Kapitel 56: puruṣottamamāhātmyopadeśavarṇanam
Puruṣottamas große Selbstoffenbarungsrede an Mārkaṇḍeya und die Stiftung des Śiva-Tempels
Der göttliche Knabe gewährt Mārkaṇḍeya eine ausführliche Lehrrede: die Etymologie des Namens Nārāyaṇa, eine lange Identifikationsreihe (er ist alle Götter, Elemente, Stände, Veden, Leidenschaften), die Lehre von den vier Weltzeitaltern und ihren Farben, der berühmte, fast wörtlich mit der Bhagavadgītā übereinstimmende Avatāra-Vers ('wann immer der Dharma schwindet...'), sowie eine Erklärung seines Schlafzustands während des Pralaya. Zum Abschluss gewährt er Mārkaṇḍeya langes Leben; dieser bittet um die Erlaubnis, im Puruṣottama-Gebiet einen Śiva-Tempel zu errichten, woraufhin der Gott die Wesensidentität von Viṣṇu und Śiva (Hari-Hara-Abheda) lehrt und die Gründung des Tīrtha 'Mārkaṇḍeya-Hrada' verheißt, bevor er verschwindet.
jñātum icchāmi deva tvāṃ māyāṃ vai tava cottamām / tvatprasādāc ca deveśa smṛtir na parihīyate //
'Ich möchte dich erkennen, Gott, und fürwahr auch deine höchste Māyā; und durch deine Gnade, Herr der Götter, soll [meine] Erinnerung nicht verloren gehen.'
'Ich möchte, oh Lotusäugiger, dich, den Unvergänglichen, erkennen — [dich, der du] rasch, im Inneren mit [meinem eigenen] Körper, beständig durchwandert wurdest.' [?]
Wort für Wort
drutam
rasch
antaḥ śarīreṇa
im Inneren mit [meinem] Körper
satatam paryavartitam
beständig durchwandert
icchāmi
ich möchte
puṇḍarīkākṣa
oh Lotusäugiger
jñātum
erkennen
tvām aham avyayam
dich, den Unvergänglichen, ich
[?: Vers syntaktisch schwer aufzulösen; wörtlich 'rasch, im Inneren mit dem Körper beständig durchwandert' – bezieht sich vermutlich auf das in Kap.54 durchwanderte Universum im Inneren des Gottes, hier sinngemäß eingeordnet.]
'Ich möchte [dies] erkennen, Herr der Götter; erzähle mir alles vollständig, von dir, Lotusblatt-Äugiger, ausführlich und wahrheitsgetreu — dies Gewaltige und Unfassliche, das ich gesehen habe, Gebieter.'
Wort für Wort
jñātum icchāmi
ich möchte erkennen
deveśa
Herr der Götter
brūhi sarvam aśeṣataḥ
erzähle alles vollständig
tvattaḥ
von dir
kamalapattrākṣa
oh Lotusblatt-Äugiger
vistareṇa yathātatham
ausführlich und wahrheitsgetreu
mahat etat acintyaṃ ca
dies Gewaltige und Unfassliche
yat aham dṛṣṭavān
das ich gesehen habe
prabho
Gebieter
[Anm.: Vers besteht ungewöhnlich aus drei Halbversen (sechs Pādas); unverändert belassen.]
kāmaṃ devāś ca māṃ vipra nahi jānanti tattvataḥ / tava prītyā pravakṣyāmi yathedaṃ visṛjāmy aham //
'Fürwahr, selbst die Götter, oh Brahmane, kennen mich nicht der Wahrheit nach; aus Zuneigung zu dir will ich [dir] erklären, wie ich dies [Universum] erschaffe.'
Wort für Wort
kāmam
fürwahr, gewiss
devāḥ ca
selbst die Götter
mām
mich
vipra
oh Brahmane
nahi jānanti tattvataḥ
kennen nicht der Wahrheit nach
tava prītyā
aus Zuneigung zu dir
pravakṣyāmi
ich will erklären
yathā idaṃ visṛjāmi aham
wie ich dies erschaffe
[Anm.: Sprecherwechsel — {śrībhagavān uvāca:}. Beginn der großen Selbstoffenbarungsrede.]
pitṛbhakto 'si viprarṣe mām eva śaraṇaṃ gataḥ / tato dṛṣṭo 'smi te sākṣād brahmacaryaṃ ca te mahat //
'Du bist ein Verehrer der Ahnen, oh Weiser unter den Brahmanen, [und] bist zu mir allein als Zuflucht gegangen; deshalb bin ich dir leibhaftig sichtbar geworden, und [auch weil] dein Brahmacarya-Gelübde groß ist.'
