Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 230: kalisvarūpavarṇanaṃ kaliyugadharmavarṇanaṃ ca Die Darlegung des Wesens des Kali-Zeitalters und seines Dharma

{munaya ūcuḥ:} asmābhis tu śrutaṃ vyāsa yat tvayā samudāhṛtam / prādurbhāvāśritaṃ puṇyaṃ māyā viṣṇoś ca durvidā //

Die Munis sprachen: 'Wir haben, Vyāsa, gehört, was von dir verkündet wurde: das heilige (Lehrgut), das auf der Erscheinung (Viṣṇus) beruht, und Viṣṇus schwer erkennbare Māyā.'

Wort für Wort
{munaya ūcuḥ:} asmābhis tu śrutaṃ vyāsa yat tvayā samudāhṛtam /
Die Munis sprachen: 'Wir haben, Vyāsa, gehört, was von dir verkündet wurde:'
prādurbhāvāśritaṃ puṇyaṃ māyā viṣṇoś ca durvidā //
'das heilige Lehrgut, das auf der Erscheinung Viṣṇus beruht, und Viṣṇus schwer erkennbare Māyā.'

śrotum icchāmahe tvatto yathāvad upasaṃhṛtim / mahāpralayasaṃjñāṃ ca kalpānte ca mahāmune //

'Wir wünschen von dir zu hören, wie es sich gebührt, von der Auflösung (der Welt), und von dem, was am Ende eines Kalpa als 'Großer Weltuntergang' (Mahāpralaya) bezeichnet wird, o großer Weiser.'

Wort für Wort
śrotum icchāmahe tvatto yathāvad upasaṃhṛtim /
'Wir wünschen von dir zu hören, wie es sich gebührt, von der Auflösung der Welt,'
mahāpralayasaṃjñāṃ ca kalpānte ca mahāmune //
'und von dem, was am Ende eines Kalpa als Großer Weltuntergang bezeichnet wird, o großer Weiser.'

{vyāsa uvāca:} śrūyatāṃ bho muniśreṣṭhā yathāvad anusaṃhṛtiḥ / kalpānte prākṛte caiva pralaye jāyate yathā //

Vyāsa sprach: 'Höret, o Beste der Munis, wie es sich gebührt, wie die Auflösung geschieht, sowohl am Ende eines Kalpa als auch bei der elementaren (Welt-)Auflösung.'

Wort für Wort
{vyāsa uvāca:} śrūyatāṃ bho muniśreṣṭhā yathāvad anusaṃhṛtiḥ /
Vyāsa sprach: 'Höret, o Beste der Munis, wie es sich gebührt, wie die Auflösung geschieht,'
kalpānte prākṛte caiva pralaye jāyate yathā //
'sowohl am Ende eines Kalpa als auch bei der elementaren Weltauflösung.'

ahorātraṃ pitṝṇāṃ tu māso 'bdaṃ tridivaukasām / caturyugasahasre tu brahmaṇo 'har dvijottamāḥ //

'Ein Tag und eine Nacht der Ahnen (Pitṛs) ist (unser) Monat; ein Jahr (ist der Tag) der Himmelsbewohner (Götter); tausend Vierergruppen von Zeitaltern (Caturyugas) aber sind ein Tag Brahmās, o Beste der Zweifachgeborenen.'

Wort für Wort
ahorātraṃ pitṝṇāṃ tu māso 'bdaṃ tridivaukasām /
'Ein Tag und eine Nacht der Ahnen ist unser Monat; ein Jahr ist der Tag der Himmelsbewohner;'
caturyugasahasre tu brahmaṇo 'har dvijottamāḥ //
'tausend Vierergruppen von Zeitaltern aber sind ein Tag Brahmās, o Beste der Zweifachgeborenen.'

kṛtaṃ tretā dvāparaṃ ca kaliś ceti caturyugam / daivair varṣasahasrais tu tad dvādaśābhir ucyate //

'Kṛta, Tretā, Dvāpara und Kali — so heißt das Vierzeitalter (Caturyuga); es wird als aus zwölftausend Götterjahren bestehend bezeichnet.'

Wort für Wort
kṛtaṃ tretā dvāparaṃ ca kaliś ceti caturyugam /
'Kṛta, Tretā, Dvāpara und Kali — so heißt das Vierzeitalter;'
daivair varṣasahasrais tu tad dvādaśābhir ucyate //
'es wird als aus zwölftausend Götterjahren bestehend bezeichnet.'

caturyugāṇy aśeṣāṇi sadṛśāni svarūpataḥ / ādyaṃ kṛtayugaṃ proktaṃ munayo 'ntyaṃ tathā kalim //

'Alle Vierzeitalter sind ihrem Wesen nach einander gleich; das erste heißt Kṛtayuga, o Munis, und ebenso das letzte Kali.'

Wort für Wort
caturyugāṇy aśeṣāṇi sadṛśāni svarūpataḥ /
'Alle Vierzeitalter sind ihrem Wesen nach einander gleich;'
ādyaṃ kṛtayugaṃ proktaṃ munayo 'ntyaṃ tathā kalim //
'das erste heißt Kṛtayuga, o Munis, und ebenso das letzte Kali.'

ādye kṛtayuge sargo brahmaṇā kriyate yataḥ / kriyate copasaṃhāras tathānte 'pi kalau yuge //

'Denn im ersten, dem Kṛtayuga, wird die Schöpfung von Brahmā vollzogen; und ebenso wird auch am Ende, im Kali-Zeitalter, die Auflösung vollzogen.'

Wort für Wort
ādye kṛtayuge sargo brahmaṇā kriyate yataḥ /
'Denn im ersten, dem Kṛtayuga, wird die Schöpfung von Brahmā vollzogen;'
kriyate copasaṃhāras tathānte 'pi kalau yuge //
'und ebenso wird auch am Ende, im Kali-Zeitalter, die Auflösung vollzogen.'

{munaya ūcuḥ:} kaleḥ svarūpaṃ bhagavan vistarād vaktum arhasi / dharmaś catuṣpād bhagavān yasmin vaikalyam ṛcchati //

Die Munis sprachen: 'Das Wesen des Kali sollst du, o Herr, ausführlich darlegen — (das Zeitalter,) in dem der vierfüßige Dharma, o Erhabener, zur Verstümmelung gelangt.'

Wort für Wort
{munaya ūcuḥ:} kaleḥ svarūpaṃ bhagavan vistarād vaktum arhasi /
Die Munis sprachen: 'Das Wesen des Kali sollst du, o Herr, ausführlich darlegen —'
dharmaś catuṣpād bhagavān yasmin vaikalyam ṛcchati //
'das Zeitalter, in dem der vierfüßige Dharma, o Erhabener, zur Verstümmelung gelangt.'

{vyāsa uvāca:} kalisvarūpaṃ bho viprā yat pṛcchadhvaṃ mamānaghāḥ / nibodhadhvaṃ samāsena vartate yan mahattaram //

Vyāsa sprach: 'Das Wesen des Kali, o sündenlose Brahmanen, wonach ihr mich fragt — vernehmt in Kürze, was daran das Bedeutsamste ist, das (in ihm) vorherrscht.'

Wort für Wort
{vyāsa uvāca:} kalisvarūpaṃ bho viprā yat pṛcchadhvaṃ mamānaghāḥ /
Vyāsa sprach: 'Das Wesen des Kali, o sündenlose Brahmanen, wonach ihr mich fragt —'
nibodhadhvaṃ samāsena vartate yan mahattaram //
'vernehmt in Kürze, was daran das Bedeutsamste ist, das in ihm vorherrscht.'

varṇāśramācāravatī pravṛttir na kalau nṛṇām / na sāma-ṛgyajurveda- viniṣpādanahaitukī //

'Im Kali gibt es für die Menschen kein Wirken mehr, das dem Brauch von Kaste und Lebensstufe (Varṇāśrama) entspricht; auch keines, das in der Vollendung von Sāma-, Ṛg- und Yajurveda begründet ist.'

