Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 56: puruṣottamamāhātmyopadeśavarṇanam Puruṣottamas große Selbstoffenbarungsrede an Mārkaṇḍeya und die Stiftung des Śiva-Tempels

Der göttliche Knabe gewährt Mārkaṇḍeya eine ausführliche Lehrrede: die Etymologie des Namens Nārāyaṇa, eine lange Identifikationsreihe (er ist alle Götter, Elemente, Stände, Veden, Leidenschaften), die Lehre von den vier Weltzeitaltern und ihren Farben, der berühmte, fast wörtlich mit der Bhagavadgītā übereinstimmende Avatāra-Vers ('wann immer der Dharma schwindet...'), sowie eine Erklärung seines Schlafzustands während des Pralaya. Zum Abschluss gewährt er Mārkaṇḍeya langes Leben; dieser bittet um die Erlaubnis, im Puruṣottama-Gebiet einen Śiva-Tempel zu errichten, woraufhin der Gott die Wesensidentität von Viṣṇu und Śiva (Hari-Hara-Abheda) lehrt und die Gründung des Tīrtha 'Mārkaṇḍeya-Hrada' verheißt, bevor er verschwindet.

itthaṃ stutas tadā tena mārkaṇḍeyena bho dvijāḥ / prītaḥ provāca bhagavān meghagambhīrayā girā //

So gepriesen von jenem Mārkaṇḍeya, oh Brahmanen, sprach der erfreute Erhabene da mit einer Stimme, tief wie [das Grollen von] Wolken.

Wort für Wort
itthaṃ stutaḥ
so gepriesen
tadā tena mārkaṇḍeyena
da von jenem Mārkaṇḍeya
bho dvijāḥ
oh Brahmanen
prītaḥ
erfreut
provāca
sprach
bhagavān
der Erhabene
meghagambhīrayā girā
mit einer Stimme, tief wie Wolken

[Anm.: Sprecher-Tag {brahmovāca:} vor diesem Vers (Ende Kap.55). Beginn der großen Offenbarungsrede Bhagavāns an Mārkaṇḍeya.]

brūhi kāmaṃ muniśreṣṭha yat te manasi vartate / dadāmi sarvaṃ viprarṣe matto yad abhivāñchasi //

'Sprich nach Belieben, oh bester der Munis, was in deinem Sinn ist; ich gebe alles, oh Weiser unter den Brahmanen, was du von mir begehrst.'

Wort für Wort
brūhi kāmam
sprich nach Belieben
muniśreṣṭha
oh bester der Munis
yat te manasi vartate
was in deinem Sinn ist
dadāmi sarvam
ich gebe alles
viprarṣe
oh Weiser unter den Brahmanen
mattaḥ
von mir
yat abhivāñchasi
was du begehrst

[Anm.: Sprecherwechsel — {śrībhagavān uvāca:}.]

śrutvā sa vacanaṃ viprāḥ śiśos tasya mahātmanaḥ / uvāca paramaprīto munis tadgatamānasaḥ //

Nachdem er das Wort jenes hochherzigen Knaben gehört hatte, oh Brahmanen, sprach der Muni, höchst erfreut, dessen Geist darauf gerichtet, [Folgendes]:

Wort für Wort
śrutvā
gehört habend
sa
er
vacanaṃ viprāḥ
das Wort, oh Brahmanen
śiśoḥ tasya mahātmanaḥ
jenes hochherzigen Knaben
uvāca
sprach
paramaprītaḥ
höchst erfreut
muniḥ
der Muni
tadgatamānasaḥ
dessen Geist darauf gerichtet

[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}.]

jñātum icchāmi deva tvāṃ māyāṃ vai tava cottamām / tvatprasādāc ca deveśa smṛtir na parihīyate //

'Ich möchte dich erkennen, Gott, und fürwahr auch deine höchste Māyā; und durch deine Gnade, Herr der Götter, soll [meine] Erinnerung nicht verloren gehen.'

Wort für Wort
jñātum icchāmi
ich möchte erkennen
deva
Gott
tvām
dich
māyāṃ vai tava ca uttamām
und fürwahr auch deine höchste Māyā
tvatprasādāt ca
und durch deine Gnade
deveśa
Herr der Götter
smṛtiḥ na parihīyate
die Erinnerung soll nicht verloren gehen

[Anm.: Sprecherwechsel — {mārkaṇḍeya uvāca:}.]

drutam antaḥ śarīreṇa satataṃ paryavartitam / icchāmi puṇḍarīkākṣa jñātuṃ tvām aham avyayam //

'Ich möchte, oh Lotusäugiger, dich, den Unvergänglichen, erkennen — [dich, der du] rasch, im Inneren mit [meinem eigenen] Körper, beständig durchwandert wurdest.' [?]

Wort für Wort
drutam
rasch
antaḥ śarīreṇa
im Inneren mit [meinem] Körper
satatam paryavartitam
beständig durchwandert
icchāmi
ich möchte
puṇḍarīkākṣa
oh Lotusäugiger
jñātum
erkennen
tvām aham avyayam
dich, den Unvergänglichen, ich

[?: Vers syntaktisch schwer aufzulösen; wörtlich 'rasch, im Inneren mit dem Körper beständig durchwandert' – bezieht sich vermutlich auf das in Kap.54 durchwanderte Universum im Inneren des Gottes, hier sinngemäß eingeordnet.]

iha bhūtvā śiśuḥ sākṣāt kiṃ bhavān avatiṣṭhate / pītvā jagad idaṃ sarvam etad ākhyātum arhasi //

'Warum verweilst du, hier leibhaftig als Knabe geworden, [so]? Nachdem du diese ganze Welt verschluckt hast — dies mögest du erklären.'

Wort für Wort
iha bhūtvā śiśuḥ sākṣāt
hier leibhaftig als Knabe geworden
kim
warum
bhavān avatiṣṭhate
verweilst du, Herr
pītvā
verschluckt habend
jagad idaṃ sarvam
diese ganze Welt
etat ākhyātum arhasi
dies mögest du erklären

kimarthaṃ ca jagat sarvaṃ śarīrasthaṃ tavānagha / kiyantaṃ ca tvayā kālam iha stheyam ariṃdama //

'Und wozu ist die ganze Welt in deinem Körper befindlich, Makelloser? Und wie lange muss hier von dir verweilt werden, oh Feindebezwinger?'

Wort für Wort
kimartham ca
und wozu
jagat sarvam
die ganze Welt
śarīrastham tava
in deinem Körper befindlich
anagha
oh Makelloser
kiyantam ca kālam
und wie lange
tvayā
von dir
iha stheyam
muss hier verweilt werden
ariṃdama
oh Feindebezwinger

jñātum icchāmi deveśa brūhi sarvam aśeṣataḥ / tvattaḥ kamalapattrākṣa vistareṇa yathātatham / mahad etad acintyaṃ ca yad ahaṃ dṛṣṭavān prabho //

'Ich möchte [dies] erkennen, Herr der Götter; erzähle mir alles vollständig, von dir, Lotusblatt-Äugiger, ausführlich und wahrheitsgetreu — dies Gewaltige und Unfassliche, das ich gesehen habe, Gebieter.'

