Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 226: Karṇavākyam Karṇas Rede und der Plan der Schaustellungsreise

Karṇa ergreift, zusammen mit Śakuni, das Wort und rät Duryodhana, seinen Erfolg auszukosten: Er solle, mit aller Pracht ausgestattet, zum Dvaitavana-See reisen, wo sich die Pāṇḍavas aufhalten, um ihnen sein Glück und ihre Erniedrigung vor Augen zu führen - denn kein Glück sei größer, als das Unheil des Feindes mit eigenen Augen zu sehen. Besonders solle Draupadī, in Baumrinde und Fell gekleidet, den Anblick von Duryodhanas prächtig geschmückten Frauen erleiden. Diese zynische Rede legt den Keim für die im Folgenden erzählte Ghoṣayātrā (Rinderschau-Reise) der Kauravas ins Waldlager der Pāṇḍavas.

vaiśaṃpāyana uvāca dhṛtarāṣṭrasya tad vākyaṃ niśamya sahasaubalaḥ duryodhanam idaṃ kāle karṇo vacanam abravīt

Vaiśaṃpāyana sprach: „Nachdem Karṇa, zusammen mit dem Sohn Subalas, jene Rede Dhṛtarāṣṭras vernommen hatte, sprach er zur rechten Zeit dieses Wort zu Duryodhana:

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca dhṛtarāṣṭrasya tad vākyaṃ niśamya sahasaubalaḥ duryodhanam idaṃ kāle karṇo vacanam abravīt
Vaiśaṃpāyana sprach: „Nachdem Karṇa, zusammen mit dem Sohn Subalas, jene Rede Dhṛtarāṣṭras vernommen hatte, sprach er zur rechten Zeit dieses Wort zu Duryodhana:

pravrājya pāṇḍavān vīrān svena vīryeṇa bhārata bhuṅkṣvemāṃ pṛthivīm eko divaṃ śambarahā yathā

‚Nachdem du die heldenhaften Pāṇḍavas durch deine eigene Tapferkeit verbannt hast, o Bhārata, genieße diese Erde allein, wie der Töter Śambaras den Himmel.

Wort für Wort
pravrājya pāṇḍavān vīrān svena vīryeṇa bhārata bhuṅkṣvemāṃ pṛthivīm eko divaṃ śambarahā yathā
‚Nachdem du die heldenhaften Pāṇḍavas durch deine eigene Tapferkeit verbannt hast, o Bhārata, genieße diese Erde allein, wie der Töter Śambaras den Himmel.

prācyāś ca dākṣiṇātyāś ca pratīcyodīcyavāsinaḥ kṛtāḥ karapradāḥ sarve rājānas te narādhipa

Die im Osten, im Süden, im Westen und im Norden wohnenden Könige sind alle dir tributpflichtig gemacht worden, o Herrscher der Menschen.

Wort für Wort
prācyāś ca dākṣiṇātyāś ca pratīcyodīcyavāsinaḥ kṛtāḥ karapradāḥ sarve rājānas te narādhipa
Die im Osten, im Süden, im Westen und im Norden wohnenden Könige sind alle dir tributpflichtig gemacht worden, o Herrscher der Menschen.

yā hi sā dīpyamāneva pāṇḍavān bhajate purā sādya lakṣmīs tvayā rājann avāptā bhrātṛbhiḥ saha

Denn jene Glücksgöttin, die einst gleichsam erstrahlend den Pāṇḍavas anhing, ist nun von dir, o König, zusammen mit deinen Brüdern erlangt worden.

Wort für Wort
yā hi sā dīpyamāneva pāṇḍavān bhajate purā sādya lakṣmīs tvayā rājann avāptā bhrātṛbhiḥ saha
Denn jene Glücksgöttin, die einst gleichsam erstrahlend den Pāṇḍavas anhing, ist nun von dir, o König, zusammen mit deinen Brüdern erlangt worden.

indraprasthagate yāṃ tāṃ dīpyamānāṃ yudhiṣṭhire apaśyāma śriyaṃ rājann aciraṃ śokakarśitāḥ

Jene erstrahlende Herrlichkeit, die wir einst bei Yudhiṣṭhira in Indraprastha erblickten, o König - vor nicht langer Zeit erblickten wir sie noch, von Kummer ausgezehrt.

