Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 227: Ghoṣayātrāsaṃmantraṇam Die Beratung über die Ghoṣayātrā

Duryodhana ist von Karṇas Vorschlag angetan, fürchtet aber, von seinem Vater keine Erlaubnis zu erhalten, zu den Pāṇḍavas zu reisen, zumal Dhṛtarāṣṭra deren Askese bereits bewundert und Vidura einst beim Würfelspiel gewarnt hatte. Er bittet Karṇa und Śakuni um einen listigen Vorwand. Karṇa findet die Lösung: eine angebliche ‚Ghoṣayātrā‘ (Rinderschau-Reise) zu den Hirtenlagern im Dvaitavana-Wald, ein ohnehin übliches Unternehmen, das Dhṛtarāṣṭra kaum verweigern könne. Śakuni bestätigt lachend den Plan als unbedenklich.

vaiśaṃpāyana uvāca karṇasya vacanaṃ śrutvā rājā duryodhanas tadā hṛṣṭo bhūtvā punar dīna idaṃ vacanam abravīt

Vaiśaṃpāyana sprach: „Nachdem König Duryodhana Karṇas Rede gehört hatte, wurde er da zunächst froh, dann wieder niedergeschlagen, und sprach dieses Wort:

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca karṇasya vacanaṃ śrutvā rājā duryodhanas tadā hṛṣṭo bhūtvā punar dīna idaṃ vacanam abravīt
Vaiśaṃpāyana sprach: „Nachdem König Duryodhana Karṇas Rede gehört hatte, wurde er da zunächst froh, dann wieder niedergeschlagen, und sprach dieses Wort:

bravīṣi yad idaṃ karṇa sarvaṃ me manasi sthitam na tv abhyanujñāṃ lapsyāmi gamane yatra pāṇḍavāḥ

‚Was du da sprichst, Karṇa, das alles entspricht ganz meinem eigenen Sinn; doch werde ich keine Erlaubnis erhalten, dorthin zu gehen, wo die Pāṇḍavas sind.

Wort für Wort
bravīṣi yad idaṃ karṇa sarvaṃ me manasi sthitam na tv abhyanujñāṃ lapsyāmi gamane yatra pāṇḍavāḥ
‚Was du da sprichst, Karṇa, das alles entspricht ganz meinem eigenen Sinn; doch werde ich keine Erlaubnis erhalten, dorthin zu gehen, wo die Pāṇḍavas sind.

paridevati tān vīrān dhṛtarāṣṭro mahīpatiḥ manyate 'bhyadhikāṃś cāpi tapoyogena pāṇḍavān

Der Herrscher der Erde, Dhṛtarāṣṭra, beklagt jene Helden und hält die Pāṇḍavas durch ihre Askese sogar für überlegen.

Wort für Wort
paridevati tān vīrān dhṛtarāṣṭro mahīpatiḥ manyate 'bhyadhikāṃś cāpi tapoyogena pāṇḍavān
Der Herrscher der Erde, Dhṛtarāṣṭra, beklagt jene Helden und hält die Pāṇḍavas durch ihre Askese sogar für überlegen.

atha vāpy anubudhyeta nṛpo 'smākaṃ cikīrṣitam evam apy āyatiṃ rakṣan nābhyanujñātum arhati

Und sollte der König gar unser Vorhaben durchschauen, wird er, selbst dann die Zukunft im Auge behaltend, es kaum erlauben können.

Wort für Wort
atha vāpy anubudhyeta nṛpo 'smākaṃ cikīrṣitam evam apy āyatiṃ rakṣan nābhyanujñātum arhati
Und sollte der König gar unser Vorhaben durchschauen, wird er, selbst dann die Zukunft im Auge behaltend, es kaum erlauben können.

na hi dvaitavane kiṃ cid vidyate 'nyat prayojanam utsādanam ṛte teṣāṃ vanasthānāṃ mama dviṣām

Denn im Dvaitavana gibt es keinerlei anderen Zweck, außer der Vernichtung jener im Wald weilenden, mir verhassten Feinde.

