Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 108: Gaṅgāvataraṇam Der Herabstieg der Gaṅgā

Lomaśas seit Kapitel 98 andauernde Rahmenerzählung findet hier ihren Abschluss: Śiva willigt ein, die herabstürzende Gaṅgā auf seinem Haupt aufzufangen; sie stürzt vom Himmel, wird von Śiva getragen und teilt sich dreifach; auf der Erde angekommen, fragt sie Bhagīratha nach dem Weg, der sie schließlich zu den Gebeinen der Söhne Sagaras und weiter zur Läuterung ins Meer führt - womit zugleich der Ozean wieder gefüllt wird. Mit dem ausdrücklichen Rückverweis auf Yudhiṣṭhiras Frage nach Agastya und den Kāleyas schließt sich der Erzählbogen.

bhagīrathavacaḥ śrutvā priyārthaṃ ca divaukasām evam astv iti rājānaṃ bhagavān pratyabhāṣata

Lomaśa sprach: Nachdem er Bhagīrathas Wort gehört hatte, und um der Himmelsbewohner Wohlgefallen willen, erwiderte der Erhabene dem König: 'So sei es -

Wort für Wort
bhagīrathavacaḥ śrutvā priyārthaṃ ca divaukasām evam astv iti rājānaṃ bhagavān pratyabhāṣata
Lomaśa sprach: Nachdem er Bhagīrathas Wort gehört hatte, und um der Himmelsbewohner Wohlgefallen willen, erwiderte der Erhabene dem König: 'So sei es -

dhārayiṣye mahābāho gaganāt pracyutāṃ śivām divyāṃ devanadīṃ puṇyāṃ tvatkṛte nṛpasattama

ich werde sie tragen, Starkarmiger, die vom Himmel herabstürzende, huldvolle, göttliche, heilige Himmelsflussfrau, deinetwegen, Bester der Könige.'

Wort für Wort
dhārayiṣye mahābāho gaganāt pracyutāṃ śivām divyāṃ devanadīṃ puṇyāṃ tvatkṛte nṛpasattama
ich werde sie tragen, Starkarmiger, die vom Himmel herabstürzende, huldvolle, göttliche, heilige Himmelsflussfrau, deinetwegen, Bester der Könige.'

evam uktvā mahābāho himavantam upāgamat saṃvṛtaḥ pārṣadair ghorair nānāpraharaṇodyataiḥ

Nachdem er so gesprochen hatte, der Starkarmige, begab er sich zum Himavat, umgeben von seinen furchtbaren Gefolgsleuten, mit mancherlei Waffen bereit.

Wort für Wort
evam uktvā mahābāho himavantam upāgamat saṃvṛtaḥ pārṣadair ghorair nānāpraharaṇodyataiḥ
Nachdem er so gesprochen hatte, der Starkarmige, begab er sich zum Himavat, umgeben von seinen furchtbaren Gefolgsleuten, mit mancherlei Waffen bereit.

tataḥ sthitvā naraśreṣṭhaṃ bhagīratham uvāca ha prayācasva mahābāho śailarājasutāṃ nadīm patamānāṃ saricchreṣṭhāṃ dhārayiṣye triviṣṭapāt

Da, stehenbleibend, sprach er zu Bhagīratha, dem Besten der Menschen: 'Bitte, Starkarmiger, die Tochter des Bergkönigs, den Fluss, herab; die beste der Ströme werde ich, wenn sie herabfällt, vom Himmel auffangen.'

Wort für Wort
tataḥ sthitvā naraśreṣṭhaṃ bhagīratham uvāca ha prayācasva mahābāho śailarājasutāṃ nadīm patamānāṃ saricchreṣṭhāṃ dhārayiṣye triviṣṭapāt
Da, stehenbleibend, sprach er zu Bhagīratha, dem Besten der Menschen: 'Bitte, Starkarmiger, die Tochter des Bergkönigs, den Fluss, herab; die beste der Ströme werde ich, wenn sie herabfällt, vom Himmel auffangen.'

etac chrutvā vaco rājā śarveṇa samudāhṛtam prayataḥ praṇato bhūtvā gaṅgāṃ samanucintayat

Nachdem er dieses von Śarva gesprochene Wort gehört hatte, gedachte der König, geläutert und sich verneigend, der Gaṅgā.

Wort für Wort
etac chrutvā vaco rājā śarveṇa samudāhṛtam prayataḥ praṇato bhūtvā gaṅgāṃ samanucintayat
Nachdem er dieses von Śarva gesprochene Wort gehört hatte, gedachte der König, geläutert und sich verneigend, der Gaṅgā.

tataḥ puṇyajalā ramyā rājñā samanucintitā īśānaṃ ca sthitaṃ dṛṣṭvā gaganāt sahasā cyutā

Da, von dem König herbeigedacht, die anmutige, mit heiligem Wasser, sah sie den Īśāna dastehen und stürzte plötzlich vom Himmel herab.

