Kapitel 60: nārāyaṇaparatvamārjanatarpaṇavidhivarṇanam
Matsyamādhavas Größe, die Allverbundenheit mit Nārāyaṇa und die Ordnung von Reinigungsbad, Sonnenverehrung und Ahnen-Wasseropfer
Nach der Erzählung von Śvetamādhava schildert Brahmā zunächst die Größe des Matsyamādhava (der Fisch-Avatāra-Gestalt Viṣṇus am selben Kṣetra) sowie eines weiteren, hier erstmals genannten Vatsamādhava-Bildnisses. Auf die Frage der Weisen nach der rituellen Reinigung am Meer folgt die Ordnung der fünf Pilgerstätten (Pañcatīrthī), das Kalpavṛkṣa-Ritual mit dem 'Svargadvāra' genannten Treibholz-Objekt, eine ausführliche Nārāyaṇa-Allverbundenheits-Lehre (V25-33, im Stil des Hari-Hara-Lehrstücks aus Kap.56), die silbenweise Aṅga-Nyāsa-Anlegung des Mantras 'oṃ namo nārāyaṇāya' sowie ein Kavaca der acht Viṣṇu-Richtungswächter (V40-42), ein Selbstidentifikations-Mantra, die Aghamarṣaṇa-Reinigung, Sonnenverehrung mit der Gāyatrī, und schließlich eine ausführliche Ritualordnung für das Ahnen-Wasseropfer (Tarpaṇa) mit mehreren Regeln über korrekte Handhaltung, Ort und Sesam-Verwendung.
Brahmā sprach: Nachdem er Śvetamādhava erblickt hat, [erblickt er] in der Nähe [auch] Matsyamādhava – die frühere, rötliche (Rohita) Gestalt, [einst] im Wasser des Ur-Ozeans (Ekārṇava) befindlich,
Wort für Wort
śvetamādhavam ālokya
Śvetamādhava erblickt habend
samīpe matsyamādhavam
in der Nähe Matsyamādhava
ekārṇavajale
im Wasser des Ur-Ozeans (Lok.)
pūrvam
früher, einst
rohitam rūpam
die rötliche Gestalt
āsthitam
befindlich
[Anm.: Der Satz erstreckt sich über mehrere Verse (V1-3) bis zum Hauptverb „vimucyate“ in V3.]
zum Zweck der Wiedergewinnung der Veden, im Grund der Unterwelt (Rasātala) weilend – nachdem sie [die Erde] die Erde vollständig bedacht hatte, an jenem Ort aufgestellt (Pratiṣṭhita),
Er gelangt zur höchsten Stätte, wo der Gott Hari selbst [weilt]; und wenn er zur [rechten] Zeit wieder hierher [auf die Erde] zurückkommt, wird er ein König auf Erden.
Nachdem er Vatsamādhava erlangt hat, wird der Mensch unangreifbar; er wird ein Geber, ein Genießer, ein Opferer, ein Vaiṣṇava, wahrhaftig in seinem Versprechen.
Wort für Wort
vatsamādhavam āsādya
Vatsamādhava erlangt habend
durādharṣaḥ bhavet naraḥ
der Mensch wird unangreifbar
dātā bhoktā bhavet yajvā
er wird Geber, Genießer, Opferer
vaiṣṇavaḥ satyasaṃgaraḥ
Vaiṣṇava, wahrhaftig im Versprechen
[Anm.: „Vatsamādhava“ – ein weiterer, hier erstmals genannter Name eines Mādhava-Bildnisses im Puruṣottama-Gebiet, neben Śveta-, Matsya- und Vaṭamādhava.]
Nachdem er danach die Vereinigung (Yoga) mit Hari erlangt hat, erlangt er darauf die Erlösung. Die Größe (Māhātmya) des Matsyamādhava wurde von mir verkündet – durch dessen Anblick man, ihr Tiger unter den Weisen, alle Wünsche erlangt.
Die Weisen sprachen: O Erhabener, wir möchten von der rituellen Reinigung (Mārjana) hören; am Wohnsitz Varuṇas [dem Meer] wird Baden, Spenden usw. vollzogen – verkünde dessen vollständige Frucht.
