Kapitel 6: Viduragamanam
Der Zug nach Kurukṣetra und Kāmyaka, und Viduras Ankunft bei den Pāṇḍavas
Die Pāṇḍavas ziehen über Kurukṣetra und mehrere heilige Flüsse zum Kāmyaka-Wald. Vidura, von Dhṛtarāṣṭra verstoßen, fährt eilig zu ihnen; Yudhiṣṭhira fürchtet zunächst, er könnte eine neue Würfelspiel-Herausforderung überbringen, doch Vidura berichtet ausführlich von seinem endgültigen Bruch mit Dhṛtarāṣṭra, der seinen Rat zur Versöhnung verworfen und ihn fortgeschickt hat. Vidura schließt mit allgemeinen Lehren über Geduld, das Teilen von Besitz mit Gefährten und Wahrhaftigkeit als Grundlagen dauerhafter Herrschaft; Yudhiṣṭhira verspricht, danach zu handeln.
Vaiśaṃpāyana sprach: Die Pāṇḍavas aber, die Stiere der Bharatas, zogen, auf den Aufenthalt im Wald bedacht, vom Ufer der Jāhnavī [Gaṅgā] mit ihrem Gefolge nach Kurukṣetra.
Vaiśaṃpāyana sprach: Die Pāṇḍavas aber, die Stiere der Bharatas, zogen, auf den Aufenthalt im Wald bedacht, vom Ufer der Jāhnavī [Gaṅgā] mit ihrem Gefolge nach Kurukṣetra.
tato yātvā viduraḥ kānanaṃ tac; chīghrair aśvair vāhinā syandanena dadarśāsīnaṃ dharmarājaṃ vivikte; sārdhaṃ draupadyā bhrātṛbhir brāhmaṇaiś ca
Nachdem er, von schnellen Rossen gezogen, mit dem Wagen jenen Wald erreicht hatte, sah Vidura den Dharmarāja an einem abgeschiedenen Ort sitzen, zusammen mit Draupadī, seinen Brüdern und den Brahmanen.
Wort für Wort
tato yātvā viduraḥ kānanaṃ tac; chīghrair aśvair vāhinā syandanena dadarśāsīnaṃ dharmarājaṃ vivikte; sārdhaṃ draupadyā bhrātṛbhir brāhmaṇaiś ca
Nachdem er, von schnellen Rossen gezogen, mit dem Wagen jenen Wald erreicht hatte, sah Vidura den Dharmarāja an einem abgeschiedenen Ort sitzen, zusammen mit Draupadī, seinen Brüdern und den Brahmanen.
tato 'paśyad viduraṃ tūrṇam ārād; abhyāyāntaṃ satyasaṃdhaḥ sa rājā athābravīd bhrātaraṃ bhīmasenaṃ; kiṃ nu kṣattā vakṣyati naḥ sametya
Da erblickte der seinem Wort treue König aus der Ferne Vidura eilig herankommen; darauf sprach er zu seinem Bruder Bhīmasena: „Was wohl wird der Kṣattṛ [Vidura] uns sagen, wenn er hier zusammentrifft?
Wort für Wort
tato 'paśyad viduraṃ tūrṇam ārād; abhyāyāntaṃ satyasaṃdhaḥ sa rājā athābravīd bhrātaraṃ bhīmasenaṃ; kiṃ nu kṣattā vakṣyati naḥ sametya
Da erblickte der seinem Wort treue König aus der Ferne Vidura eilig herankommen; darauf sprach er zu seinem Bruder Bhīmasena: „Was wohl wird der Kṣattṛ [Vidura] uns sagen, wenn er hier zusammentrifft?
Kommt er wohl nicht auf Geheiß des Sohnes des Subala [Śakuni], um uns wieder zum Würfelspiel zu rufen? Wird der niederträchtige Śakuni uns nicht wieder, ohne Waffen [nur mit Würfeln], beim Glücksspiel besiegen?
Kommt er wohl nicht auf Geheiß des Sohnes des Subala [Śakuni], um uns wieder zum Würfelspiel zu rufen? Wird der niederträchtige Śakuni uns nicht wieder, ohne Waffen [nur mit Würfeln], beim Glücksspiel besiegen?
