Kapitel 70: Akṣahṛdayapradānam
Der Tausch der Geheimwissenschaften und Kalis Flucht
Unterwegs demonstriert Ṛtuparṇa seine wunderbare Zählkunst am Beispiel eines Bibhītaka-Baumes. Nala, zunächst skeptisch, überprüft die Zahl durch Fällen des Baumes und findet sie bestätigt - im Tausch gegen sein eigenes Geheimnis der Rosselenkkunst erhält er von Ṛtuparṇa das Geheimnis des Würfelspiels (akṣahṛdaya). In diesem Augenblick entweicht der in Nala verborgene Kali, von Karkoṭakas Gift gepeinigt, aus seinem Körper. Nala will den nun sichtbaren Kali verfluchen, doch dieser bittet um Gnade und erklärt, warum er Nala einst heimgesucht hatte - durch den Fluch Damayantīs, der Mutter des Indrasena. Von Kali befreit, doch weiterhin äußerlich entstellt, zieht Nala mit neuer Freude weiter nach Vidarbha.
sarvaḥ sarvaṃ na jānāti sarvajño nāsti kaś cana naikatra pariniṣṭhāsti jñānasya puruṣe kva cit
Nicht jeder weiß alles; es gibt keinen Allwissenden; nirgends findet sich in einem Menschen vollständige Meisterschaft des Wissens an einem einzigen Ort.
Wort für Wort
sarvaḥ sarvaṃ na jānāti sarvajño nāsti kaś cana naikatra pariniṣṭhāsti jñānasya puruṣe kva cit
Nicht jeder weiß alles; es gibt keinen Allwissenden; nirgends findet sich in einem Menschen vollständige Meisterschaft des Wissens an einem einzigen Ort.
vṛkṣe 'smin yāni parṇāni phalāny api ca bāhuka patitāni ca yāny atra tatraikam adhikaṃ śatam ekapatrādhikaṃ patraṃ phalam ekaṃ ca bāhuka
An diesem Baum, Bāhuka, sind, was an Blättern und auch an Früchten hier vorhanden ist, und was herabgefallen ist, hundertundeins an der Zahl - ein Blatt mehr als die Blätter, und eine Frucht, o Bāhuka [?],
Wort für Wort
vṛkṣe 'smin yāni parṇāni phalāny api ca bāhuka patitāni ca yāny atra tatraikam adhikaṃ śatam ekapatrādhikaṃ patraṃ phalam ekaṃ ca bāhuka
An diesem Baum, Bāhuka, sind, was an Blättern und auch an Früchten hier vorhanden ist, und was herabgefallen ist, hundertundeins an der Zahl - ein Blatt mehr als die Blätter, und eine Frucht, o Bāhuka [?],
[Anm.: Der Rätselvers über die genaue Anzahl der Blätter und Früchte ist im Sanskrit stark komprimiert und lässt sich nicht mit letzter Sicherheit in seine einzelnen Zahlwerte auflösen.]
