Kapitel 12: Yayāticaritam
Yayāti: der Wagen, der Fluch der Söhne und die Erneuerung der Jugend
Nahuṣas Sohn Yayāti heiratet Devayānī (Tochter des Uśanas/Śukra) und Śarmiṣṭhā (Tochter des Asura Vṛṣaparvan); aus beiden Ehen gehen die fünf Stammväter Yadu, Turvasu, Druhyu, Anu und Puru hervor, unter die Yayāti die Erde aufteilt. Ein Exkurs (V.9-17) verfolgt den Weiterbesitz von Yayātis wunderbarem, indra-geschenktem Wagen über die Kuru-/Bārhadratha-Linie (mit einer Nebenerzählung zu König Janamejaya, Brahmanenmord und Sühne-Aśvamedha) bis zu Jarāsandha und dessen Tod durch Bhīma, woraufhin der Wagen an Kṛṣṇa (Vāsudeva) übergeht. Im Zentrum des Kapitels steht die berühmte Erzählung, wie der alternde Yayāti seine Söhne bittet, sein Alter gegen ihre Jugend einzutauschen: nur der jüngste, Puru, willigt ein, während die vier älteren Söhne (Yadu, Turvasu, Druhyu, Anu) verweigern und dafür verflucht werden, keine Königsherrschaft zu erlangen. Nach Jahren erneuerter Jugend und Genusses gibt Yayāti, seiner Begierden überdrüssig, Purus Jugend zurück und spricht die berühmten, auch aus dem Mahābhārata bekannten Verse über die Unstillbarkeit der Begierde (V.40-46), bevor er mit seinen Gattinnen in den Wald zieht und durch Askese den Himmel erlangt.
nahuṣasya tu dāyādāḥ ṣaḍ indropamatejasaḥ // BrP_12.1 //
Nahuṣas Erben aber waren sechs, von Indra-gleicher Macht,
Wort für Wort
nahuṣasya tu dāyādāḥ
Nahuṣas Erben aber [waren]
ṣaṭ indropamatejasaḥ
sechs, von Indra-gleicher Macht
[Anm.: Dieser Vers besteht im Quelltext ungewöhnlicherweise nur aus einer Halbzeile statt der üblichen zwei – vermutlich eine beim Abschreiben verkürzte Verszählung. Zudem werden im folgenden Vers nur fünf Söhne namentlich genannt (Yati, Yayāti, Saṃyāti, Āyāti, Pārśvaka), nicht sechs; die Diskrepanz wird hier unaufgelöst wiedergegeben.]
Der höchst Rechtschaffene (Yayāti) erlangte die Tochter des Kakutstha, mit Namen Gā, zur Gattin; Yati aber, sich der Erlösung zuwendend, wurde ein zum Brahman gewordener Weiser.
Wort für Wort
kakutsthakanyām gām nāma
die Tochter des Kakutstha, mit Namen Gā,
lebhe paramadhārmikaḥ
erlangte der höchst Rechtschaffene [zur Gattin]
yatiḥ tu mokṣam āsthāya
Yati aber, sich der Erlösung zuwendend,
brahmabhūtaḥ abhavat muniḥ
wurde ein zum Brahman gewordener Weiser
[?: Der Bezug von „paramadhārmikaḥ“ (der höchst Rechtschaffene) ist grammatisch nicht zweifelsfrei; da unmittelbar zuvor Yayāti eingeführt wurde und die nächsten Verse dessen Werbung um Devayānī schildern, wird die Gattin „Gā“ hier probeweise ebenfalls Yayāti zugeordnet (als eine frühere, andernorts nicht erwähnte Nebengattin).]
sa tena rathamukhyena ṣaḍrātreṇājayan mahīm / yayātir yudhi durdharṣas tathā devān sadānavān // BrP_12.8 //
er, mit jenem vortrefflichen Wagen, in sechs Nächten die Erde erobernd, Yayāti, im Kampf unbezwingbar, ebenso [besiegte er] die Götter zusammen mit den Dānavas.
sarathaḥ kauravāṇāṃ tu sarveṣām abhavat tadā / saṃvartavasunāmnas tu kauravāj janamejayāt // BrP_12.9 //
Dieser Wagen aber gehörte da allen Kauravas; von dem Kaurava namens Saṃvartavasu bis zu Janamejaya,
Wort für Wort
sarathaḥ kauravāṇām tu
dieser Wagen aber der Kauravas
sarveṣām abhavat tadā
gehörte da allen
saṃvartavasunāmnaḥ tu
von dem [Kaurava] namens Saṃvartavasu
kauravāt janamejayāt
bis zum Kaurava Janamejaya
[Anm.: Es folgt ein Exkurs über den Weiterbesitz von Yayātis Wunderwagen durch die Kaurava-/Bārhadratha-Linie bis zu seiner Übergabe an Kṛṣṇa – eine Nebenerzählung, die den Hauptfaden (Yayātis Söhne) für die Verse 9-17 unterbricht.]
sa lohagandho vyanaśat tasyāvabhṛtham etya ca / sa ca divyaratho rājño vaśaś cedipates tadā // BrP_12.15 //
Der Blutgeruch verschwand, als er zu dessen Abschlussbad kam; und jener göttliche Wagen des Königs geriet damals in die Gewalt des Herrschers von Cedi.
