Kapitel 62: sāgaramāhātmyavarṇanam
Die Verehrung des Meeres als „König der Pilgerstätten“ (Tīrtharāja) und die Frucht des Bades
Nach dem Abschluss der Puruṣottama-Pūjā wendet sich der Text der abschließenden Verehrung des Meeres selbst zu, das als 'Tīrtharāja' (König der Pilgerstätten) gepriesen wird: Bade-Verdienst gleich hundert Pferdeopfern, Wiedergeburt einundzwanzig Generationen später im Viṣṇuloka, gesteigerte Verdienste an astronomisch/kalendarisch besonderen Tagen, und eine abschließende Begründung, warum das Meer allen anderen Tīrthas überlegen ist: alle Flüsse und Seen der Erde münden in es, weshalb es deren gesamte Frucht in sich vereint.
Brahmā sprach: Nachdem man so vorschriftsgemäß, mit Hingabe, jenen Puruṣottama verehrt und sich mit dem Haupt verneigt hat, soll man danach auch das Meer besänftigen,
prāṇas tvaṃ sarvabhūtānāṃ yoniś ca saritāṃ pate / tīrtharāja namas te 'stu trāhi mām acyutapriya // BrP_62.2 //
[mit den Worten:] ‚Du bist der Lebensatem aller Wesen, und der Ursprung [aller Gewässer], o Herr der Flüsse; Verehrung sei dir, o König der Pilgerstätten, rette mich, o Geliebter des Acyuta.‘
Nachdem man so vollständig im Meer gebadet hat, an jenem vortrefflichen Pilgerort, o Zweifachgeborene, und am Ufer den leidfreien Nārāyaṇa vorschriftsgemäß verehrt hat,
Wort für Wort
snātvā evam sāgare samyak
so vollständig im Meer gebadet habend
tasmin kṣetravare dvijāḥ
an jenem vortrefflichen Pilgerort, o Zweifachgeborene
rāmaṃ kṛṣṇaṃ subhadrāṃ ca praṇipatya ca sāgaram / śatānām aśvamedhānāṃ phalaṃ prāpnoti mānavaḥ // BrP_62.4 //
und sich vor Rāma [Balarāma], Kṛṣṇa und Subhadrā sowie vor dem Meer niedergeworfen hat, erlangt der Mensch die Frucht von hundert Pferdeopfern (Aśvamedha).
gelangt er mit einem sonnenfarbenen, von göttlichem Gandharven-Gesang erklingenden Himmelswagen, nachdem er einundzwanzig Generationen seiner Sippe emporgehoben hat, zur Welt Viṣṇus.
Wort für Wort
vimānena arkavarṇena
mit einem sonnenfarbenen Himmelswagen
divyagandharvanādinā
von göttlichem Gandharven-Gesang erklingend
kulaikaviṃśam uddhṛtya
einundzwanzig Generationen der Sippe emporgehoben habend
und nach Erschöpfung seines Verdienstes hierher zurückgekehrt, [wird er geboren] in eine mit allen guten Eigenschaften versehene Familie – schöngestaltig, glückverheißend, glanzvoll, wahrhaftig redend, seine Sinne beherrschend,
Wort für Wort
puṇyakṣayāt iha āyātaḥ
nach Erschöpfung des Verdienstes hierher zurückgekehrt
kule sarvaguṇānvite
in eine mit allen guten Eigenschaften versehene Familie
vedaśāstrārthavid vipro bhaved yajvā tu vaiṣṇavaḥ / yogaṃ ca vaiṣṇavaṃ prāpya tato mokṣam avāpnuyāt // BrP_62.9 //
des Sinnes der Veden und Lehrschriften kundig, ein Brahmane, ein Opferer, ein Vaiṣṇava; und nachdem er die Vereinigung (Yoga) mit Viṣṇu erlangt hat, erlangt er darauf die Erlösung.