Brahmā sprach: Hört, ihr Tiger unter den Weisen, [die Regeln] der rituellen Reinigung vorschriftsgemäß; mit Hingabe aber, den Sinn darauf gerichtet, das höchste Verdienst erlangend,
Mārkaṇḍeya[-Teich], der Banyanbaum, Kṛṣṇa, der Sohn der Rohiṇī [Balarāma], der große Ozean, und der Indradyumna-See – dies ist, wie überliefert, die Ordnung der fünf Pilgerstätten (Pañcatīrthī).
Wort für Wort
mārkaṇḍeyam vaṭam kṛṣṇam
Mārkaṇḍeya[-Teich], Banyanbaum, Kṛṣṇa
rauhiṇeyam mahodadhim
den Sohn der Rohiṇī [Balarāma], den großen Ozean
indradyumnasaraḥ ca eva
und auch den Indradyumna-See
pañcatīrthīvidhiḥ smṛtaḥ
die Ordnung der fünf Pilgerstätten, wie überliefert
rein an Körper, Rede und Sinn, mit darauf gerichtetem Sinn, nicht anderweitig gesinnt, von allen Gegensatzpaaren befreit, frei von Leidenschaft, ohne Neid,
Wort für Wort
kāyavāṅmānasaiḥ śuddhaḥ
rein an Körper, Rede und Sinn
tadbhāvaḥ na anyamānasaḥ
darauf gerichteten Sinnes, nicht anderweitig gesinnt
durch dessen Anblick man von der Sünde befreit wird, die aus sieben Geburten entstanden ist, und man erlangt reichliches Verdienst und den gewünschten Weg, o Brahmanen.
tasya nāmāni vakṣyāmi pramāṇaṃ ca yuge yuge / yathāsaṃkhyaṃ ca bho viprāḥ kṛtādiṣu yathākramam // BrP_60.16 //
Dessen Namen werde ich verkünden, und das Maß (Pramāṇa) in jedem Zeitalter (Yuga), der Reihe nach, o Brahmanen, im Kṛta[yuga] usw., in [rechter] Ordnung.
‚Vaṭa‘ [Banyanbaum], ‚Vaṭeśvara‘ [Herr des Banyanbaums], ‚Kṛṣṇa‘, ‚Purāṇapuruṣa‘ [uralter Urgeist] – dies sind, o Zweifachgeborene, die Namen des Banyanbaums, die im Kṛta[yuga] usw. verkündet werden.
Ein Yojana minus ein Viertel, ein halbes Yojana, [und] die Hälfte davon – das Maß des Kalpavṛkṣa wird für [die Zeitalter] beginnend mit dem Kṛta[yuga] verkündet.
Wort für Wort
yojanam pādahīnam ca
ein Yojana minus ein Viertel
yojanārdham tadardhakam
ein halbes Yojana, die Hälfte davon
pramāṇam kalpavṛkṣasya
das Maß des Kalpavṛkṣa
kṛtādau parikīrtitam
verkündet für [die Zeitalter] beginnend mit Kṛta[yuga]
[Anm.: Die genaue, wohl abnehmende Größenreihe des Kalpavṛkṣa über die vier Yugas bleibt in der Kürze der Aufzählung unsicher [?], ähnlich früheren Maßangaben in diesem Werk.]
yathoktena tu mantreṇa namaskṛtvā tu taṃ vaṭam / dakṣiṇābhimukho gacched dhanvantaraśatatrayam // BrP_60.19 //
Nachdem man aber mit dem zuvor genannten Mantra jenen Banyanbaum verehrt hat, soll man, nach Süden gewandt, dreihundert Dhanus [Bogenlängen] weit gehen,
wo jener Viṣṇu erblickt wird [als] das entzückende „Himmelstor“ (Svargadvāra) – ein vom Meerwasser herangetragenes Holzstück, mit allen guten Eigenschaften versehen.
Wort für Wort
yatra asau dṛśyate viṣṇuḥ
wo jener Viṣṇu erblickt wird
svargadvāram manoramam
als das entzückende Himmelstor
sāgarāmbhaḥsamākṛṣṭam kāṣṭham
ein vom Meerwasser herangetragenes Holzstück
sarvaguṇānvitam
mit allen guten Eigenschaften versehen
[Anm.: Bezug auf ein an den Strand gespültes, als göttlich verehrtes Treibholz-Objekt namens „Svargadvāra“.]
