Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 34: dakṣayajñavināśasatīdehatyāgahimavatprārthanāvarṇanam Die Zerstörung von Dakṣas Opfer, Satīs Selbstverbrennung und ihre Wiedergeburt als Umā, Tochter des Himavat

Auf die Frage der Weisen, warum Śiva einst Dakṣas Opfer zerstörte, erzählt Brahmā die Vorgeschichte: Dakṣas Tochter Satī, Śivas Gattin, wird von ihrem Vater bei einem Fest zurückgesetzt und ungeladen gelassen; als sie dennoch kommt, missachtet Dakṣa sie erneut zugunsten seiner anderen, mit den großen Ṛṣis vermählten Töchter, da er Rudra hasst (V.1-19). Von Dakṣa endgültig verstoßen, gibt Satī im Zorn ihren Körper durch innere Feuer-Askese (Agneyī-Dhāraṇā) auf, nicht ohne den Wunsch zu äußern, dereinst wiedergeboren erneut Śivas Gattin zu werden (V.20-25). Śiva, davon erfahrend, verflucht Dakṣa; ein wechselseitiger Fluch zwischen Dakṣa und den sieben Ṛṣis (vermittelt durch Rudra) führt dazu, dass beide - Dakṣa wie die Ṛṣis - im Cākṣuṣa- und später im Vaivasvata-Manvantara als Menschen wiedergeboren werden (V.26-50). Auf erneute Frage der Weisen erzählt Brahmā, wie Satī als Umā, Tochter des Himavat und der Menā, wiedergeboren wurde: Kaśyapa berichtet Himavat von einer Vision (verfluchte, in einer Grube hängende Ahnen, die durch einen Nachkommen erlöst werden), woraufhin Himavat durch Askese von Brahmā den Segen einer außergewöhnlichen Tochter erhält (V.51-80). Es folgt die Episode der drei asketischen Schwestern Aparṇā, Ekaparṇā und Ekapāṭalā, benannt nach ihrer extremen Blatt-Diät, wobei Aparṇā (die künftige Umā) durch völligen Verzicht auf Nahrung die Welt in Brand zu setzen droht, bis der Zuruf ihrer Mutter Menā ('u mā' - 'nicht so!') ihr den Namen Umā verleiht (V.81-93). Brahmā selbst tritt ihr entgegen, hält sie von weiterer Askese ab und verkündet ihr, dass Śiva selbst kommen und um sie werben werde (V.94-101).

{brahmovāca:} yo 'sau sarvagato devas tripurāris trilocanaḥ / umāpriyakaro rudraś candrārdhakṛtaśekharaḥ //

Brahmā sprach: Jener alldurchdringende Gott, der Feind der drei Burgen, der Dreiäugige, Rudra, der Umā liebende, der die Mondsichel als Diadem trägt -

Wort für Wort
yaḥ asau sarvagataḥ devaḥ
jener alldurchdringende Gott
tripurāriḥ trilocanaḥ
der Feind der drei Burgen, der Dreiäugige
umāpriyakaraḥ rudraḥ
der Umā liebende Rudra
candrārdhakṛtaśekharaḥ
der die Mondsichel als Diadem trägt

vidrāvya vibudhān sarvān siddhavidyādharān ṛṣīn / gandharvayakṣanāgāṃś ca tathānyāṃś ca samāgatān //

- nachdem er alle Götter, Siddhas, Vidyādharas, Weisen, Gandharven, Yakṣas und Schlangenwesen sowie andere Versammelte in die Flucht geschlagen hatte -

Wort für Wort
vidrāvya
in die Flucht geschlagen habend
vibudhān sarvān
alle Götter
siddhavidyādharān ṛṣīn
Siddhas, Vidyādharas, Weise
gandharva-yakṣa-nāgān ca
und Gandharven, Yakṣas, Schlangenwesen
tathā anyān ca samāgatān
und ebenso andere Versammelte

jaghāna pūrvaṃ dakṣasya yajato dharaṇītale / yajñaṃ samṛddhaṃ ratnāḍhyaṃ sarvasaṃbhārasaṃbhṛtam //

- zerstörte einst das gedeihliche, mit Juwelen reiche, mit allen Opfergeräten ausgestattete Opfer des opfernden Dakṣa auf der Erde.

Wort für Wort
jaghāna pūrvam
zerstörte einst
dakṣasya yajataḥ
des opfernden Dakṣa
dharaṇītale
auf der Erde
yajñam samṛddham ratnāḍhyam
das gedeihliche, juwelenreiche Opfer
sarvasaṃbhārasaṃbhṛtam
mit allen Opfergeräten ausgestattet

yasya pratāpasaṃtrastāḥ śakrādyās tridivaukasaḥ / śāntiṃ na lebhire viprāḥ kailāsaṃ śaraṇaṃ gatāḥ //

Von dessen Zorneskraft erschreckt fanden Indra und die anderen Himmelsbewohner, die Weisen, keinen Frieden und suchten Zuflucht auf dem Kailāsa.

Wort für Wort
yasya pratāpasaṃtrastāḥ
von dessen Zorneskraft erschreckt
śakrādyāḥ tridivaukasaḥ
Indra und die anderen Himmelsbewohner
śāntim na lebhire viprāḥ
die Weisen fanden keinen Frieden
kailāsam śaraṇam gatāḥ
zum Kailāsa Zuflucht nehmend

sa āste tatra varadaḥ śūlapāṇir vṛṣadhvajaḥ / pinākapāṇir bhagavān dakṣayajñavināśanaḥ //

Er, der Segenspender, mit dem Dreizack in der Hand, mit dem Stier im Banner, mit dem Pināka-Bogen in der Hand, der Erhabene, der Zerstörer von Dakṣas Opfer, weilt dort.

Wort für Wort
saḥ āste tatra varadaḥ
er weilt dort, der Segenspender
śūlapāṇiḥ vṛṣadhvajaḥ
mit dem Dreizack in der Hand, mit dem Stier im Banner
pinākapāṇiḥ bhagavān
mit dem Pināka-Bogen in der Hand, der Erhabene
dakṣayajñavināśanaḥ
der Zerstörer von Dakṣas Opfer

mahādevo 'kale deśe kṛttivāsā vṛṣadhvajaḥ / ekāmrake muniśreṣṭhāḥ sarvakāmaprado haraḥ //

Mahādeva, an ungewöhnlichem Ort [?], in Tierfelle gekleidet, mit dem Stier im Banner, in Ekāmraka, o beste der Weisen - Hara, der Erfüller aller Wünsche.

Wort für Wort
mahādevaḥ akale deśe [?]
Mahādeva an ungewöhnlichem Ort [?]
kṛttivāsāḥ vṛṣadhvajaḥ
in Tierfelle gekleidet, mit dem Stier im Banner
ekāmrake muniśreṣṭhāḥ
in Ekāmraka, o beste der Weisen
sarvakāmapradaḥ haraḥ
Hara, der Erfüller aller Wünsche

[?: 'akale deśe' unklar - wörtlich 'an einem Ort außerhalb der (gewöhnlichen) Zeit'; möglicherweise Bezeichnung eines besonderen/heiligen Ortes. 'Ekāmraka' ist ein bekannter Śiva-Tīrtha-Name (später mit Bhuvaneśvara assoziiert).]

{munaya ūcuḥ:} kimarthaṃ sa bhavo devaḥ sarvabhūtahite rataḥ / jaghāna yajñaṃ dakṣasya devaiḥ sarvair alaṃkṛtam //

Die Weisen sprachen: Weshalb zerstörte jener Gott Bhava, der am Wohl aller Wesen Freude hat, das von allen Göttern geschmückte Opfer des Dakṣa?

Wort für Wort
kimartham saḥ bhavaḥ devaḥ
weshalb jener Gott Bhava
sarvabhūtahite rataḥ
am Wohl aller Wesen Freude habend
jaghāna yajñam dakṣasya
zerstörte das Opfer des Dakṣa
devaiḥ sarvaiḥ alaṃkṛtam
von allen Göttern geschmückt

na hy alpaṃ kāraṇaṃ tatra prabho manyāmahe vayam / śrotum icchāmahe brūhi paraṃ kautūhalaṃ hi naḥ //

Wir vermuten, o Herr, dass dafür kein geringer Grund vorliegt; wir möchten ihn hören - sprich, denn unsere Neugier ist groß.

Wort für Wort
na hi alpam kāraṇam tatra
dafür ist fürwahr kein geringer Grund
prabho manyāmahe vayam
o Herr, wir vermuten
śrotum icchāmahe brūhi
wir möchten hören - sprich
param kautūhalam hi naḥ
denn unsere Neugier ist groß

{brahmovāca:} dakṣasyāsann aṣṭa kanyā yāś caivaṃ patisaṃgatāḥ / svebhyo gṛhebhyaś cānīya tāḥ pitābhyarcayad gṛhe //

Brahmā sprach: Dakṣa hatte acht Töchter, die derart mit Ehemännern verbunden waren; aus ihren eigenen Häusern holte sie der Vater und ehrte sie in seinem Haus.

Wort für Wort
dakṣasya āsan aṣṭa kanyāḥ
Dakṣa hatte acht Töchter
yāḥ ca evam patisaṃgatāḥ
die derart mit Ehemännern verbunden waren
svebhyaḥ gṛhebhyaḥ ca ānīya
aus ihren eigenen Häusern holend
tāḥ pitā abhyarcayat gṛhe
sie ehrte der Vater im Haus

[Anm.: 'acht Töchter' bezieht sich hier offenbar nur auf die mit den großen Ṛṣis verheirateten Töchter, die zu diesem Fest geladen wurden - vgl. Kap.32, wo Dakṣa insgesamt 60 Töchter hat.]

tatas tv abhyarcitā viprā nyavasaṃs tāḥ pitur gṛhe / tāsāṃ jyeṣṭhā satī nāma patnī yā tryambakasya vai //

Dann, so geehrt, verweilten sie im Haus des Vaters; unter ihnen war die Älteste namens Satī, die Gattin des Dreiäugigen.

