Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 104: Sagaropākhyānam Die Erzählung von König Sagara

Lomaśas Rahmenerzählung (offen seit Kapitel 98) wird durch Brahmās rätselhafte Ankündigung fortgeführt, dass der Ozean dereinst durch die Verwandten (Sagaras Söhne) und König Bhagīratha wieder gefüllt werden wird. Auf Yudhiṣṭhiras Nachfrage beginnt Lomaśa eine neue, in sich geschlossene Erzählung: König Sagara erlangt von Śiva die Verheißung von sechzigtausend Söhnen (die gemeinsam zugrunde gehen werden) von seiner einen Gattin Vaidarbhī und eines einzigen geschlechtsfortführenden Sohnes von der anderen, Śaibyā. Vaidarbhī gebiert daraufhin einen Kürbis, aus dessen Samen (nach einer Stimme aus dem Luftraum) die sechzigtausend Söhne entstehen sollen.

lomaśa uvāca tān uvāca sametāṃs tu brahmā lokapitāmahaḥ gacchadhvaṃ vibudhāḥ sarve yathākāmaṃ yathepsitam

Lomaśa sprach: Zu ihnen, den Versammelten, sprach da Brahmā, der Großvater der Welt: 'Geht, ihr Götter alle, wie es euch beliebt, wohin ihr wünscht.

Wort für Wort
lomaśa uvāca tān uvāca sametāṃs tu brahmā lokapitāmahaḥ gacchadhvaṃ vibudhāḥ sarve yathākāmaṃ yathepsitam
Lomaśa sprach: Zu ihnen, den Versammelten, sprach da Brahmā, der Großvater der Welt: 'Geht, ihr Götter alle, wie es euch beliebt, wohin ihr wünscht.

mahatā kālayogena prakṛtiṃ yāsyate 'rṇavaḥ jñātīn vai kāraṇaṃ kṛtvā mahārājño bhagīrathāt

Nach langer Zeitspanne wird der Ozean zu seinem natürlichen Zustand zurückkehren, durch die Verwandten als Anlass und durch den großen König Bhagīratha.'

Wort für Wort
mahatā kālayogena prakṛtiṃ yāsyate 'rṇavaḥ jñātīn vai kāraṇaṃ kṛtvā mahārājño bhagīrathāt
Nach langer Zeitspanne wird der Ozean zu seinem natürlichen Zustand zurückkehren, durch die Verwandten als Anlass und durch den großen König Bhagīratha.'

[Anm.: Brahmās Andeutung bleibt zunächst rätselhaft und wird erst durch Yudhiṣṭhiras Nachfrage und Lomaśas folgende Erzählung aufgelöst - sie verweist auf die noch zu erzählende Sagara-Bhagīratha-Gaṅgā-Legende.]

yudhiṣṭhira uvāca kathaṃ vai jñātayo brahman kāraṇaṃ cātra kiṃ mune kathaṃ samudraḥ pūrṇaś ca bhagīrathapariśramāt

Yudhiṣṭhira sprach: „Wie aber die Verwandten, o Brahmane? Und was ist hier der Anlass, o Weiser? Und wie wurde der Ozean durch Bhagīrathas Anstrengung gefüllt?

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca kathaṃ vai jñātayo brahman kāraṇaṃ cātra kiṃ mune kathaṃ samudraḥ pūrṇaś ca bhagīrathapariśramāt
Yudhiṣṭhira sprach: „Wie aber die Verwandten, o Brahmane? Und was ist hier der Anlass, o Weiser? Und wie wurde der Ozean durch Bhagīrathas Anstrengung gefüllt?

etad icchāmy ahaṃ śrotuṃ vistareṇa tapodhana kathyamānaṃ tvayā vipra rājñāṃ caritam uttamam

Dies wünsche ich ausführlich zu hören, o Schatz der Buße; von dir erzählt, o Brahmane, die vortreffliche Geschichte der Könige.“

Wort für Wort
etad icchāmy ahaṃ śrotuṃ vistareṇa tapodhana kathyamānaṃ tvayā vipra rājñāṃ caritam uttamam
Dies wünsche ich ausführlich zu hören, o Schatz der Buße; von dir erzählt, o Brahmane, die vortreffliche Geschichte der Könige.“

vaiśaṃpāyana uvāca evam uktas tu viprendro dharmarājñā mahātmanā kathayām āsa māhātmyaṃ sagarasya mahātmanaḥ