Wort für Wort
sa lohagandhaḥ vyanaśat
der Blutgeruch verschwand
tasya avabhṛtham etya ca
als er zu dessen Abschlussbad kam
sa ca divyarathaḥ rājñaḥ
und jener göttliche Wagen des Königs
vaśaḥ cedipateḥ tadā
[geriet] damals in die Gewalt des Herrschers von Cedi
Von Śakra, zufrieden, gegeben, erlangte ihn von jenem (dem Cedi-Herrscher) Bṛhadratha; von Bṛhadratha gelangte er in ebensolcher Folge zu dem König, der als Bārhadratha (Nachkomme Bṛhadrathas, d.h. Jarāsandha) [bekannt ist].
Wort für Wort
dattaḥ śakreṇa tuṣṭena
von Śakra, zufrieden, gegeben,
lebhe tasmāt bṛhadrathaḥ
erlangte ihn von jenem Bṛhadratha
bṛhadrathāt krameṇa eva
von Bṛhadratha in ebensolcher Folge
gataḥ bārhadratham nṛpam
gelangte er zu dem König Bārhadratha
[Anm.: „Bārhadratha“ bezeichnet hier den berühmten Jarāsandha von Magadha als Nachkommen Bṛhadrathas, wie v.17 (Tod durch Bhīma) bestätigt.]
Yayāti aber, der Sohn des Nahuṣa, nachdem er die siebeninselige Erde samt ihrem Ozean erobert hatte, teilte da das Königreich fünffach unter seinen Söhnen auf.
Wort für Wort
saptadvīpām yayātiḥ tu
die siebeninselige [Erde] aber, Yayāti,
jitvā pṛthvīm sasāgarām
nachdem er die Erde samt ihrem Ozean erobert hatte,
in der südöstlichen Richtung [setzte] der kluge König Turvasu [ein]; durch sie wird diese ganze siebeninselige, städtereiche Erde,
Wort für Wort
diśi dakṣiṇapūrvasyām
in der südöstlichen Richtung
turvasum matimān nṛpaḥ
[setzte] der kluge König Turvasu [ein]
taiḥ iyam pṛthivī sarvā
durch sie [wird] diese ganze Erde
saptadvīpā sapattanā
siebeninselig, städtereich
[Anm.: Für Druhyu und Anu werden hier keine eigenen Himmelsrichtungen genannt (anders als etwa im Mahābhārata, wo meist alle vier älteren Brüder je eine Richtung erhalten); die Aufzählung bricht nach drei Namen (Yadu, Puru, Turvasu) ab.]
Nachdem er Bogen und Pfeile bei den fünf stierartigen Männern (seinen Söhnen) niedergelegt hatte, wurde der König altersschwach, nachdem er die Last [der Herrschaft] auf die Verwandten übertragen hatte.
Wort für Wort
dhanuḥ nyasya pṛṣatkān ca
nachdem er Bogen und Pfeile niedergelegt hatte
pañcabhiḥ puruṣarṣabhaiḥ
bei den fünf stierartigen Männern
jarāvān abhavat rājā
wurde der König altersschwach
bhāram āveśya bandhuṣu
nachdem er die Last auf die Verwandten übertragen hatte
{yayātir uvāca: } ka āśramas tavānyo 'sti ko vā dharmo vidhīyate / mām anādṛtya durbuddhe yad ahaṃ tava deśikaḥ // BrP_12.30 //
Yayāti sprach: „Welches andere Lebensstadium hast du, oder welcher Dharma wird [dir sonst] vorgeschrieben, mich mißachtend, o Übelgesinnter, der ich doch dein Lehrer/Führer bin?“
evam uktvā yaduṃ viprāḥ śaśāpainaṃ sa manyumān / arājyā te prajā mūḍha bhavitrīti na saṃśayaḥ // BrP_12.31 //
Nachdem er dies zu Yadu gesagt hatte, o Brahmanen, verfluchte er, von Zorn erfüllt, ihn: „Deine Nachkommen, o Tor, werden ohne Königsherrschaft sein, ohne Zweifel.“
Wort für Wort
evam uktvā yadum viprāḥ
nachdem er dies zu Yadu gesagt hatte, o Brahmanen,
„Jugendlich, in deiner Gestalt, möchte ich diese Erde durchwandern, nachdem ich mein Alter auf dich übertragen habe, o Puru, wenn du einverstanden bist.“
Wobei, o beste der Weisen, Verse von Yayāti gesungen wurden, mit denen man die Begierden gänzlich zurückziehen soll, wie eine Schildkröte ihre Glieder:
yat pṛthivyāṃ vrīhiyavaṃ hiraṇyaṃ paśavaḥ striyaḥ / nālam ekasya tat sarvam iti kṛtvā na muhyati // BrP_12.41 //
„Was an Reis und Gerste, Gold, Vieh und Frauen auf der Erde ist – all das genügt nicht für einen Einzigen; wer dies erkennt, wird nicht [mehr] getäuscht.