Wort für Wort
tataḥ tu abhyarcitāḥ
dann, so geehrt
nyavasan tāḥ pituḥ gṛhe
verweilten sie im Haus des Vaters
tāsām jyeṣṭhā satī nāma
unter ihnen die Älteste, namens Satī
patnī yā tryambakasya vai
die fürwahr Gattin des Dreiäugigen (war)

nājuhāvātmajāṃ tāṃ vai dakṣo rudram abhidviṣan / akarot saṃnatiṃ dakṣe na ca kāṃcin maheśvaraḥ //

Dakṣa, der Rudra hasste, lud jene seine Tochter nicht ein; und Maheśvara erwies Dakṣa keinerlei Ehrerbietung.

Wort für Wort
na ājuhāva ātmajām tām vai
er lud fürwahr jene seine Tochter nicht ein
dakṣaḥ rudram abhidviṣan
Dakṣa, der Rudra hasste
akarot saṃnatim dakṣe
erwies Ehrerbietung dem Dakṣa
na ca kāṃcit maheśvaraḥ
und Maheśvara keinerlei

jāmātā śvaśure tasmin svabhāvāt tejasi sthitaḥ / tato jñātvā satī sarvās tās tu prāptāḥ pitur gṛham //

Der Schwiegersohn verhielt sich gegenüber jenem Schwiegervater aus eigenem Wesen heraus stolz-erhaben [?]; da erfuhr Satī, dass alle jene Schwestern im Haus des Vaters angekommen waren.

Wort für Wort
jāmātā śvaśure tasmin
der Schwiegersohn gegenüber jenem Schwiegervater
svabhāvāt tejasi sthitaḥ [?]
aus eigenem Wesen in Glut/Stolz verharrend [?]
tataḥ jñātvā satī
da erfuhr Satī
sarvāḥ tāḥ tu prāptāḥ pituḥ gṛham
dass alle jene im Haus des Vaters angekommen waren

[?: V.12ab syntaktisch elliptisch; 'svabhāvāt tejasi sthitaḥ' sinngemäß als unnahbar-stolzes Verhalten Śivas gegenüber Dakṣa gedeutet.]

jagāma sāpy anāhūtā satī tu svapitur gṛham / tābhyo hīnāṃ pitā cakre satyāḥ pūjām asaṃmatām / tato 'bravīt sā pitaraṃ devī krodhasamākulā //

Auch sie, Satī, unaufgefordert, ging zum Haus ihres eigenen Vaters; diesen gegenüber erwies der Vater der Satī eine geringere, missachtete Verehrung; da sprach die Göttin, von Zorn erfüllt, zu ihrem Vater:

Wort für Wort
jagāma sā api anāhūtā
auch sie ging unaufgefordert
satī tu svapituḥ gṛham
Satī zum Haus ihres eigenen Vaters
tābhyaḥ hīnām pitā cakre
diesen gegenüber machte der Vater eine geringere
satyāḥ pūjām asaṃmatām
der Satī missachtete Verehrung
tataḥ abravīt sā pitaram
da sprach sie zum Vater
devī krodhasamākulā
die Göttin, von Zorn erfüllt

[Anm.: Vers mit drei Zeilen/sechs Pādas unter einer Versnummer (13) statt der üblichen zwei Zeilen - Unregelmäßigkeit der Quelle, wörtlich als ein Vers wiedergegeben; vgl. ähnliche Fälle in Kap.32.]

{saty uvāca:} yavīyasībhyaḥ śreṣṭhāhaṃ kiṃ na pūjasi māṃ prabho / asatkṛtām avasthāṃ yaḥ kṛtavān asi garhitām / ahaṃ jyeṣṭhā variṣṭhā ca māṃ tvaṃ satkartum arhasi //

Satī sprach: Ich bin besser als die Jüngeren - warum ehrst du mich nicht, o Herr? Der du mir einen missachteten, tadelnswerten Zustand bereitet hast - ich bin die Älteste und Vortrefflichste, und du solltest mich ehren.

Wort für Wort
yavīyasībhyaḥ śreṣṭhā aham
ich bin besser als die Jüngeren
kim na pūjasi mām prabho
warum ehrst du mich nicht, o Herr
asatkṛtām avasthām yaḥ kṛtavān asi garhitām
der du mir einen missachteten, tadelnswerten Zustand bereitet hast
aham jyeṣṭhā variṣṭhā ca
ich bin die Älteste und Vortrefflichste
mām tvam satkartum arhasi
du solltest mich ehren

[Anm.: ebenfalls dreizeiliger Vers, s. Anm. zu V.13.]

evam ukto 'bravīd enāṃ dakṣaḥ saṃraktalocanaḥ //*

So angesprochen, sprach zu ihr Dakṣa, mit blutunterlaufenen Augen.

Wort für Wort
evam uktaḥ
so angesprochen
abravīt enām dakṣaḥ
sprach zu ihr Dakṣa
saṃraktalocanaḥ
mit blutunterlaufenen Augen

[Anm.: Im Original nur einzeiliger Halbvers, durch ein Asterisk (//*) als Fragment gekennzeichnet - wörtlich, ohne Ergänzung, wiedergegeben.]

{dakṣa uvāca:} tvattaḥ śreṣṭhā variṣṭhāś ca pūjyā bālāḥ sutā mama / tāsāṃ ye caiva bhartāras te me bahumatāḥ sati //

Dakṣa sprach: Besser und vortrefflicher als du, verehrungswürdig, sind meine jungen Töchter, o Satī; und wer immer deren Gatten sind, die sind mir hochgeschätzt.

Wort für Wort
tvattaḥ śreṣṭhāḥ variṣṭhāḥ ca pūjyāḥ
besser, vortrefflicher und verehrungswürdiger als du
bālāḥ sutāḥ mama
meine jungen Töchter
tāsām ye ca eva bhartāraḥ
und wer immer deren Gatten sind
te me bahumatāḥ sati
die sind mir hochgeschätzt, o Satī

brahmiṣṭhāś ca vratasthāś ca mahāyogāḥ sudhārmikāḥ / guṇaiś caivādhikāḥ ślāghyāḥ sarve te tryambakāt sati //

Fromm im Brahman, in Gelübden stehend, große Yogis, wahrhaft rechtschaffen; durch ihre Eigenschaften überlegen und preiswürdig sind sie alle - mehr als der Dreiäugige, o Satī.

Wort für Wort
brahmiṣṭhāḥ ca vratasthāḥ ca
fromm im Brahman und in Gelübden stehend
mahāyogāḥ sudhārmikāḥ
große Yogis, wahrhaft rechtschaffen
guṇaiḥ ca eva adhikāḥ ślāghyāḥ
durch Eigenschaften überlegen und preiswürdig
sarve te tryambakāt sati
sie alle mehr als der Dreiäugige, o Satī

vasiṣṭho 'triḥ pulastyaś ca aṅgirāḥ pulahaḥ kratuḥ / bhṛgur marīciś ca tathā śreṣṭhā jāmātaro mama //

Vasiṣṭha, Atri und Pulastya, Aṅgiras, Pulaha, Kratu, Bhṛgu und ebenso Marīci - das sind meine vortrefflichen Schwiegersöhne.

Wort für Wort
vasiṣṭhaḥ atriḥ pulastyaḥ ca
Vasiṣṭha, Atri und Pulastya
aṅgirāḥ pulahaḥ kratuḥ
Aṅgiras, Pulaha, Kratu
bhṛguḥ marīciḥ ca tathā
Bhṛgu und ebenso Marīci
śreṣṭhāḥ jāmātaraḥ mama
meine vortrefflichen Schwiegersöhne

taiś cāpi spardhate śarvaḥ sarve te caiva taṃ prati / tena tvāṃ na bubhūṣāmi pratikūlo hi me bhavaḥ //

Mit ihnen wetteifert Śarva sogar, und sie alle wiederum mit ihm; deshalb will ich dich nicht mehr, denn Bhava ist mir feindselig gesinnt.

Wort für Wort
taiḥ ca api spardhate śarvaḥ
mit ihnen wetteifert sogar Śarva
sarve te ca eva tam prati
und sie alle wiederum ihm gegenüber
tena tvām na bubhūṣāmi
deshalb will ich dich nicht (mehr als Tochter)
pratikūlaḥ hi me bhavaḥ
denn Bhava ist mir feindselig gesinnt

ity uktavāṃs tadā dakṣaḥ saṃpramūḍhena cetasā / śāpārtham ātmanaś caiva yenoktā vai maharṣayaḥ / tathoktā pitaraṃ sā vai kruddhā devī tam abravīt //

So sprach damals Dakṣa mit verwirrtem Sinn, zu seinem eigenen Verderben, wodurch später die großen Weisen (ihn) ansprachen; so angesprochen erwiderte die zornige Göttin ihrem Vater:

Wort für Wort
iti uktavān tadā dakṣaḥ
so sprach damals Dakṣa
saṃpramūḍhena cetasā
mit verwirrtem Sinn
śāpārtham ātmanaḥ ca eva [?]
zu seinem eigenen Verderben [?]
yena uktāḥ vai maharṣayaḥ
wodurch später die großen Weisen (ihn) ansprachen
tathā uktā pitaram sā vai kruddhā devī tam abravīt
so angesprochen erwiderte die zornige Göttin ihrem Vater

[?: Syntax elliptisch ('śāpārtham ātmanaḥ... yenoktā vai maharṣayaḥ'); sinngemäß als Vorausdeutung auf den späteren wechselseitigen Fluch zwischen Dakṣa und den Ṛṣis gedeutet. Zugleich dreizeiliger Vers wie V.13/14.]

{saty uvāca:} vāṅmanaḥkarmabhir yasmād aduṣṭāṃ māṃ vigarhasi / tasmāt tyajāmy ahaṃ deham imaṃ tāta tavātmajam //

Satī sprach: Weil du mich, die ich in Wort, Gedanke und Tat unschuldig bin, tadelst, deshalb gebe ich diesen meinen Leib auf, o Vater, der ich dein Kind bin.