'Von jemandem gerufen, eile herbei' - dem, o Bhīmasena, kann ich mich nicht entziehen; wäre der Gāṇḍīva [d.h. Arjuna] irgendwie in Gefahr, so wäre auch unsere Erlangung des Königreichs in Gefahr.“
'Von jemandem gerufen, eile herbei' - dem, o Bhīmasena, kann ich mich nicht entziehen; wäre der Gāṇḍīva [d.h. Arjuna] irgendwie in Gefahr, so wäre auch unsere Erlangung des Königreichs in Gefahr.“
[Anm.: Yudhiṣṭhiras knapp formulierte Sorge - er fürchtet, einer erneuten Würfel-Herausforderung aus Ehrgefühl nicht ausweichen zu können, und sorgt sich zugleich, dass ein Risiko für Arjuna („Gāṇḍīva“, sein Bogen, hier stellvertretend für ihn) die Wiedererlangung des Königreichs gefährden würde.]
tata utthāya viduraṃ pāṇḍaveyāḥ; pratyagṛhṇan nṛpate sarva eva taiḥ satkṛtaḥ sa ca tān ājamīḍho; yathocitaṃ pāṇḍuputrān sameyāt
Darauf standen die Söhne des Pāṇḍu auf und empfingen alle, o Herrscher, den Vidura; von ihnen geehrt, begrüßte auch er, der Ājamīḍha, die Söhne des Pāṇḍu, wie es sich gebührte.
Wort für Wort
tata utthāya viduraṃ pāṇḍaveyāḥ; pratyagṛhṇan nṛpate sarva eva taiḥ satkṛtaḥ sa ca tān ājamīḍho; yathocitaṃ pāṇḍuputrān sameyāt
Darauf standen die Söhne des Pāṇḍu auf und empfingen alle, o Herrscher, den Vidura; von ihnen geehrt, begrüßte auch er, der Ājamīḍha, die Söhne des Pāṇḍu, wie es sich gebührte.
samāśvastaṃ viduraṃ te nararṣabhās; tato 'pṛcchann āgamanāya hetum sa cāpi tebhyo vistarataḥ śaśaṃsa; yathāvṛtto dhṛtarāṣṭro 'mbikeyaḥ
Nachdem sich Vidura beruhigt hatte, fragten ihn jene Stiere unter den Männern nach dem Grund seines Kommens; und er berichtete ihnen ausführlich, wie sich der Sohn der Ambikā, Dhṛtarāṣṭra, verhalten hatte.
Wort für Wort
samāśvastaṃ viduraṃ te nararṣabhās; tato 'pṛcchann āgamanāya hetum sa cāpi tebhyo vistarataḥ śaśaṃsa; yathāvṛtto dhṛtarāṣṭro 'mbikeyaḥ
Nachdem sich Vidura beruhigt hatte, fragten ihn jene Stiere unter den Männern nach dem Grund seines Kommens; und er berichtete ihnen ausführlich, wie sich der Sohn der Ambikā, Dhṛtarāṣṭra, verhalten hatte.
Vidura sprach: „Dhṛtarāṣṭra sagte zu mir, dem [von ihm] Beschützten, o Ajātaśatru, nachdem er mich aufgenommen und geehrt hatte: 'Da es nun so gekommen ist, so sage mir, unparteiisch, was ihnen und mir zuträglich ist.'
Vidura sprach: „Dhṛtarāṣṭra sagte zu mir, dem [von ihm] Beschützten, o Ajātaśatru, nachdem er mich aufgenommen und geehrt hatte: 'Da es nun so gekommen ist, so sage mir, unparteiisch, was ihnen und mir zuträglich ist.'
mayāpy uktaṃ yat kṣamaṃ kauravāṇāṃ; hitaṃ pathyaṃ dhṛtarāṣṭrasya caiva tad vai pathyaṃ tan mano nābhyupaiti; tataś cāhaṃ kṣamam anyan na manye
Auch ich sagte, was den Kauravas geziemt und Dhṛtarāṣṭra selbst zuträglich und heilsam ist; doch dieses Heilsame findet keinen Eingang in seinen Sinn, und darum halte ich nichts anderes für geziemend.
