Kapitel 93: pitṛtīrthaviśvāmitratīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Pitṛ-Tīrtha und des Viśvāmitra-/Madhu-Tīrtha (Viśvāmitras Hundefleisch-Prüfung)
Zunächst kurz: das Pitṛ-Tīrtha, wo Rāma und Sītā einst die Ahnen erquickten. Danach die ausführliche Viśvāmitra-Erzählung (bekannt auch aus dem Mahābhārata): Während einer schweren Dürre lässt der hungernde Weise Viśvāmitra an der Gautamī einen toten Hund zubereiten, um Götter, Ahnen und Gäste zu erquicken, bevor die Familie den Rest isst. Agni berichtet dies den Göttern; Indra, in Falkengestalt, entwendet den Topf, ersetzt das Fleisch aber heimlich durch Honig(-nektar). Viśvāmitra durchschaut den Tausch, verlangt zornig sein Hundefleisch zurück statt der Ambrosia, da diese nur ihm allein nütze, während alle Geschöpfe hungern. Erst als Indra, um sein Wort zu halten, Ambrosia-Regen auf die ganze Welt fallen lässt, ist Viśvāmitra zufrieden. Ursprung der Namen Viśvāmitra-, Madhu- (Honig-), Aindra- (Indra-), Śyena- (Falken-) und Parjanya- (Regenwolken-) Tīrtha.
Brahmā sprach: Wo Rāma, der Sohn des Daśaratha, zusammen mit Sītā, Brahmane, die Ahnen mit Wasseropfern erquickte, das kennt man seitdem als Pitṛ-Tīrtha.
viśvāmitraṃ tu tat tīrtham ṛṣijuṣṭaṃ supuṇyadam / tatsvarūpaṃ ca vakṣyāmi paṭhitaṃ vedavādibhiḥ //
– jenes Tīrtha, von Weisen aufgesucht, das großen Verdienst gewährt, heißt Viśvāmitra; seine wahre Geschichte will ich verkünden, wie sie von den Kennern der Veda-Lehre rezitiert wird.
Wort für Wort
viśvāmitraṃ tu tat tīrtham
jenes Tīrtha heißt Viśvāmitra,
ṛṣijuṣṭaṃ supuṇyadam
von Weisen aufgesucht, großen Verdienst gewährend,
śiṣyān putrāṃś ca jāyāṃ ca kṛśān dṛṣṭvā kṣudhāturān / vyathitaḥ kauśikaḥ śrīmāñ śiṣyān idam uvāca ha //
Als er die Schüler, Söhne und die Gattin, abgemagert und von Hunger gequält, sah, bekümmert, sprach der glanzvolle Kauśika (Viśvāmitra) zu den Schülern dies.
Viśvāmitra sprach: 'Auf welche Weise auch immer, was auch immer, wo auch immer, wie auch immer – es soll herbeigeschafft werden; doch Essbares oder Speise soll es sein, zögert nicht; noch jetzt sollt ihr gehen, und im Nu soll es herbeigebracht werden.'
Brahmā sprach: Auf dieses Wort des Weisen hin gingen die hungrigen Schüler eilends; hierhin und dorthin umherstreifend, erblickten sie einen toten Hund.
viśvāmitravacaḥ śrutvā śiṣyāś cakrus tathaiva tat / pacyamāne śvamāṃse tu devadūto 'gnir abhyagāt / devānāṃ sadane sarvaṃ devebhyas tan nyavedayat //
Nachdem sie Viśvāmitras Wort gehört hatten, taten die Schüler eben dies; während das Hundefleisch gekocht wurde, ging der Götterbote Agni dorthin; im Sitz der Götter berichtete er dies alles den Göttern.