Wort für Wort
vāṅmanaḥkarmabhiḥ yasmāt aduṣṭām mām vigarhasi
weil du mich, die in Wort, Gedanke und Tat Unschuldige, tadelst
tasmāt tyajāmi aham deham imam
deshalb gebe ich diesen (meinen) Leib auf
tāta tava ātmajam
o Vater, dein Kind (bin ich)

{brahmovāca:} tatas tenāpamānena satī duḥkhād amarṣitā / abravīd vacanaṃ devī namaskṛtya svayaṃbhuve //

Brahmā sprach: Dann, durch jene Kränkung vor Kummer erzürnt, sprach die Göttin Satī, nachdem sie dem Selbstentstandenen Verehrung erwiesen hatte, folgendes Wort:

Wort für Wort
tataḥ tena apamānena
dann durch jene Kränkung
satī duḥkhāt amarṣitā
Satī, vor Kummer erzürnt
abravīt vacanam devī
sprach die Göttin (folgendes) Wort
namaskṛtya svayaṃbhuve
nachdem sie dem Selbstentstandenen Verehrung erwiesen hatte

{saty uvāca:} yenāham apadehā vai punar dehena bhāsvatā / tatrāpy aham asaṃmūḍhā saṃbhūtā dhārmikī punaḥ / gaccheyaṃ dharmapatnītvaṃ tryambakasyaiva dhīmataḥ //

Satī sprach: Wodurch ich, körperlos geworden, mit einem wieder leuchtenden Körper, dabei auch ungetrübten Bewusstseins, wieder als Rechtschaffene geboren werde - möge ich dann wieder zur rechtmäßigen Gattin eben des weisen Dreiäugigen gelangen!

Wort für Wort
yena aham apadehā vai punaḥ
wodurch ich, körperlos geworden, wieder
dehena bhāsvatā
mit einem leuchtenden Körper
tatra api aham asaṃmūḍhā
dabei auch ungetrübten Bewusstseins
saṃbhūtā dhārmikī punaḥ
wieder als Rechtschaffene geboren
gaccheyam dharmapatnītvam
möge ich zur rechtmäßigen Gattinschaft gelangen
tryambakasya eva dhīmataḥ
eben des weisen Dreiäugigen

[Anm.: dreizeiliger Vers, s. Anm. zu V.13.]

tatraivātha samāsīnā ruṣṭātmānaṃ samādadhe / dhārayām āsa cāgneyīṃ dhāraṇām ātmanātmani //

Eben dort sitzend, sammelte sie ihren erzürnten Geist und hielt in sich selbst die Feuer-Konzentration (Agneyī-Dhāraṇā) aufrecht.

Wort für Wort
tatra eva atha samāsīnā
eben dort nun sitzend
ruṣṭātmānam samādadhe
sammelte sie ihren erzürnten Geist
dhārayām āsa ca āgneyīm dhāraṇām
und hielt die Feuer-Konzentration aufrecht
ātmanā ātmani
in sich selbst durch sich selbst

tataḥ svātmānam utthāpya vāyunā samudīritaḥ / sarvāṅgebhyo viniḥsṛtya vahnir bhasma cakāra tām //

Dann, ihr eigenes Selbst erhebend, durch den Wind angefacht, aus allen Gliedern hervorbrechend, verwandelte das Feuer sie zu Asche.

Wort für Wort
tataḥ svātmānam utthāpya
dann ihr eigenes Selbst erhebend
vāyunā samudīritaḥ
durch den Wind angefacht
sarvāṅgebhyaḥ viniḥsṛtya
aus allen Gliedern hervorbrechend
vahniḥ bhasma cakāra tām
das Feuer machte sie zu Asche

tad upaśrutya nidhanaṃ satyā devyāḥ sa śūladhṛk / saṃvādaṃ ca tayor buddhvā yāthātathyena śaṃkaraḥ / dakṣasya ca vināśāya cukopa bhagavān prabhuḥ //

Als er vom Tod der Göttin Satī hörte und den Wortwechsel zwischen den beiden der Wahrheit gemäß erfuhr, entbrannte der Dreizackträger, der Erhabene, der Herr Śaṃkara, in Zorn zu Dakṣas Vernichtung.

Wort für Wort
tat upaśrutya nidhanam satyāḥ devyāḥ
als er dies hörte, den Tod der Göttin Satī
saḥ śūladhṛk
er, der Dreizackträger
saṃvādam ca tayoḥ buddhvā yāthātathyena
und den Wortwechsel der beiden der Wahrheit gemäß erfuhr
śaṃkaraḥ dakṣasya ca vināśāya cukopa
Śaṃkara entbrannte in Zorn zu Dakṣas Vernichtung
bhagavān prabhuḥ
der Erhabene, der Herr

[Anm.: dreizeiliger Vers, s. Anm. zu V.13.]

{śrīśaṃkara uvāca:} yasmād avamatā dakṣa sahasaivāgatā satī / praśastāś cetarāḥ sarvās tvatsutā bhartṛbhiḥ saha //

Der glorreiche Śaṃkara sprach: Weil, o Dakṣa, Satī, plötzlich unaufgefordert gekommen, missachtet wurde, während alle deine anderen Töchter samt ihren Gatten gepriesen wurden -

Wort für Wort
yasmāt avamatā dakṣa
weil, o Dakṣa, missachtet wurde
sahasā eva āgatā satī
Satī, die plötzlich gekommen war
praśastāḥ ca itarāḥ sarvāḥ
während alle anderen gepriesen wurden
tvatsutāḥ bhartṛbhiḥ saha
deine Töchter samt ihren Gatten

tasmād vaivasvate prāpte punar ete maharṣayaḥ / utpatsyanti dvitīye vai tava yajñe hy ayonijāḥ //

- deshalb werden, wenn das Vaivasvata-Zeitalter erreicht ist, diese großen Weisen wiederum, ein zweites Mal, bei deinem Opfer entstehen, ohne aus einem Mutterschoß geboren zu sein.

Wort für Wort
tasmāt vaivasvate prāpte
deshalb, wenn das Vaivasvata-Zeitalter erreicht ist
punaḥ ete maharṣayaḥ
wiederum diese großen Weisen
utpatsyanti dvitīye vai tava yajñe
werden ein zweites Mal bei deinem Opfer entstehen
hi ayonijāḥ
ohne aus einem Mutterschoß geboren zu sein

[?: 'ayonijāḥ' (nicht aus einem Mutterschoß geboren) im Detail unklar - vermutlich Ankündigung einer wundersamen Wiedererstehung der Ṛṣis bei einem künftigen Opfer Dakṣas.]

hute vai brahmaṇaḥ sattre cākṣuṣasyāntare manoḥ / abhivyāhṛtya saptarṣīn dakṣaṃ so 'bhyaśapat punaḥ //

Als das Opfer Brahmans an der Opferstätte dargebracht wurde, im Zeitalter des Cākṣuṣa Manu, rief er die sieben Ṛṣis herbei und verfluchte darauf wiederum Dakṣa:

Wort für Wort
hute vai brahmaṇaḥ sattre
als das Opfer Brahmans an der Opferstätte dargebracht wurde
cākṣuṣasya antare manoḥ
im Zeitalter des Cākṣuṣa Manu
abhivyāhṛtya saptarṣīn
die sieben Ṛṣis herbeirufend
dakṣam saḥ abhyaśapat punaḥ
verfluchte er wiederum Dakṣa

bhavitā mānuṣo rājā cākṣuṣasyāntare manoḥ / prācīnabarhiṣaḥ pautraḥ putraś cāpi pracetasaḥ //

'Du wirst im Zeitalter des Cākṣuṣa Manu ein menschlicher König sein, Enkel des Prācīnabarhis und Sohn des Pracetas.'

Wort für Wort
bhavitā mānuṣaḥ rājā
du wirst ein menschlicher König sein
cākṣuṣasya antare manoḥ
im Zeitalter des Cākṣuṣa Manu
prācīnabarhiṣaḥ pautraḥ
Enkel des Prācīnabarhis
putraḥ ca api pracetasaḥ
und auch Sohn des Pracetas

dakṣa ity eva nāmnā tvaṃ māriṣāyāṃ janiṣyasi / kanyāyāṃ śākhināṃ caiva prāpte vai cākṣuṣāntare //

'Unter eben dem Namen Dakṣa wirst du von Māriṣā geboren werden, der Tochter der Baumwesen, wenn das Cākṣuṣa-Zeitalter erreicht ist.'

Wort für Wort
dakṣaḥ iti eva nāmnā tvam
unter eben dem Namen Dakṣa wirst du
māriṣāyām janiṣyasi
von Māriṣā geboren werden
kanyāyām śākhinām ca eva
der Tochter der Baumwesen
prāpte vai cākṣuṣa-antare
wenn das Cākṣuṣa-Zeitalter erreicht ist

[?: Māriṣā als Tochter der 'Śākhins' (Baum-/Pflanzenwesen) verweist knapp auf eine bekannte Nebenerzählung ihrer wunderbaren Geburt.]

ahaṃ tatrāpi te vighnam ācariṣyāmi durmate / dharmakāmārthayukteṣu karmasv iha punaḥ punaḥ //

'Auch dort werde ich dir, du Übelgesinnter, immer wieder Hindernisse bereiten bei den mit Dharma, Kāma und Artha verbundenen Handlungen.'

Wort für Wort
aham tatra api te vighnam ācariṣyāmi durmate
auch dort werde ich dir, du Übelgesinnter, Hindernisse bereiten
dharmakāmārthayukteṣu karmasu iha punaḥ punaḥ
bei den mit Dharma, Kāma, Artha verbundenen Handlungen immer wieder

tato vai vyāhṛto dakṣo rudraṃ so 'bhyaśapat punaḥ //*

Darauf, so angesprochen, verfluchte Dakṣa seinerseits wiederum Rudra.

Wort für Wort
tataḥ vai vyāhṛtaḥ dakṣaḥ
darauf, so angesprochen, Dakṣa
rudram saḥ abhyaśapat punaḥ
verfluchte er wiederum Rudra

[Anm.: Im Original nur einzeiliger Halbvers, durch Asterisk gekennzeichnet, wie V.15.]

{dakṣa uvāca:} yasmāt tvaṃ matkṛte krūra ṛṣīn vyāhṛtavān asi / tasmāt sārdhaṃ surair yajñe na tvāṃ yakṣyanti vai dvijāḥ //

Dakṣa sprach: Weil du, Grausamer, meinetwegen die Ṛṣis angesprochen hast, deshalb werden die Zweifachgeborenen dich zusammen mit den Göttern beim Opfer nicht verehren.

