Kapitel 284: Kavacakuṇḍalāharaṇaparva (1)
Sūryas nächtliche Warnung an Karṇa
Neue Teilerzählung innerhalb des Vanaparva (Kavaca-Kuṇḍala-Haraṇam, 'Die Wegnahme von Panzer und Ohrringen'): Janamejaya erinnert an eine frühere, nie erläuterte Andeutung Lomaśas über eine 'große Furcht' Yudhiṣṭhiras bezüglich Karṇa und bittet Vaiśampāyana um Aufklärung. Vaiśampāyana berichtet: Im dreizehnten Jahr des Exils erkennt Sūrya (Vivasvat), Karṇas leiblicher Vater, Indras Plan, sich als Brahmane verkleidet Karṇas angeborenen, aus dem Amṛta stammenden Panzer und Ohrringe zu erbitten, um damit Arjuna vor Karṇa zu schützen. Sūrya erscheint Karṇa im Traum, warnt ihn und rät dringend, die Gabe zu verweigern oder Indra mit anderen Reichtümern abzulenken. Karṇa jedoch, nachdem er den Brahmanen als Sūrya erkannt hat, erklärt in einer langen Grundsatzrede sein unumstößliches Gelübde, Brahmanen niemals eine Bitte abzuschlagen, und stellt Ruhm (kīrti) über das bloße Leben - er werde Indra die Gabe gewähren, koste es ihn auch das Leben. Damit ist die entscheidende Weichenstellung für den weiteren Verlauf der Episode gesetzt.
vaiśaṃpāyana uvāca ahaṃ te rājaśārdūla kathayāmi kathām imām pṛcchate bharataśreṣṭha śuśrūṣasva giraṃ mama
„Vaiśampāyana sprach: Ich will dir, du Tigergleicher unter den Königen, diese Geschichte erzählen, da du danach fragst, o Bester der Bharatas; höre meine Rede.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca ahaṃ te rājaśārdūla kathayāmi kathām imām pṛcchate bharataśreṣṭha śuśrūṣasva giraṃ mama
„Vaiśampāyana sprach: Ich will dir, du Tigergleicher unter den Königen, diese Geschichte erzählen, da du danach fragst, o Bester der Bharatas; höre meine Rede.
Als das zwölfte Jahr verstrichen und das dreizehnte angebrochen war, machte sich Śakra, der auf das Wohl der Pāṇḍus bedacht war, bereit, Karṇa um eine Gabe zu bitten.
Als das zwölfte Jahr verstrichen und das dreizehnte angebrochen war, machte sich Śakra, der auf das Wohl der Pāṇḍus bedacht war, bereit, Karṇa um eine Gabe zu bitten.
[Sie nahte] dem Helden, der arglos auf einem überaus kostbaren, mit einer prächtigen Decke bedeckten Lager schlief, dem Brahmanenfreundlichen, dem Wahrhaftigen,
[Sie nahte] dem Helden, der arglos auf einem überaus kostbaren, mit einer prächtigen Decke bedeckten Lager schlief, dem Brahmanenfreundlichen, dem Wahrhaftigen,
gegen Ende des Schlafs, in der Nacht, o Herrscher der Könige, erschien ihm die Strahlenreiche, von höchstem Mitleid erfüllt und aus Vaterliebe, o Bhārata.
gegen Ende des Schlafs, in der Nacht, o Herrscher der Könige, erschien ihm die Strahlenreiche, von höchstem Mitleid erfüllt und aus Vaterliebe, o Bhārata.
Sūrya gilt als Karṇas leiblicher Vater (vgl. Kuntī-Karṇa-Geburtsgeschichte im Ādiparva); daher die hier betonte Vaterliebe.
Sūrya, kraft seiner Yoga-Macht zu einem gestaltschönen, den Veda kundigen Brahmanen geworden, sprach zu Karṇas Wohl dieses mit freundlichen Worten eingeleitete Wort:
Sūrya, kraft seiner Yoga-Macht zu einem gestaltschönen, den Veda kundigen Brahmanen geworden, sprach zu Karṇas Wohl dieses mit freundlichen Worten eingeleitete Wort:
Śakra wird sich dir nähern, im Wunsch, den Pāṇḍavas zu nützen, in der Verkleidung eines Brahmanen, Karṇa, mit der Absicht, dir die Ohrringe zu entwenden.
Śakra wird sich dir nähern, im Wunsch, den Pāṇḍavas zu nützen, in der Verkleidung eines Brahmanen, Karṇa, mit der Absicht, dir die Ohrringe zu entwenden.
