Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 201: Vyādhagītā (caturtho bhāgaḥ) Die Lehre des Jägers (Vyādha-Gītā), vierter Teil: Vom Ursprung der Sünde und die brahmische Wissenschaft

Der Jäger erklärt, wie aus dem Streben des Geistes nach Sinneserkenntnis über Begierde, Leidenschaft, Hass, Habgier und Verblendung der Adharma entsteht, während der Umgang mit den Guten den rechten Sinn für den Dharma weckt. Vom Brahmanen für seine Weisheit gepriesen, beginnt er darauf, ihm zu Ehren der Brahmanen die ‚brahmische Wissenschaft‘ (brāhmī vidyā) darzulegen – eine knappe, frühe Sāṃkhya-artige Kosmologie der großen Elemente, ihrer Eigenschaften, der Sinne, des Denksinns, des Verstandes, des Ich-Bewusstseins und der drei Grundqualitäten der Natur (Rajas, Sattva, Tamas).

mārkaṇḍeya uvāca evam uktas tu vipreṇa dharmavyādho yudhiṣṭhira pratyuvāca yathā vipraṃ tac chṛṇuṣva narādhipa

Mārkaṇḍeya sprach: „So von dem Brahmanen angesprochen, erwiderte der Dharma-Jäger, o Yudhiṣṭhira; höre, wie er dem Brahmanen antwortete, du Herrscher der Menschen:

Wort für Wort
mārkaṇḍeya uvāca evam uktas tu vipreṇa dharmavyādho yudhiṣṭhira pratyuvāca yathā vipraṃ tac chṛṇuṣva narādhipa
Mārkaṇḍeya sprach: „So von dem Brahmanen angesprochen, erwiderte der Dharma-Jäger, o Yudhiṣṭhira; höre, wie er dem Brahmanen antwortete, du Herrscher der Menschen:

vyādha uvāca vijñānārthaṃ manuṣyāṇāṃ manaḥ pūrvaṃ pravartate tat prāpya kāmaṃ bhajate krodhaṃ ca dvijasattama

Der Jäger sprach: ‚Zuerst regt sich bei den Menschen der Geist, um zur Erkenntnis der Sinnesobjekte zu gelangen; hat er sie erlangt, wendet er sich der Begierde und dem Zorn zu, o Bester der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
vyādha uvāca vijñānārthaṃ manuṣyāṇāṃ manaḥ pūrvaṃ pravartate tat prāpya kāmaṃ bhajate krodhaṃ ca dvijasattama
Der Jäger sprach: ‚Zuerst regt sich bei den Menschen der Geist, um zur Erkenntnis der Sinnesobjekte zu gelangen; hat er sie erlangt, wendet er sich der Begierde und dem Zorn zu, o Bester der Zweifachgeborenen.

tatas tadarthaṃ yatate karma cārabhate mahat iṣṭānāṃ rūpagandhānām abhyāsaṃ ca niṣevate

Danach müht er sich um jenes Ziel, unternimmt große Taten und pflegt beständig den Umgang mit erwünschten Formen und Düften.

Wort für Wort
tatas tadarthaṃ yatate karma cārabhate mahat iṣṭānāṃ rūpagandhānām abhyāsaṃ ca niṣevate
Danach müht er sich um jenes Ziel, unternimmt große Taten und pflegt beständig den Umgang mit erwünschten Formen und Düften.

tato rāgaḥ prabhavati dveṣaś ca tadanantaram tato lobhaḥ prabhavati mohaś ca tadanantaram

Daraus entsteht Leidenschaft, und unmittelbar danach Hass; daraus entsteht Habgier, und unmittelbar danach Verblendung.

Wort für Wort
tato rāgaḥ prabhavati dveṣaś ca tadanantaram tato lobhaḥ prabhavati mohaś ca tadanantaram
Daraus entsteht Leidenschaft, und unmittelbar danach Hass; daraus entsteht Habgier, und unmittelbar danach Verblendung.

tasya lobhābhibhūtasya rāgadveṣahatasya ca na dharme jāyate buddhir vyājād dharmaṃ karoti ca

Bei dem, der von Habgier überwältigt und von Leidenschaft und Hass geschlagen ist, entsteht kein rechter Sinn für den Dharma; und er übt den Dharma nur zum Schein.