Wort für Wort
yasmāt tvam matkṛte krūra
weil du, Grausamer, meinetwegen
ṛṣīn vyāhṛtavān asi
die Ṛṣis angesprochen hast
tasmāt sārdham suraiḥ yajñe
deshalb zusammen mit den Göttern beim Opfer
na tvām yakṣyanti vai dvijāḥ
werden dich die Zweifachgeborenen fürwahr nicht verehren

kṛtvāhutiṃ tava krūra apaḥ spṛśanti karmasu / ihaiva vatsyase loke divaṃ hitvāyugakṣayāt / tato devais tu te sārdhaṃ na tu pūjā bhaviṣyati //

Nachdem sie dir, Grausamer, eine Opferspende dargebracht haben, berühren sie nur Wasser bei den Riten; eben hier in dieser Welt wirst du wohnen, den Himmel bis zum Ende des Weltzeitalters verlassend; darum wird es für dich zusammen mit den Göttern keine rechte Verehrung geben.

Wort für Wort
kṛtvā āhutim tava krūra
nachdem sie dir, Grausamer, eine Opferspende dargebracht haben
āpaḥ spṛśanti karmasu
berühren sie (nur) Wasser bei den Riten
iha eva vatsyase loke
eben hier in dieser Welt wirst du wohnen
divam hitvā yugakṣayāt
den Himmel verlassend bis zum Ende des Weltzeitalters
tataḥ devaiḥ tu te sārdham
darum für dich zusammen mit den Göttern
na tu pūjā bhaviṣyati
wird es keine (rechte) Verehrung geben

[Anm.: dreizeiliger Vers, s. Anm. zu V.13.]

{rudra uvāca:} cāturvarṇyaṃ tu devānāṃ te cāpy ekatra bhuñjate / na bhokṣye sahitas tais tu tato bhokṣyāmy ahaṃ pṛthak //

Rudra sprach: Die vier Stände der Götter, sie genießen das Opfer an einem Ort gemeinsam; ich aber werde nicht zusammen mit ihnen genießen, sondern werde für mich allein genießen.

Wort für Wort
cāturvarṇyam tu devānām
die vier Stände der Götter aber
te ca api ekatra bhuñjate
sie genießen sogar gemeinsam an einem Ort
na bhokṣye sahitaḥ taiḥ tu
ich aber werde nicht zusammen mit ihnen genießen
tataḥ bhokṣyāmi aham pṛthak
sondern werde ich für mich allein genießen

[?: 'cāturvarṇyaṃ ... devānām' - ungewöhnliche Übertragung des menschlichen Kastensystems auf die Götter; wörtlich übersetzt.]

sarveṣāṃ caiva lokānām ādir bhūrloka ucyate / tam ahaṃ dhārayāmy ekaḥ svecchayā na tavājñayā //

Und von allen Welten wird die Erdwelt als die erste bezeichnet; diese trage ich allein, aus eigenem Willen, nicht auf deinen Befehl.

Wort für Wort
sarveṣām ca eva lokānām
und von allen Welten
ādiḥ bhūrlokaḥ ucyate
wird die Erdwelt als die erste bezeichnet
tam aham dhārayāmi ekaḥ
diese trage ich allein
svecchayā na tava ājñayā
aus eigenem Willen, nicht auf deinen Befehl

tasmin dhṛte sarvalokāḥ sarve tiṣṭhanti śāśvatāḥ / tasmād ahaṃ vasāmīha satataṃ na tavājñayā //

Wenn diese getragen wird, bestehen alle Welten beständig; deshalb wohne ich hier fortwährend, nicht auf deinen Befehl.

Wort für Wort
tasmin dhṛte
wenn diese getragen wird
sarvalokāḥ sarve tiṣṭhanti śāśvatāḥ
bestehen alle Welten beständig
tasmāt aham vasāmi iha satatam
deshalb wohne ich hier fortwährend
na tava ājñayā
nicht auf deinen Befehl

{brahmovāca:} tato 'bhivyāhṛto dakṣo rudreṇāmitatejasā / svāyaṃbhuvīṃ tanuṃ tyaktvā utpanno mānuṣeṣv iha //

Brahmā sprach: Darauf, von Rudra von unermesslicher Glut verwünscht, gab Dakṣa seinen dem Svāyaṃbhuva-Zeitalter angehörenden Körper auf und wurde hier unter den Menschen geboren.

Wort für Wort
tataḥ abhivyāhṛtaḥ dakṣaḥ
darauf verwünscht, Dakṣa
rudreṇa amitatejasā
von Rudra von unermesslicher Glut
svāyaṃbhuvīm tanum tyaktvā
seinen Svāyaṃbhuva-Körper aufgebend
utpannaḥ mānuṣeṣu iha
wurde hier unter den Menschen geboren

yadā gṛhapatir dakṣo yajñānām īśvaraḥ prabhuḥ / samasteneha yajñena so 'yajad daivataiḥ saha //

Als der Hausherr Dakṣa, der Herr und Gebieter der Opfer, mit dem vollständigen Opfer hier zusammen mit den Göttern opferte -

Wort für Wort
yadā gṛhapatiḥ dakṣaḥ
als der Hausherr Dakṣa
yajñānām īśvaraḥ prabhuḥ
der Herr und Gebieter der Opfer
samastena iha yajñena
mit dem vollständigen Opfer hier
saḥ ayajat daivataiḥ saha
opferte er zusammen mit den Göttern

atha devī satī yat te prāpte vaivasvate 'ntare / menāyāṃ tām umāṃ devīṃ janayām āsa śailarāṭ //

- da wurde, als das Vaivasvata-Zeitalter erreicht war, die Göttin Satī wiedergeboren; der Bergkönig zeugte sie als die Göttin Umā mit Menā.

Wort für Wort
atha devī satī yat
da (geschah es, dass) die Göttin Satī
te prāpte vaivasvate antare
als jenes Vaivasvata-Zeitalter erreicht war
menāyām tām umām devīm
mit Menā jene Göttin Umā
janayām āsa śailarāṭ
zeugte der Bergkönig

sā tu devī satī pūrvam āsīt paścād umābhavat / sahavratā bhavasyaiṣā naitayā mucyate bhavaḥ //

Jene Göttin nun war zuerst Satī, danach wurde sie Umā; sie ist die Gelübdegefährtin des Bhava, und Bhava trennt sich nicht von ihr.

Wort für Wort
sā tu devī satī pūrvam āsīt
jene Göttin nun war zuerst Satī
paścāt umā abhavat
danach wurde sie Umā
sahavratā bhavasya eṣā
sie ist die Gelübdegefährtin des Bhava
na etayā mucyate bhavaḥ
Bhava trennt sich nicht von ihr

yāvad icchati saṃsthānaṃ prabhur manvantareṣv iha / mārīcaṃ kaśyapaṃ devī yathāditir anuvratā //

Solange der Herr im jeweiligen Manvantara Bestand wünscht, bleibt sie ihm treu, wie die Göttin Aditi dem Kaśyapa, dem Sohn des Marīci, treu ergeben ist.

Wort für Wort
yāvat icchati saṃsthānam prabhuḥ manvantareṣu iha
solange der Herr in den Manvantaras hier Bestand wünscht
mārīcam kaśyapam devī
dem Kaśyapa, dem Sohn des Marīci, ist die Göttin
yathā aditiḥ anuvratā
treu ergeben, wie Aditi

sārdhaṃ nārāyaṇaṃ śrīs tu maghavantaṃ śacī yathā / viṣṇuṃ kīrtir uṣā sūryaṃ vasiṣṭhaṃ cāpy arundhatī //

- wie Śrī dem Nārāyaṇa, wie Śacī dem Maghavat, wie Kīrti dem Viṣṇu, Uṣā der Sonne, und wie Arundhatī dem Vasiṣṭha (verbunden ist).

Wort für Wort
sārdham nārāyaṇam śrīḥ tu
wie Śrī mit Nārāyaṇa
maghavantam śacī yathā
wie Śacī mit Maghavat
viṣṇum kīrtiḥ uṣā sūryam
Kīrti mit Viṣṇu, Uṣā mit der Sonne
vasiṣṭham ca api arundhatī
und Arundhatī mit Vasiṣṭha

naitāṃs tu vijahaty etā bhartṝn devyaḥ kathaṃcana / evaṃ prācetaso dakṣo jajñe vai cākṣuṣe 'ntare //

Diese Göttinnen verlassen ihre Gatten auf keine Weise; ebenso wurde Dakṣa, der Sohn des Pracetas, im Cākṣuṣa-Zeitalter geboren.

Wort für Wort
na etāḥ tu vijahati etāḥ bhartṝn devyaḥ kathaṃcana
diese Göttinnen verlassen ihre Gatten auf keine Weise
evam prācetasaḥ dakṣaḥ
ebenso Dakṣa, der Sohn des Pracetas
jajñe vai cākṣuṣe antare
wurde fürwahr im Cākṣuṣa-Zeitalter geboren

prācīnabarhiṣaḥ pautraḥ putraś cāpi pracetasām / daśabhyas tu pracetobhyo māriṣāyāṃ punar nṛpa //

Als Enkel des Prācīnabarhis und Sohn der Pracetas-Brüder, von den zehn Pracetas mit Māriṣā gezeugt, wiederum, o König -

Wort für Wort
prācīnabarhiṣaḥ pautraḥ
Enkel des Prācīnabarhis
putraḥ ca api pracetasām
und auch Sohn der Pracetas
daśabhyaḥ tu pracetobhyaḥ māriṣāyām
von den zehn Pracetas mit Māriṣā
punaḥ nṛpa
wiederum, o König

[Anm.: Die Anrede 'nṛpa' ('o König') ist innerhalb der Rahmenerzählung ungewöhnlich, da die Zuhörer eigentlich Weise ('munayaḥ') sind - möglicherweise generische Anrede oder Inkonsistenz der Quelle.]

jajñe rudrābhiśāpena dvitīyam iti naḥ śrutam / bhṛgvādayas tu te sarve jajñire vai maharṣayaḥ //

- wurde er, durch Rudras Fluch, ein zweites Mal geboren, so haben wir gehört; und Bhṛgu und die anderen, alle jene großen Weisen, wurden ebenfalls wiederum geboren.

