Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 295: Āraṇeyam (1) Der Brahmane und der entlaufene Hirsch

Janamejaya fragt, was die Pāṇḍavas nach der Wiedererlangung Draupadīs taten. Vaiśampāyana berichtet: Sie verließen Kāmyaka und kehrten nach Dvaitavana zurück, zum Āśrama Mārkaṇḍeyas. Dort bittet sie ein bekümmerter Brahmane um Hilfe: Ein Hirsch hat sich beim Sichreiben an einem Baum das dort befestigte Reibholz-Gerät (araṇi) für das Opferfeuer im Geweih verfangen und ist damit davongesprungen - ohne dieses Gerät kann das tägliche Agnihotra-Opfer nicht vollzogen werden. Die Pāṇḍavas verfolgen bewaffnet den Hirsch, können ihn aber trotz mehrerer Pfeilschüsse aus der Nähe nicht treffen, und er entkommt spurlos. Erschöpft, von Hunger und Durst geplagt, lassen sie sich unter einem Banyanbaum nieder. Dort beginnt Nakula, verbittert, seinen ältesten Bruder zu fragen, wodurch die stets rechtschaffene, tatkräftige Familie nun in eine solche Notlage geraten sei - der Auftakt zur berühmten Episode, die zum Yakṣa am Teich führen wird.

janamejaya uvāca evaṃ hṛtāyāṃ kṛṣṇāyāṃ prāpya kleśam anuttamam pratilabhya tataḥ kṛṣṇāṃ kim akurvata pāṇḍavāḥ

„Nachdem Kṛṣṇā so geraubt worden war und sie unübertreffliche Drangsal erlitten hatten, und nachdem sie Kṛṣṇā darauf wiedererlangt hatten - was taten da die Pāṇḍavas?“

Wort für Wort
janamejaya uvāca evaṃ hṛtāyāṃ kṛṣṇāyāṃ prāpya kleśam anuttamam pratilabhya tataḥ kṛṣṇāṃ kim akurvata pāṇḍavāḥ
„Nachdem Kṛṣṇā so geraubt worden war und sie unübertreffliche Drangsal erlitten hatten, und nachdem sie Kṛṣṇā darauf wiedererlangt hatten - was taten da die Pāṇḍavas?“

Janamejayas kurze Frage eröffnet und schließt hier den eigenen Anführungszeichen-Rahmen; Vaiśampāyanas anschließende Antwort erhält ab V.002 einen neuen, eigenständigen Rahmen.

vaiśaṃpāyana uvāca evaṃ hṛtāyāṃ kṛṣṇāyāṃ prāpya kleśam anuttamam vihāya kāmyakaṃ rājā saha bhrātṛbhir acyutaḥ

„Nachdem Kṛṣṇā so geraubt worden war und sie unübertreffliche Drangsal erlitten hatten, verließ der unfehlbare König zusammen mit seinen Brüdern Kāmyaka

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca evaṃ hṛtāyāṃ kṛṣṇāyāṃ prāpya kleśam anuttamam vihāya kāmyakaṃ rājā saha bhrātṛbhir acyutaḥ
„Nachdem Kṛṣṇā so geraubt worden war und sie unübertreffliche Drangsal erlitten hatten, verließ der unfehlbare König zusammen mit seinen Brüdern Kāmyaka

punar dvaitavanaṃ ramyam ājagāma yudhiṣṭhiraḥ svādumūlaphalaṃ ramyaṃ mārkaṇḍeyāśramaṃ prati

und begab sich, Yudhiṣṭhira, wieder zum lieblichen Dvaitavana mit seinen süßen Wurzeln und Früchten, hin zum lieblichen Āśrama Mārkaṇḍeyas.

Wort für Wort
punar dvaitavanaṃ ramyam ājagāma yudhiṣṭhiraḥ svādumūlaphalaṃ ramyaṃ mārkaṇḍeyāśramaṃ prati
und begab sich, Yudhiṣṭhira, wieder zum lieblichen Dvaitavana mit seinen süßen Wurzeln und Früchten, hin zum lieblichen Āśrama Mārkaṇḍeyas.

anuguptaphalāhārāḥ sarva eva mitāśanāḥ nyavasan pāṇḍavās tatra kṛṣṇayā saha bhārata

Von gesammelten Früchten lebend, alle maßvoll in der Nahrung, wohnten die Pāṇḍavas dort zusammen mit Kṛṣṇā, o Bhārata.