Nachdem man sich vor ihm niedergeworfen und ihn dann wiederum verehrt hat, wird man von allen Krankheiten usw. sowie von Sünden und Planetendämonen (Graha) usw. befreit.
Nachdem [man,] wie einst Ugrasena, das Meer durch das Svargadvāra gesehen hat, dorthin gegangen, die Ācamana-Wasserhandlung vollzogen, dort rein, den höchsten Nārāyaṇa bedacht hat,
Wort für Wort
ugrasenam purā dṛṣṭvā [?]
wie einst Ugrasena gesehen habend [?]
svargadvāreṇa sāgaram
das Meer durch das Svargadvāra
gatvā ācamya śuciḥ tatra
dorthin gegangen, rein die Ācamana vollzogen
dhyātvā nārāyaṇam param
den höchsten Nārāyaṇa bedacht habend
[Anm.: Der Bezug auf „Ugrasena“ (Kṛṣṇas Großonkel, König von Mathurā) bleibt ohne nähere Erzählung unklar – vermutlich ein exemplarischer Verweis auf einen früheren Verehrer dieses Ritus [?].]
āpo narasya sūnutvān nārā itīha kīrtitāḥ / viṣṇos tās tv ayanaṃ pūrvaṃ tena nārāyaṇaḥ smṛtaḥ // BrP_60.25 //
Weil die Wasser Söhne des Nara sind, werden sie hier ‚Nārāḥ‘ genannt; und weil sie einst Viṣṇus Wohnstatt (Ayana) waren, wird er deshalb ‚Nārāyaṇa‘ genannt.
Wort für Wort
āpaḥ narasya sūnutvāt
weil die Wasser Söhne des Nara sind
nārāḥ iti iha kīrtitāḥ
werden sie hier 'Nārāḥ' genannt
viṣṇoḥ tāḥ tu ayanam pūrvam
und sie waren einst Viṣṇus Wohnstatt
tena nārāyaṇaḥ smṛtaḥ
deshalb wird er 'Nārāyaṇa' genannt
[Anm.: Die klassische Nārāyaṇa-Etymologie (āpo narāḥ – ayanam), bereits in Kap.56 V12 begegnet.]
Auf Nārāyaṇa gerichtet sind die Veden, auf Nārāyaṇa gerichtet die Zweifachgeborenen, auf Nārāyaṇa gerichtet die Opfer, auf Nārāyaṇa gerichtet die [rituellen] Handlungen.
nārāyaṇaparo vāyur nārāyaṇaparaṃ manaḥ / ahaṃkāraś ca buddhiś ca ubhe nārāyaṇātmake // BrP_60.28 //
Auf Nārāyaṇa gerichtet der Wind, auf Nārāyaṇa gerichtet der Geist (Manas); das Ich-Bewusstsein (Ahaṃkāra) und der Intellekt (Buddhi) – beide sind Nārāyaṇas Wesen.
Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, was auch immer als „Lebewesen“ bezeichnet wird, Grobes, Feines und das Höchste – alles ist Nārāyaṇas Wesen.
Der Schall und die übrigen Sinnesobjekte, das Gehör und die übrigen Sinnesorgane, die Urnatur (Prakṛti) und der Geist (Puruṣa) – alle sind Nārāyaṇas Wesen.
Im Wasser, auf dem Land, in der Unterwelt (Pātāla), in der Himmelswelt, im Luftraum, im Berg – all dies durchdringend/stützend, weilt der Herr Nārāyaṇa.
Und was [bedarf es] hier vieler Worte? Diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt, von Brahmā bis zum [leblosen] Grashalm, ist gänzlich Nārāyaṇas Wesen.
Ich sehe hier nichts, was höher wäre als Nārāyaṇa, o Brahmanen; von ihm ist all dies durchdrungen, das Sichtbare und Unsichtbare, das Bewegliche und Unbewegliche.