Wort für Wort
jajñe rudrābhiśāpena dvitīyam
er wurde durch Rudras Fluch ein zweites Mal geboren
iti naḥ śrutam
so haben wir gehört
bhṛgvādayaḥ tu te sarve maharṣayaḥ
und Bhṛgu und die anderen, alle jene großen Weisen
jajñire vai
wurden fürwahr geboren

ādye tretāyuge pūrvaṃ manor vaivasvatasya ha / devasya mahato yajñe vāruṇīṃ bibhratas tanum //

Zuerst, im ersten Tretā-Zeitalter, beim großen Opfer des Manu Vaivasvata, einen dem Varuṇa zugehörigen Körper tragend -

Wort für Wort
ādye tretāyuge pūrvam
zuerst, im ersten Tretā-Zeitalter
manoḥ vaivasvatasya ha
des Manu Vaivasvata fürwahr
devasya mahataḥ yajñe
beim großen Opfer des Gottes
vāruṇīm bibhrataḥ tanum
einen dem Varuṇa zugehörigen Körper tragend

ity eṣo 'nuśayo hy āsīt tayor jātyantare gataḥ / prajāpateś ca dakṣasya tryambakasya ca dhīmataḥ //

So bestand fürwahr diese gegenseitige Feindschaft zwischen jenen beiden, dem Prajāpati Dakṣa und dem weisen Dreiäugigen, fortbestehend über die Wiedergeburt hinweg.

Wort für Wort
iti eṣaḥ anuśayaḥ hi āsīt
so bestand fürwahr diese gegenseitige Feindschaft
tayoḥ jātyantare gataḥ
zwischen den beiden, über die Wiedergeburt hinweg fortbestehend
prajāpateḥ ca dakṣasya
des Prajāpati Dakṣa
tryambakasya ca dhīmataḥ
und des weisen Dreiäugigen

tasmān nānuśayaḥ kāryo vareṣv iha kadācana / jātyantaragatasyāpi bhāvitasya śubhāśubhaiḥ / jantor na bhūtaye khyātis tan na kāryaṃ vijānatā //

Deshalb sollte man niemals bei der Gewährung von Segensgaben Groll hegen; denn auch für ein Wesen, das durch Wiedergeburt hindurchgegangen und von Gutem und Schlechtem geprägt ist, gereicht Ruhm nicht zum Wohlergehen - das sollte der Wissende nicht tun.

Wort für Wort
tasmāt na anuśayaḥ kāryaḥ vareṣu iha kadācana
deshalb sollte man niemals bei Segensgaben Groll hegen
jātyantaragatasya api bhāvitasya śubhāśubhaiḥ
auch für ein durch Wiedergeburt gegangenes, von Gutem und Schlechtem geprägtes (Wesen)
jantoḥ na bhūtaye khyātiḥ [?]
gereicht Ruhm nicht zum Wohlergehen des Wesens [?]
tat na kāryam vijānatā
das sollte der Wissende nicht tun

[?: Genaue Konstruktion von 'na bhūtaye khyātiḥ' unklar; sinngemäß als moralischer Schluss übersetzt - dreizeiliger Vers, s. Anm. zu V.13.]

{munaya ūcuḥ:} kathaṃ roṣeṇa sā pūrvaṃ dakṣasya duhitā satī / tyaktvā dehaṃ punar jātā girirājagṛhe prabho //

Die Weisen sprachen: Wie wurde sie, die einst aus Zorn ihren Leib aufgegeben hatte, Satī, die Tochter Dakṣas, wieder im Haus des Bergkönigs geboren, o Herr?

Wort für Wort
katham roṣeṇa sā pūrvam
wie sie einst aus Zorn
dakṣasya duhitā satī
Satī, die Tochter Dakṣas
tyaktvā deham punaḥ jātā
den Leib aufgegeben habend, wieder geboren
girirājagṛhe prabho
im Haus des Bergkönigs, o Herr

dehāntare kathaṃ tasyāḥ pūrvadeho babhūva ha / bhavena saha saṃyogaḥ saṃvādaś ca tayoḥ katham //

Wie kam es, dass in dem anderen Körper ihr früherer Körper wieder entstand? Und wie geschah die Vereinigung und das Gespräch der beiden mit Bhava?

Wort für Wort
dehāntare katham tasyāḥ
wie in dem anderen Körper ihr
pūrvadehaḥ babhūva ha
der frühere Körper (wieder) entstand
bhavena saha saṃyogaḥ
die Vereinigung mit Bhava
saṃvādaḥ ca tayoḥ katham
und wie das Gespräch der beiden

svayaṃvaraḥ kathaṃ vṛttas tasmin mahati janmani / vivāhaś ca jagannātha sarvāścaryasamanvitaḥ //

Wie verlief die Selbstwahl bei jener großen Geburt, und die Vermählung, o Herr der Welt, von allem Wunderbaren begleitet?

Wort für Wort
svayaṃvaraḥ katham vṛttaḥ
wie verlief die Selbstwahl
tasmin mahati janmani
bei jener großen Geburt
vivāhaḥ ca jagannātha
und die Vermählung, o Herr der Welt
sarvāścaryasamanvitaḥ
von allem Wunderbaren begleitet

tat sarvaṃ vistarād brahman vaktum arhasi sāṃpratam / śrotum icchāmahe puṇyāṃ kathāṃ cātimanoharām //

Das alles solltest du, o Brahmā, jetzt ausführlich erzählen; wir möchten die heilige und überaus bezaubernde Erzählung hören.

Wort für Wort
tat sarvam vistarāt brahman
das alles ausführlich, o Brahmā
vaktum arhasi sāṃpratam
solltest du jetzt erzählen
śrotum icchāmahe
wir möchten hören
puṇyām kathām ca atimanoharām
die heilige und überaus bezaubernde Erzählung

{brahmovāca:} śṛṇudhvaṃ muniśārdūlāḥ kathāṃ pāpapraṇāśinīm / umāśaṃkarayoḥ puṇyāṃ sarvakāmaphalapradām //

Brahmā sprach: Hört, ihr Tiger unter den Weisen, die sündenvernichtende, heilige Erzählung von Umā und Śaṃkara, die die Frucht aller Wünsche gewährt.

Wort für Wort
śṛṇudhvam muniśārdūlāḥ
hört, ihr Tiger unter den Weisen
kathām pāpapraṇāśinīm
die sündenvernichtende Erzählung
umāśaṃkarayoḥ puṇyām
die heilige (Erzählung) von Umā und Śaṃkara
sarvakāmaphalapradām
die Frucht aller Wünsche gewährend

kadācit svagṛhāt prāptaṃ kaśyapaṃ dvipadāṃ varam / apṛcchad dhimavān vṛttaṃ loke khyātikaraṃ hitam //

Einst fragte Himavat den aus seinem eigenen Haus angekommenen Kaśyapa, den besten der Zweibeiner, nach einem heilsamen Verhalten, das in der Welt Ruhm verschafft.

Wort für Wort
kadācit svagṛhāt prāptam kaśyapam
einst den aus seinem eigenen Haus angekommenen Kaśyapa
dvipadām varam
den besten der Zweibeiner
apṛcchat himavān
fragte Himavat
vṛttam loke khyātikaram hitam
nach einem in der Welt Ruhm verschaffenden, heilsamen Verhalten

kenākṣayāś ca lokāḥ syuḥ khyātiś ca paramā mune / tathaiva cārcanīyatvaṃ satsu tat kathayasva me //

Wodurch könnten unvergängliche Welten und höchster Ruhm erlangt werden, o Weiser, und ebenso Verehrungswürdigkeit unter den Guten - das erzähle mir.

Wort für Wort
kena akṣayāḥ ca lokāḥ syuḥ
wodurch könnten unvergängliche Welten sein
khyātiḥ ca paramā mune
und höchster Ruhm, o Weiser
tathā eva ca arcanīyatvam satsu
und ebenso Verehrungswürdigkeit unter den Guten
tat kathayasva me
das erzähle mir

{kaśyapa uvāca:} apatyena mahābāho sarvam etad avāpyate / mamākhyātir apatyena brahmaṇā ṛṣibhiḥ saha //

Kaśyapa sprach: Durch Nachkommenschaft, o Starkarmiger, wird all dies erlangt; mein eigener Ruhm beruht auf Nachkommenschaft, zusammen mit Brahman und den Weisen.

Wort für Wort
apatyena mahābāho
durch Nachkommenschaft, o Starkarmiger
sarvam etat avāpyate
wird all dies erlangt
mama ākhyātiḥ apatyena
mein Ruhm (beruht) auf Nachkommenschaft
brahmaṇā ṛṣibhiḥ saha
zusammen mit Brahman und den Weisen

kiṃ na paśyasi śailendra yato māṃ paripṛcchasi / vartayiṣyāmi yac cāpi yathādṛṣṭaṃ purācala //

Siehst du nicht, o Herr der Berge, weshalb du mich befragst? Ich werde dir auch berichten, was ich einst gesehen habe, o Berg.

Wort für Wort
kim na paśyasi śailendra
siehst du nicht, o Herr der Berge
yataḥ mām paripṛcchasi
weshalb du mich befragst
vartayiṣyāmi yat ca api
ich werde auch berichten, was
yathādṛṣṭam purā acala
wie einst gesehen, o Berg

vārāṇasīm ahaṃ gacchann apaśyaṃ saṃsthitaṃ divi / vimānaṃ sunavaṃ divyam anaupamyaṃ mahardhimat //

Als ich nach Vārāṇasī ging, sah ich am Himmel stehend ein neues, göttliches, unvergleichliches, überaus prächtiges Luftfahrzeug.

Wort für Wort
vārāṇasīm aham gacchan
als ich nach Vārāṇasī ging
apaśyam saṃsthitam divi
sah ich am Himmel stehend
vimānam sunavam divyam
ein neues, göttliches Luftfahrzeug
anaupamyam mahardhimat
unvergleichlich, überaus prächtig

tasyādhastād ārtanādaṃ gartasthāne śṛṇomy aham / tam ahaṃ tapasā jñātvā tatraivāntarhitaḥ sthitaḥ //

Unterhalb davon hörte ich einen schmerzlichen Klageschrei an einer Grubenstelle; diesen erkannte ich durch meine Askesekraft und blieb eben dort unsichtbar stehen.