Wort für Wort
varṇāśramācāravatī pravṛttir na kalau nṛṇām /
'Im Kali gibt es für die Menschen kein Wirken mehr, das dem Brauch von Kaste und Lebensstufe entspricht;'
na sāma-ṛgyajurveda-viniṣpādanahaitukī //
'auch keines, das in der Vollendung von Sāma-, Ṛg- und Yajurveda begründet ist.'

vivāhā na kalau dharmā na śiṣyā gurusaṃsthitāḥ / na putrā dhārmikāś caiva na ca vahnikriyākramaḥ //

'Im Kali sind Heiraten nicht (mehr) dem Dharma gemäß; es gibt keine beim Lehrer verweilenden Schüler; und ebenso keine rechtschaffenen Söhne; noch die richtige Ordnung der Feuerriten.'

Wort für Wort
vivāhā na kalau dharmā na śiṣyā gurusaṃsthitāḥ /
'Im Kali sind Heiraten nicht mehr dem Dharma gemäß; es gibt keine beim Lehrer verweilenden Schüler;'
na putrā dhārmikāś caiva na ca vahnikriyākramaḥ //
'und ebenso keine rechtschaffenen Söhne; noch die richtige Ordnung der Feuerriten.'

yatra tatra kule jāto balī sarveśvaraḥ kalau / sarvebhya eva varṇebhyo naraḥ kanyopajīvanaḥ //

'Wer immer in irgendeiner Sippe geboren ist, wird, wenn er nur stark ist, im Kali zum Herrn über alle; aus allen Kasten (kann) ein Mann von Mädchen leben (d.h. sich auf ihre Kosten ernähren).'

Wort für Wort
yatra tatra kule jāto balī sarveśvaraḥ kalau /
'Wer immer in irgendeiner Sippe geboren ist, wird, wenn er nur stark ist, im Kali zum Herrn über alle;'
sarvebhya eva varṇebhyo naraḥ kanyopajīvanaḥ //
'aus allen Kasten kann ein Mann von Mädchen leben.'

[Anm.] 'kanyopajīvanaḥ' (von einem Mädchen/von Mädchen lebend) textlich knapp; möglicherweise Anspielung auf Brautgeld oder Ausbeutung; sinngemäß übersetzt.

yena tenaiva yogena dvijātir dīkṣitaḥ kalau / yaiva saiva ca viprendrāḥ prāyaścittakriyā kalau //

'Durch irgendeine beliebige Methode wird man im Kali als Zweifachgeborener geweiht; und was auch immer es sei, eben das gilt im Kali als Sühneritus, o Fürsten der Brahmanen.'

Wort für Wort
yena tenaiva yogena dvijātir dīkṣitaḥ kalau /
'Durch irgendeine beliebige Methode wird man im Kali als Zweifachgeborener geweiht;'
yaiva saiva ca viprendrāḥ prāyaścittakriyā kalau //
'und was auch immer es sei, eben das gilt im Kali als Sühneritus, o Fürsten der Brahmanen.'

sarvam eva kalau śāstraṃ yasya yad vacanaṃ dvijāḥ / devatāś ca kalau sarvāḥ sarvaḥ sarvasya cāśramaḥ //

'Im Kali gilt einem jeden sein eigenes Wort als vollgültige Schrift, o Zweifachgeborene; und im Kali sind alle (Dinge) Gottheiten, und jeder gehört zu jeder Lebensstufe (zugleich).'

Wort für Wort
sarvam eva kalau śāstraṃ yasya yad vacanaṃ dvijāḥ /
'Im Kali gilt einem jeden sein eigenes Wort als vollgültige Schrift, o Zweifachgeborene;'
devatāś ca kalau sarvāḥ sarvaḥ sarvasya cāśramaḥ //
'und im Kali sind alle Dinge Gottheiten, und jeder gehört zu jeder Lebensstufe zugleich.'

upavāsas tathāyāso vittotsargas tathā kalau / dharmo yathābhirucitair anuṣṭhānair anuṣṭhitaḥ //

'Fasten, ebenso Mühsal, ebenso das Weggeben von Vermögen — im Kali wird der Dharma durch beliebige, nach Belieben gewählte Übungen ausgeübt.'

Wort für Wort
upavāsas tathāyāso vittotsargas tathā kalau /
'Fasten, ebenso Mühsal, ebenso das Weggeben von Vermögen —'
dharmo yathābhirucitair anuṣṭhānair anuṣṭhitaḥ //
'im Kali wird der Dharma durch beliebige, nach Belieben gewählte Übungen ausgeübt.'

vittena bhavitā puṃsāṃ svalpenaiva madaḥ kalau / strīṇāṃ rūpamadaś caiva keśair eva bhaviṣyati //

'Für Männer wird im Kali schon durch sehr geringes Vermögen Hochmut entstehen; und der Schönheitsstolz der Frauen wird sich allein am Haar (festmachen).'

Wort für Wort
vittena bhavitā puṃsāṃ svalpenaiva madaḥ kalau /
'Für Männer wird im Kali schon durch sehr geringes Vermögen Hochmut entstehen;'
strīṇāṃ rūpamadaś caiva keśair eva bhaviṣyati //
'und der Schönheitsstolz der Frauen wird sich allein am Haar festmachen.'

suvarṇamaṇiratnādau vastre copakṣayaṃ gate / kalau striyo bhaviṣyanti tadā keśair alaṃkṛtāḥ //

'Wenn Gold, Edelsteine, Juwelen und dergleichen sowie Kleidung knapp geworden sind, werden die Frauen im Kali sich dann nur noch mit ihrem Haar schmücken.'

Wort für Wort
suvarṇamaṇiratnādau vastre copakṣayaṃ gate /
'Wenn Gold, Edelsteine, Juwelen und dergleichen sowie Kleidung knapp geworden sind,'
kalau striyo bhaviṣyanti tadā keśair alaṃkṛtāḥ //
'werden die Frauen im Kali sich dann nur noch mit ihrem Haar schmücken.'

parityakṣyanti bhartāraṃ vittahīnaṃ tathā striyaḥ / bhartā bhaviṣyati kalau vittavān eva yoṣitām //

'Frauen werden ebenso einen vermögenslosen Gatten verlassen; im Kali wird nur ein vermögender Mann Ehemann der Frauen sein.'

Wort für Wort
parityakṣyanti bhartāraṃ vittahīnaṃ tathā striyaḥ /
'Frauen werden ebenso einen vermögenslosen Gatten verlassen;'
bhartā bhaviṣyati kalau vittavān eva yoṣitām //
'im Kali wird nur ein vermögender Mann Ehemann der Frauen sein.'

yo yo dadāti bahulaṃ sa sa svāmī tadā nṛṇām / svāmitvahetusaṃbandho bhavitābhijanas tadā //

'Wer immer reichlich gibt, der wird dann zum Herrn über die Menschen; die Verbindung, die den Grund der Herrschaft bildet, wird dann (bloße) Zugehörigkeit/Anhängerschaft sein.'

Wort für Wort
yo yo dadāti bahulaṃ sa sa svāmī tadā nṛṇām /
'Wer immer reichlich gibt, der wird dann zum Herrn über die Menschen;'
svāmitvahetusaṃbandho bhavitābhijanas tadā //
'die Verbindung, die den Grund der Herrschaft bildet, wird dann bloße Zugehörigkeit sein.'

[Anm.] 'abhijanaḥ' hier unsicher; sinngemäß als '(bloße) Zugehörigkeit/Gefolgschaft' übersetzt.

gṛhāntā dravyasaṃghātā dravyāntā ca tathā matiḥ / arthāś cāthopabhogāntā bhaviṣyanti tadā kalau //

'Anhäufungen von Gütern werden dann im Kali (nur noch) im (bloßen) Haushalt enden, und ebenso wird das Denken (nur noch) im Besitz enden, und die Ziele/Güter werden (nur noch) im (bloßen) Genuss enden.'

Wort für Wort
gṛhāntā dravyasaṃghātā dravyāntā ca tathā matiḥ /
'Anhäufungen von Gütern werden dann im Kali nur noch im bloßen Haushalt enden, und ebenso wird das Denken nur noch im Besitz enden,'
arthāś cāthopabhogāntā bhaviṣyanti tadā kalau //
'und die Ziele werden nur noch im bloßen Genuss enden.'

[Anm.] Der Vers beschreibt sinngemäß die zunehmende Verengung höherer Ziele auf bloß materielle Zwecke.

striyaḥ kalau bhaviṣyanti svairiṇyo lalitaspṛhāḥ / anyāyāvāptavitteṣu puruṣeṣu spṛhālavaḥ //

'Frauen werden im Kali eigenwillig/zügellos sein, voll leichtfertigen Begehrens, begierig nach Männern, die auf unrechtmäßige Weise Vermögen erlangt haben.'

