoḥ ca tathā eva tvam prāṇebhyaḥ api sudurlabhaḥ
und du warst uns beiden, mehr als das Leben, überaus schwer zu erlangen
und weilte am heilvollen Ufer der Godāvarī, über Janārdana (Viṣṇu) meditierend; und schon in kurzer Zeit wuchsen die Geschöpfe überall unaufhörlich an.
Wort für Wort
godāvaryāḥ śubhe tīre sthitaḥ dhyāyan janārdanam
und weilte am heilvollen Ufer der Godāvarī, über Janārdana meditierend
api svalpena kālena prajāḥ vṛddhāḥ samantataḥ
und schon in kurzer Zeit wuchsen die Geschöpfe überall unaufhörlich an
Da ging die Göttin Erde eilends, o bester der Weisen, dorthin, wo sich Śakra, von den Göttern begleitet, der Bezwinger feindlicher Städte, befand; die Erde erblickend, verneigte sich Indra und sprach dies:
Wort für Wort
tataḥ devī gatā tūrṇam vasudhā munisattama
da ging die Göttin Erde eilends, o bester der Weisen
yatra asti sura-saṃyuktaḥ śakraḥ para-puraṃjayaḥ
dorthin, wo sich Śakra, von den Göttern begleitet, der Bezwinger feindlicher Städte, befand
dṛṣṭvā vasuṃdharām indraḥ praṇipatya idam abravīt
die Erde erblickend, verneigte sich Indra und sprach dies
[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer einzigen Nummer im Original.]
{dharovāca:} bhāreṇa guruṇā śakra pīḍitāhaṃ vinā vadham / kāraṇaṃ praṣṭum āyātā kim idaṃ kathyatāṃ mama //
{Die Erde sprach:} Von schwerer Last bedrängt, o Śakra, ohne dass jemand stirbt, bin ich gekommen, um nach der Ursache zu fragen – was dies bedeutet, sage mir.
Wort für Wort
bhāreṇa guruṇā śakra pīḍitā aham vinā vadham
von schwerer Last bedrängt, o Śakra, ohne dass jemand stirbt, bin ich
kāraṇam praṣṭum āyātā kim idam kathyatām mama
gekommen, um nach der Ursache zu fragen - was dies bedeutet, sage mir
{Brahmā sprach:} Da, dieses Wort vernehmend, sprach die Erde zu dem Gatten der Śacī: 'So werde denn Yama angewiesen, dass er die Geschöpfe wie gewohnt hinwegrafft.'
Wort für Wort
atha pṛthvī tadā vākyam śrutvā ca āha śacīpatim
da, dieses Wort vernehmend, sprach die Erde zu dem Gatten der Śacī
yamaḥ ādiśyatām tarhi yathā saṃharate prajāḥ
so werde denn Yama angewiesen, dass er die Geschöpfe wie gewohnt hinwegrafft
tatas te satvaraṃ yātāḥ sarve vaivasvataṃ puram / naivāpaśyan yamaṃ tatra te siddhāḥ saha kiṃnaraiḥ / tathāgatya punar vegād vārttā śakre niveditā //
Da gingen sie alle eilends zur Stadt des Vaivasvata (Yamas); doch die Siddhas sahen dort, zusammen mit den Kiṃnaras, Yama nicht; so zurückkehrend, wurde eilends dem Śakra die Nachricht überbracht:
Wort für Wort
tataḥ te satvaram yātāḥ sarve vaivasvatam puram
da gingen sie alle eilends zur Stadt des Vaivasvata
na eva apaśyan yamam tatra te siddhāḥ saha kiṃnaraiḥ
doch die Siddhas sahen dort, zusammen mit den Kiṃnaras, Yama nicht
tathā āgatya punaḥ vegāt vārttā śakre niveditā
so zurückkehrend, wurde eilends dem Śakra die Nachricht überbracht
[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer einzigen Nummer im Original.]
{Die Siddhas und Kiṃnaras sprachen:} 'Yama wurde von uns in der Stadt Yamas nicht erblickt, o Herr, obwohl wir ihn mit großem Bemühen überall suchten.'
Wort für Wort
yamaḥ yamapure nātha asmābhiḥ na avalokitaḥ
Yama wurde von uns in der Stadt Yamas nicht erblickt, o Herr
{śakra uvāca:} aho kaṣṭaṃ mahākaṣṭaṃ naṣṭā me suranāthatā / godāvaryāṃ tapaḥ kuryād yamo vai duṣṭaceṣṭitaḥ / jighṛkṣur matpadaṃ nūnaṃ devā iti matir mama //
{Śakra sprach:} 'Ach, welch Unheil, welch großes Unheil! Verloren ist meine Götterherrschaft! Dass Yama an der Godāvarī Askese übt, ist fürwahr ein böses Vorhaben; gewiss will er, ihr Götter, meinen Rang ergreifen – so ist meine Meinung.'