Wort für Wort
jñātum icchāmi
ich möchte erkennen
deveśa
Herr der Götter
brūhi sarvam aśeṣataḥ
erzähle alles vollständig
tvattaḥ
von dir
kamalapattrākṣa
oh Lotusblatt-Äugiger
vistareṇa yathātatham
ausführlich und wahrheitsgetreu
mahat etat acintyaṃ ca
dies Gewaltige und Unfassliche
yat aham dṛṣṭavān
das ich gesehen habe
prabho
Gebieter

[Anm.: Vers besteht ungewöhnlich aus drei Halbversen (sechs Pādas); unverändert belassen.]

ity uktaḥ sa tadā tena devadevo mahādyutiḥ / sāntvayan sa tadā vākyam uvāca vadatāṃ varaḥ //

So angesprochen von jenem, sprach da der Gott der Götter, von großem Glanz, ihn beruhigend, das Wort — er, der beste der Redner.

Wort für Wort
iti uktaḥ
so angesprochen
sa tadā tena
er da von jenem
devadevaḥ mahādyutiḥ
der Gott der Götter, von großem Glanz
sāntvayan
beruhigend
sa tadā vākyam uvāca
er sprach da das Wort
vadatāṃ varaḥ
der beste der Redner

[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}.]

kāmaṃ devāś ca māṃ vipra nahi jānanti tattvataḥ / tava prītyā pravakṣyāmi yathedaṃ visṛjāmy aham //

'Fürwahr, selbst die Götter, oh Brahmane, kennen mich nicht der Wahrheit nach; aus Zuneigung zu dir will ich [dir] erklären, wie ich dies [Universum] erschaffe.'

Wort für Wort
kāmam
fürwahr, gewiss
devāḥ ca
selbst die Götter
mām
mich
vipra
oh Brahmane
nahi jānanti tattvataḥ
kennen nicht der Wahrheit nach
tava prītyā
aus Zuneigung zu dir
pravakṣyāmi
ich will erklären
yathā idaṃ visṛjāmi aham
wie ich dies erschaffe

[Anm.: Sprecherwechsel — {śrībhagavān uvāca:}. Beginn der großen Selbstoffenbarungsrede.]

pitṛbhakto 'si viprarṣe mām eva śaraṇaṃ gataḥ / tato dṛṣṭo 'smi te sākṣād brahmacaryaṃ ca te mahat //

'Du bist ein Verehrer der Ahnen, oh Weiser unter den Brahmanen, [und] bist zu mir allein als Zuflucht gegangen; deshalb bin ich dir leibhaftig sichtbar geworden, und [auch weil] dein Brahmacarya-Gelübde groß ist.'

Wort für Wort
pitṛbhaktaḥ asi
du bist ein Verehrer der Ahnen
viprarṣe
oh Weiser unter den Brahmanen
mām eva śaraṇaṃ gataḥ
zu mir allein als Zuflucht gegangen
tataḥ dṛṣṭaḥ asmi te sākṣāt
deshalb bin ich dir leibhaftig sichtbar geworden
brahmacaryaṃ ca te mahat
und dein Brahmacarya-Gelübde ist groß

āpo nārā iti purā saṃjñākarma kṛtaṃ mayā / tena nārāyaṇo 'smy ukto mama tās tv ayanaṃ sadā //

'Einst wurde von mir die Namensgebung vollzogen, dass die Gewässer „Nārāḥ“ [heißen]; deshalb werde ich „Nārāyaṇa“ genannt, denn jene [Gewässer] sind stets mein Wohnsitz.'

Wort für Wort
āpaḥ nārāḥ iti
dass die Gewässer 'Nārāḥ' heißen
purā
einst
saṃjñākarma kṛtaṃ mayā
wurde von mir die Namensgebung vollzogen
tena
deshalb
nārāyaṇaḥ asmi uktaḥ
werde ich 'Nārāyaṇa' genannt
mama tāḥ tu ayanaṃ sadā
jene [Gewässer] sind stets mein Wohnsitz

[Anm.: Klassische purāṇische Etymologie des Namens Nārāyaṇa (āpo nārāḥ – 'die Gewässer sind Nārāḥ' – + ayana, 'Wohnsitz').]

ahaṃ nārāyaṇo nāma prabhavaḥ śāśvato 'vyayaḥ / vidhātā sarvabhūtānāṃ saṃhartā ca dvijottama //

'Ich bin, mit Namen Nārāyaṇa, der Ursprung, der Ewige, der Unvergängliche, der Ordner aller Wesen und [ihr] Zerstörer, oh bester der Brahmanen.'

Wort für Wort
aham nārāyaṇaḥ nāma
ich bin, mit Namen Nārāyaṇa
prabhavaḥ
der Ursprung
śāśvataḥ
der Ewige
avyayaḥ
der Unvergängliche
vidhātā sarvabhūtānām
der Ordner aller Wesen
saṃhartā ca
und der Zerstörer
dvijottama
oh bester der Brahmanen

ahaṃ viṣṇur ahaṃ brahmā śakraś cāpi surādhipaḥ / ahaṃ vaiśravaṇo rājā yamaḥ pretādhipas tathā //

'Ich bin Viṣṇu, ich bin Brahmā, und auch Śakra, der Herr der Götter; ich bin König Vaiśravaṇa, und ebenso Yama, der Herr der Verstorbenen.'

Wort für Wort
aham viṣṇuḥ
ich bin Viṣṇu
aham brahmā
ich bin Brahmā
śakraḥ ca api surādhipaḥ
und auch Śakra, der Herr der Götter
aham vaiśravaṇaḥ rājā
ich bin König Vaiśravaṇa
yamaḥ pretādhipaḥ tathā
und ebenso Yama, der Herr der Verstorbenen

[Anm.: Beginn der langen Identifikationsreihe, in der Puruṣottama sich mit allen Göttern, Elementen, Ständen und Prinzipien gleichsetzt.]

ahaṃ śivaś ca somaś ca kaśyapaś ca prajāpatiḥ / ahaṃ dhātā vidhātā ca yajñaś cāhaṃ dvijottama //

'Ich bin Śiva und Soma und Kaśyapa, der Herr der Geschöpfe; ich bin der Schöpfer und Ordner, und ich bin das Opfer, oh bester der Brahmanen.'

Wort für Wort
aham śivaḥ ca
ich bin Śiva
somaḥ ca
und Soma
kaśyapaḥ ca prajāpatiḥ
und Kaśyapa, der Prajāpati
aham dhātā
ich bin der Schöpfer
vidhātā ca
und der Ordner
yajñaḥ ca aham
und ich bin das Opfer
dvijottama
oh bester der Brahmanen

agnir āsyaṃ kṣitiḥ pādau candrādityau ca locane / dyaur mūrdhā khaṃ diśaḥ śrotre tathāpaḥ svedasaṃbhavāḥ //

'Feuer ist [mein] Mund, die Erde [meine] Füße, Mond und Sonne [meine] Augen; der Himmel [mein] Haupt, Äther und Himmelsrichtungen [meine] Ohren, und ebenso die Gewässer, aus [meinem] Schweiß entstanden.'

Wort für Wort
agniḥ āsyam
Feuer [ist mein] Mund
kṣitiḥ pādau
die Erde [meine] Füße
candrādityau ca locane
Mond und Sonne [meine] Augen
dyauḥ mūrdhā
der Himmel [mein] Haupt
khaṃ diśaḥ śrotre
Äther [und] Himmelsrichtungen [meine] Ohren
tathā āpaḥ svedasaṃbhavāḥ
und ebenso die Gewässer, aus [meinem] Schweiß entstanden

[Anm.: Kosmischer Puruṣa-Leib in der Tradition des Ṛgveda-Puruṣasūkta und der Viśvarūpa-Schilderungen.]

sadiśaṃ ca nabhaḥ kāyo vāyur manasi me sthitaḥ / mayā kratuśatair iṣṭaṃ bahubhiś cāptadakṣiṇaiḥ //

'Der Himmel samt den Richtungen ist [mein] Körper, der Wind ist in meinem Geist verankert; von mir wurde mit hunderten von Opfern geopfert, mit vielen, reich an Priestergaben.'

