Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 145: mārkaṇḍeyatīrthamāhātmyavarṇanam Die Größe des Mārkaṇḍeya-Tīrtha (Der Streit der Weisen über Wissen und Handeln, entschieden durch Śiva)

Weise wie Mārkaṇḍeya, Bharadvāja, Vasiṣṭha, Atri, Gautama und Yājñavalkya streiten darüber, ob Erlösung durch Wissen (jñāna) oder durch Handeln (karma) erlangt wird. Sie befragen zunächst Brahmā, dann Viṣṇu, schließlich Śiva an der Gaṅgā, der den Vorrang des Handelns erklärt: Wissen selbst sei nur eine Form des Handelns, und kein Lebewesen sei je handlungslos. Nach Śivas Entscheidung wird die Tīrtha, benannt nach Mārkaṇḍeya, zum Sitz von 98 weiteren Tīrthas am Nordufer der Gaṅgā, heilig für die Ahnen.

{brahmovāca:} mārkaṇḍeyaṃ nāma tīrthaṃ sarvapāpavimocanam / sarvakratuphalaṃ puṇyam aghaughavinivāraṇam //

Brahmā sprach: Es gibt eine Tīrtha namens Mārkaṇḍeya, die von aller Sünde befreit, die Frucht aller Opfer verleiht, heilig ist und die Flut der Sünden abwehrt.

Wort für Wort
mārkaṇḍeyaṃ nāma tīrthaṃ sarvapāpavimocanam
Mārkaṇḍeya genannt (ist) die Tīrtha, die von aller Sünde befreit
sarvakratuphalaṃ puṇyam aghaughavinivāraṇam
die Frucht aller Opfer, heilig, die Flut der Sünden abwehrend

tasya prabhāvaṃ vakṣyāmi śṛṇu nārada yatnataḥ / mārkaṇḍeyo bharadvājo vasiṣṭho 'triś ca gautamaḥ //

Ihre Macht will ich verkünden - höre aufmerksam, Nārada. Mārkaṇḍeya, Bharadvāja, Vasiṣṭha, Atri und Gautama...

Wort für Wort
tasya prabhāvaṃ vakṣyāmi śṛṇu nārada yatnataḥ
ihre Macht werde ich verkünden, höre aufmerksam, Nārada
mārkaṇḍeyo bharadvājo vasiṣṭho 'triś ca gautamaḥ
Mārkaṇḍeya, Bharadvāja, Vasiṣṭha, Atri und Gautama

yājñavalkyaś ca jābālir munayo 'nye 'pi nārada / ete śāstrapraṇetāro vedavedāṅgapāragāḥ //

...und Yājñavalkya, Jābāli und andere Weise, o Nārada - diese, Verfasser der Lehrschriften, kundig der Veden und Vedāṅgas...

Wort für Wort
yājñavalkyaś ca jābālir munayo 'nye 'pi nārada
und Yājñavalkya und Jābāli, und andere Weise, o Nārada
ete śāstrapraṇetāro vedavedāṅgapāragāḥ
diese, Verfasser der Lehrschriften, kundig der Veden und Vedāṅgas

purāṇanyāyamīmāṃsā-kathāsu pariniṣṭhitāḥ / mithaḥ samūcur vidvāṃso muktiṃ prati yathāmati //

...bewandert in den Erzählungen der Purāṇas, der Nyāya- und Mīmāṃsā-Lehre, sprachen diese Gelehrten untereinander, jeder nach seiner Einsicht, über die Erlösung.

Wort für Wort
purāṇanyāyamīmāṃsākathāsu pariniṣṭhitāḥ
bewandert in den Erzählungen der Purāṇas, der Nyāya- und Mīmāṃsā-Lehre
mithaḥ samūcur vidvāṃso muktiṃ prati yathāmati
sprachen die Gelehrten untereinander über die Erlösung, jeder nach seiner Einsicht

kecij jñānaṃ praśaṃsanti kecit karma tathobhayam / evaṃ vivadamānās te mām ūcur ubhayaṃ matam //

Manche priesen das Wissen, manche das Handeln, wieder andere beides. So miteinander streitend, sprachen sie zu mir - mit beiderlei Ansicht.

Wort für Wort
kecij jñānaṃ praśaṃsanti kecit karma tathobhayam
manche priesen das Wissen, manche das Handeln, wieder andere beides
evaṃ vivadamānās te mām ūcur ubhayaṃ matam
so miteinander streitend, sprachen sie zu mir, mit beiderlei Ansicht

madīyaṃ tu mataṃ jñātvā yayuś cakragadādharam / tasya cāpi mataṃ jñātvā ṛṣayas te mahaujasaḥ //

Nachdem sie meine Meinung erfahren hatten, gingen sie zu dem Träger von Diskus und Keule (Viṣṇu). Nachdem auch dessen Meinung erfahren war, (zogen) jene hochmächtigen Weisen (weiter).

Wort für Wort
madīyaṃ tu mataṃ jñātvā yayuś cakragadādharam
nachdem sie meine Meinung erfahren hatten, gingen sie zum Träger von Diskus und Keule
tasya cāpi mataṃ jñātvā ṛṣayas te mahaujasaḥ
nachdem auch dessen Meinung erfahren war, jene hochmächtigen Weisen

[Anm.: sinngemäß ergänzt - der Vers setzt voraus, dass die Weisen nach Brahmās und Viṣṇus Auskunft weiterzogen, um Śiva zu befragen (vgl. V.7).]

punar vivadamānās te śaṃkaraṃ praṣṭum udyatāḥ / gaṅgāyāṃ ca bhavaṃ pūjya tam evārthaṃ śaśaṃsire //

Wiederum miteinander streitend, machten sie sich bereit, Śaṃkara zu befragen; an der Gaṅgā verehrten sie Bhava und trugen ihm eben dieses Anliegen vor.