Wort für Wort
nārāyaṇāt param kiṃcit
etwas höher als Nārāyaṇa
na iha paśyāmi bhoḥ dvijāḥ
sehe ich hier nicht, o Brahmanen
tena vyāptam idam sarvam
von ihm ist all dies durchdrungen
dṛśyādṛśyam carācaram
das Sichtbare und Unsichtbare, Bewegliche und Unbewegliche
Besonders zur Zeit des Bades, im Wasser stehend, rein, soll man an Nārāyaṇa denken, ihn meditieren, und [das Mantra] auf Hand und Körper anlegen (Nyāsa).
oṃkāraṃ ca nakāraṃ ca aṅguṣṭhe hastayor nyaset / śeṣair hastatalaṃ yāvat tarjanyādiṣu vinyaset // BrP_60.36 //
Die Silbe Oṃ und die Silbe Na soll man auf die Daumen beider Hände legen; mit den übrigen [Silben] soll man bis zur Handfläche, auf Zeigefinger usw., anlegen.
Wort für Wort
oṃkāram ca nakāram ca
die Silbe Oṃ und die Silbe Na
aṅguṣṭhe hastayoḥ nyaset
soll man auf die Daumen beider Hände legen
śeṣaiḥ hastatalam yāvat
mit den übrigen bis zur Handfläche
tarjanyādiṣu vinyaset
auf Zeigefinger usw. anlegen
[Anm.: Beginn der silbenweisen Aufteilung des Mantras „oṃ namo nārāyaṇāya“ (oṃ-na-mo-nā-rā-ya-ṇā-ya) auf verschiedene Körperstellen (Aṅga-Nyāsa), V36-38.]
oṃkāraṃ vāmapāde tu nakāraṃ dakṣiṇe nyaset / mokāraṃ vāmakaṭyāṃ tu nākāraṃ dakṣiṇe nyaset // BrP_60.37 //
Die Silbe Oṃ aber auf den linken Fuß, die Silbe Na auf den rechten soll man legen; die Silbe Mo auf die linke Hüfte, die Silbe Nā auf die rechte soll man legen.
Die Silbe Rā aber auf den Nabelbereich, die Silbe Ya auf den linken Arm; die Silbe Ṇā auf den rechten [Arm] gelegt, und die Silbe Ya auf den Scheitel soll man legen.
Auf der Erde möge Varāha [der Eber] schützen, und ebenso oben Trivikrama; nachdem man so den Schutzpanzer errichtet hat, soll man danach sich selbst bedenken.
‚Du bist das Feuer, o Herr der Zweifüßler, der den Samen trägt, der das Verlangen entfacht; der Erste (Pradhāna) aller Wesen, der unvergängliche Herr der Lebewesen,
amṛtasyāraṇis tvaṃ hi devayonir apāṃ pate / vṛjinaṃ hara me sarvaṃ tīrtharāja namo 'stu te // BrP_60.45 //
du bist der Zündholz-Ursprung (Araṇi) des Nektars, der göttliche Ursprung, o Herr der Wasser; nimm all mein Unrecht/Übel hinweg, o König der Pilgerstätten, Verehrung sei dir.‘
evam uccārya vidhivat tataḥ snānaṃ samācaret / anyathā bho dvijaśreṣṭhāḥ snānaṃ tatra na śasyate // BrP_60.46 //
Nachdem man so vorschriftsgemäß gesprochen hat, soll man dann das Bad vollziehen; andernfalls, o beste der Zweifachgeborenen, wird das Bad dort nicht gepriesen [d.h. gilt als wirkungslos].
kṛtvā tu vaidikair mantrair abhiṣekaṃ ca mārjanam / antar jale japet paścāt trir āvṛttyāghamarṣaṇam // BrP_60.47 //
Nachdem man aber mit vedischen Mantras die Übergießung (Abhiṣeka) und rituelle Reinigung vollzogen hat, soll man danach im Wasser das Aghamarṣaṇa[-Sūkta] dreimal wiederholend murmeln,
denn wie das Pferdeopfer (Hayamedha), o Brahmanen, ein alle Sünde hinwegnehmendes Ritual ist, so ist auch hier das Aghamarṣaṇa-Sūkta ein alle Sünde vernichtender [Hymnentext].
