Kapitel 262: Rāmopākhyānam (5)
Der goldene Hirsch und der Beginn von Sītās Entführung
Rāvaṇa gewinnt den widerstrebenden Mārīca für seinen Plan: als juwelenglänzender Hirsch soll er Sītā verlocken, damit Rāma sich von ihr entfernt. Rāma erlegt den Hirsch, der sterbend mit seiner eigenen Stimme um Hilfe ruft; Sītā, in Sorge, schickt den widerstrebenden Lakṣmaṇa fort und weist seinen Verdacht scharf zurück. Rāvaṇa, als Asket verkleidet, nähert sich Sītā, wirft die Verkleidung ab, wirbt vergeblich um sie und entführt sie schließlich mit Gewalt durch die Luft, während der Geier Jaṭāyu Zeuge wird.
pravrajyāyāṃ hi me hetuḥ sa eva puruṣarṣabhaḥ vināśamukham etat te kenākhyātaṃ durātmanā
Er, dieser Stier der Männer, ist ja der Grund für mein Asketentum; dies ist der Rachen des Verderbens für dich - welcher Übelgesinnte hat dir davon erzählt?‘
Wort für Wort
pravrajyāyāṃ hi me hetuḥ sa eva puruṣarṣabhaḥ vināśamukham etat te kenākhyātaṃ durātmanā
Er, dieser Stier der Männer, ist ja der Grund für mein Asketentum; dies ist der Rachen des Verderbens für dich - welcher Übelgesinnte hat dir davon erzählt?‘
mārīcaś cintayām āsa viśiṣṭān maraṇaṃ varam avaśyaṃ maraṇe prāpte kariṣyāmy asya yan matam
Mārīca dachte bei sich, dass der Tod einer Schande vorzuziehen sei; da der Tod ohnehin unausweichlich bevorstehe, werde er tun, was jener wünsche.
Wort für Wort
mārīcaś cintayām āsa viśiṣṭān maraṇaṃ varam avaśyaṃ maraṇe prāpte kariṣyāmy asya yan matam
Mārīca dachte bei sich, dass der Tod einer Schande vorzuziehen sei; da der Tod ohnehin unausweichlich bevorstehe, werde er tun, was jener wünsche.
Der Sanskrit-Text gibt Mārīcas Überlegung als inneren Gedanken (cintayām āsa) ohne Redeeinleitung 'iti' wieder; sie wurde daher als indirekte Rede und nicht als wörtliches Zitat übersetzt.
Gewiss wird Sītā, sobald sie dich erblickt, Rāma dazu antreiben, [dich zu jagen]; und ist der Sproß des Kakutstha fortgegangen, wird Sītā mir gefügig sein.
Gewiss wird Sītā, sobald sie dich erblickt, Rāma dazu antreiben, [dich zu jagen]; und ist der Sproß des Kakutstha fortgegangen, wird Sītā mir gefügig sein.
tām ādāyāpaneṣyāmi tataḥ sa na bhaviṣyati bhāryāviyogād durbuddhir etat sāhyaṃ kuruṣva me
Sie werde ich mir nehmen und entführen; er selbst wird dann, durch die Trennung von seiner Gattin, um seinen klaren Verstand kommen - leiste mir diese Hilfe.‘
Wort für Wort
tām ādāyāpaneṣyāmi tataḥ sa na bhaviṣyati bhāryāviyogād durbuddhir etat sāhyaṃ kuruṣva me
Sie werde ich mir nehmen und entführen; er selbst wird dann, durch die Trennung von seiner Gattin, um seinen klaren Verstand kommen - leiste mir diese Hilfe.‘
So angesprochen, vollzog Mārīca für sich selbst das Wasseropfer der Totenriten und folgte, überaus betrübt, Rāvaṇa, der vorausging.
Mārīca, der seinen eigenen Tod durch Rāmas Hand voraussieht, vollzieht für sich selbst schon vorab das rituelle Wasseropfer, wie es sonst den Verstorbenen dargebracht wird.
sa dhanvī baddhatūṇīraḥ khaḍgagodhāṅgulitravān anvadhāvan mṛgaṃ rāmo rudras tārāmṛgaṃ yathā
Er, der Bogenträger, mit angelegtem Köcher, mit Schwert und Fingerschutz aus Eidechsenleder, verfolgte das Reh, Rāma, wie [einst] Rudra den Sternen-Hirsch [verfolgte].
Wort für Wort
sa dhanvī baddhatūṇīraḥ khaḍgagodhāṅgulitravān anvadhāvan mṛgaṃ rāmo rudras tārāmṛgaṃ yathā
Er, der Bogenträger, mit angelegtem Köcher, mit Schwert und Fingerschutz aus Eidechsenleder, verfolgte das Reh, Rāma, wie [einst] Rudra den Sternen-Hirsch [verfolgte].
Anspielung auf die Erzählung, wie Rudra den in einen Hirsch verwandelten Prajāpati verfolgte - dieser wurde später als Sternbild (Mṛgaśiras) an den Himmel versetzt.
Als er ihn als Nachtwandler erkannt hatte, ergriff der geistesgegenwärtige Sproß Raghus einen unfehlbaren Pfeil und erschlug den in Rehgestalt Befindlichen.
Als er ihn als Nachtwandler erkannt hatte, ergriff der geistesgegenwärtige Sproß Raghus einen unfehlbaren Pfeil und erschlug den in Rehgestalt Befindlichen.
ity uktvā sā prarudatī paryaśaṅkata devaram hatā vai strīsvabhāvena śuddhacāritrabhūṣaṇam
Nachdem er dies gesagt hatte, verdächtigte sie, weinend, den Schwager - getroffen fürwahr von der Natur der Frauen, ihn, der durch reine Sittsamkeit geschmückt war.
