Kapitel 178: Ajagarasaṃvādānte Adhyātmapraśnāḥ
Fragen über das Selbst und Nahuṣas Erlösung
Das philosophische Streitgespräch zwischen Yudhiṣṭhira und der Schlange (dem verwunschenen König Nahuṣa) setzt sich fort: über das Verhältnis von Gabe, Wahrheit, Gewaltlosigkeit und Freundlichkeit, über die drei Daseinswege (Mensch, Himmelsbewohner, Tier) und über das Verhältnis von Denksinn (manas) und Verstand (buddhi) bei der Wahrnehmung der Sinnesobjekte. Am Ende erkennt die Schlange in Yudhiṣṭhira selbst die Antwort auf ihre Fragen und erzählt, wie sie einst als hochmütiger König Nahuṣa von Agastya verflucht wurde, nach dessen Vorhersage sie durch ein Gespräch mit Yudhiṣṭhira erlöst würde. Der Fluch ist nun erschöpft; Nahuṣa gibt seine Schlangengestalt auf und kehrt in den Himmel zurück, während Bhīma befreit zu seinen Brüdern zurückkehrt.
Yudhiṣṭhira sprach: „Du bist ein solcher, der in der Welt die Veden und Vedāṅgas durchdrungen hat; sage mir, welche Tat vollbringend der höchste Weg erlangt wird.“
Yudhiṣṭhira sprach: „Du bist ein solcher, der in der Welt die Veden und Vedāṅgas durchdrungen hat; sage mir, welche Tat vollbringend der höchste Weg erlangt wird.“
sarpa uvāca pātre dattvā priyāṇy uktvā satyam uktvā ca bhārata ahiṃsānirataḥ svargaṃ gacched iti matir mama
Die Schlange sprach: „Wer einem würdigen Empfänger gibt, Freundliches spricht und die Wahrheit spricht, o Bhārata, und der Gewaltlosigkeit hingegeben ist, der gelangt, so ist meine Meinung, in den Himmel.“
Wort für Wort
sarpa uvāca pātre dattvā priyāṇy uktvā satyam uktvā ca bhārata ahiṃsānirataḥ svargaṃ gacched iti matir mama
Die Schlange sprach: „Wer einem würdigen Empfänger gibt, Freundliches spricht und die Wahrheit spricht, o Bhārata, und der Gewaltlosigkeit hingegeben ist, der gelangt, so ist meine Meinung, in den Himmel.“
yudhiṣṭhira uvāca dānād vā sarpa satyād vā kim ato guru dṛśyate ahiṃsāpriyayoś caiva gurulāghavam ucyatām
Yudhiṣṭhira sprach: „Ist von Gabe oder von Wahrheit, o Schlange, welches von beiden das Gewichtigere? Und zwischen Gewaltlosigkeit und Freundlichkeit sage mir, was das Schwerere und was das Leichtere ist.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca dānād vā sarpa satyād vā kim ato guru dṛśyate ahiṃsāpriyayoś caiva gurulāghavam ucyatām
Yudhiṣṭhira sprach: „Ist von Gabe oder von Wahrheit, o Schlange, welches von beiden das Gewichtigere? Und zwischen Gewaltlosigkeit und Freundlichkeit sage mir, was das Schwerere und was das Leichtere ist.“
sarpa uvāca dāne ratatvaṃ satyaṃ ca ahiṃsā priyam eva ca eṣāṃ kāryagarīyastvād dṛśyate gurulāghavam
Die Schlange sprach: „Hingabe an das Geben, Wahrheit, Gewaltlosigkeit und Freundlichkeit – bei diesen zeigt sich das Schwerere und Leichtere je nach dem Gewicht der jeweiligen Wirkung.
Wort für Wort
sarpa uvāca dāne ratatvaṃ satyaṃ ca ahiṃsā priyam eva ca eṣāṃ kāryagarīyastvād dṛśyate gurulāghavam
Die Schlange sprach: „Hingabe an das Geben, Wahrheit, Gewaltlosigkeit und Freundlichkeit – bei diesen zeigt sich das Schwerere und Leichtere je nach dem Gewicht der jeweiligen Wirkung.
evam eva maheṣvāsa priyavākyān mahīpate ahiṃsā dṛśyate gurvī tataś ca priyam iṣyate
Ebenso, o großer Bogenschütze, Herr der Erde, erscheint die Gewaltlosigkeit gewichtiger als das freundliche Wort, und ebenso wird bisweilen das freundliche Wort geschätzt.
