Kapitel 34: dakṣayajñavināśasatīdehatyāgahimavatprārthanāvarṇanam
Die Zerstörung von Dakṣas Opfer, Satīs Selbstverbrennung und ihre Wiedergeburt als Umā, Tochter des Himavat
Auf die Frage der Weisen, warum Śiva einst Dakṣas Opfer zerstörte, erzählt Brahmā die Vorgeschichte: Dakṣas Tochter Satī, Śivas Gattin, wird von ihrem Vater bei einem Fest zurückgesetzt und ungeladen gelassen; als sie dennoch kommt, missachtet Dakṣa sie erneut zugunsten seiner anderen, mit den großen Ṛṣis vermählten Töchter, da er Rudra hasst (V.1-19). Von Dakṣa endgültig verstoßen, gibt Satī im Zorn ihren Körper durch innere Feuer-Askese (Agneyī-Dhāraṇā) auf, nicht ohne den Wunsch zu äußern, dereinst wiedergeboren erneut Śivas Gattin zu werden (V.20-25). Śiva, davon erfahrend, verflucht Dakṣa; ein wechselseitiger Fluch zwischen Dakṣa und den sieben Ṛṣis (vermittelt durch Rudra) führt dazu, dass beide - Dakṣa wie die Ṛṣis - im Cākṣuṣa- und später im Vaivasvata-Manvantara als Menschen wiedergeboren werden (V.26-50). Auf erneute Frage der Weisen erzählt Brahmā, wie Satī als Umā, Tochter des Himavat und der Menā, wiedergeboren wurde: Kaśyapa berichtet Himavat von einer Vision (verfluchte, in einer Grube hängende Ahnen, die durch einen Nachkommen erlöst werden), woraufhin Himavat durch Askese von Brahmā den Segen einer außergewöhnlichen Tochter erhält (V.51-80). Es folgt die Episode der drei asketischen Schwestern Aparṇā, Ekaparṇā und Ekapāṭalā, benannt nach ihrer extremen Blatt-Diät, wobei Aparṇā (die künftige Umā) durch völligen Verzicht auf Nahrung die Welt in Brand zu setzen droht, bis der Zuruf ihrer Mutter Menā ('u mā' - 'nicht so!') ihr den Namen Umā verleiht (V.81-93). Brahmā selbst tritt ihr entgegen, hält sie von weiterer Askese ab und verkündet ihr, dass Śiva selbst kommen und um sie werben werde (V.94-101).
vidrāvya vibudhān sarvān siddhavidyādharān ṛṣīn / gandharvayakṣanāgāṃś ca tathānyāṃś ca samāgatān //
- nachdem er alle Götter, Siddhas, Vidyādharas, Weisen, Gandharven, Yakṣas und Schlangenwesen sowie andere Versammelte in die Flucht geschlagen hatte -
sa āste tatra varadaḥ śūlapāṇir vṛṣadhvajaḥ / pinākapāṇir bhagavān dakṣayajñavināśanaḥ //
Er, der Segenspender, mit dem Dreizack in der Hand, mit dem Stier im Banner, mit dem Pināka-Bogen in der Hand, der Erhabene, der Zerstörer von Dakṣas Opfer, weilt dort.
Wort für Wort
saḥ āste tatra varadaḥ
er weilt dort, der Segenspender
śūlapāṇiḥ vṛṣadhvajaḥ
mit dem Dreizack in der Hand, mit dem Stier im Banner
Mahādeva, an ungewöhnlichem Ort [?], in Tierfelle gekleidet, mit dem Stier im Banner, in Ekāmraka, o beste der Weisen - Hara, der Erfüller aller Wünsche.
Wort für Wort
mahādevaḥ akale deśe [?]
Mahādeva an ungewöhnlichem Ort [?]
kṛttivāsāḥ vṛṣadhvajaḥ
in Tierfelle gekleidet, mit dem Stier im Banner
ekāmrake muniśreṣṭhāḥ
in Ekāmraka, o beste der Weisen
sarvakāmapradaḥ haraḥ
Hara, der Erfüller aller Wünsche
[?: 'akale deśe' unklar - wörtlich 'an einem Ort außerhalb der (gewöhnlichen) Zeit'; möglicherweise Bezeichnung eines besonderen/heiligen Ortes. 'Ekāmraka' ist ein bekannter Śiva-Tīrtha-Name (später mit Bhuvaneśvara assoziiert).]