Wort für Wort
mayāpy uktaṃ yat kṣamaṃ kauravāṇāṃ; hitaṃ pathyaṃ dhṛtarāṣṭrasya caiva tad vai pathyaṃ tan mano nābhyupaiti; tataś cāhaṃ kṣamam anyan na manye
Auch ich sagte, was den Kauravas geziemt und Dhṛtarāṣṭra selbst zuträglich und heilsam ist; doch dieses Heilsame findet keinen Eingang in seinen Sinn, und darum halte ich nichts anderes für geziemend.
paraṃ śreyaḥ pāṇḍaveyā mayoktaṃ; na me tac ca śrutavān āmbikeyaḥ yathāturasyeva hi pathyam annaṃ; na rocate smāsya tad ucyamānam
Das höchste Heil habe ich, o Söhne des Pāṇḍu, dargelegt, doch der Sohn der Ambikā hat mir nicht zugehört; wie einem Kranken die zuträgliche Speise nicht mundet, so gefiel ihm das Gesagte nicht.
Wort für Wort
paraṃ śreyaḥ pāṇḍaveyā mayoktaṃ; na me tac ca śrutavān āmbikeyaḥ yathāturasyeva hi pathyam annaṃ; na rocate smāsya tad ucyamānam
Das höchste Heil habe ich, o Söhne des Pāṇḍu, dargelegt, doch der Sohn der Ambikā hat mir nicht zugehört; wie einem Kranken die zuträgliche Speise nicht mundet, so gefiel ihm das Gesagte nicht.
na śreyase nīyate 'jātaśatro; strī śrotriyasyeva gṛhe praduṣṭā bruvan na rucyai bharatarṣabhasya; patiḥ kumāryā iva ṣaṣṭivarṣaḥ
Er lässt sich nicht zum Heil führen, o Ajātaśatru - wie eine verdorbene Frau im Haus eines Schriftgelehrten [sich nicht führen lässt]; meine Worte gefallen dem Stier der Bharatas nicht - wie einem sechzigjährigen Ehemann [nicht gefällt], was seine junge Braut sagt.
Wort für Wort
na śreyase nīyate 'jātaśatro; strī śrotriyasyeva gṛhe praduṣṭā bruvan na rucyai bharatarṣabhasya; patiḥ kumāryā iva ṣaṣṭivarṣaḥ
Er lässt sich nicht zum Heil führen, o Ajātaśatru - wie eine verdorbene Frau im Haus eines Schriftgelehrten [sich nicht führen lässt]; meine Worte gefallen dem Stier der Bharatas nicht - wie einem sechzigjährigen Ehemann [nicht gefällt], was seine junge Braut sagt.
[Anm.: Ein doppeltes Gleichnis für Unwilligkeit, Rat anzunehmen; die genaue Zuordnung der beiden Vergleichsglieder ist im knappen Sanskrittext nicht ganz eindeutig.]
dhruvaṃ vināśo nṛpa kauravāṇāṃ; na vai śreyo dhṛtarāṣṭraḥ paraiti yathā parṇe puṣkarasyeva siktaṃ; jalaṃ na tiṣṭhet pathyam uktaṃ tathāsmin
Gewiss ist der Untergang der Kauravas, o König; Dhṛtarāṣṭra gelangt nicht zum Heil - wie Wasser, das auf ein Lotusblatt gegossen wird, nicht haftet, so haftet das ihm gesagte Heilsame nicht an ihm.
Wort für Wort
dhruvaṃ vināśo nṛpa kauravāṇāṃ; na vai śreyo dhṛtarāṣṭraḥ paraiti yathā parṇe puṣkarasyeva siktaṃ; jalaṃ na tiṣṭhet pathyam uktaṃ tathāsmin
Gewiss ist der Untergang der Kauravas, o König; Dhṛtarāṣṭra gelangt nicht zum Heil - wie Wasser, das auf ein Lotusblatt gegossen wird, nicht haftet, so haftet das ihm gesagte Heilsame nicht an ihm.
Darauf sprach der zornige Dhṛtarāṣṭra zu mir: 'Wohin dein Vertrauen dich zieht, o Bhārata, dorthin geh; ich wünsche dich nicht mehr als Helfer, um diese Erde oder die Stadt zu beschützen.'