Wort für Wort
tasya lobhābhibhūtasya rāgadveṣahatasya ca na dharme jāyate buddhir vyājād dharmaṃ karoti ca
Bei dem, der von Habgier überwältigt und von Leidenschaft und Hass geschlagen ist, entsteht kein rechter Sinn für den Dharma; und er übt den Dharma nur zum Schein.

vyājena carate dharmam arthaṃ vyājena rocate vyājena sidhyamāneṣu dhaneṣu dvijasattama tatraiva ramate buddhis tataḥ pāpaṃ cikīrṣati

Er wandelt im Dharma nur zum Schein, ebenso gefällt ihm der Gewinn nur zum Schein; wenn durch Täuschung Reichtümer gelingen, o Bester der Zweifachgeborenen, findet sein Sinn allein darin Freude, und danach trachtet er nach Bösem.

Wort für Wort
vyājena carate dharmam arthaṃ vyājena rocate vyājena sidhyamāneṣu dhaneṣu dvijasattama tatraiva ramate buddhis tataḥ pāpaṃ cikīrṣati
Er wandelt im Dharma nur zum Schein, ebenso gefällt ihm der Gewinn nur zum Schein; wenn durch Täuschung Reichtümer gelingen, o Bester der Zweifachgeborenen, findet sein Sinn allein darin Freude, und danach trachtet er nach Bösem.

suhṛdbhir vāryamāṇaś ca paṇḍitaiś ca dvijottama uttaraṃ śrutisaṃbaddhaṃ bravīti śrutiyojitam

Und selbst wenn er von Freunden und Gelehrten zurückgehalten wird, o Bester der Zweifachgeborenen, gibt er eine mit der heiligen Überlieferung verknüpfte, scheinbar schriftgemäße Erwiderung.

Wort für Wort
suhṛdbhir vāryamāṇaś ca paṇḍitaiś ca dvijottama uttaraṃ śrutisaṃbaddhaṃ bravīti śrutiyojitam
Und selbst wenn er von Freunden und Gelehrten zurückgehalten wird, o Bester der Zweifachgeborenen, gibt er eine mit der heiligen Überlieferung verknüpfte, scheinbar schriftgemäße Erwiderung.

adharmas trividhas tasya vardhate rāgadoṣataḥ pāpaṃ cintayate cāpi bravīti ca karoti ca

Bei ihm wächst der dreifache Adharma aus dem Fehler der Leidenschaft: er denkt Böses, spricht es aus und tut es auch.

Wort für Wort
adharmas trividhas tasya vardhate rāgadoṣataḥ pāpaṃ cintayate cāpi bravīti ca karoti ca
Bei ihm wächst der dreifache Adharma aus dem Fehler der Leidenschaft: er denkt Böses, spricht es aus und tut es auch.

tasyādharmapravṛttasya guṇā naśyanti sādhavaḥ ekaśīlāś ca mitratvaṃ bhajante pāpakarmiṇaḥ

Bei ihm, der dem Adharma verfallen ist, schwinden die guten Tugenden, und Übeltäter von gleicher Wesensart schließen sich ihm als Freunde an.

Wort für Wort
tasyādharmapravṛttasya guṇā naśyanti sādhavaḥ ekaśīlāś ca mitratvaṃ bhajante pāpakarmiṇaḥ
Bei ihm, der dem Adharma verfallen ist, schwinden die guten Tugenden, und Übeltäter von gleicher Wesensart schließen sich ihm als Freunde an.

sa tenāsukham āpnoti paratra ca vihanyate pāpātmā bhavati hy evaṃ dharmalābhaṃ tu me śṛṇu

Dadurch erlangt er Unglück und wird auch im Jenseits vernichtet; so wird er böswilligen Wesens. Höre nun von mir, wie man den Dharma gewinnt.

Wort für Wort
sa tenāsukham āpnoti paratra ca vihanyate pāpātmā bhavati hy evaṃ dharmalābhaṃ tu me śṛṇu
Dadurch erlangt er Unglück und wird auch im Jenseits vernichtet; so wird er böswilligen Wesens. Höre nun von mir, wie man den Dharma gewinnt.

yas tv etān prajñayā doṣān pūrvam evānupaśyati kuśalaḥ sukhaduḥkheṣu sādhūṃś cāpy upasevate tasya sādhusamārambhād buddhir dharmeṣu jāyate

Wer aber diese Fehler durch Weisheit schon im Voraus erkennt, in Glück und Leid gleichmütig bleibt und sich den Guten anschließt – bei ihm entsteht durch den Umgang mit den Guten der rechte Sinn für den Dharma.‘