Wort für Wort
indraprasthagate yāṃ tāṃ dīpyamānāṃ yudhiṣṭhire apaśyāma śriyaṃ rājann aciraṃ śokakarśitāḥ
Jene erstrahlende Herrlichkeit, die wir einst bei Yudhiṣṭhira in Indraprastha erblickten, o König - vor nicht langer Zeit erblickten wir sie noch, von Kummer ausgezehrt.

sā tu buddhibaleneyaṃ rājñas tasmād yudhiṣṭhirāt tvayākṣiptā mahābāho dīpyamāneva dṛśyate

Diese aber ist durch die Kraft deiner Klugheit jenem König Yudhiṣṭhira entrissen worden, von dir, o Starkarmiger, und erscheint nun gleichsam erstrahlend bei dir.

Wort für Wort
sā tu buddhibaleneyaṃ rājñas tasmād yudhiṣṭhirāt tvayākṣiptā mahābāho dīpyamāneva dṛśyate
Diese aber ist durch die Kraft deiner Klugheit jenem König Yudhiṣṭhira entrissen worden, von dir, o Starkarmiger, und erscheint nun gleichsam erstrahlend bei dir.

tathaiva tava rājendra rājānaḥ paravīrahan śāsane 'dhiṣṭhitāḥ sarve kiṃ kurma iti vādinaḥ

Ebenso stehen, o Fürst der Könige, Bezwinger feindlicher Helden, alle Könige unter deiner Herrschaft und fragen ergeben, was sie tun sollen.

Wort für Wort
tathaiva tava rājendra rājānaḥ paravīrahan śāsane 'dhiṣṭhitāḥ sarve kiṃ kurma iti vādinaḥ
Ebenso stehen, o Fürst der Könige, Bezwinger feindlicher Helden, alle Könige unter deiner Herrschaft und fragen ergeben, was sie tun sollen.

tavādya pṛthivī rājan nikhilā sāgarāmbarā saparvatavanā devī sagrāmanagarākarā nānāvanoddeśavatī pattanair upaśobhitā

Dir gehört heute die ganze Erde, o König, mit dem Meer als Gewand, mit ihren Bergen und Wäldern, die Göttin, mit ihren Dörfern, Städten und Minen, mit ihren mannigfaltigen Waldgebieten, geschmückt mit Hafenstädten.

Wort für Wort
tavādya pṛthivī rājan nikhilā sāgarāmbarā saparvatavanā devī sagrāmanagarākarā nānāvanoddeśavatī pattanair upaśobhitā
Dir gehört heute die ganze Erde, o König, mit dem Meer als Gewand, mit ihren Bergen und Wäldern, die Göttin, mit ihren Dörfern, Städten und Minen, mit ihren mannigfaltigen Waldgebieten, geschmückt mit Hafenstädten.

vandyamāno dvijai rājan pūjyamānaś ca rājabhiḥ pauruṣād divi deveṣu bhrājase raśmivān iva

Gepriesen von den Zweifachgeborenen, o König, und geehrt von den Königen, erstrahlst du durch deine Mannhaftigkeit wie die Sonne unter den Göttern im Himmel.

Wort für Wort
vandyamāno dvijai rājan pūjyamānaś ca rājabhiḥ pauruṣād divi deveṣu bhrājase raśmivān iva
Gepriesen von den Zweifachgeborenen, o König, und geehrt von den Königen, erstrahlst du durch deine Mannhaftigkeit wie die Sonne unter den Göttern im Himmel.

rudrair iva yamo rājā marudbhir iva vāsavaḥ kurubhis tvaṃ vṛto rājan bhāsi nakṣatrarāḍ iva

Wie König Yama von den Rudras, wie Vāsava von den Maruts umgeben - so erstrahlst du, o König, von den Kurus umgeben, wie der Mondkönig unter den Sternen.

Wort für Wort
rudrair iva yamo rājā marudbhir iva vāsavaḥ kurubhis tvaṃ vṛto rājan bhāsi nakṣatrarāḍ iva
Wie König Yama von den Rudras, wie Vāsava von den Maruts umgeben - so erstrahlst du, o König, von den Kurus umgeben, wie der Mondkönig unter den Sternen.

ye sma te nādriyante 'jñā nodvijante kadā ca na paśyāmas tāñ śriyā hīnān pāṇḍavān vanavāsinaḥ

Jene, die dich einst nicht achteten, die Unwissenden, und sich niemals fürchteten - diese Pāṇḍavas, die Waldbewohner, ihrer Herrlichkeit beraubt, haben wir noch nicht gesehen. [?]