Wort für Wort
tasya adhastāt ārtanādam
unterhalb davon einen schmerzlichen Klageschrei
gartasthāne śṛṇomi aham
an einer Grubenstelle höre ich
tam aham tapasā jñātvā
diesen durch Askesekraft erkennend
tatra eva antarhitaḥ sthitaḥ
blieb ich eben dort unsichtbar stehen

athāgāt tatra śailendra vipro niyamavāñ śuciḥ / tīrthābhiṣekapūtātmā pare tapasi saṃsthitaḥ //

Da kam dorthin, o Herr der Berge, ein Brahmane, gelübdetreu und rein, durch Bad an Pilgerstätten geläutert, in höchster Askese verharrend.

Wort für Wort
atha agāt tatra śailendra
da kam dorthin, o Herr der Berge
vipraḥ niyamavān śuciḥ
ein Brahmane, gelübdetreu und rein
tīrthābhiṣekapūtātmā
durch Bad an Pilgerstätten geläutert
pare tapasi saṃsthitaḥ
in höchster Askese verharrend

atha sa vrajamānas tu vyāghreṇābhīṣito dvijaḥ / viveśa taṃ tadā deśaṃ sa garto yatra bhūdhara //

Während er nun ging, von einem Tiger bedrängt, betrat der Zweifachgeborene damals jenen Ort, wo sich, o Berg, die Grube befand.

Wort für Wort
atha saḥ vrajamānaḥ tu
während er nun ging
vyāghreṇa abhīṣitaḥ dvijaḥ
der Zweifachgeborene, von einem Tiger bedrängt
viveśa tam tadā deśam
betrat damals jenen Ort
saḥ gartaḥ yatra bhūdhara
wo sich die Grube befand, o Berg

gartāyāṃ vīraṇastambe lambamānāṃs tadā munīn / apaśyad ārto duḥkhārtāṃs tān apṛcchac ca sa dvijaḥ //

In der Grube, an einem Vīraṇa-Grasbüschel hängend, sah er da Weise, gequält und leidgeplagt; und der Zweifachgeborene, selbst bedrängt, fragte sie.

Wort für Wort
gartāyām vīraṇastambe lambamānān
in der Grube, an einem Vīraṇa-Grasbüschel hängend
tadā munīn apaśyat ārtaḥ
sah er da bedrängt Weise
duḥkhārtān tān apṛcchat ca saḥ dvijaḥ
und der Zweifachgeborene fragte jene Leidgeplagten

{dvija uvāca:} ke yūyaṃ vīraṇastambe lambamānā hy adhomukhāḥ / duḥkhitāḥ kena mokṣaś ca yuṣmākaṃ bhavitānaghāḥ //

Der Zweifachgeborene sprach: Wer seid ihr, die ihr am Vīraṇa-Grasbüschel hängt, mit nach unten gewandtem Gesicht, leidend? Und wodurch wird eure Befreiung geschehen, ihr Sündenlosen?

Wort für Wort
ke yūyam vīraṇastambe lambamānāḥ
wer seid ihr, die am Vīraṇa-Grasbüschel hängen
hi adhomukhāḥ duḥkhitāḥ
mit nach unten gewandtem Gesicht, leidend
kena mokṣaḥ ca yuṣmākam bhavitā anaghāḥ
wodurch wird eure Befreiung geschehen, ihr Sündenlosen

{pitara ūcuḥ:} vayaṃ te kṛtapuṇyasya pitaraḥ sapitāmahāḥ / prapitāmahāś ca kliśyāmas tava duṣṭena karmaṇā //

Die Ahnen sprachen: Wir sind die Väter, Großväter und Urgroßväter von dir; wir leiden durch dein schlechtes Verhalten.

Wort für Wort
vayam te kṛtapuṇyasya [?]
wir sind von dir, dem Verdienstvollen [?]
pitaraḥ sapitāmahāḥ
die Väter und Großväter
prapitāmahāḥ ca kliśyāmaḥ
und Urgroßväter, wir leiden
tava duṣṭena karmaṇā
durch dein schlechtes Verhalten

[?: 'kṛtapuṇyasya' ('von dir, der du gute Taten vollbracht hast/vollbringen solltest') unklar bezogen - evtl. bedingt-ermahnend gemeint, da die Ahnen im Folgenden gerade seine Kinderlosigkeit beklagen.]

narako 'yaṃ mahābhāga gartarūpeṇa saṃsthitaḥ / tvaṃ cāpi vīraṇastambas tvayi lambāmahe vayam //

Diese Grube, o Hochbeglückter, ist die Hölle in Gestalt einer Grube; und du selbst bist der Vīraṇa-Grasbüschel - an dir hängen wir.

Wort für Wort
narakaḥ ayam mahābhāga
dies ist die Hölle, o Hochbeglückter
gartarūpeṇa saṃsthitaḥ
in Gestalt einer Grube bestehend
tvam ca api vīraṇastambaḥ
und du bist der Vīraṇa-Grasbüschel
tvayi lambāmahe vayam
an dir hängen wir

yāvat tvaṃ jīvase vipra tāvad eva vayaṃ sthitāḥ / mṛte tvayi gamiṣyāmo narakaṃ pāpacetasaḥ //

Solange du lebst, o Brahmane, solange bestehen wir eben; stirbst du, werden wir, von Sünde befleckten Sinnes, in die Hölle gehen.

Wort für Wort
yāvat tvam jīvase vipra
solange du lebst, o Brahmane
tāvat eva vayam sthitāḥ
solange eben bestehen wir
mṛte tvayi gamiṣyāmaḥ narakam
stirbst du, werden wir in die Hölle gehen
pāpacetasaḥ
von Sünde befleckten Sinnes

yadi tvaṃ dārasaṃyogaṃ kṛtvāpatyaṃ guṇottaram / utpādayasi tenāsmān mucyema vayam enasaḥ //

Wenn du eine Ehe eingehst und einen tugendhaften Nachkommen zeugst, dann würden wir dadurch von unserer Sündenlast befreit.

Wort für Wort
yadi tvam dārasaṃyogam kṛtvā
wenn du, eine Ehe eingehend
apatyam guṇottaram utpādayasi
einen überaus tugendhaften Nachkommen zeugst
tena asmān mucyema vayam enasaḥ
dadurch würden wir von unserer Sündenlast befreit

nānyena tapasā putra tīrthānāṃ ca phalena ca / etat kuru mahābuddhe tārayasva pitṝn bhayāt //

Nicht durch andere Askese, o Sohn, noch durch die Frucht von Pilgerfahrten (ist Befreiung möglich); tu dies, o Großweiser, errette die Ahnen aus dieser Furcht.

Wort für Wort
na anyena tapasā putra
nicht durch andere Askese, o Sohn
tīrthānām ca phalena ca
noch durch die Frucht von Pilgerfahrten
etat kuru mahābuddhe
tu dies, o Großweiser
tārayasva pitṝn bhayāt
errette die Ahnen aus der Furcht

{kaśyapa uvāca:} sa tatheti pratijñāya ārādhya vṛṣabhadhvajam / pitṝn gartāt samuddhṛtya gaṇapān pracakāra ha //

Kaśyapa sprach: Jener, 'So sei es' versprechend, verehrte den mit dem Stier im Banner und zog, nachdem er die Ahnen aus der Grube gerettet hatte, sie zu Gaṇa-Herren.

Wort für Wort
saḥ tathā iti pratijñāya
jener, 'so sei es' versprechend
ārādhya vṛṣabhadhvajam
den mit dem Stier im Banner verehrend
pitṝn gartāt samuddhṛtya
die Ahnen aus der Grube rettend
gaṇapān pracakāra ha
machte er fürwahr zu Gaṇa-Herren

svayaṃ rudrasya dayitaḥ suveśo nāma nāmataḥ / saṃmato balavāṃś caiva rudrasya gaṇapo 'bhavat //

Er selbst wurde, dem Rudra lieb, unter dem Namen Suveśa, angesehen und mächtig, ein Gaṇa-Herr des Rudra.

Wort für Wort
svayam rudrasya dayitaḥ
er selbst, dem Rudra lieb
suveśaḥ nāma nāmataḥ
unter dem Namen Suveśa
saṃmataḥ balavān ca eva
angesehen und mächtig
rudrasya gaṇapaḥ abhavat
wurde ein Gaṇa-Herr des Rudra

tasmāt kṛtvā tapo ghoram apatyaṃ guṇavad bhṛśam / utpādayasva śailendra sutāṃ tvaṃ varavarṇinīm //

Deshalb, nachdem du fürchterliche Askese geübt hast, zeuge eine überaus tugendhafte Tochter von schöner Gestalt, o Herr der Berge.

Wort für Wort
tasmāt kṛtvā tapaḥ ghoram
deshalb, fürchterliche Askese geübt habend
apatyam guṇavat bhṛśam
einen überaus tugendhaften Nachkommen
utpādayasva śailendra
zeuge, o Herr der Berge
sutām tvam varavarṇinīm
eine Tochter von schöner Gestalt

{brahmovāca:} sa evam uktvā ṛṣiṇā śailendro niyamasthitaḥ / tapaś cakārāpy atulaṃ yena tuṣṭir abhūn mama //

Brahmā sprach: So von dem Weisen angesprochen, übte der Bergkönig, in Gelübden verharrend, eine unvergleichliche Askese, durch die mir Zufriedenheit zuteilwurde.

Wort für Wort
saḥ evam uktvā ṛṣiṇā
so von dem Weisen angesprochen
śailendraḥ niyamasthitaḥ
der Bergkönig, in Gelübden verharrend
tapaḥ cakāra api atulam
übte auch eine unvergleichliche Askese
yena tuṣṭiḥ abhūt mama
durch die mir Zufriedenheit zuteilwurde

tadā tam utpapātāhaṃ varado 'smīti cābravam / brūhi tuṣṭo 'smi śailendra tapasānena suvrata //

Da erschien ich ihm plötzlich und sprach: 'Ich bin bereit, einen Segen zu gewähren; sprich, ich bin zufrieden, o Herr der Berge, durch diese deine Askese, o Guttugendhafter.'