Brahmā sprach: Dakṣa hatte acht Töchter, die derart mit Ehemännern verbunden waren; aus ihren eigenen Häusern holte sie der Vater und ehrte sie in seinem Haus.
Wort für Wort
dakṣasya āsan aṣṭa kanyāḥ
Dakṣa hatte acht Töchter
yāḥ ca evam patisaṃgatāḥ
die derart mit Ehemännern verbunden waren
svebhyaḥ gṛhebhyaḥ ca ānīya
aus ihren eigenen Häusern holend
tāḥ pitā abhyarcayat gṛhe
sie ehrte der Vater im Haus
[Anm.: 'acht Töchter' bezieht sich hier offenbar nur auf die mit den großen Ṛṣis verheirateten Töchter, die zu diesem Fest geladen wurden - vgl. Kap.32, wo Dakṣa insgesamt 60 Töchter hat.]
jāmātā śvaśure tasmin svabhāvāt tejasi sthitaḥ / tato jñātvā satī sarvās tās tu prāptāḥ pitur gṛham //
Der Schwiegersohn verhielt sich gegenüber jenem Schwiegervater aus eigenem Wesen heraus stolz-erhaben [?]; da erfuhr Satī, dass alle jene Schwestern im Haus des Vaters angekommen waren.
Wort für Wort
jāmātā śvaśure tasmin
der Schwiegersohn gegenüber jenem Schwiegervater
svabhāvāt tejasi sthitaḥ [?]
aus eigenem Wesen in Glut/Stolz verharrend [?]
tataḥ jñātvā satī
da erfuhr Satī
sarvāḥ tāḥ tu prāptāḥ pituḥ gṛham
dass alle jene im Haus des Vaters angekommen waren
[?: V.12ab syntaktisch elliptisch; 'svabhāvāt tejasi sthitaḥ' sinngemäß als unnahbar-stolzes Verhalten Śivas gegenüber Dakṣa gedeutet.]
Auch sie, Satī, unaufgefordert, ging zum Haus ihres eigenen Vaters; diesen gegenüber erwies der Vater der Satī eine geringere, missachtete Verehrung; da sprach die Göttin, von Zorn erfüllt, zu ihrem Vater:
Wort für Wort
jagāma sā api anāhūtā
auch sie ging unaufgefordert
satī tu svapituḥ gṛham
Satī zum Haus ihres eigenen Vaters
tābhyaḥ hīnām pitā cakre
diesen gegenüber machte der Vater eine geringere
satyāḥ pūjām asaṃmatām
der Satī missachtete Verehrung
tataḥ abravīt sā pitaram
da sprach sie zum Vater
devī krodhasamākulā
die Göttin, von Zorn erfüllt
[Anm.: Vers mit drei Zeilen/sechs Pādas unter einer Versnummer (13) statt der üblichen zwei Zeilen - Unregelmäßigkeit der Quelle, wörtlich als ein Vers wiedergegeben; vgl. ähnliche Fälle in Kap.32.]
{saty uvāca:} yavīyasībhyaḥ śreṣṭhāhaṃ kiṃ na pūjasi māṃ prabho / asatkṛtām avasthāṃ yaḥ kṛtavān asi garhitām / ahaṃ jyeṣṭhā variṣṭhā ca māṃ tvaṃ satkartum arhasi //
Satī sprach: Ich bin besser als die Jüngeren - warum ehrst du mich nicht, o Herr? Der du mir einen missachteten, tadelnswerten Zustand bereitet hast - ich bin die Älteste und Vortrefflichste, und du solltest mich ehren.