Wort für Wort
striyaḥ kalau bhaviṣyanti svairiṇyo lalitaspṛhāḥ /
'Frauen werden im Kali eigenwillig/zügellos sein, voll leichtfertigen Begehrens,'
anyāyāvāptavitteṣu puruṣeṣu spṛhālavaḥ //
'begierig nach Männern, die auf unrechtmäßige Weise Vermögen erlangt haben.'

abhyarthito 'pi suhṛdā svārthahāniṃ tu mānavaḥ / paṇasyārdhārdhamātre 'pi kariṣyati tadā dvijāḥ //

'Selbst wenn er von einem Freund gebeten wird, wird der Mensch dann, o Zweifachgeborene, seinem eigenen Vorteil selbst für ein Viertel eines Einsatzes/Pfandes Schaden zufügen.'

Wort für Wort
abhyarthito 'pi suhṛdā svārthahāniṃ tu mānavaḥ /
'Selbst wenn er von einem Freund gebeten wird, wird der Mensch dann seinem eigenen Vorteil'
paṇasyārdhārdhamātre 'pi kariṣyati tadā dvijāḥ //
'selbst für ein Viertel eines Einsatzes Schaden zufügen, o Zweifachgeborene.'

[Anm.] Vers inhaltlich unklar (Bezug des 'paṇa' auf Wette/Pfand); sinngemäß übersetzt.

sadā sapauruṣaṃ ceto bhāvi vipra tadā kalau / kṣīrapradānasaṃbandhi bhāti goṣu ca gauravam //

'Der Sinn wird dann im Kali stets von (trotzigem) Selbstbehauptungsdrang erfüllt sein, o Brahmane; und Achtung vor Kühen wird nur noch im Zusammenhang mit ihrer Milchgabe erscheinen.'

Wort für Wort
sadā sapauruṣaṃ ceto bhāvi vipra tadā kalau /
'Der Sinn wird dann im Kali stets von trotzigem Selbstbehauptungsdrang erfüllt sein, o Brahmane;'
kṣīrapradānasaṃbandhi bhāti goṣu ca gauravam //
'und Achtung vor Kühen wird nur noch im Zusammenhang mit ihrer Milchgabe erscheinen.'

anāvṛṣṭibhayāt prāyaḥ prajāḥ kṣudbhayakātarāḥ / bhaviṣyanti tadā sarvā gaganāsaktadṛṣṭayaḥ //

'Aus Furcht vor Dürre werden dann fast alle Untertanen, von Hungersfurcht geängstigt, ihre Blicke unablässig an den Himmel heften.'

Wort für Wort
anāvṛṣṭibhayāt prāyaḥ prajāḥ kṣudbhayakātarāḥ /
'Aus Furcht vor Dürre werden dann fast alle Untertanen, von Hungersfurcht geängstigt,'
bhaviṣyanti tadā sarvā gaganāsaktadṛṣṭayaḥ //
'ihre Blicke unablässig an den Himmel heften.'

mūlaparṇaphalāhārās tāpasā iva mānavāḥ / ātmānaṃ ghātayiṣyanti tadāvṛṣṭyābhiduḥkhitāḥ //

'Von Wurzeln, Blättern und Früchten lebend wie Asketen, werden die Menschen sich dann, von der Dürre gequält, selbst töten.'

Wort für Wort
mūlaparṇaphalāhārās tāpasā iva mānavāḥ /
'Von Wurzeln, Blättern und Früchten lebend wie Asketen,'
ātmānaṃ ghātayiṣyanti tadāvṛṣṭyābhiduḥkhitāḥ //
'werden die Menschen sich dann, von der Dürre gequält, selbst töten.'

durbhikṣam eva satataṃ sadā kleśam anīśvarāḥ / prāpsyanti vyāhatasukhaṃ pramādān mānavāḥ kalau //

'Machtlos, werden die Menschen im Kali durch Nachlässigkeit stets nur Hungersnot, stets nur Elend und verhindertes Glück erlangen.'

Wort für Wort
durbhikṣam eva satataṃ sadā kleśam anīśvarāḥ /
'Machtlos, werden die Menschen stets nur Hungersnot, stets nur Elend'
prāpsyanti vyāhatasukhaṃ pramādān mānavāḥ kalau //
'und verhindertes Glück erlangen, durch Nachlässigkeit, im Kali.'

asnātabhojino nāgni- devatātithipūjanam / kariṣyanti kalau prāpte na ca piṇḍodakakriyām //

'Ohne gebadet zu haben werden sie essen; wenn Kali eingetreten ist, werden sie weder die Verehrung von Feuer, Gottheiten und Gästen vollziehen, noch den Ritus der (Ahnen-)Reisbälle und Wasserspenden.'

Wort für Wort
asnātabhojino nāgni-devatātithipūjanam /
'Ohne gebadet zu haben werden sie essen; sie werden weder die Verehrung von Feuer, Gottheiten und Gästen vollziehen,'
kariṣyanti kalau prāpte na ca piṇḍodakakriyām //
'wenn Kali eingetreten ist, noch den Ritus der Ahnen-Reisbälle und Wasserspenden.'

lolupā hrasvadehāś ca bahvannādanatatparāḥ / bahuprajālpabhāgyāś ca bhaviṣyanti kalau striyaḥ //

'Gierig, von kleiner Gestalt, aufs Vielessen bedacht, viele Kinder und doch wenig Glück habend — so werden die Frauen im Kali sein.'

Wort für Wort
lolupā hrasvadehāś ca bahvannādanatatparāḥ /
'Gierig, von kleiner Gestalt, aufs Vielessen bedacht,'
bahuprajālpabhāgyāś ca bhaviṣyanti kalau striyaḥ //
'viele Kinder und doch wenig Glück habend — so werden die Frauen im Kali sein.'

ubhābhyām atha pāṇibhyāṃ śiraḥkaṇḍūyanaṃ striyaḥ / kurvatyo gurubhartṝṇām ājñāṃ bhetsyanty anāvṛtāḥ //

'Frauen, die sich mit beiden Händen den Kopf kratzen, werden, unverhüllt, den Befehl der Älteren und des Gatten missachten.'

Wort für Wort
ubhābhyām atha pāṇibhyāṃ śiraḥkaṇḍūyanaṃ striyaḥ /
'Frauen, die sich mit beiden Händen den Kopf kratzen,'
kurvatyo gurubhartṝṇām ājñāṃ bhetsyanty anāvṛtāḥ //
'werden, unverhüllt, den Befehl der Älteren und des Gatten missachten.'

svapoṣaṇaparāḥ kruddhā dehasaṃskāravarjitāḥ / paruṣānṛtabhāṣiṇyo bhaviṣyanti kalau striyaḥ //

'Nur auf die eigene Ernährung bedacht, zornig, ohne Körperpflege, harte und unwahre Worte redend — so werden die Frauen im Kali sein.'

Wort für Wort
svapoṣaṇaparāḥ kruddhā dehasaṃskāravarjitāḥ /
'Nur auf die eigene Ernährung bedacht, zornig, ohne Körperpflege,'
paruṣānṛtabhāṣiṇyo bhaviṣyanti kalau striyaḥ //
'harte und unwahre Worte redend — so werden die Frauen im Kali sein.'

duḥśīlā duṣṭaśīleṣu kurvatyaḥ satataṃ spṛhām / asadvṛttā bhaviṣyanti puruṣeṣu kulāṅganāḥ //

'Von schlechtem Charakter, stets Verlangen nach Männern von bösem Charakter hegend, von unrechtem Wandel — so werden auch Frauen aus guter Familie gegenüber Männern sein.'

Wort für Wort
duḥśīlā duṣṭaśīleṣu kurvatyaḥ satataṃ spṛhām /
'Von schlechtem Charakter, stets Verlangen nach Männern von bösem Charakter hegend,'
asadvṛttā bhaviṣyanti puruṣeṣu kulāṅganāḥ //
'von unrechtem Wandel — so werden auch Frauen aus guter Familie gegenüber Männern sein.'

vedādānaṃ kariṣyanti vaḍavāś ca tathāvratāḥ / gṛhasthāś ca na hoṣyanti na dāsyanty ucitāny api //

'Frauen von solcherlei (laxen) Gelübden werden sich das Studium des Veda aneignen; und Hausväter werden weder Opfer darbringen noch selbst das Gebührende geben.'