Wort für Wort
vedaśāstrārthavit vipraḥ
des Sinnes der Veden und Lehrschriften kundig, ein Brahmane
Bei einer Planetenverfinsterung, bei einer Saṃkrānti [Sonnenübertritt], bei einer Sonnenwende (Ayana), ebenso bei einer Tagundnachtgleiche, an den Yuga-Anfängen, bei der Ṣaḍaśīti[-Konstellation], bei Vyatīpāta[-Konjunktion], bei Tagesende,
Wort für Wort
grahoparāge saṃkrāntyām
bei einer Planetenverfinsterung, bei einer Saṃkrānti
ayane viṣuve tathā
bei einer Sonnenwende, ebenso einer Tagundnachtgleiche
yugādiṣu ṣaḍaśītyām
an den Yuga-Anfängen, bei der Ṣaḍaśīti-Konstellation
āṣāḍhyāṃ caiva kārttikyāṃ māghyāṃ vānye śubhe tithau / ye tatra dānaṃ viprebhyaḥ prayacchanti sumedhasaḥ // BrP_62.11 //
und am [Vollmondtag des Monats] Āṣāḍha, an [dem des] Kārttika, an [dem des] Māgha, oder an einem anderen günstigen Mondtag – wer dort den Brahmanen Gaben darbringt, die Klugen,
Wort für Wort
āṣāḍhyām ca eva kārttikyām
und am Āṣāḍha[-Vollmond], ebenso am Kārttika[-Vollmond]
māghyām vā anye śubhe tithau
am Māgha[-Vollmond] oder an einem anderen günstigen Mondtag
phalaṃ sahasraguṇitam anyatīrthāl labhanti te / pitṝṇāṃ ye prayacchanti piṇḍaṃ tatra vidhānataḥ // BrP_62.12 //
die erlangen tausendfache Frucht gegenüber [derselben Gabe an] einem anderen Pilgerort; diejenigen, die dort vorschriftsgemäß den Vorfahren die Opferkuchen (Piṇḍa) darbringen,
Wort für Wort
phalam sahasraguṇitam
tausendfache Frucht
anyatīrthāt labhanti te
erlangen sie gegenüber einem anderen Pilgerort
pitṝṇām ye prayacchanti piṇḍam
diejenigen, die den Vorfahren den Opferkuchen darbringen
dānasya ca phalaṃ viprāḥ piṇḍadānasya caiva hi / dharmārthamokṣaphaladam āyuṣkīrtiyaśaskaram // BrP_62.14 //
Und die Frucht des Spendens, o Brahmanen, und ebenso fürwahr der Piṇḍa-Spende – [dies alles] gewährt die Frucht von Dharma, Artha und Mokṣa, bewirkt Lebensdauer, Ruhm und Ehre,
gewährt den Menschen die Frucht von Genuss und Erlösung, ist segensreich, vernichtet böse Träume, nimmt alle Sünde hinweg, ist heilig, gewährt die Frucht aller Wünsche.
Wort für Wort
bhuktimuktiphalam nṝṇām
die Frucht von Genuss und Erlösung für die Menschen
nāstikāya na vaktavyaṃ purāṇaṃ ca dvijottamāḥ / tāvad garjanti tīrthāni māhātmyaiḥ svaiḥ pṛthak pṛthak // BrP_62.16 //
Einem Ungläubigen (Nāstika) soll dieses Purāṇa nicht mitgeteilt werden, o beste der Zweifachgeborenen. So lange prahlen die [übrigen] Pilgerstätten, jede mit ihrer eigenen Größe, gesondert voneinander,
solange die Größe des Tīrtharāja nicht beschrieben wird, o Zweifachgeborene. Puṣkara und die anderen Pilgerstätten gewähren [nur] ihre eigene [begrenzte] Frucht,
Deshalb ist jenes das Vortrefflichste unter allen Pilgerstätten, alle Wünsche gewährend. Wie die Finsternis vergeht, wenn Bhāskara [die Sonne] aufgegangen ist, o Zweifachgeborene,
Wort für Wort
tasmāt samastatīrthebhyaḥ
deshalb unter allen Pilgerstätten
śreṣṭhaḥ asau sarvakāmadaḥ
ist jenes das Vortrefflichste, alle Wünsche gewährend
tamaḥ nāśam yathā abhyeti
wie die Finsternis zum Vergehen kommt
bhāskare abhyudite dvijāḥ
wenn die Sonne aufgegangen ist, o Zweifachgeborene
koṭyo navanavatyas tu yatra tīrthāni santi vai / tasmāt snānaṃ ca dānaṃ ca homaṃ japyaṃ surārcanam / yat kiṃcit kriyate tatra cākṣayaṃ kriyate dvijāḥ // BrP_62.23 //
Wo fürwahr neunundneunzig Millionen (Koṭi) Pilgerstätten sind – deshalb, was auch immer dort an Bad, Gaben, Feueropfer, Murmelgebet, Götterverehrung vollzogen wird, das wird, o Zweifachgeborene, unerschöpflich vollzogen.
Wort für Wort
koṭyaḥ navanavatyaḥ tu
neunundneunzig Millionen aber
yatra tīrthāni santi vai
wo fürwahr Pilgerstätten sind
tasmāt snānam ca dānam ca
deshalb Bad und Gaben
homam japyam surārcanam
Feueropfer, Murmelgebet, Götterverehrung
yat kiṃcit kriyate tatra
was auch immer dort vollzogen wird
ca akṣayam kriyate dvijāḥ
wird unerschöpflich vollzogen, o Zweifachgeborene
[Anm.: Dreizeiliger Vers (drei Pādas); Kapitelschluss.]