Wort für Wort
yavīyasībhyaḥ śreṣṭhā aham
ich bin besser als die Jüngeren
kim na pūjasi mām prabho
warum ehrst du mich nicht, o Herr
asatkṛtām avasthām yaḥ kṛtavān asi garhitām
der du mir einen missachteten, tadelnswerten Zustand bereitet hast
aham jyeṣṭhā variṣṭhā ca
ich bin die Älteste und Vortrefflichste
mām tvam satkartum arhasi
du solltest mich ehren
[Anm.: ebenfalls dreizeiliger Vers, s. Anm. zu V.13.]
{dakṣa uvāca:} tvattaḥ śreṣṭhā variṣṭhāś ca pūjyā bālāḥ sutā mama / tāsāṃ ye caiva bhartāras te me bahumatāḥ sati //
Dakṣa sprach: Besser und vortrefflicher als du, verehrungswürdig, sind meine jungen Töchter, o Satī; und wer immer deren Gatten sind, die sind mir hochgeschätzt.
Wort für Wort
tvattaḥ śreṣṭhāḥ variṣṭhāḥ ca pūjyāḥ
besser, vortrefflicher und verehrungswürdiger als du
brahmiṣṭhāś ca vratasthāś ca mahāyogāḥ sudhārmikāḥ / guṇaiś caivādhikāḥ ślāghyāḥ sarve te tryambakāt sati //
Fromm im Brahman, in Gelübden stehend, große Yogis, wahrhaft rechtschaffen; durch ihre Eigenschaften überlegen und preiswürdig sind sie alle - mehr als der Dreiäugige, o Satī.
ity uktavāṃs tadā dakṣaḥ saṃpramūḍhena cetasā / śāpārtham ātmanaś caiva yenoktā vai maharṣayaḥ / tathoktā pitaraṃ sā vai kruddhā devī tam abravīt //
So sprach damals Dakṣa mit verwirrtem Sinn, zu seinem eigenen Verderben, wodurch später die großen Weisen (ihn) ansprachen; so angesprochen erwiderte die zornige Göttin ihrem Vater:
Wort für Wort
iti uktavān tadā dakṣaḥ
so sprach damals Dakṣa
saṃpramūḍhena cetasā
mit verwirrtem Sinn
śāpārtham ātmanaḥ ca eva [?]
zu seinem eigenen Verderben [?]
yena uktāḥ vai maharṣayaḥ
wodurch später die großen Weisen (ihn) ansprachen
tathā uktā pitaram sā vai kruddhā devī tam abravīt
so angesprochen erwiderte die zornige Göttin ihrem Vater
[?: Syntax elliptisch ('śāpārtham ātmanaḥ... yenoktā vai maharṣayaḥ'); sinngemäß als Vorausdeutung auf den späteren wechselseitigen Fluch zwischen Dakṣa und den Ṛṣis gedeutet. Zugleich dreizeiliger Vers wie V.13/14.]
Satī sprach: Weil du mich, die ich in Wort, Gedanke und Tat unschuldig bin, tadelst, deshalb gebe ich diesen meinen Leib auf, o Vater, der ich dein Kind bin.
Wort für Wort
vāṅmanaḥkarmabhiḥ yasmāt aduṣṭām mām vigarhasi
weil du mich, die in Wort, Gedanke und Tat Unschuldige, tadelst
Brahmā sprach: Dann, durch jene Kränkung vor Kummer erzürnt, sprach die Göttin Satī, nachdem sie dem Selbstentstandenen Verehrung erwiesen hatte, folgendes Wort:
Wort für Wort
tataḥ tena apamānena
dann durch jene Kränkung
satī duḥkhāt amarṣitā
Satī, vor Kummer erzürnt
abravīt vacanam devī
sprach die Göttin (folgendes) Wort
namaskṛtya svayaṃbhuve
nachdem sie dem Selbstentstandenen Verehrung erwiesen hatte
Satī sprach: Wodurch ich, körperlos geworden, mit einem wieder leuchtenden Körper, dabei auch ungetrübten Bewusstseins, wieder als Rechtschaffene geboren werde - möge ich dann wieder zur rechtmäßigen Gattin eben des weisen Dreiäugigen gelangen!
tad upaśrutya nidhanaṃ satyā devyāḥ sa śūladhṛk / saṃvādaṃ ca tayor buddhvā yāthātathyena śaṃkaraḥ / dakṣasya ca vināśāya cukopa bhagavān prabhuḥ //
Als er vom Tod der Göttin Satī hörte und den Wortwechsel zwischen den beiden der Wahrheit gemäß erfuhr, entbrannte der Dreizackträger, der Erhabene, der Herr Śaṃkara, in Zorn zu Dakṣas Vernichtung.
