Kapitel 144: paruṣṇīsaṃgamatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Paruṣṇī-Saṃgama-Tīrtha (Aṅgiras, seine Gattin Ātreyī und Agnis vermittelnder Rat)
Atris Tochter Ātreyī wird mit dem aus Agnis Glutkohlen entstandenen Weisen Aṅgiras vermählt, der stets barsch zu ihr spricht. Auf ihre Klage hin rät ihr Schwiegervater Jvalana (Agni/Havyavāha), ihn bei erneutem Zorn mit Wasser zu überfluten; nach einem Disput über die scheinbar widersprüchlichen Rollen von Mutter und Gattin folgt Ātreyī dem Rat, wodurch beide besänftigt werden und Ātreyī zum mit der Gaṅgā vereinten Fluss Paruṣṇī wird. Ursprung des Paruṣṇī-Saṃgama-Tīrtha mit 3000 weiteren Tīrthas.
Brahmā sprach: Es gibt auch eine Tīrtha namens Paruṣṇī-Saṃgama, berühmt in den drei Welten. Ihr Wesen, das Sünden vernichtet, will ich verkünden - höre.
Wort für Wort
paruṣṇīsaṃgamaṃ ceti tīrthaṃ trailokyaviśrutam
Paruṣṇī-Saṃgama genannt (ist) die Tīrtha, berühmt in den drei Welten
tasya svarūpaṃ vakṣyāmi śṛṇu pāpavināśanam
ihr sündenvernichtendes Wesen werde ich verkünden, höre
putrās tv āṅgirasā nityaṃ pitaraṃ śamayanti te /
sā kadācid bhartṛvākyād udvignā paruṣākṣarāt /
kṛtāñjalipuṭā dīnā prābravīc chvaśuraṃ gurum //
Die Söhne, die Āṅgirasas, beschwichtigten stets ihren Vater. Sie aber, einst durch die barschen Worte ihres Gatten bekümmert, sprach elend, mit gefalteten Händen, zu ihrem ehrwürdigen Schwiegervater:
Wort für Wort
putrās tv āṅgirasā nityaṃ pitaraṃ śamayanti te
die Söhne, die Āṅgirasas, beschwichtigten stets den Vater
sā kadācid bhartṛvākyād udvignā paruṣākṣarāt
sie, einst durch die barschen Worte ihres Gatten bekümmert
kṛtāñjalipuṭā dīnā prābravīc chvaśuraṃ gurum
sprach elend, mit gefalteten Händen, zu ihrem ehrwürdigen Schwiegervater
{jvalana uvāca:} aṅgārebhyaḥ samudbhūto bhartā te hy aṅgirā ṛṣiḥ /
yathā śānto bhaved bhadre tathā nītir vidhīyatām //
Jvalana sprach: Dein Gatte, der Weise Aṅgiras, ist aus Glutkohlen entstanden. Damit er besänftigt werde, o Gute, soll folgende Vorgehensweise angewandt werden:
Wort für Wort
aṅgārebhyaḥ samudbhūto bhartā te hy aṅgirā ṛṣiḥ
aus Glutkohlen entstanden ist dein Gatte, der Weise Aṅgiras
yathā śānto bhaved bhadre tathā nītir vidhīyatām
damit er besänftigt werde, o Gute, soll so verfahren werden
Wenn dein aus Feuer stammender Gatte, o Schönantlitzige, wieder in den Feuerzustand gerät, dann sollst du ihn in Gestalt von Wasser überfluten - auf mein Geheiß.
Wort für Wort
āgneyo 'gniṃ samāyāto tava bhartā varānane
wenn dein feuriger Gatte in den Feuerzustand gerät, o Schönantlitzige
tadā tvaṃ jalarūpeṇa plāvayethā madājñayā
dann sollst du ihn in Gestalt von Wasser überfluten, auf mein Geheiß
Ātreyī sprach: Ich will die barschen Worte ertragen - nur soll mein Gatte nicht ganz ins Feuer eingehen! Was nützt Frauen, die ihrem Gatten zuwiderhandeln, das Leben?