Wort für Wort
na hi dvaitavane kiṃ cid vidyate 'nyat prayojanam utsādanam ṛte teṣāṃ vanasthānāṃ mama dviṣām
Denn im Dvaitavana gibt es keinerlei anderen Zweck, außer der Vernichtung jener im Wald weilenden, mir verhassten Feinde.

jānāsi hi yathā kṣattā dyūtakāla upasthite abravīd yac ca māṃ tvāṃ ca saubalaṃ ca vacas tadā

Du weißt ja, wie der Kṣattā, als die Zeit des Würfelspiels gekommen war, damals zu mir, zu dir und zum Sohn Subalas ein Wort sprach,

Wort für Wort
jānāsi hi yathā kṣattā dyūtakāla upasthite abravīd yac ca māṃ tvāṃ ca saubalaṃ ca vacas tadā
Du weißt ja, wie der Kṣattā, als die Zeit des Würfelspiels gekommen war, damals zu mir, zu dir und zum Sohn Subalas ein Wort sprach,

tāni pūrvāṇi vākyāni yac cānyat paridevitam vicintya nādhigacchāmi gamanāyetarāya vā

jene früheren Worte, und was er sonst noch beklagte - wenn ich daran denke, finde ich keinen Weg, weder für das Gehen noch für das Unterlassen.

Wort für Wort
tāni pūrvāṇi vākyāni yac cānyat paridevitam vicintya nādhigacchāmi gamanāyetarāya vā
jene früheren Worte, und was er sonst noch beklagte - wenn ich daran denke, finde ich keinen Weg, weder für das Gehen noch für das Unterlassen.

mamāpi hi mahān harṣo yad ahaṃ bhīmaphalgunau kliṣṭāv araṇye paśyeyaṃ kṛṣṇayā sahitāv iti

Denn auch mir wäre es eine große Freude, wenn ich Bhīma und Phalguna, gequält im Wald, zusammen mit Kṛṣṇā sehen könnte.

Wort für Wort
mamāpi hi mahān harṣo yad ahaṃ bhīmaphalgunau kliṣṭāv araṇye paśyeyaṃ kṛṣṇayā sahitāv iti
Denn auch mir wäre es eine große Freude, wenn ich Bhīma und Phalguna, gequält im Wald, zusammen mit Kṛṣṇā sehen könnte.

na tathā prāpnuyāṃ prītim avāpya vasudhām api dṛṣṭvā yathā pāṇḍusutān valkalājinavāsasaḥ

Nicht so große Freude würde ich empfinden, selbst wenn ich die ganze Erde erlangte, wie beim Anblick der Söhne Pāṇḍus, in Baumrinde und Fell gekleidet.

Wort für Wort
na tathā prāpnuyāṃ prītim avāpya vasudhām api dṛṣṭvā yathā pāṇḍusutān valkalājinavāsasaḥ
Nicht so große Freude würde ich empfinden, selbst wenn ich die ganze Erde erlangte, wie beim Anblick der Söhne Pāṇḍus, in Baumrinde und Fell gekleidet.

kiṃ nu syād adhikaṃ tasmād yad ahaṃ drupadātmajām draupadīṃ karṇa paśyeyaṃ kāṣāyavasanāṃ vane

Was könnte wohl größer sein, als wenn ich, Karṇa, die Tochter Drupadas, Draupadī, im Wald in ockerfarbenem Gewand erblicken würde?

Wort für Wort
kiṃ nu syād adhikaṃ tasmād yad ahaṃ drupadātmajām draupadīṃ karṇa paśyeyaṃ kāṣāyavasanāṃ vane
Was könnte wohl größer sein, als wenn ich, Karṇa, die Tochter Drupadas, Draupadī, im Wald in ockerfarbenem Gewand erblicken würde?

yadi māṃ dharmarājaś ca bhīmasenaś ca pāṇḍavaḥ yuktaṃ paramayā lakṣmyā paśyetāṃ jīvitaṃ bhavet

Wenn mich der Rechtskönig und der Pāṇḍava Bhīmasena, ausgestattet mit höchster Pracht, sähen, wäre das Leben lebenswert.

Wort für Wort
yadi māṃ dharmarājaś ca bhīmasenaś ca pāṇḍavaḥ yuktaṃ paramayā lakṣmyā paśyetāṃ jīvitaṃ bhavet
Wenn mich der Rechtskönig und der Pāṇḍava Bhīmasena, ausgestattet mit höchster Pracht, sähen, wäre das Leben lebenswert.

upāyaṃ na tu paśyāmi yena gacchema tad vanam yathā cābhyanujānīyād gacchantaṃ māṃ mahīpatiḥ

Doch ich sehe keinen Weg, wie wir zu jenem Wald gehen könnten, noch wie der Herrscher der Erde mir, wenn ich ginge, seine Zustimmung geben würde.