Brahmā sprach: Auf dieses Wort Agnis hin wurde Indra zu einem Falken und trug, durch die Luft fliegend, den mit Fleisch gefüllten, verdeckten Topf fort.
tat karma dṛṣṭvā śiṣyās te ṛṣeḥ śyenaṃ nyavedayan / hṛtā sthālī muniśreṣṭha śyenenākṛtabuddhinā //
Als sie diese Tat sahen, meldeten jene Schüler dem Weisen den Falken: 'Der Topf wurde geraubt, o Bester der Weisen, von einem Falken mit übler Absicht.'
punar niveśayām āsa ulkāsv eva khago hariḥ / madhunā tu samāyuktāṃ viśvāmitraś cukopa ha / sthālīṃ vīkṣya tataḥ kopād idam āha sa kauśikaḥ //
Der Vogel Hari (Indra) setzte ihn wieder ab, eben zwischen den glühenden Kohlen; als Viśvāmitra den mit Honig versehenen Topf erblickte, wurde er zornig, und aus Zorn sprach jener Kauśika dies.
Wort für Wort
punar niveśayām āsa
wieder setzte er ab,
ulkāsv eva khago hariḥ
eben zwischen den glühenden Kohlen, der Vogel Hari,
{viśvāmitra uvāca: } śvamāṃsam eva no dehi tvaṃ harāmṛtam uttamam / no cet tvāṃ bhasmasāt kuryām indro bhītas tadābravīt //
Viśvāmitra sprach: 'Gib uns eben das Hundefleisch, du hast uns die vorzügliche Ambrosia weggenommen; wenn nicht, werde ich dich zu Asche machen.' Da, erschrocken, sprach Indra.
Wort für Wort
śvamāṃsam eva no dehi
gib uns eben das Hundefleisch,
tvaṃ harāmṛtam uttamam
du hast (uns) die vorzügliche Ambrosia weggenommen,
Indra sprach: 'Opfere den Honig(-trank) vorschriftsmäßig und trinke ihn zusammen mit deinen Söhnen; was soll dir dieses unreine Hundefleisch, großer Weiser?'
{brahmovāca: } viśvāmitro 'pi nety āha bhuktenaikena kiṃ phalam / prajāḥ sarvāś ca sīdanti kiṃ tena madhunā hare //
Brahmā sprach: Auch Viśvāmitra sagte 'Nein': 'Welchen Nutzen hat es, wenn nur einer davon isst? Alle Geschöpfe leiden Not; was nützt mir jener Honig(-trank), Hari?'
'Wenn es für alle Ambrosia gäbe, würde ich auch die reine Ambrosia genießen; andernfalls sollen die Götter und Ahnen zunächst dieses Hundefleisch verzehren.'
paścād ahaṃ tac ca māṃsaṃ bhokṣye nānṛtam asti me / tato bhītaḥ sahasrākṣo meghān āhūya tatkṣaṇāt //
'Danach werde ich selbst jenes Fleisch verzehren; keine Unwahrheit ist bei mir.' Da, erschrocken, rief der Tausendäugige (Indra) sogleich die Wolken herbei.
vavarṣa cāmṛtaṃ vāri hy amṛtenārpitāḥ prajāḥ / paścāt tad amṛtaṃ puṇyaṃ haridattaṃ yathāvidhi //
Und er ließ Ambrosia-Wasser regnen, und durch die Ambrosia wurden die Geschöpfe versorgt; danach opferte man jene heilige, von Hari gegebene Ambrosia vorschriftsmäßig.
Nachdem er zuerst die Götter erquickt und die drei Welten erquickt hatte, speiste der Brahmane Viśvāmitra zusammen mit seinen Schülern und seiner eigenen Gattin.
tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ viśvāmitram iti smṛtam / madhutīrtham athaindraṃ ca śyenaṃ parjanyam eva ca //
Seitdem heißt jenes Tīrtha 'Viśvāmitra', auch 'Madhu-Tīrtha' (Honig-Tīrtha) und 'Aindra' (Indra-Tīrtha), 'Śyena' (Falken-Tīrtha) und auch 'Parjanya' (Regenwolken-Tīrtha).