Wort für Wort
vedādānaṃ kariṣyanti vaḍavāś ca tathāvratāḥ /
'Frauen von solcherlei laxen Gelübden werden sich das Studium des Veda aneignen;'
gṛhasthāś ca na hoṣyanti na dāsyanty ucitāny api //
'und Hausväter werden weder Opfer darbringen noch selbst das Gebührende geben.'

[Anm.] 'vaḍavāḥ' textlich unsicher (wörtlich 'Stuten'; vermutlich Bezeichnung für eine bestimmte Gruppe von Frauen); sinngemäß übersetzt.

bhaveyur vanavāsā vai grāmyāhāraparigrahāḥ / bhikṣavaś cāpi putrā hi snehasaṃbandhayantrakāḥ //

'Es wird Waldbewohner geben, die dennoch Dorfnahrung annehmen; und selbst Bettelmönche werden (wie) Söhne sein, (nur noch) durch die Fesseln der Zuneigung gebunden.'

Wort für Wort
bhaveyur vanavāsā vai grāmyāhāraparigrahāḥ /
'Es wird Waldbewohner geben, die dennoch Dorfnahrung annehmen;'
bhikṣavaś cāpi putrā hi snehasaṃbandhayantrakāḥ //
'und selbst Bettelmönche werden wie Söhne sein, nur noch durch die Fesseln der Zuneigung gebunden.'

[Anm.] Vers inhaltlich recht unklar; sinngemäß übersetzt.

arakṣitāro hartāraḥ śulkavyājena pārthivāḥ / hāriṇo janavittānāṃ saṃprāpte ca kalau yuge //

'Nicht-Beschützer, sondern Räuber werden die Könige sein — unter dem Vorwand von Steuern/Zöllen die Räuber des Vermögens der Leute — wenn das Kali-Zeitalter eingetreten ist.'

Wort für Wort
arakṣitāro hartāraḥ śulkavyājena pārthivāḥ /
'Nicht-Beschützer, sondern Räuber werden die Könige sein — unter dem Vorwand von Steuern die Räuber'
hāriṇo janavittānāṃ saṃprāpte ca kalau yuge //
'des Vermögens der Leute — wenn das Kali-Zeitalter eingetreten ist.'

yo yo 'śvarathanāgāḍhyaḥ sa sa rājā bhaviṣyati / yaś ca yaś cābalaḥ sarvaḥ sa sa bhṛtyaḥ kalau yuge //

'Wer immer reich an Pferden, Wagen und Elefanten ist, der wird König werden; und wer immer, wer auch immer machtlos ist, der wird im Kali-Zeitalter zum Diener.'

Wort für Wort
yo yo 'śvarathanāgāḍhyaḥ sa sa rājā bhaviṣyati /
'Wer immer reich an Pferden, Wagen und Elefanten ist, der wird König werden;'
yaś ca yaś cābalaḥ sarvaḥ sa sa bhṛtyaḥ kalau yuge //
'und wer immer machtlos ist, der wird im Kali-Zeitalter zum Diener.'

vaiśyāḥ kṛṣivaṇijyādi saṃtyajya nijakarma yat / śūdravṛttyā bhaviṣyanti kārukarmopajīvinaḥ //

'Die Vaiśyas werden ihr eigenes Werk, wie Ackerbau und Handel, aufgeben und nach Śūdra-Art von Handwerksarbeit leben.'

Wort für Wort
vaiśyāḥ kṛṣivaṇijyādi saṃtyajya nijakarma yat /
'Die Vaiśyas werden ihr eigenes Werk, wie Ackerbau und Handel, aufgeben'
śūdravṛttyā bhaviṣyanti kārukarmopajīvinaḥ //
'und nach Śūdra-Art von Handwerksarbeit leben.'

bhaikṣyavratās tathā śūdrāḥ pravrajyāliṅgino 'dhamāḥ / pākhaṇḍasaṃśrayāṃ vṛttim āśrayiṣyanty asaṃskṛtāḥ //

'Ebenso werden ungeweihte, niedrige Śūdras, die das Bettelgelübde annehmen und die äußeren Zeichen der Weltentsagung tragen, sich einem auf Häresie gegründeten Broterwerb zuwenden.'

Wort für Wort
bhaikṣyavratās tathā śūdrāḥ pravrajyāliṅgino 'dhamāḥ /
'Ebenso werden ungeweihte, niedrige Śūdras, die das Bettelgelübde annehmen und die äußeren Zeichen der Weltentsagung tragen,'
pākhaṇḍasaṃśrayāṃ vṛttim āśrayiṣyanty asaṃskṛtāḥ //
'sich einem auf Häresie gegründeten Broterwerb zuwenden.'

durbhikṣakarapīḍābhir atīvopadrutā janāḥ / godhūmānnayavānnādyān deśān yāsyanti duḥkhitāḥ //

'Von Hungersnot und Steuerlast über die Maßen bedrängt, werden die Leute leidgeplagt in Länder ziehen, wo es (noch) Weizen- und Gerstenspeise gibt.'

Wort für Wort
durbhikṣakarapīḍābhir atīvopadrutā janāḥ /
'Von Hungersnot und Steuerlast über die Maßen bedrängt,'
godhūmānnayavānnādyān deśān yāsyanti duḥkhitāḥ //
'werden die Leute leidgeplagt in Länder ziehen, wo es noch Weizen- und Gerstenspeise gibt.'

vedamārge pralīne ca pākhaṇḍāḍhye tato jane / adharmavṛddhyā lokānām alpam āyur bhaviṣyati //

'Wenn der Weg des Veda erloschen ist und die Menschen dann reich an Häresie geworden sind, wird durch das Anwachsen der Unrechtmäßigkeit die Lebensspanne der Menschen kurz werden.'

Wort für Wort
vedamārge pralīne ca pākhaṇḍāḍhye tato jane /
'Wenn der Weg des Veda erloschen ist und die Menschen dann reich an Häresie geworden sind,'
adharmavṛddhyā lokānām alpam āyur bhaviṣyati //
'wird durch das Anwachsen der Unrechtmäßigkeit die Lebensspanne der Menschen kurz werden.'

aśāstravihitaṃ ghoraṃ tapyamāneṣu vai tapaḥ / nareṣu nṛpadoṣeṇa bālamṛtyur bhaviṣyati //

'Unter Männern, die schreckliche, nicht schriftgemäße Askese üben, wird es durch das Verschulden des Königs frühen (Kindes-)Tod geben.'

Wort für Wort
aśāstravihitaṃ ghoraṃ tapyamāneṣu vai tapaḥ /
'Unter Männern, die schreckliche, nicht schriftgemäße Askese üben,'
nareṣu nṛpadoṣeṇa bālamṛtyur bhaviṣyati //
'wird es durch das Verschulden des Königs frühen Tod geben.'

[Anm.] 'bālamṛtyu' hier sinngemäß als früher/vorzeitiger Tod gedeutet.

bhavitrī yoṣitāṃ sūtiḥ pañcaṣaṭsaptavārṣikī / navāṣṭadaśavarṣāṇāṃ manuṣyāṇāṃ tathā kalau //

'Im Kali wird die Geburtsfähigkeit der Frauen bei fünf, sechs oder sieben Jahren eintreten, und ebenso (die Zeugungsfähigkeit) der Menschen bei neun, acht oder zehn Jahren.'

Wort für Wort
bhavitrī yoṣitāṃ sūtiḥ pañcaṣaṭsaptavārṣikī /
'Im Kali wird die Geburtsfähigkeit der Frauen bei fünf, sechs oder sieben Jahren eintreten,'
navāṣṭadaśavarṣāṇāṃ manuṣyāṇāṃ tathā kalau //
'und ebenso die Zeugungsfähigkeit der Menschen bei neun, acht oder zehn Jahren.'

[Anm.] Bekanntes puranisches Motiv des kosmischen Verfalls: absurd frühe Reife als Zeichen des Kali-Niedergangs.

palitodgamaś ca bhavitā tadā dvādaśavārṣikaḥ / na jīviṣyati vai kaścit kalau varṣāṇi viṃśatim //

'Und das Ergrauen der Haare wird dann mit zwölf Jahren eintreten; niemand wird im Kali zwanzig Jahre (alt) werden.'