Wort für Wort
evam eva maheṣvāsa priyavākyān mahīpate ahiṃsā dṛśyate gurvī tataś ca priyam iṣyate
Ebenso, o großer Bogenschütze, Herr der Erde, erscheint die Gewaltlosigkeit gewichtiger als das freundliche Wort, und ebenso wird bisweilen das freundliche Wort geschätzt.
yudhiṣṭhira uvāca kathaṃ svarge gatiḥ sarpa karmaṇāṃ ca phalaṃ dhruvam aśarīrasya dṛśyeta viṣayāṃś ca bravīhi me
Yudhiṣṭhira sprach: „Wie gelangt man zum Himmel, o Schlange, und wie zeigt sich die gewisse Frucht der Taten dem Körperlosen? Und sage mir von den Sinnesobjekten.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca kathaṃ svarge gatiḥ sarpa karmaṇāṃ ca phalaṃ dhruvam aśarīrasya dṛśyeta viṣayāṃś ca bravīhi me
Yudhiṣṭhira sprach: „Wie gelangt man zum Himmel, o Schlange, und wie zeigt sich die gewisse Frucht der Taten dem Körperlosen? Und sage mir von den Sinnesobjekten.“
sarpa uvāca tisro vai gatayo rājan paridṛṣṭāḥ svakarmabhiḥ mānuṣyaṃ svargavāsaś ca tiryagyoniś ca tat tridhā
Die Schlange sprach: „Drei Wege werden gesehen, o König, gemäß den eigenen Taten: das Menschsein, der Aufenthalt im Himmel und die Tiergeburt – so dreifach.
Wort für Wort
sarpa uvāca tisro vai gatayo rājan paridṛṣṭāḥ svakarmabhiḥ mānuṣyaṃ svargavāsaś ca tiryagyoniś ca tat tridhā
Die Schlange sprach: „Drei Wege werden gesehen, o König, gemäß den eigenen Taten: das Menschsein, der Aufenthalt im Himmel und die Tiergeburt – so dreifach.
tatra vai mānuṣāl lokād dānādibhir atandritaḥ ahiṃsārthasamāyuktaiḥ kāraṇaiḥ svargam aśnute
Dabei erlangt man, unermüdlich durch Geben und Ähnliches, durch Ursachen, die mit Gewaltlosigkeit und Wahrhaftigkeit verbunden sind, aus der Welt der Menschen den Himmel.
Wort für Wort
tatra vai mānuṣāl lokād dānādibhir atandritaḥ ahiṃsārthasamāyuktaiḥ kāraṇaiḥ svargam aśnute
Dabei erlangt man, unermüdlich durch Geben und Ähnliches, durch Ursachen, die mit Gewaltlosigkeit und Wahrhaftigkeit verbunden sind, aus der Welt der Menschen den Himmel.
Durch entgegengesetzte Ursachen aber, o Fürst der Könige, wird man wieder Mensch, oder auch, mein Sohn, in Tiergestalt geboren; der Unterschied dabei sei nun erklärt.
Durch entgegengesetzte Ursachen aber, o Fürst der Könige, wird man wieder Mensch, oder auch, mein Sohn, in Tiergestalt geboren; der Unterschied dabei sei nun erklärt.
Wer von Begierde und Zorn beherrscht, von Gewalttätigkeit und Gier erfüllt ist, der fällt aus dem Menschsein herab und wird in einer Tiergestalt geboren.
Wer von Begierde und Zorn beherrscht, von Gewalttätigkeit und Gier erfüllt ist, der fällt aus dem Menschsein herab und wird in einer Tiergestalt geboren.
jāto jātaś ca balavān bhuṅkte cātmā sa dehavān phalārthas tāta niṣpṛktaḥ prajālakṣaṇabhāvanaḥ
Immer wieder geboren, genießt der verkörperte Ātman [?], kraftvoll, die Frucht seiner Taten.“
Wort für Wort
jāto jātaś ca balavān bhuṅkte cātmā sa dehavān phalārthas tāta niṣpṛktaḥ prajālakṣaṇabhāvanaḥ
Immer wieder geboren, genießt der verkörperte Ātman [?], kraftvoll, die Frucht seiner Taten.“
Der Sanskrit-Text dieses Verses (phalārthas tāta niṣpṛktaḥ prajālakṣaṇabhāvanaḥ) ist syntaktisch schwer aufzulösen; die Übersetzung gibt den vermuteten Sinn wieder.
yudhiṣṭhira uvāca śabde sparśe ca rūpe ca tathaiva rasagandhayoḥ tasyādhiṣṭhānam avyagraṃ brūhi sarpa yathātatham
Yudhiṣṭhira sprach: „Von Klang, Berührung und Gestalt, ebenso von Geschmack und Geruch – sage mir, o Schlange, unverwirrt und der Wahrheit gemäß, was deren Grundlage ist.