Wort für Wort
anuguptaphalāhārāḥ sarva eva mitāśanāḥ nyavasan pāṇḍavās tatra kṛṣṇayā saha bhārata
Von gesammelten Früchten lebend, alle maßvoll in der Nahrung, wohnten die Pāṇḍavas dort zusammen mit Kṛṣṇā, o Bhārata.

vasan dvaitavane rājā kuntīputro yudhiṣṭhiraḥ bhīmaseno 'rjunaś caiva mādrīputrau ca pāṇḍavau

Während sie in Dvaitavana weilten - König Yudhiṣṭhira, der Sohn Kuntīs, Bhīmasena und Arjuna sowie die beiden Söhne der Mādrī, die Pāṇḍavas -,

Wort für Wort
vasan dvaitavane rājā kuntīputro yudhiṣṭhiraḥ bhīmaseno 'rjunaś caiva mādrīputrau ca pāṇḍavau
Während sie in Dvaitavana weilten - König Yudhiṣṭhira, der Sohn Kuntīs, Bhīmasena und Arjuna sowie die beiden Söhne der Mādrī, die Pāṇḍavas -,

brāhmaṇārthe parākrāntā dharmātmāno yatavratāḥ kleśam ārchanta vipulaṃ sukhodarkaṃ paraṃtapāḥ

die um der Brahmanen willen tatkräftigen, rechtschaffenen, gelübdetreuen Bezwinger der Feinde, gerieten sie in eine große, doch am Ende glückliche Drangsal.

Wort für Wort
brāhmaṇārthe parākrāntā dharmātmāno yatavratāḥ kleśam ārchanta vipulaṃ sukhodarkaṃ paraṃtapāḥ
die um der Brahmanen willen tatkräftigen, rechtschaffenen, gelübdetreuen Bezwinger der Feinde, gerieten sie in eine große, doch am Ende glückliche Drangsal.

ajātaśatrum āsīnaṃ bhrātṛbhiḥ sahitaṃ vane āgamya brāhmaṇas tūrṇaṃ saṃtapta idam abravīt

Zu Ajātaśatru, der mit seinen Brüdern im Wald saß, kam eilig ein Brahmane, von Kummer erfüllt, und sprach dies:

Wort für Wort
ajātaśatrum āsīnaṃ bhrātṛbhiḥ sahitaṃ vane āgamya brāhmaṇas tūrṇaṃ saṃtapta idam abravīt
Zu Ajātaśatru, der mit seinen Brüdern im Wald saß, kam eilig ein Brahmane, von Kummer erfüllt, und sprach dies:

araṇīsahitaṃ mahyaṃ samāsaktaṃ vanaspatau mṛgasya gharṣamāṇasya viṣāṇe samasajjata

‚Mein an einem Baum befestigtes Reibholz-Gerät zum Feueranzünden hat sich im Geweih eines sich daran reibenden Hirsches verfangen.

Wort für Wort
araṇīsahitaṃ mahyaṃ samāsaktaṃ vanaspatau mṛgasya gharṣamāṇasya viṣāṇe samasajjata
‚Mein an einem Baum befestigtes Reibholz-Gerät zum Feueranzünden hat sich im Geweih eines sich daran reibenden Hirsches verfangen.

'Reibholz-Gerät' übersetzt araṇi, das Holzgerät zum rituellen Entfachen des Opferfeuers durch Reibung.

tad ādāya gato rājaṃs tvaramāṇo mahāmṛgaḥ āśramāt tvaritaḥ śīghraṃ plavamāno mahājavaḥ

Dieses mitnehmend ist der große Hirsch, o König, eilends, rasch aus dem Āśrama davongesprungen, von großer Schnelligkeit.

Wort für Wort
tad ādāya gato rājaṃs tvaramāṇo mahāmṛgaḥ āśramāt tvaritaḥ śīghraṃ plavamāno mahājavaḥ
Dieses mitnehmend ist der große Hirsch, o König, eilends, rasch aus dem Āśrama davongesprungen, von großer Schnelligkeit.

tasya gatvā padaṃ śīghram āsādya ca mahāmṛgam agnihotraṃ na lupyeta tadānayata pāṇḍavāḥ

Geht schnell seiner Spur nach, erreicht den großen Hirsch und bringt es zurück, Pāṇḍavas, damit das Agnihotra-Opfer nicht unterbrochen werde!‘

Wort für Wort
tasya gatvā padaṃ śīghram āsādya ca mahāmṛgam agnihotraṃ na lupyeta tadānayata pāṇḍavāḥ
Geht schnell seiner Spur nach, erreicht den großen Hirsch und bringt es zurück, Pāṇḍavas, damit das Agnihotra-Opfer nicht unterbrochen werde!‘

brāhmaṇasya vacaḥ śrutvā saṃtapto 'tha yudhiṣṭhiraḥ dhanur ādāya kaunteyaḥ prādravad bhrātṛbhiḥ saha

Als er die Worte des Brahmanen gehört hatte, ergriff der bekümmerte Yudhiṣṭhira, der Sohn Kuntīs, seinen Bogen und eilte zusammen mit seinen Brüdern davon.

Wort für Wort
brāhmaṇasya vacaḥ śrutvā saṃtapto 'tha yudhiṣṭhiraḥ dhanur ādāya kaunteyaḥ prādravad bhrātṛbhiḥ saha
Als er die Worte des Brahmanen gehört hatte, ergriff der bekümmerte Yudhiṣṭhira, der Sohn Kuntīs, seinen Bogen und eilte zusammen mit seinen Brüdern davon.

sannaddhā dhanvinaḥ sarve prādravan narapuṃgavāḥ brāhmaṇārthe yatantas te śīghram anvagaman mṛgam

Gerüstet, allesamt Bogenträger, eilten die Stiere unter den Männern davon; sich um des Brahmanen willen bemühend, verfolgten sie eilig den Hirsch.

