Kapitel 225: dānahiṃsādikarmaphalavarṇanam (umāmaheśvarasaṃvādaḥ)
Die Darlegung der Früchte von Spende, Gewalt und anderen Taten (Fortsetzung des Dialogs von Umā und Maheśvara)
Umā fragt weiter, welcher Wandel, welche Taten und welche Art von Spende zum Himmel führen. Maheśvara antwortet zunächst mit einer ausführlichen Schilderung der Freigebigen, die zum Himmel und dann in reiche Familien wiedergeboren werden (V.2-9), im Gegensatz zu den Geizigen und Hochmütigen, die zur Hölle und dann in mittellose bzw. verachtete Familien geraten (V.10-23), sowie den Demütigen und Gastfreundlichen, die ebenfalls zum Himmel gelangen (V.24-30). Ein zweiter Abschnitt (V.31-41) behandelt Gewalttätigkeit gegenüber Lebewesen als Höllenursache und Gewaltlosigkeit als Himmelsursache. Ein dritter Frageblock (V.42-52) behandelt die Ursachen von Weisheit/Dummheit sowie von Blindheit, Krankheit und Unmännlichkeit (Klībatva) als Folgen bestimmter sexueller Verfehlungen. Ein vierter Block (V.53-56) behandelt tadelhafte und tadellose Taten allgemein, ein fünfter (V.57-63) die Ursachen für Gelübdetreue, Gelübdebruch (Brahmarākṣasa-Werdung) und bloß äußerliches Opferwesen. Das Kapitel schließt mit Maheśvaras zusammenfassender Erklärung, den 'Ozean des Dharmas' hinsichtlich Gut und Böse dargelegt zu haben.
Umā sprach: Von welcher Sittlichkeit, von welchem Wandel und durch welche Taten gelangt ein Mensch zum Himmel, und wodurch, durch welche Art von Spende?
Wort für Wort
{umovāca:} kiṃśīlaḥ kiṃsamācāraḥ puruṣaḥ kaiś ca karmabhiḥ /
Umā sprach: Von welcher Sittlichkeit, von welchem Wandel und durch welche Taten,
svargaṃ samabhipadyeta saṃpradānena kena vā //
gelangt ein Mensch zum Himmel, und wodurch, durch welche Art von Spende?
Fortsetzung der Frage Umās aus Kap.224, hier mit neuem Adhyāya-Zählwerk als BrP_225.1 markiert.
Maheśvara sprach: Wer ein Geber ist, ein Ehrer der Brahmanen, hochgesinnt gegenüber Elenden, Leidenden und Bedürftigen, wer Speisen zum Kauen und zum Essen, Reis, Getränke und Kleider spendet,
wer Herbergen, Versammlungshallen, Trinkwasserstellen und Lotusteiche errichtet, wer rein und eifrig die täglichen Pflichten und andere Werke verrichtet,
dīnāndhakṛpaṇān dṛṣṭvā bhikṣukān atithīn api /
yācyamānā nivartante jihvālobhasamanvitāḥ //
die, wenn sie Elende, Blinde, Bedürftige, Bettler und auch Gäste sehen und um Gabe gebeten werden, sich abwenden, von Gier nach dem eigenen Genuss erfüllt,
Wort für Wort
dīnāndhakṛpaṇān dṛṣṭvā bhikṣukān atithīn api /
die, wenn sie Elende, Blinde, Bedürftige, Bettler und auch Gäste sehen,
yācyamānā nivartante jihvālobhasamanvitāḥ //
sich beim Bitten abwenden, von Gier nach dem eigenen Genuss erfüllt,
apralubdhāś ca ye lubdhā nāstikā dānavarjitaḥ /
evaṃbhūtā narā devi nirayaṃ yānty abuddhayaḥ //
die überaus geizigen, gottlosen, freigebigkeitslosen Menschen solcher Art, o Göttin, unklug, gehen zur Hölle.
Wort für Wort
apralubdhāś ca ye lubdhā nāstikā dānavarjitaḥ /
Die überaus geizigen, gottlosen, freigebigkeitslosen Menschen [?],
evaṃbhūtā narā devi nirayaṃ yānty abuddhayaḥ //
solcher Art, o Göttin, gehen unklug zur Hölle.