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca śabde sparśe ca rūpe ca tathaiva rasagandhayoḥ tasyādhiṣṭhānam avyagraṃ brūhi sarpa yathātatham
Yudhiṣṭhira sprach: „Von Klang, Berührung und Gestalt, ebenso von Geschmack und Geruch – sage mir, o Schlange, unverwirrt und der Wahrheit gemäß, was deren Grundlage ist.
sarpa uvāca yad ātmadravyam āyuṣman dehasaṃśrayaṇānvitam karaṇādhiṣṭhitaṃ bhogān upabhuṅkte yathāvidhi
Die Schlange sprach: „Was die eigene Substanz des Selbst ist, o Langlebiger, mit dem Aufenthalt im Körper verbunden, das genießt, von den Organen beherrscht, die Genüsse in gebührender Weise.
Wort für Wort
sarpa uvāca yad ātmadravyam āyuṣman dehasaṃśrayaṇānvitam karaṇādhiṣṭhitaṃ bhogān upabhuṅkte yathāvidhi
Die Schlange sprach: „Was die eigene Substanz des Selbst ist, o Langlebiger, mit dem Aufenthalt im Körper verbunden, das genießt, von den Organen beherrscht, die Genüsse in gebührender Weise.
Mit dem Denksinn, mein Sohn, durchläuft der aus dem Körper-Feld hervorgegangene Wesens-Selbst der Reihe nach diese Sinnesobjekte, im Sitz der Objekte weilend.
Mit dem Denksinn, mein Sohn, durchläuft der aus dem Körper-Feld hervorgegangene Wesens-Selbst der Reihe nach diese Sinnesobjekte, im Sitz der Objekte weilend.
Jenes Selbst, o Tiger unter den Männern, weilt im Raum zwischen den Augenbrauen und erzeugt in Bezug auf die mannigfachen, höheren und niederen Dinge den Verstand.
Jenes Selbst, o Tiger unter den Männern, weilt im Raum zwischen den Augenbrauen und erzeugt in Bezug auf die mannigfachen, höheren und niederen Dinge den Verstand.
buddher uttarakālaṃ ca vedanā dṛśyate budhaiḥ eṣa vai rājaśārdūla vidhiḥ kṣetrajñabhāvanaḥ
Nach dem Verstand wird von den Weisen die Empfindung gesehen; dies, o Tiger unter den Königen, ist die Ordnung, wie das Wesen des Feldkenners sich entfaltet.“
Wort für Wort
buddher uttarakālaṃ ca vedanā dṛśyate budhaiḥ eṣa vai rājaśārdūla vidhiḥ kṣetrajñabhāvanaḥ
Nach dem Verstand wird von den Weisen die Empfindung gesehen; dies, o Tiger unter den Königen, ist die Ordnung, wie das Wesen des Feldkenners sich entfaltet.“
Die Schlange sprach: „Der Verstand folgt dem Selbst, mein Sohn, und entsteht [?] durch ein Hervorbringen; auf ihn gestützt beruht diese Erkenntnis, und die Ordnung liegt in seinem Streben.
Die Schlange sprach: „Der Verstand folgt dem Selbst, mein Sohn, und entsteht [?] durch ein Hervorbringen; auf ihn gestützt beruht diese Erkenntnis, und die Ordnung liegt in seinem Streben.
Der Sanskrit-Text dieses Verses ist knapp und philosophisch dicht (Sāṃkhya-nahe Terminologie zu buddhi und ātman); die Übersetzung gibt den vermuteten Sinn wieder.
buddher guṇavidhir nāsti manas tu guṇavad bhavet buddhir utpadyate kārye manas tūtpannam eva hi
Dem Verstand kommt keine Bestimmung durch Eigenschaften zu, der Denksinn aber ist mit Eigenschaften versehen; der Verstand entsteht bei der Wirkung, der Denksinn hingegen ist von jeher entstanden.
Wort für Wort
buddher guṇavidhir nāsti manas tu guṇavad bhavet buddhir utpadyate kārye manas tūtpannam eva hi
Dem Verstand kommt keine Bestimmung durch Eigenschaften zu, der Denksinn aber ist mit Eigenschaften versehen; der Verstand entsteht bei der Wirkung, der Denksinn hingegen ist von jeher entstanden.