Wort für Wort
upāyaṃ na tu paśyāmi yena gacchema tad vanam yathā cābhyanujānīyād gacchantaṃ māṃ mahīpatiḥ
Doch ich sehe keinen Weg, wie wir zu jenem Wald gehen könnten, noch wie der Herrscher der Erde mir, wenn ich ginge, seine Zustimmung geben würde.

sa saubalena sahitas tathā duḥśāsanena ca upāyaṃ paśya nipuṇaṃ yena gacchema tad vanam

So ersinne du, zusammen mit dem Sohn Subalas und ebenso mit Duḥśāsana, einen geschickten Plan, wodurch wir zu jenem Wald gehen könnten.

Wort für Wort
sa saubalena sahitas tathā duḥśāsanena ca upāyaṃ paśya nipuṇaṃ yena gacchema tad vanam
So ersinne du, zusammen mit dem Sohn Subalas und ebenso mit Duḥśāsana, einen geschickten Plan, wodurch wir zu jenem Wald gehen könnten.

aham apy adya niścitya gamanāyetarāya vā kālyam eva gamiṣyāmi samīpaṃ pārthivasya ha

Auch ich werde, nachdem ich mich heute entschieden habe, ob für das Gehen oder das Unterlassen, schon morgen früh zum König gehen.

Wort für Wort
aham apy adya niścitya gamanāyetarāya vā kālyam eva gamiṣyāmi samīpaṃ pārthivasya ha
Auch ich werde, nachdem ich mich heute entschieden habe, ob für das Gehen oder das Unterlassen, schon morgen früh zum König gehen.

mayi tatropaviṣṭe tu bhīṣme ca kurusattame upāyo yo bhaved dṛṣṭas taṃ brūyāḥ sahasaubalaḥ

Wenn ich dort sitze, zusammen mit Bhīṣma, dem Besten der Kurus, dann sollst du, zusammen mit dem Sohn Subalas, den gefundenen Plan vortragen.

Wort für Wort
mayi tatropaviṣṭe tu bhīṣme ca kurusattame upāyo yo bhaved dṛṣṭas taṃ brūyāḥ sahasaubalaḥ
Wenn ich dort sitze, zusammen mit Bhīṣma, dem Besten der Kurus, dann sollst du, zusammen mit dem Sohn Subalas, den gefundenen Plan vortragen.

tato bhīṣmasya rājñaś ca niśamya gamanaṃ prati vyavasāyaṃ kariṣye 'ham anunīya pitāmaham

Darauf, nachdem ich Bhīṣmas und des Königs Meinung über das Vorhaben vernommen habe, werde ich, den Großvater umstimmend, meinen Entschluss fassen.‘

Wort für Wort
tato bhīṣmasya rājñaś ca niśamya gamanaṃ prati vyavasāyaṃ kariṣye 'ham anunīya pitāmaham
Darauf, nachdem ich Bhīṣmas und des Königs Meinung über das Vorhaben vernommen habe, werde ich, den Großvater umstimmend, meinen Entschluss fassen.‘

tathety uktvā tu te sarve jagmur āvasathān prati vyuṣitāyāṃ rajanyāṃ tu karṇo rājānam abhyayāt

‚So sei es‘, sprachen sie alle und gingen zu ihren Wohnstätten; als aber die Nacht vergangen war, begab sich Karṇa zum König.

Wort für Wort
tathety uktvā tu te sarve jagmur āvasathān prati vyuṣitāyāṃ rajanyāṃ tu karṇo rājānam abhyayāt
‚So sei es‘, sprachen sie alle und gingen zu ihren Wohnstätten; als aber die Nacht vergangen war, begab sich Karṇa zum König.

tato duryodhanaṃ karṇaḥ prahasann idam abravīt upāyaḥ paridṛṣṭo 'yaṃ taṃ nibodha janeśvara

Da sprach Karṇa lachend zu Duryodhana dies: ‚Dieser Plan ist gefunden worden; vernimm ihn, Herr der Menschen.