Wort für Wort
aho kaṣṭam mahākaṣṭam naṣṭā me suranāthatā
ach, welch Unheil, welch großes Unheil! Verloren ist meine Götterherrschaft
godāvaryām tapaḥ kuryāt yamaḥ vai duṣṭa-ceṣṭitaḥ
dass Yama an der Godāvarī Askese übt, ist fürwahr ein böses Vorhaben
jighṛkṣuḥ mat-padam nūnam devāḥ iti matiḥ mama
gewiss will er meinen Rang ergreifen, ihr Götter - so ist meine Meinung
[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer einzigen Nummer im Original.]
{Brahmā sprach:} Dies, Śakras Wort, vernehmend, sprach keine von ihnen auch nur ein Wort, o großer Weiser; da erwiderte Śakra voller Zorn der Schar der Apsaras:
Wort für Wort
iti śakra-vacaḥ śrutvā na uce kā api mahāmune
dies, Śakras Wort, vernehmend, sprach keine von ihnen auch nur ein Wort, o großer Weiser
atha śakraḥ prakopeṇa pratyuvāca apsaraḥ-gaṇam
da erwiderte Śakra voller Zorn der Schar der Apsaras
{Indra sprach:} 'Keine von euch hat auch nur eine Antwort gegeben – so wollen wir selbst gehen! Die Götter sollen sich bereitmachen, mit ihren Heeren sollen sie ohne Verzug kommen; wir werden den Feind töten, der durch Askese nach dem Himmel verlangt.'
Wort für Wort
uttaram na abravīt kiṃcit yāmaḥ tarhi vayam svayam
keine hat auch nur eine Antwort gegeben - so wollen wir selbst gehen
sajjāḥ bhavantu vibudhāḥ sainyaiḥ āyāntu mā ciram
die Götter sollen sich bereitmachen, mit ihren Heeren sollen sie ohne Verzug kommen
ghātayāmaḥ vayam śatrum tapasā svarga-kāmukam
wir werden den Feind töten, der durch Askese nach dem Himmel verlangt
[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer einzigen Nummer im Original.]
{menakovāca:} kālāvalokane nālaṃ kācid asti sureśvara / maraṇaṃ ca varaṃ deva bhavato na yamāt punaḥ //
{Menakā sprach:} 'Keiner von uns ist es möglich, dem Kāla (Yama) ins Auge zu blicken, o Götterherr; selbst der Tod durch dich, o Gott, wäre uns lieber als die Begegnung mit Yama.'
Wort für Wort
kāla-avalokane na alam kā cit asti sureśvara
keiner von uns ist es möglich, dem Kāla ins Auge zu blicken, o Götterherr
maraṇam ca varam deva bhavataḥ na yamāt punaḥ
selbst der Tod durch dich, o Gott, wäre uns lieber als die Begegnung mit Yama
[Anm.: Übersetzung von 'bhavato na yamāt punaḥ' unsicher; Grundsinn: Konfrontation mit Yama wird als schlimmer erachtet als der Tod selbst.]
'Diese hier, von Schönheit und Jugend berauscht, ist eine (käufliche) Gaṇikā – kein Bitten ist nötig, o Herr; erteile ihr den Auftrag – sie erkennt ohnehin deine Herrschaft an.'
Wort für Wort
rūpa-yauvana-mattā iyam gaṇikā yācanam prabho
diese, von Schönheit und Jugend berauscht, ist eine Gaṇikā - kein Bitten ist nötig, o Herr
preṣaṇam tat prayaccha eṣā svāmitvam manyate tvayā
erteile ihr den Auftrag - sie erkennt ohnehin deine Herrschaft an
[Anm.: Verse 31-32 sind sprachlich verdichtet und in der Nuance unsicher; erkennbar ist, dass Menakā vorschlägt, statt einer Apsaras eine dienstbereite Gaṇikā (Kurtisane) für die Aufgabe zu senden.]
{śakra uvāca:} gaṇike gaccha me kāryaṃ kuru sundari mā ciram / kṛtakṛtyāgatā bhūyo vallabhā me yathā śacī //
{Śakra sprach:} 'Gaṇikā, geh, vollbringe meine Aufgabe, o Schöne, ohne Verzug; kehrst du mit vollbrachtem Werk zurück, sollst du mir lieb sein wie Śacī.'
Wort für Wort
gaṇike gaccha me kāryam kuru sundari mā ciram
Gaṇikā, geh, vollbringe meine Aufgabe, o Schöne, ohne Verzug
kṛtakṛtyā āgatā bhūyaḥ vallabhā me yathā śacī
kehrst du mit vollbrachtem Werk zurück, sollst du mir lieb sein wie Śacī
Als er die Gaṇikā, auf einem Himmelswagen zum Himmel emporsteigend, sah, geriet Kāla (Yama), mit unruhigen Augen, in höchstes Erstaunen; da kam Āditya (Sūrya) herbei und sprach so zu Yama:
Wort für Wort
gacchantīm gaṇikām dṛṣṭvā vimāna-sthām divam prati
als er die Gaṇikā, auf einem Himmelswagen zum Himmel emporsteigend, sah
vismayam paramam prāptaḥ kālaḥ tarala-locanaḥ
geriet Kāla, mit unruhigen Augen, in höchstes Erstaunen
atha ādityena ca āgatya evam uktaḥ yamaḥ tadā
da kam Āditya herbei und sprach so zu Yama
[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer einzigen Nummer im Original.]