Wort für Wort
palitodgamaś ca bhavitā tadā dvādaśavārṣikaḥ /
'Und das Ergrauen der Haare wird dann mit zwölf Jahren eintreten;'
na jīviṣyati vai kaścit kalau varṣāṇi viṃśatim //
'niemand wird im Kali zwanzig Jahre alt werden.'

[Anm.] Fortsetzung des Verfallsmotivs; bezieht sich vermutlich auf den äußersten Endzustand des Kali-Zeitalters.

alpaprajñā vṛthāliṅgā duṣṭāntaḥkaraṇāḥ kalau / yatas tato vinaśyanti kālenālpena mānavāḥ //

'Von geringer Einsicht, mit nutzlosen (religiösen) Zeichen, verdorbenen Herzens — im Kali gehen die Menschen aus jeglichem Anlass in kurzer Zeit zugrunde.'

Wort für Wort
alpaprajñā vṛthāliṅgā duṣṭāntaḥkaraṇāḥ kalau /
'Von geringer Einsicht, mit nutzlosen religiösen Zeichen, verdorbenen Herzens —'
yatas tato vinaśyanti kālenālpena mānavāḥ //
'im Kali gehen die Menschen aus jeglichem Anlass in kurzer Zeit zugrunde.'

yadā yadā hi pākhaṇḍa- vṛttir atropalakṣyate / tadā tadā kaler vṛddhir anumeyā vicakṣaṇaiḥ //

'Wann immer häretisches Treiben hier beobachtet wird, dann ist jeweils von den Klugen ein Anwachsen des Kali zu erschließen.'

Wort für Wort
yadā yadā hi pākhaṇḍa-vṛttir atropalakṣyate /
'Wann immer häretisches Treiben hier beobachtet wird,'
tadā tadā kaler vṛddhir anumeyā vicakṣaṇaiḥ //
'dann ist jeweils von den Klugen ein Anwachsen des Kali zu erschließen.'

yadā yadā satāṃ hānir vedamārgānusāriṇām / tadā tadā kaler vṛddhir anumeyā vicakṣaṇaiḥ //

'Wann immer ein Schwinden der Guten geschieht, die dem Weg des Veda folgen, dann ist jeweils von den Klugen ein Anwachsen des Kali zu erschließen.'

Wort für Wort
yadā yadā satāṃ hānir vedamārgānusāriṇām /
'Wann immer ein Schwinden der Guten geschieht, die dem Weg des Veda folgen,'
tadā tadā kaler vṛddhir anumeyā vicakṣaṇaiḥ //
'dann ist jeweils von den Klugen ein Anwachsen des Kali zu erschließen.'

prārambhāś cāvasīdanti yadā dharmakṛtāṃ nṛṇām / tadānumeyaṃ prādhānyaṃ kaler viprā vicakṣaṇaiḥ //

'Und wenn die Unternehmungen der Menschen, die Dharma-Werke vollbringen, scheitern, dann ist von den Klugen das Vorherrschen des Kali zu erschließen, o Brahmanen.'

Wort für Wort
prārambhāś cāvasīdanti yadā dharmakṛtāṃ nṛṇām /
'Und wenn die Unternehmungen der Menschen, die Dharma-Werke vollbringen, scheitern,'
tadānumeyaṃ prādhānyaṃ kaler viprā vicakṣaṇaiḥ //
'dann ist von den Klugen das Vorherrschen des Kali zu erschließen, o Brahmanen.'

yadā yadā na yajñānām īśvaraḥ puruṣottamaḥ / ijyate puruṣair yajñais tadā jñeyaṃ kaler balam //

'Wann immer der Herr der Opfer, der Höchste Geist (Puruṣottama), von den Menschen nicht mit Opfern verehrt wird, dann ist die Macht des Kali zu erkennen.'

Wort für Wort
yadā yadā na yajñānām īśvaraḥ puruṣottamaḥ /
'Wann immer der Herr der Opfer, der Höchste Geist,'
ijyate puruṣair yajñais tadā jñeyaṃ kaler balam //
'von den Menschen nicht mit Opfern verehrt wird, dann ist die Macht des Kali zu erkennen.'

na prītir vedavādeṣu pākhaṇḍeṣu yadā ratiḥ / kaler vṛddhis tadā prājñair anumeyā dvijottamāḥ //

'Wenn es kein Wohlgefallen an den Lehren des Veda gibt, (aber) Freude an Häresien, dann ist von den Weisen ein Anwachsen des Kali zu erschließen, o Beste der Zweifachgeborenen.'

Wort für Wort
na prītir vedavādeṣu pākhaṇḍeṣu yadā ratiḥ /
'Wenn es kein Wohlgefallen an den Lehren des Veda gibt, aber Freude an Häresien,'
kaler vṛddhis tadā prājñair anumeyā dvijottamāḥ //
'dann ist von den Weisen ein Anwachsen des Kali zu erschließen, o Beste der Zweifachgeborenen.'

kalau jagatpatiṃ viṣṇuṃ sarvasraṣṭāram īśvaram / nārcayiṣyanti bho viprāḥ pākhaṇḍopahatā narāḥ //

'Im Kali werden von Häresie geschlagene Menschen den Weltenherrn Viṣṇu, den Schöpfer von allem, den Gebieter, nicht verehren, o Brahmanen.'

Wort für Wort
kalau jagatpatiṃ viṣṇuṃ sarvasraṣṭāram īśvaram /
'Im Kali werden den Weltenherrn Viṣṇu, den Schöpfer von allem, den Gebieter,'
nārcayiṣyanti bho viprāḥ pākhaṇḍopahatā narāḥ //
'von Häresie geschlagene Menschen nicht verehren, o Brahmanen.'

kiṃ devaiḥ kiṃ dvijair vedaiḥ kiṃ śaucenāmbujalpanā / ity evaṃ pralapiṣyanti pākhaṇḍopahatā narāḥ //

''Was (nützen) Götter, was Brahmanen, Veden, was Reinheit?' — mit solch haltlosem Geschwätz werden von Häresie geschlagene Menschen faseln.'

Wort für Wort
kiṃ devaiḥ kiṃ dvijair vedaiḥ kiṃ śaucenāmbujalpanā /
''Was nützen Götter, was Brahmanen, Veden, was Reinheit?' — mit solch haltlosem Geschwätz'
ity evaṃ pralapiṣyanti pākhaṇḍopahatā narāḥ //
'werden von Häresie geschlagene Menschen faseln.'

[Anm.] 'ambujalpanā' ('wasserhaftes/haltloses Geschwätz') textlich unsicher; sinngemäß übersetzt.

alpavṛṣṭiś ca parjanyaḥ svalpaṃ sasyaphalaṃ tathā / phalaṃ tathālpasāraṃ ca viprāḥ prāpte kalau yuge //

'Und die Regenwolke wird nur wenig Regen geben, ebenso wird die Ernte der Feldfrüchte gering sein, und ebenso werden Baumfrüchte nur wenig Saft haben, o Brahmanen, wenn das Kali-Zeitalter eingetreten ist.'

Wort für Wort
alpavṛṣṭiś ca parjanyaḥ svalpaṃ sasyaphalaṃ tathā /
'Und die Regenwolke wird nur wenig Regen geben, ebenso wird die Ernte der Feldfrüchte gering sein,'
phalaṃ tathālpasāraṃ ca viprāḥ prāpte kalau yuge //
'und ebenso werden Baumfrüchte nur wenig Saft haben, o Brahmanen, wenn das Kali-Zeitalter eingetreten ist.'

jānuprāyāṇi vastrāṇi śamīprāyā mahīruhāḥ / śūdraprāyās tathā varṇā bhaviṣyanti kalau yuge //

'Kleider werden meist (nur) bis zum Knie reichen, Bäume werden meist (verkümmert wie) Śamī-Sträucher sein, und die (vier) Kasten werden im Kali-Zeitalter meist (wie) Śūdras sein.'