āpo nārā iti purā saṃjñākarma kṛtaṃ mayā / tena nārāyaṇo 'smy ukto mama tās tv ayanaṃ sadā //
'Einst wurde von mir die Namensgebung vollzogen, dass die Gewässer „Nārāḥ“ [heißen]; deshalb werde ich „Nārāyaṇa“ genannt, denn jene [Gewässer] sind stets mein Wohnsitz.'
Wort für Wort
āpaḥ nārāḥ iti
dass die Gewässer 'Nārāḥ' heißen
purā
einst
saṃjñākarma kṛtaṃ mayā
wurde von mir die Namensgebung vollzogen
tena
deshalb
nārāyaṇaḥ asmi uktaḥ
werde ich 'Nārāyaṇa' genannt
mama tāḥ tu ayanaṃ sadā
jene [Gewässer] sind stets mein Wohnsitz
[Anm.: Klassische purāṇische Etymologie des Namens Nārāyaṇa (āpo nārāḥ – 'die Gewässer sind Nārāḥ' – + ayana, 'Wohnsitz').]
'Feuer ist [mein] Mund, die Erde [meine] Füße, Mond und Sonne [meine] Augen; der Himmel [mein] Haupt, Äther und Himmelsrichtungen [meine] Ohren, und ebenso die Gewässer, aus [meinem] Schweiß entstanden.'
Wort für Wort
agniḥ āsyam
Feuer [ist mein] Mund
kṣitiḥ pādau
die Erde [meine] Füße
candrādityau ca locane
Mond und Sonne [meine] Augen
dyauḥ mūrdhā
der Himmel [mein] Haupt
khaṃ diśaḥ śrotre
Äther [und] Himmelsrichtungen [meine] Ohren
tathā āpaḥ svedasaṃbhavāḥ
und ebenso die Gewässer, aus [meinem] Schweiß entstanden
[Anm.: Kosmischer Puruṣa-Leib in der Tradition des Ṛgveda-Puruṣasūkta und der Viśvarūpa-Schilderungen.]
sadiśaṃ ca nabhaḥ kāyo vāyur manasi me sthitaḥ / mayā kratuśatair iṣṭaṃ bahubhiś cāptadakṣiṇaiḥ //
'Der Himmel samt den Richtungen ist [mein] Körper, der Wind ist in meinem Geist verankert; von mir wurde mit hunderten von Opfern geopfert, mit vielen, reich an Priestergaben.'
'Mich, im Opferort weilend, verehren die Kenner der Veden; auf der Erde [verehren mich] die Fürsten unter den Kṣatriyas und die Herrscher, die den Himmel begehren.'
'Mich verehren ebenso die Vaiśyas, die die Himmelswelt zu gewinnen suchen; [ich trage] die von den vier Ozeanen begrenzte, mit Meru und Mandara geschmückte [Erde] —
— als [die Weltschlange] Śeṣa geworden, trage ich allein die Erde; nachdem ich die Eber-Gestalt (Varāha) angenommen hatte, [wurde] diese Welt einst von mir —
— als sie im Wasser versank, oh Brahmane, wurde sie durch [meine] Kraft von mir emporgehoben; und als das Vaḍava-Unterwasserfeuer geworden, oh Brahmane, oh bester der Zweifachgeborenen —
— trinke ich, [in es] eingegangen, die Gewässer, und ebendiese entlasse ich wieder. [Der] Brahmanenstand [ist mein] Mund, [meine beiden] Arme der Kriegerstand, an meinen Schenkeln sind die Vaiśyas verankert.