Vaiśaṃpāyana sprach: So angesprochen von dem hochgesinnten Dharma-König, erzählte der Fürst der Brahmanen die Größe des hochgesinnten Sagara.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca evam uktas tu viprendro dharmarājñā mahātmanā kathayām āsa māhātmyaṃ sagarasya mahātmanaḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: So angesprochen von dem hochgesinnten Dharma-König, erzählte der Fürst der Brahmanen die Größe des hochgesinnten Sagara.

lomaśa uvāca ikṣvākūṇāṃ kule jātaḥ sagaro nāma pārthivaḥ rūpasattvabalopetaḥ sa cāputraḥ pratāpavān

Lomaśa sprach: „Im Geschlecht der Ikṣvāku wurde ein König namens Sagara geboren, mit Schönheit, Wesenskraft und Stärke begabt; er aber war kinderlos, obgleich machtvoll.

Wort für Wort
lomaśa uvāca ikṣvākūṇāṃ kule jātaḥ sagaro nāma pārthivaḥ rūpasattvabalopetaḥ sa cāputraḥ pratāpavān
Lomaśa sprach: „Im Geschlecht der Ikṣvāku wurde ein König namens Sagara geboren, mit Schönheit, Wesenskraft und Stärke begabt; er aber war kinderlos, obgleich machtvoll.

sa haihayān samutsādya tālajaṅghāṃś ca bhārata vaśe ca kṛtvā rājño 'nyān svarājyam anvaśāsata

Nachdem er die Haihayas und die Tālajaṅghas vernichtet und die anderen Könige sich untertan gemacht hatte, o Bhārata, herrschte er über sein eigenes Reich.

Wort für Wort
sa haihayān samutsādya tālajaṅghāṃś ca bhārata vaśe ca kṛtvā rājño 'nyān svarājyam anvaśāsata
Nachdem er die Haihayas und die Tālajaṅghas vernichtet und die anderen Könige sich untertan gemacht hatte, o Bhārata, herrschte er über sein eigenes Reich.

tasya bhārye tv abhavatāṃ rūpayauvanadarpite vaidarbhī bharataśreṣṭha śaibyā ca bharatarṣabha

Seine beiden Gattinnen aber, stolz auf Schönheit und Jugend, waren die Vaidarbhī, o Bester der Bharatas, und die Śaibyā, o Stier der Bharatas.

Wort für Wort
tasya bhārye tv abhavatāṃ rūpayauvanadarpite vaidarbhī bharataśreṣṭha śaibyā ca bharatarṣabha
Seine beiden Gattinnen aber, stolz auf Schönheit und Jugend, waren die Vaidarbhī, o Bester der Bharatas, und die Śaibyā, o Stier der Bharatas.

sa putrakāmo nṛpatis tatāpa sumahat tapaḥ patnībhyāṃ saha rājendra kailāsaṃ girim āśritaḥ

Er, der König, begierig nach einem Sohn, übte gewaltige Buße, zusammen mit seinen beiden Gattinnen, o Herrscher der Könige, indem er sich auf den Berg Kailāsa begab.

Wort für Wort
sa putrakāmo nṛpatis tatāpa sumahat tapaḥ patnībhyāṃ saha rājendra kailāsaṃ girim āśritaḥ
Er, der König, begierig nach einem Sohn, übte gewaltige Buße, zusammen mit seinen beiden Gattinnen, o Herrscher der Könige, indem er sich auf den Berg Kailāsa begab.

sa tapyamānaḥ sumahat tapo yogasamanvitaḥ āsasāda mahātmānaṃ tryakṣaṃ tripuramardanam

Er, gewaltige Buße übend, mit Yoga vereint, näherte sich dem Hochgesinnten, dem Dreiäugigen, dem Zerstörer der drei Städte,

Wort für Wort
sa tapyamānaḥ sumahat tapo yogasamanvitaḥ āsasāda mahātmānaṃ tryakṣaṃ tripuramardanam
Er, gewaltige Buße übend, mit Yoga vereint, näherte sich dem Hochgesinnten, dem Dreiäugigen, dem Zerstörer der drei Städte,

śaṃkaraṃ bhavam īśānaṃ śūlapāniṃ pinākinam tryambakaṃ śivam ugreśaṃ bahurūpam umāpatim

dem Śaṃkara, Bhava, Īśāna, dem den Dreizack in der Hand Tragenden, dem Träger des Pināka-Bogens, dem Tryambaka, Śiva, dem furchtbaren Herrn, dem Vielgestaltigen, dem Gatten der Umā.