Wort für Wort
jānuprāyāṇi vastrāṇi śamīprāyā mahīruhāḥ /
'Kleider werden meist nur bis zum Knie reichen, Bäume werden meist verkümmert wie Śamī-Sträucher sein,'
śūdraprāyās tathā varṇā bhaviṣyanti kalau yuge //
'und die Kasten werden im Kali-Zeitalter meist wie Śūdras sein.'

aṇuprāyāṇi dhānyāni ājaprāyaṃ tathā payaḥ / bhaviṣyati kalau prāpta auśīraṃ cānulepanam //

'Getreidekörner werden meist (winzig wie) Stäubchen sein, ebenso wird Milch meist von Ziegen sein; und wenn Kali eingetreten ist, wird Uśīra-Wurzelsalbe die (übliche) Salbung sein.'

Wort für Wort
aṇuprāyāṇi dhānyāni ājaprāyaṃ tathā payaḥ /
'Getreidekörner werden meist winzig wie Stäubchen sein, ebenso wird Milch meist von Ziegen sein;'
bhaviṣyati kalau prāpta auśīraṃ cānulepanam //
'und wenn Kali eingetreten ist, wird Uśīra-Wurzelsalbe die übliche Salbung sein.'

śvaśrūśvaśurabhūyiṣṭhā guravaś ca nṛṇāṃ kalau / śālādyāhāribhāryāś ca suhṛdo munisattamāḥ //

'Im Kali werden für die Menschen zumeist Schwiegermutter und Schwiegervater als Respektspersonen gelten, und Ehefrauen, die Haus und Nahrung (von den Eltern) mitbringen, als Freunde, o Beste der Munis.'

Wort für Wort
śvaśrūśvaśurabhūyiṣṭhā guravaś ca nṛṇāṃ kalau /
'Im Kali werden für die Menschen zumeist Schwiegermutter und Schwiegervater als Respektspersonen gelten,'
śālādyāhāribhāryāś ca suhṛdo munisattamāḥ //
'und Ehefrauen, die Haus und Nahrung mitbringen, als Freunde, o Beste der Munis.'

[Anm.] 'śālādyāhāribhāryāḥ' textlich unsicher; sinngemäß übersetzt.

kasya mātā pitā kasya yadā karmātmakaḥ pumān / iti codāhariṣyanti śvaśurānugatā narāḥ //

''Wessen Mutter, wessen Vater (zählt), da doch der Mann (nur) durch sein eigenes Tun bestimmt ist?' — so werden Männer, die sich (nur noch) nach ihren Schwiegereltern richten, verkünden.'

Wort für Wort
kasya mātā pitā kasya yadā karmātmakaḥ pumān /
''Wessen Mutter, wessen Vater zählt, da doch der Mann nur durch sein eigenes Tun bestimmt ist?' —'
iti codāhariṣyanti śvaśurānugatā narāḥ //
'so werden Männer, die sich nur noch nach ihren Schwiegereltern richten, verkünden.'

vāṅmanaḥkāyajair doṣair abhibhūtāḥ punaḥ punaḥ / narāḥ pāpāny anudinaṃ kariṣyanty alpamedhasaḥ //

'Immer wieder von den aus Rede, Denken und Körper entstehenden Fehlern überwältigt, werden Menschen von geringem Verstand täglich Sünden begehen.'

Wort für Wort
vāṅmanaḥkāyajair doṣair abhibhūtāḥ punaḥ punaḥ /
'Immer wieder von den aus Rede, Denken und Körper entstehenden Fehlern überwältigt,'
narāḥ pāpāny anudinaṃ kariṣyanty alpamedhasaḥ //
'werden Menschen von geringem Verstand täglich Sünden begehen.'

niḥsatyānām aśaucānāṃ nirhrīkāṇāṃ tathā dvijāḥ / yad yad duḥkhāya tat sarvaṃ kalikāle bhaviṣyati //

'Für die Wahrheitslosen, die Unreinen und ebenso die Schamlosen, o Zweifachgeborene: was immer zum Leiden führt, all das wird im Kali-Zeitalter geschehen.'

Wort für Wort
niḥsatyānām aśaucānāṃ nirhrīkāṇāṃ tathā dvijāḥ /
'Für die Wahrheitslosen, die Unreinen und ebenso die Schamlosen, o Zweifachgeborene:'
yad yad duḥkhāya tat sarvaṃ kalikāle bhaviṣyati //
'was immer zum Leiden führt, all das wird im Kali-Zeitalter geschehen.'

niḥsvādhyāyavaṣaṭkāre svadhāsvāhāvivarjite / tadā praviralo vipraḥ kaścil loke bhaviṣyati //

'Wenn (die Welt) ohne Vedastudium und den Ruf 'Vaṣaṭ' ist, ohne die (Ritualworte) 'Svadhā' und 'Svāhā', dann wird nur noch ein seltener Brahmane irgendwo in der Welt existieren.'

Wort für Wort
niḥsvādhyāyavaṣaṭkāre svadhāsvāhāvivarjite /
'Wenn die Welt ohne Vedastudium und den Ruf Vaṣaṭ ist, ohne die Ritualworte Svadhā und Svāhā,'
tadā praviralo vipraḥ kaścil loke bhaviṣyati //
'dann wird nur noch ein seltener Brahmane irgendwo in der Welt existieren.'

tatrālpenaiva kālena puṇyaskandham anuttamam / karoti yaḥ kṛtayuge kriyate tapasā hi yaḥ //

'Dort erlangt er in sehr kurzer Zeit jene unübertreffliche Fülle an Verdienst, die im Kṛtayuga nur durch Askese erworben wird.'

Wort für Wort
tatrālpenaiva kālena puṇyaskandham anuttamam /
'Dort erlangt er in sehr kurzer Zeit jene unübertreffliche Fülle an Verdienst,'
karoti yaḥ kṛtayuge kriyate tapasā hi yaḥ //
'die im Kṛtayuga nur durch Askese erworben wird.'

{munaya ūcuḥ:} kasmin kāle 'lpako dharmo dadāti sumahāphalam / vaktum arhasy aśeṣeṇa śrotuṃ vāñchā pravartate //

Die Munis sprachen: 'In welcher Zeit gibt geringer Dharma sehr große Frucht? Du sollst (dies) vollständig darlegen; das Verlangen zu hören ist (in uns) entstanden.'

Wort für Wort
{munaya ūcuḥ:} kasmin kāle 'lpako dharmo dadāti sumahāphalam /
Die Munis sprachen: 'In welcher Zeit gibt geringer Dharma sehr große Frucht?'
vaktum arhasy aśeṣeṇa śrotuṃ vāñchā pravartate //
'Du sollst dies vollständig darlegen; das Verlangen zu hören ist in uns entstanden.'

{vyāsa uvāca:} dhanye kalau bhaved viprās tv alpakleśair mahat phalam / tathā bhavetāṃ strīśūdrau dhanyau cānyan nibodhata //

Vyāsa sprach: 'Im gesegneten Kali, o Brahmanen, entsteht durch geringe Mühe große Frucht; ebenso sind Frau und Śūdra gesegnet — und vernehmt (noch) ein anderes (Wort).'

Wort für Wort
{vyāsa uvāca:} dhanye kalau bhaved viprās tv alpakleśair mahat phalam /
Vyāsa sprach: 'Im gesegneten Kali, o Brahmanen, entsteht durch geringe Mühe große Frucht;'
tathā bhavetāṃ strīśūdrau dhanyau cānyan nibodhata //
'ebenso sind Frau und Śūdra gesegnet — und vernehmt noch ein anderes Wort.'

yat kṛte daśabhir varṣais tretāyāṃ hāyanena tat / dvāpare tac ca māsena ahorātreṇa tat kalau //

'Was im Kṛta(-Zeitalter) durch zehn Jahre (erreicht wird), das (erreicht man) in der Tretā innerhalb eines Jahres; und dasselbe im Dvāpara innerhalb eines Monats; dasselbe im Kali innerhalb eines Tages und einer Nacht.'

Wort für Wort
yat kṛte daśabhir varṣais tretāyāṃ hāyanena tat /
'Was im Kṛta durch zehn Jahre erreicht wird, das erreicht man in der Tretā innerhalb eines Jahres;'
dvāpare tac ca māsena ahorātreṇa tat kalau //
'und dasselbe im Dvāpara innerhalb eines Monats; dasselbe im Kali innerhalb eines Tages und einer Nacht.'

tapaso brahmacaryasya japādeś ca phalaṃ dvijāḥ / prāpnoti puruṣas tena kalau sādhv iti bhāṣitum //

'Die Frucht der Askese, der Keuschheit, des Mantra-Murmelns und dergleichen erlangt ein Mensch im Kali durch (eben diese geringe Mühe), o Zweifachgeborene; deshalb wird gesagt, (Kali sei in dieser Hinsicht) 'gut'.'

