Kapitel 177: Sarpayudhiṣṭhirasaṃvādaḥ
Das Streitgespräch zwischen Yudhiṣṭhira und der Schlange
Yudhiṣṭhira findet Bhīma und befragt die Schlange, die sich als der einstige Königsweise Nahuṣa zu erkennen gibt: durch Hochmut nach Erlangung der Dreiweltenherrschaft von Agastya verflucht, hält er Bhīma als Mahlzeit fest, es sei denn, Yudhiṣṭhira beantworte seine Fragen. Es entspinnt sich ein tiefgründiges Streitgespräch über das Wesen des wahren Brahmanentums – ob es durch Geburt oder durch Wandel (Wahrhaftigkeit, Freigebigkeit, Sanftmut, Mitgefühl) bestimmt wird – und über das von Leid und Lust freie höchste Ziel. Am Ende erklärt sich die Schlange von Yudhiṣṭhiras Einsicht überzeugt.
Vaiśaṃpāyana sprach: Yudhiṣṭhira, als er jenen geliebten, heldenhaften Bruder erreichte, von den Windungen der Schlange umschlungen, sprach dieses Wort:
Vaiśaṃpāyana sprach: Yudhiṣṭhira, als er jenen geliebten, heldenhaften Bruder erreichte, von den Windungen der Schlange umschlungen, sprach dieses Wort:
kim āhṛtya viditvā vā prītis te syād bhujaṃgama kim āhāraṃ prayacchāmi kathaṃ muñced bhavān imam
Wodurch, durch welche Gabe oder Erkenntnis, würde dir Freude zuteil, Schlange? Welche Speise soll ich dir bringen? Wie mögest du diesen hier freilassen?“
Wort für Wort
kim āhṛtya viditvā vā prītis te syād bhujaṃgama kim āhāraṃ prayacchāmi kathaṃ muñced bhavān imam
Wodurch, durch welche Gabe oder Erkenntnis, würde dir Freude zuteil, Schlange? Welche Speise soll ich dir bringen? Wie mögest du diesen hier freilassen?“
Die Schlange sprach: „Nahuṣa genannt war ich einst ein König, dein Vorfahr, o Makelloser, berühmt, der fünfte von Soma an, der Sohn Āyus, o Herrscher der Menschen.
Die Schlange sprach: „Nahuṣa genannt war ich einst ein König, dein Vorfahr, o Makelloser, berühmt, der fünfte von Soma an, der Sohn Āyus, o Herrscher der Menschen.
kratubhis tapasā caiva svādhyāyena damena ca trailokyaiśvaryam avyagraṃ prāpto vikramaṇena ca
Durch Opfer und durch Askese, durch Selbststudium und Selbstbeherrschung, und durch Tapferkeit erlangte ich die ungestörte Herrschaft über die drei Welten.
Wort für Wort
kratubhis tapasā caiva svādhyāyena damena ca trailokyaiśvaryam avyagraṃ prāpto vikramaṇena ca
Durch Opfer und durch Askese, durch Selbststudium und Selbstbeherrschung, und durch Tapferkeit erlangte ich die ungestörte Herrschaft über die drei Welten.
Im sechsten Teil des Tages ist mir dieser deiner jüngerer Bruder als Speise zuteil geworden; ich werde ihn nicht freilassen, noch begehre ich einen anderen.
Im sechsten Teil des Tages ist mir dieser deiner jüngerer Bruder als Speise zuteil geworden; ich werde ihn nicht freilassen, noch begehre ich einen anderen.
sarpa uvāca brāhmaṇaḥ ko bhaved rājan vedyaṃ kiṃ ca yudhiṣṭhira bravīhy atimatiṃ tvāṃ hi vākyair anumimīmahe
Die Schlange sprach: „Wer wäre ein Brahmane, o König, und was ist zu wissen, Yudhiṣṭhira? Sprich; denn an deinen Worten wollen wir deine überragende Einsicht ermessen.“
Wort für Wort
sarpa uvāca brāhmaṇaḥ ko bhaved rājan vedyaṃ kiṃ ca yudhiṣṭhira bravīhy atimatiṃ tvāṃ hi vākyair anumimīmahe
Die Schlange sprach: „Wer wäre ein Brahmane, o König, und was ist zu wissen, Yudhiṣṭhira? Sprich; denn an deinen Worten wollen wir deine überragende Einsicht ermessen.“
Yudhiṣṭhira sprach: „Wahrhaftigkeit, Freigebigkeit, Nachsicht, guter Wandel, Sanftmut, Selbstbeherrschung, Mitgefühl – wo diese zu sehen sind, Herr der Schlangen, der gilt als Brahmane.