Wort für Wort
tadā tam utpapāta aham
da erschien ich ihm plötzlich
varadaḥ asmi iti ca abravam
und sprach: 'ich bin bereit, einen Segen zu gewähren'
brūhi tuṣṭaḥ asmi śailendra
sprich, ich bin zufrieden, o Herr der Berge
tapasā anena suvrata
durch diese Askese, o Guttugendhafter

{himavān uvāca:} bhagavan putram icchāmi guṇaiḥ sarvair alaṃkṛtam / evaṃ varaṃ prayacchasva yadi tuṣṭo 'si me prabho //

Himavat sprach: O Erhabener, ich wünsche mir einen mit allen Tugenden geschmückten Sohn; gewähre mir diesen Segen, wenn du zufrieden mit mir bist, o Herr.

Wort für Wort
bhagavan putram icchāmi
o Erhabener, ich wünsche mir einen Sohn
guṇaiḥ sarvaiḥ alaṃkṛtam
mit allen Tugenden geschmückt
evam varam prayacchasva
gewähre mir diesen Segen
yadi tuṣṭaḥ asi me prabho
wenn du mit mir zufrieden bist, o Herr

{brahmovāca:} tasya tad vacanaṃ śrutvā girirājasya bho dvijāḥ / tadā tasmai varaṃ cāhaṃ dattavān manasepsitam //

Brahmā sprach: Nachdem ich jenes Wort des Bergkönigs gehört hatte, o Brahmanen, gewährte ich ihm damals den im Geiste erwünschten Segen.

Wort für Wort
tasya tat vacanam śrutvā
jenes Wort von ihm gehört habend
girirājasya bho dvijāḥ
des Bergkönigs, o Brahmanen
tadā tasmai varam ca aham dattavān
da gewährte ich ihm den Segen
manasā īpsitam
den im Geiste erwünschten

kanyā bhavitrī śailendra tapasānena suvrata / yasyāḥ prabhāvāt sarvatra kīrtim āpsyasi śobhanām //

'Eine Tochter wird dir, o Herr der Berge, durch diese Askese entstehen, o Guttugendhafter, durch deren Macht du überall schönen Ruhm erlangen wirst.'

Wort für Wort
kanyā bhavitrī śailendra
eine Tochter wird entstehen, o Herr der Berge
tapasā anena suvrata
durch diese Askese, o Guttugendhafter
yasyāḥ prabhāvāt sarvatra
durch deren Macht überall
kīrtim āpsyasi śobhanām
wirst du schönen Ruhm erlangen

[Anm.: Vgl. V.76 - Himavat erbittet einen 'Sohn' (putram), erhält aber eine 'Tochter' (kanyā); im Sanskrit-Original nicht harmonisiert, hier wörtlich ohne Glättung wiedergegeben.]

arcitaḥ sarvadevānāṃ tīrthakoṭisamāvṛtaḥ / pāvanaś caiva puṇyena devānām api sarvataḥ //

'Verehrt von allen Göttern, umgeben von Millionen Pilgerstätten, und rein durch Verdienst, überall selbst für die Götter.'

Wort für Wort
arcitaḥ sarvadevānām
verehrt von allen Göttern
tīrthakoṭisamāvṛtaḥ
umgeben von Millionen Pilgerstätten
pāvanaḥ ca eva puṇyena
und rein durch Verdienst
devānām api sarvataḥ
überall selbst für die Götter

jyeṣṭhā ca sā bhavitrī te anye cātra tataḥ śubhe //*

'Und sie wird deine älteste Tochter sein, andere aber danach, o Heilbringende.'

Wort für Wort
jyeṣṭhā ca sā bhavitrī te
und sie wird deine älteste (Tochter) sein
anye ca atra tataḥ śubhe
andere aber danach hier, o Heilbringende

[Anm.: Im Original einzeiliger Halbvers, durch Asterisk gekennzeichnet, wie V.15/33.]

so 'pi kālena śailendro menāyām udapādayat / aparṇām ekaparṇāṃ ca tathā caivaikapāṭalām //

Jener Bergkönig zeugte mit der Zeit mit Menā Aparṇā und Ekaparṇā sowie ebenso Ekapāṭalā.

Wort für Wort
saḥ api kālena śailendraḥ
jener Bergkönig auch mit der Zeit
menāyām udapādayat
zeugte mit Menā
aparṇām ekaparṇām ca
Aparṇā und Ekaparṇā
tathā ca eva ekapāṭalām
und ebenso Ekapāṭalā

nyagrodham ekaparṇaṃ tu pāṭalaṃ caikapāṭalām / aśitvā tv ekaparṇāṃ tu aniketas tapo 'carat //

Aparṇā aber, ohne auch nur ein einziges Nyagrodha-Blatt oder ein Pāṭala-Blatt zu essen - wonach ihre Schwestern 'Ekaparṇā' (die mit einem Blatt) und 'Ekapāṭalā' (die mit einer Pāṭala-Blüte) genannt wurden -, übte, nichts essend, obdachlos ihre Askese.

Wort für Wort
nyagrodham ekaparṇam tu
ein Nyagrodha-Blatt aber (aß) Ekaparṇā
pāṭalam ca ekapāṭalām
ein Pāṭala-Blatt aber Ekapāṭalā
aśitvā tu ekaparṇām tu [?]
ohne zu essen, auch nicht ein Blatt [?]
aniketaḥ tapaḥ acarat
übte sie obdachlos Askese

[?: Vers stark verdichtet/etymologisierend (Erklärung der Namen 'Ekaparṇā'/'Ekapāṭalā' über das jeweils gegessene einzelne Blatt, während Aparṇā - 'die Blattlose' - überhaupt nichts isst); Syntax unsicher, sinngemäß rekonstruiert.]

śataṃ varṣasahasrāṇāṃ duścaraṃ devadānavaiḥ / āhāram ekaparṇaṃ tu ekaparṇā samācarat //

Hundert Jahrtausende lang, eine Askese schwer auszuführen selbst für Götter und Dānavas, übte Ekaparṇā ihre Buße, indem sie sich von einem einzigen Blatt ernährte.

Wort für Wort
śatam varṣasahasrāṇām
hundert Jahrtausende
duścaram devadānavaiḥ
schwer auszuführen selbst für Götter und Dānavas
āhāram ekaparṇam tu
als Nahrung aber ein einziges Blatt
ekaparṇā samācarat
übte Ekaparṇā (ihre Buße)

pāṭalena tathaikena vidadhe caikapāṭalā / pūrṇe varṣasahasre tu āhāraṃ tāḥ pracakratuḥ //

Ebenso versorgte sich Ekapāṭalā mit einer einzigen Pāṭala-Blüte; nach Ablauf von tausend Jahren nahmen sie wieder regelmäßig Nahrung zu sich.

Wort für Wort
pāṭalena tathā ekena
mit einer einzigen Pāṭala-Blüte ebenso
vidadhe ca ekapāṭalā
versorgte sich Ekapāṭalā
pūrṇe varṣasahasre tu
nach Ablauf von tausend Jahren aber
āhāram tāḥ pracakratuḥ
nahmen sie (wieder) Nahrung zu sich

aparṇā tu nirāhārā tāṃ mātā pratyabhāṣata / niṣedhayantī co meti mātṛsnehena duḥkhitā //

Aparṇā aber, ohne jegliche Nahrung - zu ihr sprach die Mutter, sie mit mütterlicher Zuneigung bekümmert davon abhaltend: 'U mā!' ('Nicht so!')

Wort für Wort
aparṇā tu nirāhārā
Aparṇā aber ohne jegliche Nahrung
tām mātā pratyabhāṣata
zu ihr sprach die Mutter
niṣedhayantī ca u mā iti
abhaltend mit 'u mā' ('nicht so')
mātṛsnehena duḥkhitā
von mütterlicher Zuneigung bekümmert

[Anm.: Dies ist die bekannte Volksetymologie des Namens 'Umā' - das von der Mutter Menā ausgerufene 'u mā' ('oh, nicht [so]!'), das der Göttin ihren berühmtesten Namen gab.]

sā tathoktā tayā mātrā devī duścaracāriṇī / tenaiva nāmnā lokeṣu vikhyātā surapūjitā //

Sie, so von ihrer Mutter angesprochen, die Göttin, die schwer auszuführende Askese Übende, wurde eben unter jenem Namen (Umā) in den Welten berühmt, von den Göttern verehrt.

Wort für Wort
sā tathā uktā tayā mātrā
sie, so von ihrer Mutter angesprochen
devī duścaracāriṇī
die Göttin, die schwere Askese Übende
tena eva nāmnā lokeṣu vikhyātā
wurde eben unter jenem Namen in den Welten berühmt
surapūjitā
von den Göttern verehrt

etat tu trikumārīkaṃ jagat sthāvarajaṅgamam / etāsāṃ tapasāṃ vṛttaṃ yāvad bhūmir dhariṣyati //

Diese 'Drei-Jungfrauen-Geschichte' aber wird die bewegliche und unbewegliche Welt, das Geschehen ihrer Askesen, bewahren, solange die Erde besteht.

Wort für Wort
etat tu trikumārīkam
dies aber, die 'Drei-Jungfrauen'(-Geschichte)
jagat sthāvarajaṅgamam
die bewegliche und unbewegliche Welt
etāsām tapasām vṛttam
das Geschehen ihrer Askesen
yāvat bhūmiḥ dhariṣyati
solange die Erde bestehen wird

tapaḥśarīrās tāḥ sarvās tisro yogaṃ samāśritāḥ / sarvāś caiva mahābhāgās tathā ca sthirayauvanāḥ //

Alle drei, ihre Körper ganz aus Askese bestehend, dem Yoga hingegeben, alle hochbeglückt und von beständiger Jugend.

Wort für Wort
tapaḥśarīrāḥ tāḥ sarvāḥ tisraḥ
alle drei, ihre Körper aus Askese bestehend
yogam samāśritāḥ
dem Yoga hingegeben
sarvāḥ ca eva mahābhāgāḥ
alle hochbeglückt
tathā ca sthirayauvanāḥ
und von beständiger Jugend

tā lokamātaraś caiva brahmacāriṇya eva ca / anugṛhṇanti lokāṃś ca tapasā svena sarvadā //

Sie sind die Mütter der Welt und zugleich Keuschheitsübende; sie erweisen den Welten stets Gnade durch ihre eigene Askese.