Wort für Wort
tat upaśrutya nidhanam satyāḥ devyāḥ
als er dies hörte, den Tod der Göttin Satī
saḥ śūladhṛk
er, der Dreizackträger
saṃvādam ca tayoḥ buddhvā yāthātathyena
und den Wortwechsel der beiden der Wahrheit gemäß erfuhr
Der glorreiche Śaṃkara sprach: Weil, o Dakṣa, Satī, plötzlich unaufgefordert gekommen, missachtet wurde, während alle deine anderen Töchter samt ihren Gatten gepriesen wurden -
tasmād vaivasvate prāpte punar ete maharṣayaḥ / utpatsyanti dvitīye vai tava yajñe hy ayonijāḥ //
- deshalb werden, wenn das Vaivasvata-Zeitalter erreicht ist, diese großen Weisen wiederum, ein zweites Mal, bei deinem Opfer entstehen, ohne aus einem Mutterschoß geboren zu sein.
Wort für Wort
tasmāt vaivasvate prāpte
deshalb, wenn das Vaivasvata-Zeitalter erreicht ist
punaḥ ete maharṣayaḥ
wiederum diese großen Weisen
utpatsyanti dvitīye vai tava yajñe
werden ein zweites Mal bei deinem Opfer entstehen
hi ayonijāḥ
ohne aus einem Mutterschoß geboren zu sein
[?: 'ayonijāḥ' (nicht aus einem Mutterschoß geboren) im Detail unklar - vermutlich Ankündigung einer wundersamen Wiedererstehung der Ṛṣis bei einem künftigen Opfer Dakṣas.]
hute vai brahmaṇaḥ sattre cākṣuṣasyāntare manoḥ / abhivyāhṛtya saptarṣīn dakṣaṃ so 'bhyaśapat punaḥ //
Als das Opfer Brahmans an der Opferstätte dargebracht wurde, im Zeitalter des Cākṣuṣa Manu, rief er die sieben Ṛṣis herbei und verfluchte darauf wiederum Dakṣa:
Wort für Wort
hute vai brahmaṇaḥ sattre
als das Opfer Brahmans an der Opferstätte dargebracht wurde
{dakṣa uvāca:} yasmāt tvaṃ matkṛte krūra ṛṣīn vyāhṛtavān asi / tasmāt sārdhaṃ surair yajñe na tvāṃ yakṣyanti vai dvijāḥ //
Dakṣa sprach: Weil du, Grausamer, meinetwegen die Ṛṣis angesprochen hast, deshalb werden die Zweifachgeborenen dich zusammen mit den Göttern beim Opfer nicht verehren.
Wort für Wort
yasmāt tvam matkṛte krūra
weil du, Grausamer, meinetwegen
ṛṣīn vyāhṛtavān asi
die Ṛṣis angesprochen hast
tasmāt sārdham suraiḥ yajñe
deshalb zusammen mit den Göttern beim Opfer
na tvām yakṣyanti vai dvijāḥ
werden dich die Zweifachgeborenen fürwahr nicht verehren
kṛtvāhutiṃ tava krūra apaḥ spṛśanti karmasu / ihaiva vatsyase loke divaṃ hitvāyugakṣayāt / tato devais tu te sārdhaṃ na tu pūjā bhaviṣyati //
Nachdem sie dir, Grausamer, eine Opferspende dargebracht haben, berühren sie nur Wasser bei den Riten; eben hier in dieser Welt wirst du wohnen, den Himmel bis zum Ende des Weltzeitalters verlassend; darum wird es für dich zusammen mit den Göttern keine rechte Verehrung geben.