[Anm.] 'apralubdhāś ca ye lubdhā' ist wörtlich widersprüchlich ('die Nicht-Gierigen, die gierig sind'); sinngemäß als Steigerung ('die überaus Gierigen') übersetzt.
apare dambhino nityaṃ māninaḥ parato ratāḥ /
āsanārhasya ye pīṭhaṃ na yacchanty alpacetasaḥ //
Andere, stets heuchlerisch und hochmütig, an Überheblichkeit gegen andere erfreut, die einem Sitzwürdigen nicht den Ehrensitz geben, von geringem Sinn,
Wort für Wort
apare dambhino nityaṃ māninaḥ parato ratāḥ /
Andere, stets heuchlerisch und hochmütig, an Überheblichkeit gegen andere erfreut,
āsanārhasya ye pīṭhaṃ na yacchanty alpacetasaḥ //
die einem Sitzwürdigen nicht den Ehrensitz geben, von geringem Sinn,
kuleṣu te 'bhijāyante guruvṛddhopatāpinaḥ /
na dambhī na ca mānī yo devatātithipūjakaḥ //
Sie, die Lehrer und Alte quälten, werden in solchen Familien geboren. — Wer aber nicht heuchlerisch und nicht hochmütig ist, wer Götter und Gäste verehrt,
Wort für Wort
kuleṣu te 'bhijāyante guruvṛddhopatāpinaḥ /
Sie, die Lehrer und Alte quälten, werden in solchen Familien geboren.
na dambhī na ca mānī yo devatātithipūjakaḥ //
— Wer aber nicht heuchlerisch und nicht hochmütig ist, wer Götter und Gäste verehrt,
[Anm.] Der Vers wechselt hier von der Schilderung der Übeltäter zur positiven Gegenfigur, die in den folgenden Versen fortgeführt wird; sinngemäß übersetzt.
Von dort zur Menschheit zurückgekehrt, wird er in einer ausgezeichneten Familie geboren; dort ist er mit reichlichen Genüssen und allen Juwelen ausgestattet.
Wort für Wort
tato mānuṣyam āsādya viśiṣṭakulajo bhavet /
Von dort zur Menschheit zurückgekehrt, wird er in einer ausgezeichneten Familie geboren;
tatrāsau vipulair bhogaiḥ sarvaratnasamāyutaḥ //
dort ist er mit reichlichen Genüssen und allen Juwelen ausgestattet.
Von der Welt gehasst, der Niedrigste der Menschen, durch die selbstgeschaffenen Früchte seiner Tat — dies ist, o Göttin, unter den Menschen, unter Verwandten und Freunden, zu erkennen.
sa cet svargakṣayān martyo manuṣyeṣūpajāyate /
alpāyāso nirātaṅkaḥ sa jātaḥ sukham edhate //
Wird dieser Sterbliche, sobald der Himmel erschöpft ist, unter den Menschen wiedergeboren, so gedeiht er, geboren, mit geringer Mühsal und ohne Krankheit, im Glück.
Wort für Wort
sa cet svargakṣayān martyo manuṣyeṣūpajāyate /
Wird dieser Sterbliche, sobald der Himmel erschöpft ist, unter den Menschen wiedergeboren,
alpāyāso nirātaṅkaḥ sa jātaḥ sukham edhate //
so gedeiht er, geboren, mit geringer Mühsal und ohne Krankheit, im Glück.
{umovāca:} ime manuṣyā dṛśyante ūhāpohaviśāradāḥ /
jñānavijñānasaṃpannāḥ prajñāvanto 'rthakovidāḥ //
Umā sprach: Man sieht Menschen, die in Erwägen und Verwerfen (im logischen Schließen) bewandert sind, mit Wissen und Erkenntnis begabt, weise und sachkundig in weltlichen Angelegenheiten,
Wort für Wort
{umovāca:} ime manuṣyā dṛśyante ūhāpohaviśāradāḥ /
Umā sprach: Man sieht Menschen, die im Erwägen und Verwerfen (im logischen Schließen) bewandert sind,
jñānavijñānasaṃpannāḥ prajñāvanto 'rthakovidāḥ //
mit Wissen und Erkenntnis begabt, weise und sachkundig in weltlichen Angelegenheiten,
jātyandhāś cāpare deva rogārtāś cāpare tathā /
narāḥ klībāś ca dṛśyante kāraṇaṃ brūhi tatra vai //
Und andere Menschen sieht man von Geburt an blind, o Gott, andere wiederum krankheitsgeplagt, und andere unmännlich (klība) — nenne mir dafür den Grund.