Wort für Wort
sadiśam ca nabhaḥ kāyaḥ
der Himmel samt den Richtungen ist [mein] Körper
vāyuḥ manasi me sthitaḥ
der Wind ist in meinem Geist verankert
mayā kratuśataiḥ iṣṭam
von mir wurde mit hunderten von Opfern geopfert
bahubhiḥ ca āptadakṣiṇaiḥ
mit vielen, reich an Priestergaben

yajante vedaviduṣo māṃ devayajane sthitam / pṛthivyāṃ kṣatriyendrāś ca pārthivāḥ svargakāṅkṣiṇaḥ //

'Mich, im Opferort weilend, verehren die Kenner der Veden; auf der Erde [verehren mich] die Fürsten unter den Kṣatriyas und die Herrscher, die den Himmel begehren.'

Wort für Wort
yajante
sie verehren
vedaviduṣaḥ
die Kenner der Veden
mām devayajane sthitam
mich, im Opferort weilend
pṛthivyām
auf der Erde
kṣatriyendrāḥ ca
und die Fürsten unter den Kṣatriyas
pārthivāḥ svargakāṅkṣiṇaḥ
die Herrscher, die den Himmel begehren

yajante māṃ tathā vaiśyāḥ svargalokajigīṣavaḥ / catuḥsamudraparyantāṃ merumandarabhūṣaṇām //

'Mich verehren ebenso die Vaiśyas, die die Himmelswelt zu gewinnen suchen; [ich trage] die von den vier Ozeanen begrenzte, mit Meru und Mandara geschmückte [Erde] —

Wort für Wort
yajante mām tathā vaiśyāḥ
mich verehren ebenso die Vaiśyas
svargalokajigīṣavaḥ
die die Himmelswelt zu gewinnen suchen
catuḥsamudraparyantām
die von den vier Ozeanen begrenzte [Erde]
merumandarabhūṣaṇām
mit Meru und Mandara geschmückte

śeṣo bhūtvāham eko hi dhārayāmi vasuṃdharām / vārāhaṃ rūpam āsthāya mameyaṃ jagatī purā //

— als [die Weltschlange] Śeṣa geworden, trage ich allein die Erde; nachdem ich die Eber-Gestalt (Varāha) angenommen hatte, [wurde] diese Welt einst von mir —

Wort für Wort
śeṣaḥ bhūtvā
als Śeṣa geworden
aham ekaḥ hi dhārayāmi
ich allein trage
vasuṃdharām
die Erde
vārāhaṃ rūpam āsthāya
die Eber-Gestalt angenommen habend
mama iyaṃ jagatī purā
diese Welt einst von mir

majjamānā jale vipra vīryeṇāsmi samuddhṛtā / agniś ca vāḍavo vipra bhūtvāhaṃ dvijasattama //

— als sie im Wasser versank, oh Brahmane, wurde sie durch [meine] Kraft von mir emporgehoben; und als das Vaḍava-Unterwasserfeuer geworden, oh Brahmane, oh bester der Zweifachgeborenen —

Wort für Wort
majjamānā jale
als sie im Wasser versank
vipra
oh Brahmane
vīryeṇa asmi samuddhṛtā
wurde sie durch [meine] Kraft emporgehoben
agniḥ ca vāḍavaḥ
und das Vaḍava-Feuer
vipra
oh Brahmane
bhūtvā aham
geworden ich
dvijasattama
oh bester der Zweifachgeborenen

pibāmy apaḥ samāviṣṭas tāś caiva visṛjāmy aham / brahma vaktraṃ bhujau kṣatram ūrū me saṃśritā viśaḥ //

— trinke ich, [in es] eingegangen, die Gewässer, und ebendiese entlasse ich wieder. [Der] Brahmanenstand [ist mein] Mund, [meine beiden] Arme der Kriegerstand, an meinen Schenkeln sind die Vaiśyas verankert.

Wort für Wort
pibāmi apaḥ
ich trinke die Gewässer
samāviṣṭaḥ
eingegangen
tāḥ ca eva visṛjāmi aham
und ebendiese entlasse ich
brahma vaktram
der Brahmanenstand [ist mein] Mund
bhujau kṣatram
[meine] Arme [sind] der Kriegerstand
ūrū me saṃśritā viśaḥ
an meinen Schenkeln sind die Vaiśyas verankert

[Anm.: Anklang an die Puruṣasūkta-Ständelehre (Brahmane=Mund, Kṣatriya=Arme, Vaiśya=Schenkel, Śūdra=Füße), hier in V22-23.]

pādau śūdrā bhavantīme vikrameṇa krameṇa ca / ṛgvedaḥ sāmavedaś ca yajurvedas tv atharvaṇaḥ //

'[Meine] Füße hier sind die Śūdras, durch Schrittfolge und Ordnung; der Ṛgveda, Sāmaveda, Yajurveda und der Atharva[-veda] —

Wort für Wort
pādau śūdrā bhavanti ime
[meine] Füße hier sind die Śūdras
vikrameṇa krameṇa ca
durch Schrittfolge und Ordnung
ṛgvedaḥ sāmavedaḥ ca
der Ṛgveda und Sāmaveda
yajurvedaḥ tu atharvaṇaḥ
und der Yajurveda, sowie der Atharvaveda

mattaḥ prādurbhavanty ete mām eva praviśanti ca / yatayaḥ śāntiparamā yatātmāno bubhutsavaḥ //

— diese entstehen von mir, und in mich ebenso gehen sie [wieder] ein. Die Asketen, denen Frieden das Höchste ist, deren Selbst gezügelt ist, die nach Wissen streben,

Wort für Wort
mattaḥ prādurbhavanti ete
diese entstehen von mir
mām eva praviśanti ca
und in mich ebenso gehen sie ein
yatayaḥ śāntiparamāḥ
die Asketen, denen Frieden das Höchste ist
yatātmānaḥ
deren Selbst gezügelt ist
bubhutsavaḥ
die nach Wissen streben

kāmakrodhadveṣamuktā niḥsaṅgā vītakalmaṣāḥ / sattvasthā nirahaṃkārā nityam adhyātmakovidāḥ //

— frei von Begierde, Zorn und Hass, ungebunden, von Verfehlung befreit, in Sattva verankert, ohne Ich-Bewusstsein, stets kundig hinsichtlich des Selbst,

Wort für Wort
kāmakrodhadveṣamuktāḥ
frei von Begierde, Zorn und Hass
niḥsaṅgāḥ
ungebunden
vītakalmaṣāḥ
von Verfehlung befreit
sattvasthāḥ
in Sattva verankert
nirahaṃkārāḥ
ohne Ich-Bewusstsein
nityam adhyātmakovidāḥ
stets kundig hinsichtlich des Selbst

mām eva satataṃ viprāś cintayanta upāsate / ahaṃ saṃvartako jyotir ahaṃ saṃvartako 'nalaḥ //

— verehren mich, oh Brahmanen, stets, an mich denkend. Ich bin das Saṃvartaka-Licht, ich bin das Saṃvartaka-Feuer.