Wort für Wort
pibāmi apaḥ
ich trinke die Gewässer
samāviṣṭaḥ
eingegangen
tāḥ ca eva visṛjāmi aham
und ebendiese entlasse ich
brahma vaktram
der Brahmanenstand [ist mein] Mund
bhujau kṣatram
[meine] Arme [sind] der Kriegerstand
ūrū me saṃśritā viśaḥ
an meinen Schenkeln sind die Vaiśyas verankert
[Anm.: Anklang an die Puruṣasūkta-Ständelehre (Brahmane=Mund, Kṣatriya=Arme, Vaiśya=Schenkel, Śūdra=Füße), hier in V22-23.]
mattaḥ prādurbhavanty ete mām eva praviśanti ca / yatayaḥ śāntiparamā yatātmāno bubhutsavaḥ //
— diese entstehen von mir, und in mich ebenso gehen sie [wieder] ein. Die Asketen, denen Frieden das Höchste ist, deren Selbst gezügelt ist, die nach Wissen streben,
— frei von Begierde, Zorn und Hass, ungebunden, von Verfehlung befreit, in Sattva verankert, ohne Ich-Bewusstsein, stets kundig hinsichtlich des Selbst,
— Wahrheit, Freigebigkeit, strenge Askese, Gewaltlosigkeit gegenüber allen Wesen: nach meiner Anordnung eingerichtet [sind] jene, die in meinem Körper wandeln.
— von Habgier überwältigten, erbärmlichen, unedlen, ungeläuterten [Menschen]. Wisse also, dass ich die große Frucht bin für Menschen mit geläutertem Geist,
— [aber] überaus schwer erreichbar für die Verblendeten, die sich schlechten Übungswegen hingeben. Wann immer nämlich ein Schwinden des Dharma eintritt, oh Bester,
Wort für Wort
suduṣprāpam
überaus schwer erreichbar
vimūḍhānām
für die Verblendeten
mām
mich
kuyoganiṣeviṇām
die sich schlechten Übungswegen hingeben
yadā yadā hi dharmasya glāniḥ bhavati
wann immer ein Schwinden des Dharma eintritt
sattama
oh Bester
[Anm.: Diese Halbzeile ('yadā yadā hi dharmasya glānir bhavati') entspricht fast wörtlich dem berühmten Avatāra-Vers der Bhagavadgītā 4.7 ('yadā yadā hi dharmasya glānir bhavati bhārata'), hier mit der Anrede 'sattama' statt 'bhārata'.]
— und ein Aufkommen des Unrechts, dann erschaffe ich mich selbst [von neuem]. Die der Gewalt zugeneigten Daityas, die von den besten Göttern nicht getötet werden können,
Wort für Wort
abhyutthānam adharmasya
ein Aufkommen des Unrechts
tadā ātmānaṃ sṛjāmi aham
dann erschaffe ich mich selbst
daityāḥ hiṃsānuraktāḥ ca
und die der Gewalt zugeneigten Daityas
avadhyāḥ surasattamaiḥ
die von den besten Göttern nicht getötet werden können
'Nachdem ich einen menschlichen Körper angenommen habe, bringe ich alles zur Ruhe. Nachdem ich Götter, Menschen, Gandharvas, Schlangenwesen und Rākṣasas erschaffen habe,
— und die unbeweglichen Wesen, ziehe ich [sie alle] durch meine eigene Māyā [wieder] zurück; zur Zeit des [neuen] Wirkens erschaffe ich wiederum, [alles] bedenkend, einen Körper.
— in einen menschlichen Körper eingehend, um die Ordnung zu wahren. Weiß ist im Kṛtayuga mein [Erscheinungsbild als] Dharma, dunkel(-blau) im Tretāyuga,
Wort für Wort
āviśya mānuṣaṃ deham
in einen menschlichen Körper eingehend
maryādābandhakāraṇāt
um die [Welt-]Ordnung zu wahren
śvetaḥ kṛtayuge dharmaḥ
weiß ist im Kṛtayuga [mein] Dharma[-Erscheinungsbild]
śyāmaḥ tretāyuge mama
dunkel(-blau) im Tretāyuga [ist] meines
[Anm.: Beginn der Lehre von den vier Weltzeitaltern (Yugas), symbolisiert durch die Farben Weiß, Dunkelblau, Rot und Schwarz – vergleichbar Darstellungen im Mahābhārata (Śāntiparvan) und in anderen Purāṇas.]
'Und wenn die Endzeit angebrochen ist, werde ich zur überaus schrecklichen Zeit und vernichte allein die dreifache Welt, alles Bewegliche und Unbewegliche.'
'Ich bin von dreifacher Rechtsnatur, die Seele des Alls, der allen Welten Wohlergehen Bringende; ungeteilt, allgegenwärtig, unendlich, Hṛṣīkeśa, der weit Ausschreitende.'
— all das wurde von mir, dem Selbst, dem Urheber der Wesen, so eingerichtet. Ich bin, mit Namen Nārāyaṇa, der Träger von Muschelhorn, Diskus und Keule.'