Wort für Wort
tapaso brahmacaryasya japādeś ca phalaṃ dvijāḥ /
'Die Frucht der Askese, der Keuschheit, des Mantra-Murmelns und dergleichen'
prāpnoti puruṣas tena kalau sādhv iti bhāṣitum //
'erlangt ein Mensch im Kali durch eben diese geringe Mühe; deshalb wird gesagt, Kali sei in dieser Hinsicht gut.'

dhyāyan kṛte yajan yajñais tretāyāṃ dvāpare 'rcayan / yad āpnoti tad āpnoti kalau saṃkīrtya keśavam //

'Was man im Kṛta durch Meditation, in der Tretā durch Opferhandlungen, im Dvāpara durch (Bild-)Verehrung erlangt — dasselbe erlangt man im Kali allein dadurch, dass man Keśavas Namen laut lobpreist (Saṃkīrtana).'

Wort für Wort
dhyāyan kṛte yajan yajñais tretāyāṃ dvāpare 'rcayan /
'Was man im Kṛta durch Meditation, in der Tretā durch Opferhandlungen, im Dvāpara durch Bildverehrung erlangt —'
yad āpnoti tad āpnoti kalau saṃkīrtya keśavam //
'dasselbe erlangt man im Kali allein dadurch, dass man Keśavas Namen laut lobpreist.'

[Anm.] Grundlegende vaiṣṇavische Lehre vom Nāma-Saṃkīrtana (Namenlobpreis) als dem eigentlichen 'Yuga-Dharma' des Kali-Zeitalters.

dharmotkarṣam atīvātra prāpnoti puruṣaḥ kalau / svalpāyāsena dharmajñās tena tuṣṭo 'smy ahaṃ kalau //

'Der Mensch erlangt hierin im Kali eine überaus große Vortrefflichkeit des Dharma durch sehr geringe Mühe, o Kenner des Dharma; deshalb bin ich mit dem Kali zufrieden.'

Wort für Wort
dharmotkarṣam atīvātra prāpnoti puruṣaḥ kalau /
'Der Mensch erlangt hierin im Kali eine überaus große Vortrefflichkeit des Dharma'
svalpāyāsena dharmajñās tena tuṣṭo 'smy ahaṃ kalau //
'durch sehr geringe Mühe, o Kenner des Dharma; deshalb bin ich mit dem Kali zufrieden.'

vratacaryāparair grāhyā vedāḥ pūrvaṃ dvijātibhiḥ / tatas tu dharmasaṃprāptair yaṣṭavyaṃ vidhivad dhanaiḥ //

'Vormals mussten die Zweifachgeborenen, dem Gelübdewandel ergeben, sich zuerst die Veden aneignen; erst darauf, nachdem sie den Dharma erlangt hatten, mussten sie vorschriftsmäßig mit ihrem Vermögen opfern.'

Wort für Wort
vratacaryāparair grāhyā vedāḥ pūrvaṃ dvijātibhiḥ /
'Vormals mussten die Zweifachgeborenen, dem Gelübdewandel ergeben, sich zuerst die Veden aneignen;'
tatas tu dharmasaṃprāptair yaṣṭavyaṃ vidhivad dhanaiḥ //
'erst darauf, nachdem sie den Dharma erlangt hatten, mussten sie vorschriftsmäßig mit ihrem Vermögen opfern.'

vṛthā kathā vṛthā bhojyaṃ vṛthā svaṃ ca dvijanmanām / patanāya tathā bhāvyaṃ tais tu saṃyatibhiḥ saha //

'Nutzloses Reden, nutzloses Essen und nutzloser (Umgang mit dem) eigenen Besitz führen für die Zweifachgeborenen zum Fall; ebenso müssen sie (stets) zusammen mit den Selbstbeherrschten (wachsam) sein.'

Wort für Wort
vṛthā kathā vṛthā bhojyaṃ vṛthā svaṃ ca dvijanmanām /
'Nutzloses Reden, nutzloses Essen und nutzloser Umgang mit dem eigenen Besitz'
patanāya tathā bhāvyaṃ tais tu saṃyatibhiḥ saha //
'führen für die Zweifachgeborenen zum Fall; ebenso müssen sie stets zusammen mit den Selbstbeherrschten wachsam sein.'

[Anm.] Der genaue Zusammenhang des zweiten Halbverses bleibt unklar; sinngemäß übersetzt.

asamyakkaraṇe doṣās teṣāṃ sarveṣu vastuṣu / bhojyapeyādikaṃ caiṣāṃ necchāprāptikaraṃ dvijāḥ //

'Für sie (die Zweifachgeborenen der alten Ordnung) gab es bei unrichtiger Ausführung Fehler in allen Dingen; und Essen, Trinken und dergleichen war für sie nicht (bloß) durch Wunsch erlangbar, o Zweifachgeborene.'

Wort für Wort
asamyakkaraṇe doṣās teṣāṃ sarveṣu vastuṣu /
'Für sie gab es bei unrichtiger Ausführung Fehler in allen Dingen;'
bhojyapeyādikaṃ caiṣāṃ necchāprāptikaraṃ dvijāḥ //
'und Essen, Trinken und dergleichen war für sie nicht bloß durch Wunsch erlangbar, o Zweifachgeborene.'

pāratantryāt samasteṣu teṣāṃ kāryeṣu vai tataḥ / lokān kleśena mahatā yajanti vinayānvitāḥ //

'Wegen der Abhängigkeit in all ihren Pflichten gewinnen sie, mit Zucht ausgestattet, ihre (jenseitigen) Welten nur durch großes Mühsal.'

Wort für Wort
pāratantryāt samasteṣu teṣāṃ kāryeṣu vai tataḥ /
'Wegen der Abhängigkeit in all ihren Pflichten'
lokān kleśena mahatā yajanti vinayānvitāḥ //
'gewinnen sie, mit Zucht ausgestattet, ihre jenseitigen Welten nur durch großes Mühsal.'

dvijaśuśrūṣaṇenaiva pākayajñādhikāravān / nijaṃ jayati vai lokaṃ śūdro dhanyataras tataḥ //

'Allein durch den Dienst an den Zweifachgeborenen, berechtigt (nur) zu (einfachen) Kochopfern, gewinnt der Śūdra seine eigene (himmlische) Welt — er ist darin gesegneter als jene.'

Wort für Wort
dvijaśuśrūṣaṇenaiva pākayajñādhikāravān /
'Allein durch den Dienst an den Zweifachgeborenen, berechtigt nur zu einfachen Kochopfern,'
nijaṃ jayati vai lokaṃ śūdro dhanyataras tataḥ //
'gewinnt der Śūdra seine eigene himmlische Welt — er ist darin gesegneter als jene.'

bhakṣyābhakṣyeṣu nāśāsti yeṣāṃ pāpeṣu vā yataḥ / niyamo muniśārdūlās tenāsau sādhv itīritam //

'Für die (Śūdras), für die es keine strenge (Erwartung von) Hoffnung/Regel gibt hinsichtlich (der Unterscheidung von) Essbarem und Unessbarem oder Sünden, o Tiger unter den Munis — deshalb wird eben dieser (Stand) als 'gut' bezeichnet.'

Wort für Wort
bhakṣyābhakṣyeṣu nāśāsti yeṣāṃ pāpeṣu vā yataḥ /
'Für die, für die es keine strenge Regel gibt hinsichtlich Essbarem und Unessbarem oder Sünden,'
niyamo muniśārdūlās tenāsau sādhv itīritam //
'o Tiger unter den Munis — deshalb wird eben dieser Stand als gut bezeichnet.'

[Anm.] Vers syntaktisch schwierig; sinngemäß übersetzt: die geringeren rituellen Bindungen des Śūdra werden hier positiv gedeutet.

svadharmasyāvirodhena narair labhyaṃ dhanaṃ sadā / pratipādanīyaṃ pātreṣu yaṣṭavyaṃ ca yathāvidhi //

'Vermögen, das von Menschen stets ohne Verletzung des eigenen Dharma erworben wird, soll würdigen Empfängern zugewiesen werden, und mit ihm soll vorschriftsmäßig geopfert werden.'