Wort für Wort
mām eva satatam
mich stets
viprāḥ
oh Brahmanen
cintayantaḥ upāsate
an [mich] denkend verehren sie
aham saṃvartakaḥ jyotiḥ
ich bin das Saṃvartaka-Licht
aham saṃvartakaḥ analaḥ
ich bin das Saṃvartaka-Feuer

ahaṃ saṃvartakaḥ sūryas tv ahaṃ saṃvartako 'nilaḥ / tārārūpāṇi dṛśyante yāny etāni nabhastale //

'Ich bin die Saṃvartaka-Sonne, und ich bin der Saṃvartaka-Wind. Diese Sternformen, die am Himmelsgewölbe erscheinen —

Wort für Wort
aham saṃvartakaḥ sūryaḥ
ich bin die Saṃvartaka-Sonne
tu aham saṃvartakaḥ anilaḥ
und ich bin der Saṃvartaka-Wind
tārārūpāṇi dṛśyante
die Sternformen erscheinen
yāni etāni nabhastale
die, welche am Himmelsgewölbe

mama vai romakūpāṇi viddhi tvaṃ dvijasattama / ratnākarāḥ samudrāś ca sarva eva caturdiśaḥ //

— das wisse, sind fürwahr meine Poren, oh bester der Brahmanen. Die Edelsteinminen und Ozeane, alle in den vier Himmelsrichtungen —

Wort für Wort
mama vai romakūpāṇi
fürwahr meine Poren
viddhi tvam
das wisse du
dvijasattama
oh bester der Brahmanen
ratnākarāḥ samudrāḥ ca
die Edelsteinminen und Ozeane
sarva eva caturdiśaḥ
alle in den vier Himmelsrichtungen

vasanaṃ śayanaṃ caiva nilayaṃ caiva viddhi me / kāmaḥ krodhaś ca harṣaś ca bhayaṃ mohas tathaiva ca //

— das wisse als mein Gewand, mein Ruhelager und meine Wohnstatt. Begierde, Zorn, Freude, Furcht, und ebenso Verblendung —

Wort für Wort
vasanam śayanam ca eva
[mein] Gewand und ebenso Ruhelager
nilayam ca eva viddhi me
und wisse auch [meine] Wohnstatt
kāmaḥ krodhaḥ ca
Begierde, Zorn
harṣaḥ ca bhayam
Freude und Furcht
mohaḥ tathā eva ca
und ebenso Verblendung

mamaiva viddhi rūpāṇi sarvāṇy etāni sattama / prāpnuvanti narā vipra yat kṛtvā karma śobhanam //

— all diese, das wisse, sind meine Gestalten, oh Bester. Was Menschen erlangen, oh Brahmane, indem sie gute Werke tun,

Wort für Wort
mama eva viddhi rūpāṇi
wisse, dass [dies] meine Gestalten sind
sarvāṇi etāni
all diese
sattama
oh Bester
prāpnuvanti narāḥ
die Menschen erlangen
vipra
oh Brahmane
yat kṛtvā karma śobhanam
indem sie gute Werke getan haben

satyaṃ dānaṃ tapaś cogram ahiṃsāṃ sarvajantuṣu / madvidhānena vihitā mama dehavicāriṇaḥ //

— Wahrheit, Freigebigkeit, strenge Askese, Gewaltlosigkeit gegenüber allen Wesen: nach meiner Anordnung eingerichtet [sind] jene, die in meinem Körper wandeln.

Wort für Wort
satyaṃ dānaṃ
Wahrheit, Freigebigkeit
tapaḥ ca ugram
und strenge Askese
ahiṃsāṃ sarvajantuṣu
Gewaltlosigkeit gegenüber allen Wesen
madvidhānena vihitāḥ
nach meiner Anordnung eingerichtet
mama dehavicāriṇaḥ
die in meinem Körper wandeln

mayābhibhūtavijñānāś ceṣṭayanti na kāmataḥ / samyag vedam adhīyānā yajanto vividhair makhaiḥ //

— von mir mit Erkenntnis erfüllt, handeln sie nicht aus [bloßer] Begierde; die Veden recht studierend, mit vielfältigen Opfern opfernd —

Wort für Wort
mayā abhibhūtavijñānāḥ
von mir mit Erkenntnis erfüllt
ceṣṭayanti na kāmataḥ
sie handeln nicht aus Begierde
samyag vedam adhīyānāḥ
die Veden recht studierend
yajantaḥ vividhaiḥ makhaiḥ
mit vielfältigen Opfern opfernd

śāntātmāno jitakrodhāḥ prāpnuvanti dvijātayaḥ / prāptuṃ śakyo na caivāhaṃ narair duṣkṛtakarmabhiḥ //

— erlangen [mich] die friedvollen, zornbezwungenen Zweifachgeborenen. Und ich kann keineswegs von Menschen erlangt werden, die üble Taten begehen,

Wort für Wort
śāntātmānaḥ
die friedvollen
jitakrodhāḥ
die zornbezwungenen
prāpnuvanti
sie erlangen
dvijātayaḥ
die Zweifachgeborenen
prāptuṃ śakyaḥ na ca eva aham
und ich kann keineswegs erlangt werden
naraiḥ duṣkṛtakarmabhiḥ
von Menschen mit üblen Taten

lobhābhibhūtaiḥ kṛpaṇair anāryair akṛtātmabhiḥ / tan māṃ mahāphalaṃ viddhi narāṇāṃ bhāvitātmanām //

— von Habgier überwältigten, erbärmlichen, unedlen, ungeläuterten [Menschen]. Wisse also, dass ich die große Frucht bin für Menschen mit geläutertem Geist,

Wort für Wort
lobhābhibhūtaiḥ
von Habgier überwältigten
kṛpaṇaiḥ
erbärmlichen
anāryaiḥ
unedlen
akṛtātmabhiḥ
ungeläuterten [Menschen]
tat mām mahāphalaṃ viddhi
wisse also, dass ich die große Frucht [bin]
narāṇāṃ bhāvitātmanām
für Menschen mit geläutertem Geist

suduṣprāpaṃ vimūḍhānāṃ māṃ kuyoganiṣeviṇām / yadā yadā hi dharmasya glānir bhavati sattama //

— [aber] überaus schwer erreichbar für die Verblendeten, die sich schlechten Übungswegen hingeben. Wann immer nämlich ein Schwinden des Dharma eintritt, oh Bester,

Wort für Wort
suduṣprāpam
überaus schwer erreichbar
vimūḍhānām
für die Verblendeten
mām
mich
kuyoganiṣeviṇām
die sich schlechten Übungswegen hingeben
yadā yadā hi dharmasya glāniḥ bhavati
wann immer ein Schwinden des Dharma eintritt
sattama
oh Bester

[Anm.: Diese Halbzeile ('yadā yadā hi dharmasya glānir bhavati') entspricht fast wörtlich dem berühmten Avatāra-Vers der Bhagavadgītā 4.7 ('yadā yadā hi dharmasya glānir bhavati bhārata'), hier mit der Anrede 'sattama' statt 'bhārata'.]

abhyutthānam adharmasya tadātmānaṃ sṛjāmy aham / daityā hiṃsānuraktāś ca avadhyāḥ surasattamaiḥ //

— und ein Aufkommen des Unrechts, dann erschaffe ich mich selbst [von neuem]. Die der Gewalt zugeneigten Daityas, die von den besten Göttern nicht getötet werden können,

Wort für Wort
abhyutthānam adharmasya
ein Aufkommen des Unrechts
tadā ātmānaṃ sṛjāmi aham
dann erschaffe ich mich selbst
daityāḥ hiṃsānuraktāḥ ca
und die der Gewalt zugeneigten Daityas
avadhyāḥ surasattamaiḥ
die von den besten Göttern nicht getötet werden können

[Anm.: Fortsetzung des Gītā-Parallelverses (vgl. Bhagavadgītā 4.8: 'abhyutthānam adharmasya tadātmānaṃ sṛjāmy aham').]

rākṣasāś cāpi loke 'smin yadotpatsyanti dāruṇāḥ / tadāhaṃ saṃprasūyāmi gṛheṣu puṇyakarmaṇām //

— und auch wenn schreckliche Rākṣasas in dieser Welt entstehen werden, dann werde ich in den Häusern derer geboren, die fromme Werke tun.