'Solange, oh Weiser unter den Brahmanen, sich ein Tausend an Zeitaltern vollzieht, solange schlafe ich, die Seele des Alls, alle Welten in Täuschung haltend.'
Wort für Wort
yāvat yugānāṃ viprarṣe
solange, oh Weiser unter den Brahmanen, an Zeitaltern
mayā ca datto viprendra varas te brahmarūpiṇā / asakṛt parituṣṭena viprarṣigaṇapūjita //
'Und von mir, in Brahmā-Gestalt, wurde dir, oh Fürst unter den Brahmanen, wiederholt zufrieden, ein Segen gewährt, oh du, der von der Schar weiser Brahmanen verehrt wird.'
Wort für Wort
mayā ca dattaḥ
und von mir gewährt
viprendra
oh Fürst unter den Brahmanen
varaḥ te
dir ein Segen
brahmarūpiṇā
in Brahmā-Gestalt
asakṛt parituṣṭena
wiederholt zufrieden
viprarṣigaṇapūjita
oh du, der von der Schar weiser Brahmanen verehrt wird
'Nachdem [ich] alles zu einem einzigen Ozean gemacht hatte, als das Bewegliche und Unbewegliche vergangen war, bist du, von mir unerkannt [gelassen], [hierher] gelangt; daraufhin wurde dir die Welt gezeigt.'
Wort für Wort
sarvam ekārṇavaṃ kṛtvā
nachdem [ich] alles zu einem einzigen Ozean gemacht hatte
tato 'si vaktrād viprarṣe drutaṃ niḥsārito mayā / ākhyātas te mayā cātmā durjñeyo hi surāsuraiḥ //
'Daher wurdest du, oh Weiser unter den Brahmanen, rasch von mir aus dem Mund herausgeschleudert; dir wurde von mir mein Selbst erklärt, das fürwahr für Götter und Dämonen schwer erkennbar ist.'
Wort für Wort
tataḥ asi vaktrāt
daher wurdest du aus dem Mund
viprarṣe
oh Weiser unter den Brahmanen
drutaṃ niḥsāritaḥ mayā
rasch von mir herausgeschleudert
ākhyātaḥ te mayā ca ātmā
und dir wurde von mir mein Selbst erklärt
durjñeyaḥ hi surāsuraiḥ
das fürwahr für Götter und Dämonen schwer erkennbar ist
yāvat sa bhagavān brahmā na budhyeta mahātapāḥ / tāvat tvam iha viprarṣe viśrabdhaś cara vai sukham //
'Solange jener erhabene Brahmā, von großer Askese, nicht erwacht, solange wandle du hier, oh Weiser unter den Brahmanen, vertrauensvoll und fürwahr in Glück.'
So gesprochen habend, oh Brahmanen, sprach Mādhava wiederum zu ihm, als das Jahrtausend der Zeitalter vollendet war, mit einer Stimme, tief tönend wie Wolken.
Wort für Wort
evam uktvā
so gesprochen habend
tadā viprāḥ
da, oh Brahmanen
punaḥ taṃ prāha mādhavaḥ
wiederum sprach Mādhava zu ihm
pūrṇe yugasahasre tu
als das Jahrtausend der Zeitalter vollendet war
meghagambhīranisvanaḥ
mit einer Stimme, tief tönend wie Wolken
[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}. Zeitsprung: das ganze Zeitalter-Jahrtausend ist inzwischen vergangen.]
āyuṣmān asi devānāṃ madbhakto 'si dṛḍhavrataḥ / tena tvam asi viprendra punar dīrghāyur āpnuhi //
'Du bist von den Göttern mit langem Leben [gesegnet], du bist mein Anhänger mit festem Gelübde; deshalb, oh Fürst unter den Brahmanen, erlange du wiederum langes Leben.'
Wort für Wort
āyuṣmān asi devānām
du bist von den Göttern mit langem Leben [gesegnet]
dṛṣṭaṃ paraṃ hi deveśa tava rūpaṃ dvijottama / moho 'yaṃ vigataḥ satyaṃ tvayi dṛṣṭe tu me hare //
'Gesehen habe ich fürwahr, oh Herr der Götter, deine höchste Gestalt, oh bester der Brahmanen; diese Verblendung ist gewichen, [ich sehe nun] die Wahrheit, da ich dich gesehen habe, oh Hari.'