yadā tebhyo na bibheti yadā cāsmān na bibhyati / yadā necchati na dveṣṭi brahma saṃpadyate tadā // BrP_12.43 //
„Wenn man sich vor ihnen (den Wesen) nicht fürchtet, und wenn sie sich vor einem nicht fürchten, wenn man weder begehrt noch hasst, dann gelangt man zum Brahman.
yā dustyajā durmatibhir yā na jīryati jīryataḥ / yo 'sau prāṇāntiko rogaḥ tāṃ tṛṣṇāṃ tyajataḥ sukham // BrP_12.44 //
„Für den, der jenes Verlangen aufgibt – das für Übelgesinnte schwer aufzugeben ist, das nicht altert, auch wenn [der Mensch] altert, jene Krankheit, die erst mit dem [letzten] Atemzug endet – für den [gibt es] Glück.
Wort für Wort
yā dustyajā durmatibhiḥ
welches [Verlangen], schwer aufzugeben für Übelgesinnte,
yā na jīryati jīryataḥ
welches nicht altert, auch wenn [man] altert,
yaḥ asau prāṇāntikaḥ rogaḥ
jene Krankheit, die mit dem [letzten] Atem endet,
tām tṛṣṇām tyajataḥ sukham
für den, der jenes Verlangen aufgibt, [gibt es] Glück
jīryanti jīryataḥ keśā dantā jīryanti jīryataḥ / dhanāśā jīvitāśā ca jīryato 'pi na jīryati // BrP_12.45 //
„Es altern die Haare des Alternden, es altern die Zähne des Alternden; [doch] die Gier nach Reichtum und die Gier nach Leben altert auch bei dem Alternden nicht.
yac ca kāmasukhaṃ loke yac ca divyaṃ mahat sukham / tṛṣṇākṣayasukhasyaite nārhanti ṣoḍaśīṃ kalām // BrP_12.46 //
„Und was an Genusslust in der Welt ist, und was an großem himmlischen Glück – diese sind nicht wert ein Sechzehntel des Glücks der Erlöschung des Verlangens.“
Auf der Bhṛgu-Höhe erlangte der hochberühmte am Ende seiner Askese sein Ziel; nicht essend, seinen Leib aufgebend, erlangte er, mit seinen Gattinnen, den Himmel.
In seinem Geschlecht, o beste der Weisen, [gab es] fünf höchst vorzügliche königliche Weise, durch die die ganze Erde durchdrungen wurde, wie von den Strahlen der Sonne.
Das Geschlecht des Yadu aber werde ich verkünden – hört, [es ist] von Königen verehrt –, in dem Nārāyaṇa, Hari, der Träger des Vṛṣṇi-Geschlechts, geboren wurde.
Wort für Wort
yadoḥ tu vaṃśam vakṣyāmi
das Geschlecht des Yadu aber werde ich verkünden
śṛṇudhvam rājasatkṛtam
hört, [es ist] von Königen verehrt
yatra nārāyaṇaḥ jajñe
in dem Nārāyaṇa geboren wurde
hariḥ vṛṣṇikulodvahaḥ
Hari, der Träger des Vṛṣṇi-Geschlechts
Überleitung zu Kapitel 13 (Yadu-Genealogie, in der später Kṛṣṇa/Nārāyaṇa als Vṛṣṇi geboren wird).
Wohlgesinnt, mit Nachkommenschaft gesegnet, langlebig und ruhmreich wird der Mensch, der beständig diese Erzählung von Yayātis Wandel hört, o beste der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
susthaḥ prajāvān āyuṣmān
wohlgesinnt, mit Nachkommenschaft gesegnet, langlebig,
kīrtimān ca bhavet naraḥ
und ruhmreich wird der Mensch
yayāticaritam nityam idam
diese Erzählung von Yayātis Wandel beständig
śṛṇvan dvijottamāḥ
hörend, o beste der Zweifachgeborenen
Phalaśruti (Hörfrucht) zum Abschluss des Yayāti-Kapitels.