Wort für Wort
kṛtvā āhutim tava krūra
nachdem sie dir, Grausamer, eine Opferspende dargebracht haben
āpaḥ spṛśanti karmasu
berühren sie (nur) Wasser bei den Riten
iha eva vatsyase loke
eben hier in dieser Welt wirst du wohnen
divam hitvā yugakṣayāt
den Himmel verlassend bis zum Ende des Weltzeitalters
{rudra uvāca:} cāturvarṇyaṃ tu devānāṃ te cāpy ekatra bhuñjate / na bhokṣye sahitas tais tu tato bhokṣyāmy ahaṃ pṛthak //
Rudra sprach: Die vier Stände der Götter, sie genießen das Opfer an einem Ort gemeinsam; ich aber werde nicht zusammen mit ihnen genießen, sondern werde für mich allein genießen.
Wort für Wort
cāturvarṇyam tu devānām
die vier Stände der Götter aber
te ca api ekatra bhuñjate
sie genießen sogar gemeinsam an einem Ort
na bhokṣye sahitaḥ taiḥ tu
ich aber werde nicht zusammen mit ihnen genießen
tataḥ bhokṣyāmi aham pṛthak
sondern werde ich für mich allein genießen
[?: 'cāturvarṇyaṃ ... devānām' - ungewöhnliche Übertragung des menschlichen Kastensystems auf die Götter; wörtlich übersetzt.]
Brahmā sprach: Darauf, von Rudra von unermesslicher Glut verwünscht, gab Dakṣa seinen dem Svāyaṃbhuva-Zeitalter angehörenden Körper auf und wurde hier unter den Menschen geboren.
Solange der Herr im jeweiligen Manvantara Bestand wünscht, bleibt sie ihm treu, wie die Göttin Aditi dem Kaśyapa, dem Sohn des Marīci, treu ergeben ist.
Wort für Wort
yāvat icchati saṃsthānam prabhuḥ manvantareṣu iha
solange der Herr in den Manvantaras hier Bestand wünscht
Als Enkel des Prācīnabarhis und Sohn der Pracetas-Brüder, von den zehn Pracetas mit Māriṣā gezeugt, wiederum, o König -
Wort für Wort
prācīnabarhiṣaḥ pautraḥ
Enkel des Prācīnabarhis
putraḥ ca api pracetasām
und auch Sohn der Pracetas
daśabhyaḥ tu pracetobhyaḥ māriṣāyām
von den zehn Pracetas mit Māriṣā
punaḥ nṛpa
wiederum, o König
[Anm.: Die Anrede 'nṛpa' ('o König') ist innerhalb der Rahmenerzählung ungewöhnlich, da die Zuhörer eigentlich Weise ('munayaḥ') sind - möglicherweise generische Anrede oder Inkonsistenz der Quelle.]
jajñe rudrābhiśāpena dvitīyam iti naḥ śrutam / bhṛgvādayas tu te sarve jajñire vai maharṣayaḥ //
- wurde er, durch Rudras Fluch, ein zweites Mal geboren, so haben wir gehört; und Bhṛgu und die anderen, alle jene großen Weisen, wurden ebenfalls wiederum geboren.
Wort für Wort
jajñe rudrābhiśāpena dvitīyam
er wurde durch Rudras Fluch ein zweites Mal geboren
iti naḥ śrutam
so haben wir gehört
bhṛgvādayaḥ tu te sarve maharṣayaḥ
und Bhṛgu und die anderen, alle jene großen Weisen
ity eṣo 'nuśayo hy āsīt tayor jātyantare gataḥ / prajāpateś ca dakṣasya tryambakasya ca dhīmataḥ //
So bestand fürwahr diese gegenseitige Feindschaft zwischen jenen beiden, dem Prajāpati Dakṣa und dem weisen Dreiäugigen, fortbestehend über die Wiedergeburt hinweg.
Wort für Wort
iti eṣaḥ anuśayaḥ hi āsīt
so bestand fürwahr diese gegenseitige Feindschaft
tayoḥ jātyantare gataḥ
zwischen den beiden, über die Wiedergeburt hinweg fortbestehend
tasmān nānuśayaḥ kāryo vareṣv iha kadācana / jātyantaragatasyāpi bhāvitasya śubhāśubhaiḥ / jantor na bhūtaye khyātis tan na kāryaṃ vijānatā //
Deshalb sollte man niemals bei der Gewährung von Segensgaben Groll hegen; denn auch für ein Wesen, das durch Wiedergeburt hindurchgegangen und von Gutem und Schlechtem geprägt ist, gereicht Ruhm nicht zum Wohlergehen - das sollte der Wissende nicht tun.