Wort für Wort
tataḥ puṇyajalā ramyā rājñā samanucintitā īśānaṃ ca sthitaṃ dṛṣṭvā gaganāt sahasā cyutā
Da, von dem König herbeigedacht, die anmutige, mit heiligem Wasser, sah sie den Īśāna dastehen und stürzte plötzlich vom Himmel herab.

tāṃ pracyutāṃ tato dṛṣṭvā devāḥ sārdhaṃ maharṣibhiḥ gandharvoragarakṣāṃsi samājagmur didṛkṣayā

Als sie herabstürzte sahen, kamen die Götter zusammen mit den großen Weisen, Gandharvas, Schlangenwesen und Rākṣasas zusammen, aus Verlangen, es zu sehen.

Wort für Wort
tāṃ pracyutāṃ tato dṛṣṭvā devāḥ sārdhaṃ maharṣibhiḥ gandharvoragarakṣāṃsi samājagmur didṛkṣayā
Als sie herabstürzte sahen, kamen die Götter zusammen mit den großen Weisen, Gandharvas, Schlangenwesen und Rākṣasas zusammen, aus Verlangen, es zu sehen.

tataḥ papāta gaganād gaṅgā himavataḥ sutā samudbhrāntamahāvartā mīnagrāhasamākulā

Da fiel vom Himmel die Gaṅgā, die Tochter des Himavat, mit gewaltig aufgewühlten Strudeln, voller Fische und Meeresungeheuer.

Wort für Wort
tataḥ papāta gaganād gaṅgā himavataḥ sutā samudbhrāntamahāvartā mīnagrāhasamākulā
Da fiel vom Himmel die Gaṅgā, die Tochter des Himavat, mit gewaltig aufgewühlten Strudeln, voller Fische und Meeresungeheuer.

tāṃ dadhāra haro rājan gaṅgāṃ gaganamekhalām lalāṭadeśe patitāṃ mālāṃ muktāmayīm iva

Sie trug Hara, o König, die Gaṅgā, den Himmelsgürtel, wie eine auf die Stirn gefallene Perlenkette.

Wort für Wort
tāṃ dadhāra haro rājan gaṅgāṃ gaganamekhalām lalāṭadeśe patitāṃ mālāṃ muktāmayīm iva
Sie trug Hara, o König, die Gaṅgā, den Himmelsgürtel, wie eine auf die Stirn gefallene Perlenkette.

sā babhūva visarpantī tridhā rājan samudragā phenapuñjākulajalā haṃsānām iva paṅktayaḥ

Sie floss dreifach dahin, o König, zum Ozean strömend, mit von Schaummassen bewegtem Wasser, wie Reihen von Schwänen.

Wort für Wort
sā babhūva visarpantī tridhā rājan samudragā phenapuñjākulajalā haṃsānām iva paṅktayaḥ
Sie floss dreifach dahin, o König, zum Ozean strömend, mit von Schaummassen bewegtem Wasser, wie Reihen von Schwänen.

kva cit ābhogakuṭilā praskhalantī kva cit kva cit svaphenapaṭasaṃvītā matteva pramadāvrajat kva cit sā toyaninadair nadantī nādam uttamam

Da gewunden in Windungen, dort stolpernd, hier wieder in ihr eigenes Schaumgewand gehüllt, wie eine berauschte Schar von Frauen dahinziehend, dort mit ihrem Wasserrauschen ein höchstes Getöse erklingen lassend -

Wort für Wort
kva cit ābhogakuṭilā praskhalantī kva cit kva cit svaphenapaṭasaṃvītā matteva pramadāvrajat kva cit sā toyaninadair nadantī nādam uttamam
Da gewunden in Windungen, dort stolpernd, hier wieder in ihr eigenes Schaumgewand gehüllt, wie eine berauschte Schar von Frauen dahinziehend, dort mit ihrem Wasserrauschen ein höchstes Getöse erklingen lassend -

evaṃ prakārān subahūn kurvantī gaganāc cyutā pṛthivītalam āsādya bhagīratham athābravīt

so, viele solche Erscheinungen hervorbringend, vom Himmel herabgestürzt, erreichte sie den Erdboden und sprach da zu Bhagīratha:

Wort für Wort
evaṃ prakārān subahūn kurvantī gaganāc cyutā pṛthivītalam āsādya bhagīratham athābravīt
so, viele solche Erscheinungen hervorbringend, vom Himmel herabgestürzt, erreichte sie den Erdboden und sprach da zu Bhagīratha:

darśayasva mahārāja mārgaṃ kena vrajāmy aham tvadartham avatīrṇāsmi pṛthivīṃ pṛthivīpate

'Zeige mir, Großkönig, den Weg, auf dem ich gehen soll; deinetwegen bin ich auf die Erde herabgestiegen, Herr der Erde.'