Yudhiṣṭhira sprach: „Wahrhaftigkeit, Freigebigkeit, Nachsicht, guter Wandel, Sanftmut, Selbstbeherrschung, Mitgefühl – wo diese zu sehen sind, Herr der Schlangen, der gilt als Brahmane.
vedyaṃ sarpa paraṃ brahma nirduḥkham asukhaṃ ca yat yatra gatvā na śocanti bhavataḥ kiṃ vivakṣitam
Zu wissen ist, Schlange, das höchste Brahman, das frei von Leid und frei von Lust ist, wohin gelangt man nicht mehr trauert. Was möchtest du dazu sagen?“
Wort für Wort
vedyaṃ sarpa paraṃ brahma nirduḥkham asukhaṃ ca yat yatra gatvā na śocanti bhavataḥ kiṃ vivakṣitam
Zu wissen ist, Schlange, das höchste Brahman, das frei von Leid und frei von Lust ist, wohin gelangt man nicht mehr trauert. Was möchtest du dazu sagen?“
sarpa uvāca cāturvarṇyaṃ pramāṇaṃ ca satyaṃ ca brahma caiva ha śūdreṣv api ca satyaṃ ca dānam akrodha eva ca ānṛśaṃsyam ahiṃsā ca ghṛṇā caiva yudhiṣṭhira
Die Schlange sprach: „Die vier Stände, die Schriftautorität, Wahrhaftigkeit und das Brahman – auch bei den Śūdras finden sich Wahrhaftigkeit, Freigebigkeit, Zornlosigkeit, Sanftmut, Gewaltlosigkeit und Mitgefühl, Yudhiṣṭhira.
Wort für Wort
sarpa uvāca cāturvarṇyaṃ pramāṇaṃ ca satyaṃ ca brahma caiva ha śūdreṣv api ca satyaṃ ca dānam akrodha eva ca ānṛśaṃsyam ahiṃsā ca ghṛṇā caiva yudhiṣṭhira
Die Schlange sprach: „Die vier Stände, die Schriftautorität, Wahrhaftigkeit und das Brahman – auch bei den Śūdras finden sich Wahrhaftigkeit, Freigebigkeit, Zornlosigkeit, Sanftmut, Gewaltlosigkeit und Mitgefühl, Yudhiṣṭhira.
vedyaṃ yac cāttha nirduḥkham asukhaṃ ca narādhipa tābhyāṃ hīnaṃ padaṃ cānyan na tad astīti lakṣaye
Und was du als das zu Wissende bezeichnest, frei von Leid und frei von Lust, o Herrscher der Menschen – einen anderen, von diesen beiden freien Zustand, den gibt es, wie ich erkenne, nicht.“
Wort für Wort
vedyaṃ yac cāttha nirduḥkham asukhaṃ ca narādhipa tābhyāṃ hīnaṃ padaṃ cānyan na tad astīti lakṣaye
Und was du als das zu Wissende bezeichnest, frei von Leid und frei von Lust, o Herrscher der Menschen – einen anderen, von diesen beiden freien Zustand, den gibt es, wie ich erkenne, nicht.“
yudhiṣṭhira uvāca śūdre caitad bhavel lakṣyaṃ dvije tac ca na vidyate na vai śūdro bhavec chūdro brāhmaṇo na ca brāhmaṇaḥ
Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn sich dies bei einem Śūdra zeigt und bei einem Zweifachgeborenen nicht vorhanden ist, dann wäre der Śūdra kein bloßer Śūdra, und der Brahmane kein bloßer Brahmane.
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca śūdre caitad bhavel lakṣyaṃ dvije tac ca na vidyate na vai śūdro bhavec chūdro brāhmaṇo na ca brāhmaṇaḥ
Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn sich dies bei einem Śūdra zeigt und bei einem Zweifachgeborenen nicht vorhanden ist, dann wäre der Śūdra kein bloßer Śūdra, und der Brahmane kein bloßer Brahmane.
evam etan mataṃ sarpa tābhyāṃ hīnaṃ na vidyate yathā śītoṣṇayor madhye bhaven noṣṇaṃ na śītatā
so ist auch dies deine Ansicht, Schlange: dass es kein von diesen beiden freies gebe, so wie es zwischen Kälte und Hitze nichts geben könne, das weder heiß noch kalt sei.
Wort für Wort
evam etan mataṃ sarpa tābhyāṃ hīnaṃ na vidyate yathā śītoṣṇayor madhye bhaven noṣṇaṃ na śītatā
so ist auch dies deine Ansicht, Schlange: dass es kein von diesen beiden freies gebe, so wie es zwischen Kälte und Hitze nichts geben könne, das weder heiß noch kalt sei.