Wenn du, Karṇa, die beiden angeborenen, glückverheißenden Ohrringe hergibst, wirst du, nachdem deine Lebenszeit erschöpft ist, in die Gewalt des Todes geraten.
Wenn du, Karṇa, die beiden angeborenen, glückverheißenden Ohrringe hergibst, wirst du, nachdem deine Lebenszeit erschöpft ist, in die Gewalt des Todes geraten.
karṇa uvāca ko mām evaṃ bhavān prāha darśayan sauhṛdaṃ param kāmayā bhagavan brūhi ko bhavān dvijaveṣadhṛk
Karṇa sprach: ‚Wer bist du, der du mir solches sagst und dabei höchste Freundschaft zeigst? Sprich aus Zuneigung, Erhabener, wer du bist, der du das Gewand eines Zweifachgeborenen trägst.‘
Wort für Wort
karṇa uvāca ko mām evaṃ bhavān prāha darśayan sauhṛdaṃ param kāmayā bhagavan brūhi ko bhavān dvijaveṣadhṛk
Karṇa sprach: ‚Wer bist du, der du mir solches sagst und dabei höchste Freundschaft zeigst? Sprich aus Zuneigung, Erhabener, wer du bist, der du das Gewand eines Zweifachgeborenen trägst.‘
brāhmaṇa uvāca ahaṃ tāta sahasrāṃśuḥ sauhṛdāt tvāṃ nidarśaye kuruṣvaitad vaco me tvam etac chreyaḥ paraṃ hi te
Der Brahmane sprach: ‚Ich bin, mein Sohn, der Tausendstrahlige; aus Freundschaft zeige ich dir dies. Befolge dieses mein Wort - es ist wahrlich dein höchstes Heil.‘
Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca ahaṃ tāta sahasrāṃśuḥ sauhṛdāt tvāṃ nidarśaye kuruṣvaitad vaco me tvam etac chreyaḥ paraṃ hi te
Der Brahmane sprach: ‚Ich bin, mein Sohn, der Tausendstrahlige; aus Freundschaft zeige ich dir dies. Befolge dieses mein Wort - es ist wahrlich dein höchstes Heil.‘
karṇa uvāca śreya eva mamātyantaṃ yasya me gopatiḥ prabhuḥ pravaktādya hitānveṣī śṛṇu cedaṃ vaco mama
Karṇa sprach: ‚Höchstes Heil ist mir fürwahr allein schon dies, dass mein Gebieter, der Herr der Strahlen, mein Fürst, mir heute selbst, um mein Wohl bemüht, dies verkündet hat - so höre nun dieses mein Wort.
Wort für Wort
karṇa uvāca śreya eva mamātyantaṃ yasya me gopatiḥ prabhuḥ pravaktādya hitānveṣī śṛṇu cedaṃ vaco mama
Karṇa sprach: ‚Höchstes Heil ist mir fürwahr allein schon dies, dass mein Gebieter, der Herr der Strahlen, mein Fürst, mir heute selbst, um mein Wohl bemüht, dies verkündet hat - so höre nun dieses mein Wort.
'Gopati' (wörtl. 'Herr der Rinder/Strahlen') ist hier ein Sūrya-Beiname [?].
prasādaye tvāṃ varadaṃ praṇayāc ca bravīmy aham na nivāryo vratād asmād ahaṃ yady asmi te priyaḥ
Ich bitte dich um Gnade, du Gabenspender, und spreche aus Zuneigung: Ich soll nicht von diesem meinem Gelübde abgehalten werden, wenn ich dir lieb bin.
Wort für Wort
prasādaye tvāṃ varadaṃ praṇayāc ca bravīmy aham na nivāryo vratād asmād ahaṃ yady asmi te priyaḥ
Ich bitte dich um Gnade, du Gabenspender, und spreche aus Zuneigung: Ich soll nicht von diesem meinem Gelübde abgehalten werden, wenn ich dir lieb bin.
madvidhasyāyaśasyaṃ hi na yuktaṃ prāṇarakṣaṇam yuktaṃ hi yaśasā yuktaṃ maraṇaṃ lokasaṃmatam
Denn für einen wie mich geziemt sich nicht ruhmloses Bewahren des eigenen Lebens; geziemend ist vielmehr ein mit Ruhm verbundener, von der Welt anerkannter Tod.