Nachdem man [aus dem Wasser] herausgestiegen ist, zwei gewaschene, makellose Kleidungsstücke angelegt, die Atemzüge zurückgehalten (Prāṇāyāma), die Ācamana-Wasserhandlung vollzogen und die Sandhyā[-Andacht] verehrt hat, [soll man] Bhāskara [die Sonne verehren],
Wort für Wort
uttīrya
herausgestiegen
vāsasī dhaute nirmale paridhāya vai
zwei gewaschene, makellose Kleidungsstücke angelegt
soll man dann, nach oben eine Handvoll Blumen und Wasser werfend, [die Sonne] verehren; und, mit erhobenen Armen dastehend, mit deren Kennzeichen (Nāmen), Bhāskara [preisen],
nachdem man die Sonne umschritten (Pradakṣiṇa), sich verneigt und sich niedergesetzt hat, soll man, nach Osten gewandt, das vedische Rezitieren (Svādhyāya) vollziehend, den Göttern und Sehern Wasseropfer (Tarpaṇa) darbringen,
Wort für Wort
kṛtvā pradakṣiṇam sūryam
die Sonne umschritten habend
namaskṛtya upaviśya ca
sich verneigt und niedergesetzt
svādhyāyam prāṅmukhaḥ kṛtvā
nach Osten gewandt das vedische Rezitieren vollzogen
tarpayet daivatāni ṛṣīn
soll man den Göttern und Sehern Wasseropfer darbringen
und den [verstorbenen] Menschen, den Vorfahren (Pitṛ) und anderen, mit Namen und Gotra [nennend], der Mantra-Kundige, mit Wasser, mit Sesam vermischt, vorschriftsgemäß, wohlgesammelt [Tarpaṇa darbringen],
Nachdem der gesammelte [Brahmane] zuerst das Wasseropfer für die Götter vollzogen hat, wird der Zweifachgeborene danach berechtigt zum Wasseropfer für die Vorfahren.
Wort für Wort
tarpaṇam devatānām ca
und das Wasseropfer für die Götter
pūrvam kṛtvā samāhitaḥ
zuerst vollzogen, gesammelt
adhikārī bhavet paścāt
wird danach berechtigt
pitṝṇām tarpaṇe dvijaḥ
der Zweifachgeborene zum Wasseropfer für die Vorfahren
śrāddhe havanakāle ca pāṇinaikena nirvapet / tarpaṇe tūbhayaṃ kuryād eṣa eva vidhiḥ sadā // BrP_60.55 //
Beim Śrāddha[-Ritual] und zur Zeit der Feueropferung soll man mit einer Hand spenden; beim Tarpaṇa aber soll man beide [Hände] verwenden – dies ist stets die [richtige] Vorschrift.
anvārabdhena savyena pāṇinā dakṣiṇena tu / tṛpyatām iti siñcet tu nāmagotreṇa vāgyataḥ // BrP_60.56 //
Mit der linken Hand, die von der rechten berührt wird, soll man aber, schweigend, mit [Nennung von] Namen und Gotra, unter den Worten „möget ihr gesättigt sein“ [Wasser] gießen.
Wort für Wort
anvārabdhena savyena pāṇinā
mit der linken Hand, die berührt wird
dakṣiṇena tu
aber von der rechten
tṛpyatām iti siñcet tu
soll man unter 'möget ihr gesättigt sein' gießen
nāmagotreṇa vāgyataḥ
mit Namen und Gotra, schweigend
[Anm.: Die genaue Zuordnung der Hände (links berührt von rechts) ist knapp formuliert; sinngemäß wiedergegeben, vgl. übliche Tarpaṇa-Praxis.]
Wer aus Verblendung das Vorfahren-Wasseropfer mit Sesam vollzieht, der [noch] am Körper haftet, durch den werden die Vorfahren mit Haut, Fleisch, Blut und Knochen [statt mit reinem Opfer, gleichsam pervertiert] „gesättigt“.