Wort für Wort
dṛṣṭaṃ param hi
gesehen habe ich fürwahr das Höchste
deveśa
oh Herr der Götter
tava rūpam
deine Gestalt
dvijottama
oh bester der Brahmanen
mohaḥ ayaṃ vigataḥ
diese Verblendung ist gewichen
satyam
die Wahrheit
tvayi dṛṣṭe tu me
da ich dich gesehen habe
hare
oh Hari
[Anm.: Sprecherwechsel — {mārkaṇḍeya uvāca:}. Die Anrede 'dvijottama' ('bester der Brahmanen'), hier an Viṣṇu/Hari gerichtet, ist ungewöhnlich, da dieses Epitheton sonst Brahmanen (bzw. Mārkaṇḍeya selbst) vorbehalten ist; wörtlich aus der Quelle übernommen.]
śaivabhāgavatānāṃ ca vādārthapratiṣedhakam / asmin kṣetravare puṇye nirmale puruṣottame //
— [ein Bauwerk errichten], das den Streit zwischen den Śaivas und Bhāgavatas beilegt, in diesem vorzüglichen, heiligen, makellosen Puruṣottama-Gebiet —
Wort für Wort
śaivabhāgavatānāṃ ca
und der Śaivas und Bhāgavatas
vādārthapratiṣedhakam
das den Sachverhalt des Disputs verhindert/beilegt
asmin kṣetravare puṇye
in diesem vorzüglichen, heiligen Gebiet
nirmale puruṣottame
im makellosen Puruṣottama[-kṣetra]
[Anm.: Bezeugt einen bewussten harmonisierenden (śaiva-vaiṣṇava-synkretistischen) Impuls des Textes, den Streit zwischen Śiva- und Viṣṇu-Verehrern beizulegen.]
tato jñāsyanti loke 'sminn ekamūrtī harīśvarau / pratyuvāca jagannāthaḥ sa punas taṃ mahāmunim //
'Dann werden [die Menschen] in dieser Welt erkennen, dass Hari und Śiva eine [einzige] Gestalt sind.' — Da antwortete der Herr der Welt jenem großen Muni wiederum.
mamādiṣṭena viprendra kuru śīghraṃ śivālayam / tatprabhāvāc chivaloke tiṣṭha tvaṃ ca tathākṣayam //
— errichte, auf mein Geheiß, oh Fürst unter den Brahmanen, rasch einen Śiva-Tempel; durch dessen Kraft sollst du dann unvergänglich in der Śiva-Welt weilen.'
'Wenn Śiva installiert ist, oh Brahmane, geschieht [zugleich] meine Installation; zwischen uns beiden gibt es keinerlei Unterschied — [wir sind] eines Wesens, zu zweien gemacht.'
mohito nābhijānāti ya eva garuḍadhvajaḥ / vṛṣadhvajaḥ sa eveti tripuraghnaṃ trilocanam //
'Wer verblendet ist, erkennt nicht: „Der, der das Garuḍa-Banner trägt, ist eben derselbe, der das Stier-Banner trägt“ — [derselbe als] der Zerstörer der drei Städte, der Dreiäugige.'
tava nāmāṅkitaṃ tasmāt kuru vipra śivālayam / uttare devadevasya kuru tīrthaṃ suśobhanam //
'Errichte deshalb, oh Brahmane, den Śiva-Tempel, versehen mit deinem Namen; errichte im Norden des Gottes der Götter eine überaus prächtige Pilgerstätte.'
ity uktvā sa tadā devas tatraivāntaradhīyata / mārkaṇḍeyaṃ muniśreṣṭhāḥ sarvavyāpī janārdanaḥ //
So gesprochen habend, verschwand da jener Gott ebendort — Janārdana, der Alldurchdringende — vor Mārkaṇḍeya, oh beste der Munis.
Wort für Wort
iti uktvā
so gesprochen habend
sa tadā devaḥ
jener Gott da
tatra eva antaradhīyata
verschwand ebendort
mārkaṇḍeyam
vor Mārkaṇḍeya
muniśreṣṭhāḥ
oh beste der Munis
sarvavyāpī janārdanaḥ
der alldurchdringende Janārdana
[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}. Schließt Kap.56 und die gesamte Mārkaṇḍeya-Episode ab; Kap.57 wendet sich der Pañcatīrtha-Wallfahrtsordnung zu.]