Wort für Wort
madvidhasyāyaśasyaṃ hi na yuktaṃ prāṇarakṣaṇam yuktaṃ hi yaśasā yuktaṃ maraṇaṃ lokasaṃmatam
Denn für einen wie mich geziemt sich nicht ruhmloses Bewahren des eigenen Lebens; geziemend ist vielmehr ein mit Ruhm verbundener, von der Welt anerkannter Tod.
vṛṇomi kīrtiṃ loke hi jīvitenāpi bhānuman kīrtimān aśnute svargaṃ hīnakīrtis tu naśyati
Denn ich wähle den Ruhm in der Welt, selbst um den Preis meines Lebens, o Leuchtender; der Ruhmreiche erlangt den Himmel, der Ruhmlose aber geht zugrunde.
Wort für Wort
vṛṇomi kīrtiṃ loke hi jīvitenāpi bhānuman kīrtimān aśnute svargaṃ hīnakīrtis tu naśyati
Denn ich wähle den Ruhm in der Welt, selbst um den Preis meines Lebens, o Leuchtender; der Ruhmreiche erlangt den Himmel, der Ruhmlose aber geht zugrunde.
so 'haṃ śarīraje dattvā kīrtiṃ prāpsyāmi śāśvatīm dattvā ca vidhivad dānaṃ brāhmaṇebhyo yathāvidhi
So werde ich denn, indem ich das aus meinem Körper Entstandene hingebe, ewigen Ruhm erlangen, und indem ich vorschriftsmäßig, wie es sich gebührt, den Brahmanen die Gabe gebe,
Wort für Wort
so 'haṃ śarīraje dattvā kīrtiṃ prāpsyāmi śāśvatīm dattvā ca vidhivad dānaṃ brāhmaṇebhyo yathāvidhi
So werde ich denn, indem ich das aus meinem Körper Entstandene hingebe, ewigen Ruhm erlangen, und indem ich vorschriftsmäßig, wie es sich gebührt, den Brahmanen die Gabe gebe,
nachdem ich meinen Leib in der Schlacht geopfert und eine überaus schwere Tat vollbracht habe, oder nachdem ich die Feinde im Kampf besiegt habe, werde ich einzig und allein Ruhm erlangen.
nachdem ich meinen Leib in der Schlacht geopfert und eine überaus schwere Tat vollbracht habe, oder nachdem ich die Feinde im Kampf besiegt habe, werde ich einzig und allein Ruhm erlangen.
Indem ich den Furchtsamen, die in der Schlacht um ihr Leben bangen, Schutz vor Furcht gebe, und Alte, Kinder und Zweifachgeborene aus großer Gefahr befreie,
Indem ich den Furchtsamen, die in der Schlacht um ihr Leben bangen, Schutz vor Furcht gebe, und Alte, Kinder und Zweifachgeborene aus großer Gefahr befreie,
prāpsyāmi paramaṃ loke yaśaḥ svarbhānusūdana jīvitenāpi me rakṣyā kīrtis tad viddhi me vratam
werde ich in der Welt höchsten Ruhm erlangen, o Bezwinger des Svarbhānu; selbst um den Preis meines Lebens ist mein Ruhm zu bewahren - dies, wisse, ist mein Gelübde.
Wort für Wort
prāpsyāmi paramaṃ loke yaśaḥ svarbhānusūdana jīvitenāpi me rakṣyā kīrtis tad viddhi me vratam
werde ich in der Welt höchsten Ruhm erlangen, o Bezwinger des Svarbhānu; selbst um den Preis meines Lebens ist mein Ruhm zu bewahren - dies, wisse, ist mein Gelübde.
'Svarbhānusūdana' ('Bezwinger des Svarbhānu') ist ein Sūrya-Beiname, der auf die Sonnenfinsternis-Sage anspielt.
so 'haṃ dattvā maghavate bhikṣām etām anuttamām brāhmaṇacchadmine deva loke gantā parāṃ gatim
So werde ich denn, nachdem ich Maghavat, der die Verkleidung eines Brahmanen trägt, diese unübertreffliche Gabe gegeben habe, o Gott, zum höchsten Ziel in der jenseitigen Welt gelangen.‘
Wort für Wort
so 'haṃ dattvā maghavate bhikṣām etām anuttamām brāhmaṇacchadmine deva loke gantā parāṃ gatim
So werde ich denn, nachdem ich Maghavat, der die Verkleidung eines Brahmanen trägt, diese unübertreffliche Gabe gegeben habe, o Gott, zum höchsten Ziel in der jenseitigen Welt gelangen.‘