Wort für Wort
rākṣasāḥ ca api
und auch die Rākṣasas
loke asmin
in dieser Welt
yadā utpatsyanti dāruṇāḥ
wenn die schrecklichen entstehen werden
tadā aham saṃprasūyāmi
dann werde ich geboren
gṛheṣu puṇyakarmaṇām
in den Häusern derer, die fromme Werke tun

praviṣṭo mānuṣaṃ dehaṃ sarvaṃ praśamayāmy aham / sṛṣṭvā devamanuṣyāṃś ca gandharvoragarākṣasān //

'Nachdem ich einen menschlichen Körper angenommen habe, bringe ich alles zur Ruhe. Nachdem ich Götter, Menschen, Gandharvas, Schlangenwesen und Rākṣasas erschaffen habe,

Wort für Wort
praviṣṭaḥ mānuṣaṃ deham
eingegangen in einen menschlichen Körper
sarvaṃ praśamayāmi aham
bringe ich alles zur Ruhe
sṛṣṭvā
erschaffen habend
devamanuṣyān ca
Götter und Menschen
gandharvoragarākṣasān
Gandharvas, Schlangenwesen und Rākṣasas

sthāvarāṇi ca bhūtāni saṃharāmy ātmamāyayā / karmakāle punar deham anucintya sṛjāmy aham //

— und die unbeweglichen Wesen, ziehe ich [sie alle] durch meine eigene Māyā [wieder] zurück; zur Zeit des [neuen] Wirkens erschaffe ich wiederum, [alles] bedenkend, einen Körper.

Wort für Wort
sthāvarāṇi ca bhūtāni
und die unbeweglichen Wesen
saṃharāmi
ziehe ich zurück
ātmamāyayā
durch meine eigene Māyā
karmakāle
zur Zeit des Wirkens
punaḥ deham anucintya
wiederum, den Körper bedenkend
sṛjāmi aham
erschaffe ich

āviśya mānuṣaṃ dehaṃ maryādābandhakāraṇāt / śvetaḥ kṛtayuge dharmaḥ śyāmas tretāyuge mama //

— in einen menschlichen Körper eingehend, um die Ordnung zu wahren. Weiß ist im Kṛtayuga mein [Erscheinungsbild als] Dharma, dunkel(-blau) im Tretāyuga,

Wort für Wort
āviśya mānuṣaṃ deham
in einen menschlichen Körper eingehend
maryādābandhakāraṇāt
um die [Welt-]Ordnung zu wahren
śvetaḥ kṛtayuge dharmaḥ
weiß ist im Kṛtayuga [mein] Dharma[-Erscheinungsbild]
śyāmaḥ tretāyuge mama
dunkel(-blau) im Tretāyuga [ist] meines

[Anm.: Beginn der Lehre von den vier Weltzeitaltern (Yugas), symbolisiert durch die Farben Weiß, Dunkelblau, Rot und Schwarz – vergleichbar Darstellungen im Mahābhārata (Śāntiparvan) und in anderen Purāṇas.]

rakto dvāparam āsādya kṛṣṇaḥ kaliyuge tathā / trayo bhāgā hy adharmasya tasmin kāle bhavanti ca //

— rot, das Dvāparayuga erreichend, und ebenso schwarz im Kaliyuga. In jener Zeit gibt es fürwahr drei Teile Unrecht [gegenüber einem Teil Recht].

Wort für Wort
raktaḥ dvāparam āsādya
rot, das Dvāparayuga erreichend
kṛṣṇaḥ kaliyuge tathā
und ebenso schwarz im Kaliyuga
trayaḥ bhāgāḥ hi adharmasya
fürwahr drei Teile Unrecht
tasmin kāle bhavanti ca
gibt es in jener Zeit

antakāle ca saṃprāpte kālo bhūtvātidāruṇaḥ / trailokyaṃ nāśayāmy ekaḥ sarvaṃ sthāvarajaṅgamam //

'Und wenn die Endzeit angebrochen ist, werde ich zur überaus schrecklichen Zeit und vernichte allein die dreifache Welt, alles Bewegliche und Unbewegliche.'

Wort für Wort
antakāle ca saṃprāpte
und wenn die Endzeit angebrochen ist
kālaḥ bhūtvā atidāruṇaḥ
zur überaus schrecklichen Zeit geworden
trailokyaṃ nāśayāmi ekaḥ
vernichte ich allein die dreifache Welt
sarvaṃ sthāvarajaṅgamam
alles Bewegliche und Unbewegliche

ahaṃ tridharmā viśvātmā sarvalokasukhāvahaḥ / abhinnaḥ sarvago 'nanto hṛṣīkeśa urukramaḥ //

'Ich bin von dreifacher Rechtsnatur, die Seele des Alls, der allen Welten Wohlergehen Bringende; ungeteilt, allgegenwärtig, unendlich, Hṛṣīkeśa, der weit Ausschreitende.'

Wort für Wort
aham tridharmā
ich bin von dreifacher Rechtsnatur
viśvātmā
die Seele des Alls
sarvalokasukhāvahaḥ
der allen Welten Wohlergehen Bringende
abhinnaḥ
ungeteilt
sarvagaḥ
allgegenwärtig
anantaḥ
unendlich
hṛṣīkeśa
Hṛṣīkeśa (Herr der Sinne)
urukramaḥ
der weit Ausschreitende

kālacakraṃ nayāmy eko brahmarūpaṃ mamaiva tat / śamanaṃ sarvabhūtānāṃ sarvabhūtakṛtodyamam //

'Ich allein lenke das Zeitrad; jenes ist meine eigene Brahman-Gestalt, die Beruhigung aller Wesen, das für alle Wesen unternommene Wirken.' [?]

Wort für Wort
kālacakraṃ nayāmi ekaḥ
ich allein lenke das Zeitrad
brahmarūpaṃ mama eva tat
jenes ist meine eigene Brahman-Gestalt
śamanaṃ sarvabhūtānām
die Beruhigung aller Wesen
sarvabhūtakṛtodyamam
[?] das für alle Wesen unternommene Wirken

[?: 'sarvabhūtakṛtodyamam' unklare Bildung; sinngemäß als 'das für alle Wesen bewirkte Streben/Wirken' wiedergegeben.]

evaṃ praṇihitaḥ samyaṅ mamātmā munisattama / sarvabhūteṣu viprendra na ca māṃ vetti kaścana //

'So ist mein Selbst, oh bester der Munis, recht [und ganz] in allen Wesen verankert, oh Fürst unter den Brahmanen; und doch erkennt mich niemand.'