Wort für Wort
ity uktvā sā prarudatī paryaśaṅkata devaram hatā vai strīsvabhāvena śuddhacāritrabhūṣaṇam
Nachdem er dies gesagt hatte, verdächtigte sie, weinend, den Schwager - getroffen fürwahr von der Natur der Frauen, ihn, der durch reine Sittsamkeit geschmückt war.
Sie, die Tugendhafte, ihrem Gatten Ergebene, begann, harsche Worte zu ihm zu sprechen: ‚Dies ist nicht die Zeit, du Tor, auf die du in deinem Herzen hoffst.
Sie, die Tugendhafte, ihrem Gatten Ergebene, begann, harsche Worte zu ihm zu sprechen: ‚Dies ist nicht die Zeit, du Tor, auf die du in deinem Herzen hoffst.
Nachdem er solch ein Wort vernommen hatte, hielt sich Lakṣmaṇa, dem Rāghava ergeben, von guter Sitte, die Ohren zu und machte sich dorthin auf, wohin der Sproß Raghus [gegangen war]; Rāmas Spur folgend, eilte der Bogenträger davon.
Nachdem er solch ein Wort vernommen hatte, hielt sich Lakṣmaṇa, dem Rāghava ergeben, von guter Sitte, die Ohren zu und machte sich dorthin auf, wohin der Sproß Raghus [gegangen war]; Rāmas Spur folgend, eilte der Bogenträger davon.
In diesem Augenblick zeigte sich der Rākṣasa Rāvaṇa, der Unheilvolle in heilvoller Gestalt, wie ein von Asche verhülltes Feuer, verborgen in der Tracht eines Asketen, begierig, die Untadelige zu rauben.
In diesem Augenblick zeigte sich der Rākṣasa Rāvaṇa, der Unheilvolle in heilvoller Gestalt, wie ein von Asche verhülltes Feuer, verborgen in der Tracht eines Asketen, begierig, die Untadelige zu rauben.
tatra tvaṃ varanārīṣu śobhiṣyasi mayā saha bhāryā me bhava suśroṇi tāpasaṃ tyaja rāghavam
Dort wirst du unter den vortrefflichsten Frauen glänzen, zusammen mit mir; werde meine Gattin, du Schönhüftige, verlasse den Asketen, den Sproß Raghus.‘
Wort für Wort
tatra tvaṃ varanārīṣu śobhiṣyasi mayā saha bhāryā me bhava suśroṇi tāpasaṃ tyaja rāghavam
Dort wirst du unter den vortrefflichsten Frauen glänzen, zusammen mit mir; werde meine Gattin, du Schönhüftige, verlasse den Asketen, den Sproß Raghus.‘
Als sie solche und ähnliche Worte vernommen hatte, hielt sich Sītā, die Tochter Janakas, die Schönhüftige, die Ohren zu und sprach dieses Wort: ‚Nicht so!
Als sie solche und ähnliche Worte vernommen hatte, hielt sich Sītā, die Tochter Janakas, die Schönhüftige, die Ohren zu und sprach dieses Wort: ‚Nicht so!
Der Himmel mitsamt den Sternen möge herabstürzen, die Erde in Stücke zerfallen, das Feuer Kälte annehmen - eher als dass ich den Freudenbringer der Raghus verließe.
Der Himmel mitsamt den Sternen möge herabstürzen, die Erde in Stücke zerfallen, das Feuer Kälte annehmen - eher als dass ich den Freudenbringer der Raghus verließe.
kathaṃ hi bhinnakaraṭaṃ padminaṃ vanagocaram upasthāya mahānāgaṃ kareṇuḥ sūkaraṃ spṛśet
Wie sollte denn eine Elefantenkuh, nachdem sie sich einem großen, lotusartig duftenden, im Wald weilenden Elefanten mit rinnenden Schläfendrüsen genähert hat, ein Schwein berühren?
Wort für Wort
kathaṃ hi bhinnakaraṭaṃ padminaṃ vanagocaram upasthāya mahānāgaṃ kareṇuḥ sūkaraṃ spṛśet
Wie sollte denn eine Elefantenkuh, nachdem sie sich einem großen, lotusartig duftenden, im Wald weilenden Elefanten mit rinnenden Schläfendrüsen genähert hat, ein Schwein berühren?
kathaṃ hi pītvā mādhvīkaṃ pītvā ca madhumādhavīm lobhaṃ sauvīrake kuryān nārī kā cid iti smare
Wie sollte wohl, nachdem sie Honigwein getrunken und den süßen Mādhavī-Trank getrunken hat, irgendeine Frau Verlangen nach saurem Reisbrei empfinden - so denke ich mir.‘
Wort für Wort
kathaṃ hi pītvā mādhvīkaṃ pītvā ca madhumādhavīm lobhaṃ sauvīrake kuryān nārī kā cid iti smare
Wie sollte wohl, nachdem sie Honigwein getrunken und den süßen Mādhavī-Trank getrunken hat, irgendeine Frau Verlangen nach saurem Reisbrei empfinden - so denke ich mir.‘
Bildvergleich: wie eine Elefantenkuh sich keinem Schwein und eine Weintrinkerin keinem sauren Reisbrei-Getränk (sauvīraka) zuwenden würde, so wenig könnte Sītā sich Rāvaṇa zuwenden.