{Sūrya sprach:} 'Verrichte, mein Sohn, dein eigenes Werk, die Vernichtung der Geschöpfe; sieh den Wind, der stets weht, den Schöpfer, der die Geschöpfe erschafft, mich, der ich die drei Welten durchwandere, und die Erde, die die Geschöpfe trägt.'
Wort für Wort
kuru putra nijam karma prajānām tvam parikṣayam
verrichte, mein Sohn, dein eigenes Werk, die Vernichtung der Geschöpfe
paśya vātam sadā vāntam sṛjantam vedhasam prajāḥ
sieh den Wind, der stets weht, den Schöpfer, der die Geschöpfe erschafft
paryaṭantam trilokīm mām vahantīm vasudhām prajāḥ
mich, der ich die drei Welten durchwandere, und die Erde, die die Geschöpfe trägt
[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer einzigen Nummer im Original.]
{yama uvāca:} etan na garhitaṃ karma kuryām aham idaṃ dhruvam / karmaṇy asmin mahākrūre samādeṣṭuṃ na vārhasi //
{Yama sprach:} 'Dies ist kein tadelnswertes Tun; gewiss werde ich dieses mein Amt weiterhin ausüben; über diese höchst grausame Aufgabe brauchst du mir keine Anweisung zu geben.'
Wort für Wort
etat na garhitam karma kuryām aham idam dhruvam
dies ist kein tadelnswertes Tun; gewiss werde ich dieses weiterhin ausüben
karmaṇi asmin mahākrūre samādeṣṭum na vā arhasi
über diese höchst grausame Aufgabe brauchst du mir keine Anweisung zu geben
'Hast du nicht gesehen, wie die Gaṇikā, von den Dienern der Kurtisanenschar besungen, sogleich zum Himmel aufstieg, nachdem sie in das Wasser der Gautamī eingetaucht war?'
Wort für Wort
kim na dṛṣṭā tvayā yāntī gaṇikā gaṇa-kiṃkaraiḥ
hast du nicht gesehen, wie die Gaṇikā, von den Dienern der Kurtisanenschar
gīyamānā divam sadyaḥ gautamī-toyam āplutā
besungen, sogleich zum Himmel aufstieg, nachdem sie in das Wasser der Gautamī eingetaucht war
'Und du hast hier strenge, überaus schwer zu vollbringende Askese geübt, mein Sohn; ich sehe kein Ende davon – deshalb geh nun zurück in deine eigene Stadt.'
Wort für Wort
tvayā ca atra tapaḥ tīvram kṛtam putra suduṣkaram
und du hast hier strenge, überaus schwer zu vollbringende Askese geübt, mein Sohn
na eva antam tasya paśyāmi tasmāt gaccha nijam puram
ich sehe kein Ende davon - deshalb geh nun zurück in deine eigene Stadt
Auch der 'Wesenverderber' (Yama) legte da seinen Argwohn ab, o großer Weiser; und, ihn so fortgehend sehend, machte (Viṣṇu) den Diskus zu seinem Geleiter auf der Reise.
Wort für Wort
bhūtahā api tataḥ śaṅkām tatyāja ca mahāmune
auch der 'Wesenverderber' legte da seinen Argwohn ab, o großer Weiser
tathā dṛṣṭvā yamam yāntam cakre cakram prayāṇakam
und, ihn so fortgehend sehend, machte er den Diskus zu seinem Geleiter auf der Reise
[Anm.: 'bhūtahā' ('Wesen-Verderber') ist hier vermutlich ein ungewöhnliches Beiwort Yamas, des Todesgottes; auch der genaue Bezug von 'cakre cakraṃ prayāṇakam' bleibt etwas unsicher – vermutlich begleitete der Diskus Viṣṇus fortan Yamas Aufbruch bzw. blieb als Schutz zurück.]
An dem Ort, wo der erhabene Govinda, mit der Waldblumengirlande geschmückt, weilt – wer als Sterblicher dies mit gesammeltem Sinn hört oder auch rezitiert,
Wort für Wort
bhagavān yatra govindaḥ vanamālā-vibhūṣitaḥ
an dem Ort, wo der erhabene Govinda, mit der Waldblumengirlande geschmückt, weilt
iti yaḥ śṛṇuyāt martyaḥ paṭhet vā api samāhitaḥ
wer als Sterblicher dies mit gesammeltem Sinn hört oder auch rezitiert