Wort für Wort
tato duryodhanaṃ karṇaḥ prahasann idam abravīt upāyaḥ paridṛṣṭo 'yaṃ taṃ nibodha janeśvara
Da sprach Karṇa lachend zu Duryodhana dies: ‚Dieser Plan ist gefunden worden; vernimm ihn, Herr der Menschen.

ghoṣā dvaitavane sarve tvatpratīkṣā narādhipa ghoṣayātrāpadeśena gamiṣyāmo na saṃśayaḥ

Alle Hirtenlager im Dvaitavana warten auf dich, o Herrscher der Menschen; unter dem Vorwand einer Rinderschau-Reise (Ghoṣayātrā) werden wir zweifellos dorthin gehen.

Wort für Wort
ghoṣā dvaitavane sarve tvatpratīkṣā narādhipa ghoṣayātrāpadeśena gamiṣyāmo na saṃśayaḥ
Alle Hirtenlager im Dvaitavana warten auf dich, o Herrscher der Menschen; unter dem Vorwand einer Rinderschau-Reise (Ghoṣayātrā) werden wir zweifellos dorthin gehen.

ucitaṃ hi sadā gantuṃ ghoṣayātrāṃ viśāṃ pate evaṃ ca tvāṃ pitā rājan samanujñātum arhati

Denn es ist stets üblich, zur Rinderschau zu gehen, o Herr der Völker; und so dürfte dir dein Vater, o König, wohl seine Zustimmung geben.‘

Wort für Wort
ucitaṃ hi sadā gantuṃ ghoṣayātrāṃ viśāṃ pate evaṃ ca tvāṃ pitā rājan samanujñātum arhati
Denn es ist stets üblich, zur Rinderschau zu gehen, o Herr der Völker; und so dürfte dir dein Vater, o König, wohl seine Zustimmung geben.‘

tathā kathayamānau tau ghoṣayātrāviniścayam gāndhārarājaḥ śakuniḥ pratyuvāca hasann iva

Während die beiden so über den Beschluss zur Rinderschau-Reise sprachen, erwiderte der König von Gāndhāra, Śakuni, gleichsam lachend:

Wort für Wort
tathā kathayamānau tau ghoṣayātrāviniścayam gāndhārarājaḥ śakuniḥ pratyuvāca hasann iva
Während die beiden so über den Beschluss zur Rinderschau-Reise sprachen, erwiderte der König von Gāndhāra, Śakuni, gleichsam lachend:

upāyo 'yaṃ mayā dṛṣṭo gamanāya nirāmayaḥ anujñāsyati no rājā codayiṣyati cāpy uta

‚Dieser von mir gefundene Plan für die Reise ist unbedenklich; der König wird uns die Erlaubnis geben und uns sogar noch dazu antreiben.

Wort für Wort
upāyo 'yaṃ mayā dṛṣṭo gamanāya nirāmayaḥ anujñāsyati no rājā codayiṣyati cāpy uta
‚Dieser von mir gefundene Plan für die Reise ist unbedenklich; der König wird uns die Erlaubnis geben und uns sogar noch dazu antreiben.

ghoṣā dvaitavane sarve tvatpratīkṣā narādhipa ghoṣayātrāpadeśena gamiṣyāmo na saṃśayaḥ

Alle Hirtenlager im Dvaitavana warten auf dich, o Herrscher der Menschen; unter dem Vorwand einer Rinderschau-Reise werden wir zweifellos dorthin gehen.‘

Wort für Wort
ghoṣā dvaitavane sarve tvatpratīkṣā narādhipa ghoṣayātrāpadeśena gamiṣyāmo na saṃśayaḥ
Alle Hirtenlager im Dvaitavana warten auf dich, o Herrscher der Menschen; unter dem Vorwand einer Rinderschau-Reise werden wir zweifellos dorthin gehen.‘

tataḥ prahasitāḥ sarve te 'nyonyasya talān daduḥ tad eva ca viniścitya dadṛśuḥ kurusattamam

Da lachten sie alle und schlugen einander in die Handflächen; und nachdem sie eben dies beschlossen hatten, suchten sie den Besten der Kurus auf.“

Wort für Wort
tataḥ prahasitāḥ sarve te 'nyonyasya talān daduḥ tad eva ca viniścitya dadṛśuḥ kurusattamam
Da lachten sie alle und schlugen einander in die Handflächen; und nachdem sie eben dies beschlossen hatten, suchten sie den Besten der Kurus auf.“

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