Wort für Wort
tasmāt na anuśayaḥ kāryaḥ vareṣu iha kadācana
deshalb sollte man niemals bei Segensgaben Groll hegen
jātyantaragatasya api bhāvitasya śubhāśubhaiḥ
auch für ein durch Wiedergeburt gegangenes, von Gutem und Schlechtem geprägtes (Wesen)
jantoḥ na bhūtaye khyātiḥ [?]
gereicht Ruhm nicht zum Wohlergehen des Wesens [?]
tat na kāryam vijānatā
das sollte der Wissende nicht tun
[?: Genaue Konstruktion von 'na bhūtaye khyātiḥ' unklar; sinngemäß als moralischer Schluss übersetzt - dreizeiliger Vers, s. Anm. zu V.13.]
Die Weisen sprachen: Wie wurde sie, die einst aus Zorn ihren Leib aufgegeben hatte, Satī, die Tochter Dakṣas, wieder im Haus des Bergkönigs geboren, o Herr?
Einst fragte Himavat den aus seinem eigenen Haus angekommenen Kaśyapa, den besten der Zweibeiner, nach einem heilsamen Verhalten, das in der Welt Ruhm verschafft.
Wort für Wort
kadācit svagṛhāt prāptam kaśyapam
einst den aus seinem eigenen Haus angekommenen Kaśyapa
dvipadām varam
den besten der Zweibeiner
apṛcchat himavān
fragte Himavat
vṛttam loke khyātikaram hitam
nach einem in der Welt Ruhm verschaffenden, heilsamen Verhalten
Kaśyapa sprach: Durch Nachkommenschaft, o Starkarmiger, wird all dies erlangt; mein eigener Ruhm beruht auf Nachkommenschaft, zusammen mit Brahman und den Weisen.
Unterhalb davon hörte ich einen schmerzlichen Klageschrei an einer Grubenstelle; diesen erkannte ich durch meine Askesekraft und blieb eben dort unsichtbar stehen.
{dvija uvāca:} ke yūyaṃ vīraṇastambe lambamānā hy adhomukhāḥ / duḥkhitāḥ kena mokṣaś ca yuṣmākaṃ bhavitānaghāḥ //
Der Zweifachgeborene sprach: Wer seid ihr, die ihr am Vīraṇa-Grasbüschel hängt, mit nach unten gewandtem Gesicht, leidend? Und wodurch wird eure Befreiung geschehen, ihr Sündenlosen?
Wort für Wort
ke yūyam vīraṇastambe lambamānāḥ
wer seid ihr, die am Vīraṇa-Grasbüschel hängen
hi adhomukhāḥ duḥkhitāḥ
mit nach unten gewandtem Gesicht, leidend
kena mokṣaḥ ca yuṣmākam bhavitā anaghāḥ
wodurch wird eure Befreiung geschehen, ihr Sündenlosen
{pitara ūcuḥ:} vayaṃ te kṛtapuṇyasya pitaraḥ sapitāmahāḥ / prapitāmahāś ca kliśyāmas tava duṣṭena karmaṇā //
Die Ahnen sprachen: Wir sind die Väter, Großväter und Urgroßväter von dir; wir leiden durch dein schlechtes Verhalten.
Wort für Wort
vayam te kṛtapuṇyasya [?]
wir sind von dir, dem Verdienstvollen [?]
pitaraḥ sapitāmahāḥ
die Väter und Großväter
prapitāmahāḥ ca kliśyāmaḥ
und Urgroßväter, wir leiden
tava duṣṭena karmaṇā
durch dein schlechtes Verhalten
[?: 'kṛtapuṇyasya' ('von dir, der du gute Taten vollbracht hast/vollbringen solltest') unklar bezogen - evtl. bedingt-ermahnend gemeint, da die Ahnen im Folgenden gerade seine Kinderlosigkeit beklagen.]
nānyena tapasā putra tīrthānāṃ ca phalena ca / etat kuru mahābuddhe tārayasva pitṝn bhayāt //
Nicht durch andere Askese, o Sohn, noch durch die Frucht von Pilgerfahrten (ist Befreiung möglich); tu dies, o Großweiser, errette die Ahnen aus dieser Furcht.