evaṃ vai sukhaduḥkhābhyāṃ hīnam asti padaṃ kva cit eṣā mama matiḥ sarpa yathā vā manyate bhavān
Doch es gibt sehr wohl irgendwo einen von Glück und Leid freien Zustand – dies ist meine Ansicht, Schlange, wie auch immer du, Verehrter, darüber denken magst.“
Wort für Wort
evaṃ vai sukhaduḥkhābhyāṃ hīnam asti padaṃ kva cit eṣā mama matiḥ sarpa yathā vā manyate bhavān
Doch es gibt sehr wohl irgendwo einen von Glück und Leid freien Zustand – dies ist meine Ansicht, Schlange, wie auch immer du, Verehrter, darüber denken magst.“
sarpa uvāca yadi te vṛttato rājan brāhmaṇaḥ prasamīkṣitaḥ vyarthā jātis tadāyuṣman kṛtir yāvan na dṛśyate
Die Schlange sprach: „Wenn für dich, o König, der Brahmane nach seinem Wandel bestimmt wird, dann ist die Geburt nutzlos, o Langlebiger, solange sich keine entsprechende Tat zeigt.“
Wort für Wort
sarpa uvāca yadi te vṛttato rājan brāhmaṇaḥ prasamīkṣitaḥ vyarthā jātis tadāyuṣman kṛtir yāvan na dṛśyate
Die Schlange sprach: „Wenn für dich, o König, der Brahmane nach seinem Wandel bestimmt wird, dann ist die Geburt nutzlos, o Langlebiger, solange sich keine entsprechende Tat zeigt.“
Yudhiṣṭhira sprach: „Die Geburt ist hierbei, große Schlange, o Großgesinnter, im Menschsein durch die Vermischung aller Stände schwer zu bestimmen – dies ist meine Ansicht.
Yudhiṣṭhira sprach: „Die Geburt ist hierbei, große Schlange, o Großgesinnter, im Menschsein durch die Vermischung aller Stände schwer zu bestimmen – dies ist meine Ansicht.
idam ārṣaṃ pramāṇaṃ ca ye yajāmaha ity api tasmāc chīlaṃ pradhāneṣṭaṃ vidur ye tattvadarśinaḥ
Dies ist die überlieferte Schriftautorität, nämlich auch der Spruch ‚wir opfern‘; deshalb erachten die, welche die Wahrheit erkennen, den guten Wandel als das vornehmlich Erstrebte.
Wort für Wort
idam ārṣaṃ pramāṇaṃ ca ye yajāmaha ity api tasmāc chīlaṃ pradhāneṣṭaṃ vidur ye tattvadarśinaḥ
Dies ist die überlieferte Schriftautorität, nämlich auch der Spruch ‚wir opfern‘; deshalb erachten die, welche die Wahrheit erkennen, den guten Wandel als das vornehmlich Erstrebte.
Vor der zur Einweihung erforderlichen Reife des Leibes wird für den Mann das Geburtsritual der zweiten Geburt vorgeschrieben; dabei gilt ihm die Sāvitrī als Mutter, der Lehrer aber wird als Vater bezeichnet.
Vor der zur Einweihung erforderlichen Reife des Leibes wird für den Mann das Geburtsritual der zweiten Geburt vorgeschrieben; dabei gilt ihm die Sāvitrī als Mutter, der Lehrer aber wird als Vater bezeichnet.
[Anm.: Der Ausdruck „prāṅ nābhivardhanāt“ (wörtl. „vor dem Wachsen des Nabels“) ist unklar; er wird hier auf das Erreichen der für die Upanayana-Initiation erforderlichen Reife bezogen, bei der der Schüler durch das Sāvitrī-Mantra gleichsam neu geboren wird.]
vṛttyā śūdrasamo hy eṣa yāvad vede na jāyate asminn evaṃ matidvaidhe manuḥ svāyambhuvo 'bravīt
Durch seinen Wandel ist dieser Ungeweihte einem Śūdra gleich, solange er nicht in den Veden wiedergeboren wird; in dieser Zwiespältigkeit der Meinung sprach der Selbstentstandene Manu:
Wort für Wort
vṛttyā śūdrasamo hy eṣa yāvad vede na jāyate asminn evaṃ matidvaidhe manuḥ svāyambhuvo 'bravīt
Durch seinen Wandel ist dieser Ungeweihte einem Śūdra gleich, solange er nicht in den Veden wiedergeboren wird; in dieser Zwiespältigkeit der Meinung sprach der Selbstentstandene Manu:
kṛtakṛtyāḥ punar varṇā yadi vṛttaṃ na vidyate saṃkaras tatra nāgendra balavān prasamīkṣitaḥ
‚Wenn andererseits die Stände, obwohl ihre rituellen Pflichten vollbracht, keinen guten Wandel zeigen, dann wird dort, Herr der Schlangen, eine starke Vermischung erkannt.‘
Wort für Wort
kṛtakṛtyāḥ punar varṇā yadi vṛttaṃ na vidyate saṃkaras tatra nāgendra balavān prasamīkṣitaḥ
‚Wenn andererseits die Stände, obwohl ihre rituellen Pflichten vollbracht, keinen guten Wandel zeigen, dann wird dort, Herr der Schlangen, eine starke Vermischung erkannt.‘
Die Schlange sprach: „Vernommen habe ich dein Wort, o Yudhiṣṭhira, der du das zu Wissende erkannt hast; warum sollte ich da deinen Bruder Vṛkodara verzehren?“
Die Schlange sprach: „Vernommen habe ich dein Wort, o Yudhiṣṭhira, der du das zu Wissende erkannt hast; warum sollte ich da deinen Bruder Vṛkodara verzehren?“