Wort für Wort
kāyasthaiḥ yaḥ tilaiḥ mohāt
wer aus Verblendung mit am Körper haftendem Sesam
karoti pitṛtarpaṇam
das Vorfahren-Wasseropfer vollzieht
tarpitāḥ tena pitaraḥ
durch den werden die Vorfahren 'gesättigt'
tvaṅmāṃsarudhirāsthibhiḥ
mit Haut, Fleisch, Blut und Knochen
[Anm.: Dunkle, warnende Formulierung gegen die Verwendung unreinen/ungeeigneten Sesams beim Ahnenopfer.]
aṅgasthair na tilaiḥ kuryād devatāpitṛtarpaṇam / rudhiraṃ tad bhavet toyaṃ pradātā kilbiṣī bhavet // BrP_60.58 //
Man soll das Wasseropfer für Götter und Vorfahren nicht mit Sesam vollziehen, der [noch] am Körper[teil] haftet; jenes Wasser würde [dann] zu Blut, [und] der Spendende würde schuldbeladen.
Wort für Wort
aṅgasthaiḥ na tilaiḥ kuryāt
man soll nicht mit am Körper haftendem Sesam vollziehen
bhūmyāṃ yad dīyate toyaṃ dātā caiva jale sthitaḥ / vṛthā tan muniśārdūlā nopatiṣṭhati kasyacit // BrP_60.59 //
Das Wasser, das auf [trockenem] Boden gegeben wird, während der Geber [dabei] im Wasser steht – das ist, ihr Tiger unter den Weisen, vergeblich, es erreicht niemanden.
Wort für Wort
bhūmyām yat dīyate toyam
das Wasser, das auf dem Boden gegeben wird
dātā ca eva jale sthitaḥ
während der Geber im Wasser steht
vṛthā tat muniśārdūlāḥ
das ist vergeblich, ihr Tiger unter den Weisen
na upatiṣṭhati kasyacit
es erreicht niemanden
[Anm.: Der genaue Sinn der Orts-Kombination (Gabe auf dem Boden, Geber im Wasser) bleibt in der knappen Formulierung etwas unklar; sinngemäß als Regel gegen unpassende Orts-Kombinationen von Geber und Gabe gedeutet.]
udake nodakaṃ kuryāt pitṛbhyaś ca kadācana / uttīrya tu śucau deśe kuryād udakatarpaṇam // BrP_60.61 //
Man soll niemals Wasser für die Vorfahren [nur] ins Wasser [hinein] darbringen; sondern, [aus dem Wasser] herausgestiegen, soll man an reinem Ort das Wasseropfer vollziehen.
nodakeṣu na pātreṣu na kruddho naikapāṇinā / nopatiṣṭhati tat toyaṃ yad bhūmyāṃ na pradīyate // BrP_60.62 //
[Ein Wasseropfer,] das nicht auf den [trockenen] Boden gegeben wird, erreicht [die Vorfahren] nicht – weder [wenn es] in Gewässern [gegeben wird], noch in Gefäßen, noch im Zorn, noch mit nur einer Hand.
Die Erde wurde von mir, o Zweifachgeborene, den Vorfahren als unvergänglicher/unerschöpflicher Ort gegeben; deshalb soll, wer die Freude der Vorfahren wünscht, eben dort [die Gabe] darbringen.
Wort für Wort
pitṝṇām akṣayam sthānam
den Vorfahren als unvergänglicher Ort
mahī dattā mayā dvijāḥ
die Erde wurde von mir gegeben, o Zweifachgeborene
āstīrya ca kuśān sāgrāṃs tān āvāhya svamantrataḥ / prācīnāgreṣu vai devān yāmyāgreṣu tathā pitṝn // BrP_60.65 //
Und nachdem man Kuśa-Gras mit den Spitzen ausgebreitet hat, soll man dorthin, mit dem eigenen Mantra, [die Götter und Vorfahren] herbeirufen (Āvāhana) – bei den nach Osten gerichteten Spitzen die Götter, bei den nach Süden gerichteten ebenso die Vorfahren –
Wort für Wort
āstīrya ca kuśān sāgrān
und Kuśa-Gras mit Spitzen ausgebreitet habend
tān āvāhya svamantrataḥ
sie mit dem eigenen Mantra herbeigerufen
prācīnāgreṣu vai devān
bei den nach Osten gerichteten Spitzen die Götter
yāmyāgreṣu tathā pitṝn
bei den nach Süden gerichteten ebenso die Vorfahren
[Anm.: Der Satz setzt sich unmittelbar in Kapitel 61 fort.]