Wort für Wort
śaṃkaraṃ bhavam īśānaṃ śūlapāniṃ pinākinam tryambakaṃ śivam ugreśaṃ bahurūpam umāpatim
dem Śaṃkara, Bhava, Īśāna, dem den Dreizack in der Hand Tragenden, dem Träger des Pināka-Bogens, dem Tryambaka, Śiva, dem furchtbaren Herrn, dem Vielgestaltigen, dem Gatten der Umā.

sa taṃ dṛṣṭvaiva varadaṃ patnībhyāṃ sahito nṛpaḥ praṇipatya mahābāhuḥ putrārthaṃ samayācata

Sobald er ihn sah, den Gabenspender, verneigte sich der König, zusammen mit seinen Gattinnen, der Starkarmige, und bat inständig um einen Sohn.

Wort für Wort
sa taṃ dṛṣṭvaiva varadaṃ patnībhyāṃ sahito nṛpaḥ praṇipatya mahābāhuḥ putrārthaṃ samayācata
Sobald er ihn sah, den Gabenspender, verneigte sich der König, zusammen mit seinen Gattinnen, der Starkarmige, und bat inständig um einen Sohn.

taṃ prītimān haraḥ prāha sabhāryaṃ nṛpasattamam yasmin vṛto muhūrte 'haṃ tvayeha nṛpate varam

Erfreut sprach Hara zu ihm, dem besten der Könige samt seiner Gattin: 'In dem Augenblick, da ich von dir hier gewählt wurde, o König, eine Gabe -

Wort für Wort
taṃ prītimān haraḥ prāha sabhāryaṃ nṛpasattamam yasmin vṛto muhūrte 'haṃ tvayeha nṛpate varam
Erfreut sprach Hara zu ihm, dem besten der Könige samt seiner Gattin: 'In dem Augenblick, da ich von dir hier gewählt wurde, o König, eine Gabe -

ṣaṣṭiḥ putrasahasrāṇi śūrāḥ samaradarpitāḥ ekasyāṃ saṃbhaviṣyanti patnyāṃ tava narottama

sechzigtausend Söhne, Helden, stolz in der Schlacht, werden von einer deiner Gattinnen geboren werden, o Bester der Menschen,

Wort für Wort
ṣaṣṭiḥ putrasahasrāṇi śūrāḥ samaradarpitāḥ ekasyāṃ saṃbhaviṣyanti patnyāṃ tava narottama
sechzigtausend Söhne, Helden, stolz in der Schlacht, werden von einer deiner Gattinnen geboren werden, o Bester der Menschen,

te caiva sarve sahitāḥ kṣayaṃ yāsyanti pārthiva eko vaṃśadharaḥ śūra ekasyāṃ saṃbhaviṣyati evam uktvā tu taṃ rudras tatraivāntaradhīyata

und sie alle werden gemeinsam zugrunde gehen, o König; ein einzelner Held, der das Geschlecht fortführt, wird von der anderen geboren werden.' Nachdem er dies gesagt hatte, verschwand Rudra eben dort.

Wort für Wort
te caiva sarve sahitāḥ kṣayaṃ yāsyanti pārthiva eko vaṃśadharaḥ śūra ekasyāṃ saṃbhaviṣyati evam uktvā tu taṃ rudras tatraivāntaradhīyata
und sie alle werden gemeinsam zugrunde gehen, o König; ein einzelner Held, der das Geschlecht fortführt, wird von der anderen geboren werden.' Nachdem er dies gesagt hatte, verschwand Rudra eben dort.

sa cāpi sagaro rājā jagāma svaṃ niveśanam patnībhyāṃ sahitas tāta so 'tihṛṣṭamanās tadā

Und König Sagara begab sich, zusammen mit seinen Gattinnen, o Teurer, in seine eigene Wohnstatt, da überaus frohen Sinnes.