Wort für Wort
yas tv etān prajñayā doṣān pūrvam evānupaśyati kuśalaḥ sukhaduḥkheṣu sādhūṃś cāpy upasevate tasya sādhusamārambhād buddhir dharmeṣu jāyate
Wer aber diese Fehler durch Weisheit schon im Voraus erkennt, in Glück und Leid gleichmütig bleibt und sich den Guten anschließt – bei ihm entsteht durch den Umgang mit den Guten der rechte Sinn für den Dharma.‘

brāhmaṇa uvāca bravīṣi sūnṛtaṃ dharmaṃ yasya vaktā na vidyate divyaprabhāvaḥ sumahān ṛṣir eva mato 'si me

Der Brahmane sprach: ‚Du verkündest einen wahrhaftigen Dharma, dessen Verkünder sonst nicht bekannt ist; du erscheinst mir von göttlicher Macht, wie ein überaus großer Seher.‘

Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca bravīṣi sūnṛtaṃ dharmaṃ yasya vaktā na vidyate divyaprabhāvaḥ sumahān ṛṣir eva mato 'si me
Der Brahmane sprach: ‚Du verkündest einen wahrhaftigen Dharma, dessen Verkünder sonst nicht bekannt ist; du erscheinst mir von göttlicher Macht, wie ein überaus großer Seher.‘

vyādha uvāca brāhmaṇā vai mahābhāgāḥ pitaro 'grabhujaḥ sadā teṣāṃ sarvātmanā kāryaṃ priyaṃ loke manīṣiṇā

Der Jäger sprach: ‚Die Brahmanen sind fürwahr hochbeglückte Wesen, wie die Ahnen, stets die Ersten beim Genuss der Opfergaben; ihnen sollte der Weise in der Welt mit ganzer Hingabe zu Gefallen handeln.

Wort für Wort
vyādha uvāca brāhmaṇā vai mahābhāgāḥ pitaro 'grabhujaḥ sadā teṣāṃ sarvātmanā kāryaṃ priyaṃ loke manīṣiṇā
Der Jäger sprach: ‚Die Brahmanen sind fürwahr hochbeglückte Wesen, wie die Ahnen, stets die Ersten beim Genuss der Opfergaben; ihnen sollte der Weise in der Welt mit ganzer Hingabe zu Gefallen handeln.

yat teṣāṃ ca priyaṃ tat te vakṣyāmi dvijasattama namaskṛtvā brāhmaṇebhyo brāhmīṃ vidyāṃ nibodha me

Was ihnen lieb ist, das will ich dir verkünden, o Bester der Zweifachgeborenen; nachdem ich die Brahmanen verehrt habe, vernimm von mir das brahmische Wissen.

Wort für Wort
yat teṣāṃ ca priyaṃ tat te vakṣyāmi dvijasattama namaskṛtvā brāhmaṇebhyo brāhmīṃ vidyāṃ nibodha me
Was ihnen lieb ist, das will ich dir verkünden, o Bester der Zweifachgeborenen; nachdem ich die Brahmanen verehrt habe, vernimm von mir das brahmische Wissen.

idaṃ viśvaṃ jagat sarvam ajayyaṃ cāpi sarvaśaḥ mahābhūtātmakaṃ brahman nātaḥ parataraṃ bhavet

Dieses ganze Weltall, in jeder Hinsicht unbezwingbar, besteht aus den großen Elementen, o Brahmane; darüber hinaus gibt es nichts Höheres.

Wort für Wort
idaṃ viśvaṃ jagat sarvam ajayyaṃ cāpi sarvaśaḥ mahābhūtātmakaṃ brahman nātaḥ parataraṃ bhavet
Dieses ganze Weltall, in jeder Hinsicht unbezwingbar, besteht aus den großen Elementen, o Brahmane; darüber hinaus gibt es nichts Höheres.

mahābhūtāni khaṃ vāyur agnir āpas tathā ca bhūḥ śabdaḥ sparśaś ca rūpaṃ ca raso gandhaś ca tadguṇāḥ

Die großen Elemente sind: Raum, Wind, Feuer, Wasser und ebenso Erde; Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Duft sind deren Eigenschaften.