Darauf sprach der zornige Dhṛtarāṣṭra zu mir: 'Wohin dein Vertrauen dich zieht, o Bhārata, dorthin geh; ich wünsche dich nicht mehr als Helfer, um diese Erde oder die Stadt zu beschützen.'
so 'haṃ tyakto dhṛtarāṣṭreṇa rājaṃs; tvāṃ śāsitum upayātas tvarāvān tad vai sarvaṃ yan mayoktaṃ sabhāyāṃ; tad dhāryatāṃ yat pravakṣyāmi bhūyaḥ
So bin ich, von Dhṛtarāṣṭra verstoßen, o König, eilig zu dir gekommen, um dich zu belehren. Alles, was ich einst in der Versammlung gesagt habe, das sei bedacht - ebenso das, was ich nun weiter sagen werde.
Wort für Wort
so 'haṃ tyakto dhṛtarāṣṭreṇa rājaṃs; tvāṃ śāsitum upayātas tvarāvān tad vai sarvaṃ yan mayoktaṃ sabhāyāṃ; tad dhāryatāṃ yat pravakṣyāmi bhūyaḥ
So bin ich, von Dhṛtarāṣṭra verstoßen, o König, eilig zu dir gekommen, um dich zu belehren. Alles, was ich einst in der Versammlung gesagt habe, das sei bedacht - ebenso das, was ich nun weiter sagen werde.
kleśais tīvrair yujyamānaḥ sapatnaiḥ; kṣamāṃ kurvan kālam upāsate yaḥ saṃ vardhayan stokam ivāgnim ātmavān; sa vai bhuṅkte pṛthivīm eka eva
Wer, von heftigen Bedrängnissen seitens der Feinde betroffen, Geduld übt und die rechte Zeit abwartet, indem er sich, selbstbeherrscht, wie ein kleines Feuer allmählich nährt und mehrt, der genießt am Ende die Erde ganz allein.
Wort für Wort
kleśais tīvrair yujyamānaḥ sapatnaiḥ; kṣamāṃ kurvan kālam upāsate yaḥ saṃ vardhayan stokam ivāgnim ātmavān; sa vai bhuṅkte pṛthivīm eka eva
Wer, von heftigen Bedrängnissen seitens der Feinde betroffen, Geduld übt und die rechte Zeit abwartet, indem er sich, selbstbeherrscht, wie ein kleines Feuer allmählich nährt und mehrt, der genießt am Ende die Erde ganz allein.
Wessen Besitz, o König, mit seinen Helfern ungeteilt ist, dessen Helfer haben auch am Leid Anteil; dies ist das Mittel, Helfer zu gewinnen - und im Erlangen von Helfern, sagt man, liegt das Erlangen der Erde.
Wessen Besitz, o König, mit seinen Helfern ungeteilt ist, dessen Helfer haben auch am Leid Anteil; dies ist das Mittel, Helfer zu gewinnen - und im Erlangen von Helfern, sagt man, liegt das Erlangen der Erde.
Wahrheit ohne leeres Geschwätz ist das Beste, o Pāṇḍava, und gleiche Speise soll man zusammen mit den Helfern essen; man stelle sich selbst nicht über sie - wer sich so verhält, ein solcher Herrscher der Erde gedeiht.“
Wahrheit ohne leeres Geschwätz ist das Beste, o Pāṇḍava, und gleiche Speise soll man zusammen mit den Helfern essen; man stelle sich selbst nicht über sie - wer sich so verhält, ein solcher Herrscher der Erde gedeiht.“
yudhiṣṭhira uvāca evaṃ kariṣyāmi yathā bravīṣi; parāṃ buddhim upagamyāpramattaḥ yac cāpy anyad deśakālopapannaṃ; tad vai vācyaṃ tat kariṣyāmi kṛtsnam
Yudhiṣṭhira sprach: „So werde ich handeln, wie du sagst, mit höchster Umsicht und Wachsamkeit; und was sonst noch Ort und Zeit entspricht, das sollst du mir sagen - ich werde es ganz und gar tun.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca evaṃ kariṣyāmi yathā bravīṣi; parāṃ buddhim upagamyāpramattaḥ yac cāpy anyad deśakālopapannaṃ; tad vai vācyaṃ tat kariṣyāmi kṛtsnam
Yudhiṣṭhira sprach: „So werde ich handeln, wie du sagst, mit höchster Umsicht und Wachsamkeit; und was sonst noch Ort und Zeit entspricht, das sollst du mir sagen - ich werde es ganz und gar tun.“