Wort für Wort
evaṃ praṇihitaḥ samyak
so recht [und ganz] verankert
mama ātmā
mein Selbst
munisattama
oh bester der Munis
sarvabhūteṣu
in allen Wesen
viprendra
oh Fürst unter den Brahmanen
na ca māṃ vetti kaścana
und doch erkennt mich niemand

sarvaloke ca māṃ bhaktāḥ pūjayanti ca sarvaśaḥ / yac ca kiṃcit tvayā prāptaṃ mayi kleśātmakaṃ dvija //

'Und in aller Welt verehren mich die Anhänger auf jede Weise. Und was auch immer an Leidhaftigem du im Hinblick auf mich erlebt hast, oh Brahmane —

Wort für Wort
sarvaloke ca
und in aller Welt
mām bhaktāḥ pūjayanti
mich verehren die Anhänger
ca sarvaśaḥ
und zwar auf jede Weise
yat ca kiṃcit
und was auch immer
tvayā prāptam
von dir erlebt
mayi kleśātmakam
an Leidhaftigem im Hinblick auf mich
dvija
oh Brahmane

sukhodayāya tat sarvaṃ śreyase ca tavānagha / yac ca kiṃcit tvayā loke dṛṣṭaṃ sthāvarajaṅgamam //

— all das dient dem Aufkommen von Glück und deinem Heil, Makelloser. Und was auch immer du in der Welt an Beweglichem und Unbeweglichem gesehen hast,

Wort für Wort
sukhodayāya
für das Aufkommen von Glück
tat sarvam
all das
śreyase ca
und für das Heil
tava anagha
dein, Makelloser
yat ca kiṃcit
und was auch immer
tvayā loke dṛṣṭam
von dir in der Welt gesehen
sthāvarajaṅgamam
an Beweglichem und Unbeweglichem

vihitaḥ sarva evāsau mayātmā bhūtabhāvanaḥ / ahaṃ nārāyaṇo nāma śaṅkhacakragadādharaḥ //

— all das wurde von mir, dem Selbst, dem Urheber der Wesen, so eingerichtet. Ich bin, mit Namen Nārāyaṇa, der Träger von Muschelhorn, Diskus und Keule.'

Wort für Wort
vihitaḥ sarvaḥ eva asau
all das wurde eingerichtet
mayā ātmā
von mir, dem Selbst
bhūtabhāvanaḥ
dem Urheber der Wesen
aham nārāyaṇaḥ nāma
ich bin, mit Namen Nārāyaṇa
śaṅkhacakragadādharaḥ
der Träger von Muschelhorn, Diskus und Keule

yāvad yugānāṃ viprarṣe sahasraṃ parivartate / tāvat svapimi viśvātmā sarvaviśvāni mohayan //

'Solange, oh Weiser unter den Brahmanen, sich ein Tausend an Zeitaltern vollzieht, solange schlafe ich, die Seele des Alls, alle Welten in Täuschung haltend.'

Wort für Wort
yāvat yugānāṃ viprarṣe
solange, oh Weiser unter den Brahmanen, an Zeitaltern
sahasraṃ parivartate
sich ein Tausend vollzieht
tāvat svapimi
solange schlafe ich
viśvātmā
die Seele des Alls
sarvaviśvāni mohayan
alle Welten in Täuschung haltend

evaṃ sarvam ahaṃ kālam ihāse munisattama / aśiśuḥ śiśurūpeṇa yāvad brahmā na budhyate //

'So verweile ich hier die ganze Zeit, oh bester der Munis, kein Kind [in Wahrheit], in Kindesgestalt, solange Brahmā nicht erwacht.'

Wort für Wort
evaṃ sarvam aham kālam
so [verweile] ich die ganze Zeit
iha āse
hier verweile ich
munisattama
oh bester der Munis
aśiśuḥ śiśurūpeṇa
kein Kind [in Wahrheit], in Kindesgestalt
yāvat brahmā na budhyate
solange Brahmā nicht erwacht

mayā ca datto viprendra varas te brahmarūpiṇā / asakṛt parituṣṭena viprarṣigaṇapūjita //

'Und von mir, in Brahmā-Gestalt, wurde dir, oh Fürst unter den Brahmanen, wiederholt zufrieden, ein Segen gewährt, oh du, der von der Schar weiser Brahmanen verehrt wird.'

Wort für Wort
mayā ca dattaḥ
und von mir gewährt
viprendra
oh Fürst unter den Brahmanen
varaḥ te
dir ein Segen
brahmarūpiṇā
in Brahmā-Gestalt
asakṛt parituṣṭena
wiederholt zufrieden
viprarṣigaṇapūjita
oh du, der von der Schar weiser Brahmanen verehrt wird

sarvam ekārṇavaṃ kṛtvā naṣṭe sthāvarajaṅgame / nirgato 'si mayājñātas tatas te darśitaṃ jagat //

'Nachdem [ich] alles zu einem einzigen Ozean gemacht hatte, als das Bewegliche und Unbewegliche vergangen war, bist du, von mir unerkannt [gelassen], [hierher] gelangt; daraufhin wurde dir die Welt gezeigt.'

Wort für Wort
sarvam ekārṇavaṃ kṛtvā
nachdem [ich] alles zu einem einzigen Ozean gemacht hatte
naṣṭe sthāvarajaṅgame
als das Bewegliche und Unbewegliche vergangen war
nirgataḥ asi
bist du gelangt
mayā ajñātaḥ
von mir unerkannt [gelassen]
tataḥ te darśitaṃ jagat
daraufhin wurde dir die Welt gezeigt

abhyantaraṃ śarīrasya praviṣṭo 'si yadā mama / dṛṣṭvā lokaṃ samastaṃ hi vismito nāvabudhyase //

'Als du in das Innere meines Körpers eingetreten warst, und die gesamte Welt gesehen hattest, erkanntest du [mich], erstaunt, fürwahr nicht.'

Wort für Wort
abhyantaraṃ śarīrasya
das Innere des Körpers
praviṣṭaḥ asi
du bist eingetreten
yadā mama
als [in] meinen
dṛṣṭvā lokaṃ samastaṃ hi
nachdem du fürwahr die gesamte Welt gesehen hattest
vismitaḥ na avabudhyase
erstaunt erkanntest du nicht

tato 'si vaktrād viprarṣe drutaṃ niḥsārito mayā / ākhyātas te mayā cātmā durjñeyo hi surāsuraiḥ //

'Daher wurdest du, oh Weiser unter den Brahmanen, rasch von mir aus dem Mund herausgeschleudert; dir wurde von mir mein Selbst erklärt, das fürwahr für Götter und Dämonen schwer erkennbar ist.'

Wort für Wort
tataḥ asi vaktrāt
daher wurdest du aus dem Mund
viprarṣe
oh Weiser unter den Brahmanen
drutaṃ niḥsāritaḥ mayā
rasch von mir herausgeschleudert
ākhyātaḥ te mayā ca ātmā
und dir wurde von mir mein Selbst erklärt
durjñeyaḥ hi surāsuraiḥ
das fürwahr für Götter und Dämonen schwer erkennbar ist

yāvat sa bhagavān brahmā na budhyeta mahātapāḥ / tāvat tvam iha viprarṣe viśrabdhaś cara vai sukham //

'Solange jener erhabene Brahmā, von großer Askese, nicht erwacht, solange wandle du hier, oh Weiser unter den Brahmanen, vertrauensvoll und fürwahr in Glück.'