Dies ist der Unterschied zwischen Denksinn und Verstand, mein Sohn, den ich dargelegt habe; bist du auch hierüber erleuchtet, oder wie denkst du darüber?“
Dies ist der Unterschied zwischen Denksinn und Verstand, mein Sohn, den ich dargelegt habe; bist du auch hierüber erleuchtet, oder wie denkst du darüber?“
Wie konnte dich, den Allwissenden, den Himmelsbewohner, der solch wunderbare Taten vollbrachte, die Verblendung ergreifen? Dies ist mein großer Zweifel.“
Wie konnte dich, den Allwissenden, den Himmelsbewohner, der solch wunderbare Taten vollbrachte, die Verblendung ergreifen? Dies ist mein großer Zweifel.“
kṛtaṃ kāryaṃ mahārāja tvayā mama paraṃtapa kṣīṇaḥ śāpaḥ sukṛcchro me tvayā saṃbhāṣya sādhunā
Vollbracht ist das Werk, o Großkönig, durch dich, Bezwinger der Feinde; mein überaus schwerer Fluch ist erschöpft, seit ich mit dir Gutem gesprochen habe.
Wort für Wort
kṛtaṃ kāryaṃ mahārāja tvayā mama paraṃtapa kṣīṇaḥ śāpaḥ sukṛcchro me tvayā saṃbhāṣya sādhunā
Vollbracht ist das Werk, o Großkönig, durch dich, Bezwinger der Feinde; mein überaus schwerer Fluch ist erschöpft, seit ich mit dir Gutem gesprochen habe.
tatra hy agastyaḥ pādena vahan spṛṣṭo mayā muniḥ adṛṣṭena tato 'smy ukto dhvaṃsa sarpeti vai ruṣā
Dabei wurde der Weise Agastya, während er mit den anderen trug, von mir mit dem Fuß berührt, ohne dass ich es sah; daraufhin wurde ich von ihm im Zorn verflucht: ‚Werde eine Schlange!‘
Wort für Wort
tatra hy agastyaḥ pādena vahan spṛṣṭo mayā muniḥ adṛṣṭena tato 'smy ukto dhvaṃsa sarpeti vai ruṣā
Dabei wurde der Weise Agastya, während er mit den anderen trug, von mir mit dem Fuß berührt, ohne dass ich es sah; daraufhin wurde ich von ihm im Zorn verflucht: ‚Werde eine Schlange!‘
Da stürzte ich von der Spitze jenes Himmelswagens herab, meiner Schmuckstücke beraubt, und erkannte im Fallen, mit dem Gesicht nach unten, dass ich zur Schlange geworden war.
Da stürzte ich von der Spitze jenes Himmelswagens herab, meiner Schmuckstücke beraubt, und erkannte im Fallen, mit dem Gesicht nach unten, dass ich zur Schlange geworden war.
wenn die Frucht des schrecklichen Hochmuts und der Kraft erschöpft ist, o Herrscher der Menschen, wirst du, Großkönig, die verdienstvolle Frucht erlangen.‘
wenn die Frucht des schrecklichen Hochmuts und der Kraft erschöpft ist, o Herrscher der Menschen, wirst du, Großkönig, die verdienstvolle Frucht erlangen.‘
satyaṃ damas tapo yogam ahiṃsā dānanityatā sādhakāni sadā puṃsāṃ na jātir na kulaṃ nṛpa
Wahrheit, Selbstbeherrschung, Askese, Yoga, Gewaltlosigkeit und beständiges Geben – dies sind es, was die Menschen stets vollenden macht, o König, nicht die Geburt und nicht die Familie.
Wort für Wort
satyaṃ damas tapo yogam ahiṃsā dānanityatā sādhakāni sadā puṃsāṃ na jātir na kulaṃ nṛpa
Wahrheit, Selbstbeherrschung, Askese, Yoga, Gewaltlosigkeit und beständiges Geben – dies sind es, was die Menschen stets vollenden macht, o König, nicht die Geburt und nicht die Familie.
vaiśaṃpāyana uvāca ity uktvājagaraṃ dehaṃ tyaktvā sa nahuṣo nṛpaḥ divyaṃ vapuḥ samāsthāya gatas tridivam eva ha
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem er dies gesagt hatte, legte König Nahuṣa den Schlangenleib ab, nahm seine himmlische Gestalt an und begab sich in den dritten Himmel.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca ity uktvājagaraṃ dehaṃ tyaktvā sa nahuṣo nṛpaḥ divyaṃ vapuḥ samāsthāya gatas tridivam eva ha
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem er dies gesagt hatte, legte König Nahuṣa den Schlangenleib ab, nahm seine himmlische Gestalt an und begab sich in den dritten Himmel.