Wort für Wort
sa cāpi sagaro rājā jagāma svaṃ niveśanam patnībhyāṃ sahitas tāta so 'tihṛṣṭamanās tadā
Und König Sagara begab sich, zusammen mit seinen Gattinnen, o Teurer, in seine eigene Wohnstatt, da überaus frohen Sinnes.

tasyātha manujaśreṣṭha te bhārye kamalekṣaṇe vaidarbhī caiva śaibyā ca garbhiṇyau saṃbabhūvatuḥ

Da wurden, o Bester der Menschen, seine beiden lotusäugigen Gattinnen, Vaidarbhī und Śaibyā, schwanger.

Wort für Wort
tasyātha manujaśreṣṭha te bhārye kamalekṣaṇe vaidarbhī caiva śaibyā ca garbhiṇyau saṃbabhūvatuḥ
Da wurden, o Bester der Menschen, seine beiden lotusäugigen Gattinnen, Vaidarbhī und Śaibyā, schwanger.

tataḥ kālena vaidarbhī garbhālābuṃ vyajāyata śaibyā ca suṣuve putraṃ kumāraṃ devarūpiṇam

Da gebar nach einiger Zeit Vaidarbhī einen Kürbis-Fötus, und Śaibyā gebar einen Sohn, einen Knaben von göttergleicher Gestalt.

Wort für Wort
tataḥ kālena vaidarbhī garbhālābuṃ vyajāyata śaibyā ca suṣuve putraṃ kumāraṃ devarūpiṇam
Da gebar nach einiger Zeit Vaidarbhī einen Kürbis-Fötus, und Śaibyā gebar einen Sohn, einen Knaben von göttergleicher Gestalt.

tadālābuṃ samutsraṣṭuṃ manaś cakre sa pārthivaḥ athāntarikṣāc chuśrāva vācaṃ gambhīranisvanām

Da fasste der König den Entschluss, jenen Kürbis wegzuwerfen; doch da hörte er aus dem Luftraum eine Stimme von tiefem Klang:

Wort für Wort
tadālābuṃ samutsraṣṭuṃ manaś cakre sa pārthivaḥ athāntarikṣāc chuśrāva vācaṃ gambhīranisvanām
Da fasste der König den Entschluss, jenen Kürbis wegzuwerfen; doch da hörte er aus dem Luftraum eine Stimme von tiefem Klang:

rājan mā sāhasaṃ kārṣīḥ putrān na tyaktum arhasi alābumadhyān niṣkṛṣya bījaṃ yatnena gopyatām

'O König, begehe keine Übereilung; du sollst die Söhne nicht verstoßen. Zieh die Samen aus dem Innern des Kürbisses heraus und bewahre sie sorgfältig,

Wort für Wort
rājan mā sāhasaṃ kārṣīḥ putrān na tyaktum arhasi alābumadhyān niṣkṛṣya bījaṃ yatnena gopyatām
'O König, begehe keine Übereilung; du sollst die Söhne nicht verstoßen. Zieh die Samen aus dem Innern des Kürbisses heraus und bewahre sie sorgfältig,

sopasvedeṣu pātreṣu ghṛtapūrṇeṣu bhāgaśaḥ tataḥ putrasahasrāṇi ṣaṣṭiṃ prāpsyasi pārthiva

in feuchtwarmen, mit geklärter Butter gefüllten Gefäßen, je einen für sich; dann wirst du sechzigtausend Söhne erlangen, o König.

Wort für Wort
sopasvedeṣu pātreṣu ghṛtapūrṇeṣu bhāgaśaḥ tataḥ putrasahasrāṇi ṣaṣṭiṃ prāpsyasi pārthiva
in feuchtwarmen, mit geklärter Butter gefüllten Gefäßen, je einen für sich; dann wirst du sechzigtausend Söhne erlangen, o König.

mahādevena diṣṭaṃ te putrajanma narādhipa anena kramayogena mā te buddhir ato 'nyathā

Von Mahādeva ist dir die Geburt der Söhne bestimmt worden, o Herrscher der Menschen, nach dieser Methode; möge dein Sinn nicht davon abweichen.'

Wort für Wort
mahādevena diṣṭaṃ te putrajanma narādhipa anena kramayogena mā te buddhir ato 'nyathā
Von Mahādeva ist dir die Geburt der Söhne bestimmt worden, o Herrscher der Menschen, nach dieser Methode; möge dein Sinn nicht davon abweichen.'

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