Wort für Wort
yāvat sa bhagavān brahmā
solange jener erhabene Brahmā
na budhyeta
nicht erwacht
mahātapāḥ
von großer Askese
tāvat tvam iha
solange du hier
viprarṣe
oh Weiser unter den Brahmanen
viśrabdhaḥ cara vai sukham
wandle vertrauensvoll und fürwahr in Glück

tato vibuddhe tasmiṃs tu sarvalokapitāmahe / eko bhūtāni srakṣyāmi śarīrāṇi dvijottama //

'Dann, wenn jener Großvater aller Welten erwacht ist, werde ich allein die Wesen [und ihre] Körper erschaffen, oh bester der Brahmanen —

Wort für Wort
tataḥ vibuddhe tasmin tu
dann, wenn jener erwacht ist
sarvalokapitāmahe
der Großvater aller Welten
ekaḥ bhūtāni srakṣyāmi
werde ich allein die Wesen erschaffen
śarīrāṇi
[und ihre] Körper
dvijottama
oh bester der Brahmanen

ākāśaṃ pṛthivīṃ jyotir vāyuḥ salilam eva ca / loke yac ca bhavet kiṃcid iha sthāvarajaṅgamam //

— Äther, Erde, Licht, Wind und ebenso Wasser, und was auch immer in der Welt hier an Beweglichem und Unbeweglichem existieren möge.'

Wort für Wort
ākāśaṃ pṛthivīm jyotiḥ
Äther, Erde, Licht
vāyuḥ salilam eva ca
Wind und ebenso Wasser
loke yac ca bhavet kiṃcit
und was auch immer in der Welt existieren möge
iha sthāvarajaṅgamam
hier an Beweglichem und Unbeweglichem

evam uktvā tadā viprāḥ punas taṃ prāha mādhavaḥ / pūrṇe yugasahasre tu meghagambhīranisvanaḥ //

So gesprochen habend, oh Brahmanen, sprach Mādhava wiederum zu ihm, als das Jahrtausend der Zeitalter vollendet war, mit einer Stimme, tief tönend wie Wolken.

Wort für Wort
evam uktvā
so gesprochen habend
tadā viprāḥ
da, oh Brahmanen
punaḥ taṃ prāha mādhavaḥ
wiederum sprach Mādhava zu ihm
pūrṇe yugasahasre tu
als das Jahrtausend der Zeitalter vollendet war
meghagambhīranisvanaḥ
mit einer Stimme, tief tönend wie Wolken

[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}. Zeitsprung: das ganze Zeitalter-Jahrtausend ist inzwischen vergangen.]

mune brūhi yadarthaṃ māṃ stutavān paramārthataḥ / varaṃ vṛṇīṣva yac chreṣṭhaṃ dadāmi nacirād aham //

'Muni, sage, wozu du mich der höchsten Wahrheit nach gepriesen hast; erbitte den besten Segen — ich gebe ihn dir ohne Verzug.'

Wort für Wort
mune
Muni
brūhi yadartham
sage, wozu
mām stutavān
du mich gepriesen hast
paramārthataḥ
der höchsten Wahrheit nach
varaṃ vṛṇīṣva
erbitte den Segen
yat śreṣṭham
der beste
dadāmi nacirāt aham
ich gebe ihn ohne Verzug

[Anm.: Sprecherwechsel — {śrībhagavān uvāca:}.]

āyuṣmān asi devānāṃ madbhakto 'si dṛḍhavrataḥ / tena tvam asi viprendra punar dīrghāyur āpnuhi //

'Du bist von den Göttern mit langem Leben [gesegnet], du bist mein Anhänger mit festem Gelübde; deshalb, oh Fürst unter den Brahmanen, erlange du wiederum langes Leben.'

Wort für Wort
āyuṣmān asi devānām
du bist von den Göttern mit langem Leben [gesegnet]
madbhaktaḥ asi dṛḍhavrataḥ
du bist mein Anhänger mit festem Gelübde
tena tvam asi
deshalb bist du
viprendra
oh Fürst unter den Brahmanen
punaḥ dīrghāyuḥ āpnuhi
erlange wiederum langes Leben

śrutvā vāṇīṃ śubhāṃ tasya vilokya sa tadā punaḥ / mūrdhnā nipatya sahasā praṇamya punar abravīt //

Nachdem er dessen heilvolle Worte gehört und ihn erblickt hatte, sich da mit dem Haupt rasch niederwerfend und sich verneigend, sprach er wiederum:

Wort für Wort
śrutvā vāṇīṃ śubhāṃ tasya
nachdem er dessen heilvolle Worte gehört hatte
vilokya
erblickt habend
sa tadā punaḥ
er da wiederum
mūrdhnā nipatya sahasā
mit dem Haupt rasch niedergeworfen
praṇamya
sich verneigt habend
punaḥ abravīt
sprach wiederum

[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}.]

dṛṣṭaṃ paraṃ hi deveśa tava rūpaṃ dvijottama / moho 'yaṃ vigataḥ satyaṃ tvayi dṛṣṭe tu me hare //

'Gesehen habe ich fürwahr, oh Herr der Götter, deine höchste Gestalt, oh bester der Brahmanen; diese Verblendung ist gewichen, [ich sehe nun] die Wahrheit, da ich dich gesehen habe, oh Hari.'

Wort für Wort
dṛṣṭaṃ param hi
gesehen habe ich fürwahr das Höchste
deveśa
oh Herr der Götter
tava rūpam
deine Gestalt
dvijottama
oh bester der Brahmanen
mohaḥ ayaṃ vigataḥ
diese Verblendung ist gewichen
satyam
die Wahrheit
tvayi dṛṣṭe tu me
da ich dich gesehen habe
hare
oh Hari

[Anm.: Sprecherwechsel — {mārkaṇḍeya uvāca:}. Die Anrede 'dvijottama' ('bester der Brahmanen'), hier an Viṣṇu/Hari gerichtet, ist ungewöhnlich, da dieses Epitheton sonst Brahmanen (bzw. Mārkaṇḍeya selbst) vorbehalten ist; wörtlich aus der Quelle übernommen.]

evam evam ahaṃ nātha iccheyaṃ tvatprasādataḥ / lokānāṃ ca hitārthāya nānābhāvapraśāntaye //

'Gerade so, Herr, möchte ich, durch deine Gnade, zum Wohl der Welten und zur Befriedung der vielfältigen [religiösen] Gesinnungen —

Wort für Wort
evam evam
gerade so
aham nātha iccheyam
möchte ich, Herr
tvatprasādataḥ
durch deine Gnade
lokānāṃ ca hitārthāya
und zum Wohl der Welten
nānābhāvapraśāntaye
zur Befriedung der vielfältigen [religiösen] Gesinnungen

śaivabhāgavatānāṃ ca vādārthapratiṣedhakam / asmin kṣetravare puṇye nirmale puruṣottame //

— [ein Bauwerk errichten], das den Streit zwischen den Śaivas und Bhāgavatas beilegt, in diesem vorzüglichen, heiligen, makellosen Puruṣottama-Gebiet —

Wort für Wort
śaivabhāgavatānāṃ ca
und der Śaivas und Bhāgavatas
vādārthapratiṣedhakam
das den Sachverhalt des Disputs verhindert/beilegt
asmin kṣetravare puṇye
in diesem vorzüglichen, heiligen Gebiet
nirmale puruṣottame
im makellosen Puruṣottama[-kṣetra]

[Anm.: Bezeugt einen bewussten harmonisierenden (śaiva-vaiṣṇava-synkretistischen) Impuls des Textes, den Streit zwischen Śiva- und Viṣṇu-Verehrern beizulegen.]

śivasyāyatanaṃ deva karomi paramaṃ mahat / pratiṣṭheya tathā tatra tava sthāne ca śaṃkaram //

— einen höchsten, gewaltigen Tempel für Śiva errichten, Gott, und dort ebenso, an deiner Stätte, Śaṃkara installieren.'