pañca koṭyo 'tha patrāṇāṃ dvayor api ca śākhayoḥ pracinuhy asya śākhe dve yāś cāpy anyāḥ praśākhikāḥ ābhyāṃ phalasahasre dve pañconaṃ śatam eva ca
und fünf Koṭi [fünfzig Millionen] an Blättern sind es an den beiden Ästen; zähle diese beiden Äste dieses Baumes, und auch die anderen Zweige - an ihnen beiden sind zweitausend Früchte, weniger fünfundneunzig.“
Wort für Wort
pañca koṭyo 'tha patrāṇāṃ dvayor api ca śākhayoḥ pracinuhy asya śākhe dve yāś cāpy anyāḥ praśākhikāḥ ābhyāṃ phalasahasre dve pañconaṃ śatam eva ca
und fünf Koṭi [fünfzig Millionen] an Blättern sind es an den beiden Ästen; zähle diese beiden Äste dieses Baumes, und auch die anderen Zweige - an ihnen beiden sind zweitausend Früchte, weniger fünfundneunzig.“
ahaṃ hi nābhijānāmi bhaved evaṃ na veti ca saṃkhyāsyāmi phalāny asya paśyatas te janādhipa muhūrtam iva vārṣṇeyo raśmīn yacchatu vājinām
Ich weiß freilich nicht, ob es sich so verhält oder nicht; ich werde die Früchte dieses Baumes zählen, während du zusiehst, o Herrscher der Menschen. Vārṣṇeya möge für einen Augenblick die Zügel der Rosse halten.“
Wort für Wort
ahaṃ hi nābhijānāmi bhaved evaṃ na veti ca saṃkhyāsyāmi phalāny asya paśyatas te janādhipa muhūrtam iva vārṣṇeyo raśmīn yacchatu vājinām
Ich weiß freilich nicht, ob es sich so verhält oder nicht; ich werde die Früchte dieses Baumes zählen, während du zusiehst, o Herrscher der Menschen. Vārṣṇeya möge für einen Augenblick die Zügel der Rosse halten.“
kāmaṃ ca te kariṣyāmi yan māṃ vakṣyasi bāhuka vidarbhān yadi yātvādya sūryaṃ darśayitāsi me
Und was du mir auch sagen wirst, Bāhuka, das werde ich erfüllen - wenn ich noch heute nach Vidarbha gelange, ehe du mir die Sonne [den Sonnenuntergang] zeigst.“
Wort für Wort
kāmaṃ ca te kariṣyāmi yan māṃ vakṣyasi bāhuka vidarbhān yadi yātvādya sūryaṃ darśayitāsi me
Und was du mir auch sagen wirst, Bāhuka, das werde ich erfüllen - wenn ich noch heute nach Vidarbha gelange, ehe du mir die Sonne [den Sonnenuntergang] zeigst.“
[Anm.: 'sūryaṃ darśayitāsi me' (wörtlich 'du wirst mir die Sonne zeigen') ist im Sanskrit knapp und wird hier als Anspielung auf den bevorstehenden Sonnenuntergang gedeutet.]
tataḥ sa vismayāviṣṭo rājānam idam abravīt gaṇayitvā yathoktāni tāvanty eva phalāni ca
Da, von Staunen erfüllt, sprach er, nachdem er die Früchte gezählt hatte und sie sich genau als so viele erwiesen hatten, wie jener gesagt hatte, zum König dies:
Wort für Wort
tataḥ sa vismayāviṣṭo rājānam idam abravīt gaṇayitvā yathoktāni tāvanty eva phalāni ca
Da, von Staunen erfüllt, sprach er, nachdem er die Früchte gezählt hatte und sie sich genau als so viele erwiesen hatten, wie jener gesagt hatte, zum König dies:
tam uvāca tato rājā tvarito gamane tadā viddhy akṣahṛdayajñaṃ māṃ saṃkhyāne ca viśāradam
Da sprach der König zu ihm, obwohl er es eilig hatte, weiterzuziehen: „Wisse, dass ich das Geheimnis des Würfelspiels kenne und im Zählen erfahren bin.“
Wort für Wort
tam uvāca tato rājā tvarito gamane tadā viddhy akṣahṛdayajñaṃ māṃ saṃkhyāne ca viśāradam
Da sprach der König zu ihm, obwohl er es eilig hatte, weiterzuziehen: „Wisse, dass ich das Geheimnis des Würfelspiels kenne und im Zählen erfahren bin.“
yatheṣṭaṃ tvaṃ gṛhāṇedam akṣāṇāṃ hṛdayaṃ param nikṣepo me 'śvahṛdayaṃ tvayi tiṣṭhatu bāhuka evam uktvā dadau vidyām ṛtuparṇo nalāya vai
„Nimm nach Belieben dieses höchste Geheimnis des Würfelspiels an; das Geheimnis der Rosselenkkunst bleibe bei dir als mein Pfand hinterlegt, Bāhuka.“ So sprechend, gab Ṛtuparṇa dem Nala die Kunst.