Wort für Wort
tāḥ lokamātaraḥ ca eva
sie sind die Mütter der Welt
brahmacāriṇyaḥ eva ca
und zugleich Keuschheitsübende
anugṛhṇanti lokān ca
sie erweisen den Welten Gnade
tapasā svena sarvadā
durch ihre eigene Askese, stets

umā tāsāṃ variṣṭhā ca jyeṣṭhā ca varavarṇinī / mahāyogabalopetā mahādevam upasthitā //

Umā ist unter ihnen die Vortrefflichste und Älteste, von schöner Gestalt, mit der Kraft des großen Yoga ausgestattet, dem Mahādeva zugewandt.

Wort für Wort
umā tāsām variṣṭhā ca
Umā ist unter ihnen die Vortrefflichste
jyeṣṭhā ca varavarṇinī
und die Älteste, von schöner Gestalt
mahāyogabalopetā
mit der Kraft des großen Yoga ausgestattet
mahādevam upasthitā
dem Mahādeva zugewandt

dattakaś cośanā tasya putraḥ sa bhṛgunandanaḥ / āsīt tasyaikaparṇā tu devalaṃ suṣuve sutam //

Dattaka, das ist Uśanas, der Sohn des Bhṛgu-Sprosses, gehörte zu ihr [Ekaparṇā]; Ekaparṇā aber gebar den Sohn Devala.

Wort für Wort
dattakaḥ ca uśanā tasya putraḥ [?]
Dattaka, das ist Uśanas, ihr Sohn [?]
saḥ bhṛgunandanaḥ āsīt
er war der Bhṛgu-Sproß
tasya ekaparṇā tu
ihm aber (gehörte) Ekaparṇā
devalam suṣuve sutam
sie gebar den Sohn Devala

[?: Genealogie verdichtet/unklar; 'tasya' vermutlich auf Ekaparṇā als Gattin/Mutter des Uśanas (Śukra) bezogen; wörtlich, mit Vorbehalt übersetzt.]

yā tu tāsāṃ kumārīṇāṃ tṛtīyā hy ekapāṭalā / putraṃ sā tam alarkasya jaigīṣavyam upasthitā //

Diejenige aber von jenen Jungfrauen, die dritte, Ekapāṭalā, wandte sich Jaigīṣavya zu, dem Sohn des Alarka.

Wort für Wort
yā tu tāsām kumārīṇām tṛtīyā
diejenige aber von jenen Jungfrauen, die dritte
hi ekapāṭalā
nämlich Ekapāṭalā
putram sā tam alarkasya
sie (wandte sich) jenem Sohn des Alarka zu
jaigīṣavyam upasthitā
Jaigīṣavya zugewandt

[?: Auch hier knappe/unklare Genealogie; sinngemäß als Zuwendung Ekapāṭalās zu Jaigīṣavya übersetzt.]

tasyāś ca śaṅkhalikhitau smṛtau putrāv ayonijau / umā tu yā mayā tubhyaṃ kīrtitā varavarṇinī //

Und von ihr werden Śaṅkha und Likhita als ihre nicht aus einem Mutterschoß geborenen Söhne überliefert. Umā aber, die von schöner Gestalt, ist die, die ich dir genannt habe.

Wort für Wort
tasyāḥ ca śaṅkhalikhitau smṛtau
und von ihr werden Śaṅkha und Likhita überliefert
putrau ayonijau
als Söhne, nicht aus einem Mutterschoß geboren
umā tu yā mayā tubhyam kīrtitā
Umā aber, die von mir dir genannt wurde
varavarṇinī
von schöner Gestalt

atha tasyās tapoyogāt trailokyam akhilaṃ tadā / pradhūpitam ihālakṣya vacas tām aham abravam //

Als nun durch ihre Askese-Vertiefung damals die gesamte Dreiwelt in Rauch/Glut gehüllt wurde, bemerkte ich dies und sprach zu ihr folgendes Wort:

Wort für Wort
atha tasyāḥ tapoyogāt
als nun durch ihre Askese-Vertiefung
trailokyam akhilam tadā pradhūpitam
damals die gesamte Dreiwelt in Rauch gehüllt wurde
iha ālakṣya vacaḥ tām aham abravam
dies bemerkend sprach ich zu ihr (folgendes) Wort

devi kiṃ tapasā lokāṃs tāpayiṣyasi śobhane / tvayā sṛṣṭam idaṃ sarvaṃ mā kṛtvā tad vināśaya //

'O Göttin, warum willst du durch deine Askese die Welten quälen, du Schöne? Dies alles wurde von dir erschaffen - zerstöre es nicht!'

Wort für Wort
devi kim tapasā lokān tāpayiṣyasi śobhane
o Göttin, warum willst du durch Askese die Welten quälen, du Schöne
tvayā sṛṣṭam idam sarvam
dies alles wurde von dir erschaffen
mā kṛtvā tat vināśaya
zerstöre es nicht

tvaṃ hi dhārayase lokān imān sarvān svatejasā / brūhi kiṃ te jaganmātaḥ prārthitaṃ saṃpratīha naḥ //

'Denn du trägst alle diese Welten durch deine eigene Glut; sprich, was ist dein Wunsch, o Mutter der Welt, den du uns jetzt hier vorträgst?'

Wort für Wort
tvam hi dhārayase lokān imān sarvān
denn du trägst alle diese Welten
svatejasā
durch deine eigene Glut
brūhi kim te jaganmātaḥ
sprich, was ist dein (Wunsch), o Mutter der Welt
prārthitam saṃprati iha naḥ
jetzt hier von uns erbeten

{devy uvāca:} yadarthaṃ tapaso hy asya caraṇaṃ me pitāmaha / tvam eva tad vijānīṣe tataḥ pṛcchasi kiṃ punaḥ //

Die Göttin sprach: Weswegen ich diese Askese übe, o Großvater, das weißt du doch selbst - warum fragst du dann noch?

Wort für Wort
yadartham tapasaḥ hi asya caraṇam me pitāmaha
weswegen ich fürwahr diese Askese übe, o Großvater
tvam eva tat vijānīṣe
du selbst weißt das doch
tataḥ pṛcchasi kim punaḥ
warum fragst du dann noch

{brahmovāca:} tatas tām abravaṃ cāhaṃ yadarthaṃ tapyase śubhe / sa tvāṃ svayam upāgamya ihaiva varayiṣyati //

Brahmā sprach: Darauf sprach ich zu ihr: 'Weswegen du Askese übst, o Schöne - er selbst wird zu dir kommen und dich eben hier zur Gattin wählen.'

Wort für Wort
tataḥ tām abravam ca aham
darauf sprach ich zu ihr
yadartham tapyase śubhe
weswegen du Askese übst, o Schöne
saḥ tvām svayam upāgamya
er selbst wird zu dir kommen
iha eva varayiṣyati
eben hier wird er (dich) wählen

śarva eva patiḥ śreṣṭhaḥ sarvalokeśvareśvaraḥ / vayaṃ sadaiva yasyeme vaśyā vai kiṃkarāḥ śubhe //

'Śarva selbst ist der beste Gatte, der Herr über die Herren aller Welten; wir alle hier sind ihm stets untertan, seine Diener, o Schöne.'

Wort für Wort
śarvaḥ eva patiḥ śreṣṭhaḥ
Śarva selbst ist der beste Gatte
sarvalokeśvareśvaraḥ
der Herr über die Herren aller Welten
vayam sadā eva yasya ime vaśyāḥ
wir alle hier sind ihm stets untertan
vai kiṃkarāḥ śubhe
fürwahr seine Diener, o Schöne

sa devadevaḥ parameśvaraḥ svayaṃ / svayaṃbhur āyāsyati devi te 'ntikam / udārarūpo vikṛtādirūpaḥ / samānarūpo 'pi na yasya kasyacit //

'Jener Gott der Götter, der höchste Herr, der Selbstentstandene, wird selbst, o Göttin, zu dir kommen - von erhabener Gestalt, doch auch von entstellter Uranfangsgestalt, dessen Gestalt keinem anderen gleicht.'

Wort für Wort
saḥ devadevaḥ parameśvaraḥ svayam
jener Gott der Götter, der höchste Herr, selbst
svayaṃbhūḥ āyāsyati devi te antikam
der Selbstentstandene wird zu dir kommen, o Göttin
udārarūpaḥ vikṛtādirūpaḥ
von erhabener Gestalt, von entstellter Uranfangsgestalt
samānarūpaḥ api na yasya kasyacit
dessen Gestalt keinem irgendeinem anderen gleicht

[Anm.: Vers in vierzeiliger Anordnung (Pāda a-d) statt der zweizeiligen Form - Wechsel des Versmaßes, wie bei den abschließenden Versen früherer Kapitel (vgl. Kap.28 v.65, Kap.32 v.108, Kap.33 v.22f./47ff.).]

maheśvaraḥ parvatalokavāsī / carācareśaḥ prathamo 'prameyaḥ / vinendunā hīndrasamānavarcasā / vibhīṣaṇaṃ rūpam ivāsthito yaḥ //

'Maheśvara, der Bergwelt-Bewohner, der Herr des Beweglichen und Unbeweglichen, der Erste, der Unermessliche - der, ohne den Mond als Diadem, dessen Glanz dem Indra gleicht, gleichsam eine schreckenerregende Gestalt angenommen hat.'

Wort für Wort
maheśvaraḥ parvatalokavāsī
Maheśvara, der Bergwelt-Bewohner
carācareśaḥ prathamaḥ aprameyaḥ
der Herr des Beweglichen und Unbeweglichen, der Erste, der Unermessliche
vinā indunā hi indrasamānavarcasā [?]
ohne den Mond, dessen Glanz dem Indra gleicht [?]
vibhīṣaṇam rūpam iva āsthitaḥ yaḥ
der gleichsam eine schreckenerregende Gestalt angenommen hat

[?: Syntax kompakt/unklar, insbesondere 'vinendunā hīndrasamānavarcasā'; sinngemäß als Beschreibung einer wechselnden, ohne den Mondschmuck schreckenerregend wirkenden Erscheinungsform Śivas gedeutet.]

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