Wort für Wort
ye sma te nādriyante 'jñā nodvijante kadā ca na paśyāmas tāñ śriyā hīnān pāṇḍavān vanavāsinaḥ
Jene, die dich einst nicht achteten, die Unwissenden, und sich niemals fürchteten - diese Pāṇḍavas, die Waldbewohner, ihrer Herrlichkeit beraubt, haben wir noch nicht gesehen. [?]

Die genaue logische Verknüpfung der beiden Vershälften bleibt im knappen Sanskrit-Text elliptisch; der Sinn scheint zu sein, dass Karṇa und Duryodhana die einst hochmütigen Pāṇḍavas noch nicht in ihrem gegenwärtigen gedemütigten Zustand gesehen haben - eine Lücke, die die folgenden Verse durch den Vorschlag einer Reise zum Dvaitavana-See schließen sollen.

śrūyante hi mahārāja saro dvaitavanaṃ prati vasantaḥ pāṇḍavāḥ sārdhaṃ brāhmaṇair vanavāsibhiḥ

Denn man hört, o Großkönig, dass die Pāṇḍavas beim Dvaitavana-See weilen, zusammen mit im Wald lebenden Brahmanen.

Wort für Wort
śrūyante hi mahārāja saro dvaitavanaṃ prati vasantaḥ pāṇḍavāḥ sārdhaṃ brāhmaṇair vanavāsibhiḥ
Denn man hört, o Großkönig, dass die Pāṇḍavas beim Dvaitavana-See weilen, zusammen mit im Wald lebenden Brahmanen.

sa prayāhi mahārāja śriyā paramayā yutaḥ pratapan pāṇḍuputrāṃs tvaṃ raśmivān iva tejasā

So begib dich dorthin, o Großkönig, ausgestattet mit höchster Pracht, und versenge die Söhne Pāṇḍus mit deinem Glanz, wie die Sonne mit ihren Strahlen.

Wort für Wort
sa prayāhi mahārāja śriyā paramayā yutaḥ pratapan pāṇḍuputrāṃs tvaṃ raśmivān iva tejasā
So begib dich dorthin, o Großkönig, ausgestattet mit höchster Pracht, und versenge die Söhne Pāṇḍus mit deinem Glanz, wie die Sonne mit ihren Strahlen.

sthito rājye cyutān rājyāc chriyā hīnāñ śriyā vṛtaḥ asamṛddhān samṛddhārthaḥ paśya pāṇḍusutān nṛpa

Im Königreich fest etabliert, betrachte die aus dem Königreich Vertriebenen; von Pracht umgeben, die ihrer Pracht Beraubten; mit erfülltem Ziel, die Erfolglosen - betrachte die Söhne Pāṇḍus, o König.

Wort für Wort
sthito rājye cyutān rājyāc chriyā hīnāñ śriyā vṛtaḥ asamṛddhān samṛddhārthaḥ paśya pāṇḍusutān nṛpa
Im Königreich fest etabliert, betrachte die aus dem Königreich Vertriebenen; von Pracht umgeben, die ihrer Pracht Beraubten; mit erfülltem Ziel, die Erfolglosen - betrachte die Söhne Pāṇḍus, o König.

mahābhijanasaṃpannaṃ bhadre mahati saṃsthitam pāṇḍavās tvābhivīkṣantāṃ yayātim iva nāhuṣam

Mögen die Pāṇḍavas dich erblicken, ausgestattet mit hoher Abkunft, in großem Glück gegründet, wie Yayāti, den Sohn Nahuṣas.

Wort für Wort
mahābhijanasaṃpannaṃ bhadre mahati saṃsthitam pāṇḍavās tvābhivīkṣantāṃ yayātim iva nāhuṣam
Mögen die Pāṇḍavas dich erblicken, ausgestattet mit hoher Abkunft, in großem Glück gegründet, wie Yayāti, den Sohn Nahuṣas.

yāṃ śriyaṃ suhṛdaś caiva durhṛdaś ca viśāṃ pate paśyanti puruṣe dīptāṃ sā samarthā bhavaty uta

Jene Herrlichkeit, o Herr der Völker, die Freunde und ebenso Feinde an einem Manne erstrahlen sehen - diese erst erweist sich als wirksam.

Wort für Wort
yāṃ śriyaṃ suhṛdaś caiva durhṛdaś ca viśāṃ pate paśyanti puruṣe dīptāṃ sā samarthā bhavaty uta
Jene Herrlichkeit, o Herr der Völker, die Freunde und ebenso Feinde an einem Manne erstrahlen sehen - diese erst erweist sich als wirksam.

samastho viṣamasthān hi durhṛdo yo 'bhivīkṣate jagatīsthān ivādristhaḥ kiṃ tataḥ paramaṃ sukham

Denn wenn einer, der wohlgestellt ist, seine übel gestellten Feinde erblickt, wie einer, der auf dem Berg steht, jene, die in der Ebene stehen - was gäbe es da für ein höheres Glück?