Wort für Wort
saheyaṃ paruṣaṃ vākyaṃ mā bhartāgniṃ samāviśet
ich will die barschen Worte ertragen - nur soll mein Gatte nicht ins Feuer eingehen
bhartari pratikūlānāṃ yoṣitāṃ jīvanena kim
was nützt Frauen, die ihrem Gatten zuwiderhandeln, das Leben
{jvalana uvāca:} agnis tv apsu śarīreṣu sthāvare jaṅgame tathā /
tava bhartur ahaṃ dhāma nityaṃ ca janako mataḥ //
Jvalana sprach: Feuer ist im Wasser, in den Körpern, im Unbeweglichen wie im Beweglichen zugegen; ich bin stets die Wohnstatt deines Gatten und gelte als sein Erzeuger.
Wort für Wort
agnis tv apsu śarīreṣu sthāvare jaṅgame tathā
Feuer ist im Wasser, in den Körpern, im Unbeweglichen wie im Beweglichen
tava bhartur ahaṃ dhāma nityaṃ ca janako mataḥ
ich bin stets die Wohnstatt deines Gatten und gelte als sein Erzeuger
yo 'haṃ so 'ham iti jñātvā na cintāṃ kartum arhasi /
kiṃ cāpo mātaro devyo hy agniḥ śvaśura ity api /
iti buddhyā viniścitya mā viṣaṇṇā bhava snuṣe //
Wisse: 'Wer ich bin, der ist er (dein Gatte)' - so sollst du dir keine Sorge machen. Sind nicht auch die Wasser göttliche Mütter, und ist nicht auch Agni dein Schwiegervater? So im Geiste entschlossen, sei nicht betrübt, o Schwiegertochter.
Wort für Wort
yo 'haṃ so 'ham iti jñātvā na cintāṃ kartum arhasi
wisse: 'wer ich bin, der ist er' - du sollst dir keine Sorge machen
kiṃ cāpo mātaro devyo hy agniḥ śvaśura ity api
sind nicht auch die Wasser göttliche Mütter, und ist nicht Agni (dein) Schwiegervater?
iti buddhyā viniścitya mā viṣaṇṇā bhava snuṣe
so im Geiste entschlossen, sei nicht betrübt, o Schwiegertochter
Die Schwiegertochter sprach: Was du gesagt hast, dass die Wasser Mütter seien - ich bin die Gattin deines Sohnes Agni; wie könnte ich zugleich Mutter und Gattin sein? Das ist, o Herr, widersprüchlich, in Wassergestalt (zu handeln).
Wort für Wort
āpo jananya iti yad babhāṣe
was du gesagt hast, dass die Wasser Mütter seien
agner ahaṃ tava putrasya bhāryā
ich bin die Gattin deines Sohnes Agni
kathaṃ bhūtvā jananī cāpi bhāryā
wie könnte ich zugleich Mutter und Gattin sein
viruddham etaj jalarūpeṇa nātha
das ist, o Herr, widersprüchlich, in Wassergestalt
[Anm.: Ab hier V.17-19 in einem Erzählmetrum mit vierzeiligen, pādaweise gezählten Versen.]
{jvalana uvāca:} ādau tu patnī bharaṇāt tu bhāryā
janes tu jāyā svaguṇaiḥ kalatram
ityādirūpāṇi bibharṣi bhadre
kuruṣva vākyaṃ madudīritaṃ yat //
Jvalana sprach: Zuerst heißt sie Patnī, wegen des Erhaltens Bhāryā, wegen des Gebärens Jāyā, durch ihre eigenen Vorzüge Kalatra - diese und ähnliche Gestalten trägst du, Gute. Tu, was ich dir aufgetragen habe.