Wort für Wort
punar vivadamānās te śaṃkaraṃ praṣṭum udyatāḥ
wiederum miteinander streitend, machten sie sich bereit, Śaṃkara zu befragen
gaṅgāyāṃ ca bhavaṃ pūjya tam evārthaṃ śaśaṃsire
an der Gaṅgā verehrten sie Bhava und trugen ihm eben dieses Anliegen vor

karmaṇas tu pradhānatvam uvāca tripurāntakaḥ / kriyārūpaṃ ca taj jñānaṃ kriyā saiva tad ucyate //

Der Vernichter der Tripura aber erklärte den Vorrang des Handelns: Auch jenes Wissen hat die Gestalt des Handelns; eben dieses Handeln wird als jenes bezeichnet.

Wort für Wort
karmaṇas tu pradhānatvam uvāca tripurāntakaḥ
den Vorrang des Handelns aber erklärte der Vernichter der Tripura
kriyārūpaṃ ca taj jñānaṃ kriyā saiva tad ucyate
auch jenes Wissen hat die Gestalt des Handelns; eben dieses Handeln wird als jenes bezeichnet

tasmāt sarvāṇi bhūtāni karmaṇā siddhim āpnuyuḥ / karmaiva viśvatovyāpi tadṛte nāsti kiṃcana //

Daher erlangen alle Wesen durch Handeln Vollendung. Das Handeln allein durchdringt alles; ohne es gibt es nichts.

Wort für Wort
tasmāt sarvāṇi bhūtāni karmaṇā siddhim āpnuyuḥ
daher erlangen alle Wesen durch Handeln Vollendung
karmaiva viśvatovyāpi tadṛte nāsti kiṃcana
das Handeln allein durchdringt alles; ohne es gibt es nichts

vidyābhyāso yajñakṛtir yogābhyāsaḥ śivārcanam / sarvaṃ karmaiva nākarmī prāṇī kvāpy atra vidyate //

Das Studium des Wissens, die Ausübung des Opfers, die Übung des Yoga, die Verehrung Śivas - all das ist eben Handeln. Kein handlungsloses Lebewesen gibt es irgendwo hier.

Wort für Wort
vidyābhyāso yajñakṛtir yogābhyāsaḥ śivārcanam
das Studium des Wissens, die Opferausübung, die Yoga-Übung, die Śiva-Verehrung
sarvaṃ karmaiva nākarmī prāṇī kvāpy atra vidyate
all das ist eben Handeln; kein handlungsloses Lebewesen gibt es irgendwo hier

karmaiva kāraṇaṃ tasmād anyad unmattaceṣṭitam / ṛṣīṇāṃ yatra saṃvādo yatra devo maheśvaraḥ //

Das Handeln allein ist daher die Ursache; anderes zu behaupten ist das Gebaren eines Wahnsinnigen. Dort, wo das Gespräch der Weisen stattfand, wo der Gott Maheśvara war,

Wort für Wort
karmaiva kāraṇaṃ tasmād anyad unmattaceṣṭitam
das Handeln allein ist die Ursache; anderes (zu behaupten) ist das Gebaren eines Wahnsinnigen
ṛṣīṇāṃ yatra saṃvādo yatra devo maheśvaraḥ
dort, wo das Gespräch der Weisen war, wo der Gott Maheśvara (war)

[Anm.: Der Satz setzt sich in V.12 fort.]

cakāra nirṇayaṃ sarvaṃ karmaṇāvāpyate nṛbhiḥ / mārkaṇḍaṃ mukhyataḥ kṛtvā tato mārkaṇḍam ucyate //

...traf er die Entscheidung: Alles wird von den Menschen durch Handeln erlangt. Mārkaṇḍa (Mārkaṇḍeya) an erster Stelle nennend, wird sie daher Mārkaṇḍa(-Tīrtha) genannt.

Wort für Wort
cakāra nirṇayaṃ sarvaṃ karmaṇāvāpyate nṛbhiḥ
er traf die Entscheidung: alles wird von den Menschen durch Handeln erlangt
mārkaṇḍaṃ mukhyataḥ kṛtvā tato mārkaṇḍam ucyate
Mārkaṇḍa an erster Stelle nennend, wird sie daher Mārkaṇḍa genannt

tīrtham ṛṣigaṇākīrṇaṃ gaṅgāyā uttare taṭe / pitṝṇāṃ pāvanaṃ puṇyaṃ smaraṇād api sarvadā //

Die Tīrtha, von Scharen der Weisen bevölkert, am Nordufer der Gaṅgā, ist für die Ahnen läuternd und heilig, stets schon durch bloßes Gedenken.

Wort für Wort
tīrtham ṛṣigaṇākīrṇaṃ gaṅgāyā uttare taṭe
die Tīrtha, von Scharen der Weisen bevölkert, am Nordufer der Gaṅgā
pitṝṇāṃ pāvanaṃ puṇyaṃ smaraṇād api sarvadā
für die Ahnen läuternd und heilig, stets schon durch Gedenken

tatrāṣṭau navatis tāta tīrthāny āha jaganmayaḥ / vedena cāpi tat proktam ṛṣayo menire ca tat //

Dort gibt es achtundneunzig Tīrthas, o Sohn, so spricht der Weltdurchdringende; auch von den Veden ist dies verkündet, und die Weisen haben es anerkannt.

Wort für Wort
tatrāṣṭau navatis tāta tīrthāny āha jaganmayaḥ
dort gibt es achtundneunzig Tīrthas, o Sohn, so spricht der Weltdurchdringende
vedena cāpi tat proktam ṛṣayo menire ca tat
auch von den Veden ist dies verkündet, und die Weisen haben es anerkannt

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