{kaśyapa uvāca:} sa tatheti pratijñāya ārādhya vṛṣabhadhvajam / pitṝn gartāt samuddhṛtya gaṇapān pracakāra ha //
Kaśyapa sprach: Jener, 'So sei es' versprechend, verehrte den mit dem Stier im Banner und zog, nachdem er die Ahnen aus der Grube gerettet hatte, sie zu Gaṇa-Herren.
{brahmovāca:} sa evam uktvā ṛṣiṇā śailendro niyamasthitaḥ / tapaś cakārāpy atulaṃ yena tuṣṭir abhūn mama //
Brahmā sprach: So von dem Weisen angesprochen, übte der Bergkönig, in Gelübden verharrend, eine unvergleichliche Askese, durch die mir Zufriedenheit zuteilwurde.
Da erschien ich ihm plötzlich und sprach: 'Ich bin bereit, einen Segen zu gewähren; sprich, ich bin zufrieden, o Herr der Berge, durch diese deine Askese, o Guttugendhafter.'
Wort für Wort
tadā tam utpapāta aham
da erschien ich ihm plötzlich
varadaḥ asmi iti ca abravam
und sprach: 'ich bin bereit, einen Segen zu gewähren'
Himavat sprach: O Erhabener, ich wünsche mir einen mit allen Tugenden geschmückten Sohn; gewähre mir diesen Segen, wenn du zufrieden mit mir bist, o Herr.
'Eine Tochter wird dir, o Herr der Berge, durch diese Askese entstehen, o Guttugendhafter, durch deren Macht du überall schönen Ruhm erlangen wirst.'
Wort für Wort
kanyā bhavitrī śailendra
eine Tochter wird entstehen, o Herr der Berge
tapasā anena suvrata
durch diese Askese, o Guttugendhafter
yasyāḥ prabhāvāt sarvatra
durch deren Macht überall
kīrtim āpsyasi śobhanām
wirst du schönen Ruhm erlangen
[Anm.: Vgl. V.76 - Himavat erbittet einen 'Sohn' (putram), erhält aber eine 'Tochter' (kanyā); im Sanskrit-Original nicht harmonisiert, hier wörtlich ohne Glättung wiedergegeben.]
nyagrodham ekaparṇaṃ tu pāṭalaṃ caikapāṭalām / aśitvā tv ekaparṇāṃ tu aniketas tapo 'carat //
Aparṇā aber, ohne auch nur ein einziges Nyagrodha-Blatt oder ein Pāṭala-Blatt zu essen - wonach ihre Schwestern 'Ekaparṇā' (die mit einem Blatt) und 'Ekapāṭalā' (die mit einer Pāṭala-Blüte) genannt wurden -, übte, nichts essend, obdachlos ihre Askese.
Wort für Wort
nyagrodham ekaparṇam tu
ein Nyagrodha-Blatt aber (aß) Ekaparṇā
pāṭalam ca ekapāṭalām
ein Pāṭala-Blatt aber Ekapāṭalā
aśitvā tu ekaparṇām tu [?]
ohne zu essen, auch nicht ein Blatt [?]
aniketaḥ tapaḥ acarat
übte sie obdachlos Askese
[?: Vers stark verdichtet/etymologisierend (Erklärung der Namen 'Ekaparṇā'/'Ekapāṭalā' über das jeweils gegessene einzelne Blatt, während Aparṇā - 'die Blattlose' - überhaupt nichts isst); Syntax unsicher, sinngemäß rekonstruiert.]
Hundert Jahrtausende lang, eine Askese schwer auszuführen selbst für Götter und Dānavas, übte Ekaparṇā ihre Buße, indem sie sich von einem einzigen Blatt ernährte.
aparṇā tu nirāhārā tāṃ mātā pratyabhāṣata / niṣedhayantī co meti mātṛsnehena duḥkhitā //
Aparṇā aber, ohne jegliche Nahrung - zu ihr sprach die Mutter, sie mit mütterlicher Zuneigung bekümmert davon abhaltend: 'U mā!' ('Nicht so!')