Wort für Wort
jātyandhāś cāpare deva rogārtāś cāpare tathā /
Und andere Menschen sieht man von Geburt an blind, o Gott, andere wiederum krankheitsgeplagt,
narāḥ klībāś ca dṛśyante kāraṇaṃ brūhi tatra vai //
und andere unmännlich (klība) — nenne mir dafür den Grund.
ye tu mūḍhā durācārā viyonau maithune ratāḥ /
puruṣeṣu suduṣprajñāḥ klībatvam upayānti te //
Die aber, die töricht und übel im Wandel sind, sich am Geschlechtsverkehr in einem unpassenden Schoß (widernatürlichem Verkehr) erfreuen, von sehr schlechtem Verstand, mit Männern — sie erlangen Unmännlichkeit (Klībatva).
Wort für Wort
ye tu mūḍhā durācārā viyonau maithune ratāḥ /
Die aber, die töricht und übel im Wandel sind, sich am Geschlechtsverkehr in einem unpassenden Schoß erfreuen,
puruṣeṣu suduṣprajñāḥ klībatvam upayānti te //
von sehr schlechtem Verstand, mit Männern — sie erlangen Unmännlichkeit (Klībatva).
paśūṃś ca ye vai badhnanti ye caiva gurutalpagāḥ /
prakīrṇamaithunā ye ca klībā jāyanti vai narāḥ //
Und die, welche sich an Tieren vergehen, und die, welche das Bett des Lehrers (dessen Frau) besudeln, und die, welche wahllosen Geschlechtsverkehr treiben — solche Menschen werden unmännlich geboren.
Wort für Wort
paśūṃś ca ye vai badhnanti ye caiva gurutalpagāḥ /
Und die, welche sich an Tieren vergehen [?], und die, welche das Bett des Lehrers besudeln,
prakīrṇamaithunā ye ca klībā jāyanti vai narāḥ //
und die, welche wahllosen Geschlechtsverkehr treiben — solche Menschen werden unmännlich geboren.
[Anm.] 'badhnanti' hier im Kontext der umgebenden Verse als sexueller Missbrauch von Tieren (Bestialität) verstanden.
Maheśvara sprach: Wer, stets den besseren Weg suchend, die Zweifachgeborenen befragt, den Dharma erforscht und nach Tugend verlangt, der erlangt den Himmel.
Manche Menschen halten Gelübde, dem Glauben und der Selbstbeherrschung hingegeben; andere aber sind gelübdelos, von den Regeln abgefallen, den Rākṣasas gleich.
Wort für Wort
vratavanto narāḥ kecic chraddhādamaparāyaṇāḥ /
Manche Menschen halten Gelübde, dem Glauben und der Selbstbeherrschung hingegeben;
avratā bhraṣṭaniyamās tathānye rākṣasopamāḥ //
andere aber sind gelübdelos, von den Regeln abgefallen, den Rākṣasas gleich.
Maheśvara sprach: Diejenigen, die den von der Überlieferung, der allgemeinen Sitte und dem Dharma einst festgesetzten Grenzen gemäß der heiligen Autorität folgen, erweisen sich als fest in ihren Gelübden.
adharmaṃ dharmam ity āhur ye ca mohavaśaṃ gatāḥ /
avratā naṣṭamaryādās te narā brahmarākṣasāḥ //
Die aber, der Verblendung verfallen, das Unrecht Dharma nennen, gelübdelos, mit zerstörten Grenzen — diese Menschen werden zu Brahmarākṣasas (Brahmanen-Dämonen).
Wort für Wort
adharmaṃ dharmam ity āhur ye ca mohavaśaṃ gatāḥ /
Die aber, der Verblendung verfallen, das Unrecht Dharma nennen,
avratā naṣṭamaryādās te narā brahmarākṣasāḥ //
gelübdelos, mit zerstörten Grenzen — diese Menschen werden zu Brahmarākṣasas.