Wort für Wort
śivasya āyatanam
einen Tempel für Śiva
deva
Gott
karomi paramaṃ mahat
ich errichte einen höchsten, gewaltigen [Tempel]
pratiṣṭheya tathā tatra
und dort ebenso möchte ich installieren
tava sthāne ca śaṃkaram
an deiner Stätte Śaṃkara

tato jñāsyanti loke 'sminn ekamūrtī harīśvarau / pratyuvāca jagannāthaḥ sa punas taṃ mahāmunim //

'Dann werden [die Menschen] in dieser Welt erkennen, dass Hari und Śiva eine [einzige] Gestalt sind.' — Da antwortete der Herr der Welt jenem großen Muni wiederum.

Wort für Wort
tataḥ jñāsyanti loke asmin
dann werden sie in dieser Welt erkennen
ekamūrtī harīśvarau
dass Hari und Īśvara eine [einzige] Gestalt sind
pratyuvāca jagannāthaḥ
da antwortete der Herr der Welt
sa punaḥ taṃ mahāmunim
er wiederum jenem großen Muni

yad etat paramaṃ devaṃ kāraṇaṃ bhuvaneśvaram / liṅgam ārādhanārthāya nānābhāvapraśāntaye //

'Dieses höchste göttliche Liṅga, die Ursache, den Herrn der Welt, zum Zweck der Verehrung, zur Befriedung der vielfältigen [religiösen] Gesinnungen —

Wort für Wort
yat etat paramaṃ devam
dieses höchste göttliche
kāraṇam
die Ursache
bhuvaneśvaram
den Herrn der Welt
liṅgam
das Liṅga
ārādhanārthāya
zum Zweck der Verehrung
nānābhāvapraśāntaye
zur Befriedung der vielfältigen [religiösen] Gesinnungen

[Anm.: Sprecherwechsel — {śrībhagavān uvāca:}. Beginn der berühmten Hariharā-Identitätslehre (V67-71).]

mamādiṣṭena viprendra kuru śīghraṃ śivālayam / tatprabhāvāc chivaloke tiṣṭha tvaṃ ca tathākṣayam //

— errichte, auf mein Geheiß, oh Fürst unter den Brahmanen, rasch einen Śiva-Tempel; durch dessen Kraft sollst du dann unvergänglich in der Śiva-Welt weilen.'

Wort für Wort
mama ādiṣṭena
auf mein Geheiß
viprendra
oh Fürst unter den Brahmanen
kuru śīghraṃ śivālayam
errichte rasch einen Śiva-Tempel
tatprabhāvāt
durch dessen Kraft
śivaloke tiṣṭha tvaṃ ca
und du sollst in der Śiva-Welt weilen
tathā akṣayam
und zwar unvergänglich

śive saṃsthāpite vipra mama saṃsthāpanaṃ bhavet / nāvayor antaraṃ kiṃcid ekabhāvau dvidhā kṛtau //

'Wenn Śiva installiert ist, oh Brahmane, geschieht [zugleich] meine Installation; zwischen uns beiden gibt es keinerlei Unterschied — [wir sind] eines Wesens, zu zweien gemacht.'

Wort für Wort
śive saṃsthāpite
wenn Śiva installiert ist
vipra
oh Brahmane
mama saṃsthāpanaṃ bhavet
geschieht [zugleich] meine Installation
na āvayoḥ antaraṃ kiṃcit
zwischen uns beiden gibt es keinerlei Unterschied
ekabhāvau dvidhā kṛtau
[wir sind] eines Wesens, zu zweien gemacht

yo rudraḥ sa svayaṃ viṣṇur yo viṣṇuḥ sa maheśvaraḥ / ubhayor antaraṃ nāsti pavanākāśayor iva //

'Wer Rudra ist, der ist selbst Viṣṇu; wer Viṣṇu ist, der ist Maheśvara; zwischen beiden besteht kein Unterschied, gleichwie zwischen Wind und Äther.'

Wort für Wort
yaḥ rudraḥ sa svayaṃ viṣṇuḥ
wer Rudra ist, der ist selbst Viṣṇu
yaḥ viṣṇuḥ sa maheśvaraḥ
wer Viṣṇu ist, der ist Maheśvara
ubhayoḥ antaraṃ na asti
zwischen beiden besteht kein Unterschied
pavanākāśayoḥ iva
gleichwie zwischen Wind und Äther

mohito nābhijānāti ya eva garuḍadhvajaḥ / vṛṣadhvajaḥ sa eveti tripuraghnaṃ trilocanam //

'Wer verblendet ist, erkennt nicht: „Der, der das Garuḍa-Banner trägt, ist eben derselbe, der das Stier-Banner trägt“ — [derselbe als] der Zerstörer der drei Städte, der Dreiäugige.'

Wort für Wort
mohitaḥ na abhijānāti
wer verblendet ist, erkennt nicht
yaḥ eva garuḍadhvajaḥ
dass der, der das Garuḍa-Banner trägt
vṛṣadhvajaḥ sa eva iti
eben derselbe ist, der das Stier-Banner trägt
tripuraghnam
der Zerstörer der drei Städte
trilocanam
der Dreiäugige

tava nāmāṅkitaṃ tasmāt kuru vipra śivālayam / uttare devadevasya kuru tīrthaṃ suśobhanam //

'Errichte deshalb, oh Brahmane, den Śiva-Tempel, versehen mit deinem Namen; errichte im Norden des Gottes der Götter eine überaus prächtige Pilgerstätte.'

Wort für Wort
tava nāmāṅkitam
versehen mit deinem Namen
tasmāt
deshalb
kuru vipra śivālayam
errichte, oh Brahmane, den Śiva-Tempel
uttare devadevasya
im Norden des Gottes der Götter
kuru tīrthaṃ suśobhanam
errichte eine überaus prächtige Pilgerstätte

mārkaṇḍeyahrado nāma naralokeṣu viśrutaḥ / bhaviṣyati dvijaśreṣṭha sarvapāpapraṇāśanaḥ //

'„Mārkaṇḍeya-Teich“ wird sie unter den Menschen in der Welt bekannt sein, oh bester der Brahmanen, alle Sünden vernichtend.'

Wort für Wort
mārkaṇḍeyahradaḥ nāma
mit Namen 'Mārkaṇḍeya-Teich'
naralokeṣu viśrutaḥ
unter den Menschen in der Welt bekannt
bhaviṣyati
wird sie sein
dvijaśreṣṭha
oh bester der Brahmanen
sarvapāpapraṇāśanaḥ
alle Sünden vernichtend

[Anm.: Ätiologie des Tīrtha 'Mārkaṇḍeya-Hrada', das noch heute im Tempelbezirk von Puri bezeugt ist.]

ity uktvā sa tadā devas tatraivāntaradhīyata / mārkaṇḍeyaṃ muniśreṣṭhāḥ sarvavyāpī janārdanaḥ //

So gesprochen habend, verschwand da jener Gott ebendort — Janārdana, der Alldurchdringende — vor Mārkaṇḍeya, oh beste der Munis.

Wort für Wort
iti uktvā
so gesprochen habend
sa tadā devaḥ
jener Gott da
tatra eva antaradhīyata
verschwand ebendort
mārkaṇḍeyam
vor Mārkaṇḍeya
muniśreṣṭhāḥ
oh beste der Munis
sarvavyāpī janārdanaḥ
der alldurchdringende Janārdana

[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}. Schließt Kap.56 und die gesamte Mārkaṇḍeya-Episode ab; Kap.57 wendet sich der Pañcatīrtha-Wallfahrtsordnung zu.]

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