Wort für Wort
darśayasva mahārāja mārgaṃ kena vrajāmy aham tvadartham avatīrṇāsmi pṛthivīṃ pṛthivīpate
'Zeige mir, Großkönig, den Weg, auf dem ich gehen soll; deinetwegen bin ich auf die Erde herabgestiegen, Herr der Erde.'

etac chrutvā vaco rājā prātiṣṭhata bhagīrathaḥ yatra tāni śarīrāṇi sāgarāṇāṃ mahātmanām pāvanārthaṃ naraśreṣṭha puṇyena salilena ha

Nachdem er dieses Wort gehört hatte, brach König Bhagīratha auf, dorthin, wo jene Leiber der hochgesinnten Söhne Sagaras lagen, um sie mit dem heiligen Wasser zu läutern, o Bester der Menschen.

Wort für Wort
etac chrutvā vaco rājā prātiṣṭhata bhagīrathaḥ yatra tāni śarīrāṇi sāgarāṇāṃ mahātmanām pāvanārthaṃ naraśreṣṭha puṇyena salilena ha
Nachdem er dieses Wort gehört hatte, brach König Bhagīratha auf, dorthin, wo jene Leiber der hochgesinnten Söhne Sagaras lagen, um sie mit dem heiligen Wasser zu läutern, o Bester der Menschen.

gaṅgāyā dhāraṇaṃ kṛtvā haro lokanamaskṛtaḥ kailāsaṃ parvataśreṣṭhaṃ jagāma tridaśaiḥ saha

Nachdem er die Gaṅgā getragen hatte, ging Hara, von der Welt verehrt, zum Kailāsa, dem besten der Berge, zusammen mit den Dreißig Göttern.

Wort für Wort
gaṅgāyā dhāraṇaṃ kṛtvā haro lokanamaskṛtaḥ kailāsaṃ parvataśreṣṭhaṃ jagāma tridaśaiḥ saha
Nachdem er die Gaṅgā getragen hatte, ging Hara, von der Welt verehrt, zum Kailāsa, dem besten der Berge, zusammen mit den Dreißig Göttern.

samudraṃ ca samāsādya gaṅgayā sahito nṛpaḥ pūrayām āsa vegena samudraṃ varuṇālayam

Und der König erreichte, zusammen mit der Gaṅgā, den Ozean und füllte mit ihrer Wucht den Ozean, die Wohnstätte Varuṇas.

Wort für Wort
samudraṃ ca samāsādya gaṅgayā sahito nṛpaḥ pūrayām āsa vegena samudraṃ varuṇālayam
Und der König erreichte, zusammen mit der Gaṅgā, den Ozean und füllte mit ihrer Wucht den Ozean, die Wohnstätte Varuṇas.

duhitṛtve ca nṛpatir gaṅgāṃ samanukalpayat pitṝṇāṃ codakaṃ tatra dadau pūrṇamanorathaḥ

Und der König erklärte die Gaṅgā zu seiner Tochter, und spendete dort seinen Vorvätern das Wasser, seinen Wunsch erfüllt.

Wort für Wort
duhitṛtve ca nṛpatir gaṅgāṃ samanukalpayat pitṝṇāṃ codakaṃ tatra dadau pūrṇamanorathaḥ
Und der König erklärte die Gaṅgā zu seiner Tochter, und spendete dort seinen Vorvätern das Wasser, seinen Wunsch erfüllt.

etat te sarvam ākhyātaṃ gaṅgā tripathagā yathā pūraṇārthaṃ samudrasya pṛthivīm avatāritā

Dies alles ist dir mitgeteilt worden, wie die Gaṅgā, die Dreiweg-Wandelnde, zur Füllung des Ozeans auf die Erde herabgeführt wurde,

Wort für Wort
etat te sarvam ākhyātaṃ gaṅgā tripathagā yathā pūraṇārthaṃ samudrasya pṛthivīm avatāritā
Dies alles ist dir mitgeteilt worden, wie die Gaṅgā, die Dreiweg-Wandelnde, zur Füllung des Ozeans auf die Erde herabgeführt wurde,

samudraś ca yathā pītaḥ kāraṇārthe mahātmanā vātāpiś ca yathā nītaḥ kṣayaṃ sa brahmahā prabho agastyena mahārāja yan māṃ tvaṃ paripṛcchasi

und wie der Ozean von dem Hochgesinnten aus einem bestimmten Grund ausgetrunken wurde, und wie Vātāpi, der Brahmanenmörder, von Agastya zugrunde gerichtet wurde, o Herr, Großkönig - was du mich gefragt hast.“

Wort für Wort
samudraś ca yathā pītaḥ kāraṇārthe mahātmanā vātāpiś ca yathā nītaḥ kṣayaṃ sa brahmahā prabho agastyena mahārāja yan māṃ tvaṃ paripṛcchasi
und wie der Ozean von dem Hochgesinnten aus einem bestimmten Grund ausgetrunken wurde, und wie Vātāpi, der Brahmanenmörder, von Agastya zugrunde gerichtet wurde, o Herr, Großkönig - was du mich gefragt hast.“

[Anm.: Mit diesem Vers schließt sich der Kreis zu Yudhiṣṭhiras ursprünglicher Frage (Kapitel 98) nach der Fortsetzung der Agastya-Geschichte; Lomaśas seit Kapitel 98 andauernde Rahmenerzählung endet hier.]

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