Wort für Wort
sannaddhā dhanvinaḥ sarve prādravan narapuṃgavāḥ brāhmaṇārthe yatantas te śīghram anvagaman mṛgam
Gerüstet, allesamt Bogenträger, eilten die Stiere unter den Männern davon; sich um des Brahmanen willen bemühend, verfolgten sie eilig den Hirsch.

karṇinālīkanārācān utsṛjanto mahārathāḥ nāvidhyan pāṇḍavās tatra paśyanto mṛgam antikāt

Widerhaken-, Nālīka- und Nārāca-Pfeile abschießend, trafen die großen Wagenkämpfer, die Pāṇḍavas, ihn dort dennoch nicht, obwohl sie den Hirsch aus der Nähe sahen.

Wort für Wort
karṇinālīkanārācān utsṛjanto mahārathāḥ nāvidhyan pāṇḍavās tatra paśyanto mṛgam antikāt
Widerhaken-, Nālīka- und Nārāca-Pfeile abschießend, trafen die großen Wagenkämpfer, die Pāṇḍavas, ihn dort dennoch nicht, obwohl sie den Hirsch aus der Nähe sahen.

Karṇin, Nālīka und Nārāca sind Bezeichnungen unterschiedlicher Pfeilarten (u.a. widerhakenbewehrt bzw. eisern).

teṣāṃ prayatamānānāṃ nādṛśyata mahāmṛgaḥ apaśyanto mṛgaṃ śrāntā duḥkhaṃ prāptā manasvinaḥ

Während sie sich abmühten, war der große Hirsch nicht mehr zu sehen; da sie ihn nicht mehr erblickten, erschöpft, gerieten die Hochgesinnten in Kummer.

Wort für Wort
teṣāṃ prayatamānānāṃ nādṛśyata mahāmṛgaḥ apaśyanto mṛgaṃ śrāntā duḥkhaṃ prāptā manasvinaḥ
Während sie sich abmühten, war der große Hirsch nicht mehr zu sehen; da sie ihn nicht mehr erblickten, erschöpft, gerieten die Hochgesinnten in Kummer.

śītalacchāyam āsādya nyagrodhaṃ gahane vane kṣutpipāsāparītāṅgāḥ pāṇḍavāḥ samupāviśan

Einen kühlschattigen Banyanbaum im dichten Wald erreichend, setzten sich die Pāṇḍavas, deren Glieder von Hunger und Durst überwältigt waren, nieder.

Wort für Wort
śītalacchāyam āsādya nyagrodhaṃ gahane vane kṣutpipāsāparītāṅgāḥ pāṇḍavāḥ samupāviśan
Einen kühlschattigen Banyanbaum im dichten Wald erreichend, setzten sich die Pāṇḍavas, deren Glieder von Hunger und Durst überwältigt waren, nieder.

teṣāṃ samupaviṣṭānāṃ nakulo duḥkhitas tadā abravīd bhrātaraṃ jyeṣṭham amarṣāt kurusattama

Als sie so dasaßen, sprach Nakula, damals bekümmert, aus Unmut zu seinem ältesten Bruder, o Bester der Kurus:

Wort für Wort
teṣāṃ samupaviṣṭānāṃ nakulo duḥkhitas tadā abravīd bhrātaraṃ jyeṣṭham amarṣāt kurusattama
Als sie so dasaßen, sprach Nakula, damals bekümmert, aus Unmut zu seinem ältesten Bruder, o Bester der Kurus:

nāsmin kule jātu mamajja dharmo; na cālasyād arthalopo babhūva anuttarāḥ sarvabhūteṣu bhūyaḥ; saṃprāptāḥ smaḥ saṃśayaṃ kena rājan

‚Niemals ist in dieser Familie das Recht untergegangen, noch ist durch Trägheit je ein Verlust an Gut entstanden; wir, die wir zuvor allen Wesen gegenüber unübertroffen waren - wodurch, o König, sind wir nun in solche Gefahr geraten?‘

Wort für Wort
nāsmin kule jātu mamajja dharmo; na cālasyād arthalopo babhūva anuttarāḥ sarvabhūteṣu bhūyaḥ; saṃprāptāḥ smaḥ saṃśayaṃ kena rājan
‚Niemals ist in dieser Familie das Recht untergegangen, noch ist durch Trägheit je ein Verlust an Gut entstanden; wir, die wir zuvor allen Wesen gegenüber unübertroffen waren - wodurch, o König, sind wir nun in solche Gefahr geraten?‘

Das Versmaß wechselt hier zu einer feierlicheren Form, wie es im Epos an emotional zugespitzten Stellen üblich ist. Nakulas Frage ist als einzelner, in sich abgeschlossener Vers gestaltet (Kap.296 zeigt, dass darauf jeder der vier jüngeren Brüder mit einem eigenen kurzen Vers antwortet); die Anführungszeichen schließen daher am Versende. 'saṃśaya' (wörtl. 'Zweifel') ist hier im Sinne von 'Gefahr, kritische Lage' übersetzt.

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