Wort für Wort
samastho viṣamasthān hi durhṛdo yo 'bhivīkṣate jagatīsthān ivādristhaḥ kiṃ tataḥ paramaṃ sukham
Denn wenn einer, der wohlgestellt ist, seine übel gestellten Feinde erblickt, wie einer, der auf dem Berg steht, jene, die in der Ebene stehen - was gäbe es da für ein höheres Glück?

na putradhanalābhena na rājyenāpi vindati prītiṃ nṛpatiśārdūla yām amitrāghadarśanāt

Weder durch die Gewinnung von Söhnen und Reichtum noch selbst durch ein Königreich erlangt man, o Tiger unter den Königen, jene Freude, die man beim Anblick des Unheils der Feinde empfindet.

Wort für Wort
na putradhanalābhena na rājyenāpi vindati prītiṃ nṛpatiśārdūla yām amitrāghadarśanāt
Weder durch die Gewinnung von Söhnen und Reichtum noch selbst durch ein Königreich erlangt man, o Tiger unter den Königen, jene Freude, die man beim Anblick des Unheils der Feinde empfindet.

kiṃ nu tasya sukhaṃ na syād āśrame yo dhanaṃjayam abhivīkṣeta siddhārtho valkalājinavāsasam

Welches Glück könnte wohl dem fehlen, der, sein Ziel erreicht habend, im Einsiedlerhain Dhanaṃjaya erblickt, in Baumrinde und Fell gekleidet?

Wort für Wort
kiṃ nu tasya sukhaṃ na syād āśrame yo dhanaṃjayam abhivīkṣeta siddhārtho valkalājinavāsasam
Welches Glück könnte wohl dem fehlen, der, sein Ziel erreicht habend, im Einsiedlerhain Dhanaṃjaya erblickt, in Baumrinde und Fell gekleidet?

suvāsaso hi te bhāryā valkalājinavāsasam paśyantv asukhitāṃ kṛṣṇāṃ sā ca nirvidyatāṃ punaḥ vinindatāṃ tathātmānaṃ jīvitaṃ ca dhanacyutā

Mögen deine wohlgekleideten Frauen die glücklose Kṛṣṇā, in Baumrinde und Fell gekleidet, erblicken; und sie, ihres Reichtums beraubt, möge daran erneut verzweifeln und sowohl sich selbst als auch ihr Leben verwünschen.

Wort für Wort
suvāsaso hi te bhāryā valkalājinavāsasam paśyantv asukhitāṃ kṛṣṇāṃ sā ca nirvidyatāṃ punaḥ vinindatāṃ tathātmānaṃ jīvitaṃ ca dhanacyutā
Mögen deine wohlgekleideten Frauen die glücklose Kṛṣṇā, in Baumrinde und Fell gekleidet, erblicken; und sie, ihres Reichtums beraubt, möge daran erneut verzweifeln und sowohl sich selbst als auch ihr Leben verwünschen.

na tathā hi sabhāmadhye tasyā bhavitum arhati vaimanasyaṃ yathā dṛṣṭvā tava bhāryāḥ svalaṃkṛtāḥ

Denn nicht so groß dürfte ihr Kummer inmitten der Versammlung gewesen sein, wie er sein wird, wenn sie deine prächtig geschmückten Frauen erblickt.‘

Wort für Wort
na tathā hi sabhāmadhye tasyā bhavitum arhati vaimanasyaṃ yathā dṛṣṭvā tava bhāryāḥ svalaṃkṛtāḥ
Denn nicht so groß dürfte ihr Kummer inmitten der Versammlung gewesen sein, wie er sein wird, wenn sie deine prächtig geschmückten Frauen erblickt.‘

evam uktvā tu rājānaṃ karṇaḥ śakuninā saha tūṣṇīṃ babhūvatur ubhau vākyānte janamejaya

Nachdem Karṇa so zu dem König gesprochen hatte, wurden er und Śakuni beide am Ende ihrer Rede still, o Janamejaya.“

Wort für Wort
evam uktvā tu rājānaṃ karṇaḥ śakuninā saha tūṣṇīṃ babhūvatur ubhau vākyānte janamejaya
Nachdem Karṇa so zu dem König gesprochen hatte, wurden er und Śakuni beide am Ende ihrer Rede still, o Janamejaya.“

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