Wort für Wort
mahābhūtāni khaṃ vāyur agnir āpas tathā ca bhūḥ śabdaḥ sparśaś ca rūpaṃ ca raso gandhaś ca tadguṇāḥ
Die großen Elemente sind: Raum, Wind, Feuer, Wasser und ebenso Erde; Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Duft sind deren Eigenschaften.

teṣām api guṇāḥ sarve guṇavṛttiḥ parasparam pūrvapūrvaguṇāḥ sarve kramaśo guṇiṣu triṣu

Auch bei ihnen wirken all diese Eigenschaften, und ihre Wirkung besteht wechselseitig; alle jeweils vorhergehenden Eigenschaften übertragen sich der Reihe nach auf die drei nachfolgenden Träger der Eigenschaften.

Wort für Wort
teṣām api guṇāḥ sarve guṇavṛttiḥ parasparam pūrvapūrvaguṇāḥ sarve kramaśo guṇiṣu triṣu
Auch bei ihnen wirken all diese Eigenschaften, und ihre Wirkung besteht wechselseitig; alle jeweils vorhergehenden Eigenschaften übertragen sich der Reihe nach auf die drei nachfolgenden Träger der Eigenschaften.

Dieser knappe Sāṃkhya-artige Vers [?] bezieht sich auf die Lehre, dass die Eigenschaften der Elemente sich kumulativ auf die jeweils folgenden übertragen (etwa: der Raum hat nur Klang, die Luft Klang und Berührung usw.); die genaue Zählweise folgt der eigenen, knappen Aufzählung des Sanskrit-Textes.

ṣaṣṭhas tu cetanā nāma mana ity abhidhīyate saptamī tu bhaved buddhir ahaṃkāras tataḥ param

Das sechste Prinzip aber heißt Bewusstsein, es wird Manas (Denksinn) genannt; das siebte ist der Buddhi (Verstand), und danach kommt der Ahaṃkāra (das Ich-Bewusstsein).

Wort für Wort
ṣaṣṭhas tu cetanā nāma mana ity abhidhīyate saptamī tu bhaved buddhir ahaṃkāras tataḥ param
Das sechste Prinzip aber heißt Bewusstsein, es wird Manas (Denksinn) genannt; das siebte ist der Buddhi (Verstand), und danach kommt der Ahaṃkāra (das Ich-Bewusstsein).

indriyāṇi ca pañcaiva rajaḥ sattvaṃ tamas tathā ity eṣa saptadaśako rāśir avyaktasaṃjñakaḥ

Und die fünf Sinne, sowie Rajas, Sattva und Tamas – dies ist die siebzehnfache Gesamtheit, die man das Unmanifeste (avyakta) nennt.

Wort für Wort
indriyāṇi ca pañcaiva rajaḥ sattvaṃ tamas tathā ity eṣa saptadaśako rāśir avyaktasaṃjñakaḥ
Und die fünf Sinne, sowie Rajas, Sattva und Tamas – dies ist die siebzehnfache Gesamtheit, die man das Unmanifeste (avyakta) nennt.

sarvair ihendriyārthais tu vyaktāvyaktaiḥ susaṃvṛtaḥ caturviṃśaka ity eṣa vyaktāvyaktamayo guṇaḥ etat te sarvam ākhyātaṃ kiṃ bhūyo śrotum icchasi

Zusammen mit all den manifesten und unmanifesten Sinnesobjekten hier wohlumfasst, ist dies die vierundzwanzigfache, aus Manifestem und Unmanifestem bestehende Wesensmenge. Dies alles habe ich dir verkündet; was möchtest du weiter hören?‘“

Wort für Wort
sarvair ihendriyārthais tu vyaktāvyaktaiḥ susaṃvṛtaḥ caturviṃśaka ity eṣa vyaktāvyaktamayo guṇaḥ etat te sarvam ākhyātaṃ kiṃ bhūyo śrotum icchasi
Zusammen mit all den manifesten und unmanifesten Sinnesobjekten hier wohlumfasst, ist dies die vierundzwanzigfache, aus Manifestem und Unmanifestem bestehende Wesensmenge. Dies alles habe ich dir verkündet; was möchtest du weiter hören?‘“

Die hier vom Jäger vorgetragene Aufzählung folgt der frühen Sāṃkhya-Kosmologie (Elemente, Sinne, Denksinn, Verstand, Ich-Bewusstsein, die drei Grundqualitäten der Natur); die genauen Zwischensummen (sechst-, siebzehn-, vierundzwanzigfach) sind im Sanskrit-Original knapp gehalten und wurden hier wörtlich wiedergegeben.

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