Wort für Wort
yatheṣṭaṃ tvaṃ gṛhāṇedam akṣāṇāṃ hṛdayaṃ param nikṣepo me 'śvahṛdayaṃ tvayi tiṣṭhatu bāhuka evam uktvā dadau vidyām ṛtuparṇo nalāya vai
„Nimm nach Belieben dieses höchste Geheimnis des Würfelspiels an; das Geheimnis der Rosselenkkunst bleibe bei dir als mein Pfand hinterlegt, Bāhuka.“ So sprechend, gab Ṛtuparṇa dem Nala die Kunst.
kales tasya tadārtasya śāpāgniḥ sa viniḥsṛtaḥ sa tena karśito rājā dīrghakālam anātmavān
Jenes Feuer des Fluches, das von dem gequälten Kali ausging, entwich; durch ihn war der König lange Zeit abgezehrt und seiner selbst nicht mächtig gewesen.
Wort für Wort
kales tasya tadārtasya śāpāgniḥ sa viniḥsṛtaḥ sa tena karśito rājā dīrghakālam anātmavān
Jenes Feuer des Fluches, das von dem gequälten Kali ausging, entwich; durch ihn war der König lange Zeit abgezehrt und seiner selbst nicht mächtig gewesen.
evam ukto nalo rājā nyayacchat kopam ātmanaḥ tato bhītaḥ kaliḥ kṣipraṃ praviveśa bibhītakam kalis tv anyena nādṛśyat kathayan naiṣadhena vai
So angesprochen, hielt König Nala seinen Zorn zurück; da, erschrocken, verbarg sich Kali eilends im Bibhītaka-Baum; und außer dem Naiṣadha, mit dem er sprach, wurde Kali von niemandem gesehen.
Wort für Wort
evam ukto nalo rājā nyayacchat kopam ātmanaḥ tato bhītaḥ kaliḥ kṣipraṃ praviveśa bibhītakam kalis tv anyena nādṛśyat kathayan naiṣadhena vai
So angesprochen, hielt König Nala seinen Zorn zurück; da, erschrocken, verbarg sich Kali eilends im Bibhītaka-Baum; und außer dem Naiṣadha, mit dem er sprach, wurde Kali von niemandem gesehen.
Da, seines Fiebers ledig, o König, der Naiṣadha, der Vernichter feindlicher Helden, nachdem Kali verschwunden war, und nachdem er die Früchte gezählt hatte,
Da, seines Fiebers ledig, o König, der Naiṣadha, der Vernichter feindlicher Helden, nachdem Kali verschwunden war, und nachdem er die Früchte gezählt hatte,
mudā paramayā yuktas tejasā ca pareṇa ha ratham āruhya tejasvī prayayau javanair hayaiḥ bibhītakaś cāpraśastaḥ saṃvṛttaḥ kalisaṃśrayāt
von höchster Freude erfüllt und mit höchstem Glanz, bestieg der Glanzvolle den Wagen und zog mit schnellen Rossen weiter; der Bibhītaka-Baum aber wurde, wegen der Zuflucht, die Kali dort gefunden hatte, fortan als unheilvoll angesehen.
Wort für Wort
mudā paramayā yuktas tejasā ca pareṇa ha ratham āruhya tejasvī prayayau javanair hayaiḥ bibhītakaś cāpraśastaḥ saṃvṛttaḥ kalisaṃśrayāt
von höchster Freude erfüllt und mit höchstem Glanz, bestieg der Glanzvolle den Wagen und zog mit schnellen Rossen weiter; der Bibhītaka-Baum aber wurde, wegen der Zuflucht, die Kali dort gefunden hatte, fortan als unheilvoll angesehen.