Wort für Wort
svadharmasyāvirodhena narair labhyaṃ dhanaṃ sadā /
'Vermögen, das von Menschen stets ohne Verletzung des eigenen Dharma erworben wird,'
pratipādanīyaṃ pātreṣu yaṣṭavyaṃ ca yathāvidhi //
'soll würdigen Empfängern zugewiesen werden, und mit ihm soll vorschriftsmäßig geopfert werden.'

tasyārjane mahān kleśaḥ pālanena dvijottamāḥ / tathā sadviniyogāya vijñeyaṃ gahanaṃ nṛṇām //

'Bei dessen Erwerb liegt große Mühsal, (ebenso) bei dessen Bewahrung, o Beste der Zweifachgeborenen; ebenso ist zu erkennen, dass auch dessen rechte Verwendung für die Menschen schwierig/undurchsichtig ist.'

Wort für Wort
tasyārjane mahān kleśaḥ pālanena dvijottamāḥ /
'Bei dessen Erwerb liegt große Mühsal, ebenso bei dessen Bewahrung, o Beste der Zweifachgeborenen;'
tathā sadviniyogāya vijñeyaṃ gahanaṃ nṛṇām //
'ebenso ist zu erkennen, dass auch dessen rechte Verwendung für die Menschen schwierig ist.'

ebhir anyais tathā kleśaiḥ puruṣā dvijasattamāḥ / nijāñ jayanti vai lokān prājāpatyādikān kramāt //

'Durch diese und andere Mühsale gewinnen die (zweifachgeborenen) Männer, o Beste der Zweifachgeborenen, der Reihe nach ihre eigenen Welten, den Prājāpatya-Himmel und die anderen.'

Wort für Wort
ebhir anyais tathā kleśaiḥ puruṣā dvijasattamāḥ /
'Durch diese und andere Mühsale gewinnen die Männer, o Beste der Zweifachgeborenen,'
nijāñ jayanti vai lokān prājāpatyādikān kramāt //
'der Reihe nach ihre eigenen Welten, den Prājāpatya-Himmel und die anderen.'

yoṣic chuśrūṣaṇād bhartuḥ karmaṇā manasā girā / etad viṣayam āpnoti tatsālokyaṃ yato dvijāḥ //

'Eine Frau erlangt durch Dienst am Gatten — durch Tat, durch Denken, durch Wort — eben dieses (gleiche) Reich, nämlich die Mitweltschaft mit ihm, o Zweifachgeborene.'

Wort für Wort
yoṣic chuśrūṣaṇād bhartuḥ karmaṇā manasā girā /
'Eine Frau erlangt durch Dienst am Gatten — durch Tat, durch Denken, durch Wort —'
etad viṣayam āpnoti tatsālokyaṃ yato dvijāḥ //
'eben dieses gleiche Reich, nämlich die Mitweltschaft mit ihm, o Zweifachgeborene.'

nātikleśena mahatā tān eva puruṣo yathā / tṛtīyaṃ vyāhṛtaṃ tena mayā sādhv iti yoṣitaḥ //

'(Sie erlangt) nicht durch so großes Mühsal wie ein Mann eben jene (Welten); deshalb ist von mir dieses Dritte — (nämlich) die Frauen — als 'gut' bezeichnet worden.'

Wort für Wort
nātikleśena mahatā tān eva puruṣo yathā /
'Sie erlangt nicht durch so großes Mühsal wie ein Mann eben jene Welten;'
tṛtīyaṃ vyāhṛtaṃ tena mayā sādhv iti yoṣitaḥ //
'deshalb ist von mir dieses Dritte — die Frauen — als gut bezeichnet worden.'

etad vaḥ kathitaṃ viprā yannimittam ihāgatāḥ / tat pṛcchadhvaṃ yathākāmam ahaṃ vakṣyāmi vaḥ sphuṭam //

'Dies ist euch dargelegt worden, o Brahmanen, weswegen ihr hierher gekommen seid; fragt nun nach eurem Belieben, ich werde es euch deutlich sagen.'

Wort für Wort
etad vaḥ kathitaṃ viprā yannimittam ihāgatāḥ /
'Dies ist euch dargelegt worden, o Brahmanen, weswegen ihr hierher gekommen seid;'
tat pṛcchadhvaṃ yathākāmam ahaṃ vakṣyāmi vaḥ sphuṭam //
'fragt nun nach eurem Belieben, ich werde es euch deutlich sagen.'

alpenaiva prayatnena dharmaḥ sidhyati vai kalau / narair ātmaguṇāmbhobhiḥ kṣālitākhilakilbiṣaiḥ //

'Mit nur geringer Anstrengung gelingt der Dharma im Kali den Menschen, deren gesamte Verfehlung durch die Wasser ihrer eigenen (guten) Eigenschaften abgewaschen ist.'

Wort für Wort
alpenaiva prayatnena dharmaḥ sidhyati vai kalau /
'Mit nur geringer Anstrengung gelingt der Dharma im Kali'
narair ātmaguṇāmbhobhiḥ kṣālitākhilakilbiṣaiḥ //
'den Menschen, deren gesamte Verfehlung durch die Wasser ihrer eigenen guten Eigenschaften abgewaschen ist.'

śūdraiś ca dvijaśuśrūṣā- tatparair munisattamāḥ / tathā strībhir anāyāsāt patiśuśrūṣayaiva hi //

'(Er gelingt) auch den Śūdras, die dem Dienst an den Zweifachgeborenen ergeben sind, o Beste der Munis; ebenso den Frauen, ohne Mühe, allein durch den Dienst am Gatten.'

Wort für Wort
śūdraiś ca dvijaśuśrūṣā-tatparair munisattamāḥ /
'Er gelingt auch den Śūdras, die dem Dienst an den Zweifachgeborenen ergeben sind, o Beste der Munis;'
tathā strībhir anāyāsāt patiśuśrūṣayaiva hi //
'ebenso den Frauen, ohne Mühe, allein durch den Dienst am Gatten.'

tatas tritayam apy etan mama dhanyatamaṃ matam / dharmasaṃrādhane kleśo dvijātīnāṃ kṛtādiṣu //

'Deshalb gilt mir diese Dreiheit als die gesegnetste — wohingegen bei den Zweifachgeborenen, im Kṛta(-Zeitalter) und den anderen, bei der Vollbringung des Dharma (nur) Mühsal (herrscht).'

Wort für Wort
tatas tritayam apy etan mama dhanyatamaṃ matam /
'Deshalb gilt mir diese Dreiheit als die gesegnetste —'
dharmasaṃrādhane kleśo dvijātīnāṃ kṛtādiṣu //
'wohingegen bei den Zweifachgeborenen, im Kṛta und den anderen Zeitaltern, bei der Vollbringung des Dharma nur Mühsal herrscht.'

tathā svalpena tapasā siddhiṃ yāsyanti mānavāḥ / dhanyā dharmaṃ cariṣyanti yugānte munisattamāḥ //

'So werden die Menschen mit nur geringer Askese zur Vollendung gelangen; die Gesegneten werden am Ende des Zeitalters den Dharma ausüben, o Beste der Munis.'

Wort für Wort
tathā svalpena tapasā siddhiṃ yāsyanti mānavāḥ /
'So werden die Menschen mit nur geringer Askese zur Vollendung gelangen;'
dhanyā dharmaṃ cariṣyanti yugānte munisattamāḥ //
'die Gesegneten werden am Ende des Zeitalters den Dharma ausüben, o Beste der Munis.'

bhavadbhir yad abhipretaṃ tad etat kathitaṃ mayā / apṛṣṭenāpi dharmajñāḥ kim anyat kriyatāṃ dvijāḥ //

'Was von euch beabsichtigt/gewünscht war, das ist von mir dargelegt worden; auch ohne (weiter) gefragt zu werden, o Kenner des Dharma — was soll noch anderes getan werden, o Zweifachgeborene?'

Wort für Wort
bhavadbhir yad abhipretaṃ tad etat kathitaṃ mayā /
'Was von euch beabsichtigt war, das ist von mir dargelegt worden;'
apṛṣṭenāpi dharmajñāḥ kim anyat kriyatāṃ dvijāḥ //
'auch ohne weiter gefragt zu werden, o Kenner des Dharma — was soll noch anderes getan werden, o Zweifachgeborene?'

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