Wort für Wort
ādau tu patnī bharaṇāt tu bhāryā
zuerst (heißt sie) Patnī, wegen des Erhaltens Bhāryā
janes tu jāyā svaguṇaiḥ kalatram
wegen des Gebärens Jāyā, durch eigene Vorzüge Kalatra
ityādirūpāṇi bibharṣi bhadre
diese und ähnliche Gestalten trägst du, Gute
kuruṣva vākyaṃ madudīritaṃ yat
tu, was von mir gesagt wurde
[Anm.: Aufzählung der traditionellen Bezeichnungen für 'Ehefrau' je nach Funktion (patnī, bhāryā, jāyā, kalatra).]
yo 'syāṃ prajātaḥ sa tu putra eva
sā tasya mātaiva na saṃśayo 'tra
tasmād vadanti śrutitattvavijñāḥ
sā naiva yoṣit tanaye 'bhijāte //
Wer aus ihr geboren wird, der ist eben ihr Sohn, und sie ist eben dessen Mutter - daran besteht kein Zweifel. Daher sagen die der Wahrheit der Śruti Kundigen: Sobald der Sohn geboren ist, ist sie nicht mehr nur Frau (im ehelichen Sinn).
Wort für Wort
yo 'syāṃ prajātaḥ sa tu putra eva
wer aus ihr geboren wird, der ist eben (ihr) Sohn
sā tasya mātaiva na saṃśayo 'tra
sie ist eben dessen Mutter - daran ist kein Zweifel
tasmād vadanti śrutitattvavijñāḥ
daher sagen die der Wahrheit der Śruti Kundigen
sā naiva yoṣit tanaye 'bhijāte
sie ist, sobald der Sohn geboren ist, nicht mehr (nur) Frau
[Anm.: Sinngemäß - Aussage über den Rollenwandel der Frau nach der Geburt eines Sohnes, im Kontext von Jvalanas Argumentation, dass Ātreyīs Rolle als 'Mutter' (durch das Wasser) nicht ihrer Rolle als Gattin widerspricht.]
{brahmovāca:} śvaśurasya tu tad vākyaṃ śrutvātreyī tadaiva tat /
āgneyaṃ rūpam āpannam ambhasāplāvayat patim //
Brahmā sprach: Als Ātreyī diese Worte ihres Schwiegervaters vernommen hatte, überflutete sie sogleich ihren Gatten, der die Gestalt des Feuers angenommen hatte, mit Wasser.
Wort für Wort
śvaśurasya tu tad vākyaṃ śrutvātreyī tadaiva tat
als Ātreyī diese Worte des Schwiegervaters vernommen hatte, sogleich
āgneyaṃ rūpam āpannam ambhasāplāvayat patim
überflutete sie den Gatten, der Feuergestalt angenommen hatte, mit Wasser
Sie, die ihren Gatten überflutete, nahm eine aus Wasser bestehende Gestalt an; als Paruṣṇī bekannt, wurde sie zu einem mit der Gaṅgā vereinigten Fluss.
Wort für Wort
bhartāraṃ plāvayantī sā dadhārāmbumayaṃ vapuḥ
sie, die den Gatten überflutete, nahm eine wasserne Gestalt an
paruṣṇī ceti vikhyātā gaṅgayā saṃgatā nadī
als Paruṣṇī bekannt, ein mit der Gaṅgā vereinigter Fluss
gośatārpaṇajaṃ puṇyaṃ paruṣṇīsnānato bhavet /
tatra cāṅgirasāś cakrur yajñāṃś ca bahudakṣiṇān //
Das Verdienst, das aus der Schenkung von hundert Kühen entsteht, erlangt man durch das Bad in der Paruṣṇī. Dort vollzogen die Āṅgirasas Opfer mit reichen Priestergaben.
Wort für Wort
gośatārpaṇajaṃ puṇyaṃ paruṣṇīsnānato bhavet
das Verdienst aus der Schenkung von hundert Kühen entsteht durch das Bad in der Paruṣṇī
tatra cāṅgirasāś cakrur yajñāṃś ca bahudakṣiṇān
dort vollzogen die Āṅgirasas Opfer mit reichen Priestergaben