Wort für Wort
aparṇā tu nirāhārā
Aparṇā aber ohne jegliche Nahrung
tām mātā pratyabhāṣata
zu ihr sprach die Mutter
niṣedhayantī ca u mā iti
abhaltend mit 'u mā' ('nicht so')
mātṛsnehena duḥkhitā
von mütterlicher Zuneigung bekümmert
[Anm.: Dies ist die bekannte Volksetymologie des Namens 'Umā' - das von der Mutter Menā ausgerufene 'u mā' ('oh, nicht [so]!'), das der Göttin ihren berühmtesten Namen gab.]
Sie, so von ihrer Mutter angesprochen, die Göttin, die schwer auszuführende Askese Übende, wurde eben unter jenem Namen (Umā) in den Welten berühmt, von den Göttern verehrt.
Wort für Wort
sā tathā uktā tayā mātrā
sie, so von ihrer Mutter angesprochen
devī duścaracāriṇī
die Göttin, die schwere Askese Übende
tena eva nāmnā lokeṣu vikhyātā
wurde eben unter jenem Namen in den Welten berühmt
tasyāś ca śaṅkhalikhitau smṛtau putrāv ayonijau / umā tu yā mayā tubhyaṃ kīrtitā varavarṇinī //
Und von ihr werden Śaṅkha und Likhita als ihre nicht aus einem Mutterschoß geborenen Söhne überliefert. Umā aber, die von schöner Gestalt, ist die, die ich dir genannt habe.
sa devadevaḥ parameśvaraḥ svayaṃ / svayaṃbhur āyāsyati devi te 'ntikam / udārarūpo vikṛtādirūpaḥ / samānarūpo 'pi na yasya kasyacit //
'Jener Gott der Götter, der höchste Herr, der Selbstentstandene, wird selbst, o Göttin, zu dir kommen - von erhabener Gestalt, doch auch von entstellter Uranfangsgestalt, dessen Gestalt keinem anderen gleicht.'
Wort für Wort
saḥ devadevaḥ parameśvaraḥ svayam
jener Gott der Götter, der höchste Herr, selbst
svayaṃbhūḥ āyāsyati devi te antikam
der Selbstentstandene wird zu dir kommen, o Göttin
udārarūpaḥ vikṛtādirūpaḥ
von erhabener Gestalt, von entstellter Uranfangsgestalt
samānarūpaḥ api na yasya kasyacit
dessen Gestalt keinem irgendeinem anderen gleicht
[Anm.: Vers in vierzeiliger Anordnung (Pāda a-d) statt der zweizeiligen Form - Wechsel des Versmaßes, wie bei den abschließenden Versen früherer Kapitel (vgl. Kap.28 v.65, Kap.32 v.108, Kap.33 v.22f./47ff.).]
'Maheśvara, der Bergwelt-Bewohner, der Herr des Beweglichen und Unbeweglichen, der Erste, der Unermessliche - der, ohne den Mond als Diadem, dessen Glanz dem Indra gleicht, gleichsam eine schreckenerregende Gestalt angenommen hat.'
Wort für Wort
maheśvaraḥ parvatalokavāsī
Maheśvara, der Bergwelt-Bewohner
carācareśaḥ prathamaḥ aprameyaḥ
der Herr des Beweglichen und Unbeweglichen, der Erste, der Unermessliche
vinā indunā hi indrasamānavarcasā [?]
ohne den Mond, dessen Glanz dem Indra gleicht [?]
vibhīṣaṇam rūpam iva āsthitaḥ yaḥ
der gleichsam eine schreckenerregende Gestalt angenommen hat
[?: Syntax kompakt/unklar, insbesondere 'vinendunā hīndrasamānavarcasā'; sinngemäß als Beschreibung einer wechselnden, ohne den Mondschmuck schreckenerregend wirkenden Erscheinungsform Śivas gedeutet.]